Behaghel: Die deutsche Sprache

Ich möchte auf ein Buch hinweisen, das den Reichtum der deutschen Sprache geschichtlich erschließt, von den Dialekten bis zur Wortbildung, von der Betonung über die Flexion (Deklination, Konjugation) bis zum Satzbau. Es stammt von Otto Behaghel: Die deutsche Sprache, 7. Aufl. 1923; der Autor war Professor in Gießen und ein anerkannter Fachmann, von dem man auch heute noch sehr viel lernen kann (auch wenn Einzelnes sicher wissenschaftlich überholt ist) – fast zu viel, wenn man das Buch in einem Streifen liest; dann könnte man leicht von der Fülle der Einzelheiten verwirrt werden.

Ich verlinke das Inhaltsverzeichnis, damit man sich einen Eindruck von dem machen kann, was einen bei der Lektüre erwartet – oder damit man weiß, was man wo nachschlagen kann. Dem dient dann auch das Wort- und Sachverzeichnis. Blättern kann man, indem man auf eine Seite klickt (links: zurück, rechts: vor), oder unten rechts mittels der Pfeile (Dreiecke). Mit dem dunklen Punkt unten kann man über viele Seiten hinweg springen.

https://archive.org/stream/diedeutschespr00behauoft#page/400/mode/2up (Inhalt)

https://archive.org/stream/diedeutschespr00behauoft#page/378/mode/2up (Wort- und Sachverzeichnis)

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Genderdeutsch

https://norberto68.wordpress.com/2015/11/22/gender-sprache/

http://www.spektrum.de/news/wie-gender-darf-die-sprache-werden/1492931

Genderdeutsch

Dies ist ein ganz böses Kapitel sprachlicher Verunstaltung. Die vermeintliche Gleichbehandlung von Männern und Frauen oder die sogenannten „geschlechterneutralen“ Formulierungen sind völlig unnütz, niemand braucht sie, und außer durch Politiker, die sie massiv vorantreiben und sogar „Rechtsvorschriften“ dazu initiieren, was immer das sein mag, werden sie von den deutschsprechenden Völkern im wesentlichen ignoriert. Das ist sicher der gesündeste Part in diesem Prozeß. Frauen mit Bildung und Intelligenz begrüßen das Genderdeutsch auch nicht. Auch die orthographischen Auswüchse wie Schrägstrich-innen oder ein großes I inmitten eines Wortes (Mitarbeiter/innen, MitarbeiterInnen) werden in den deutschsprechenden Völkern mehrheitlich abgelehnt.

Hier einige Tendenzen und Beispiele, die den ganzen Unsinn zeigen.

  • Die in allen Lebensbereichen erhobene Forderung nach ständiger Doppelnennung der Geschlechter gilt merkwürdigerweise nicht ohne Einschränkung. Zum Beispiel wird
    • Täterinnen und Täter,
    • Verbrecherinnen und Verbrecher,
    • Diebinnen und Diebe oder auch
    • Betrügerinnen und Betrüger

nicht gefordert. Warum eigentlich nicht? In allen anderen Fällen wird ja die sogenannte „Gleichbehandlung“ von Männern und Frauen kategorisch verlangt. Möglicherweise soll mit dem Fehlen weiblicher Benennungen weibliche Kriminalität geleugnet werden. Das widerspricht aber den Tatsachen der gegenwärtigen Entwicklung.

Der wahre Grund ist jedoch woanders zu finden. Das Genderdeutsch wurde forciert inszeniert, als sich die Frauen im Jahre 1918 in Deutschland endlich das Wahlrecht erkämpft hatten. In dieser Errungenschaft haben Politiker das große Potential erkannt, welches die Frauen als Wähler darstellen, und so begann man, um diese Wählerstimmen zu buhlen, mit allen Mitteln, auch mit sprachlichen. Dafür sind natürlich Negativbegriffe wie oben ungeeignet. Der Prozeß verlief im Einklang mit militanten Feministen (das sind Männer und Frauen! Man muß das heute schon explizit sagen), die mit großer Intensität begannen, glaubhaft machen zu wollen, das grammatische Genus eines Begriffes sei mit dem biologischen Geschlecht des Begriffsträgers gleichzusetzen und folglich seien mit dem maskulinen grammatischen Genus Frauen aus der Nennung ausgeschlossen. Die Sprachwissenschaft versucht geradezu mit Engelzungen, diesen Irrtum aufzuklären. Bedauerlicherweise sind aber Politiker und Feministen stärker und setzen mit grobem Machtgehabe ihre beschränkten Sprachkenntnisse durch.

