Texte überarbeiten – ein Beispiel

Ich stelle zunächst den Entwurf „Verpasste Kindheit“ meines amerikanischen Freundes Merrill Lyew vor, der vor gut 40 Jahren mehrere Jahre in Deutschland gelebt hat. Es handelt sich um ein sogenanntes Drabble oder eine Miniaturgeschichte oder Fan Fiktion von genau 100 Wörtern, wenn man den Titel nicht mitzählt. Man führt den Leser in die Irre und am Ende ist die Pointe eine unerwartete Wende. „Vergangen“ ist dann die von mir überarbeitete Version.

 

Verpasste Kindheit 

Bei der Hochschulanmeldung wurde ich zunächst aufgefordert, erst einmal Platz zu nehmen und zu warten.

Kurze Zeit später betrat ein Polizist das Büro und bat mich, ihn auf das Revier zu begleiten, es gäbe dort eine wichtige Angelegenheit zu klären.

Arglos folgte ich dem Polizisten, weil ich mir keiner Schuld bewusst war und hoffte darauf, dass es sich lediglich um ein Missverständnis handeln könnte.

Ein älterer Offizier wühlte in staubigen Akten und zog kurz darauf ein vergilbtes Blatt hervor.

Es war ein Fahndungsplakat mit meinem Konterfei als fünfjähriges Kind.

Als gesuchter Kindesentführer stand unter einem Fahndungsfoto der Name meines Vaters…

 

Erläuterung:

Als Fehler sehe ich den Verstoß gegen die innere Logik der Fahndung an: Wenn jemand aktuell noch gesucht wird, muss das Fahndungsplakat griffbereit sein (im Regal), auch wenn es alt (vergilbt) ist.

Die Überschrift schien mir nicht zum Text zu passen, ich denke eher an „Zeitreise“ o.ä.: dass die Vergangenheit plötzlich gegenwärtig wird. Ich habe „Vergangen“ gewählt, weil das zwischen „Vergangenheit“ und „Vergehen“ (= Verbrechen) changiert.

Die anderen Änderungen betreffen Kleinigkeiten:

 

Vergangen

Im Sekretariat der Hochschule wurde ich gebeten, erst einmal Platz zu nehmen und zu warten. Kurze Zeit später betrat ein Polizist das Büro und forderte mich auf, ihn auf das Revier zu begleiten, es gebe dort eine wichtige Angelegenheit zu klären.

Arglos folgte ich dem Polizisten, weil ich mir keiner Schuld bewusst war; ich nahm an, dass es sich lediglich um ein Missverständnis handelte.

Im Polizeibüro holte ein älterer Wachtmeister eine Akte aus dem Regal und zeigte mir ein vergilbtes Blatt – ein Fahndungsplakat mit meinem Konterfei als fünfjähriges Kind. Unter einem Fahndungsfoto stand der Name des gesuchten Entführers: meines Vaters…

 

Merrill Lyew hat sich für den Titel „Die Anmeldung“ entschieden, weil „Vergangen“ sich so anhöre, als hätte sich der Vater am Kind vergangen. – Die Erzählung beruht auf einer Begebenheit in den USA, wo ein Vater nach der Scheidung sein Kind entführt hatte und untertauchen konnte; erst bei der Immatrikulation des Kindes sind die Behörden auf Unstimmigkeiten gestoßen.

Noch ein Beispiel: Ein Text Merrill Lyews:

Die Erbschaft

Herbert sitzt mit besorgtem Gesichtsausdruck, die zittrigen Hände im weißen Schopf, am Tisch im Esszimmer des kleinen Reihenhauses. Die dunkelblaue, nach Mottenkugeln riechende Jacke hängt an seinem hageren Körper wie ein ausgeleierter Kittel. Er wartet ungeduldig auf seinen Sohn, denn er will das Anliegen schnellstmöglich erledigen.

