Gewalt gegen sich: Selbstmord

In einer Projektwoche unter dem Stichwort „Gewalt“ stand 1994 am Franz-Meyers-Gymnasium Mönchengladbach das Thema „Gewalt gegen sich selbst: Selbstmord“ neben 24 weiteren Themen zur Auswahl. Zu diesem Thema mussten wegen des großen Interesses vier Arbeitsgruppen gebildet werden (genau wie zum Thema „Sport und Gewalt“); eine davon habe ich geleitet.

Zu Beginn sollten die Schüler über einen Fragebogen ihr Interesse am Thema klären. Dabei kam heraus,

  • dass sie sich i. W. für die Problematik von Jugendlichen interessierten,

  • dass sie das Thema medizinisch-psychologisch statt literarisch behandeln wollten,

  • dass sie wissen wollten, ob es ein Recht auf Selbstmord gibt,

  • dass sie sich schon einmal mit dem Thema auseinandergesetzt hatten,

  • dass sie Leute kannten, die den Gedanken an Suizid erwogen hatten,

  • dass sie kein Material zum Thema besaßen,

  • dass sie Beratungsstellen für Suizidgefährdete kennenlernen wollten;

  • das Interesse für Gründe des Suizids und für den Umgang mit Suizidgefährdeten war halbe-halbe geteilt.

Von dem von mir vorbereiteten Material wurden eingesetzt:

Wedler, Hans-L.: Gerettet? Begegnungen mit Menschen nach Selbstmordversuchen, 1979, S. 61-65 (Bericht der Lisa E.)

Jacobs, Jerry: Selbstmord bei Jugendlichen. Erklärung, Verhinderung, Hilfe, 1974, S. 51-53 (Fallstudie einer jugendlichen Suizidentin)

Stengel, Erwin: Selbstmord und Selbstmordversuch, 1969, S. 65-67 (Auswertung des fiktiven Berichts eines Außerirdischen, der Selbstmorde von Menschen beobachtet)

Popitz, Heinrich: Drohen und Bedrohtsein, in: Phänomene der Macht, 2. Aufl. 1992, S. 80-85 (zur Drohung mit dem Selbstmord)

Stengel, Erwin: a.a.O., S. 118-122 (Zweifel an den Erklärungen und Gründen des Selbstmords, Plädoyer für die lebenserhaltenden Kräfte)

Außer mir war noch eine Schülermutter in der Gruppenleitung aktiv, die als Sozialpsychologin fachlich kompetent war.

Das Fazit des von Stengel einführten Außerirdischen lautet: „Es sieht so aus, als ob ihr eigentümliches Verhalten nicht aus einer einzigen Tendenz allein hergeleitet werden kann, sondern wahrscheinlich auf eine Kombination von mindestens zwei Tendenzen zurückzuführen ist, nämlich auf den Drang zur Selbstverletzung, möglicherweise zur Selbstvernichtung und auf das Verlangen, andere Menschen zur Äußerung von Sorge und Liebe und zu einem entsprechend fürsorglichen Handeln zu bewegen.“

Mir war das Thema durch Jean Amérys eindrucksvolles Buch „Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod“ (1976) und durch einen Suizidversuch in der Verwandtschaft bekannt. Einer meiner Schüler, der Bruder einer Schülerin der Arbeitsgruppe, hat sich später das Leben genommen – ein künstlerisch begabter Schüler (B. K.), von dem ich zwei Bilder besitze. Auch sei einer Schülerin (S.) und eines Schülers (M.) des ehemaligen FMG gedacht, die Anfang der 80er Jahre kurz nach dem Abitur aus dem Leben geschieden sind – ein Schock, weil es zwei aus dem gleichen Jahrgang waren. Ihnen und Jean Améry sei dieser Rückblick gewidmet.

Krisen im Leben (O. F. Bollnow)

Otto F. Bollnow (Existenzphilosophie und Pädagogik. Versuch über unstetige Formen der Erziehung, 1962, S. 24 ff.) untersucht „Die Krise“: In der leiblichen und seelischen Entwicklung eines Menschen gebe es unstetige Vorgänge, die als wirkliche Brüche sich ruckartig vollziehen, etwa die Pubertät, aber auch andere Formen. Man habe sie lange nur als Störung betrachtet, aber man könne auch fragen, „ob die Krise etwas ist, was wesensmäßig zum menschlichen Leben gehört und in diesem Sinn auch in die Erziehung mit einbezogen werden muß“.

