Beobachtungen über die Kunst zu denken

Christian Garve: Einige Beobachtungen über die Kunst zu denken, in: Garve: Versuche über verschiedene Gegenstände aus der Moral, der Litteratur und dem gesellschaftlichen Leben. Zweyter Theil. Breslau 1796, S. 245 ff. [Ich fasse Garves Gedanken kurz zusammen, im Indikativ.]

Dunkel ist die Entstehung der Gedanken in der Meditation. Sie unterliegt dem Willen, lebt aber auch von Eingebungen, die sich von selber unregelmäßig einstellen. Eigene Wahl und fremde Einflüsse bestimmen uns insgesamt.

Erste Abtheilung. (Über Hilfsmittel und Hindernisse des Denkens überhaupt)

1. Sich den Gegenstand lebhaft und ausführlich vorstellen, sich an eigenen Erfahrungen orientieren, das ist die beste Vorbereitung der Meditation.

2. Sich dem Strom der Ideen zu überlassen führt leicht auf Abwege. Müdigkeit verstärkt das Abschweifen, lebhaftes Interesse verhindert es.

3. Es ist schwierig, gerade das, was man denkt, zu sagen; im Aussprechen werden die Ideen leicht verändert. Nur ganz helle Einsichten werden klar ausgesprochen; jede Sprache färbt Ideen auf ihre Weise. Hohe Sprachfähigkeit erleichtert das Denken, Wort und Ausdruck bieten sich dann von selbst dar.

4. Mit Erfolg denkt man, wenn man lange ununterbrochen denken kann (Aufmerksamkeit, Konzentration); Übung hilft hier weiter. – Man soll seine Aufmerksamkeit nur auf eine Sache richten, und zwar so lange, bis man zu einem gewissen Ziel gekommen ist. Wem schnell etwas einfällt, der gibt sich leicht mit ersten Einfällen zufrieden und geht dann zum nächsten Thema über; man sollte üben, auch Durststrecken zu überstehen, statt sich zu zerstreuen.

5. Die Einfälle unterliegen nicht dem Willen; daher verfällt man leicht auf Verschiedenes, ohne es zu Ende zu bringen. – Einer stockenden Meditation kann man aufhelfen, wenn man nah verwandte Themen sich vor Augen führt.

6. Da unser Urteil über den Wert eines Themas schwankt, soll man Themen wählen, die einem wichtig sind; wenn die Lust daran vergeht, soll man sie aus Pflicht weiter verfolgen. Umso mehr ist es erforderlich, sein Thema umsichtig zu wählen. Wenn man dann etwas davon versteht, macht es noch mehr Freude, daran weiterzuarbeiten. „Die Reise zur Wahrheit ist, wie jede andere Reise. Der Weg geht über Sandfelder so gut, wie über grüne Auen; und man muß durch beyde hindurch, wenn man zum Ziele gelangen will.“ Je vortrefflicher das Erreichte ist, desto weniger kaschiert man Schwächen oder Fehler; aber Nebensächliches kann man ruhig unvollendet stehen lassen.

7. Am Anfang der Meditation muss man nicht auf vollkommene Ergebnisse aus sein, da kann man auch regellos denken: „Das gediegenste Gold liegt am tiefsten.“ Im zweiten Durchgang wird man die Ergebnisse der ersten Meditation sichten und ordnen; darauf erst folgt die Zusammenfügung und Rundung der geprüften Teile, schließlich die stilistische Feinarbeit.

8. (noch einmal als 7. gezählt) Vorbereitung der Meditation: sich mit den Gedanken der besten Köpfe vertraut machen und sich mit ihnen auseinandersetzen. Bei der eigenen Untersuchung stören fremde Gedanken jedoch und verhindern, dass wir unser Eigenes finden.

9. (als 8. gezählt) Zur Vorbereitung gehört auch die gelegentliche Durchsicht unseres eigenen Gedankenvorrats. Man muss also sein Gedächtnis in Anspruch nehmen oder auf Notizen zurückgreifen können. Hier profitiert derjenige, der mit der Geschichte seiner eigenen Philosophie und seines eigenen Lebens bekannt ist. Besser ruft man seine Erfahrungen im stillen Selbstgespräch als mit der Feder in der Hand auf.

10. (als 9. gezählt) Der Anblick der schönen Natur und Bewegung befördern das Denken; im 16. Jahrhundert haben einige Gelehrte zu Pferde an ihren Werken gearbeitet. Ein Aufenthalt im Gebirge regt das Denken besonders an.

Zweyte Abtheilung

Darin geht es um die verschiedenen Methoden des Denkens, die hier nicht mehr berücksichtigt werden. „Ich nenne die erste die Methode des Unterrichts, oder die systematische, die zweyte die Methode der Erfindung, oder die Sokratische, die dritte die historische, die vierte die widerlegende, die fünfte die commentierende, die sechste, die beobachtende.“

https://archive.org/details/versucheberver02garvuoft/page/244/mode/2up (Text)

Frage: Kann man das für die Schule fruchtbar machen?

Goethe: Über das Lesen

Was mein leichter Griffel entwirft, ist leicht zu verlöschen,
Und viel tiefer präget sich nicht der Eindruck der Lettern,
Die, so sagt man, der Ewigkeit trotzen. Freilich an viele
Spricht die gedruckte Kolumne; doch bald, wie jeder sein Antlitz,
Das er im Spiegel gesehen, vergißt, die behaglichen Züge,
So vergißt er das Wort, wenn auch von Erze gestempelt.
Reden schwanken so leicht herüber hinüber, wenn viele
Sprechen und jeder nur sich im eigenen Worte, sogar auch
Nur sich selbst im Worte vernimmt, das der andere sagte.
Mit den Büchern ist es nicht anders. Liest doch nur jeder
Aus dem Buch sich heraus, und ist er gewaltig, so liest er
In das Buch sich hinein, amalgamiert sich das Fremde.
Ganz vergebens strebst du daher, durch Schriften des Menschen
Schon entschiedenen Hang und seine Neigung zu wenden;
Aber bestärken kannst du ihn wohl in seiner Gesinnung
Oder, wär er noch neu, in dieses ihn tauchen und jenes.

