Erziehung und Lebenskunst

Als einen Kommentar zur letzten Strophe von Goethes Gedicht „Dauer im Wechsel“ („Danke, dass die Gunst der Musen…“) lese ich eine Bemerkung der Malwida von Meysenbug in ihren „Memoiren einer Idealistin“, Bd. 2, S. 145 (https://archive.org/details/memoireneineride00meysuoft/page/n601): „Wir sprachen über die Kunst des Lebens überhaupt und wie wenige, selbst unter den Guten, es verstehen, das Leben vor Zersplitterung, vor Aufgehen in dem ‚Verfänglichen des irdischen Geschwätzes‘ zu hüten und die flüchtige Zeit zu retten für das, was ‚allein Not tut‘ im höchsten ethischen Sinn.“ Sie kam mit dem Arzt Löwe, den man als Lebenskünstler gerühmt hatte, „überein, dass die höchste Aufgabe der Erziehung sein sollte, diese Kunst des Lebens auszubilden, damit das ganze Dasein nur ein fortwährendes Enthüllen und Ausarbeiten einer erhabenen Idee in uns würde, mit der wir uns selbst zum höchsten Kunstwerk umgestalten und das Leben von den Fesseln des ‚Nichts in ewiger Bewegung‘ erlösen könnten“.

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Kritik des gesamten Bildungswesens

Von der Vor- bis zur Hochschule setzt man hierzulande auf die Hervorbringung und Förderung der immergleichen Spezies des im Zeichen der Norm funktionierenden Menschen, der sich weder im Guten noch im Bösen allzu sehr von dem fiktiven Maßstab der „im Leben“ Erfolgreichen unterscheidet. Die Begradigung des Nicht-Geradlinigen, die sozialkollektive Berichtigung des Einzelgängertums, die pädagogische Redaktion jedes renitenten Willens, die Domestizierung schon der kindlichen Autonomie des Phantasierens und Träumens, kurz die Einebnung der Unterschiede der – sei es angeborenen, sei es erworbenen – Begabungen und Fertigkeiten ist geradezu das Programm einer Gesellschaft geworden, die sich in allen ihren Teilen und am stärksten wohl im Erziehungs- und Bildungswesen professionalisiert hat.

(Jürgen Paul Schwindt: http://faustkultur.de/1831-0-Tumult-Neue-deutsche-Universitaet.html)

Winterhoff: Wie geht richtige Erziehung?

Problem: Heute haben Eltern und auch Großeltern oft Angst vor Konflikten. Sie denken, dass sie nicht mehr geliebt werden, wenn sie mal Nein zum Kind sagen.

Folge: Das Kind entwickelt sich zu einem lust- orientierten Egoisten, dem es schwer fällt, wenn sich nicht alles nach ihm richtet. Als Erwachsene scheitern sie dann am Chef oder sind unfähig, eine Partnerschaft aufrecht zu erhalten, weil sie keine Kompromisse gewöhnt sind.

Lösung: Ein Kind darf nicht alles bekommen. Es braucht Grenzen, z.B.: „Heute darfst du nicht fernsehen.“ Diese Lenkung gibt den Kindern Schutz und stärkt die Bindung.

(Aus: Bild-Ratgeber, http://www.bild.de/ratgeber/kind-familie/kindererziehung/diese-fehler-duerfen-sie-nicht-machen-32556798.bild.html, s.u.) Die Sicht Michael Winterhoffs, des Ratgebers, eines Bonner Kinderpsychiaters, findet man in folgenden Beiträgen:

http://www.spiegel.de/spiegel/a-616055.html (Spiegel-Gespräch mitW. Bergmann und M. Winterhoff, 2009)

http://www.bild.de/ratgeber/kind-familie/kindererziehung/diese-fehler-duerfen-sie-nicht-machen-32556798.bild.html (Tipps von M. Winterhoff, BILD 2013)

Auf youtube findet man ebenfalls M. Winterhoff:

https://www.youtube.com/watch?v=qxUUNV8lTYI

https://www.youtube.com/watch?v=XOhPq2A-OIM

https://www.youtube.com/watch?v=1DdLVPqYAmI (mit anderen)

https://www.youtube.com/watch?v=XaR51RlFzOQ

https://www.youtube.com/watch?v=DYMtfwi2hRs („Nachtcafé“, u.a. mit M. Winterhoff)

sowie viele kleine Beiträge; er hat mehrere Bücher über Kinder(erziehung) geschrieben.