Bei der Krise handele es sich „stets um eine Störung des normalen Lebensablaufs“, die plötzlich auftrete und ungewöhnlich intensiv verlaufe so, „daß der Fortbestand des Lebens in ihr überhaupt gefährdet erscheint und sich im Durchgang durch die Krise schließlich ein neuer Gleichgewichtszustand einstellt“. Die Krise bedeute also eine Entscheidung (Wahl zwischen zwei Möglichkeiten), bedeute aber auch eine Reinigung.

Für die Krise in der Krankheit – hier beruft er sich auf Plügge – gelte:

  • Der Anfall tritt blitzartig auf, begleitet von einem Vernichtungsgefühl;

  • dabei/danach erlebe der Patient eine Wandlung oder Befreiung;

  • der Betroffene vermag nicht zu sagen, wie lange sie gedauert hat.

Plügge habe die Krise so gedeutet:

  • Der stetige Lebensverlauf wird unterbrochen;

  • dadurch werden zwei Zustände der Lebensordnung voneinander getrennt;

  • die Unterbrechung sei durch den Einbruch eines ganz Andersartigen charakterisiert, sozusagen durch eine dritte Ordnung.

Für die sittliche Krise gelte, dass man sich durch eigene Willensanspannung zum befreienden Entschluss aufraffen muss. Dieser Entschluss werde „erst durch den Widerstand der Lage, durch die Unmöglichkeit, in der bisherigen Weise weiterzukommen, und die daraus entspringende Verzweiflung“ herbeigeführt. Die Entscheidung bedeute einen wirklichen Bruch im Lebensverlauf; nur im Durchgang durch die Krise könne der Mensch zu einem neuen Leben gelangen. Das sei wie eine Wiedergeburt, wie bereits Kant in seiner Anthropologie wusste.

Weil die Krise oft mit Verzweiflung und Todesangst verbunden sei, könne man Verbindungen zur Existenzphilosophie erkennen [das ist heute obsolet, N.T.]. Jedenfalls sei festzuhalten, „daß eine letzte Reife und Entschiedenheit grundsätzlich nur im Durchgang durch die Krise erreichbar ist“. Bollnow vermutet, dass die Krise zum Wesen des menschlichen Lebens gehört. Für den Erzieher gelte jedoch, dass er die Krise nicht willkürlich heraufbeschwören soll. „Jede Krise bleibt Schicksal.“

Diese Arbeit Bollnows klingt teilweise – in der Nähe zur Existenzphilosophie – etwas pathetisch. Nüchterner sind seine Ausführungen in „Philosophie der Erkenntnis“, 2. Aufl. 1981, Kapitel „Die Meinung“ (S. 83 ff.); dort führt er aus, wie man nur durch eine Krise vom allgemeinen Gerede weg zu einer eigenen Meinung kommen kann. Ich kannte zuerst diese spätere Arbeit; ihr verdanke ich die Einsicht, dass Krisen etwas Normales sind und man nicht wünschen muss, das eigene Leben solle glatt verlaufen, ohne dass es durch Hindernisse gestört würde.Vgl. auch

http://www.krise-als-entwicklungschance.de/seite-2.html

https://www.palverlag.de/Lebenskrisen.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Friedrich_Bollnow

Kinder erziehen oder verziehen

Sebastian Brand: Von Kinderverziehern (Das Narrenschiff, 16. Jh.)

Wer Kindern Unart übersieht,

Sie strafend nicht zum Beßern zieht,

Habe sich das Leid, das ihm geschieht.

[Bild: Zwei Kinder, die mit Würfeln und Karten gespielt haben, bedrohen sich mit Messern und Schwertern; ein Narr sitzt mit verbundenen Augen daneben.]