  • Die Begriffskombination Mitglieder und Mitgliederinnen, die ich in einer Gewerkschaftszeitung aufgefunden habe, ist vermutlich von einem Politiker: Weiblich um jeden Preis, auch wenn es grammatisch völlig unmöglich ist. Es ist zwar falsch, aber es klingt gut, und das ist wichtiger.
  • Brautpaar. Warum eigentlich nicht Braut/Bräutigampaar? Eine Braut allein ist schließlich noch kein Paar. Der Begriff Brautpaar ist ja nun doch sehr weiblich besetzt, so daß kaum die Gefahr der Realisierung meiner Idee besteht, Männer kommen seltener auf solche ulkigen Vorschläge.
  • Der Mensch – grammatisch maskulin, eine feminine Form gibt es nicht. Nach dem irrigen Sprachverständnis derer, die das grammatische Genus und das biologische Geschlecht immer noch als dasselbe ansehen, so daß also grammatisch maskulin biologisch männlich bedeute, können demnach nur Männer Menschen sein, weil Frauen, wie jeder weiß, nicht männlich sind.
  • Die Persönlichkeit – grammatisch feminin, eine maskuline Form existiert nicht. Nach der politisch suggerierten Sprachfehlleistung, grammatisch feminin sei biologisch weiblich, könnten deshalb nur Frauen Persönlichkeiten sein, denn Männer sind nicht weiblich.
  • Der Junge ist grammatisch maskulin. Heißt das, daß er männlich ist? Wie sollen wir dann das Mädchen verstehen? Es ist nicht feminin, es ist ein Neutrum. Also, nicht weiblich? Wie nun? Hier muß man tatsächlich das biologische Geschlecht betrachten: Ehe der Junge ein Mann wird, vergehen 16 bis 18 Jahre, und dann ist er kein Junge mehr. Der Junge ist also nicht männlich, sondern grammatisch maskulin. Bei dem Mädchen dauert es auch etwa so lange, ehe es eine Frau wird. Aber das Mädchen ist ja ohnehin nicht weiblich, pardon, nicht feminin.
  • Ich will einmal als Beispiel mit dem Genderdeutsch ein Problem der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland behandeln. Ich treffe die Feststellung Angela Merkel ist der achte Bundeskanzler der Bundesrepublik. Sofort werde ich attackiert: Angela Merkel sei nicht Bundeskanzler, sondern Bundeskanzlerin. Ich korrigiere also: Angela Merkel ist die achte Bundeskanzlerin der Bundesrepublik. Nun aber ist die Aussage falsch, denn die anderen waren alle sieben Männer. Um die Aussage richtigzustellen, korrigiere ich wieder: Angela Merkel ist die erste Bundeskanzlerin der Bundesrepublik. Das ist zwar richtig, aber darum ging es gar nicht. Die Aussage, die ich vornehmen will, kann man mit dem Genderdeutsch gar nicht mehr ausdrücken, ohne auf die orthographischen Mißgestaltungen mit dem Schrägstrich oder großem I zurückzugreifen.
  • All diese Wirrnisse entstehen nur durch das Genderdeutsch. Es taugt zu nichts, außer zu großem Unsinn. Hier aber hätte es wirklich Sinn, sich einmal am Englischen zu orientieren. Dort gibt es solche Probleme nicht, obwohl es auch im Englischen feminine Formen gibt. Zum Beispiel authorness – die Autorin. Aber sie werden nicht verwendet. Die englischsprechenden Völker wollen sie nicht haben.
  • Dieses ganze Prozedere führt dann zu abartigen Auswüchsen, wie einerseits zu den absurden Darstellungen im Entwurf einer Verordnung über das Fleischhygienerecht aus der Feder Herrn lic. iur. Urs-Peter Müllers vom Bundesamt für Veterinärwesen der Schweiz oder andererseits zu der völlig konfusen Formulierung in einer Dissertation, beides gefunden durch den Schweizer Sprachwissenschaftler Dr. Arthur Brühlmeier, nachlesbar unter http://www.unipohl.de/Appell.htm, dort Abschnitt 2., Staatsfeminismus.
  • Welch unglaubliche Blüten der militante Feminismus in Verbindung mit politischem Machtgetöse in seiner Endphase austreiben kann, erfährt man an der Universität Leipzig, an der – angeregt durch die Rektorin Professor Doktor Beate Schücking – grammatisch maskuline Benennungen per Senatsbeschluß abgeschafft werden sollen und den abstrusen Benennungen wie zum Beispiel Herr Professorin, Herr Doktorin oder Herr Dozentin zu weichen haben. Andere Universitäten sollen folgen. Ausführlicher beleuchtet habe ich dies unter http://www.unipohl.de/Femininmaenner.htm.

(Quelle: http://hauptplatz.unipohl.de/Muttersprachprobleme.htm)

vgl. https://merton-magazin.de/hier-endet-das-gendern

http://de.wikimannia.org/Gendersprech

https://de.wikipedia.org/wiki/Geschlechtergerechte_Sprache

http://www.linguistik-online.com/39_09/elmiger.html

P.S. Aufgrund des Kommentars von Herrn Rau stelle ich meine Position dar

1.Eine der wichtigsten Forderungen an den, der spricht, lautet: „Rede kurz!“ So lautet zum Beispiel die erste Regel in „Goldene Regeln der Rhetorik“ von Marcus Knill (http://rhetorik.ch/Goldeneregeln/Goldeneregeln.html; vgl. „In der Kürze liegt die Würze.“). Otto Behaghel spricht ausdrücklich von der Sparsamkeit der mündlichen Rede (Die Deutsche Sprache, 7. Aufl. 1923, S. 50). Alle sprechen von einem Kilo, nicht von einem Kilogramm, und man bestellt ein Soda, nicht ein Sodawasser. Diese Tendenz zur Kürze ist so stark, dass heute bereits Verben ausgelassen werden: „Schulz kann Wahlkampf.“ oder „Hecking kann Abstiegskampf.“

Vom Griechen Phokion ist der Satz überliefert: „Ich denke darüber nach, was ich an der Rede, die ich halten will, noch einsparen kann.“ Plutarch schreibt zu Phokion: „Denn so wie sich die beste Münze dadurch auszeichnet, dass sie bei kleinstem Volumen den größten Wert hat, so ist auch die kraftvollste Rede diejenige, die mit wenigen Worten viel besagt.“

2.1 „Ein generisches Maskulinum ist die Verwendung eines maskulinen Substantivs oder Pronomens, wenn das Geschlecht der bezeichneten Personen unbekannt oder nicht relevant ist oder wenn männliche wie weibliche Personen gemeint sind. Beispiel: Das Wort „Studenten“ in der Verwendung als generisches Maskulinum bezieht sich auf eine Gruppe von Studierenden unbekannten Geschlechts oder eine gemischtgeschlechtliche Gruppe. Generische Maskulina gibt es in vielen Sprachen.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Generisches_Maskulinum) Wenn ich einen Arzttermin habe, stelle ich mir doch keine Verabredung mit einem Mann vor, und die Arztpraxis ist die Praxis eines Arztes oder einer Ärztin – das Wort „Arztpraxis“ sagt darüber nichts und regt auch nicht die Vorstellung eines Mannes an.

2.2 Das generische Maskulinum erfüllt das Gebot der Kürze (s. 1.).

2.3 Das generische Maskulinum diskriminiert Frauen nicht, setzt sie nicht herab und behandelt sie nicht als unwichtig oder zweitrangig.

3.1 Deshalb besteht kein Grund dafür, eine sogenannte geschlechtergerechte Sprache einzuführen, in der es von Wiederholungen wimmelt, die also gegen das Gebot der Kürze vestößt. (Dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Geschlechtergerechte_Sprache)

3.2 Vor allem ändert eine „geschlechtergerechte Sprache“ nichts an realen Verhältnissen, in denen Frauen ungerecht behandelt werden. – Ich schließe mich der Forderung an, Frauen und Männer gleichberechtigt zu behandeln, also z.B. gleichen Lohn für gleiche Arbeit zu zahlen.

3.3 Gut scheint mir die Stellungnahme Peter Müllers von der SOK zu sein:

„Rein sprachlich gesehen, ist die permanente Nennung der weiblichen Formen unnötig. In den Formen Verkäufer usw. kann man ein sogenanntes generisches Maskulinum sehen, das mit dem biologischen Geschlecht nichts zu tun hat. Ein Indiz dafür ist, dass es auch generische Feminina und Neutra gibt: die Wache, die Gans, die Geisel, die Waise, das Opfer, das Kind, die Person. Alle Diminutive sind generische Neutra: das Mädchen, das Schneiderlein (siehe auch „Generisches Maskulinum“ auf Wikipedia).

