„kam herbei wie eine Welle“ – ein Vergleich bei Goethe

Und was sich, an jener Stelle,

Nun mit deinem Namen nennt,

Kam herbei, wie eine Welle,

Und so eilt‘s zum Element.

Wie können wir dieses Bild Goethes verstehen? Ist es überhaupt ein Bild, also etwas Unveränderliches, und nicht eher ein kleiner Bericht: Es kam – es eilt? Es handelt sich um die zweite Hälfte der vierten Strophe von „Dauer im Wechsel“ (1803); zu ihrem Verständnis muss man zunächst kurz den Kontext beschreiben. Der Sprecher hat von Beginn an auf verschiedene Formen des Wechsels hingewiesen, dass sich nämlich die Gegebenheiten der Welt dauernd ändern, dass nichts von Bestand ist: Blütenblätter fallen ab, Laub verschwindet, Früchte bleiben nicht hängen, Tal und Fluss bleiben nicht bestehen. Sein zweiter Blick gilt dem Menschen: „Du nun selbst!“ – dein Blick ändert sich, die küssende Lippe und der kletternde Fuß vergehen, ebenso deine Hand – „Alles ist ein andres nun“; „Alles“, das sind die Teile deines Körpers, das bist du selbst im ganzen. Und darauf folgen dann die vier genannten Verse: „Und was sich, an jener Stelle…“.

Das Subjekt der Aussage ist das, „was sich, an jener Stelle, [n]un mit deinem Namen nennt“. Hieran fällt auf, dass nicht vom Du, sondern von einem Es die Rede ist; diesem Es ist ein Name zugeordnet, dein Name. Er wird ihm „nun“ beigelegt, ist aber der Name des früheren Du, das doch vergangen ist. Was gegenwärtig mit diesem Namen bezeichnet wird, befindet sich „an jener Stelle“, die nun den alten Namen trägt. Was kann von diesem Es gesagt werden? Es „kam herbei, wie eine Welle“. Dieser Vergleich erfasst Bestand und unmerkliche Veränderung in einem: Die Welle ist als solche beständig und als solche weiterziehend, und zugleich als Welle nur eine durch eine Energie erzeugte Bewegung des Wassers, die man sieht, die aber nicht selbständig und substanziell ist, auch wenn sie „die Welle“ heißt: Bewegung im Wasser. Und so eilt Es „zum Element“, zum großen Wasser des Ozeans, wo Es im Element verschwindet. Das ist es, was sich mit deinem Namen nennt.

Was zeigt der Vergleich des sich verändernden Menschen mit der Welle? Er dient sicher nicht – wie Schüler in ihrer Hilflosigkeit zu sagen pflegen – dazu, „dass man sich etwas besser vorstellen kann“; die Vorstellungen vom Menschen, der sich ändert, waren zuvor klar genug. Nein, durch den Vergleich lassen sich zwei widersprüchliche Aussagen zusammen denken: Du änderst dich fortwährend, und doch wird dir mit dem gleichen Namen Identität zuerkannt. Das versteht man, wenn man sieht, wie die Welle kommt und weiterzieht, sagt der Sprecher.

Wie Goethe in der fünften Strophe „Dauer im Wechsel“ sichern will, brauchen wir jetzt nicht zu berücksichtigen.

Gedichtvergleich: zwei Fassungen eines Gedichts

Die Idee habe ich von Hilke Schildt: Aus der poetischen Werkstatt. Gedichte in verschiedenen Fassungen, Textheft und Ergänzungsheft 1971 (gibt es noch antiquarisch): Wenn man zwei oder mehrere Fassungen des gleichen Gedichts vergleicht, kann man sehen, wie der Dichter mit der Idee gerungen, das heißt an der Form gefeilt hat, was in der Regel eine Verbesserung, beim alternden Goethe oft nur ein Glättung bedeutet. Aus Schildts Heft und aus eigenen Forschungen kann ich folgende Beispiele nennen:

Goethe: Mayfest (1771/75) https://de.wikisource.org/wiki/Mayfest_(Johann_Wolfgang_von_Goethe) → Mailied https://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/mailied.html

Goethe: Mit einem gemalten Band (zwei Fassungen, in Goethe: Hambuger Ausgabe Bd. 1, S. 25-27)

Goethe: Der König von Thule (zwei Fassungen, HA 1, S. 79 f.)