Der ist in Narrheit ganz ein Blinder,

Der nicht in Acht hat, daß man seine Kinder

In Ehr und Züchten unterweist,

Vielmehr sich immer nur befleißt,

Daß sie irre gehen ohne Strafe

Wie ohne Hirten gehen die Schafe;

Ihnen alle Unart übersieht

Und ohne Warnung sie verzieht

Als wären sie nicht in den Jahren

Noch, gute Räthe zu bewahren

Und zu behalten Straf und Lehre.

O großer Thor, merk auf und höre:

(…) Philipp durchsuchte Griechenland

Bis er dem Sohn den Meister fand.

Dem größten König in der Welt

Ward Aristoteles gesellt,

Der selbst des Plato Schüler war,

Den Socrates lehrte manches Jahr.

Aber die Väter unsrer Zeit

Verblendet Geiz, das ist ein Leid:

Nur solchen Meister wählen sie,

Der zum Narren ihren Sohn verzieh

Und schick ihn wieder dann nach Haus

Thörichter, als er kam hinaus.

Kein Wunder freilich liegt darin,

Wenn Narren närrische Kinder ziehn.

(…) Ein löblich Ding mag Adel sein,

Doch ist es fremd, mit Nichten dein:

Es kommt von deinen Eltern her;

Ein köstlich Ding auch Reichthum wär,

Brächt ihn nicht leicht das Glück zu Fall,

Das auf und ab tanzt wie ein Ball.

Hübsch ist die weltliche Ehre zwar,

Doch unbeständig, wanderbar;

Leibliche Schönheit hält man werth,

Wiewohl sie kaum bis morgen währt;

So ist uns auch Gesundheit lieb,

Stiehlt sie sich fort, gleich wie ein Dieb;

Auch Stärke währt nicht bis zum Grab,

Durch Krankheit, Alter nimmt sie ab;

Deshalb ist nichts uns unabwendig,

Nur weise Lehre bleibt beständig.

Als Gorgias frug, ob selig wär

Zu preisen Persiens mächtger Herr,

Sprach Socrates, ich weiß noch nicht

Ob er Tugend hat und Unterricht.

Denn er meinte, daß Gewalt und Ehre

Nichts werth sei ohne Tugendlehre.

(https://archive.org/details/sebastianbrands00brangoog/page/n45)

Erziehung und Lebenskunst

Als einen Kommentar zur letzten Strophe von Goethes Gedicht „Dauer im Wechsel“ („Danke, dass die Gunst der Musen…“) lese ich eine Bemerkung der Malwida von Meysenbug in ihren „Memoiren einer Idealistin“, Bd. 2, S. 145 (https://archive.org/details/memoireneineride00meysuoft/page/n601): „Wir sprachen über die Kunst des Lebens überhaupt und wie wenige, selbst unter den Guten, es verstehen, das Leben vor Zersplitterung, vor Aufgehen in dem ‚Verfänglichen des irdischen Geschwätzes‘ zu hüten und die flüchtige Zeit zu retten für das, was ‚allein Not tut‘ im höchsten ethischen Sinn.“ Sie kam mit dem Arzt Löwe, den man als Lebenskünstler gerühmt hatte, „überein, dass die höchste Aufgabe der Erziehung sein sollte, diese Kunst des Lebens auszubilden, damit das ganze Dasein nur ein fortwährendes Enthüllen und Ausarbeiten einer erhabenen Idee in uns würde, mit der wir uns selbst zum höchsten Kunstwerk umgestalten und das Leben von den Fesseln des ‚Nichts in ewiger Bewegung‘ erlösen könnten“.

Kritik des gesamten Bildungswesens

Von der Vor- bis zur Hochschule setzt man hierzulande auf die Hervorbringung und Förderung der immergleichen Spezies des im Zeichen der Norm funktionierenden Menschen, der sich weder im Guten noch im Bösen allzu sehr von dem fiktiven Maßstab der „im Leben“ Erfolgreichen unterscheidet. Die Begradigung des Nicht-Geradlinigen, die sozialkollektive Berichtigung des Einzelgängertums, die pädagogische Redaktion jedes renitenten Willens, die Domestizierung schon der kindlichen Autonomie des Phantasierens und Träumens, kurz die Einebnung der Unterschiede der – sei es angeborenen, sei es erworbenen – Begabungen und Fertigkeiten ist geradezu das Programm einer Gesellschaft geworden, die sich in allen ihren Teilen und am stärksten wohl im Erziehungs- und Bildungswesen professionalisiert hat.

