Produktiv schreiben in der Sek. I – erprobte Beispiele

Ich habe in Kl. 5-10 des Gymnasiums regelmäßig Unterrichtsreihen durchgeführt, in denen die Schüler produktiv schreiben sollten – wenn man so will auch: kreativ, obwohl sie sich im Schreiben an Schemata anlehnen konnten. Alle Reihen endeten in einer Klassenarbeit, deren beste Ergebnisse man in einem Reader veröffentlichen kann. Ich gebe eine kurze Übersicht über die Abfolge der Aufgaben:

Klasse 5: einen Märchenanfang ausgestalten (weitererzählen), siehe https://norberto68.wordpress.com/2011/02/21/marchenanfange-fortsetzen-marchen-schreiben-mit-beispiel/; der vorgegebene Text reichte bis zur ersten Aufgabe, die der „Held“ zu bewältigen hat.

Klasse 6: Aus einer anderen Perspektive erzählen; in einem Übungsdiktat ist festgehalten, was dabei zu beachten ist:

Aus einer anderen Perspektive erzählen
1 Wir leben als Menschen nicht nur neben anderen, sondern auch mit ihnen. Wir können uns in ihre Lage versetzen und die Welt mit ihren Augen sehen; wir können ihren Standpunkt einnehmen.
2 Deshalb können wir auch Erzählungen so umformen, dass wir die Perspektive verändern, in der die Ereignisse gesehen werden. Meistens verändern wir sie so, dass der Standpunkt des unbeteiligten Erzählers aufgegeben wird.
3 Stattdessen nehmen wir den Standpunkt einer am Geschehen beteiligten Person ein. Wir müssen uns dann etwa fragen, wie der Bauer den Betrug erlebt; wir können uns das leicht vorstellen, weil wir solche Vorfälle kennen.
4 Der Bauer ist klüger als seine Frau und merkt sogleich, dass diese vom Studenten betrogen worden ist; er schimpft sie aus und will das ergaunerte Gut dem frechen Studenten wieder abnehmen.
5 Dabei fällt er selber auf den listigen Betrüger herein, den er für einen Arbeiter gehalten hat; er erkennt auch dessen zweiten Betrug, gesteht aber vor seiner Frau nicht ein, dass er selber vom Studenten ausgetrickst worden ist.
6 Wir können uns leicht in die Situation eines Menschen versetzen, der nicht dumm ist, aber von einem klügeren hereingelegt wird. Was erfährt und erlebt der Bauer? Wie erlebt er das alles? Das können wir aus seiner Sicht erzählen.
[zum Schwank: Von einem armen Studenten, der aus dem Paradies kam]
7 Der vorgegebene Text muss gekürzt werden, wenn der Ich-Erzähler etwas nicht weiß oder bemerkt; wenn er aber etwas Wichtiges, Bedrohliches oder Aufregendes erlebt, kann der Text auch erweitert oder gedehnt werden.
8 Was die erzählende Person selber sagt, fühlt, denkt und erlebt, wird in der 1. Person formuliert: „ich“ und „wir“ sind die Personalpronomen der 1. Person; die Pronomen „mein“ und „unser“ zeigen den Besitz an.
9 Von Bedeutung ist, wem und bei welcher Gelegenheit der Bauer die Geschichte erzählt. Einem guten Freund wird er seine Dummheit vielleicht eingestehen, vor anderen sie wohl eher entschuldigen: Wie schlecht doch heutzutage die Studenten sind!
10 Irgendwann, nicht unbedingt zu Beginn muss angedeutet werden, wann das Geschehen sich ereignet hat. Wenn man bedenkt, wem der Bauer seine Geschichte bei welcher Gelegenheit erzählt, wird man leicht den Anfang finden.

Hierzu eignen sich vor allem Schwänke oder Hebels Kalendergeschichten; so kann Hebels Erzählung „Der kluge Richter“ aus der Perspektive des Begünstigten erzählt werden: „Wie ein kluger Richter meinen guten Ruf gerettet hat.“ Man kann/sollte auch die Erzählsituation vorgeben: Ein Mann erzählt in geselliger Runde: „Wie ein kluger Richter…“ Oder zu „Der geheilte Patient“: Der Opa erwählt seinen Enkelkindern: „Wie ein kluger Arzt mich vor langer Zeit von meinen Macken befreit hat.“ Man muss dabei die Perspektive des Opas wie auch die Erwartungen und Kenntnisse (Perspektive) der Kinder berücksichtigen. Eine große Aufgabe!