Günther hastet aus seinem Schlafzimmer zum Wandspiegel in der Diele. Schnell schiebt er seine Krawatte zurecht und glättet noch einmal sein Haar. Heute muss er gut aussehen, denn Susanne wartet auf ihn. Er kann es kaum erwarten. Deshalb schlägt er seinem Vater vor, ihn zuerst in Altenheim zu fahren und dann später noch einmal bei ihm vorbeizukommen. Schweren Herzens erklärt sich Herbert einverstanden, fügt aber mit weicher Stimme hinzu:

„Vergiss es bitte nicht, es ist sehr wichtig.“

Günther hört nur flüchtig hin.

„Ja, ja Vati“ erwidert er gelangweilt. „Ich komme bestimmt, du kennst mich doch. Jetzt müssen wir aber schnell zum Auto.“

Eine leichte Brise weht den Duft von frisch gemähtem Gras durch den Stadtpark. Susanne reagiert mit heftigem Niesen und rot werdenden Augen darauf. Sie wartete bereits auf der Parkbank am Brunnen, wo sie sich verabredet hatten.

„Ich merke schon, Du bist allergisch auf mich“, scherzt Günther als er auf sie zuläuft.

„Das glaube ich auch, du Witzbold.“

Susanne muss erneut niesen.

„Gehen wir ins Kino?“, fragt sie schniefend.

„Es ist ganz in der Nähe.“

„Was wird gezeigt?“

„Das Schloss“, antwortet die Kollegin.

Günther lässt sich kein zweites Mal bitten, trotzdem er in der Schulzeit das Originalwerk lesen musste. Für Susanne hätte er fast alles getan.
Es ist schon fast dunkel als die beiden aus dem Kino kommen.

Wieder zu Hause zieht Günther seine schwarzlackierten Schuhe aus, serviert sich ein Glas Scotch, setzt sich aufs Liegesofa und tastet nach der Fernsehfernbedienung auf dem Tisch dahinter. Da läutet ein Glockenschlag wie von Big Ben, es ist sein Handy.

„Ja, der bin ich“, antwortet Günther dem Anrufer freundlich. Plötzlich schaut er schreckensbleich mit weit geöffneten Augen ins Leere. Er muss heftig schlucken, um den Kloß in seinem Hals hinunterzuwürgen.

„Wie bitte?“, wispert er mit bebenden Lippen. „Wie… wieso tot? Ich …“

Sein vor Schwindel schwankender Blick fällt auf die Aktentasche, in der immer noch die unterschriftlose Erbschaftsurkunde seines Vaters steckt.

Die von mir überarbeitete Fassung:

Die Erbschaft

Herbert sitzt mit besorgtem Gesicht, die zittrigen Hände im weißen Haar, am Tisch im Esszimmer des kleinen Reihenhauses. Eine dunkelblaue, nach Mottenkugeln riechende Jacke hängt an seinem hageren Körper wie ein ausgeleierter Kittel. Er wartet ungeduldig auf seinen Sohn, denn er will sein Vorhaben möglichst bald erledigen.

Günther hastet aus seinem Schlafzimmer zum Wandspiegel in der Diele. Schnell schiebt er die Krawatte zurecht und glättet noch einmal sein Haar. Heute muss er gut aussehen, denn Susanne wartet auf ihn. Er kann es kaum erwarten, bei ihr zu sein. Deshalb schlägt er seinem Vater vor, ihn zuerst ins Altersheim zu bringen und dann später noch einmal bei ihm vorbeizuschauen. Schweren Herzens erklärt sich Herbert einverstanden, fügt aber mit weicher Stimme hinzu: „Vergiss es bitte nicht, es ist sehr wichtig; und vergiss die Tasche nicht!“ Günther hört nur flüchtig hin. „Ja, ja, Vati“, erwidert er unaufmerksam. „Ich komme bestimmt, du kennst mich doch. Jetzt müssen wir aber schnell zum Auto.“

Eine leichte Brise weht den Duft von frisch gemähtem Gras durch den Stadtpark. Susanne reagiert mit heftigem Niesen und geröteten Augen darauf. Sie wartet bereits zehn Minuten auf der Parkbank am Brunnen, wo sie sich treffen wollten.

