Im Unterricht sprechen, filmen oder spielen?

Es dürfte bekannt sein, dass ich kein Freund nichtsprachlicher Deutung von Texten bin (szenische Darstellung, Verfilmung von Gedichten usw.). In E. M. Langes Buch „Das Verstandene Leben“ (S. 48) finde ich dafür eine sprachtheoretische Begründung:

Wenn man die gesprochene Sprache mit anderen Ausdrucks- und Darstellungsmedien vergleicht – Bildern, Gesten, Tänzen, Musik – dann kann man sich von der Alleinstellung der Sprache als universelles Medium dadurch davon überzeugen, dass man sich erinnert: Wenn in diesen anderen Medien etwas nicht verstanden wird, dann muss zur Erklärung im Allgemeinen und schließlich gesprochen werden, aber nur ausnahmsweise kann man umgekehrt Sprachliches durch Bilder, Gesten, Tänze, Melodien verständlich machen. Das begründet für die Sprache aufgrund ihres alleinigen universellen Charakters (ihrer weitgehenden Selbsterklärungsfähigkeit) auch einen Universalitätsanspruch hinsichtlich des Verstehens/verständlich Machens. Wittgenstein erhebt ihn implizit, wenn er im ersten Absatz von PU Abschnitt 120, wo das zu Erklärung erforderliche sich Bedienen schon der ganzen Sprache an die „Sprache des Alltags“ gebunden wird, schreibt: „Ist diese Sprache etwa zu grob, zu materiell für das, was wir sagen wollen? Und wie wird denn eine andere gebildet ?“ Auch wenn die typographische Hervorhebung ein Missverständnis sein sollte, sachlich besteht sie zurecht (und ist nur eine von zwei Hervorhebungen eines ganzen, selbständig verwendbaren Satzes im gesamten Text der PU). Die Frage ist rhetorisch und verlangt die Antwort: Eine andere Sprache muss gebildet werden, indem ihre Wörter und Verknüpfungsformen in unserer schon gesprochenen Sprache erklärt werden – dann kann sie auch gleich selbst gesprochen werden. Und bezüglich der anderen Medien des Ausdrucks und der Darstellung muss sie im Zweifelsfall gesprochen werden.

Das heißt nicht, dass man nicht spielen und nicht filmen dürfte – es heißt nur, dass dadurch nicht besser als durch Sprechen Bedeutung erfasst würde!

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Wortfeld sprechen, sagen, reden

1. Aus der Umgangssprache sollten jedem Schüler des Gymnasiums bekannt sein:
antworten, befehlen, begründen, begrüßen (2), behaupten, belehren, beschreiben, sich beschweren, besprechen (2), bestellen (2), bitten, brüllen, danken (?), diktieren (2), drohen, erklären, erlauben, erläutern, erzählen, flüstern, fordern, fragen, genehmigen, grüßen, heißen, loben, lügen, meckern, nennen, reden, rufen, sagen, schimpfen, schreien, schwätzen, sprechen, tadeln, telefonieren, trösten, unterbrechen, sich unterhalten, unterrichten (2), verbieten, vermuten (?), versprechen, (sich) verteidigen, verurteilen, vorlesen, vorsagen, vorschlagen, vorwerfen, warnen, widersprechen, wiederholen.
[Erläuterung: Eine Klammer mit Fragezeichen hinter einem Verb besagt, dass ich mir nicht sicher bin, ob das Verb wirklich zum Wortfeld des Sprechens gehört. Eine (2) an gleicher Stelle besagt, dass ich zwei Bedeutungen des Verbs kenne.]