Worauf es bei der Erziehung ankommt

Worauf es bei der Erziehung ankommt, kann man in einem Interview in der WELT vom 24. Januar 2017 lesen:

Die Welt: Ihr Bestseller „Die Chancen unserer Kinder“ (2013) sagt, wo Bildung ansetzen muss, damit alle Kinder ihr Potenzial ausschöpfen. Der deutsche Untertitel lautet „Warum Charakter wichtiger ist als Intelligenz“. Wieso?

Paul Tough: Lange glaubte man, dass man, quasi vom Embryo an, die kognitiven Fähigkeiten trainieren müsse; dass der IQ den Lebenserfolg ausmache und frühe intellektuelle Stimulation ein Schlüsselfaktor sei. Und man fokussierte auf Kompetenzen wie Rechnen, Lesen, Schreiben. Doch es zeigt sich, dass ein hoher IQ kein Erfolgsgarant ist und es Wichtigeres gibt: die nicht kognitiven Fähigkeiten, die einen stabilen Kompetenzerwerb überhaupt erst ermöglichen. Um in Schule und Leben Erfolg zu haben, braucht es vor allem Mumm und Ausdauer, Neugier und jene starke Motivation, die einen dranbleiben lässt, wenn es schwierig wird; Fleiß und die Bereitschaft zum Belohnungsaufschub. Es braucht Resilienz: Kraft und Selbstvertrauen, um nach einem Rückschlag wieder aufzustehen.

[…]

Die Welt: Und wenn das Umfeld fehlt?

Tough: Rund die Hälfte aller Schulkinder in den USA sind so arm, dass sie das Recht auf eine subventionierte Schulmahlzeit haben. Arme Kinder erleben daheim und im Umfeld häufig chronischen Stress. Dadurch wird die Ausbildung einer resilienten Psyche erschwert. Neurowissenschaftler sprechen von „toxischem Stress“: Er versetzt Menschen in einen permanenten Alarmzustand, den sie nicht reflektieren können; das Gehirn kann durch den ständigen Beschuss mit Stresshormonen geschädigt werden, seine Aufnahmefähigkeit kann leiden. Die Menschen reagieren dann irrational, fluchtbereit, aggressiv – was in der Schule zu noch mehr Stress führt. Ein Teufelskreis.

Die Welt: Sie stellten aber ähnliche Defizite bei Kindern reicher Eltern fest.

Tough: Die „nährende“ Beziehung zu einem Erwachsenen – vorzugsweise den Eltern – fehlt oft im armen wie im sehr reichen Umfeld. Dass sie essenziell ist, beweist die neue Resilienz- und Bindungsforschung. Allerdings setzt der Mangel bei reicheren Kindern bisweilen erst im Teenageralter ein: Die Eltern sind beruflich eingespannt, und auf dem Kind lastet ein immenser Erwartungsdruck, mit dem es alleingelassen wird. Man findet also an beiden Enden der Gesellschaft nicht selten eine zu geringe mütterliche Bindung, eine überkritische Haltung der Eltern, deren emotionale wie auch physische Absenz und zu wenig Betreuung nach der Schule. […]

https://www.welt.de/wissenschaft/article161436876/Ein-hoher-IQ-ist-kein-Erfolgsgarant.html

Kultur des Durchwinkens

Es gibt eine neue Studie „Ausbildungsreife und Studierfähigkeit“ der KAS (http://www.kas.de/wf/doc/kas_44796-544-1-30.pdf?160407120128 ), darin steht ein Beitrag von Gerhard Wolf über Ursachen und Folgen einer nachlassenden Studierfähigkeit heutiger Jugendlicher (S. 10 ff.). Die WELT hat ein Interview mit Gerhard Wolf über das Thema geführt: http://www.welt.de/vermischtes/article157948609/Bewahrt-die-Schueler-vor-der-Kultur-des-Durchwinkens.html. Daraus kurz einige Auszüge:

Die Welt: Fehlt es an erlernbaren akademischen Techniken oder an Begabung?