Die systematische Nennung der weiblichen Schreibweisen führt zu schweren Beeinträchtigungen der Lesbarkeit. Sie kann auch gar nicht vollständig durchgehalten werden, z. B. in Zusammensetzungen: Bürgervertreter müsste in Bürger- und Bürgerinnenvertreter und -vertreterinnen umgesetzt werden.

Die aus politischer Korrektheit vor allem von feministischer und linker Seite geforderte zunehmende Verwendung von weiblichen Schreibweisen führt dazu, dass unter dem neutralen generischen Maskulinum schliesslich wirklich nur noch Männer verstanden werden, fälschlicherweise auch in denjenigen Fällen, in denen beide biologischen Geschlechter gemeint sind: da, wo auch Verfechter der feministischen Schreibweisen ihr System nicht durchhalten können (s. o.), oder in der Normalschreibweise, in der der Schreiber das generische Maskulinum meint. Dem Anliegen der Gleichstellung wird damit eher geschadet als genutzt.

Inzwischen kommt niemand mehr um die Berücksichtigung dieser Entwicklung herum. Dabei ist eine moderate Anwendung der weiblichen Formen zu empfehlen. Mehrere Institutionen wie der Duden, in der Schweiz die Bundeskanzlei, haben dazu Richtlinien herausgegeben. Doppelnennungen werden vor allem in (feierlichen) Ansprachen empfohlen. In Stelleninseraten sind sie teils sogar vorgeschrieben. In vielen Fällen werden Ersatzformulierungen wie Studierende (statt Studenten und Studentinnen) empfohlen. Das sogenannte Binnen-I hingegen widerspricht den (herkömmlichen und reformierten) Rechtschreibregeln und ist damit rechtschreiblich gesehen falsch.

In längeren Dokumenten kann auch der Hinweis angebracht werden, dass im Text das generische Genus verwendet wird (nicht dass Frauen „mitgemeint“ seien), z. B. aus einem Dokument der SDA: Hinweis: In diesem Dokument wird aus sprachlichen Gründen (Lesbarkeit, Ästhetik) das generische Genus (in der Regel das generische Maskulinum) angewendet. Das generische Maskulinum (z. B. der Mitarbeiter, der Vorgesetzte) bezeichnet das biologische Genus genauso wenig wie das generische Femininum (z. B. die Waise, die Geisel) oder das generische Neutrum (z. B. das Männchen, das Mädchen). Wo nicht ausdrücklich unterschieden wird, sind immer beide biologischen Genera gemeint.“

Peter Müller, SOK (http://sok.ch/2007/11/weibliche-formen/)

3.4 Im Duden-Newsletter findet sich folgende Erklärung – leider wird nur auf das Regelwerk geschaut und nicht gefragt, ob die Doppelnennung sinnvoll ist:

„Die höflichste und eindeutigste Variante der sprachlichen Gleichstellung ist die Doppelnennung. Besonders in der persönlichen Anrede können die Doppelformen Leserinnen und Leser, Schülerinnen und Schüler verwendet werden. Die konsequente Doppelnennung im weiteren Text macht diesen aber schwerfällig und schlecht lesbar. Zur verkürzten Darstellung von Doppelformen bietet sich der Schrägstrich an: Mitarbeiter/-innen; die Schreibung ohne den Auslassungsstrich ist nicht korrekt.
Allerdings kann mithilfe des Schrägstrichs nur verkürzt geschrieben werden, wenn sich die Wörter ausschließlich in der Endung unterscheiden (also z. B. nicht bei Arzt/Ärztin). Ähnlich dem Schrägstrich können Doppelnennungen auch durch Klammern verkürzt werden, z. B. Mitarbeiter(in), Kolleg(inn)en.
Die Verwendung des großen I im Wortinnern (Binnen-I) entspricht nicht den Rechtschreibregeln.“ (http://www.duden.de/sprachwissen/newsletter/Duden-Newsletter-070111)

3.5 Ich empfehle, in der persönlichen Anrede die Doppelnennung zu verwenden, die verkürzte Darstellung von Doppelformen aber nur, wo es entweder vorgeschrieben ist oder es zu Missverständnissen kommen kann, falls sie nicht verwendet werden.

P.S.

In seinem Aufsatz „Das missbrauchte Geschlecht“ (SZ 3. März 2017, S. 14; vgl. das Interview http://www.deutschlandfunk.de/linguist-kritisiert-geschlechtergerechte-sprache-ein.691.de.html?dram:article_id=380828) zeigt Peter Eisenberg, wie sprachlich unbedarft die GenderInnen und GenderAußen sind: „Das Genus in den indoeuropäischen Sprachen ist entstanden durch Zweiteilung in Bezeichnungen für Belebtes (später Maskulinum) und Unbelebtes (später Neutrum). Das Femininum kam als drittes Geschlecht hinzu und spezialisierte sich auf Kollektiva und Abstrakta. Mit dem natürlichen Geschlecht weiblich hatte es nichts zu tun, und dabei ist es bis heute im Wesentlichen geblieben.“ – Eisenberg verweist noch auf Roman Jakobsons Entdeckung, dass in allen grammatischen Kategorien jeweils eine als unmarkierte (mit unspezifischer Bedeutung, Hintergrund), eine als markierte (mit spezieller Bedeutung und aufwendigerer Form) fungiert (z.B. Aktiv-Passiv), mit entsprechenden Konsequenzen für das Genussystem. Zur Markierungstheorie:

https://de.wikipedia.org/wiki/Markiertheit (kurz)

http://www.personal.uni-jena.de/~x1gape/Wort/Wort_Unterspez.pdf (ausführlicher)

http://www.christianlehmann.eu/ling/ling_theo/markiertheit.php (ausführlich)

http://hypermedia.ids-mannheim.de/call/public/gruwi.ansicht?v_id=4057 (speziell: Flexionsmorphologie)

https://de.wikipedia.org/wiki/Roman_Ossipowitsch_Jakobson (über Roman Jakobson)

Fazit: Gendern erhöht zwar das Selbstgefühl der Feministen (unmarkierte Form), verschangeliert aber auf unverantwortliche Weise die deutsche Sprache. Angesichts der realen Probleme unserer Welt mutet der Kampf für Genderdeutsch wie ein Akt feministischer Selbstbefriedigung an. – Zum Evangelischen Kirchentag im Mai 2017 gab es ein Liederbuch in (gender)gerechter Sprache, dessen Blüten die FAZ gesammelt hat:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/evangelischer-kirchentag-genderwahn-verunstaltet-liederbuch-15036612.html

https://www.journalistenwatch.com/2017/05/29/herrgoettin-kaessmann-laesst-die-gender-choere-lesbenlieder-singen/

http://www.spektrum.de/news/wie-gender-darf-die-sprache-werden/1492931http://www.spektrum.de/news/wie-gender-darf-die-sprache-werden/1492931

https://norberto68.wordpress.com/2015/11/22/gender-sprache/

 

Symbol und Motiv in Kurzgeschichten

Es gilt als Grundsatz, dass in Kurzgeschichten der Erzähler sich mit Erklärungen und seiner Bewertung des Geschehens zurückhält und dass der Leser die Bedeutung des Geschehens anhand von (Metaphern,) Symbolen oder Leitmotiven erschließen muss. Nun besteht das Problem natürlich darin, dass es im Text an den Wörtern keine Kärtchen gibt, auf denen „Metapher“, „Symbol“ oder „Leitmotiv“ stände – dass so etwas vorliegt, muss man als Leser selber sehen oder spüren.