Zum Aufbau dieses Wortfeldes – ein Vorschlag von September 2004:

  1. sagen (vor dass-Satz, vor wörtlicher oder indirekter Rede);

– auch im Kontrast zu „nicht sagen“: etwas sagen;

– sprechen (vs. schweigen);

  1. reden (vs. handeln);
  2. Bezeichnung dessen, wie jemand spricht:
  • nach der Lautstärke (oder Höhe) der Stimme;
  • nach der Stimmung, die dabei zum Ausdruck kommt;
  • nach dem Stil (durch Funktion des Sprechens bestimmt);
  • zur Kennzeichnung der Geltung des Gesagten (in der Argumentation);
  • nach dem beim bzw. zum Sprechen benutzten Medium;
  1. Bezeichnung für einen Aspekt der Kommuunikation als solcher;
  2. Versuch, den anderen durch Worte zu etwas zu bewegen;
  3. im Verhältnis der Über- bzw. Unterordnung sprechen;
  4. in der Situation des Belehrens sprechen
  5. Bezeichnungen, die eine Stellungnahme (Urteil) einschließen:
  • dem Sprechen oder Handeln des anderen zustimmen;
  • das Gesagte bzw. das Sprechen kritisieren;
  • Handlungen bzw. Handeln kritisieren;
  1. der Akt der Benennung (Namengebung);
  2. sprachliches Handeln in anderen Situationen [Restkategorie].

2. Beim Abitur sollte jeder Schüler außerdem verstehen:
ablehnen, ableiten (?), absagen, absprechen, abstrahieren (?), abstreiten, abwägen (?), analysieren, analysieren, anbeten, anbieten, anbrüllen, andeuten, anerkennen, anfahren, angeben (2), anklagen, ankündigen, anmelden, anmerken, annehmen (?), anordnen, ansagen, anschreien, anspornen, ansprechen (2), anstacheln, anvertrauen, anweisen, anzeigen (?), anzweifeln, argumentieren, auffordern, aufhetzen, aufklären, aufmuntern, aufsagen, aufschwatzen, auftragen, auftrumpfen, aufwiegeln, aufzählen, ausdrücken, ausführen, ausplaudern, ausrichten, ausrufen, aussagen, ausschließen (?), äußern, aussprechen, beantragen, beanspruchen, sich bedanken, befragen, befürworten, begründen, beichten, beipflichten, bejahen, bejammern, bekanntgeben [oder: bekannt geben], bekannt machen [oder: bekanntmachen] (2), bekennen, (sich) beklagen, belegen (?), beleidigen, bemerken, benachrichtigen, benennen, beraten, berichten, berichtigen, beruhigen (?), besänftigen(?), beschimpfen, beschließen (2), beschuldigen, beschwatzen, beschwichtigen (?), beschwören, bestätigen, bestimmen, bestreiten, bestürmen, beten, beteuern, betteln, beurteilen, beweisen, bewerten, bewundern (?), bezeichnen, beziehen (?), bezeugen, bezweifeln, billigen, brummen, sich brüsten, darlegen, darstellen, dazwischenreden, debattieren, definieren, dementieren, deuten, dichten, diskutieren, drängen (?), durchsagen, eingestehen, einleiten, einlenken (?), einreden (etwas/auf jem.), einweisen (?), einwenden, einwerfen, entgegnen, entscheiden, entschlüpfen, (sich) entschuldigen, erinnern, ermuntern, ermutigen, erörtern, erwähnen, erwidern, exemplifizieren, falsifizieren, faseln, feststellen, fluchen, folgern (?), fordern, formulieren, fortfahren, freisprechen, gebieten, geloben, genehmigen, gestehen, grölen, grunzen (?), gutheißen, heißen (2), sich herausreden, herunterrasseln, herunterspielen, hervorheben, hervorstoßen, hetzen, hineinreden, hinterfragen (?), hinweisen, hinzufügen, interpretieren, interviewen, jammern, jauchzen, johlen, jubeln, jubilieren, klagen, klarmachen, klarstellen, klassifizieren, (klatschen (= Klatsch erzählen), kommandieren, kommentieren, kondolieren, konfrontieren, konkretisieren, krächzen, kreischen, kritisieren, kundgeben, lachen (?), lallen, lamentieren, lästern (2), lehren, leugnen, lispeln, lospoltern, sich lossagen, meinen, (sich) melden, missbilligen, mitteilen, moderieren, munkeln, murmeln, nachgeben (?), nachplappern, nachsagen (2), nachsprechen, näseln, nebenordnen, negieren, nörgeln, offenbaren, paraphrasieren, plappern, plaudern, postulieren, präzisieren, predigen, preisen, protestieren, quengeln, radebrechen, raten (2), raunen, referieren, reklamieren (?), richtigstellen, schildern, schließen (?), schmeicheln, schwatzen, schwätzen, schwören, seufzen, spezifizieren, spotten, stammeln, staunen, sticheln, stocken, stöhnen, stottern, strukturieren (?), subsumieren, tadeln, tuscheln, übermitteln, überordnen (?), überreden, übertreiben, überzeugen(?), sich unterhalten, unterordnen, sich unterreden, untersagen, unterstellen, unterstreichen, unterteilen (?), unterweisen, urteilen, (sich) verabschieden, verallgemeinern, sich verbitten, verdeutlichen, vergleichen, verheißen, verhören, verifizieren, verkünden, verleugnen, verneinen, versichern, verspotten, sich versprechen, (sich) verständigen, verteidigen (?), verweigern, verweisen (2), verzeihen (?), voraussagen, vorbringen, vorhalten, vorhersagen, vorschreiben, vorstellen, vortragen, vorwerfen, sich weigern, weitersagen, widerlegen, widerrufen, wiedergeben, wimmern, sich wundern, würdigen, zanken (?), zerreden, zitieren, zugeben, zugestehen, zurechtweisen, zurückgeben, zurückweisen, zusagen, zusammenfassen, zustimmen, zutexten, zuweisen (?).