„Ich merke schon, Du bist allergisch gegen mich“, scherzt Günther, als er auf sie zu geht. „Das glaube ich auch, du Witzbold.“ Susanne muss erneut niesen. „Gehen wir ins Kino“, fragt sie schniefend, „es ist ganz in der Nähe?“ „Was wird gezeigt?“ „Das Schloss“, antwortet die Kollegin. Günther lässt sich kein zweites Mal bitten, obwohl er in der Schulzeit dem Roman nichts abgewinnen konnte. Für Susanne hätte er fast alles getan.

Wieder zu Hause zieht Günther seine schwarzen Lackschuhe aus, serviert sich ein Glas Scotch, setzt sich aufs Liegesofa und tastet nach der Fernsehfernbedienung; er will sich ein wenig entspannen, ehe er zum Vater fährt. Da erklingt ein Glockenschlag wie von Big Ben, es ist sein Handy.

„Ja, der bin ich“, antwortet Günther dem Anrufer freundlich. Dann schaut er schreckensbleich mit weit geöffneten Augen ins Leere. Er muss heftig schlucken, um den Kloß in seinem Hals hinunterzuwürgen. „Wie bitte?“, wispert er mit bebenden Lippen. „Wie… wieso tot? Ich …“

Sein schwankender Blick fällt auf die Aktentasche, in der das Testament steckt, in dem nur noch Datum und Unterschrift seines Vaters fehlen.

Derzeit stört mich noch der Glockenschlag von Big Ben, der ist für ein Handy zu laut. Merrill hat dann meinen Text noch einmal leicht überarbeitet.

Verständnis von Erzählungen produktiv provozieren

Eine gute Möglichkeit, das Verständnis von Erzählungen produktiv zu provozieren und zu überprüfen, ist die Aufgabe, den Schluss zu ergänzen. Wenn es dafür bei den meisten Erzählungen eine gewisse Beliebigkeit im Ergänzen gibt, ist bei den Schwänken des Nasreddin Hodscha nur eine einzige pointierte Lösung möglich. Ich zeige das an der Geschichte Nr. 31 aus dem ersten Band der Schwänke (Ausgabe 1911), die man hier findet:

https://archive.org/stream/derhodschanasred01wess#page/n5/mode/2up

https://archive.org/stream/derhodschanasred02wess#page/n5/mode/2up

Die Freunde des Hodschas beschwatzen ihn, im Hinblick auf den angeblich unmittelbar bevorstehenden Jüngsten Tag sein überaus geliebtes Lamm zu schlachten und zu braten. Als sie sich an der frischen Luft vergnügen, verbrennt der Hodscha ihre Kleider. Sie beschweren sich heftig darüber bei ihm. Doch er antwortet:

__________________________________________________________________

__________________________________________________________________

(Diese Antwort müssten die Schüler er-finden und im gedruckten Resttext ergänzen.)

Sie können (erstens probieren, ob Sie selber die Antwort finden, und dann) am Text prüfen, wie die richtige Antwort lautet.

Solche Aufgaben zu den Schwänken Nasreddins kann man locker in Kl. 5-10 stellen, auch in Vertretungsstunden; keine Sorge, das ist für Schüler der Kl. 10 nicht „zu leicht“, eher für die 5er zu schwer: Ich habe oft in Kl. 11 eine Reihe über die Entwicklung der Fabel gemacht, da zeigte sich, wie schwer sich „große“ Schüler mit dem Verständnis einfacher Fabeln tun. Man kann statt der Schwänke auch solche Fabeln auswählen, die durch ein kluges Wort am Schluss (statt durch den Misserfolg oder Untergang einer Partei) entschieden werden, und dieses kluge Wort dann suchen lassen; ich denke etwa an das Wort des Schiffbrüchigen zum Schwimmer, der zu Athene betet („Der Schiffbrüchige“, Nr. 1 in „Fabeln“ RUB 9519), oder an das Wort des Esels („Der Esel und der alte Hirt“, a.a.O. Nr. 9).

