Einleitung in einen Aufsatz – ein Beispiel

Als Beispiel untersuchen wir kurz, wie Otto Friedrich Bollnow 1948 seinen Aufsatz „Über pädagogische Erfahrung“ eingeleitet hat:

„Kein Begriff spielt in der Auseinandersetzung zwischen den Generationen eine solch große Rolle wie jener der Erfahrung. Manchmal geradezu mit einem Nimbus umgeben, von einem Schein der Glorie umstrahlt, manchmal geringschätzig abgetan, schillert er in allen Farben, je nachdem wer ihn gebraucht, oder in welchem Zusammenhang er gebraucht wird. Und es scheint mir der Mühe wert, sich einmal mit diesem Begriff auseinanderzusetzen, ihn zu beleuchten und zu untersuchen, was sich beim Gebrauch des Wortes tatsächlich dahinter verbirgt, immer unter der Berücksichtigung der uns interessierenden Beziehungen zur Pädagogik, besser gesagt: zur Schule, zum Lehrer.“

Bollnow Einleitung besteht aus drei Gedanken oder Behauptungen:

Der Begriff Erfahrung ist wichtig.

Der Begriff ist umstritten bzw. unklar.

Der Begriff muss deshalb untersucht werden,

und zwar im Hinblick auf die Pädagogik.

Die beiden ersten Behauptungen sind die Prämissen, aus denen dann gefolgert wird, dass es nötig ist, den Begriff zu untersuchen. Die vierte Aussage schränkt das Thema ein bzw. benennt die konkrete Fragestellung.

Interessant ist nun jedoch, dass Bollnow nicht die von mir gebrauchte kurze Formulierung der Prämissen und der Folgerung benutzt, sondern diese Gedanken jeweils in einem längeren Satz bildhaft ausmalt; die Konkretisierung des Themas wird in einer adverbialen Konstruktion angehängt („immer unter der Berücksichtigung …“).

Mit den ersten drei Gedanken kann man beinahe jeden Aufsatz einleiten – es kommt dann halt nur darauf ein, sie geschickt auszugestalten, wie Bollnow uns das hier vormacht.

Beobachtungen über die Kunst zu denken

Christian Garve: Einige Beobachtungen über die Kunst zu denken, in: Garve: Versuche über verschiedene Gegenstände aus der Moral, der Litteratur und dem gesellschaftlichen Leben. Zweyter Theil. Breslau 1796, S. 245 ff. [Ich fasse Garves Gedanken kurz zusammen, im Indikativ.]

Dunkel ist die Entstehung der Gedanken in der Meditation. Sie unterliegt dem Willen, lebt aber auch von Eingebungen, die sich von selber unregelmäßig einstellen. Eigene Wahl und fremde Einflüsse bestimmen uns insgesamt.

Erste Abtheilung. (Über Hilfsmittel und Hindernisse des Denkens überhaupt)

1. Sich den Gegenstand lebhaft und ausführlich vorstellen, sich an eigenen Erfahrungen orientieren, das ist die beste Vorbereitung der Meditation.

2. Sich dem Strom der Ideen zu überlassen führt leicht auf Abwege. Müdigkeit verstärkt das Abschweifen, lebhaftes Interesse verhindert es.

3. Es ist schwierig, gerade das, was man denkt, zu sagen; im Aussprechen werden die Ideen leicht verändert. Nur ganz helle Einsichten werden klar ausgesprochen; jede Sprache färbt Ideen auf ihre Weise. Hohe Sprachfähigkeit erleichtert das Denken, Wort und Ausdruck bieten sich dann von selbst dar.

4. Mit Erfolg denkt man, wenn man lange ununterbrochen denken kann (Aufmerksamkeit, Konzentration); Übung hilft hier weiter. – Man soll seine Aufmerksamkeit nur auf eine Sache richten, und zwar so lange, bis man zu einem gewissen Ziel gekommen ist. Wem schnell etwas einfällt, der gibt sich leicht mit ersten Einfällen zufrieden und geht dann zum nächsten Thema über; man sollte üben, auch Durststrecken zu überstehen, statt sich zu zerstreuen.

5. Die Einfälle unterliegen nicht dem Willen; daher verfällt man leicht auf Verschiedenes, ohne es zu Ende zu bringen. – Einer stockenden Meditation kann man aufhelfen, wenn man nah verwandte Themen sich vor Augen führt.

6. Da unser Urteil über den Wert eines Themas schwankt, soll man Themen wählen, die einem wichtig sind; wenn die Lust daran vergeht, soll man sie aus Pflicht weiter verfolgen. Umso mehr ist es erforderlich, sein Thema umsichtig zu wählen. Wenn man dann etwas davon versteht, macht es noch mehr Freude, daran weiterzuarbeiten. „Die Reise zur Wahrheit ist, wie jede andere Reise. Der Weg geht über Sandfelder so gut, wie über grüne Auen; und man muß durch beyde hindurch, wenn man zum Ziele gelangen will.“ Je vortrefflicher das Erreichte ist, desto weniger kaschiert man Schwächen oder Fehler; aber Nebensächliches kann man ruhig unvollendet stehen lassen.

7. Am Anfang der Meditation muss man nicht auf vollkommene Ergebnisse aus sein, da kann man auch regellos denken: „Das gediegenste Gold liegt am tiefsten.“ Im zweiten Durchgang wird man die Ergebnisse der ersten Meditation sichten und ordnen; darauf erst folgt die Zusammenfügung und Rundung der geprüften Teile, schließlich die stilistische Feinarbeit.

8. (noch einmal als 7. gezählt) Vorbereitung der Meditation: sich mit den Gedanken der besten Köpfe vertraut machen und sich mit ihnen auseinandersetzen. Bei der eigenen Untersuchung stören fremde Gedanken jedoch und verhindern, dass wir unser Eigenes finden.

9. (als 8. gezählt) Zur Vorbereitung gehört auch die gelegentliche Durchsicht unseres eigenen Gedankenvorrats. Man muss also sein Gedächtnis in Anspruch nehmen oder auf Notizen zurückgreifen können. Hier profitiert derjenige, der mit der Geschichte seiner eigenen Philosophie und seines eigenen Lebens bekannt ist. Besser ruft man seine Erfahrungen im stillen Selbstgespräch als mit der Feder in der Hand auf.