Wolf: Oder schlicht an der Intelligenz. Man muss es differenziert sehen. Rechtschreibung und Grammatik kann man durch Übung erlernen, vor allem durch Lesen. Aber für eine wissenschaftliche Ausbildung braucht man schon eine höhere Begabung. Nimmt man zu den statistisch belegten 15 Prozent Hochbegabten noch weitere zehn Prozent Begabte in einem Abiturjahrgang hinzu, sind etwa ein gutes Viertel ohne Einschränkung für die wissenschaftliche Ausbildung geeignet. Inzwischen haben wir aber eine Studienanfängerquote von 58 Prozent eines Geburtsjahres. […]

Die Welt: Sind die Studienanfänger nicht einfach um ein bis drei Jahre zu jung?

Wolf: Es ist wahr. Die akademische Unselbstständigkeit ist enorm, und auch die Versagensangst ist größer geworden, wobei jedoch auf der anderen Seite bei den Studenten das Selbstbewusstsein, gerade bei der Organisation des Alltags, erstaunlich hoch ist. Die Studierenden sind also in einem praktischen Sinne durchaus lebenstüchtig. Große Defizite gibt es aber in puncto Selbsterkenntnis, was sich oft in grober Fehleinschätzung der eigenen Fähigkeiten niederschlägt. […] Dümmer sind sie nicht als die früheren Generationen. Nach der Intelligenzforschung nimmt der IQ eher zu. Aber viele der Studienanfänger haben noch nicht erkannt, wofür sie in ihrem Leben am besten geeignet sind. Das müssen sie noch herausfinden. Ich hüte mich auch vor Aussagen zur Intelligenz, sondern sage meinen Studierenden: „Sie beherrschen die deutsche Grammatik nicht [hier fehlt „deshalb nicht“, N.T.], weil Sie zu dumm sind, sondern zu wenig lesen oder sich nie systematisch damit auseinandergesetzt haben.“

Die Welt: Kritiker sagen, die Universitäten haben sich durch zu gute Benotung eine Menge Probleme selbst geschaffen.

Wolf: Natürlich. Das hat sich über lange Zeit entwickelt: Die Noten wurden – nicht nur in den Geisteswissenschaften – immer besser, wie auch eine Studie des Wissenschaftsrats belegt. Demnach erreichten 80 Prozent aller Prüflinge im Jahr 2011 entweder die Note „gut“ oder „sehr gut“. Wissenschaftler optimieren eben auch und folgen der Devise: „Ein zufriedener Student macht keinen Ärger.“ […]

Die Welt: Was also können und müssen wir tun, um diesen Schaden abzuwehren?

Wolf: Man muss sich von der „Kultur des Durchwinkens“ verabschieden. Ob an der Schule oder an den Universitäten: Wir müssen unsere Aufgabe als Mentoren unserer Schüler und Studenten ernst nehmen, die Benotungen wieder an der Gaußschen Normalverteilung ausrichten und unsere Meinung über erbrachte Leistungen offen kommunizieren.

 

Die Kultur des Durchwinkens gibt es auch an den Schulen, wo sie nicht nur von Eltern begrüßt wird, sondern auch von den Schulleitern und vor allem von den Gleichheits-Politikern: Man denke an den Bohei, der vor ein paar Jahren um Sabine Czerny in Bayern gemacht wurde, die mit ihrer Einser-Inflation alle Kolleginnen ausstach: Sogar in der SZ war sie die Märtyrerin des guten schülerfreundlichen Unterrichts, sogar die katholischen Priester haben ihr als vom bösen Schulrat Verfolgte irgendeine Medaille für Zivilcourage verliehen – dabei hatte sie nur ein gute Lobby. Die Kultur des Durchwinkens gab es in Einzelfällen schon vor 30 Jahren (nicht nur) am FMG, wo Kollegen sich damit einen Freiraum schufen, um inner- und außerhalb des Unterrichts ihren Hobbies nachgehen zu können (oder eigene Unfähigkeit zu kaschieren); bei einem Lehrerwechsel hieß es dann: Mein Kind war aber vorher gut (oder sehr gut) – nein, es war nicht gut, es hatte nur eine gute Note. Ich könnte leicht die Kollegen namentlich benennen, weil ich im Fach Deutsch öfter Nachfolger solcher Kollegen war…