Dabei besteht dann die Gefahr, dass man auf der Suche nach Symbolen oder Motiven zu spinnen beginnt und in jeder Einzelheit eine tiefere Bedeutung zu finden vermeint. Ich habe das exemplarisch für Bölls Erzählung „Wanderer, kommst du nach Spa…“ nachgewiesen (https://norberto42.wordpress.com/2009/09/01/boo-wanderer-kommst-du-nach-spa-analyse/), wo sogar der grünen Wandfarbe eine Hoffnungsbedeutung zuerkannt wurde (siehe am Ende meiner Analyse). Nein, „Bedeutung“ muss in das Ganze des erzählten Geschehens passen und darf nicht isolierten Einzelheiten angehängt werden.

Ich möchte an einigen Beispielen zeigen, wie sich solche „tiefere“ Bedeutung im/aus dem Kontext ergibt:

  1. In Borcherts Kurzgeschichte „Das Brot“ begegnen sich die Eheleute „im Hemd“ in der Küche und damit im Licht; dreimal wird „im Hemd“ vom Erzähler erwähnt, was zeigt, dass er darauf Wert legt: Beide erkennen im Licht, wie alt der Partner „im Hemd“ wirklich ist; wenn man im Hemd vor dem anderen steht, kann man nichts mehr durch Kleidung und Frisur beschönigen, dann zeigt sich die Wahrheit des Menschen. – „Sie fühlte, wie die Kälte der Fliesen langsam an ihr hochkroch.“ Diese Kälte ist m.E. nicht nur eine Kälte der Fliesen, sondern auch eine Kälte in der Beziehung der Eheleute, als die Frau entdeckt, dass ihr Mann sie belügt. Der erklärende Satz folgt unmittelbar auf die zweite Erwähnung der kalten Fliesen: „Sie sah ihn nicht an, weil sie nicht ertragen konnte, dass er log.“ Mit seinem Lügen stellt er sie Liebe in Frage; das spürt sie als Kälte, die an ihr emporkriecht. – Für das Verhältnis von Wahrheit und Lüge steht in dieser Erzählung symbolisch vermutlich auch das Licht, das die Frau in der Küche anmacht und schließlich ausmacht, um nicht nach dem Teller – dem Beweis des Lügens – sehen zu müssen. Auch am nächsten Abend, als sie ihrem Mann vier statt der üblichen drei Scheiben Brot anbietet und selber dafür lügt, sie könne das Brot nicht vertragen, rückt sie zuerst von der Lampe weg (damit er nicht ihr Gesicht sieht) und kehrt erst nach einer Weile unter die Lampe zurück; dass dies erwähnt wird, fällt im Zusammenhang von Licht-Dunkel und Wahrheit-Lüge auf. „Licht“ und „im Hemd stehen“ sind dieser Erzählung also Symbole.
  2. In Schnurres Erzählung „Jenö war mein Freund“ ist die Igeljagd und das Braten der Igel am offenen Feuer ein Leitmotiv; es steht für das naturnahe „wilde“ Leben der Zigeuner, von dem der Ich-Erzähler als Junge fasziniert war: „Jenö war mein Freund.“
  3. In Brambachs Erzählung „Känsterle“ hat vielleicht das trübe Licht auf dem Dachboden symbolische Bedeutung: In dieses Trübe wird Herr Känsterle von seiner Frau hineingezwungen, durch das ihm aufgezwungene Amt des Nikolaus. Ob man dem das Glitzern in den Augen Herrn Hansmanns entgegenstellen darf? Vielleicht ist das Glitzern nur das Zeichen des Verstehens und des Einverständnisses, das sich ja auch aus seiner Frage ergibt: „Mein lieber Känsterle, ist das alles?“ Sicher scheint mir der letzte Satz der Erzählung sowohl eine gegenständliche wie auch eine symbolische Bedeutung zu haben: „Ein kalter Wind zieht durch die Stube.“ Die Fenster sind zertrümmert, es zieht durch sie. Aber auch die von Frau Känsterle erbaute und zerstörte heile Familienwelt liegt in Trümmern, weil ihr Mann den Terror der Hausfrau nicht mehr ertragen konnte und zugeschlagen hat. Da weht jetzt auch nur noch ein kalter Wind.

Fazit: In den drei Beispielen haben wir Motive (im Hemd stehen, die Igel) und Symbole (Licht, Kälte, kalter Wind) gefunden, wobei „im Hemd“ auch zu den Symbolen gezählt werden kann. Eine Metapher haben wir bisher nicht gefunden – allerdings ist die Abgrenzung der Metapher vom Symbol auch nicht immer einfach. Vielleicht haben Metaphern aber auch eine zu geringe Reichweite, als dass sie die Bedeutung einer ganzen Erzählung tragen könnten.

Metapher: https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/metapher

Symbol: https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/symbol

Motiv (literatur): https://de.wikipedia.org/wiki/Motiv_(Literatur)

Als Leitmotiv bezeichnet man in der Literatur

  • eine einprägsame und im gleichen Wortlaut wiederkehrende Aussage
  • oder eine thematische Einheit,

die der Gliederung des Erzählten und oft der Repräsentation der Handlung bzw. der Entwicklung der Protagonisten eines literarischen Werkes dient.