10. (als 9. gezählt) Der Anblick der schönen Natur und Bewegung befördern das Denken; im 16. Jahrhundert haben einige Gelehrte zu Pferde an ihren Werken gearbeitet. Ein Aufenthalt im Gebirge regt das Denken besonders an.

Zweyte Abtheilung

Darin geht es um die verschiedenen Methoden des Denkens, die hier nicht mehr berücksichtigt werden. „Ich nenne die erste die Methode des Unterrichts, oder die systematische, die zweyte die Methode der Erfindung, oder die Sokratische, die dritte die historische, die vierte die widerlegende, die fünfte die commentierende, die sechste, die beobachtende.“

https://archive.org/details/versucheberver02garvuoft/page/244/mode/2up (Text)

Frage: Kann man das für die Schule fruchtbar machen?

Einleitung: Wie leitet man einen Aufsatz ein?

Wie kann man einen problemorientierten Aufsatz, also eine in der Schule geforderte Analyse einleiten? Am einfachsten schaut man einmal, wie andere Leute ihre Aufsätze einleiten:
1. „Bei seiner Heimkehr hat Nathan erfahren, dass Recha aus seinem brennenden Haus von einem Tempelherrn gerettet worden ist, den Saladin begnadigt hatte (V. 84 ff.) und der jetzt verschwunden ist. Nathan bedenkt, was das wohl für seine Tochter bedeutet (V. 127 ff.), und vermutet, dass sie „schwärmt“ (V. 140), d.h. dass Kopf und Herz verwirrt sind und von Phantasie bestimmt werden, was Daja ihm bestätigt (V. 140 ff.). Nathan möchte dieses Problem in einem Gespräch klären (V. 155) und seine Tochter vom süßen Wahn zur süßeren Wahrheit führen (V. 161 ff.).“ (Szenenanalyse: Nathan der Weise I 2) Hier wird die Vorgeschichte des Gesprächs, also die Situation der Figuren des Gesprächs beschrieben; damit werden ihre Probleme erklärt, die zu lösen sind.

2. „Lessing hat dieses Sinngedicht am 11. Oktober 1752 in das Stammbuch eines seiner Wittenberger Universitätsbekannten geschrieben. Es wurde 1804 in den Obersächsischen Provinzialblättern veröffentlicht; heute steht es im Anhang der Lieder. Man kann es kaum unter „Anakreontik“ einordnen – es spielt zwischen altkluger Lebensweisheit und ruhiger Selbstbesinnung: ein eindrucksvolles Gedicht. Es greift in Kurzform die drei Aspekte auf, die Schopenhauer 1851 in seinen „Aphorismen zur Lebensweisheit“ reflektiert hat und für deren Formulierung er (offensichtlich zu Unrecht) den Primat beanspruchte: Was einer ist – Was einer hat – Was einer darstellt; bei Lessing werden sie in umgekehrter Reihenfolge bedacht.“ (Analyse von Lessings Gedicht „Ich“) Hier wird der Kontext beschrieben, in dem man das Gedicht verstehen kann (seine Entstehung, die Thematik).

3. „Gibt es eigentlich noch unentschiedene Wähler in den USA? Falls ja, versucht die Republikanische Partei offenbar nicht mehr, sie von den Vorzügen ihres Präsidentschaftskandidaten zu überzeugen; stattdessen…“ (Bericht in der SZ vom 3.11.2020 über die Unterdrückung von Wählerstimmen bei der Wahl in den USA am 4.11.2020) Hier wird mit einer Frage begonnen, die im Kontrast zum Thema hinführt.

4. „Als Jonas eines Morgens aus seinen Träumen erwachte, fand er sich in einer verlassenen Stadt wieder. Die Ursache dieser sozialen Katastrophe erfährt er nicht. So ließe sich sich Thomas Glavinics Roman ‚Die Arbeit der Nacht‘ zusammenfassen.“ (Besprechung eines Fotobandes Corona Nights Hamburg in der SZ vom 3.11.2020) Hier wird in Anspielung auf Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ eine Situation beschrieben/zitiert, die zum Thema des Fotobandes passt (Ähnlichkeit); solche schlauen Einleitungen fallen einem normalerweise nicht ein.

5. „Wenn vom Amazonas-Regenwald die Rede ist, denken die meisten als Erstes an die vielen verschiedenen Tiere und Pflanzen, die dort leben. Und als Zweites an die riesigen Flächen, die dort jedes Jahr abgeholzt werden“, während der Rest des Regenwaldes „als eine Art Paradies, in dem die Natur noch in Ordnung ist“, gilt. (Bericht über das Artensterben im Regenwald in der SZ vom 3.11.2020) Hier wird an eine falsche Vorstellung angeknüpft (Kontrast).

6. „Die Gesellschaft braucht im Umgang mit der Pandemie gute Vorbilder. Sie braucht Menschen, die Vernunft vorleben. Und sie braucht Politiker als Volksvertreter, die beweisen, dass sie sich an die von ihnen beschlossenen und zum Teil sehr harten Beschränkungen ohne Wenn und Aber selbst halten.“ (SZ vom 3.11.2020, Kommentar zur Verschiebung des CDU-Parteitags und der Möglichkeit digitaler Abstimmung) Hier wird dem Kommentar ein Prinzip, ein Maßstab der Beurteilung vorangestellt.

Auswertung: Zum Thema wird hingeleitet, d.h. der Hauptteil wird eingeleitet

  • durch Anknüpfung an etwas Ähnliches
  • durch Gegenüberstellung eines Kontrastes (oder einer falschen Vorstellung)
  • durch einen Bericht über die Vorgeschichte
  • durch eine Erklärung der Problematik (evtl. Vorgeschichte)
  • durch eine Übersicht über den Kontext
  • durch Berufung auf einen Maßstab (bei einem Kommentar).
  • Möglich wäre auch, mit einer Definition des Hauptbegriffs zu beginnen.