Ebenfalls in Klasse 6 vielleicht auch: eine Erzählung in Bericht einen umformen. Schön und ergreifend war die Lektüre von O. F. Langs Roman „Meine Spur löscht der Fluß“ – danach konnte ein normales Ereignis in der Perspektive und Sprache eines frisch in die „Zivilisation“ verschlagenen „Indianers“ erzählt werden.

Klasse 7: Im Anschluss an Kästners Gedicht „Wär‘ ich ein Baum“ haben wir versucht, die Menschenwelt mit den Augen eines Tiers oder eines Gegenstandes („Wenn ich ein Buch wäre“, „Wenn ich eine Uhr wäre“ …) zu beschreiben; sehr anspruchsvoll, vgl. https://norberto68.wordpress.com/2011/02/21/phantasie-war-ich-ein-baum-kastner/ (vgl. auch das Stichwort Nature Writing).

Klasse 8 (- 10): Nach der Analyse einiger Kurzgeschichten kann man den vorgegebenen Anfang einer Kurzgeschichte zu Ende schreiben lassen, vgl. https://norberto68.wordpress.com/2011/02/21/anfange-von-kurzgeschichten-fortsetzen/; Vorsicht: die Schüler neigen zu happy-end-Schlüssen!

Klasse 9: Satiren schreiben, das war eine meiner Lieblingsreihen, mit wunderbaren Ergebnissen, s. https://norberto68.wordpress.com/2011/02/21/satiren-schreiben-mit-beispielen/ (vgl. auch noch https://norberto68.wordpress.com/2013/09/15/satire-beispiel-worterbuch-des-fmg/).

Klasse 10: eine Typisierung verfassen; auch diese Reihe führte zu schönen Ergebnissen, vgl. die Darstellung in https://norberto68.wordpress.com/2011/02/21/typisierung-mit-beispielen/. Als Leser der Schülerarbeiten erfreut man sich an der kritischen Sicht seiner Zöglinge – alle Reihen in Kl. 7-10 haben ja einen kritischen Touch, und bereits die Erzählung in der „Indianersprache“ in Klasse 6 arbeitet mit der Technik der Verfremdung.

Also, liebe Kolleginnen und Kollegen, nur Mut! Ich habe die besten Erfahrungen mit diesen Reihen gemacht.

Kästner-Gedichte für die Schule

Folgende 20 Kästner-Gedichte schlage ich für die Lektüre (und das laute Sprechen!) in der Schule vor:

Die Tretmühle

Herr im Herbst

Der Scheidebrief

Die Zunge der Kultur reicht weit

Mädchens Klage

Sachliche Romanze

Das Gebet keiner Jungfrau

Kurt Schmidt, statt einer Ballade

Misstrauensvotum

Ansprache an Millionäre

Sogenannte Klassefrauen

Gewisse Ehepaare

Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag

Konferenz am Bett

Von faulen Lehrern

Die Entwicklung der Menschheit

Der Handstand auf der Loreley

Der synthetische Mensch

Der geregelte Zeitgenosse

Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?

Die Reihenfolge hier entspricht im Wesentlichen der Abfolge, wie sie in Kästners Gedichtbänden veröffentlicht sind; nur „Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?“ ist bewusst an den Schluss gestellt, weil der Autor sich darin mit der Kritik an seinen Gedichten auseinandersetzt. „Mädchens Klage“ und „Das Gebet keiner Jungfrau“ stellen ausgezeichnete Alternativen zur „Sachliche[n] Romanze“ dar!

Ich habe die Gedichte sowohl nach ästhetischen wie nach thematischen Gesichtspunkten ausgewählt; fortgelassen sind die, welche allzu zeitgebunden waren: So ist die Kritik am Militarismus heute für die BRD überholt. „Sachliche Romanze“ habe ich gegen mein ästhetisches Empfinden aufgenommen, weil es in allen Lesebüchern für Klasse 8/9 steht, obwohl die Schüler in diesem Alter das Ende einer achtjährigen Liebesbeziehung nicht nachvollziehen können.

Da Kästners Gedichte für Erwachsene (oder die Zeitschrift „Jugend“ und damit für Jugendliche) geschrieben sind, schlage ich vor, sie nicht vor Klasse 9 zu lesen; manche sind sogar erst ab Kl. 10 oder 11 zu verstehen – den Wettlauf um „möglichst früh“ sollte man nicht mitmachen!