Vom Sinn und Nutzen der Literatur

Dieter Wellershoff berichtet im Gespräch mit Daniel Lenz und Eric Pütz (in: Der lange Weg zum Anfang, Köln 2007, S. 16), er habe dargelegt, „Literatur sei zwar ein von den Zwängen der Praxis freigesetzter, fiktionaler Raum, bleibe aber auf die außerliterarische Wirklichkeit bezogen. Sie sei nämlich eine imaginäre Probebühne, auf der wir uns, entlastet von den Anpassungszwängen des praktischen Lebens, alle unsere Möglichkeiten bis zur äußersten Konsequenz vor Augen führen könnten. Sie sei deshalb der mediale Raum, in dem sich unsere Wahrnehmung des Lebens erneuere und vertiefe.“

Leider verkommt sie im Deutschunterricht oft zu einem bloßen Prüfungsgegenstand. Wie kann man diese prinzipielle Falle des schulischen Unterrichts umgehen?

Literarisches Schreiben – Anleitung

Hier lernt man angeblich das literarische Schreiben: http://www.christian-von-kamp.de/Literatur/DiedreiSaeulendesliterarischenSchreibens.pdf

Weitere (kleinere) Beiträge:

https://www.lmz-bw.de/fileadmin/user_upload/Medienbildung_MCO/fileadmin/bibliothek/krier_kreatives/krier_kreatives.pdf (Renate Krier)

https://www.uni-due.de/imperia/md/content/prodaz/kreatives_schreiben.pdf

http://www.3b-infotainment.de/unterricht/schreiben1.htm

http://www.schriftsteller-werden.de/kreatives-schreiben/wie-du-einen-roman-schreibst-die-schneeflocken-methode-1/

(http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/Produkt/index.shtml Klaus Dautel)

http://upload-magazin.de/blog/749-kreatives-schreiben-1-garantiert-texte-erstellen-dank-clustering/

http://m.schuelerlexikon.de/deu_abi2011/Kreatives_Schreiben_Einfuehrung.htm (Lexikon)

http://www.theaterwerkstatt-heidelberg.de/uploadverzeichnisse/downloads/Kreatives_Schreiben_M_Falkenberg.pdf (eine Arbeit über kreatives Schreiben)

http://www.lehrerfreund.de/schule/1s/kreatives-schreiben/2405 (Linkliste)

https://de.wikibooks.org/wiki/Literarisches_Schreiben

http://www.berlinerzimmer.de/eliteratur/kreativesschreiben.htm

http://www.anleitung-zum-schreiben.de/schreiben-lernen/literarisches-schreiben/

http://iak-talente.de/werkzeuge/ (da muss man zahlen)

http://www.taniakonnerth.de/kreatives-schreiben/ (dito);

und natürlich die Beiträge meiner Kategorie https://norberto68.wordpress.com/category/schreiben-produktiv/

Es gibt ganz viele Kurse und viele Bücher und Lutz von Werder, der allein viele Bücher schreibt…

Produktiv: Gedichte schreiben à la Enzensberger

Gelegentlich schreibt (resp. schrieb) Enzensberger Gedichte nach folgendem Muster (die Strophengrenzen markiere ich durch Kursivschrift, anders geht es hier nicht):