Eine Unterrichtsreihe zur Frage, wie man einen Aufsatz gliedert, findest du hier: https://norberto68.wordpress.com/2013/11/07/unterrichtsreihe-ordnen-gliedern-gliederung-anfertigen/

Bodo Friedrich gibt in „Kurze Stilistik. Eine Anleitung für Schüler“ (Berlin 1987) folgende Hinweise für die Gestaltung des Textbeginns (= Einleitung) beim Beschreiben und Erklären:

1. Man kann von Bekanntem ausgehen,

  • indem man einen allgemein bekannten Sachverhalt darstellt (Die Sonne scheint im Osten aufzugehen → die Zeitzonen der Erde)
  • indem man mit einer historischen Darstellung beginnt (= die Vorgeschichte) (Vor der Kolonialzeit lebten die indischen Bauern… → die Republik Indien)
  • indem man mit einer vorgestellten Situation beginnt (Wenn wir vom Ufer eines Teiches ins Wasser schauen… → Fische)

2. Man kann auch von Neuem ausgehen,

  • indem man den „Gegenstand“ einordnet oder gliedert (Es gibt fünf Kontinente auf der Erde, von denen Asien der größte ist → Asien)
  • indem man ihn definiert (Die Anekdote ist eine kurze, kennzeichnende Geschichte)
  • indem man ein Merkmal hervorhebt (Das Pantoffeltierchen lebt vorwiegend… → das Pantoffeltierchen)
  • indem man die Ausgangssituation charakterisiert (Zum Schnitzen benötigt man… → das Schnitzen).

Für die Formen des problemorientierten Schreibens gibt es in diesem von mehreren Verfassern bearbeiteten Buch keine Hinweise, wie man den Text einleiten kann. (Die Formulierungen Friedrichs sind nicht optimal, bei „Asien“ habe ich ihn korrigiert.)

Wenn man meine Hinweise mit denen von Bodo Friedrich vergleicht oder verbindet, bekommt man viele Hinweise darauf, wie man einen Text einleiten kann. Allerdings ist das heute oft kein Problem mehr, weil in der Aufgabenstellung häufig die Struktur des Aufsatzes bereits vorgegeben ist – aus Gründen der Standardisierung, da Aufsätze im Sinn der Vergleichbarkeit nach einem festen Punkteschema bewertet werden: der Tod jeder Kreativität, eine Erziehung zur Unselbständigkeit.

Einen Erzähltext zusammenfassen – Beispiel

Brüder Grimm: Hänsel und Grethel (1819)1

Aufgabenstellung: Fasse das erzählte Geschehen möglichst knapp zusammen!

1. Versuch:

Die armen Eltern zweier Kinder, Hänsel und Grethel, setzen diese im Wald aus, um selber zu überleben. Die Kinder retten sich in ein Haus, werden aber von der Hausherrin, einer Hexe, ihrer Freiheit beraubt. Es gelingt Grethel, die Hexe zu verbrennen und ihren Bruder zu befreien; mit den Schätzen der Hexe gehen sie nach Hause und leben von da an mit dem Vater frei von Sorgen.

Probleme:

1. Muss die Mutter als treibende Kraft genannt werden?

2. Muss die erste Rettung mit Hilfe der Kieselsteine Hänsels erwähnt werden?

3. Muss die unterschiedliche Behandlung der Kinder durch die Hexe erwähnt werden?

4. Muss der Tod der Mutter erwähnt werden?

Ergebnis: Der Tod der Mutter muss erwähnt werden, weil sonst der falsche Eindruck entsteht, sie lebte noch; dann muss sie auch als treibende Kraft genannt werden.

2. Versuch:

Die armen Eltern zweier Kinder, Hänsel und Grethel, setzen diese auf Betreiben der Mutter im Wald aus, um selber zu überleben. Die Kinder retten sich in ein Haus, werden aber von der Hausherrin, einer Hexe, ihrer Freiheit beraubt. Es gelingt Grethel, die Hexe zu verbrennen und ihren Bruder zu befreien; mit den Schätzen der Hexe gehen sie nach Hause und leben von da an mit ihrem Vater frei von Sorgen, während die Mutter verstorben ist.

3. Versuch:

Die armen Eltern zweier Kinder, Hänsel und Grethel, setzen diese auf Betreiben der Mutter im Wald aus, um selber zu überleben. Einmal kann Hänsel den Weg mit Kieselsteinen markieren und so nach Hause finden; ein zweiter Versuch, dies mit Brotkrumen zu erreichen, scheitert. Die Kinder retten sich jedoch in ein Haus, das von einer Hexe bewohnt wird. Hänsel wird eingesperrt; Grethel muss ihn füttern, damit die Hexe ihn schlachten kann. Es gelingt Grethel, die Hexe zu verbrennen und ihren Bruder zu befreien; mit den Schätzen der Hexe gehen sie nach Hause und leben von da an mit ihrem Vater frei von Sorgen, während die Mutter verstorben ist.

Würdigung:

Der 3. Versuch geht schon zu stark in Richtung einer Nacherzählung; der 2. Versuch stellt das Optimum einer möglichst kurzen Zusammenfassung des erzählten Geschehens dar. Frage: Welche Elemente des erzählten Geschehens sind hierbei berücksichtigt? – Fehlt der Basissatz?

1Text: https://de.wikisource.org/wiki/H%C3%A4nsel_und_Grethel_(1819), die zweite Fassung; Zugang zu allen Fassungen über die Seite https://de.wikisource.org/wiki/H%C3%A4nsel_und_Gretel. (Zugriff April 2017)

Einen Sachtext zusammenfassen – Beispiel 2

Carola Beck: Die Wissenschaft der Bionik. Die Natur als Vorbild der Technik (2010)

[…] Schon Leonardo da Vinci nahm sich im 15. Jahrhundert die Natur zum Vorbild. Der geniale Künstler und Wissenschaftler untersuchte den Flügelschlag von Vögeln und entwarf daraufhin „Schlagflügel“. Da Vinci wird oft als historischer Begründer der Bionik angeführt, da er unter anderem den Vogelflug analysierte und versuchte, seine Erkenntnisse auf Flugmaschinen zu übertragen. Damit sollte es auch dem Menschen möglich sein zu fliegen.