Van der Steenhoven unterscheidet „situationelle“ und „textliche“ Leitmotive. Textliche Leitmotive wiederholen Wörter oder größere Texteinheiten, situationelle Leitmotive dagegen Handlungen oder Situationen. […] Ein Beispiel für ein textliches Leitmotiv wäre die Wiederholung der Wendung „Ein weites Feld“ in Theodor Fontanes Roman Effi Briest. […]

Ein Beispiel in der Literatur für die Technik des Leitmotivs stellen die Zahnprobleme der Protagonisten als wiederkehrendes Symbol für den Verfall der Familie Buddenbrook im gleichnamigen Roman von Thomas Mann dar. (https://de.wikipedia.org/wiki/Leitmotiv)

Leichte Sprache

Texte in Leichter Sprache oder Einfacher Sprache werden für Menschen, die Informationen in Alltagssprache nur schwer verstehen können, geschrieben.

Die Leichte Sprache

  • verzichtet auf Fremdwörter, Fachwörter und lange Sätze. Wenn Fach- oder Fremdwörter verwendet werden, müssen diese erklärt werden.
  • Die Ausdrucksweise ist leicht verständlich.
  • Das Layout ist einfach gestaltet.

Viele Menschen, die Bücher in leichter und einfacher Sprache lesen, haben neben der Leseschwäche auch häufig körperliche Einschränkungen. Daher werden Texte in Leichter Sprache in größerer Schrift und auf dickerem Papier gefertigt. Bilder helfen Texte zu verstehen, aber nur wenn sie zum Text passen. – Es gibt inzwischen den Versuch, Märchen in Leichte Sprache zu übertragen, damit Kinder und Menschen mit Leseschwierigkeiten sie verstehen können: https://www.ndr.de/fernsehen/service/leichte_sprache/Maerchen-in-Leichter-Sprache,maerchenleichtesprache100.html

Die Zielgruppe der Texte in leichter und einfacher Sprache sind Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen über eine geringe Kompetenz in der deutschen Sprache verfügen; Menschen mit Einschränkungen, Menschen, denen es schwerfällt, sich mit einem Text länger zu beschäftigen, und auch die, die Deutsch als Fremdsprache lernen wollen.
Leichte Sprache ist von vielen Bürgerinnen und Bürgern besser zu verstehen und erleichtert ihnen den Zugang zu Informationen und Literatur, damit sie selbständig am öffentlichen Leben teilhaben können.

(Text aus dem 2. Link, von mir korrigiert)

https://de.wikipedia.org/wiki/Leichte_Sprache

https://www.berlin.de/stadtbibliothek-friedrichshain-kreuzberg/bibliotheken/bezirkszentralbibliothek-frankfurter-allee/veranstaltungen-und-projekte/artikel.81026.php (mit Downloads)

http://www1.wdr.de/hilfe/leichte-sprache/regeln-100.html (WDR: Was ist Leichte Sprache?)

http://www.komm-auf-tour.de/projekt/beschreibung/leichte-sprache/ weitere Links

http://abc-projekt.de/leichte-sprache/ (Info mit Beispielen)

http://www.mj.niedersachsen.de/startseite/leichte_sprache/pilotprojekt_leichte_sprache/pilotprojekt-leichte-sprache-in-der-niedersaechsischen-justiz-123609.html (Info mit jurist. Beispielen, die aber nicht rechtsgültig sind)

http://www.ndr.de/fernsehen/service/leichte_sprache/Nachrichten-in-Leichter-Sprache,nachrichtenleichtesprache100.html (Beispiel)

http://www.inklusion-in-sachsen.de/de/in-leichter-sprache/index.php (Beispiel)

https://www.aktion-mensch.de/leichte-sprache/magazin/projekte_leichte_sprache.html (Magazin)

http://research.uni-leipzig.de/leisa/de/ (Forschungsprojekt)

http://www.deutschlandradiokultur.de/philosoph-konrad-paul-liessmann-ueber-die-grenzen-der.976.de.html?dram:article_id=371368 (kurze kritische Erörterung)

Unter „Projekt Leichte Sprache“ findet man weitere Links.

Andreas Baumert: Leichte Sprache – Einfache Sprache. Literaturrecherche – Interpretation – Entwicklung, Hannover 2016, kann unter http://www.recherche-und-text.de/texte/es.html heruntergeladen werden.

Jugendsprache Verlan

Zufällig habe ich dieser Tage auf Arte eine kleine Einführung in die französische Jugendsprache Verlan gesehen; sie oder er (der Verlan) beruht auf dem witzigen Prinzip, Silben oder Teile eines Wortes zu vertauschen. Es scheint, dass sie ihre Blütezeit um 1990 hatte – ich wollte hier nur darauf hinweisen, dass es so etwas gibt bzw. gegeben hat.

http://sprachennetz.org/2014/11/das-ende-kommt-zuerst-die-verdrehte-jugendsprache-verlan-im-franzoesischen/

http://www.zeit.de/1996/14/Wir_sind_die_Sprache_

http://www.univie.ac.at/linguistics/publications/wlg/752011/Humenberger

https://de.wikipedia.org/wiki/Verlan

https://de.wikipedia.org/wiki/Argot

Sprachwandel bei starken deutschen Verben

Listen der starken deutschen Verben:

http://www.dietz-und-daf.de/GD_DkfA/Gramminfo/txt_MI1/AS1-starke%20Verben%20(Alpha).pdf (alphabetisch geordnet, nicht ganz vollständig)

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_starker_Verben_(deutsche_Sprache) (systematisch geordnet)

http://www.duden.de/sites/default/files/downloads/Duden_Die_Grammatik_Starke_und_unregelmaessige_Verben.pdf (Duden-Grammatik, dort ab Nr. 704: alphabetisch geordnet, vollständig)

Am Beispiel der starken Verben kann man erkennen, wie sich ein Sprachwandel vollzieht: Die starken Verben können mit der Zeit zu schwachen Verben werden. Das lässt sich in verschiedenen Stufen beobachten (ich orientiere mich bei den Beispielen an der Einschätzung des Schülerdudens Grammatik, 7. Auflage, Nr. 147):

1. Neben der starken Form des Präteritums gibt es bereits öfter die schwache Form, z. B. schmelzen – er schmolz (schmelzte) – geschmolzen.

2. Neben der starken Form des Präteritums gibt es gleichberechtigt die schwache Form, z.B. wenden – er wandte/wendete – gewandt/gewendet.

3. Neben der schwachen Form gibt es gelegentlich noch die starke Form des Präteritums, z.B. schinden – er schindete (schund) – geschunden (geschindet).

4. Das Präteritum wird regelmäßig in der schwachen Form gebildet, aber das Partizip II wird noch stark gebildet, z.B. salzen – er salzte – gesalzen (bereits auch „gesalzt“); oder spalten – er spaltete – gespalten/gespaltet (bereits die schwache Form gleichwertig).