Sag ich, wie ich es denke, so scheint durchaus mir, es bildet
Nur das Leben den Mann und wenig bedeuten die Worte.
Denn zwar hören wir gern, was unsre Meinung bestätigt,
Aber das Hören bestimmt nicht die Meinung; was uns zuwider
Wäre, glaubten wir wohl dem künstlichen Redner; doch eilet
Unser befreites Gemüt, gewohnte Bahnen zu suchen.
Sollen wir freudig horchen und willig gehorchen, so mußt du
Schmeicheln. Sprichst du zum Volke, zu Fürsten und Königen, allen
Magst du Geschichten erzählen, worin als wirklich erscheinet,
Was sie wünschen und was sie selber zu leben begehrten.

(Auszug aus der Epistel, die Goethe 1794 für die Horen geschrieben hat)

Gutes Deutsch schreiben – Regeln und Tipps

Ich schreibe hier nicht über die Frage, wie man Rechtschreib- und Grammatikfehler vermeidet – das setze ich jetzt als bekannt voraus. Es geht vielmehr darum, wie man flüssiges, gutes Deutsch schreibt. Ich beziehe mich direkt auf meinen Aufsatz „Typische Fehler im deutschen Aufsatz“ (https://norberto68.wordpress.com/2012/10/27/typische-fehler-im-deutschen-aufsatz/), wo die Fehler an Beispielen erklärt werden: Wenn man Fehler vermeidet, macht man es richtig.

1. Vor dem Schreiben

Mache dir klar, über welche Frage du schreibst.

Bedenke und notiere, welche Aspekte der Frage bzw. welche Teilfragen du behandeln musst.

Lege die Reihenfolge dieser Aspekte fest, ehe du zu schreiben beginnst.

(Vergleiche dazu https://norberto68.wordpress.com/2013/11/07/unterrichtsreihe-ordnen-gliedern-gliederung-anfertigen/ und https://norberto68.wordpress.com/2011/02/13/gliederung-von-der-stoffsammlung-zum-aufsatz-beispiele/)

2. Beim Schreiben

a) Insgesamt:

Benenne zu Beginn die Frage, um die es geht.

Mache deutlich, welchen Aspekt du gerade behandelst.

Beginne für jeden neuen Aspekt einen neuen Absatz.

Zeige durch Querverweise, worüber du schon gesprochen hast oder später schreiben willst.

b) Auf der Ebene der Sätze:

Achte auf das der Textsorte angemessene Tempus (erklären: Präsens; berichten: Präteritum).

Fülle die Satzbaupläne aus; spare also keine notwendigen Angaben und Ergänzungen ein. (Siehe zur Satzlehre https://norberto68.wordpress.com/2011/02/14/satzlehre-der-deutsche-satz/ und https://norberto68.wordpress.com/2011/02/14/innere-gliederung-des-deutschen-satzes-die-satzklammer/ sowie https://norberto68.wordpress.com/2011/06/20/vorrang-des-verbs-vor-dem-substantiv-nomen-beispiel-verraten/!)

Vergiss nicht die zum Verständnis erforderlichen Attribute.

Löse komplexe Nominalphrasen in Nebensätze auf.

Achte auf eindeutigen Bezug der Pronomina.

Achte auf die richtige Wortstellung innerhalb des Satzes.

3. Nach dem Schreiben

Prüfe, ob du alles gesagt hast, was du sagen wolltest.

Überlege, ob du die richtige Reihenfolge der Aspekte gewählt hast.

Prüfe, ob ein anderer auf Anhieb verstehen kann, was du meinst.

Das alles prüft man leichter, wenn man seinen Text am nächsten oder übernächsten Tag noch einmal kritisch liest; unmittelbar nach dem Schreiben hat man nämlich noch nicht genügend Abstand vom eigenen Text.

Leserbrief verfassen (Beispiel)

Zu Jakob Biazza: Erregt euch (SZ vom 28. Februar 2020, S. 3)

Was Herr Biazza hier über Dieter Nuhr äußert, bedarf einer Korrektur. Abgesehen davon, dass er den ganzen Artikel über Nuhrs Leistung unbegründet relativiert („eigentlich kein hohler Provokateur, ein über weite Strecken guter Kabarettist“), unterstellt er ihm zum Schluss eine Änderung seiner Haltung, die auf Unverständnis der zitierten Nuhr’schen Sätze beruht. Die Sätze lauten: „Jeder darf alles sagen – es gibt nur kein Grundrecht darauf, dass einem niemand widerspricht.“ Satz 2 lautet: „Jeder darf alles sagen – er muss nur damit rechnen, ausgegrenzt, verachtet, beschimpft, bedroht und in aller Öffentlichkeit als Idiot hingestellt zu werden. Und da sparen sich eben viele lieber ihre Widerworte.“
Bialla konstruiert aus diesen beiden Sätzen die These, Nuhr habe seine Meinung geändert, und kommentiert süffisant: „Wie leicht sich die Dinge doch in ihr Gegenteil verwandeln lassen.“ Nuhr sei also eigentlich doch ein hohler Schwätzer. Diese Auffassung verkennt, über wen bzw. in welche Richtung die beiden Sätze gesagt worden sind: Satz 1 ist auf die Links-Grünen (LG) gemünzt, denen ein bestimmtes Recht abgesprochen wird; sie müssen Widerspruch hinnehmen. Satz 2 bezieht sich auf Leute, die den LG widersprechen möchten und deshalb als Reaktionäre verspottet werden; von denen sparen sich dann viele ihre Widerworte wegen der üblen Folgen. In Satz 2 wird also ein Zustand beschrieben. Den Unterschied zwischen diesen beiden sprachlichen Akten und den beiden gemeinten Gruppen erkennt Jakob Bialla nicht, was peinlich für jemand ist, der die Reportage auf S. 3 schreiben darf; deshalb ist die Überschrift „Erregt euch“ auch verfehlt – Nuhrs Credo lautet im Gegenteil „Beruhigt euch!“, und das ist an die LG und den von ihnen beherrschten Mainstream gerichtet.
Noch eine Differenzierung zum Schluss: Dieter Nuhr hat Zugang zum Mikrofon bei der ARD, er erspart sich nicht seine Widerworte; ich allerdings habe gezögert, diesen Leserbrief zu schreiben, weil meine Argumente Herrn Biazza vermutlich nicht erreichen, sondern mit einer spöttischen Bemerkung im Papierkorb landen.
Freundlichen Gruß,
P.S. Auf diesen Brief hat Herr Biazza übrigens geantwortet.