Bisher hatten die Wissenschaftler dies nicht umsetzen können, und auch die Modelle Da Vincis waren noch nicht flugtauglich. Der Weg war jedoch bereitet. Man forschte weiter auf diesem Gebiet, und die Fluggeräte wurden immer weiter ausgebaut. Auch Otto Lilienthal war fasziniert von der Vorstellung, durch die Luft zu gleiten. Er arbeitete ebenfalls mit dem bionischen Ansatz „der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst“. Lilienthal unternahm Tausende von Gleitflügen und schaffte es, mit seinen Flugmodellen bis zu 250 Meter weit zu fliegen. Seine Leidenschaft wurde ihm allerdings zum Verhängnis: Er stürzte 1896 bei einem Gleitflug in die Tiefe. Durch starken Aufwind hatte er die Kontrolle über seine Maschine verloren. Lilienthal starb kurz darauf an den Folgen des Sturzes.

Auch moderne Flugzeugkonstrukteure nehmen sich den Vogel zum Beispiel: Im Gleitflug spreizt der Adler seine Flügelspitzen nach außen. Dadurch entstehen an den Flügelspitzen viele kleine Luftwirbel, die den Flug weniger stören. Die Flugzeuge liegen heutzutage durch die hoch gestellten Spitzen an den Flügelenden sicherer in der Luft und verbrauchen weniger Kraftstoff.

Noch ein Tier gab den Konstrukteuren einen entscheidenden Hinweis, auch wenn es sich nicht in den Lüften bewegt: der Hai. Der schnell schwimmende Meeresbewohner hat mikroskopisch feine, in Strömungsrichtung verlaufende Rillen in seiner Haut. Die Forscher des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt stellten nach dem Vorbild der Haifischhaut eine Folie her, mit der die Oberfläche moderner Flugzeuge ausgestattet wird. Bis zu drei Prozent des sehr teuren und umweltschädlichen Flugzeugtreibstoffs Kerosin können so eingespart werden. […]

(https://www.helles-koepfchen.de/artikel/1934.html)

(http://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/316034_so_04.pdf gekürzt, mit Lösung)

Aufgabenstellung:

Fasse den Text kurz zusammen. Formuliere einen einleitenden Satz, in dem du den Text identifizierst.

Textzusammenfassung (http://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/316034_so_04.pdf)

In ihrem Text „Die Wissenschaft der Bionik – Die Natur als Vorbild der Technik“, den Carola Beck im Internet-Wissensportal „Helles Köpfchen“ veröffentlichte, informiert die Autorin über die Vorbilder der Natur für den Bau von Flugzeugen.

Bereits im 15. Jahrhundert untersuchte da Vinci das Flugverhalten von Vögeln und versuchte, erste Flugmaschinen zu bauen. Auch der deutsche Forscher Otto Lilienthal entwickelte Flugmodelle, mit denen er bis zu 250 Meter weit gleiten konnte.

Noch heute nehmen sich Forscher die Natur zum Vorbild, um die Flugeigenschaften von Flugzeugen zu verbessern. So konstruieren die Forscher die Flügel vieler Flugzeuge wie Adlerflügel, um einen möglichst sicheren Flug zu ermöglichen. Der Mensch kann sich also auch heute noch die Natur als Vorbild nehmen, um neue oder verbesserte Techniken zu entwickeln.

Meine Lösung

In ihrem Beitrag „Die Wissenschaft der Bionik“ für das Internetportal „Helles Köpfchen“ von 2010 berichtet Carola Beck über Versuche von Menschen, ihren Wunsch, fliegen zu können, zu verwirklichen, indem sie von Vorbildern in der Natur lernen.

Leonardo da Vinci habe den Flügelschlag der Vögel mit seinen „Schlagflügeln“ kopiert. Otto Lilienthal habe sich ebenfalls am Vogelflug orientiert und bis 250 Meter gleiten können. Moderne Konstrukteure hätten in Anlehnung an den Bau von Adlerflügeln die Flügel von Flugzeugen mit hoch gestellten Spitzen ausgestattet; die Oberfläche von Flugzeugen sei heute wie die Haut des Hais mit feinen Längsrillen ausgestattet.

Alternative für den zweiten Absatz (als direkte Fortsetzung des 1. Satzes):

Sie zeigt an vier Beispielen, wie die Menschen im Lauf von Jahrhunderten nach anfänglichen Misserfolgen das Fliegen mit Flugzeugen gelernt und verbessert haben.

Diskussion

  • Da es sich um einen Textauszug handelt, endet meine Zusammenfassung abrupt. Der letzte Satz bei Klett hat nichts mit Becks Text zu tun, er rundet nur die eigene Zusammenfassung ab.
  • Man kann streiten, ob der 2. Absatz bei mir zu sehr in die Einzelheiten geht (→ Alternative).
  • Bei der Textzusammenfassung im Klettbuch (http://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/316034_so_04.pdf) stört der Übergang vom einleitenden Satz („informiert die Autorin“) zur inhaltlichen Zusammenfassung im Indikativ; der Bericht über das sprachliche Handeln („informiert“) muss vom Referat des Inhalts abgegrenzt werden (Konjunktiv I, indirekte Rede).
  • Die zeitliche Gliederung des Textes wird in beiden Lösungen deutlich, wenn auch unterschiedlich markiert.
  • Meine Zusammenfassung (7 bzw. 4 Zeilen) ist deutlich kürzer als die von Klett (9 Zeilen für 23 Zeilen Text). Als Zusammenfassung ziehe ich meine Lösung mit der Alternative vor (4 Zeilen), die Klett-Lösung schwankt zwischen Zusammenfassung und Nacherzählung.