Mehrsprachigkeit

Wenn man „Mehrsprachigkeit“ in der Suchmaschine eingibt, wird man überrascht, wie viele Institutionen und Vereine sich mit dem Thema befassen: Mehrsprachigkeit ist eine gesellschaftliche Realität in Deutschland, die auch deshalb zum Problem geworden ist, weil wir es politisch versäumt haben, anders als mit der naiven Forderung „Bitte alle Deutsch lernen – Deutschland ist kein Einwanderungsland!“ darauf zu reagieren. Insofern ist es zu begrüßen, dass Mehrsprachigkeit in der Vorbereitung aufs Abitur 2017/18 in NRW ein verpflichtendes Thema ist.

Ich habe bei google und ixquick jeweils die ersten 50 Links durchgesehen:

http://www.dgs-ev.de/fileadmin/bilder/dgs/pdf-dateien/broschuere_12.pdf (Sprachentwicklung bei Mehrsprachigkeit: wie Kinder mehrere Sprachen erwerben, wie sich Sprachentwicklungsstörungen bei mehrsprachigen Kindern ausdrücken, wie man Kinder im Sprachenerwerb unterstützen kann)

http://www.shlr.ch/media/downloads_sal/brosch%C3%BCre%20mehrsprachig%202012%20web.pdf (ähnlich)

http://www.zeit.de/2015/47/mehrsprachigkeit-kinder-vorteile (Reportage über Berliner Kita)

http://www.sueddeutsche.de/muenchen/erziehung-kinderleicht-1.2813614 (ähnlich)

https://www.foermig.uni-hamburg.de/pdf-dokumente/spracherwerb.pdf (Spracherwerb zweisprachig aufwachsender Kinder – ausführlich, mit Fazit am Ende jedes Kapitels)

https://www.frankfurt.de/sixcms/media.php/738/Mehrsprachigkeit_2012.pdf (Mehrsprachigkeit: Aktionen und Projekte in der Schule – praktische Anregungen, eher für Lehrer?)

https://de.wikipedia.org/wiki/Mehrsprachigkeit (unausgewogen)

http://www.welt.de/wissenschaft/article13621609/Mehrsprachigkeit-verschafft-geistigen-Vorsprung.html („Wissen“: Mehrsprachigkeit – pauschal: ihre Vorteile)

http://www.welt.de/wissenschaft/article154185581/Wie-Mehrsprachigkeit-unser-Gehirn-veraendert.html („Wissen“: Wie Mehrsprachigkeit unser Gehirn verändert – pauschal: ihre Vorteile)

http://www.tagesspiegel.de/wissen/position-deutschlands-zukunft-ist-mehrsprachig/11183286.html (Plädoyer für Mehrsprachigkeit ->analysieren?)

http://www.nzz.ch/warum-englisch-allein-als-wissenschaftssprache-nicht-genuegt-1.5247130 („Englisch allein als Wissenschaftssprache genügt nicht“: Artikel der NZZ, kann bei Ixquick unter „Anonym öffnen“ geöffnet werden. – Ähnlich: http://www.baukammerberlin.de/2015/01/warum-englisch-allein-als-wissenschaftssprache-nicht-genuegt-vielfalt-statt-einfalt/)

http://paedagogik-news.stangl.eu/233/mehrsprachigkeit-chance-oder-risiko (Mehrsprachigkeit: Chance oder Risiko?)

https://www.bmbf.de/pub/Sprachenvielfalt.pdf (Broschüre des bmbf)

http://www.fmks-online.de/download/FMKS-Ich_kann_viele_Sprachen_lernen.pdf (Broschüre des Vereins fmks: Ich kann viele Sprachen lernen; Plädoyer für Immersion: Die Fremdsprache ist dabei immer mit Aktivitäten und Inhalten verknüpft, die für die Lernenden bedeutungsvoll und interessant sind.)