kreatives Schreiben / goldene Regel / Pointe finden

Wo steckt der Witz?

Als zu Tisch einmal der Wein ausging, sagte der Hausherr zu seinem Diener, dem Zigeuner: „Geh, hol aus dem Wirtshaus frischen Wein!“ – Der Zigeuner muckst sich nicht. – „Nun, was stehst denn da? Warum gehst du nicht?“ – „Herr, gib Geld!“ – „Narr, der du bist, ist‘s denn eine Kunst, Wein zu holen, wenn man Geld hat? Hol mal einen ohne Geld. Zeig deinen Zigeunerverstand!“ – Der Zigeuner geht weg, kommt nach einer Weile zurück und stellt vorsichtig die Flasche vor den Herrn hin. Der Herr greift nach der Flasche und will einschenken, kein Tropfen Wein da! Entrüstet ruft er aus: „Zigeuner, wo ist der Wein?“ – „Ja, Herr, ist‘s denn eine Kunst, Wein zu trinken, wenn man einen hat? Trink mal einen, wenn keiner da ist. Zeig deinen Herrenverstand!“ – Darüber lachten alle und sagten, der Zigeuner habe mehr Verstand als sein Herr. (Zigeunerhumor. 250 Schnurren, Schwänke und Märchen, von Friedrich S. Krauss. Leipzig 1907, S. 168 f.)

In dieser Anekdote (Schwank) wird die goldene Regel angewandt, Wechselseitigkeit (Reziprozität) als ein elementares Prinzip menschlichen Zusammenlebens: Wie du mir, so ich dir (Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andern zu.). Der Witz liegt darin, dass sie analog verschoben wird: Ohne Geld Wein kaufen → ohne Wein Wein trinken. Die Findigkeit des Dieners, hier eines Zigeuners, besteht darin, diese Analogie zu finden und sich so des unsinnigen Auftrags, ohne Geld Wein zu holen, zu entledigen.

Es gibt viele ähnlich gebaute Erzählungen. Eine davon ist in aller Ruhe mit den Schülern zu analysieren. Wenn sie das Prinzip verstanden haben, kann man versuchen, die Schüler entsprechende Antworten finden zu lassen – das schult den Geist und ist eine echt kreative Übung. Dann präsentiert man den Schülern den Text, allerdings ohne die analoge Antwort (die hier in anderen Typen gesetzt ist), welche die Schüler zu finden haben. Ich führe gleich weitere Beispiele an und weise jetzt nur noch darauf hin, dass im vorliegenden Text der letzte abrundende Satz eigentlich überflüssig ist – ohne ihn stände die Pointe deutlich am Schluss.

Weitere Beispiele solcher Geschichten, hier von Nasreddin Hodscha aus einer Sammlung seiner Geschichten:

Nr. 31: Geschichte mit dem Lamm https://archive.org/details/derhodschanasred01wess/page/16

Nr. 97: Geschichte von den Gästen https://archive.org/details/derhodschanasred01wess/page/52

Nr. 110: hinunter oder herauf https://archive.org/details/derhodschanasred01wess/page/56

Nr. 172: Schlag in den Nacken https://archive.org/details/derhodschanasred01wess/page/92

Nr. 211: gute Ratschläge https://archive.org/details/derhodschanasred01wess/page/116

Nr. 377: Vom Recht auf Unterschiede https://archive.org/details/derhodschanasred02wess/page/20

Eine weitere Geschichte kann ich zuerst in einer Kurzfassung abdrucken:

Eines Tages ging Nasreddin über den Basar, als er aus einer Gasthausküche Schreie hörte. Der Wirt schimpfte: „Dieser Landstreicher hat einen Fladen aus der Tasche geholt und diesen solange über meinen Bratspieß gehalten, bis er nach Fleisch roch. Und jetzt zahlt er nicht.“ Nasreddin forderte den Bettler auf, sein Geld rauszuholen. Er schüttelte dessen Faust mit den Münzen und sprach zum Wirt: „Er hat den Duft deines Bratens gerochen und du hast den Klang seines Geldes gehört. Jetzt seid ihr quitt!“

Dann die längere Fassung:

Der Klang des Geldes
Nasreddin ging durch den Bazar. Er hörte Geschreie aus einer Garküche. Nasreddin rannte sofort hin, um nachzusehen, was dort geschah. Er sah einen Wirt, der einen Bettler am Kragen schüttelte, nur weil der Bettler nicht zahlte. Nasreddin fragte, was los sei. Der Wirt brüllte: „Dieser Landstreicher holte einen Fladen aus der Tasche und hielt den Fladen solange auf dem Bratspieß, bis er nach Fleisch roch und doppelt so gut schmeckte und jetzt zahlt er nicht.“ Daraufhin sprach Nasreddin zum Bettler: „Es ist nicht gut, fremdes Gut ohne Bezahlung zu benutzen. Hast du Geld?“ Der Bettler holte ein paar Münzen aus der Tasche und der Wirt streckte seine Hand aus, aber Nasreddin sprach plötzlich: „Warte, Meister des Wohlgeschmacks, hör mal genau zu!“ Nasreddin schüttelte eine Weile die Faust, in dem sich die Münzen befanden, und es klimperte. Er gab dem Bettler das Geld zurück und rief: „Gehe hin, in Frieden!“ Der Wirt sprach erschrocken: „Aber ich hab das Geld doch überhaupt nicht bekommen.“ Nasreddin dagegen: „Er hat den Duft deines Bratens gerochen und du hast den Klang seines Geldes gehört. Jetzt seid Ihr quitt!“

Eine weitere Geschichte:

Der Topf
Nasreddin gab seiner Nachbarin einen geliehenen Topf zurück und bedankte sich bei ihr dafür. An einem anderen Tag sagte die Nachbarin: „Mullah, du hast einen kleinen Topf in meinem Topf vergessen.“ Mit einem ernsten Ton sprach der Mullah: „Der Topf war schwanger und hat bei mir ein Baby bekommen.“ Als sich der Mullah wieder einmal einen Topf bei der Nachbarin leihen wollte, gab sie ihm den größten, den sie im Hause hatte. Mehrere Tage vergingen und der Mullah brachte den Topf nicht zurück. Schließlich fragte die Nachbarin: „Wo ist mein Topf?“ Der Mullah sprach ihr sein Beileid aus: „Er ist leider gestorben.“ – „So ein Unsinn“, erwiderte die Nachbarin, „wie kann ein Topf denn sterben?“ – „Wenn Töpfe Junge bekommen können, dann können sie auch sterben“, antwortete der Mullah.

Also dann: Viel Erfolg! (und siehe noch https://norberto42.blogspot.com/2019/10/produktiv-schreiben-in-sek-i-beispiele.html!)

Produktiv schreiben in der Sek. I – erprobte Beispiele

Ich habe in Kl. 5-10 des Gymnasiums regelmäßig Unterrichtsreihen durchgeführt, in denen die Schüler produktiv schreiben sollten – wenn man so will auch: kreativ, obwohl sie sich im Schreiben an Schemata anlehnen konnten. Alle Reihen endeten in einer Klassenarbeit, deren beste Ergebnisse man in einem Reader veröffentlichen kann. Ich gebe eine kurze Übersicht über die Abfolge der Aufgaben:

Klasse 5: einen Märchenanfang ausgestalten (weitererzählen), siehe https://norberto68.wordpress.com/2011/02/21/marchenanfange-fortsetzen-marchen-schreiben-mit-beispiel/; der vorgegebene Text reichte bis zur ersten Aufgabe, die der „Held“ zu bewältigen hat.

Klasse 6: Aus einer anderen Perspektive erzählen; in einem Übungsdiktat ist festgehalten, was dabei zu beachten ist:

Aus einer anderen Perspektive erzählen
1 Wir leben als Menschen nicht nur neben anderen, sondern auch mit ihnen. Wir können uns in ihre Lage versetzen und die Welt mit ihren Augen sehen; wir können ihren Standpunkt einnehmen.
2 Deshalb können wir auch Erzählungen so umformen, dass wir die Perspektive verändern, in der die Ereignisse gesehen werden. Meistens verändern wir sie so, dass der Standpunkt des unbeteiligten Erzählers aufgegeben wird.
3 Stattdessen nehmen wir den Standpunkt einer am Geschehen beteiligten Person ein. Wir müssen uns dann etwa fragen, wie der Bauer den Betrug erlebt; wir können uns das leicht vorstellen, weil wir solche Vorfälle kennen.
4 Der Bauer ist klüger als seine Frau und merkt sogleich, dass diese vom Studenten betrogen worden ist; er schimpft sie aus und will das ergaunerte Gut dem frechen Studenten wieder abnehmen.
5 Dabei fällt er selber auf den listigen Betrüger herein, den er für einen Arbeiter gehalten hat; er erkennt auch dessen zweiten Betrug, gesteht aber vor seiner Frau nicht ein, dass er selber vom Studenten ausgetrickst worden ist.
6 Wir können uns leicht in die Situation eines Menschen versetzen, der nicht dumm ist, aber von einem klügeren hereingelegt wird. Was erfährt und erlebt der Bauer? Wie erlebt er das alles? Das können wir aus seiner Sicht erzählen.
[zum Schwank: Von einem armen Studenten, der aus dem Paradies kam]
7 Der vorgegebene Text muss gekürzt werden, wenn der Ich-Erzähler etwas nicht weiß oder bemerkt; wenn er aber etwas Wichtiges, Bedrohliches oder Aufregendes erlebt, kann der Text auch erweitert oder gedehnt werden.
8 Was die erzählende Person selber sagt, fühlt, denkt und erlebt, wird in der 1. Person formuliert: „ich“ und „wir“ sind die Personalpronomen der 1. Person; die Pronomen „mein“ und „unser“ zeigen den Besitz an.
9 Von Bedeutung ist, wem und bei welcher Gelegenheit der Bauer die Geschichte erzählt. Einem guten Freund wird er seine Dummheit vielleicht eingestehen, vor anderen sie wohl eher entschuldigen: Wie schlecht doch heutzutage die Studenten sind!
10 Irgendwann, nicht unbedingt zu Beginn muss angedeutet werden, wann das Geschehen sich ereignet hat. Wenn man bedenkt, wem der Bauer seine Geschichte bei welcher Gelegenheit erzählt, wird man leicht den Anfang finden.