Goethe: An den Mond (zwei Fassungen, HA 1, S. 128-130)

Goethe: Bundeslied (zwei Fassungen, HA 1, S. 93-95)

Goethe: Auf dem See (1775/89) https://deutschunterlagen.files.wordpress.com/2014/12/goethe-aufm-zucc88richersee-materialien.pdf (beide Fassungen)

Goethe: Im Vorübergehn (vor 1813) https://deutsche-poesie.com/goethe/im-vorubergehn/ → Goethe: Gefunden (1813) https://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/gefunden.html

Goethe: Es schlug mein Herz (1771) → Willkommen und Abschied (1789) http://www.gedichte.co/goe_jw39.html (beide Fassungen)

C. F. Meyer: Rom: Springquell (1860) → Der schöne Brunnen (1864) → Der Brunnen (1865) → Der römische Brunnen (1870) → Der römische Brunnen (1882) https://deutschunterlagen.files.wordpress.com/2014/12/meyer-rocc88mischer-brunnen-6-fassungen.pdf (alle Fassungen)

C. F. Meyer: Der Erntewagen (1860) → Auf Goldgrund (1882/83) https://norberto42.wordpress.com/2012/01/29/c-f-meyer-auf-goldgrund-geschichte-des-textes-analyse/ (alle vier Fassungen)

C. F. Meyer: Abendbild (1870) → Zwei Segel (1882) https://norberto42.wordpress.com/2012/01/29/c-f-meyer-zwei-segel-geschichte-des-textes-analyse/, dazu: Eindoppeltes Leben (1875) https://books.google.de/books?id=JYldDwAAQBAJ&pg=PA11&lpg=PA11&dq=C.+F.+Meyer+%22ein+doppeltes+leben,+zwei+segel%22&source=bl&ots=o92K7jARBu&sig=ACfU3U3EEILFMaNNDYjaNOCViZQec8uVdQ&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwiwpovv0qHwAhWKhf0HHf6-APEQ6AEwAHoECAIQAw#v=onepage&q=C.%20F.%20Meyer%20%22ein%20doppeltes%20leben%2C%20zwei%20segel%22&f=false

C. F. Meyer: Kommet wieder (1869?) https://gedichte.xbib.de/Meyer_gedicht_022.+Kommet+wieder%21.htm → Möwenflug (1881/83) https://www.mumag.de/gedichte/mey_cf14.html

H. Hesse: Knarren eines geknickten Astes (drei Fassungen) https://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/hesse/gedichte.htm

G. Trakl: Herbstseele (August/September 1913) https://www.textlog.de/19468.html (1. Fassung) https://www.textlog.de/17553.html (2. Fass.)

Andreas Thalmayr: Das Wasserzeichen der Poesie, 1985, hat S. 181 ff. drei Fassungen eines Gedichts von Clemens Brentano und von Günter Eich. – In Georg Trakl: Das dichterische Werk, dtv 6001, 1972, werden S. 196 ff. Doppelfassungen vieler Gedichte Trakls aufgeführt.

Herder: Es sah ein Knab ein Röslein stehn (v. 1773 – unklar, wie weit Goethe hier mitgearbeitet hat) https://www.volksliederarchiv.de/es-sah-ein-knab-ein-roeslein-stehn/ → Goethe: Sah ein Knab ein Röslein stehn (1771) https://www.lieder-archiv.de/sah_ein_knab_ein_roeslein_stehn-notenblatt_300360.html

Andere Gedichtformen, die sich zum Vergleich zweier Gedichte eignen, sind die Replik, die Parodie und das Plagiat (s. „Wasserzeichen der Poesie“). Allgemein bekannt und verbreitet ist der Vergleich themengleicher Gedichte. – Vgl. meinen alten Aufsatz https://norberto68.wordpress.com/2012/10/15/gedichtvergleich-mehrere-fassungen-verwandte-gedichte/!