  • Textsorte: informierend, historisch gegliedert (evtl. auch sachlich: anfängliche Misserfolge / spätere Erfolge)

Einen Sachtext zusammenfassen – Beispiel

Einen Sachtext zusammenfassen

Auf der Seite des ISB (http://www.isb-gym8-lehrplan.de/contentserv/3.1.neu/g8.de/index.php?StoryID=26704) findet man u.a. folgendes Aufgabenbeispiel: Zusammenfassen eines Sachtexts in Form der Textproduktion (ich verändere die Typografie und kürze Erläuterungen, um anschließend meinen ersten Lösungsversuch und die vorgegebene Musterlösung zu diskutieren):

Zusammenfassung eines Sachtextes in Form der Textproduktion

Aufgabenstellung: Fasse den Text in eigenen Worten zusammen. Stelle eine vorinformierende Einleitung voran.

Claudia Wolters, Iss das Richtige – aber was?

Wenn Familien mit übergewichtigen Kindern ihre Ernährung umstellen, dann hilft nur eines: alle müssen mitmachen, die Eltern als Vorbilder sowieso und Geschwister auch, als Unterstützer. Alles andere würde das übergewichtige Kind in der eigenen Familie zum Außenseiter machen. Außerdem ist hier ja keine Diät angesagt, die irgendwann anfängt und irgendwann auch wieder aufhört und dann kehrt man zu den alten Gewohnheiten zurück. Im Gegenteil: Eine gesunde, ausgewogene Ernährung ist für die ganze Familie sinnvoll und soll ja auch dauerhaft beibehalten werden. Zudem ist in vielen Familien das Problem Übergewicht ein Familienproblem und nicht nur das eines einzelnen Kindes.

Ziel ist es, die Nahrungsauswahl und das Essverhalten dauerhaft so zu verändern, dass ein Gleichgewicht entsteht zwischen dem Energieangebot und der tatsächliche verbrauchten Energie. Weder Kalorienzählen noch FdH (Friss die Hälfte) ist bei Kindern angebracht. Obst, Gemüse und Vollkornprodukte machen satt, vor allem, wenn ausreichend Wasser dazu getrunken wird und die Ballaststoffe dadurch aufquellen können. Schon dadurch essen Kinder insgesamt weniger.

Ein Glas Wasser zu Beginn der Mahlzeit bremst den Hunger. Außerdem sollte gutes und langsames Kauen trainiert werden. Jeden Bissen vor dem Runterschlucken gründlich kauen. Ablenkungen am Tisch sollten vermieden werden, z.B. durch Spielzeuge oder gar durch Fernsehen. Sowieso ist eine gemeinsame Mahlzeit an einem nett gedeckten Tisch die Basis für ein gesundes Ernährungsverhalten.

Überhaupt: eine wichtige Regel beim Essen heißt: höre auf das eigene Sättigungsgefühl und lass Essen stehen, auch wenn der Teller noch nicht leer ist. Vorbei sein sollten die Zeiten, in denen aufgegessen werden muss, was auf den Teller kommt. Kindern sollte zugestanden werden, dass sie das Einschätzen erst noch lernen müssen. Auch wenn die Augen manchmal größer sind als der Appetit. Auch Nachtisch sollte es unabhängig davon geben, ob der Teller leer ist oder nicht. Solche altertümlichen Tischregeln gehören in die Mottenkiste.

[…] „5 am Tag“ ist optimal, was Obst und Gemüse anbelangt. Dabei entspricht eine Portion ungefähr einer Kinderhand voll, am besten dreimal Gemüse und zweimal Obst. Obst und Gemüse sollten ungefähr 35% der kindlichen Ernährung ausmachen. Dadurch ist gewährleistet, dass es ausreichend mit Vitaminen, Mineral- und Ballaststoffen versorgt wird. Zudem sind Obst und Gemüse fast fettfrei und eignen sich hervorragend als kleine Zwischenmahlzeiten. Möhren, Gurken, Kohlrabi, Paprika sind als Rohkost eine lecke Alternative, die auch vielen Kindern schmeckt, z.B. für Gemüsemuffel als kleine bunte Spieße, oder als Gemüsestäbchen mit Dip. Ein Teller mit einer Obst-Blüte aus verschiedenen Obstsorten, Apfel, Banane, Kiwi, Mandarine als Blütenblätter oder was die Jahreszeit gerade hergibt ist eine gerne akzeptierte Zwischenmahlzeit und wirkt am besten, bevor die Frage nach den Süßigkeiten kommt. Lieber gesunde und leichte Zwischenmahlzeiten, als Heißhunger entstehen lassen.

[…] Da Genuss und seelisches Wohlbefinden nicht zu kurz kommen sollen, sind auch Süßigkeiten in Maßen erlaubt. Gerade hier hängt das Essverhalten aber entscheidend mit der Verfügbarkeit zusammen. Wenn mein Kind weniger Süßes essen soll, aber genau weiß, das ganze Süßigkeitendepot, die Schublade oder der Schrank, ist voll mit verführerischen Leckereien, dann ist es natürlich umso schwerer, weniger davon zu essen. Je weniger im Haus ist, desto einfacher ist der Süßigkeitenkonsum einzuschränken. Einmal am Tag eine Kleinigkeit, einige Gummibärchen oder statt der ganzen Tafel Schokolade nur einige Stückchen, können aber durchaus drin sein. Etwa 10% der täglichen Energie in Form von Süßigkeiten sind akzeptabel. Süßigkeitenkalender können vielleicht helfen und je mehr das Kind zu tun hat, desto unwichtiger werden die Naschereien zwischendurch. Wer tobt, klettert oder intensiv spielt, eine Radtour macht oder angelt, ist weit weg von den Süßigkeitendepots und anderweitig beschäftigt. Langeweile oder fernsehen hingegen sind verführerisch für Knabbern ohne Maß.