(Jürgen Paul Schwindt: http://faustkultur.de/1831-0-Tumult-Neue-deutsche-Universitaet.html)

Winterhoff: Wie geht richtige Erziehung?

Problem: Heute haben Eltern und auch Großeltern oft Angst vor Konflikten. Sie denken, dass sie nicht mehr geliebt werden, wenn sie mal Nein zum Kind sagen.

Folge: Das Kind entwickelt sich zu einem lust- orientierten Egoisten, dem es schwer fällt, wenn sich nicht alles nach ihm richtet. Als Erwachsene scheitern sie dann am Chef oder sind unfähig, eine Partnerschaft aufrecht zu erhalten, weil sie keine Kompromisse gewöhnt sind.

Lösung: Ein Kind darf nicht alles bekommen. Es braucht Grenzen, z.B.: „Heute darfst du nicht fernsehen.“ Diese Lenkung gibt den Kindern Schutz und stärkt die Bindung.

(Aus: Bild-Ratgeber, http://www.bild.de/ratgeber/kind-familie/kindererziehung/diese-fehler-duerfen-sie-nicht-machen-32556798.bild.html, s.u.) Die Sicht Michael Winterhoffs, des Ratgebers, eines Bonner Kinderpsychiaters, findet man in folgenden Beiträgen:

http://www.spiegel.de/spiegel/a-616055.html (Spiegel-Gespräch mitW. Bergmann und M. Winterhoff, 2009)

http://www.bild.de/ratgeber/kind-familie/kindererziehung/diese-fehler-duerfen-sie-nicht-machen-32556798.bild.html (Tipps von M. Winterhoff, BILD 2013)

Auf youtube findet man ebenfalls M. Winterhoff:

https://www.youtube.com/watch?v=qxUUNV8lTYI

https://www.youtube.com/watch?v=XOhPq2A-OIM

https://www.youtube.com/watch?v=1DdLVPqYAmI (mit anderen)

https://www.youtube.com/watch?v=XaR51RlFzOQ

https://www.youtube.com/watch?v=DYMtfwi2hRs („Nachtcafé“, u.a. mit M. Winterhoff)

sowie viele kleine Beiträge; er hat mehrere Bücher über Kinder(erziehung) geschrieben.

Worauf es bei der Erziehung ankommt

Worauf es bei der Erziehung ankommt, kann man in einem Interview in der WELT vom 24. Januar 2017 lesen:

Die Welt: Ihr Bestseller „Die Chancen unserer Kinder“ (2013) sagt, wo Bildung ansetzen muss, damit alle Kinder ihr Potenzial ausschöpfen. Der deutsche Untertitel lautet „Warum Charakter wichtiger ist als Intelligenz“. Wieso?

Paul Tough: Lange glaubte man, dass man, quasi vom Embryo an, die kognitiven Fähigkeiten trainieren müsse; dass der IQ den Lebenserfolg ausmache und frühe intellektuelle Stimulation ein Schlüsselfaktor sei. Und man fokussierte auf Kompetenzen wie Rechnen, Lesen, Schreiben. Doch es zeigt sich, dass ein hoher IQ kein Erfolgsgarant ist und es Wichtigeres gibt: die nicht kognitiven Fähigkeiten, die einen stabilen Kompetenzerwerb überhaupt erst ermöglichen. Um in Schule und Leben Erfolg zu haben, braucht es vor allem Mumm und Ausdauer, Neugier und jene starke Motivation, die einen dranbleiben lässt, wenn es schwierig wird; Fleiß und die Bereitschaft zum Belohnungsaufschub. Es braucht Resilienz: Kraft und Selbstvertrauen, um nach einem Rückschlag wieder aufzustehen.

[…]

Die Welt: Und wenn das Umfeld fehlt?