Sachlich sein, Sachlichkeit – ihre Bedeutung

Das Adjektiv „sachlich“ (s) soll um 1820 aufgekommen sein, anfänglich noch in der Schreibweise „sächlich“; das Nomen „Sachlichkeit“ (S) ist 1828 erstmals belegt. Die Wörter hatten es schwer, ihren Weg in die Wörterbücher zu finden; im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm fehlt S.

Was bedeutet s? Die erste Erläuterung gibt es in Heinsius: Vollständiges Wörterbuch der Deutschen Sprache, Bd. III, 1830: „Sächlich, eine Sache angehend, betreffend, auch in dem Wesen einer Sache gegründet etc.“ Die besten Umschreibungen habe ich bei Wehrle-Eggers (Deutscher Wortschatz, 1961) und in Dudens Deutschem Universalwörterbuch (2011/2014) gefunden. Wehrle-Eggers nennen mehrere Sinnbereiche, in denen s gebraucht wird: a) Beim Denkvorgang können Schlussverfahren streng, sachlich, genau sein. b) In der Verstandesklarheit kann jemand nüchtern, sachlich, geradlinig denken. c) Im Gefühlsleben geht es um die Unerschütterlichkeit, da ist einer unbeteiligt, sachlich, nüchtern. d) Dann wird im Gefühlsleben auch noch die Einfachheit angenommen, wenn jemand einfach, schlicht, sachlich empfindet – diesen Punkt d halte ich für weniger gelungen. In Dudens Universalwörterbuch steht für s: 1. nur von der Sache, nicht von Gefühlen oder Vorurteilen bestimmt; nur auf die Sache, auf den infrage stehenden Sachzusammenhang bezogen; objektiv. 2. in der Sache begründet; von der Sache her. 3. ohne Verzierungen oder Schnörkel; durch Zweckgebundenheit gekennzeichnet. Diese 3. Bedeutung gehört in einen anderen Zusammenhang als die beiden ersten, welche menschliches Denken, Sprechen und Handeln charakterisieren; die 3. Bedeutung taucht häufig in der Bezeichnung der Stilrichtung „Neue Sachlichkeit“ auf, welche etwa ab 1925 in Kunst, Design und Architektur sich ausbreitete.

Warum soll ein Lehrer sachlich bleiben, warum sollen Schüler zur Sachlichkeit erzogen werden? S ist nach Max Scheler „die den Menschen vom Tier unterscheidende Fähigkeit, das Gegenständlichsein (Objektcharakter) von Gegenständen als solches zu erfassen, ohne die aus der Instinktgebundenheit der Tiere resultierende Einschränkung der Gegebenheitsweise von Welt“ (Metzler Lexikon Philosophie). Sachlichkeit ist demnach eine Stufe menschlicher Freiheit, die den – wenn man so will – triebhaften Egoismus überschreitet. Sie ermöglicht die freie wissenschaftliche Diskussion, das freie politische Gespräch der Bürger, in der Schule den freien Blick auf die Welt und in die Texte, das freie Gespräch zwischen Lehrenden und Lernenden.

Im Wiki Lexikon zur Gestalttheoretischen Psychotherapie wird Sachlichkeit der Ichhaftigkeit gegenübergestellt: https://www.oeagp.at/dokuwiki/doku.php?id=ichhaftigkeit_sachlichkeit.

Im Kompetenzatlas der FH Wien wird erläutert, wieso Sachlichkeit in Konflikt- und Stresssituationen wichtig ist: https://kompetenzatlas.fh-wien.ac.at/?page_id=634.

Ich selber habe vor Jahren ein kleines Loblied der Sachlichkeit gesungen: https://norberto68.wordpress.com/2011/05/29/sachlichkeit/.

Julia Breithausen hat in einem komplexen Rückgriff auf Heidegger und Adorno zu zeigen versucht, dass S pädagogisch bedeutsam ist, wobei von der Pädagogik her Theodor Ballauf als Hauptzeuge benannt ist: https://www.pedocs.de/volltexte/2017/14657/pdf/ZfPaed_2014_2_Breithausen_Bildung_und_Sachlichkeit.pdf.

Die Verpflichtung des Rechtsanwalts zur Sachlichkeit ist für uns jetzt nicht wichtig: https://www.rak-muenchen.de/rechtsanwaelte/berufsrecht/sachlichkeit-falschunterrichtung.html.