Hierzu eignen sich vor allem Schwänke oder Hebels Kalendergeschichten; so kann Hebels Erzählung „Der kluge Richter“ aus der Perspektive des Begünstigten erzählt werden: „Wie ein kluger Richter meinen guten Ruf gerettet hat.“ Man kann/sollte auch die Erzählsituation vorgeben: Ein Mann erzählt in geselliger Runde: „Wie ein kluger Richter…“ Oder zu „Der geheilte Patient“: Der Opa erwählt seinen Enkelkindern: „Wie ein kluger Arzt mich vor langer Zeit von meinen Macken befreit hat.“ Man muss dabei die Perspektive des Opas wie auch die Erwartungen und Kenntnisse (Perspektive) der Kinder berücksichtigen. Eine große Aufgabe!

Ebenfalls in Klasse 6 vielleicht auch: eine Erzählung in Bericht einen umformen. Schön und ergreifend war die Lektüre von O. F. Langs Roman „Meine Spur löscht der Fluß“ – danach konnte ein normales Ereignis in der Perspektive und Sprache eines frisch in die „Zivilisation“ verschlagenen „Indianers“ erzählt werden.

Klasse 7: Im Anschluss an Kästners Gedicht „Wär‘ ich ein Baum“ haben wir versucht, die Menschenwelt mit den Augen eines Tiers oder eines Gegenstandes („Wenn ich ein Buch wäre“, „Wenn ich eine Uhr wäre“ …) zu beschreiben; sehr anspruchsvoll, vgl. https://norberto68.wordpress.com/2011/02/21/phantasie-war-ich-ein-baum-kastner/ (vgl. auch das Stichwort Nature Writing).

Klasse 8 (- 10): Nach der Analyse einiger Kurzgeschichten kann man den vorgegebenen Anfang einer Kurzgeschichte zu Ende schreiben lassen, vgl. https://norberto68.wordpress.com/2011/02/21/anfange-von-kurzgeschichten-fortsetzen/; Vorsicht: die Schüler neigen zu happy-end-Schlüssen!

Kl. 8: Im Zusammenhang mit einer analytischen Reihe über Formen des Bewertens habe ich gern eine Figur in einem vorgegebenen Text umwerten lassen, also etwa aus einer in einem Zeitungsartikel verrissenen Sängerin einen großen Star oder aus einem tollen Offizier (Landserheft) einen miesen Typen machen lassen. Die Anleitung zur analytischen Arbeit finden Sie unter „Aufsatzunterricht“, dort C: Etwas bewerten, darin „Kriterien und Methoden des Bewertens“ und „aufwerten – abwerten: sprachliche Mittel“.

Klasse 9: Satiren schreiben, das war eine meiner Lieblingsreihen, mit wunderbaren Ergebnissen, s. https://norberto68.wordpress.com/2011/02/21/satiren-schreiben-mit-beispielen/ (vgl. auch noch https://norberto68.wordpress.com/2013/09/15/satire-beispiel-worterbuch-des-fmg/).

Klasse 10: eine Typisierung verfassen; auch diese Reihe führte zu schönen Ergebnissen, vgl. die Darstellung in https://norberto68.wordpress.com/2011/02/21/typisierung-mit-beispielen/. Als Leser der Schülerarbeiten erfreut man sich an der kritischen Sicht seiner Zöglinge – alle Reihen in Kl. 7-10 haben ja einen kritischen Touch, und bereits die Erzählung in der „Indianersprache“ in Klasse 6 arbeitet mit der Technik der Verfremdung.

Also, liebe Kolleginnen und Kollegen, nur Mut! Ich habe die besten Erfahrungen mit diesen Reihen gemacht.

Autobiografie des hl. Rocks von Trier – eine literarische Form

Die Selbstbiografie des heiligen Rocks zu Trier (https://archive.org/details/bub_gb_YhIDAAAAcAAJ/page/n3, durch Klicken auf die Seiten umblättern, unten rechts das Bild vergrößern) ist eine kleine Köstlichkeit – soll hier aber nur genannt werden, um auf eine Möglichkeit des Schreibens im Deutsch- bzw. Literaturunterricht hinzuweisen.

Das Schriftchen ist 1845 im Anschluss an die Polemik geschrieben worden, die der katholische Priester Johannes Ronge durch seinen offenen Brief an den Bischof von Trier 1844 losgetreten hat; in diesem Brief (https://archive.org/details/bub_gb_C75DAAAAYAAJ/page/n19 ) hat Ronge gegen die Wallfahrt zum heiligen Rock in Trier gewettert. Später wurde Ronge übrigens exkommuniziert und hat dann seinen eigenen Verein aufgemacht, aber das gehört nicht hierhin.

Eine Rezension schreiben

Zunächst einige Beispiele aus meiner Feder:

https://norberto42.wordpress.com/2017/06/25/p-von-matt-fertig-ist-das-angesicht-gelesen-2/

https://norberto42.wordpress.com/2016/11/05/willemsen-das-hohe-haus-2014-besprechung/

https://also42.wordpress.com/2017/06/23/ch-taylor-das-sprachbegabte-tier-2017-rezension/

http://re-visionen.net/rezension-thomas-steinfeld-herr-der-gespenster/

Was man im Netz unter „Rezension schreiben“ oder „Rezension Aufbau“ findet:

http://www.schreibsuchti.de/2013/03/28/buchrezension-schreiben-so-geht-s-tipps-fuer-aufbau-und-sprache/ (Anleitung, mit Beispiel)

http://www.dr.von-goeler.de/Leitfaden_Buchrezension.pdf (umfangreiche Anleitung)

https://www.textbroker.de/wie-sie-eine-gelungene-rezension-verfassen

http://www.literaturzeitschrift.de/rezension/

https://lehrerfortbildung-bw.de/u_sprachlit/deutsch/gym/bp2004/fb3/02_feld/3_form/1_rezension/1_bspl/ (Anleitung, wie Lehrer ihre Schüler befähigen sollen, Rezensionen zu schreiben – kann man auch unabhängig vom Lehrer durcharbeiten)

Mit Herrn Löhr, dem Eigentümer der Seite re-visionen, konnte ich mich nicht einigen, ob die Ich-Form für eine Rezension angebracht ist (Dr. von Goeler sagt: nicht ausufern lassen!); ich meine, es sei ehrlicher, sich nicht hinter einer scheinbaren Allgemeingültigkeit („man“, „der Leser“) zu verstecken, zumal da man mit seinem Namen für die Rezension geradesteht. Herr Löhr stritt das ohne weitere Begründung ab.