Die Lehrer in den Schulen stellen verstärkt fest, dass Süßgetränke wie Eistee oder Limonade zum Standard in der Pausenverpflegung gehören. Obwohl viele Schulen bereits Mineralwasser als Alternative anbieten, bringen etliche Kinder in ihrem Ranzen die süßen Getränke mit. Dabei ist Wasser der beste Durstlöscher, ob in der Schule oder Zuhause. Saftschorlen (im Verhältnis 1:1) oder ungesüßte Tees sind ebenfalls in Ordnung. Limonade, Cola, Eistees oder reine Säfte sind wegen ihres hohen Zuckergehaltes wenig geeignet. Und den Durst löschen sie eigentlich auch nicht, sondern machen nur Lust auf mehr. Kinder haben pro Kilogramm Körpergewicht einen viel höheren Flüssigkeitsbedarf als Erwachsene. Sieben- bis neunjährige sollten mindestens einen Liter pro Tag trinken. Ein Glas der üblichen Süßgetränke hat in etwa den gleichen Energiegehalt wie eine Scheibe Brot. Bei einem Liter dieser Getränke hat das Kind schon einen großen Teil seines Tagesenergiebedarfs gedeckt. Und das ist einfach zuviel.

http://www.wdr.de/tv/rundum_gesund/sendungen_2004/20040205/essen_uebergewicht.jhtml

Beispiel für einen Schreibplan

1   Essensumstellung der ganzen Familie herbeiführen

2   Wasser vor jeder Mahlzeit trinken

3   Auf langsames Kauen achten

4   Keine Ablenkung beim Essen erlauben

5   Sättigungsgefühl beachten

6   Auf das Gleichgewicht von Energiebedarf und Energieaufnahme achten

7   Gut ein Drittel Obst und Gemüse essen

8   Süßigkeiten in geringen Mengen erlauben

9   Süßigkeiten wegschließen

10 Für Bewegung der Kinder sorgen

11 Mineralwasser statt Süßgetränke anbieten

Mein erster Lösungsversuch:

In dem WDR-Beitrag „Iss das Richtige – aber was?“ aus dem Jahr 2004 gibt Claudia Wolters Ratschläge, worauf bei einer gesunden Ernährung übergewichtiger Kinder zu achten ist.

Wichtig sei, dass die ganze Familie ihre Ernährung zusammen mit dem Kind umstellt. Es solle dauerhaft ein Gleichgewicht zwischen Ernährung und Energieverbrauch hergestellt werden; Frau Wolters gibt eine Reihe von Tipps, wie dieses Ziel erreicht werden kann. Obst und Gemüse sollten mehrmals täglich gegessen werden. Auch Süßigkeiten seien in geringem Umfang erlaubt. Trinken dürfe ein Kind aber nur Wasser, Saftschorle oder ungesüßten Tee.

Diskussion:

a) Wenn man das „Beispiel für einen Schreibplan“ (s.o.) als vom ISB in Stichworten vorgegebene Musterlösung ansieht, muss man Nr. 2-5 streichen; denn das sind bloß Einzelheiten (gleichwertig mit „nicht Reste aufessen“ oder „nicht zur Strafe Nachtisch entziehen“, welche aber fehlen); das Gleiche gilt für Nr. 9 und 10 sowie für die Angabe „ein Drittel“ in Nr. 7. Nr. 11 ist dagegen (wegen „Mineralwasser“) zu eng gefasst; besser wäre „Wasser oder energiearme Getränke“.

b) In meinem ersten Lösungsversuch kann man den letzten Satz als zu sehr in die Einzelheiten gehend kritisieren. Besser ist vermutlich: „Trinken dürfe ein Kind reichlich Wasser oder energiearme Getränke.“

Im Einleitungssatz habe ich neben Autor, Titel und medialem Ort genannt: die Textsorte (gibt Ratschläge) und das Thema (worauf … zu achten ist). Für das Thema gibt es m.E. keine Alternative. Im Hauptteil habe ich genannt

  • die Bedingung des Gelingens (Familie macht mit)
  • das Ziel der Umstellung (dauerhaft Gleichgewicht herstellen)
  • die praktischen Tipps nicht (da das nur „Einzelheiten“ sind) – wesentlich ist die Unterscheidung zwischen Tipps und Grundsätzen
  • die drei Grundsätze gesunder Ernährung (Obst, Süßigkeiten, Getränke); es fehlt der Grundsatz „Höre auf das eigene Sättigungsgefühl!“.

Ein abschließender Satz ist nicht erforderlich; ein Hinweis auf den umgangssprachlichen Stil gehört nicht in eine Zusammenfassung, sondern in eine Analyse, ebenso der Hinweis darauf, dass es sich um einen gekürzten Text handelt. Frage ist, ob der Begriff „Grundsätze“ in der Zusammenfassung auftauchen darf oder muss (etwa: „Folgende Grundsätze sollten für die gesunde Ernährung gelten:“). Ohne diesen Satz lautet meine endgültige Lösung:

In dem WDR-Beitrag „Iss das Richtige – aber was?“ aus dem Jahr 2004 gibt Claudia Wolters Ratschläge, worauf bei einer gesunden Ernährung übergewichtiger Kinder zu achten ist. Wichtig sei, dass die ganze Familie ihre Ernährung zusammen mit dem Kind umstellt. Es solle dauerhaft ein Gleichgewicht zwischen Ernährung und Energieverbrauch hergestellt werden; Frau Wolters gibt eine Reihe von Tipps, wie dieses Ziel erreicht werden kann. Grundsätzlich sollte man auf das eigene Sättigungsgefühl hören. Obst und Gemüse sollten mehrmals täglich gegessen werden. Auch Süßigkeiten seien in geringem Umfang erlaubt. Trinken dürfe ein Kind reichlich Wasser oder energiearme Getränke.

Weitere Einsichten:

  • Es gehört, wenn das eine Aufgabe für Kl. 7 ist, eine Reihe schwieriger Wörter erklärt, z.B. „gehören in die Mottenkiste“, „anbelangen, gewährleisten“ u.a.
  • Die Fehler im Text müssten korrigiert werden, die Umgangssprache bleibt selbstverständlich erhalten (Stil der Autorin bzw. des Beitrags).
  • Für die Textsorte „Ratschläge geben“ sind die sprachlichen Handlungen „Tipps geben“ und „Grundsätze aufstellen“ wesentlich.
  • Referiert werden Inhalte im Konjunktiv I.
  • Für komplexere Texte kommen weitere sprachliche Handlungen in Betracht: „unterscheiden, aufzählen, einschränken“ usw., siehe meine Überlegungen zur Textanalyse (https://norberto68.wordpress.com/2013/11/07/analyse-theoretischer-texte/), die evtl. erweitert werden müssten: Ein umfangreicher oder komplexer Text kann nicht ohne voraufgehende Textanalyse und die Bezeichnung sprachlich-gedanklicher Handlungen zusammengefasst werden.
  • Neben der Form der Textproduktion ist auch die Form einer Auflistung als Zusammenfassung möglich, siehe das zweite (resp. erste) Beispiel auf der Seite des ISB.