Zwei Plädoyers gegen Sachlichkeit habe ich gefunden; dabei merkt man, dass es beiden Autoren darum geht, dass man andere für seine eigenen Ziele einfängt: https://www.businessvillage.de/Etwas-weniger-Sachlichkeit-bitte/mag-1506.html und https://www.sozusagen.at/sachlichkeit-gibt-es-nicht/.

Hätte, hätte, Fahrradkette – zur Qualität einer Redensart

„Hätte, hätte, Fahrradkette.“ Dieser Spruch, 2013 durch Peer Steinbrück bekannt geworden, ist umwerfend gut, besser als zum Beispiel: „Hätte der Hund nicht geschissen, hätte er den Hasen gekriegt.“ Wieso ist er besser? Der Hunde-Spruch entfaltet den Gedanken vollständig – das ist zu umständlich, allerdings an einem unsinnigen Beispiel – das ist gut am Hunde-Spruch; denn dass ein Hund sich erst zum Scheißen niederhockt, wenn es gilt, einen Hasen zu fangen, macht ihn zum Bruder der Butterblume, die auch nie einen Hasen fangen könnte.

Der Spruch von der Fahrradkette ist gut, weil er extrem kurz ist, dabei sich reimt, je zweimal einen Trochäus aufweist (strenge Parallelität der beiden Zeilen), durch die Wiederholung „Hätte, hätte“ das ganze Feld des nachträglichen Besserwissens oder Wünschens einschließt und es völlig sinnlos durch „Fahrradkette“ abschließt, wodurch das „Hätte, hätte“ beendet (vollendet) und damit entlarvt wird.

Ich kenne einen ähnlichen Spruch aus dem Niederrheinischen: „WENN legg op dr Denn, hät lang Uere on vrett Heu.“ (WENN liegt in der Tenne, hat lange Ohren und frisst Heu.) Dieser Spruch ist natürlich viel besser als „Wenn das Wörtchen ‚wenn‘ nicht wär‘, wär‘ mein Vater Millionär“, der einmal ziemlich lang ist, dann aber den Gedanken an einem Beispiel exakt durchspielt und damit ziemlich fade ist. Für den ersten Wenn-Spruch gibt es zwei mögliche Deutungen: Die erste ist die, dass die Kombination des Wenn-Gedankens mit der Tenne und dem Heufressen völlig sinnlos ist, siehe oben. Die zweite nimmt das Liegen und Heufressen wörtlich und macht dann aus dem WENN bzw. aus dem Wenn-Sager einen Esel.

Zwei Regeln lassen sich aus diesen Beispielen für die Qualität von Redensarten ableiten: 1. Je kürzer, desto besser. 2. Je mehr der Gedanke demonstriert (resp. ad absurdum geführt) statt ausgesprochen wird, desto besser. Aber auch der Reim und die Parallelität in Bau und Rhythmus zeichnen einen guten Spruch aus.

https://www.wortbedeutung.info/h%C3%A4tte,_h%C3%A4tte,_Fahrradkette/ (Erklärung, Hinweis auf Sprüche in anderen Sprachen)

Literarisch wird der in den Redensarten glossierte Gedanke etwa in folgenden Texten entfaltet: Parabel von den drei Lehren https://also42.wordpress.com/2021/02/25/drei-lehren/; Chamissos Gedicht „Pech“ https://norberto42.wordpress.com/2021/03/15/bemerkungen-zu-a-von-chamisso-pech-und-tragische-geschichte/

Einleitung in einen Aufsatz – ein Beispiel

Als Beispiel untersuchen wir kurz, wie Otto Friedrich Bollnow 1948 seinen Aufsatz „Über pädagogische Erfahrung“ eingeleitet hat:

„Kein Begriff spielt in der Auseinandersetzung zwischen den Generationen eine solch große Rolle wie jener der Erfahrung. Manchmal geradezu mit einem Nimbus umgeben, von einem Schein der Glorie umstrahlt, manchmal geringschätzig abgetan, schillert er in allen Farben, je nachdem wer ihn gebraucht, oder in welchem Zusammenhang er gebraucht wird. Und es scheint mir der Mühe wert, sich einmal mit diesem Begriff auseinanderzusetzen, ihn zu beleuchten und zu untersuchen, was sich beim Gebrauch des Wortes tatsächlich dahinter verbirgt, immer unter der Berücksichtigung der uns interessierenden Beziehungen zur Pädagogik, besser gesagt: zur Schule, zum Lehrer.“

Bollnow Einleitung besteht aus drei Gedanken oder Behauptungen:

Der Begriff Erfahrung ist wichtig.