Ich habe daraufhin geprüft, was andere Leute sagen:
https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/rezension
 (keine Äußerung zur Form)

http://www.fachdidaktik-einecke.de/9c_Meth_Textproduktion/rezension.htm (mit „ich“)

http://www.schreibsuchti.de/2013/03/28/buchrezension-schreiben-so-geht-s-tipps-fuer-aufbau-und-sprache/ („ich“ gebraucht)

https://de.wikipedia.org/wiki/Literaturkritik :

Weit populärer [als fachwissenschaftliche Rezensionen, N.T.] sind jedoch die kleineren publizistischen Formen, die ihren Niederschlag in Fachzeitschriften und vor allem im Feuilleton von Zeitungen und Zeitschriften finden:

  • in Literaturrezensionen, die als essayartige Abhandlungen analog zum literaturwissenschaftlichen Ansatz für ihre noch sehr weitgehende, Quellen kennzeichnende und mehrere Seiten umfassende Analyse eines Werkes jedoch eine literarische Ausformung suchen, meist in zuspitzender Pointierung, bei negativer Bewertung zuweilen sogar als Polemik. Autoren solcher Literaturkritiken machen sich selbst dabei als Person durchaus kenntlich und nutzen für diese Art der Rückschau auf ein literarisches Werk zumeist die Ich-Perspektive.
  • in Literaturrezensionen bzw. Buchbesprechungen, die vergleichsweise knapp den Inhalt eines Werkes nur noch andeuten – ohne z. B. das Ende zu verraten – und dem dann eine etwas ausführlichere Bewertung des Gesamteindrucks anfügen. Sie umfassen in der Regel ein bis drei Normseiten, als Kurzhinweise zuweilen weit weniger. Autoren solcher Literaturkritiken bleiben als Person im Hintergrund. Selbst ihre namentliche Signatur am Ende ihrer Artikel wird bei Zitaten nicht selten unterschlagen und nur noch das sie veröffentlichende Printmedium genannt. Sehr große Verbreitung finden Literaturrezensionen im Internet, wobei hier inzwischen vermehrt auch auf reine Kundenmeinungen abgehoben wird.“

Äußerungen einzelner Fachleute zur Streitfrage:

  • also, Beispiele für subjektive Rezensionen gibt es en masse (Heinrich Böll etwa). Die These Ihres redakteurs ist schon mal literaturhistorisch haltlos“ (Hartmut Finkeldey)
  • Lieber Herr Tholen,das liegt in Ihrem Ermessen und dem Ihrer Redaktion. Es ist in den Feuilletons eher unüblich, aber durchaus manchmal gerechtfertigt. Wenn es für einen privaten Blog ist, dann würde ich so schreiben, wie es Ihnen in der Feder liegt. Wichtig ist, unabhängig von Ich-Form, ohnehin die Argumentation und Begründung.“ (Insa Wilke)
  • Sehr geehrter Herr Tholen, Rezension ist ja ein Sammelbegriff für verschiedene, eher kreative Textsorten, es kommt auf den Kontext an, sowohl auf das besprochene Werk als auch auf das Publikationsorgan, in das sich die Rezension stimmig einfügen (und doch darin etwas Besonderes darstellen) muss. Grundsätzlich ein Ja, auch wenn es eher unüblich ist, daher sollte ein Grund, weshalb ein Ich spricht, erkennbar werden. Sie sollten es (aus dem Werk oder dem Kontext heraus) motivieren (was nicht explizit sein muss und nur für den geübten Leser erkennbar sein kann).“ (Prof. Dr. Stefan Neuhaus)
  • Ich-Texte sind jedenfalls kein Standard. Erste Anregungen zum Thema finden Sie vielleicht schon hier in meiner Kolumne von 2011 zum Thema: https://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article13109870/I-wie-Ich.html(Marc Reichwein) [Diese Kolumne ist ausgesprochen geistreich und lesenswert!]

Lesen durch Schreiben – ein Irrweg?

Mit dem Dienstbeginn der neuen Kultusministerin in NRW wird auch die Methode „Lesen durch Schreiben“ auf den Prüfstand gestellt. Dass man als Erstklässler so schreiben soll, wie man spricht, ist das oberste Prinzip dieser Methode, die den Kindern Freude am Schreiben vermitteln soll, aber eben nicht zur korrekten Rechtschreibung führt und führen kann – und deshalb mindestens ab dem 2. Schuljahr durch Strategien zur Rechtschreibung ergänzt werden muss.