Tough: Rund die Hälfte aller Schulkinder in den USA sind so arm, dass sie das Recht auf eine subventionierte Schulmahlzeit haben. Arme Kinder erleben daheim und im Umfeld häufig chronischen Stress. Dadurch wird die Ausbildung einer resilienten Psyche erschwert. Neurowissenschaftler sprechen von „toxischem Stress“: Er versetzt Menschen in einen permanenten Alarmzustand, den sie nicht reflektieren können; das Gehirn kann durch den ständigen Beschuss mit Stresshormonen geschädigt werden, seine Aufnahmefähigkeit kann leiden. Die Menschen reagieren dann irrational, fluchtbereit, aggressiv – was in der Schule zu noch mehr Stress führt. Ein Teufelskreis.

Die Welt: Sie stellten aber ähnliche Defizite bei Kindern reicher Eltern fest.

Tough: Die „nährende“ Beziehung zu einem Erwachsenen – vorzugsweise den Eltern – fehlt oft im armen wie im sehr reichen Umfeld. Dass sie essenziell ist, beweist die neue Resilienz- und Bindungsforschung. Allerdings setzt der Mangel bei reicheren Kindern bisweilen erst im Teenageralter ein: Die Eltern sind beruflich eingespannt, und auf dem Kind lastet ein immenser Erwartungsdruck, mit dem es alleingelassen wird. Man findet also an beiden Enden der Gesellschaft nicht selten eine zu geringe mütterliche Bindung, eine überkritische Haltung der Eltern, deren emotionale wie auch physische Absenz und zu wenig Betreuung nach der Schule. […]

https://www.welt.de/wissenschaft/article161436876/Ein-hoher-IQ-ist-kein-Erfolgsgarant.html

Kultur des Durchwinkens

Es gibt eine neue Studie „Ausbildungsreife und Studierfähigkeit“ der KAS (http://www.kas.de/wf/doc/kas_44796-544-1-30.pdf?160407120128 ), darin steht ein Beitrag von Gerhard Wolf über Ursachen und Folgen einer nachlassenden Studierfähigkeit heutiger Jugendlicher (S. 10 ff.). Die WELT hat ein Interview mit Gerhard Wolf über das Thema geführt: http://www.welt.de/vermischtes/article157948609/Bewahrt-die-Schueler-vor-der-Kultur-des-Durchwinkens.html. Daraus kurz einige Auszüge:

Die Welt: Fehlt es an erlernbaren akademischen Techniken oder an Begabung?

Wolf: Oder schlicht an der Intelligenz. Man muss es differenziert sehen. Rechtschreibung und Grammatik kann man durch Übung erlernen, vor allem durch Lesen. Aber für eine wissenschaftliche Ausbildung braucht man schon eine höhere Begabung. Nimmt man zu den statistisch belegten 15 Prozent Hochbegabten noch weitere zehn Prozent Begabte in einem Abiturjahrgang hinzu, sind etwa ein gutes Viertel ohne Einschränkung für die wissenschaftliche Ausbildung geeignet. Inzwischen haben wir aber eine Studienanfängerquote von 58 Prozent eines Geburtsjahres. […]

Die Welt: Sind die Studienanfänger nicht einfach um ein bis drei Jahre zu jung?

Wolf: Es ist wahr. Die akademische Unselbstständigkeit ist enorm, und auch die Versagensangst ist größer geworden, wobei jedoch auf der anderen Seite bei den Studenten das Selbstbewusstsein, gerade bei der Organisation des Alltags, erstaunlich hoch ist. Die Studierenden sind also in einem praktischen Sinne durchaus lebenstüchtig. Große Defizite gibt es aber in puncto Selbsterkenntnis, was sich oft in grober Fehleinschätzung der eigenen Fähigkeiten niederschlägt. […] Dümmer sind sie nicht als die früheren Generationen. Nach der Intelligenzforschung nimmt der IQ eher zu. Aber viele der Studienanfänger haben noch nicht erkannt, wofür sie in ihrem Leben am besten geeignet sind. Das müssen sie noch herausfinden. Ich hüte mich auch vor Aussagen zur Intelligenz, sondern sage meinen Studierenden: „Sie beherrschen die deutsche Grammatik nicht [hier fehlt „deshalb nicht“, N.T.], weil Sie zu dumm sind, sondern zu wenig lesen oder sich nie systematisch damit auseinandergesetzt haben.“

Die Welt: Kritiker sagen, die Universitäten haben sich durch zu gute Benotung eine Menge Probleme selbst geschaffen.