Innenleben

Es schmilzt uns es blutet es lacht uns im Leibe

Wir tragen es auf der Zunge

Wir schütten es aus

Wir machen ihm Luft

Wir grüßen von ihm

Wir essen es in Aspik

Es ist steinern es ist weich

golden hart brennend gespickt

halb leicht tief gut oder schwer

gebraten gebrochen erweitert verfettet

Wir bringen etwas darüber und tragen etwas darunter

Wir legen die Hand darauf

Wir schließen etwas darin ein

Wir drücken etwas daran

Wir nehmen uns etwas dazu

Wir hängen es an etwas hin

Es hat Klappen Blätter und Damen

Es hat Fehler Schläge Gründe Beutel und Gruben

Anfälle Kammern und Lüste

Wir lassen uns etwas daran wachsen

und etwas darein schneiden

und etwas daran greifen

Ein Stein fällt uns davon herunter

Wir machen eine Mördergrube daraus

Wir haben es auf dem rechten Fleck

Es dürfte nicht schwer sein, nach diesem Schema auch Schüler Gedichte schreiben zu lassen: Redewendungen zu einem bestimmten Stichwort sammeln und geordnet aufreihen. Ich gebe aber zu, dass ich nicht der erste bin, der diese Idee hatte: https://deutschunterlagen.files.wordpress.com/2014/12/enzensberger-innenleben-artmann-herz.pdf

Diese Sammlung kann man auch für lingustische Untersuchungen nutzen (Wörterbucharbeit, sich notfalls aus dem Wörterbuch weitere Anregungen für Redewendungen holen…); vgl. auch Enzensbergers Gedichte „Unterschrift“, Einführung in die Handelskorrespondenz“, „Wunschkonzert“ oder „Lied von denen auf die alles zutrifft und die alles schon wissen“.

Vgl. Enzensbergers „Einladung zu einem Poesie-Automaten“

Sprachkritik und Stilistik (Eduard Engel, Ludwig Reiners)

Thomas Steinfeld hat in einem Aufsatz („Wie man Leser vor Schwindel schützt“, 28. April 2015) in der SZ über den Streit um die „Stilkunst“ von Ludwig Reiners berichtet. Es gibt seit gut zehn Jahren den Vorwurf Stefan Stirnemanns, Reiners’ Buch sei ein Plagiat von Eduard Engels „Deutsche Stilkunst“. Dazu gibt es jetzt eine Dissertation von Heidi Reuschel („Tradition oder Plagiat?“), von der der Vorwurf des Plagiats bestritten, aber die Tatsache überaus starker Anlehnung an Engels Buch nachgewiesen wird.

Steinfelds Aufsatz regt nicht nur dazu an, über die Wirksamkeit stilistischer Ratgeber und Korrekturen nachzudenken, sondern bringt mit den Autoren Engel, Wustmann, Sanders auch Namen ins Spiel, die man normalerweise kaum kennt und die teilweise für bedeutende Werke der Linguistik im 19. Jahrhundert stehen: Ich jedenfalls bin neugierig geworden, was diese Leute geschaffen haben und was davon heute im Internet greifbar ist.

Reiners’ Buch habe ich übrigens als junger Mann ganz unwissenschaftlich mit Freude und (hoffentlich) Gewinn gelesen; was ich langfristig davon gelernt habe, weiß ich natürlich nicht.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/linguistik-wie-man-leser-vor-schwindel-schuetzt-1.2454563 Aufsatz Steinfelds

http://www.kritische-ausgabe.de/hefte/reich/stirnemann.pdf (Stirnemann: Vorwurf des Plagiats)

http://opus4.kobv.de/opus4-bamberg/frontdoor/index/index/docId/25559 (Dissertation Heidi Reuschels: Tradition oder Plagiat?, Bamberg 2014)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/sprich-deutsch-2914/1 (Eduard Engel: Sprich Deutsch)

https://archive.org/details/DeutscheStilkunst (Engel: Deutsche Stilkunst, 30. Auflage 1922; er schimpft S. 52 ff. über „Vorgänger“, s. dort deren Namen und Buchtitel)

http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb11023730.html (Engel: Gutes Deutsch, 1918)

http://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg/seklit/kmjb/engel/Aufsaetze-Engel.pdf (seine Aufsätze in den Karl-May-Jahrbüchern)

http://de.wikisource.org/wiki/Eduard_Engel (seine Werke)

http://de.wikipedia.org/wiki/Eduard_Engel (Biografie)

http://de.wikisource.org/wiki/Gustav_Wustmann (Werke Gustav Wustmanns)

https://archive.org/details/allerhandsprach02wustgoog (Wustmann: Allerhand Sprachdummheiten, 4. A. 1908)

http://de.wikisource.org/wiki/Daniel_Sanders (Werke Daniel Sanders’)