Ob die Methode im 1. Schuljahr der Heilsweg oder ein Pfad in den Abgrund ist, ist eine heftig diskutierte Glaubensfrage. Ich gebe hier eine Übersicht über verschiedene Standpunkte, die man im Netz findet:

https://de.wikipedia.org/wiki/Schriftspracherwerb#Offene_Lernangebote Übersicht über die verschiedenen Methoden des Schreibenlernens

https://wiki.studiumdigitale.uni-frankfurt.de/FB04_Grundschulwiki/index.php/Lesen_durch_Schreiben Info LdS

http://herder.philol.uni-leipzig.de/projekte/alpha/frames/main5.3.htm pro, umfassende Information

https://www.lehrer-online.de/artikel/fa/lesen-durch-schreiben-eine-methode-von-juergen-reichen/ pro

http://www.grundschule-harmonie.de/assets/Uploads/PDF/Artikel/lesen_durch_schreiben.pdf pro

http://www.schule-rellinger-strasse.de/Lesen_durch_Schreiben.html pro

http://www.spektrum.de/news/schreiben-lernen-welche-methode-ist-sinnvoll/1310138 Bericht, ausgewogen

http://www.deutschlandfunk.de/lesen-und-schreiben-lernen-streit-um-die-richtige-methode.1148.de.html?dram:article_id=295898 differenziert

http://www.niekao-lernwelten.de/?p=654 Bericht eines Lehrers, differenziert

http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/guenter-jansen-ueber-die-schlechte-rechtschreibung-viele-kinder-a-906458.html Interview G. Jansen, kritisch

http://www.grundschulservice.de/ strikt kritisch

http://www.t-online.de/leben/familie/schulkind-und-jugendliche/id_61798378/lesen-durch-schreiben-methode-vorteile-kritik.html kritisch

http://www.europhi.de/de/lesen-durch-schreiben/ kritisch

http://www.zeit.de/2011/48/Martenstein kritisch, Satire

https://www.liberale.de/content/lesen-durch-schreiben-gescheitert-rot-gruen-muss-handeln kritisch, FDP 2014

http://www.legakids.net/eltern-lehrer/lernmaterialien/mildenberger-verlag/lesen-und-schreiben-mit-der-silbenmethode-unterstuetzen/ kritisch, pro Silbenmethode

https://sciencefiles.org/tag/lesen-durch-schreiben/ kritisch

http://www.maxbrauerschule.de/unsere-schule/grundschule/stellungnahme-zu-lesen-durch-schreiben/ Auseinandersetzung mit Kritik

Wenn man die verschiedenen Standpunkte an Personen festmacht:

Marburger Studie (kritisch)

Günter Jansen kritisch

Christa Röber kritisch

Schründer-Lenzen kritisch

Reinold Funke (Studie)

Jürgen Reichen pro

Hans Brügelmann pro

Texte überarbeiten – ein Beispiel

Ich stelle zunächst den Entwurf „Verpasste Kindheit“ meines amerikanischen Freundes Merrill Lyew vor, der vor gut 40 Jahren mehrere Jahre in Deutschland gelebt hat. Es handelt sich um ein sogenanntes Drabble oder eine Miniaturgeschichte oder Fan Fiktion von genau 100 Wörtern, wenn man den Titel nicht mitzählt. Man führt den Leser in die Irre und am Ende ist die Pointe eine unerwartete Wende. „Vergangen“ ist dann die von mir überarbeitete Version.

 

Verpasste Kindheit 

Bei der Hochschulanmeldung wurde ich zunächst aufgefordert, erst einmal Platz zu nehmen und zu warten.

Kurze Zeit später betrat ein Polizist das Büro und bat mich, ihn auf das Revier zu begleiten, es gäbe dort eine wichtige Angelegenheit zu klären.

Arglos folgte ich dem Polizisten, weil ich mir keiner Schuld bewusst war und hoffte darauf, dass es sich lediglich um ein Missverständnis handeln könnte.

Ein älterer Offizier wühlte in staubigen Akten und zog kurz darauf ein vergilbtes Blatt hervor.

Es war ein Fahndungsplakat mit meinem Konterfei als fünfjähriges Kind.

Als gesuchter Kindesentführer stand unter einem Fahndungsfoto der Name meines Vaters…

 

Erläuterung:

Als Fehler sehe ich den Verstoß gegen die innere Logik der Fahndung an: Wenn jemand aktuell noch gesucht wird, muss das Fahndungsplakat griffbereit sein (im Regal), auch wenn es alt (vergilbt) ist.

Die Überschrift schien mir nicht zum Text zu passen, ich denke eher an „Zeitreise“ o.ä.: dass die Vergangenheit plötzlich gegenwärtig wird. Ich habe „Vergangen“ gewählt, weil das zwischen „Vergangenheit“ und „Vergehen“ (= Verbrechen) changiert.

Die anderen Änderungen betreffen Kleinigkeiten:

 

Vergangen

Im Sekretariat der Hochschule wurde ich gebeten, erst einmal Platz zu nehmen und zu warten. Kurze Zeit später betrat ein Polizist das Büro und forderte mich auf, ihn auf das Revier zu begleiten, es gebe dort eine wichtige Angelegenheit zu klären.

Arglos folgte ich dem Polizisten, weil ich mir keiner Schuld bewusst war; ich nahm an, dass es sich lediglich um ein Missverständnis handelte.

Im Polizeibüro holte ein älterer Wachtmeister eine Akte aus dem Regal und zeigte mir ein vergilbtes Blatt – ein Fahndungsplakat mit meinem Konterfei als fünfjähriges Kind. Unter einem Fahndungsfoto stand der Name des gesuchten Entführers: meines Vaters…

 

Merrill Lyew hat sich für den Titel „Die Anmeldung“ entschieden, weil „Vergangen“ sich so anhöre, als hätte sich der Vater am Kind vergangen. – Die Erzählung beruht auf einer Begebenheit in den USA, wo ein Vater nach der Scheidung sein Kind entführt hatte und untertauchen konnte; erst bei der Immatrikulation des Kindes sind die Behörden auf Unstimmigkeiten gestoßen.

Noch ein Beispiel: Ein Text Merrill Lyews:

Die Erbschaft

Herbert sitzt mit besorgtem Gesichtsausdruck, die zittrigen Hände im weißen Schopf, am Tisch im Esszimmer des kleinen Reihenhauses. Die dunkelblaue, nach Mottenkugeln riechende Jacke hängt an seinem hageren Körper wie ein ausgeleierter Kittel. Er wartet ungeduldig auf seinen Sohn, denn er will das Anliegen schnellstmöglich erledigen.