Man sollte Kästners „Prosaische Zwischenbemerkung“ über seine Gebrauchslyrik kennen, wenn man sich mit seinen Gedichten beschäftigt (in „Die literarische Welt“ vom 28. März 1929, http://www.stiftikus.de/lyrik/kaestbem.doc).

 

Inzwischen habe ich 20 Gedichte Kästners für die Schule analysiert und mit einigen Erläuterungen versehen: https://www.krapp-gutknecht.de/balladen-und-gedichte/398-erich-kaestner-mit-spitzer-feder-25-gedichte-9783946482475.html

Phantasie: Wär‘ ich ein Baum … (Kästner)

Im Anschluss an die Idee dieses Gedichts von Erich Kästner (Trostlied im Konjunktiv) habe ich mit mehreren 7.  Klassen am Gymnasium einen Aufsatztyp entwickelt, in dem grammatisch der Gebrauch des Konjunktivs II geübt wird.
Das sachliche Problem besteht darin, dass ich kein Baum bin und dementsprechend nicht „wissen“ kann, wie es ist, wenn ich ein Baum wäre. Lösung des Problems: Bei Kästner kann der Baum ungehindert wahrnehmen, denken und sprechen wie ein Mensch – aber er nimmt nicht Blitz und Mäuse wahr, sondern das bewegte Leben und Treiben der Menschen; was er dabei von den Menschen wahrnimmt, bezieht er auf seine ruhige, beständige Existenz als Baum. Es werden also zwei Lebensformen verglichen; damit ist eine neue Perspektive auf das menschliche Leben eröffnet; es wird ein fremder  M a ß s t a b  gesetzt, an dem menschliches Tun und Treiben gemessen wird, – gemessen vom Erzähler, der sich in die Baumsituation versetzt hat; der Erzähler kann nur das „als Baum“ erkennen, was er selber als Mensch irgendwie ahnt oder weiß. Der Baum nimmt wahr, was auf der Erde, der Maulwurf, was in der Erde geschieht; eine Uhr betrachtet die Menschen dagegen eher unter dem Aspekt, wie sie mit der Zeit umgehen resp. in der Zeit leben, und so weiter. Du gibst der Uhr Verstand und Gefühl, sie gibt dir dafür den Standpunkt und die Perspektive.
Sinnvoll wird bei der Baumperspektive die eigene Phantasie eingesetzt, wenn man sich fragt: Wo steht der Baum? Was nimmt er wohl an seinem Platz vom Treiben der Menschen wahr? Wie nimmt er es wahr? Wenn man das schafft (v.a. bei Tieren), ist das eine Sonderleistung. Man darf und muss sich oft darauf beschränken, „den Baum“ (den Träger der neuen Perspektive) als allwissend zu setzen: Er weiß auch Dinge, die er nicht „wahrnehmen“ kann.
Die Aufgabe ist missverstanden, wenn man eine Baum-Kritik am Menschen als solchem vornimmt („Der Mensch raubt mir die Früchte.“). Sie muss vielmehr als Kritik typischer Verhaltensweisen begriffen werden: Warum beeilen sich die Menschen so? (aus der Uhr-Perspektive) Warum haben sie keine Geduld? Wie gehen die Menschen mit Hindernissen (anders als der Fluss) um? Was machen sie (anders als der Fluss), wenn sie zu viel Lebenskraft besitzen? Literarisch spricht man hier von der Erzähltechnik der Verfremdung.
Als Rahmen der Erzählung kann man eine Einheit nehmen: die Einheit eines Lebens, eines Tages, einer Handlung bzw. Handlungsfolge (Maulwurf hätte Hunger, ginge auf Nahrungssuche, verletzte sich, probierte etwas anderes, würde erneut enttäuscht, …, zöge das Fazit). Man kann auch ähnliche Existenzmöglichkeiten durchspielen: als Stoppuhr, als Bahnhofsuhr, als Sonnenuhr…
Zur Form: Ich fordere, dass bei starken Verben auf den Gebrauch der grammatisch möglichen würde-Form verzichtet wird. Außerdem fordere ich, dass mindestens zehn Konjunktive starker Verben im Aufsatz verwendet werden. Die Stammformen der wichtigen starken Verben müssen also beherscht (und entsprechend vorher besprochen und geübt) werden.

