Die Typisierung hat eine lange Tradition: Der Grieche Theophrast hat im 4. Jahrhundert vor Christus meines Wissens als erster fixierte „Charaktere“ beschrieben (RUB 619). Ich berichte zur Anregung für alle Kollegen von einer Unterrichtsreihe in Klasse 10, die schon oft durchgeführt worden ist.
Wir haben zuerst von Theophrast „Der Schwätzer“ gelesen und analysiert. Theophrast beginnt mit einer Definition; dann beschreibt er typische Rede- und Handlungsweisen des Schwätzers, teilweise an bestimmte Situationen gebunden („Er geht in die Schulen… Hat er etwas aus der Volksversammlung gehört…“).
Die zweite Form, die wir kennen gelernt haben, stammt von Wolfram Eicke: „Das Pauker-Buch. Erkenne deinen Lehrer und du hilfst dir selbst!“ (rororo 12159) Von ihm haben wir uns „Die Emsige“ vorführen lassen. Hier gibt es verschiedene klar definierbare Elemente: die Emsige allgemein (typisches Auftreten), eine Schulstunde mit der Emsigen, „Was lernen wir von ihr fürs Leben?“ (Sinnspruch), „Tip(p) für Konfliktscheue“ und „Pauker privat“ (Besuch bei der Emsigen). [Um ein Buch wie das von Eicke besitzen zu können, muss man natürlich schon etwas älter sein.]
Stärker mit Sprachspielen arbeitet Peter Maiwald: „Das Gutenbergsche Völkchen. Kalendergeschichten“ (Fischer-TB 11033). „Der Verständnisvolle“ war der Typ, den er vorgestellt hat: „für alles Verständnis haben; jemandem sein Ohr leihen; jemandem in den Ohren liegen“, solche Floskeln kann man ausspinnen. (Maiwald hat seine Methode übrigens von Brecht erlernt, aus dessen Gedicht „Lob des Zweifels“, 8. und 9. Strophe; vielleicht ist er auch durch das angeregt worden, was Adorno in den „Minima Moralia“ Nr. 3 über die netten Leute schreibt: „Das sind die netten Leute, die Beliebten, die mit allen gut Freund sind, die Gerechten, die human jede Gemeinheit entschuldigen…“ Das alles sind  gekonnte Typisierungen!).
In diesen drei Formen der Typisierung haben wir dann verschiedene „Typen“ zu erfassen versucht. Es zeigt sich, dass die „einfache“ Form Theophrasts schwer zu handhaben ist, dagegen die klar strukturierte Form Eickes (mit dem Thema „Lehrer“!) den Schülern beim Schreiben hilft. Maiwalds Form reizt vielleicht die sprachlich wendigeren Schüler eher.
In der Klassenarbeit steht dann eine Arbeit zur Wahl, etwa nach den Formen
* von Eicke: Der Alternative / Der Väterliche (Die Mütterliche) / Der große Pädagoge;
* von Maiwald: Der Egoist / Der Besserwisser / Der Häuslebauer.
Die Schüler entscheiden sich mit großer Mehrheit für die Form Eickes – über die Zusammenhänge zwischen dieser Wahl und dem Einzugsbereich unseres Gymnasiums möchte ich hier nicht spekulieren. Sie beklagen sich manchmal, dass sie mit einigen Typen-Vorschlägen nichts hätten anfangen können, obwohl es „diese Typen“ meiner Meinung nach gibt; vielleicht sind die Schüler zu jung, um etwa den Alternativen noch bewusst erlebt zu haben? „Häuslebauer“ sind im Bewusstsein der Schüler nicht präsent, man sollte sie aus dem Programm nehmen!

Und nun bitte nicht den Einwand, Typisierungen zu schreiben fördere Vorurteile – noch vor einigen Jahren hatte die SZ eine Reihe „Zeitgemäße Physiologien“, wenn auch etwas anspruchsvoller als unsere Versuche, und vor mehr als zwanzig Jahren ist in der FAZ eine Reihe „Charakterbilder“ erschienen, die 1988 in der Keyserschen Verlagsbuchhandlung München als Buch verlegt wurden: „Die Schamlose, das Glückskind und all die anderen“. Dieser Tage habe ich entdeckt, dass Joseph Roth einige schöne Typisierungen geschrieben hat (Werke, Bd. 4, 1976). Jean de la Bruyères „Caractères“ wären noch zu nennen, ebenso Elias Canetti: Der Ohrenzeuge. Aber so hoch will man als Lehrer mit seinen Schülern nicht hinaus.
Typen zu beschreiben ist eine anspruchsvolle Leistung, die auf distanzierter Beobachtung beruht; man muss jedoch solche Typen finden, welche Schüler kennen können. – Die schönsten Ergebnisse der Klassenarbeit werden anschließend veröffentlicht.

Ein weiteres Beispiel liefert Hannah Wilhelm: Welcher Geld-Typ sind Sie? (SZ 14. Februar 08) Im Anschluss an das Modell der sechs Emotionen von Hans-Georg- Häusler unterscheidet sie sieben Typen des Umgang mit dem Geld. Außerdem sind lesenswert: Die Schamlose, das Glückskind und all die anderen. Dreißig Charakterbilder, hrsg. von Th. Schröder, München 1988 (Beiträge aus der FAZ) und Die Geliebte und andere zeitgemäße Physiologien, hrsg. von Joh. Willms, 1998/2001 (Beiträge aus der SZ).

Hier einige Beisiele aus einer Klassenarbeit in einer Klasse 10:

Den neuesten Versuch einer Typisierung von Lehrern hat Malte Pieper vorgelegt (http://www.sueddeutsche.de/bildung/schulalltag-die-nervigsten-lehrer-typen-1.1471209): Nachwuchs-Comedian Malte Pieper hat seine Erlebnisse mit dem deutschen Bildungssystem gleich nach dem Abitur im vergangenen Jahr aufgeschrieben. Sein Fazit: Der Lehrer hat immer recht – egal, ob er zu den Tyrannen, Kumpeln oder Strengen gehört. Neben Klausurenwahnsinn und Strategien zur Hausaufgabenbewältigung entlarvt Pieper in „Wenn der Keks redet, haben die Krümel Pause“ die Lehrertypen… Allerdings sind die zehn von ihm gefundenen Typen weder originell gesehen noch charakterisiert, sie können den Vergleich mit den Typisierungen meiner Schüler nicht bestehen. (20.09.2012)

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  1. Pingback: Brecht: Lob des Zweifels – Analyse « norberto42

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