Der Begriff ist umstritten bzw. unklar.

Der Begriff muss deshalb untersucht werden,

und zwar im Hinblick auf die Pädagogik.

Die beiden ersten Behauptungen sind die Prämissen, aus denen dann gefolgert wird, dass es nötig ist, den Begriff zu untersuchen. Die vierte Aussage schränkt das Thema ein bzw. benennt die konkrete Fragestellung.

Interessant ist nun jedoch, dass Bollnow nicht die von mir gebrauchte kurze Formulierung der Prämissen und der Folgerung benutzt, sondern diese Gedanken jeweils in einem längeren Satz bildhaft ausmalt; die Konkretisierung des Themas wird in einer adverbialen Konstruktion angehängt („immer unter der Berücksichtigung …“).

Mit den ersten drei Gedanken kann man beinahe jeden Aufsatz einleiten – es kommt dann halt nur darauf ein, sie geschickt auszugestalten, wie Bollnow uns das hier vormacht.

Erziehung zum Fleiß?

In meiner Schulzeit gab es die Kopfnoten im Zeugnis, in denen die Lernhaltung des Schülers bewertet wurde. Dazu gehörte „Fleiß und Aufmerksamkeit“. Ohne dass ich hier diskutieren möchte, ob es sinnvoll war, die Kopfnoten abzuschaffen, halte ich es für fraglos richtig, dass Erziehung zum Fleiß eine wichtige Aufgabe der Schule ist. Damit komme ich zu einem aufschlussreichen Aufsatz, in dem die semantische und soziale Bedeutung von „Fleiß“ in der Neuzeit skizziert wird – und das ist zugleich ein Anlass, auf den heute weithin unbekannten Otto Friedrich Bollnow hinzuweisen, der zwischen Pädagogik und Philosophie dahinsegelte und eine Philosophie gesucht hat, die dem wirklichen Menschen zugewandt war. Hier also ein Auszug aus seinem Aufsatz über den Fleiß:

Die Romantik bekämpft die aufklärerische Schätzung des Fleißes nicht als unsittlich, sondern sie verspottet sie nur als kleinlich. Das bedeutet: In irgendeiner Weise erkennt sie ihren Wert schon an, nur daß dieser Wert als niedrig, als verächtlich angesehen wird. Oder genauer: Der Wert als Wert wird nicht angefochten, sondern lediglich die Haltung, die diesen Wert als den höchsten nimmt und darüber andere und in Wirklichkeit höhere Werte nicht sieht. Es handelt sich nicht um die Alternative von Wert und Unwert, sondern um die Rangordnung zwischen höherem und niedrigerem Wert.