Günther hastet aus seinem Schlafzimmer zum Wandspiegel in der Diele. Schnell schiebt er seine Krawatte zurecht und glättet noch einmal sein Haar. Heute muss er gut aussehen, denn Susanne wartet auf ihn. Er kann es kaum erwarten. Deshalb schlägt er seinem Vater vor, ihn zuerst in Altenheim zu fahren und dann später noch einmal bei ihm vorbeizukommen. Schweren Herzens erklärt sich Herbert einverstanden, fügt aber mit weicher Stimme hinzu:

„Vergiss es bitte nicht, es ist sehr wichtig.“

Günther hört nur flüchtig hin.

„Ja, ja Vati“ erwidert er gelangweilt. „Ich komme bestimmt, du kennst mich doch. Jetzt müssen wir aber schnell zum Auto.“

Eine leichte Brise weht den Duft von frisch gemähtem Gras durch den Stadtpark. Susanne reagiert mit heftigem Niesen und rot werdenden Augen darauf. Sie wartete bereits auf der Parkbank am Brunnen, wo sie sich verabredet hatten.

„Ich merke schon, Du bist allergisch auf mich“, scherzt Günther als er auf sie zuläuft.

„Das glaube ich auch, du Witzbold.“

Susanne muss erneut niesen.

„Gehen wir ins Kino?“, fragt sie schniefend.

„Es ist ganz in der Nähe.“

„Was wird gezeigt?“

„Das Schloss“, antwortet die Kollegin.

Günther lässt sich kein zweites Mal bitten, trotzdem er in der Schulzeit das Originalwerk lesen musste. Für Susanne hätte er fast alles getan.
Es ist schon fast dunkel als die beiden aus dem Kino kommen.

Wieder zu Hause zieht Günther seine schwarzlackierten Schuhe aus, serviert sich ein Glas Scotch, setzt sich aufs Liegesofa und tastet nach der Fernsehfernbedienung auf dem Tisch dahinter. Da läutet ein Glockenschlag wie von Big Ben, es ist sein Handy.

„Ja, der bin ich“, antwortet Günther dem Anrufer freundlich. Plötzlich schaut er schreckensbleich mit weit geöffneten Augen ins Leere. Er muss heftig schlucken, um den Kloß in seinem Hals hinunterzuwürgen.

„Wie bitte?“, wispert er mit bebenden Lippen. „Wie… wieso tot? Ich …“

Sein vor Schwindel schwankender Blick fällt auf die Aktentasche, in der immer noch die unterschriftlose Erbschaftsurkunde seines Vaters steckt.

Die von mir überarbeitete Fassung:

Die Erbschaft

Herbert sitzt mit besorgtem Gesicht, die zittrigen Hände im weißen Haar, am Tisch im Esszimmer des kleinen Reihenhauses. Eine dunkelblaue, nach Mottenkugeln riechende Jacke hängt an seinem hageren Körper wie ein ausgeleierter Kittel. Er wartet ungeduldig auf seinen Sohn, denn er will sein Vorhaben möglichst bald erledigen.

Günther hastet aus seinem Schlafzimmer zum Wandspiegel in der Diele. Schnell schiebt er die Krawatte zurecht und glättet noch einmal sein Haar. Heute muss er gut aussehen, denn Susanne wartet auf ihn. Er kann es kaum erwarten, bei ihr zu sein. Deshalb schlägt er seinem Vater vor, ihn zuerst ins Altersheim zu bringen und dann später noch einmal bei ihm vorbeizuschauen. Schweren Herzens erklärt sich Herbert einverstanden, fügt aber mit weicher Stimme hinzu: „Vergiss es bitte nicht, es ist sehr wichtig; und vergiss die Tasche nicht!“ Günther hört nur flüchtig hin. „Ja, ja, Vati“, erwidert er unaufmerksam. „Ich komme bestimmt, du kennst mich doch. Jetzt müssen wir aber schnell zum Auto.“

Eine leichte Brise weht den Duft von frisch gemähtem Gras durch den Stadtpark. Susanne reagiert mit heftigem Niesen und geröteten Augen darauf. Sie wartet bereits zehn Minuten auf der Parkbank am Brunnen, wo sie sich treffen wollten.

„Ich merke schon, Du bist allergisch gegen mich“, scherzt Günther, als er auf sie zu geht. „Das glaube ich auch, du Witzbold.“ Susanne muss erneut niesen. „Gehen wir ins Kino“, fragt sie schniefend, „es ist ganz in der Nähe?“ „Was wird gezeigt?“ „Das Schloss“, antwortet die Kollegin. Günther lässt sich kein zweites Mal bitten, obwohl er in der Schulzeit dem Roman nichts abgewinnen konnte. Für Susanne hätte er fast alles getan.

Wieder zu Hause zieht Günther seine schwarzen Lackschuhe aus, serviert sich ein Glas Scotch, setzt sich aufs Liegesofa und tastet nach der Fernsehfernbedienung; er will sich ein wenig entspannen, ehe er zum Vater fährt. Da erklingt ein Glockenschlag wie von Big Ben, es ist sein Handy.

„Ja, der bin ich“, antwortet Günther dem Anrufer freundlich. Dann schaut er schreckensbleich mit weit geöffneten Augen ins Leere. Er muss heftig schlucken, um den Kloß in seinem Hals hinunterzuwürgen. „Wie bitte?“, wispert er mit bebenden Lippen. „Wie… wieso tot? Ich …“

Sein schwankender Blick fällt auf die Aktentasche, in der das Testament steckt, in dem nur noch Datum und Unterschrift seines Vaters fehlen.

Derzeit stört mich noch der Glockenschlag von Big Ben, der ist für ein Handy zu laut. Merrill hat dann meinen Text noch einmal leicht überarbeitet.