Wolf: Natürlich. Das hat sich über lange Zeit entwickelt: Die Noten wurden – nicht nur in den Geisteswissenschaften – immer besser, wie auch eine Studie des Wissenschaftsrats belegt. Demnach erreichten 80 Prozent aller Prüflinge im Jahr 2011 entweder die Note „gut“ oder „sehr gut“. Wissenschaftler optimieren eben auch und folgen der Devise: „Ein zufriedener Student macht keinen Ärger.“ […]

Die Welt: Was also können und müssen wir tun, um diesen Schaden abzuwehren?

Wolf: Man muss sich von der „Kultur des Durchwinkens“ verabschieden. Ob an der Schule oder an den Universitäten: Wir müssen unsere Aufgabe als Mentoren unserer Schüler und Studenten ernst nehmen, die Benotungen wieder an der Gaußschen Normalverteilung ausrichten und unsere Meinung über erbrachte Leistungen offen kommunizieren.

 

Die Kultur des Durchwinkens gibt es auch an den Schulen, wo sie nicht nur von Eltern begrüßt wird, sondern auch von den Schulleitern und vor allem von den Gleichheits-Politikern: Man denke an den Bohei, der vor ein paar Jahren um Sabine Czerny in Bayern gemacht wurde, die mit ihrer Einser-Inflation alle Kolleginnen ausstach: Sogar in der SZ war sie die Märtyrerin des guten schülerfreundlichen Unterrichts, sogar die katholischen Priester haben ihr als vom bösen Schulrat Verfolgte irgendeine Medaille für Zivilcourage verliehen – dabei hatte sie nur ein gute Lobby. Die Kultur des Durchwinkens gab es in Einzelfällen schon vor 30 Jahren (nicht nur) am FMG, wo Kollegen sich damit einen Freiraum schufen, um inner- und außerhalb des Unterrichts ihren Hobbies nachgehen zu können (oder eigene Unfähigkeit zu kaschieren); bei einem Lehrerwechsel hieß es dann: Mein Kind war aber vorher gut (oder sehr gut) – nein, es war nicht gut, es hatte nur eine gute Note. Ich könnte leicht die Kollegen namentlich benennen, weil ich im Fach Deutsch öfter Nachfolger solcher Kollegen war…

Mehrsprachigkeit

Wenn man „Mehrsprachigkeit“ in der Suchmaschine eingibt, wird man überrascht, wie viele Institutionen und Vereine sich mit dem Thema befassen: Mehrsprachigkeit ist eine gesellschaftliche Realität in Deutschland, die auch deshalb zum Problem geworden ist, weil wir es politisch versäumt haben, anders als mit der naiven Forderung „Bitte alle Deutsch lernen – Deutschland ist kein Einwanderungsland!“ darauf zu reagieren. Insofern ist es zu begrüßen, dass Mehrsprachigkeit in der Vorbereitung aufs Abitur 2017/18 in NRW ein verpflichtendes Thema ist.

Ich habe bei google und ixquick jeweils die ersten 50 Links durchgesehen:

http://www.dgs-ev.de/fileadmin/bilder/dgs/pdf-dateien/broschuere_12.pdf (Sprachentwicklung bei Mehrsprachigkeit: wie Kinder mehrere Sprachen erwerben, wie sich Sprachentwicklungsstörungen bei mehrsprachigen Kindern ausdrücken, wie man Kinder im Sprachenerwerb unterstützen kann)

http://www.shlr.ch/media/downloads_sal/brosch%C3%BCre%20mehrsprachig%202012%20web.pdf (ähnlich)

http://www.zeit.de/2015/47/mehrsprachigkeit-kinder-vorteile (Reportage über Berliner Kita)

http://www.sueddeutsche.de/muenchen/erziehung-kinderleicht-1.2813614 (ähnlich)

https://www.foermig.uni-hamburg.de/pdf-dokumente/spracherwerb.pdf (Spracherwerb zweisprachig aufwachsender Kinder – ausführlich, mit Fazit am Ende jedes Kapitels)

https://www.frankfurt.de/sixcms/media.php/738/Mehrsprachigkeit_2012.pdf (Mehrsprachigkeit: Aktionen und Projekte in der Schule – praktische Anregungen, eher für Lehrer?)