http://www.verband-binationaler.de/mehrsprachigkeit/ (Verband binationaler Familien und Partnerschaften: mehrere Broschüren)

https://www.vhs-braunschweig.de/vhshdf/dialogwerk/PDF/Praesentation-Kuepelikilinc.pdf (Thesenartig: Mehrsprachigkeit als Schatz, mit der kleinen Raupe Nimmersatt und praktischen Tipps zum Schluss)

http://home.edo.tu-dortmund.de/~hoffmann/ABC/ABC_Zuwand.html (Kleines A-B-C: Migration und Mehrsprachigkeit; viele Artikel, wichtig ist „Bilingualismus“)

http://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs/DJI_Multikulti_Heft2.pdf (Dokumentation einer Tagung 1999 des DJI: Mehrsprachigkeit im multikulturellen Kinderleben)

https://www.testdaf.de/fileadmin/Redakteur/PDF/Forschung-Publikationen/Mehrsprachig_Zimm_Rupp.pdf (Symposion 2012: Mehrsprachig in Wissenschaft und Gesellschaft)

http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D24596.php (Historisches Lexikon der Schweiz: „Mehrsprachigkeit“)

http://europa.eu/pol/mult/index_de.htm (Mehrsprachigkeit in der EU)

http://www.europarl.europa.eu/aboutparliament/de/20150201PVL00013/Mehrsprachigkeit (Mehrsprachigkeit im Europ. Parlament)

http://www.iaf-bremen.de/projekte/mehrsprachigkeit.html (Links: News und Tipps zum Thema Mehrsprachigkeit)

https://www.foermig.uni-hamburg.de/bildungssprache/mehrsprachigkeit.html (Uni Hamburg: Kompetenzzentrum…: Literaturhinweise)

Vgl. auch den Kommentar 

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article154229289/Wie-Fluechtlinge-die-deutsche-Sprache-veraendern.html

Bildung / Ungleichheit / Gerechtigkeit

Ein amerikanisches Projekt frühkindlicher Förderung: https://de.wikipedia.org/wiki/High/Scope_Perry_Preschool_Project

„Wenn man benachteiligte Kinder sehr früh fördert, sind die ökonomischen Effekte enorm; wenn man sie erst im Jugendalter unterstützt, sind die Effekte minimal. Manchmal erzielen solche Programme sogar negative Renditen!“ (James Heckman, Nobelpreisträger)
Und Heckmans Erklärung des Erfolgs ist diese: „Die Kinder aus der Vorschulgruppe waren motivierter und hatten mehr Selbstdisziplin. Das – und nicht der IQ – erklärt ihre späteren Erfolge.“

Das alles sollte man bedenken, wenn man Gerechtigkeitslücken in der Bildung sieht und deswegen eine gemeinsame Erziehung der Kinder auch über Klasse 4 hinaus fordert: „Gut gemeint“ ist nicht immer auch „gut gemacht“!

Christian Pfeifers Unbedarftheit

Christian Pfeifer hat 2007 eine Studie über den Zusammenhang von Medienkonsum und schulischen Leistungen veröffentlicht, die den bekannten Zusammenhang bestätigt: Je höher der Medienkonsum, desto schlechter die Leistungen in der Schule. Christian Pfeifers Studie steht hier: http://www.kfn.de/versions/kfn/assets/pisaverlierer.pdf

Hier ein Auszug, der die Schwäche der ganzen Untersucherei zeigt – ich werde unten unterm Strich darauf eingehen:

8. Was ist zu tun?
Auf der Grundlage der hier dargestellten KFN-Untersuchungen zur Wirkung von Fernsehen und Computerspielen auf Schulleistungen zeichnet sich für die vier PISA-Verlierergruppen ein klarer Befund ab. Im Vergleich zu ihrer jeweiligen Gegengruppe sind sie durchweg bereits in der Kindheit durch eine sehr viel höhere Ausstattung mit Mediengeräten belastet sowie in Folge davon mit sehr viel längeren Medienzeiten und eine weit intensiveren Nutzung von entwicklungsbeeinträchtigenden Medieninhalten. Übereinstimmend zeigen die Ergebnisse der beiden KFN-Schülerbefragungen 2005, der Berliner Panel-Untersuchung und des gedächtnispsychologischen Experiments, dass die deutlich schwächeren Schulleistungen der PISA-Verlierer auch mit ihrem jeweiligen Mediennutzungsmuster zu erklären sind. Die These, wonach die Schulnoten (und PISA-Leistungen) umso schlechter ausfallen, je mehr Zeit die Kinder und Jugendlichen mit Medienkonsum verbringen und je gewaltintensiver dessen Inhalt ist, hat sich klar bestätigt. Die Leidtragenden dieser seit Anfang der 90er Jahre zu beobachtenden Entwicklung sind in erster Linie die Jungen, die Kinder und Jugendlichen aus Norddeutschland, die jungen Migranten und die sozial schwachen Schülerinnen und Schüler aus Elternhäusern mit niedrigem Bildungsniveau.
Welche Folgerungen leiten sich aus der dargestellten Analyse ab?

8.1 Gezielte Aufklärung über die Entstehung und Wirkung extensiven Medienkonsums von Kindern und Jugendlichen
(…) Zu wünschen wäre ferner, dass bereits die Eltern von Grundschulkindern von ihrer Schule sowie über die Medien eine klare Botschaft vermittelt bekommen: Bildschirmgeräte gehören nicht ins Kinderzimmer.

8.2 Effektive Gestaltung des Jugendmedienschutzes
(…)

8.3 Die Nachmittage der PISA-Verlierer durch Ganztagsschulen retten
Die PISA-Verlierer verbringen ihre Nachmittage in hohem Maß mit Medienkonsum, der stark von entwicklungsbeeinträchtigenden Inhalten geprägt ist. Appelle an die Eltern dieser Kinder und Jugendlichen versprechen nur begrenzt Erfolg. Eine nachhaltige Verbesserung der Situation wird nur über die flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen zu erreichen sein, die nachmittags primär einem Motto verpflichtet sind: Lust auf Leben wecken durch Sport, Musik, kulturelles und soziales Lernen sowie weiterer Inhalte, die geeignet sind, den Schülerinnen und Schülern auch an Abenden und Wochenenden attraktive Alternativen zum stundenlangen Medienkonsum zu bieten. (…)

8.4 Mehr Forschung zur Computerspielsucht sowie zur praktischen Erprobung von Therapie- und Präventionskonzepten
Nach wie vor gibt es in Deutschland beträchtliche Forschungsdefizite zur Wirkung extensiven Medienkonsums. Dies gilt insbesondere für die Altersgruppe der 2- bis 8-Jährigen sowie für Erwachsene. Besonders dringlich erscheint allerdings, dass wir zum Thema der Computerspielsucht bisher nur über erste Einschätzungen zum Ausmaß des Problems bei Jugendlichen verfügen. Wir wissen zu wenig über die Genese suchtartigen Spielens, über Verlaufsformen und Auswirkungen sowie über die Wege, die aus der Sucht herausführen. (…)

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DIE ERGEBNISSE der Studie zeigen, wie schwach diese ist und wie hilflos Pfeifer vor dem Phänomen steht:

1. Die Korrelation „hoher Konsum – geringe Leistungen“ wird kausal ausgelegt. Das ist problematisch, weil monokausal: Medienkonsum ist kein Urdatum, sondern hat seinerseits Gründe! Und die Schulerfolge anderer Schüler sind nicht in einem geringeren Medienkonsum begründet, sondern gehen nur damit einher. Hier sieht man Pfeifers Hilflosigkeit: Man muss den vermittelnden Begriff des sozialen Status (bitte nachschlagen!) oder Habitus einschalten, wenn man die Zusammenhänge begreifen will.

2. Es wäre zu wünschen, schreibt Pfeifer, dass den Eltern der Schüler vermittelt würde…
Da liegt das Problem: Aufgrund des sozialen Habitus kann man das diesen Eltern nicht vermitteln!