Siehe die anderen Beiträge zur Aufgabe „Zusammenfassung“: https://norberto68.wordpress.com/tag/zusammenfassung/

Klausur Sachtextanalyse Kl. 11 NRW

Es geht um eine Beispielklausur für zentrale Klausuren Deutsch, NRW, Analyse eines Sachtextes (https://www.standardsicherung.schulministerium.nrw.de/cms/upload/zentrale_klausuren/Beispielklausur_Sachtext_AufgabeL.pdf), auf der Basis eines Textauszuges aus Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation, 2005, S. 35-37.

Obwohl diese Beispielklausur vom Ministerium für Schule und Weiterbildung veröffentlicht wurde, weist sie erhebliche Mängel auf:

  • Aufgabenstellung

Die zweite Aufgabe lautet: „Setzen Sie das Kommunikationsmodell von Schulz von Thun in Beziehung zu Rosenbergs Ausführungen, indem Sie

– das Modell Schulz von Thuns in seinen Grundzügen darstellen,

– die Tauglichkeit beider Modelle für die Verbesserung der Kommunikation beurteilen.“

Dazu ist Folgendes zu sagen:

  1. Rosenberg liefert überhaupt kein „Modell“ für irgendetwas, sondern operiert mit zwei Unterscheidungen: moralische vs. Werturteile, lebensentfremdende vs. (nicht ausgesprochen: lebensfördernde) Kommunikation. Die Rede vom „Modell“ verdankt sich der Logik der Aufgabenstellung, dass man etwas zu Schulz von Thuns Modell in Beziehung setzen soll; die Bezeichnung ist sachlich unbegründet.
  2. Die Tauglichkeit beider Modelle für die Verbesserung der Kommunikation kann man nicht beurteilen, weil Modelle nichts zur Verbesserung der Kommunikation beitragen können; das kann allenfalls eine Beratung entlang der Kategorien eines Modells – die Aufgabensteller können nicht sagen, was sie sagen wollen.
  3. In einer 100-Minuten-Klausur können Schüler nicht ernsthaft beurteilen (neben der umfangreicheren Arbeit an der 1. Aufgabe!), was die sogenannten Modelle leisten; d.h. sie können reproduzieren, was sie zu Schulz von Thun gelernt haben, aber sie können die Schwächen der Gedanken Rosenbergs nicht durchschauen und damit das „Modell“ nicht angemessen beurteilen. Sie müssen schwafeln, wie wir das vor 50 Jahren auch schon mussten. – Damit kommen wir zum Text Rosenbergs.
  • Der Text
  1. Der Text Rosenbergs ist ein frommes Gelaber in der Nachfolge Erich Fromms: Was Marshall moralische Urteile nennt, hat mit moralischen Urteilen nichts zu tun. So kann man beim besten Willen „Du Idiot!“ (Z. 19) nicht als moralisches Urteil ansehen; außerdem betreffen moralische Urteile nicht Menschen, sondern Handlungsweisen; sie gelten nicht für die Beurteilung (oder gar Verurteilung) anderer, sondern ganz allgemein für Handlungsweisen. Die Beispiele in Z. 22 ff. zeigen, dass es einfach um das Phänomen der Egozentrik geht (vgl. „Bewerten –aus einer anderen Perspektive“, https://norberto68.wordpress.com/2011/02/21/perspektive-bewerten-brief-schreiben-erzahlen/). Und was heißt „unsere Werturteile nicht mittragen“ (Z. 35)? Vermutlich tragen sie die Werturteile mit (= teilen sie), aber sie verhalten sich nicht demgemäß; im praktischen Zusammenleben klingt eine von Rosenberg favorisierte Ausdrucksweise voller Einfühlungsvermögen (Z. 36 f.) eher ironisch als ernst gemeint.
  2. Die Rede von der lebensentfremdenden Kommunikation ist hohles Gerede; dass man Empathie zeigen soll, ist auch ohne solche großen Vokabeln plausibel. Oft ist es jedoch – vor allem in der Öffentlichkeit – besser, anderen nicht zu zeigen, „was in mir vorging“ (Z. 15).
  3. Die Berufung auf eine Arbeit Harveys (Z. 42 ff.) ergibt eine bloße These (ohne Begründung, ohne Beispiele), die für mich nicht plausibel ist, auch wenn sie wiederholt, was Rosenberg vorher gesagt hat. Da wird zwar mit der Bezeichnung Professor und dem Ort Universität Wissenschaft vorgetäuscht, aber nicht dargeboten. Ich wüsste auch gern, welche Gesellschaften das denn sind, „in denen die Menschen in Begriffen von menschlichen Bedürfnissen denken“ (Z. 48 f.)
  • Die Lösungserwartung

Unter 2) steht ein dicker Klopper: Da soll der Schüler die Hauptaussagen (Plural) des Textes wiedergeben; in der Aufgabenstellung wird dagegen gefordert, er solle die Hauptaussage (Singular!) des Textes knapp wiedergeben. Punkte gibt es dann für etwa drei Hauptaussagen: Die Lösungserwartung stimmt mit der Aufgabenstellung nicht überein; Schüler werden systematisch in die Irre geführt (eigentlich eine Schlamperei in der Aufgabenstellung!).

Ich würde auch erwarten, dass ein sehr kluger Schüler vielleicht das Geschwafel entlarvt – aber das darf er nicht, er muss schlau schwätzen…

P.S.