https://de.wikipedia.org/wiki/Mehrsprachigkeit (unausgewogen)

http://www.welt.de/wissenschaft/article13621609/Mehrsprachigkeit-verschafft-geistigen-Vorsprung.html („Wissen“: Mehrsprachigkeit – pauschal: ihre Vorteile)

http://www.welt.de/wissenschaft/article154185581/Wie-Mehrsprachigkeit-unser-Gehirn-veraendert.html („Wissen“: Wie Mehrsprachigkeit unser Gehirn verändert – pauschal: ihre Vorteile)

http://www.tagesspiegel.de/wissen/position-deutschlands-zukunft-ist-mehrsprachig/11183286.html (Plädoyer für Mehrsprachigkeit ->analysieren?)

http://www.nzz.ch/warum-englisch-allein-als-wissenschaftssprache-nicht-genuegt-1.5247130 („Englisch allein als Wissenschaftssprache genügt nicht“: Artikel der NZZ, kann bei Ixquick unter „Anonym öffnen“ geöffnet werden. – Ähnlich: http://www.baukammerberlin.de/2015/01/warum-englisch-allein-als-wissenschaftssprache-nicht-genuegt-vielfalt-statt-einfalt/)

http://paedagogik-news.stangl.eu/233/mehrsprachigkeit-chance-oder-risiko (Mehrsprachigkeit: Chance oder Risiko?)

https://www.bmbf.de/pub/Sprachenvielfalt.pdf (Broschüre des bmbf)

http://www.fmks-online.de/download/FMKS-Ich_kann_viele_Sprachen_lernen.pdf (Broschüre des Vereins fmks: Ich kann viele Sprachen lernen; Plädoyer für Immersion: Die Fremdsprache ist dabei immer mit Aktivitäten und Inhalten verknüpft, die für die Lernenden bedeutungsvoll und interessant sind.)

http://www.verband-binationaler.de/mehrsprachigkeit/ (Verband binationaler Familien und Partnerschaften: mehrere Broschüren)

https://www.vhs-braunschweig.de/vhshdf/dialogwerk/PDF/Praesentation-Kuepelikilinc.pdf (Thesenartig: Mehrsprachigkeit als Schatz, mit der kleinen Raupe Nimmersatt und praktischen Tipps zum Schluss)

http://home.edo.tu-dortmund.de/~hoffmann/ABC/ABC_Zuwand.html (Kleines A-B-C: Migration und Mehrsprachigkeit; viele Artikel, wichtig ist „Bilingualismus“)

http://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs/DJI_Multikulti_Heft2.pdf (Dokumentation einer Tagung 1999 des DJI: Mehrsprachigkeit im multikulturellen Kinderleben)

https://www.testdaf.de/fileadmin/Redakteur/PDF/Forschung-Publikationen/Mehrsprachig_Zimm_Rupp.pdf (Symposion 2012: Mehrsprachig in Wissenschaft und Gesellschaft)

http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D24596.php (Historisches Lexikon der Schweiz: „Mehrsprachigkeit“)

http://europa.eu/pol/mult/index_de.htm (Mehrsprachigkeit in der EU)

http://www.europarl.europa.eu/aboutparliament/de/20150201PVL00013/Mehrsprachigkeit (Mehrsprachigkeit im Europ. Parlament)

http://www.iaf-bremen.de/projekte/mehrsprachigkeit.html (Links: News und Tipps zum Thema Mehrsprachigkeit)

https://www.foermig.uni-hamburg.de/bildungssprache/mehrsprachigkeit.html (Uni Hamburg: Kompetenzzentrum…: Literaturhinweise)

Vgl. auch den Kommentar 

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article154229289/Wie-Fluechtlinge-die-deutsche-Sprache-veraendern.html