3. Aus der niederen Umgangssprache dürften bekannt sein:
anschnauzen, antippen, aufschwatzen, auspacken, ausspucken, babbeln, bequatschen, beschwatzen, blöken, blubbern, brabbeln, durchkauen, faseln, herummotzen, labern, lallen, mosern, motzen, nuscheln, quaken, quasseln, quatschen, ratschen, schleimen, schwafeln, stänkern, tratschen.

4. Ferner (z.T. metaphorisch, z.T. Bildungssprache):
abschließen, abschwören, aufmuntern, bedeuten, beeiden, bellen, beweinen, deklamieren, durchhecheln, flöten, gurren, kundtun, lossprechen, piepsen, radotieren [veraltet], schluchzen(?), wispern.

Anmerkungen:
* Die Einteilung nach „1./2./3./4.“ habe ich rein gefühlsmäßig vorgenommen.
* Manche Verben werden auch metaphorisch verwendet (z.B. „anbeten“).
* Es fehlen die feststehenden Wendungen: einen Antrag stellen, ins Wort fallen, Mut zusprechen usw.; zu bedenken geben, zu verstehen geben, gut zureden usw.
* Manchmal ist schwer zu entscheiden, ob ein Wort (auch) zum Wortfeld des Sprechens gehört, z.B. „ärgern, zanken, überzeugen“ u.a.; viele Tätigkeiten, die mit einem Verb benannt werden, gehen nämlich sprachlich vor sich, während das Verb eher die Tätigkeit als solche, weniger die sprachliche Seite ausdrückt. Diese Verben sind mit einem (?) markiert. – Auch Verben wie „grunzen, bellen“, die zunächst tierische Lautäußerungen bezeichnen, werden für bestimmte Formen des Sprechens verwendet.
Da Sprechen wesentlich Tätigkeit, Handlung ist, kann es analog wie jede Handlung anheben, beginnnen, kann man damit fortfahren, es fortsetzen und unterbrechen. Wenn solche Verben speziell einen Aspekt des Sprechens bezeichnen, wird ihre Valenz anders: jemand unterbrechen (statt: etwas u.), „fortfahren“ und „hinzufügen“ (absolut, ohne Angaben).

Vgl. auch http://www.mikes-media.com/Download/Material-L/UV-D5-Wortfeld%20sagen.pdf

Wie man die Wörter eines Wortfelds mit Hilfe eines guten Wörterbuchs ermitteln kann, wird hier erklärt (einschließlich Wörterbuch-Link): https://norberto68.wordpress.com/2013/06/07/wortfeld-untersuchen-z-b-fahren/