Und in dieser Richtung dürfte dann die Auflösung überhaupt zu suchen sein. Der Fehler der Aufklärung lag darin, daß sie den Fleiß und die ganze Gruppe der bürgerlichen Tugenden, deren Wert sie entdeckte, zugleich verabsolutierte, indem sie diese zu den schlechthin entscheidenden Tugenden erhob. Demgegenüber gilt es zu erkennen: Der Fleiß ist keine von den „hohen“ Tugenden, keine von denen, die dem menschlichen Leben einen letzten Sinn geben. Dies erkannt zu haben, und daß die Verabsolutierung dieser Tugenden schließlich dem menschlichen Leben seine Erfüllung nimmt (ihm „die Rückkehr ins Paradies verwehrt“), ist dann die besondre Leistung der Romantik. Und es kommt darauf an, diese Leistung zu bewahren. Der Fleiß ist eine relative und keine absolute Tugend. Aber diese Relativierung des Fleißes darf nicht dazu führen, den Fleiß überhaupt abzulehnen oder verächtlich zu machen, und indem sich die Romantik in ihrer Freude an der provozierenden Formulierung dazu hinreißen ließ, fiel sie aus der Bekämpfung der einen Verkehrung in die entgegengesetzte, aber nicht minder verderbliche Verkehrung, aus dem Kampf gegen die Verabsolutierung des Fleißes in seine grundsätzliche Verneinung. In Wirklichkeit aber bedeutet die Relativierung der Tugend des Fleißes nicht seine Negierung, sondern es kommt darauf an, seine Stelle als dienende Tugend im größeren Ganzen einer sinnvollen Rangordnung der Tugenden richtig zu bestimmen. Er ermöglicht nicht nur nach außen hin den geregelten Haushalt des Lebens, sondern ist auch nach innen hin ein notwendiges Glied jeder Disziplinierung. Faulheit ist Zuchtlosigkeit. Und erst auf dem Boden eines angespannten und in sich notwendig asketischen Fleißes werden dann die höheren Leistungen des sittlichen Lebens ermöglicht. […]

Seine besondere Bedeutung gewinnt damit aber der Fleiß unter dem pädagogischen Gesichtspunkt. Die Erziehung zum Fleiß bedeutet in der Tat den Grundstein aller sittlichen Erziehung. Er hat eine disziplinierende Kraft, die schlechterdings durch keine andre Tugend ersetzt werden kann und die weit über den Umkreis des wirtschaftlichen Lebens hinausgeht. Freilich liegt in ihm (wie in jeder Tugend) zugleich die Gefahr der Entartung. Das ist einmal die Verengung des Blicks auf den Umkreis des bloß Nützlichen und damit die Gefahr des Banausischen. Das ist zweitens sodann die Neigung zum Übereifer und damit die Gefahr eines blinden Fanatismus. Und beiden Gefahren gegenüber bedarf es dann zugleich des ironischen Abstands, wie ihn die Romantik uns in unvergleichlicher Weise gelehrt hat, ohne dabei wieder umgekehrt der spielerischen Verantwortungslosigkeit zu verfallen.

(Otto Friedrich Bollnow: Der Fleiß. Ein Beitrag zur Geistesgeschichte der Tugendbegriffe, 1949 = https://bollnow-gesellschaft.de/getmedia.php/_media/ofbg/201504/454v0-orig.pdf

Man findet verschiedene Arbeiten Bollnows auf der Seite der Bollnow-Gesellschaft: https://bollnow-gesellschaft.de/schriften/ Bei der Übertragung ins pdf-Format haben sich einige Fehler eingeschlichen, damit muss man als vernünftiger Leser rechnen.

Probleme mit der Rechtschreibung

Otto Reutter: ABC (Der alte Dorfschulmeister)

(Der Vortragende tritt als alter Dorfschulmeister auf)

A B C, mir tut der Schädel weh!
Bin ein alter Dorfschulmeister,
unterricht‘ die kleinen Geister. –
‘s ABC ist meine Lehr‘.
‘s „A“ könn‘n viele schon vorher. –
Denn so‘n Kindchen, kaum ist‘s hiesig,
sagt schon „Ah!“ und freut sich riesig.
Und ist‘s kaum ein Weilchen da,
bringt‘s uns schon ein Doppel-A-A.

A B C, mir tut der Schädel weh!
Kinder stell‘n oft kluge Fragen
Und wir wissen nichts zu sagen.
„Warum“, fragt manch kleiner Wicht,
schreibt man anders, als man spricht?“
Man schreibt „e-u“ und sagt „Reue“,
sucht doch einen Laut, nicht zweie.
„e-i“ – „ei“, man sagt doch nie:
Unser Huhn legt ein „E-i“.

A B C, mir tut der Schädel weh!
Durch die Kinder-Pädagogik
schärft‘ ich selber meine Logik.
Manches Wort man anders schreibt,
das von gleichem Klange bleibt.
Ob ich „mehr Meer“ oder ‘n „See seh“,
Mal ‘n „e-h“ und mal zwei „e“ seh‘,
‘s klingt ganz gleich: Fürs „Mittelmeer“
hab‘n wir keine „Mittel mehr“.