Wenn ich es richtig sehe, hat die Bemühung um guten deutschen Stil um 1800 eingesetzt – Kronzeuge ist J. C. Adelung:

https://archive.org/stream/ueberdendeutsch00adelgoog#page/n5/mode/2up Adelung: Über den Deutschen Styl, Bd. 1, 1800, 4. A.

https://archive.org/stream/bub_gb_h2QTAAAAQAAJ#page/n3/mode/2up dito, 1787, 2. A.

https://archive.org/stream/ueberdendeutsch02adelgoog#page/n10/mode/2up Adelung: Über den Deutschen Styl, Bd. 2, 1800 4. A.

https://archive.org/stream/ueberdendeutsch03adelgoog#page/n6/mode/2up dito, 1787, 2. A.

https://archive.org/stream/berdendeutschen00heingoog#page/n4/mode/2up Auszug aus Adelung, 1822; hier ist am Ende auch Literatur vermerkt, die zeigt, wie verbreitet die Bemühung um eine Verbesserung des Stils (und das hieß damals: Befreiung aus ungehobeltem Sprachgebrauch wie aus lateinischem Stil) war.

P.S. Das Buch Eduard Engels ist 2016 in Die Andere Bibliothek neu herausgegeben worden.

Arbeitszeugnis: die Sprache des Bewertens

Ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts hat wieder die Bedeutung der Formulierungen in Arbeitszeugnissen ins Bewusstsein gerufen: Eine Angestellte war mit ihrer Beurteilung durch den bisherigen Arbeitgeber nicht zufrieden; sie ist mit ihrer Klage in letzter Instanz gescheitert.

Beurteilungen (Bewertungen) in Arbeitszeugnissen sollen sowohl wohlwollend formuliert wie wahr sein – das ist eine letztlich unlösbare Aufgabe; weil die Aufgabe nicht lösbar ist, nehmen die Arbeitgeber zu Formulierungen Zuflucht, die schön („wohlwollend“) klingen, aber etwas anderes besagen. Wie das gemacht wird, kann man an folgenden Beispielen studieren:

http://arbeits-abc.de/formulierungen-im-arbeitszeugnis-und-ihre-bedeutung/ (Formulierungen zu den einzelnen Notenstufen)

https://www.mediaintown.de/fileadmin/user_upload/pdf_dokumente/MUSTER_Denkvermoegen_Urteilsvermoegen.pdf (schönes Beispiel für differenzierte sprachliche Bewertungen im Arbeitszeugnis)

http://www.arbeitszeugnisgenerator.de/ (Generator für Formulierungen zu einzelnen Notenstufen)

http://www.arbeitszeugnisse.de/arbeitszeugnis-formulierungen/geheimcode/beispiele-fuer-formulierungen/ (40 Formulierungen entschlüsselt)

http://www.stern.de/wirtschaft/job/arbeitszeugnis-was-hinter-den-formulierungen-wirklich-steckt-1656703.html (ab S. 2: Beispiele und Erläuterungen)

http://www.arbeitszeugnisse.de/arbeitszeugnis-formulierungen/geheimcode/formulierungen/ (die Verschlüsselungstechniken)

 

Solche Feinheiten der Bewertung sollten auch Schüler kennen; das Arbeitszeugnis ist etwas, das später für sie wichtig sein wird – wichtiger vermutlich als die politischen Reden, an denen man sonst eventuell die Sprache des Bewertens untersucht; wichtiger auch als die Sprache der Werbung, die nur Positives kennt und die man ohnehin leichter durchschaut.