Man sieht, dass einige der starken Verben dabei sind, zu schwachen Verben zu werden; manchmal kommt die starke Form nur noch in altertümlichen Texten vor, z.B. „hauen – er haute/hieb – gehauen“: Petrus hieb dem Knecht des Hohenpriesters das rechte Ohr ab (Joh 18,10 in der Lutherbibel, festes Sprachgut). Bei Frau Holle gab es alle Tage Gesottenes (statt gesiedetes Fleisch) und Gebratenes; im Märchen der Brüder Grimm hält sich die alte Form.

Manchmal gibt es die starke Form neben der schwachen Form des Präteritums derart, dass sie unterschiedliche Bedeutungen haben, z.B. bewegen – er bewegte (veränderte die Lage von etwas) – er bewog (veranlasste jemanden zu etwas); siehe dazu Schülerduden Grammatik, 7. Aufl., Nr. 44 und 45.

Im Deutschen gibt es noch rund 200 starke Verben, im Englischen nur noch 98 (gegenüber 145 im Mittelenglischen, Ende des Mittelalters: Holger Dambeck im SPIEGEL am 11. Oktober 2007).

https://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/germanistik/lehrende/koepcke_k/1998_k__pcke_starke_und_schwache_verben.pdf

http://othes.univie.ac.at/7277/

https://www.germanistik.uni-mainz.de/files/2015/03/Nuebling_1998c.pdf

http://www.christianlehmann.eu/ling/ling_theo/sprachwandel.php

http://www.wissenschaft.de/archiv/-/journal_content/56/12054/1658044/WAS-WIRD-AUS-UNSERER-SPRACHE%3F/

https://www.academia.edu/3265429/_2010_Sprachwandel_im_Deutschen_in_R._Bergmann_P._Pauly_St._Stricker_Einf%C3%BChrung_in_die_deutsche_Sprachwissenschaft_3._ed._Heidelberg_2001_163-174_4._ed._Heidelberg_2005_164-176_5._ed._2010_325-336?auto=download

Uwe Hinrichs, Frank Schneider, die Mehrsprachigkeit: Was man so alles (ab)schreibt

Fangen wir mit Uwe Hinrichs an. Der ist Professor und hat im SPIEGEL (7/2012) einen Aufsatz geschrieben: „Hab isch gesehen mein Kumpel – Wie die Migration die deutsche Sprache verändert hat“ (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83977255.html). Diesen Aufsatz habe ich auszugsweise in dem Heft „Sprachursprung, Sprachskepsis, Sprachwandel“ der Reihe „EinFach Deutsch“, hrsg. von Frank Schneider (Schöningh, S. 345 f. – mal wieder ohne Quellenangabe!) kennengelernt. Es ist ein Aufsatz, in dem viele Belege fehlen, aber das sei einem SPIEGEL-Essay nachgesehen. Hinrichs, wiewohl Professor, macht da einen wunderbaren Denkfehler: Einerseits spricht er von der Strategie Deutschsprachiger, „die Sprachstrukturen zu vereinfachen, um das Kommunizieren mit Nichtmuttersprachlern zu erleichtern“ (Z. 50-52); später macht er dagegen für Sprachveränderungen die Migranten verantwortlich, welche auf Sprachstrukturen zurückgriffen, „die sie aus ihrer Muttersprache mitbringen“ (Z. 60-62). Dass sich die Wendungen mit „machen“ durch Parallelen im Türkischen erklären ließen (Z. 80 ff.), halte ich für gesucht: Exkanzler Schröder sagte oft, dass etwas (keinen) Sinn mache, und war dabei sicher nicht von türkischen Wendungen inspiriert, eher vom Englischen. Dass sich die Linguisten bei der Erforschung des Sprachwandels zurückhielten (Z. 107 ff.), „wahrscheinlich“ aus Angst vor einer „Diskriminierungsfalle“, halte ich für ein Märchen des Professors Hinrichs – Frank Schneider macht daraus gleich eine Tatsache und fordert die Schüler auf, zu erklären, wieso Sprachwissenschaftler diese Diskriminierungsfalle fürchten. Hinrichs fabuliert dann weiter von der Gelegenheit, zur Erforschung von Sprachkontakten „Deutsche und Migranten in Projekten zusammenzubringen und die Vision einer offenen Gesellschaft mit Leben zu füllen“: April, April…, als wenn die Aachener Linguisten nach Jüchen kämen, um mit Türken Sprach-Projekte in die Welt zu setzen!

Wenden wir uns noch einmal Herrn Schneider zu: In einer „Information“ spricht er von territorialer Mehrsprachigkeit (S. 346); das halte ich für problematisch – vermutlich wäre der Begriff „Ethnolekt“ für den deutsch-türkischen Mischmasch angemessener (https://de.wikipedia.org/wiki/Ethnolekt, schöner gedruckt http://www.linkfang.de/wiki/Ethnolekt). Eine letzte Aufmerksamkeit für Herrn Schneider: Der Hinrichs-Text ist auch in einem Lehrbuch verbraten worden (http://f.sbzo.de/onlineanhaenge/files/de_aufgabenbeispiel.pdf), und zu dessen Aufgabenstellung gibt es sogar eine Lösung im Internet (http://www.cfg-luis.de/Lehrer/RaabeK/Deutsch/Deutsch%20EF/&download=L%C3%B6sungHinrichsPDF.pdf). Ferner gibt es einen Musteraufsatz in einem Klett-Buch, in dem weithin der Hinrichs-Aufsatz ausgeschlachtet wird (http://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/350501_BL_07.pdf). Wer hier von wem abgeschrieben hat, lasse ich offen; aber bei den Schulbüchern ist es nicht anders als in der Schule, einer schreibt vom anderen ab.

Hinrichs hat sich nach seinem Essay aufgerappelt und 2013 ein Buch veröffentlicht – vielleicht war der SPIEGEL-Essay aber auch nur ein Abfallprodukt des Buches, an dem er gerade arbeitete? http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=18787&ausgabe=201402 (Buchbespr. Hinrichs, 2013) http://www.gerder.org.tr/diyalog/Diyalog_2014_1/15_Rezension_Anna_Dasz.pdf (dito) http://www.linguaemundi.info/wp-content/uploads/12.11.Hinrichs_handout_linguae.pdf (handout zum Buch)

Die von Hinrichs zitierte Heike Wiese hatte bereits 2012 ein Buch veröffentlicht (Heike Wiese: Kiezdeutsch: Ein neuer Dialekt entsteht); sie hat viele Arbeitspapiere veröffentlicht, die großenteils bei academia.edu erschienen sind. Ich nenne hier nur zwei Links: https://www.researchgate.net/publication/261402356_Kiezdeutsch_-_ein_neuer_Dialekt_des_Deutschen; https://www.academia.edu/6221299/Kiezdeutsch_ein_neuer_Dialekt.