A B C, mir tut der Schädel weh!
Warum schreibt man „Sie“ mit „i-e“?
‘s heißt „Mani“ und nicht „Mani-e“,
Schreibt doch „Wisel“! „Wiesel“ klingt
sonst „Wi-esel“ unbedingt.
Auch ‘s „o-e“ verursacht Nöte:
Mal heißt‘s „Goethe“, mal „Po-ete“.
Schließlich liest dann mancher gar,
Daß „Go-ethe“ „Poete“ war.

A B C, mir tut der Schädel weh!
Ypsilon könnt‘ „ü“ und „i“ sein –
X ist nix, auch das braucht nie sein.
Schreibt doch „Nixe“ mit zwei „k“,
auch das „Q“ steht unnütz da.
„K“ und „W“ nur brauchten bleiben,
„Kwelle“, „Kwatsch“, so‘n Quatsch zu schreiben!
Statt mit „K“ mit „Q“ steht‘s da,
und grad „Kuh“ schreibt man mit „K“.

A B C, mir tut der Schädel weh!
Oft wird man vom Klang betrogen:
‘s „Heer“ kommt „hehr“ einhergezogen.
Jeder „Saal“, der hat zwei „a“,
‘n „Scheusal“ steht mit einem da.
„Tran“ und „Thron“ – gedehnt sind beide –
doch im „Tran“ das „h“ vermeide,
Nur im „Thron“, das weiß man ja,
Find‘t man immer noch ein „h“.

A B C, mir tut der Schädel weh!
„Mal“ und „Mahl“ spricht allemal man
mit und ohne „h“ egal man.
„Eh‘gemahl“ und „gehe mal“,
„Mittagsmahl“ und „Muttermal“,
„Male“ soll „mal“ Kaffee „mahlen“ –
Müller „mahlen“ – Maler „malen“ –
alle „ma(h)len“ alle „Mal“
mit und ohne „h“ – egal.

A B C, mir tut der Schädel weh!
„s-z“ hat verschied‘ne Tönung,
mal heißt‘s „blaß“, dann „bloß“ – mit Dehnung.
Auch „c-h“ kapiert man nicht,
mal heißt‘s „Docht“ und mal heißt‘s „dicht“,
„Sachsen“ müsst‘ man „Sakksen“ schreiben
oder ‘s müsste „Sachsen“ bleiben (sprich „Sach-sen“, wie von „Sache“ abgeleitet).
weil‘s auch „sachverständig“ meist
und nicht „sakkverständig“ heißt.

A B C, mir tut der Schädel weh!
„F“ und „V“ – ‘s könnt‘ eins genügen –
„faule Fische“ – „viel Vergnügen“,
„Viere“ – „fünfe“ – „Vater“ – „Frau“
„Gustav“ – „Gasthof“ – „F“ wie „V“…
Bloß „Pfau“ wird „P-f“ geschrieben,
„Vetter“ ist mit „V“ zu üben,
doch auch ‘s „F“ wird nicht vermißt,
wenn‘s ein „fetter“ „Vetter“ ist.

A B C, mir tut der Schädel weh!
„C“ und „Z“, die gleiche Sorge,
mal „Zigarre“, mal „Cichorie“,
„Zeh“ mit „Z“, kein „C“ im „Zeh“
Und „Cäcilie“ (sprich Zei-cilie) mit ‘nem „C“ –
„C“ klingt oft wie „K“ so heftig –
„Cohn“ im „Kahn“, klingt beides kräftig –
‘s ist auch gar kein Unterschied –
Cohn ist Jüd‘ und Kahn ist Jüd‘! [Beide Namen gehen auf ‚cohen‘ = Priester zurück, N.T.]

A B C, mir tut der Schädel weh!
Mancher „singt“ die schönsten „Lieder“
Wenn das Aug‘ „sinkt“, fall‘n die „Lider“.
Mancher, den du „fast“ „gefaßt“,
flieht voll „Hast“, weil er dich „haßt“.
„Wird“ ein „Wirt“ „verwirrt“ hienieden,
Klingt‘s gleich, doch man schreibt‘s verschieden.
Manchmal schreibt man „Völkerbund“,
manchmal treib‘n ‘s die „Völker bunt“.