Eine schöne produktive Übung: Positive Selbstdarstellung (etwa in Heiratsanzeigen) in ihrer negativen Wahrheit ausdrücken (umformulieren).

Mit wie wenig Wörtern kann man lügen?

Lügen mit drei Wörtern:

* Tut mir leid!

* Wir melden uns!

* Gut gemacht, Chef!

* Ich dich auch!

* Nur ein Bier.

Lügen mit nur einem Wort:

* Gesundheit!

* Sekunde!

* Schick!

* Gerne!

* Like!

Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern ein Teil von http://www.stern.de/kultur/buecher/die-welt-in-kuriosen-listen-eine-luege-mit-drei-woertern-nur-ein-bier-2110630-61957ee4fd4c939d.html.

Solche Vorlagen kann man nutzen, um Schüler zu eigenen produktiven Arbeiten anzuregen; siehe die anderen Beispiele in dem STERN-Beitrag!

 

Satire (Beispiel): Wörterbuch des FMG

Dieses Wörterbuch ist vor vielleicht 20 Jahren in einer guten Kl. 11 des FMG (Mönchengladbach-Giesenkirchen) entstanden. Die hier vorgestellten 26 Stichworte stellen nur eine Auswahl dar – ein Beispiel dafür, wie auch ein Wörterbuch als Satire fungieren kann, und als Beispiel dafür, wie man mit den 26 Buchstaben produktiv arbeiten kann (das ABC). An diesem Wörterbuch merkt man aber auch, dass eine Satire zeitbezogen ist: Die Hauptschule im Nachbargebäude des FMG gibt es nicht mehr, seit ein paar Wochen wird es von einer Grundschule genutzt. In der Bibliothek darf man sich seit geraumer Zeit ganz legal aufhalten, auch wenn man kein Interesse für Bücher oder Medien besitzt, das Raucherzimmer ist abgeschafft und die Wortspiele um den Namen Josef Tholen versteht kein Schüler mehr, weil ich inzwischen sechs Jahre pensioniert bin… Selbst der witzige Eintrag zum Stichwort Computer hat seinen Reiz ein bisschen verloren: Längst sind Computer keine rätselhaften Gebilde mehr. Sic transit gloria satirae – aber schön war sie doch. (Meinen Aufsatz über das Satirenschreiben finden Sie hier.)