Phantasie: Wenn ich ein Stein wäre (ein Versuch)
Wenn ich ein Stein wäre, läge ich vielleicht irgendwo am Wegesrand; ich hätte nichts weiter zu tun, als still da zu liegen, ob es nun regnete oder die Sonne schiene. Ich bräuchte mich um nichts zu kümmern, weil ich nie Hunger oder Durst bekäme; sogar wenn die Hunde mich bepinkelten, könnte mich das kaum stören; der nächste Regen wüsche die brennende Beize wieder ab. Ich wunderte mich über die Menschen, die mich bloß als nutzloses Ding ansähen; die Geschäftsleute sausten an mir vorbei, um keinen Termin zu verpassen; Hausfrauen eilten noch schnell ins Geschäft, weil sie bemerkt hätten, dass noch Gemüse fehlt; sogar die Rentner hätten keine Zeit, wenn sie zum Seniorentreff eilten oder noch unbedingt Karten für eine Extrareise in den Bayrischen Wald kaufen müssten. Ich allein wäre aller Sorgen ledig und würde staunend dem hekt-schen Treiben zuschauen; nichts könnte mich aufregen.
Neben mir lägen oder stäken andere Steine im Boden; die einen wären etwas dicker, die anderen stärker abgeschliffen, manche sähen schon älter und verwittert aus, manche glänzten aufgrund ihrer kristallinen Struktur. Aber wir alle wären einfach Steine; keiner bildete sich etwas auf seine Härte ein, keiner wollte unbedingt oben liegen, keiner käme sich schöner vor als der andere. Anders als bei den Menschen gäbe es bei uns keinen Neid, keine Schönheitskonkurrenz und keine Schlankheitskuren; keiner bräuchte ins Fitnessstudio zu gehen, keiner würde ins Altersheim abgeschoben. Wir alle wüssten, dass wir Steine aus dem Bauch der Mutter Erde sind; wir wären und blieben miteinander befreundet.
Wenn ich ein Stein wäre, bräuchte ich keine Angst vor dem Tod zu haben. Die ganz alten Kollegen wüssten ein Geheimnis, das sie in den langen Winternächten murmelnd mitteilten: Kein einziger bleibt, wie er ist; jeder beginnt sein Leben kantig und neu, jeder wird im Lauf der Jahre abgeschliffen, jeder zerfällt; aber jeder Stein und jedes Sandkorn bleibt der Erde verbunden. Wir versuchten wohl, den Menschen unser Geheimnis mitzuteilen; aber sie wollten nicht auf uns hören. Sie jagten ihrer Jugend nach, klagten über Krankheiten und fürchteten das Alter, als ob sie nicht Kinder der Erde wären. Vollends verzweifelte ich, wenn ich ein Diamant wäre; die Menschen liebten mich mehr als ihre Geschwister,- sie sind ja hart wie Stein. Fassungslos stände ich vor so viel Unverstand, wenn ich ein Stein wäre.

P.S. Nach einem kurzen Austausch mit der Kommentatorin Marie habe ich gemerkt, dass unter den Stichwörtern „Wär ich ein Baum“ oder „Wäre ich ein Baum“ viele Texte abgefasst sind; wenn man die genannten Suchwörter (ohne jede weitere Angabe!) eingibt, sieht man, wie fruchtbar Kästners Formel gewesen ist. 27. Sept. 2006 [Dieses P.S. aus dem Jahr 2006 zeigt, dass der ganze Beitrag älter und aus einem untergegangen Blog übernommen worden ist. Die Kommentatorin Marie gab es früher mal, ihr Kommentar ist mit dem alten Blog untergegangen.]

Es gibt übrigens ein Gedicht gleichen Titels von Ulla Hahn: http://www.onlinekunst.de/gedichte/ulla_hahn.html

P.S. Etwas ganz anderes ist das, was Daliah Lavi vor 50 Jahren in ihrem Schlager „Wär‘ ich ein Buch im Leben“ (https://www.youtube.com/watch?v=9cW_Fv7uS7k) gesungen hat: Dort wird das eigene Leben allegorisch ins Buchhafte übersetzt, das Buch als eigene Existenzform also nicht wahr- oder ernstgenommen.

Der Engländer Charles Foster hat jetzt ein Buch „Der Geschmack von Laub und Erde“ veröffentlicht (http://www.focus.de/kultur/buecher/literatur-ueber-den-versuch-ein-fuchs-zu-sein_id_6611120.html), in dem er beschreibt, wie er als Fuchs zu leben versuchte. Aber auch das ist etwas ganz anderes, als Kästner in seinem Gedicht ausdrückt.