A B C, mir tut der Schädel weh!
„Vase“ (sprich da V wie ein F) schreibt man und sagt „Wase“,
„Phase“ (sprich „P-hase“) schreibt man und sagt „Fase“.
Manche Maid voll Arroganz
„ist“ ‘ne Gans und „isst“ ‘ne Gans.
Der Berliner kann die beiden
„G“ und „J“ nicht unterscheiden.
„Jesus“ steht mit „Jott“, o jeh!
Und „Gott“ (sprich „Jott“) schreibt man mit ‘nem „G“.

(Geht kopfschüttelnd ab.)

Anm.: Für jede Strophe ist eine große Papptafel erforderlich, auf welcher die betreffenden Buchstaben links und die Wörter rechts stehen. Der Vortragende zeigt dann auf den entsprechenden Tafeltext.

P.S. Wer die alte Rechtschreibung nicht mehr kennt, wird sich bei einigen Beispielen schwertun; Reutter lebte 1870-1931.


Übers Ermahnen

Die unverhoffte Wirkung

Wenn du die Kinder ermahnst, so meinst du, dein Amt sei erfüllet.

Weißt du, was sie dadurch lernen? – Ermahnen, mein Freund!

Heinrich von Kleist

Etwas lernen wollen

In einem Brief an Lucilius schrieb Seneca: „Je mehr die Seele aufnimmt, desto mehr erweitert sie sich, diese Lehre gab uns, wie ich mich erinnere, Attalus, als wir seine Schule belagerten“, und er zitiert dann einen Satz seines Lehrers: „Dasselbe Ziel muss sowohl der Lehrende als der Lernende haben, jener, dass er nützen, dieser, dass er Nutzen ziehen wolle.“ Anders gesagt, der Lehrer muss lehren und der Schüler lernen wollen.

Das hört sich banal an, ist es aber nicht; im Zeitalter des Internets wollen manche Schüler nur ein Ergebnis gezeigt bekommen – copy and paste, ohne sich mit dem Gegenstand auseinanderzusetzen. Oder wie mir einmal ein Schüler, dem ich Nachhilfe gegeben habe, zu einer literaturgeschichtlichen Epoche sagte: „Ich brauche fünf Schlagworte, die ich immer reinhauen kann.“ Dieser Schüler wollte nichts lernen; aber dass er mit den fünf Schlagworten durchgekommen ist, zeigt, dass seine Lehrerin auch nicht lehren wollte.

Leider erinnere ich mich daran, dass ich als Schüler am Gymnasium oft auch nichts lernen wollte; einmal war ich ein guter Schüler, der das vermeintlich nicht nötig hatte, und zum anderen waren viele unserer Lehrer Witzfiguren, von denen man allein deshalb nichts lernen wollte.

Mein Credo in meiner Dienstzeit lautete: „Ein guter Schüler lernt bei jedem Lehrer etwas, ein schlechter bei keinem, und nur für die anderen kommt es auf die richtigen Lehrmethoden an.“ Das würde ich jetzt nicht mehr so unbedingt sagen: Es kommt immer auf die Persönlichkeit und das Engagement des Lehrers und auf seine Lehrmethoden an – aber ein guter Schüler lernt selbst dann etwas, wenn nicht alles in Ordnung ist.

Ich füge noch einige Fragmente Demokrits (um 500 v.u.Z.) an:

Natur und Erziehung sind verwandt. Denn die Erziehung wandelt den Menschen um; indem sie ihn aber umwandelt, schafft sie eine neue Natur. (95)

Es werden mehr Leute durch Schulung als durch natürliche Begabung tüchtig. (96)

Man kann es weder in einer Kunst noch in einer Wissenschaft zu etwas bringen, ohne dass man lernt. (97)

Edle Güter erarbeitet man sich nur durch anstrengendes Lernen, gemeine aber erntet man von selbst ohne Anstrengung. (98)

Einem minderwertigen Menschen untergeben zu sein ist schwer. (148)

Die Fragmente sind nach einer Ausgabe von Wilhelm Nestle zitiert: https://archive.org/details/dievorsokratiker00nestiala/page/174/mode/2up