Aufputschmittel in Form von Bonbons, Gummibärchen und Kaffee geben sie erst den Schülern die Kraft, mehrstündige Klausuren durchzustehen
Bibliothek Aufenthaltsraum mit schärfsten Sicherheitsvorkehrungen, der vereinzelt als Leseraum missbraucht wird
Computer das kleine runde Loch auf der Vorderseite ist zum Anwerfen, denn wo soll man sonst die Kurbel ´reinstecken?
Direktor der Ti-Rex, nach anderer Darstellung ein aus dem Zirkus übernommenes Leitwesen, das dem Lehrkörper Aufgaben zuteilt und versucht, ein geordnetes Chaos zu schaffen
Elternsprechtag Tage in einer Schule, an denen die Eltern über die Missetaten ihrer Kinder und die Lehrer über deren Sensibilität aufgeklärt werden
FMG eine beschauliche Landakademie, die sich nur in einem Punkt von einer Irrenanstalt unterscheidet: in der Telefonnummer
Großhirn zu Gunsten des Kleinhirns der Schüler auf Eis gelegt
Hauptschule Einrichtung, die die Gymnasiasten zum Lernen animiert, weil sie hoffen, niemals dort zu landen; deren Schüler sind allerdings sehr schlagfertig
Inkompetenz ein äußerst seltenes Phänomen, das meist durch Äußerungen wie „Da fehlt mir dann doch der situative Kontext.“ seitens der Schüler sowie „Das bringt uns zu weit vom Thema ab.“ seitens der Lehrer kaschiert wird
Josef außer Marias Ehegatte ist uns keiner bekannt; gut, dass Norbert nicht so heißt, denn Josef Tholen klingt irgendwie unpassend
Klassenarbeit eine Leistungsüberprüfung, bei der die SchülerInnen gemeinsam versuchen, das Beste aus ihrer Arbeit zu machen
Lehrer sind wie Babys; sie glauben, durch Schreien alles zu erreichen
Müdigkeit ein Phänomen, das die Schüler nach der dritten Stunde schlagartig verlässt, um sich zu Beginn der vierten unversehens wieder einzustellen
Note willkürlich eingesetzte Zahl zur Beurteilung der Leistung, welche doch vom Ermessen des Lehrers abhängt
Ordnungsdienst eine Elitetruppe ständig wechselnder Besetzung, die, mit gefürchteten Universalwaffen (so genannten Zangen ) ausgerüstet, untätig auf dem Schulhof patrouilliert
PFS das PFerielle Syndrom. Die schwierigste Zeit für die Lehrer ist die letzte Woche vor jedem Ferienbeginn; denn dann erreicht die Wissbegierde der Schüler ihren Höhepunkt, sodass die Lehrer kaum noch mithalten können
Quartal plötzlich auftauchender Termin, an dem manche Schüler erstaunt feststellen, dass es in der Schule auch Noten für nicht erbrachte Leistungen gibt
Raucherzimmer das zweite Lehrerzimmer, ein Luftkurort; denn fast alle Lehrer mit Atemwegsproblemen suchen hier Zuflucht
SV die Schülervertretung, deren Mitgliedschaft zu erlangen das Bestreben jedes Schülers ist; wer sich einen Platz erkämpft hat – leider nimmt auch in der Schule die Korruption immer mehr zu -, genießt hohes Ansehen, schulische Vorteile und satte Diäten
Toilette in vielfacher Hinsicht am meisten benutzte Räume in einer Schule (Hausaufgaben abschreiben, rauchen etc.); besticht durch ihre Sauberkeit. (Dazu kann man nur sagen: Hoffentlich sieht es bald überall so aus!)
Unterricht eine lästige Randerscheinung der Schule, die ständig die Pausen für 45 min. unterbricht
Verspätung ein heiliges Ritual, das zu Beginn einer jeden Stunde aufs Neue zelebriert wird
würfeln beliebtes Mittel der Lehrer, die Noten festzustellen
Xanthippe Synonym für Lehrerin
y-Achse mathematisches Gebilde, das seit Ewigkeit nach oben strebt und doch nicht von der Stelle kommt; Metapher des schulischen Lernens
Zusammenarbeit bei Gruppenarbeit verboten, wird jedoch in Klassenarbeiten und Klausuren oft geflissentlich übersehen

Schreiben nach Bildern

Schreiben nach Bildern gilt heute als eine Technik kreativen Schreibens. Diese Technik ist mindestens über 200 Jahre alt. Bereits Kleists Stück „Der zerbrochene Krug“ geht auf einen Kupferstich von Le Veau (1782) zurück, der nach einem Gemälde von Debucourt angefertigt war. Kleist beschloss, mit seinen Freunden Ludwig Wieland und Heinrich Zschokke einen poetischen Wettbewerb auszutragen. „Zschokkes naiv-sentimentale Erzählung erfaßt das Genrehafte der Szene, Wielands Satire ihr moralisches Thema und Kleists Lustspiel die forensische Belebtheit der Figuren.“ (Hannelore Schlaffer: Deutsche Literatur in Bildern. Klassik und Romatik, 1770-1830. Stuttgart 1986, S. 101)

Als frühestes Beispiel eines nach einer Bilderfolge entstandenen Werks ist Christoph Friedrich Bretzners „Das Leben eines Lüderlichen“ nach den Stichen von Chodowiecki und Hogarth (1774) anzusehen. (a.a.O.)