In einer weiteren Aufgabe hat Herr Schneider die konzeptionelle Mündlichkeit eingeführt, sie aber völlig unzureichend erklärt. In meinem Blog gibt es einen Beitrag über konzeptionelle Mündlichkeit (d.h. so schreiben, wie man im Gespräch agiert); aus zwei Links (http://textlinguistik.pbworks.com/f/Muendlichkeit%20Schriftlichkeit.ppt, http://www.linse.uni-due.de/tl_files/PDFs/ESEL/Tabea_Denter_Passiv.pdf) kopiere ich zur Korrektur des Kollegen Schneider wesentliche Merkmale heraus und erläutere einige Begriffe:

Merkmale konzeptioneller Mündlichkeit:

  • verkürzte Sätze
  • Rektions- und Kongruenzfehler
  • Satzbrüche
  • Interjektionen (Ausrufe)
  • ‚passe-partout‘-Wörter (Wörter, die immer passen)
  • Wortwiederholungen
  • Wortformverschmelzungen
  • umgangssprachliche Ausdrücke
  • Gesprächspartikel
  • und-Verknüpfungen (einfaches Aufreihen)

 

Kommunikative Nähe (bei Mündlichkeit)

– Privatheit

– Vertrautheit

– starke emotionale Beteiligung

– Situations- und Handlungseinbindung

– Referenzbezug auf Sprecher-origo (= „ich“)

– physische Nähe

– maximale Kooperation bei der Produktion

– hoher Grad der Dialogizität

– freie Themenentwicklung

– maximale Spontanität

 

Kommunikative Distanz (bei Schriftlichkeit)

– Öffentlichkeit

– Fremdheit

– keine emotionale Beteiligung

– Situations- und Handlungsentbindung

– kein Referenzbezug auf die Sprecher-origo

– Themenfixierung

– maximale Reflektiertheit

(vgl. Koch; Oesterreicher 2011, S. 10 f.)

Die Schlussbemerkung gilt Herrn Hinrichs: Wenn er mit seinem SPIEGEL-Essay in verschiedenen Lehrbüchern landet, wundert es einen nicht, ihn auch in einem Schulcurriculum zu finden: http://www.sg-guetersloh.de/wp-content/uploads/2015/07/18662_Curriculum_Q1-2_Leistungskurs_neu.pdf. Wenn man einen Aufsatz im SPIEGEL untergebracht hat, hat man anscheinend die Schwelle zur Öffentlichkeit überschritten.

W. von Humboldt: Die Sprache als Weltsicht

1836 erschien posthum Wilhelm von Humboldts Schrift „Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwickelung des Menschengeschlechts“ (http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10904366_00005.html oder https://archive.org/stream/bub_gb_dV4SAAAAIAAJ#page/n7/mode/2up). Daraus wird im diesbezüglichen EinFach-Deutsch-Heft über Spracherwerb usw. ein Textauszug mit der Überschrift „Die Sprache als Weltsicht (1830-1835)“ von knapp 45 Zeilen, ohne exakte Quellenangabe..

Der Gedanke Humboldts beruht darauf,

  1. dass das Wort nicht ein „Abdruck des Gegenstandes an sich“, sondern von dessen Bild in unserer Seele sei,
  2. dass jede Wahrnehmung subjektiv, also an den eigenen Standpunkt gebunden sei,
  3. dass auf eine Sprache die Subjektivität einer Nation einwirke und deren eigentümliche Weltsicht bestimme,
  4. dass wir in einer Welt von Lauten leben, um die Welt von Gegenständen aufzunehmen und zu bearbeiten.

Der Mensch lebe also im Kreis seiner Sprache, aus dem er nur heraustreten könne, wenn er in den Kreis einer anderen Sprache eintritt; das Erlernen einer neuen Sprache sollte demgemäß „die Gewinnung eines neuen Standpunkts in der bisherigen Weltsicht sein“ – zugleich schränkt Humboldt ein, dass dieser Standpunktwechsel nur begrenzt möglich sei, da man sich von der eigenen Sprache resp. Weltsicht nie ganz lösen könne.

Würdigung:

Wilhelm von Humboldt wendet hier die Kantische Philosophie auf die Sprache als Werkzeug der Erkenntnis an. Die Pointe dabei ist, dass er einem „Volk“ (Nationalbewusstsein zu Beginn des 19. Jh.!) „eine gleichartige Subjektivität“ wie dem Individuum zusprechen muss, um eine an die (National)Sprache gebundene eigentümliche Weltsicht vertreten zu können.

Diese Annahme ist problematisch, da wir innerhalb der einen Sprache Dialekte und Soziolekte unterscheiden können – und zudem verschiedene Sprachebenen oder -niveaus, die auch an unterschiedliche soziale Schichten gebunden sind (z.B. „verscheiden – sterben – verrecken“; oder „Antlitz – Gesicht – Fresse“). Die Vorstellung der „Subjektivität einer Nation“ ist ein Kind des im frühen 19. Jahrhundert blühenden Nationalbewusstseins, dem wir nicht nur die Sammlung deutscher Volkslieder und Märchen oder die Freiheitskämpfe gegen Napoleon und das Aufkommen der Germanistik verdanken, sondern später auch viele andere üble Dinge…

Die Belege oder Beispiele im Heft EinFach Deutsch, die Humboldts Theorie stützen sollen, sind ohnehin fragwürdig: Ob ein Engländer heute bei „earn money“ noch an das selbständige Wachsen der Früchte bis zur Ernte denkt, darf bezweifelt werden, und auch „Nasenloch“ ist längst ein fester Begriff, also ein einziges Wort geworden – kein Deutscher denkt mehr an ein Loch, und kein Spanier meint, er habe in der Nase ein Fenster. Solche Bilder verblassen und werden zu schlichten Namen, die so wenig bedeuten wie die Vornamen Norbert („der im Norden Glänzende“) oder Theodor („Geschenk Gottes“).

Zu Humboldts Theorie: S.J. Schmidt: Denken und Sprechen bei Wilhelm von Humboldt (http://www.gleichsatz.de/b-u-t/trad/humb2.html); O.F. Bollnow: Die Sprache als Weltsicht (http://www.gleichsatz.de/b-u-t/spdk/boll1.html).