3. Durch ein neues Gesetz erreicht man überhaupt nichts,
und dass den Schulmüden durch mehr Schule die Lust aufs Lernen käme, kann sich nur jemand im Elfenbeinturm ausdenken!
Wir sind damit wieder beim Standardheilmittel aller sozialen Probleme der Gegenwart gelandet: mehr Schule, Ganztagsschule… – statt dass man darüber nachdenkt, wie die Schule besser werden könnte.

4. Letztlich bleibt Herrn Pfeifer nur eine Forderung: mehr Forschung! Also noch mehr Studien!
Wer soll diese Studien durchführen? Welch eine Frage – Herr Pfeifer natürlich!

Fazit: Wenn man ehrlich ist, läuft die ganze Studie darauf hinaus, den Eltern die Kinder wegzunehmen [denn das heißt „nachmittags Schule“ in Wahrheit!], was bekanntlich oft das Beste für die Kinder wäre. (Es gibt Lehrer, die sagen, manchen Kindern wäre nur zu helfen, wenn man deren Eltern totschlüge.)
Die in der Schule versagenden Kinder brauchen nicht mehr Schule, sondern andere Eltern – und zwar am besten rückwirkend, und weil das nicht gut geht: eine andere Schule! Wer das nicht ausspricht, belügt sich selber oder ist naiv und kennt nicht die Zusammenhänge, die im Begriff des sozialen Status erfasst werden.

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In einem Beitrag über die „Generation XXL“ (SZ vom 13. Februar 2008) schrieb Kristina Läsker, dass Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus häufiger als solche aus wohlhabenderen Familien übergewichtig sind: Dort waren 28 % der Kinder zu dick, hier nur 15 %. Dazu wurde dann Thilo Bode, der Leiter von Foodwatch, zitiert: „Der Kauf von gesunder Nahrung ist ein Einkommensproblem.“

Hier finden wir einen Denkfehler, der seit Jahrhunderten als solcher bekannt ist: Es besteht ein Zusammenhang zwischen Einkommenshöhe und Ernährungsweise; aber das muss kein kausaler Zusammenhang sein! Der hier bestehende „und“- ist kein „weil“-Zusammenhang: Die Armen essen nicht Burger, weil sie wenig Geld haben. Sie sind aber auch nicht arm, weil sie Burger essen – es besteht eine Korrelation, aber kein kausaler Zusammenhang, Herr Bode!
Die Kenntnis und das Verständnis des Begriffs sozialer Status wirkt wahre Wunder, wenn man Zusammenhänge von Bildung, Einkommen und Lebensstil begreifen will. Man kann sich jederzeit im Internet über „sozialer Status“ informieren; google hat dazu weit mehr als 100.000 Einträge. Elementare Informationen bietet der Artikel http://www.karteikarte.com/card/1250938/sozialer-status-und-statuskriterien-begriff-und-arten, umfassendere gibt es unter den Links

http://www.philso.uni-augsburg.de/lehrstuehle/soziologie/sozio1/medienverzeichnis/Bosancic_WS_07_08/SU_Einf.pdf

http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138439/soziale-schichtung?p=all
https://www.ernaehrungs-umschau.de/fileadmin/Ernaehrungs-Umschau/pdfs/pdf_2010/02_10/EU02_2010_084_089.qxd.pdf (Sozialer Status und Ernährungsqualität)

Burnout bei Kindern?

Der Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort hat ein Buch „Burnout-Kids – Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert“ (München 2015) geschrieben und steht deshalb bevorzugt als Gesprächspartner zur Verfügung; der Deutschlandfunkt hat sich des Themas angenommen:

http://www.deutschlandradiokultur.de/burnout-bei-schuelern-erschoepfte-gesellschaft-erschoepfte.970.de.html?dram:article_id=320628

http://www.deutschlandradiokultur.de/burnout-bei-kindern-die-symptome-der-erschoepfung-sind.1008.de.html?dram:article_id=313018

http://www.deutschlandfunk.de/leistungsdruck-bei-schuelern-schulpsychologen-werden-immer.680.de.html?dram:article_id=306316 (mit weiteren Links)