Wir wollen zum Schluss dem Herausgeber des EinFach-Deutsch-Heftes unseren Respekt erweisen: Er reduziert knapp 500 Seiten Humboldt auf gut 44 Zeilen. Im Ernst – wieso muss man 45 Zeilen Humboldt (ohne Beschreibung des Kontextes!) lesen (mit zwei unklaren Stellen: Der Satz „Diese Ausdrücke überschreiten auf keine Weise das Maß der einfachen Wahrheit“ ist nicht verständlich, unklar ist auch die Vorstellung „die Gewinnung eines neuen Standpunkts in der bisherigen Weltsicht“; ich verzichte hier auf eine Begründung für meine These der Unklarheit), wenn man das Ganze mit eigenen Worten in 10-20 Zeilen sagen kann? Ob die Schüler durch die Lektüre der Humboldt-Zeilen wohl Anteil an der klassischen deutschen Bildung gewinnen?

Konzeptionelle Mündlichkeit beim Schreiben – Einführung, Erklärung

Im Kernlehrplan Deutsch für die Sekundarstufe II (NRW) wird unter dem Inhaltsfeld „Sprache“ als Kompetenz beschrieben: Die Schüler können „Veränderungstendenzen der Gegenwartssprache (Migration und Sprachgebrauch, Mehrsprachigkeit, konzeptionelle Mündlichkeit beim Schreiben, Medieneinflüsse) erklären“.

Was ist konzeptionelle Mündlichkeit beim Schreiben? Eine erste Erklärung des Phänomens, dass man so schreibt, wie man sonst spricht, bieten

http://www.uni-regensburg.de/sprache-literatur-kultur/germanistik-did/medien/ha_homepage.pdf (S. 2-6)

http://textlinguistik.pbworks.com/f/Muendlichkeit%20Schriftlichkeit.ppt (gute Einführung)

http://www.stefan.rabanus.com/forschung/internet/node39.html#SECTION00721000000000000000 (knapp – aus: Die Sprache der Internetkommunikation = http://www.stefan.rabanus.com/forschung/internet/vers_14.html)

http://cornelia.siteware.ch/linguistik/muendlschriftl.html (etwas ausführlicher)

Detaillierter und zum Teil an speziellen Fragestellungen orientiert sind

http://home.uni-leipzig.de/siebenh/kurse/SS08/v_sprachliche_variation_08/07_sprachliche_variation.pdf

http://www.linse.uni-due.de/tl_files/PDFs/ESEL/Tabea_Denter_Passiv.pdf (dort S. 15-23: Mündlichkeit und Schriftlichkeit)

http://www.guido-nottbusch.de/doc/DGfS2010_Nix_Nottbusch.pdf (Mediale und konzeptionelle Mündlichkeit bzw. Schriftlichkeit. Der Einfluss medial schriftlicher Internetkommunikation auf die Textproduktion in der Schule – übersichtlich, anschaulich)

https://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/fileadmin/Redaktion/Institute/RomanischesSeminar/Romanistik_IV/frzmed_Duerscheid_MuendSchrKont.pdf (Medienkommunikation im Kontinuum von Mündlichkeit und Schriftlichkeit)

http://kups.ub.uni-koeln.de/5150/1/Knopp2013-Mediale_Raeume_.pdf (Dissertation M. Knopps: Mediale Räume zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Zur Theorie und Empirie sprachlicher Handlungsformen)

Deklination der Substantive – Flexionsklassen

Was man als native speaker beinahe gar nicht mitbekommt, ist die Tatsache, dass es für die Flexion der Substantive einige Klassen gibt, in die man alle Substantive einordnen kann. Laut Wikipedia gibt es deren acht, laut Canoo deren zwölf. Ich gebe eine kurze Übersicht mit einigen Links:

Die Einteilung in eine Flexionsklasse erfolgt aufgrund der Endung des Genitiv Singular und des Nominativ Plural. So hat ein Wort aus der Klasse s/e im Genitiv Singular die Endung s und im Nominativ Plural die Endung e.

Flexionsklasse Genitiv Singular Nominativ Plural
(e)s/e Berg(e)s Berge
s/e Lehrlings Lehrlinge
s/- Fahrers Fahrer
(e)s/en Staat(e)s Staaten
(e)s/er Bild(e)s Bilder
en/en Menschen Menschen
s/s Radios Radios
-/e Kraft Kräfte
-/- Tochter Töchter
-/en Zeitung Zeitungen
-/s Kamera Kameras
[e]ns/[e]n Herzens Herzen

(http://www.canoo.net/services/OnlineGrammar/InflectionRules/FRegeln-N/Texte/Flexionskl.html) Bei canoo (www.canoo.net) kann man übrigens die Deklination jedes einzelnen Substantivs (wie die Flexion jedes Wortes) aufrufen.

 

Eine schöne Übersicht gibt http://hypermedia.ids-mannheim.de/call/public/gruwi.ansicht?v_typ=o&v_id=3482 im Rahmen der gesamten „Flexionsmorphologie“. Vgl. auch

https://de.wikipedia.org/wiki/Flexionsparadigma = http://www.wikiwand.com/de/Flexionsparadigma#/Substantivparadigmen (nur 8 Klassen: zu einfach)

http://www.sfs.uni-tuebingen.de/~gjaeger/lehre/ss06/morphologieSyntax/handouts/flexion.pdf

https://www.philhist.uni-augsburg.de/de/lehrstuehle/germanistik/sprachwissenschaft/medien/lehre/ernst/Grammatikalisierung.pdf (Umlaut im Plural: Rückgriff aufs Althochdeutsche)

http://titus.fkidg1.uni-frankfurt.de/personal/agnes/lv/idg-form.htm (indogermanische Formenlehre – sehr schlau)

sowie den 2. Band der Deutschen Grammatik von Hermann Paul: https://archive.org/details/deutschegrammati02pauluoft

Ein anderes Stichwort, unter dem man der Deklination von Substantiven nachforschen kann, ist Deklinationsklasse. Ein vereinfachte Theorie besagt, es gebe eine starke, eine schwache und eine gemischte Klasse; das ist deshalb vereinfacht, weil es verschiedene Formen der Pluralbildung gibt, die man nicht den drei Klassen zuordnen kann. Man steht hier vor einem Dilemma: Will man eine einfache oder eine richtige Theorie der Deklination haben? Man kann getrost sagen: Das meiste, was man im Internet findet, ist zu einfach, um völlig richtig zu sein.

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Deklination

http://www.deutschunddeutlich.de/contentLD/GD/GGr1baDeklination.pdf (zu einfach)

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch/artikel/deklination-des-substantivs

http://suz.digitaleschulebayern.de/deutsch/dunterlagen/substantiv_theorie.pdf (zu einfach)

http://www.belleslettres.eu/artikel/deklination-der-substantive.php (Vortrag von 58’)

Es gibt eine Reihe von Seiten, die nur einen Teil der Deklination der Substantive behandeln.