Um das Verquere der Argumentation Rosenbergs zu begreifen, muss man sich verdeutlichen, was moralische Urteile (nach allgemeiner Auffassung, welche Schüler in Kl. 10/11 aber nicht oder nicht klar genug kennen) wirklich sind:

Was sind moralische Urteile?

  • Moralische Urteile: Urteile über das Gute und Rechte des Handelns
  • Moralische Urteile stützen sich auf universelle Grundsätze
  • Moralische Urteile sind verinnerlicht

-> Gefühl der Verpflichtung

-> Gefühl der Schuld bei Verstoß“ (https://home.ph-freiburg.de/mischofr/Lehre/entvss06/entvs7.pdf)

Kennzeichen eines moralischen Urteils

„Gegenüber anderen wertenden Urteilen (zum Beispiel ästhetischen Urteilen) zeichnen sich moralische Urteile nämlich

  • erstens dadurch aus, dass sie sich in Imperative übersetzen lassen: Das moralische Urteil „Töten ist moralisch falsch“ lässt sich auch als Imperativ „Du sollst nicht töten!“ formulieren.
  • Zweitens dadurch, dass sie in irgendeinem Sinne universal sind. Wer ein moralisches Urteil ausspricht stellt sich auf einen moralischen Standpunkt, wie man auch sagen könnte; einen Standpunkt, der über einen persönlichen oder partikularistischen Standpunkt hinausreicht.
  • Drittens haben moralische Urteile „unterordnende Kraft“. Damit ist gemeint, dass moralische Urteile anderen (bewertenden), zum Beispiel ästhetischen, Urteilen gegenüber stets Vorrang genießen.“ (http://www.zellux.net/m.php?sid=62)

Wer es gern etwas ausführlicher nachlesen möchte, sei auf die Präsentation einer Vorlesung verwiesen: http://www.claus-beisbart.de/teaching/wi2011/prac/prac5.ppt, oder auf den Aufsatz http://www.fachverband-ethik.de/fileadmin/daten_bawue/dateien/vortraege_aufsaetze/K._Goergen-Das_moralische_Urteil_._ein_egalitaeres_Modell.pdf

Eine Arbeit über Rosenbergs Theorie gewaltfreier Kommunikation:

http://digibib.hs-nb.de/file/dbhsnb_derivate_0000000366/Diplomarbeit-Schneider-2009.pdf

Ein Seminar zum Thema (Skript): http://gfk-training.com/wp-content/uploads/2011/04/ef-skript-1.1.pdf, und so weiter…

Alle Diplomarbeiten können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Rosenberg ziemlich dummes Zeug redet und begrifflich verworren denkt – betriebsintern darf man das unter Kommunikationsberatern natürlich nicht sagen (und kann man es vermutlich auch nicht denken: in der Schüssel des Begriffssalats herumstochernd), da wird Rosenberg-Sprech eingeübt.

2. P.S.

https://teilenundkommentieren.wordpress.com/2013/03/19/inhaltliche-analyse/ (Paraphrase des Rosenberg-Textes), ähnlich:

http://www.cfg-luis.de/Lehrer/LeistenC/&download=EF-+Sachtext+-+Rosenberg.docx

Den Handlungsverlauf beschreiben?

In der von QUA-Lis NRW entwickelten Deutschklausur, die 2016 zentral für die Qualifikationsphase in NRW vorgeschrieben war, lautete die erste Aufgabe: für den Anfang von Kehlmanns Roman „F“ den Handlungsverlauf strukturiert beschreiben.

Man muss diese Aufgabenstellung sehr genau lesen: Strukturiert soll demnach die eigene Beschreibung sein; nun ist jede chronologische Beschreibung eines Handlungsverlaufs strukturiert: chronologisch strukturiert, das zu leisten ist kein Kunststück. Ich vermute allerdings, dass gemeint war: die Struktur des Handlungsverlaufs beschreiben. Das ist aber beim Anfang des Romans „F“ eher unmöglich; denn wir haben nicht einen Handlungsverlauf, sondern die Erzählung eines Handlungsverlaufs vor uns; also müsste die Struktur der Erzählung untersucht werden.

Nun kommt die Pointe: Die Erzählung ist nicht durch eine zeitliche Abfolge von Handlungen, sondern durch den Blick des Erzählers strukturiert:

  • Zuerst wird das Geschehen aus dem Jahr 1984 zeitlich situiert, indem es als Vorgeschichte eines (noch unbekannten) späteren Geschehens qualifiziert wird.
  • Dann wendet der Erzähler sich einem Ereignis des Jahres 1984 zu, einer Begegnung Martins mit seinem Vater und dessen beiden Söhnen aus einer zweiten Ehe, wobei es beinahe zu einem Unfall gekommen wäre.
  • Dabei blickt der Erzähler abwechselnd auf den Vater bzw. das Geschehen insgesamt oder auf Martin (zuerst sind es zwei Erzählstränge, die dann zusammengeführt werden); der Blick wechselt mehrfach, einmal wird in einer Martin-Passage auch der Blick kurz auf dessen Mutter gerichtet.
  • Zum Schluss blickt der Erzähler (nach einer Auslassung) in die Zukunft und deutet an, wie sich die drei Jungen weiterentwickeln.

Das alles ist aber kein „Handlungsverlauf“, sondern erzähltes Geschehen, das durch den Blick des Erzählers strukturiert wird. Deshalb kann man, um diese Struktur zu erfassen, nicht die Struktur des Handlungsverlaufs beschreiben und erst recht nicht den Handlungsverlauf strukturiert beschreiben!

Warum können die Produzenten dieser zentral gestellten Aufgabe nicht sagen, was die Schüler tun sollen?

  • Haben sie die Struktur des Textes nicht verstanden?
  • Wissen sie vielleicht nicht einmal, dass ein Erzähltext nicht durch Handlungen, sondern durch den Erzähler strukturiert wird?
  • Oder können sie nicht ausdrücken, was sie verstanden haben, vielleicht weil die didaktische Tradition respektive die Deutschlehrer nicht klar genug zwischen Autor – Text – Geschehen – Erzähler unterscheiden (und die sprachlichen Handlungen des Erzählers nicht benennen können)?
  • Haben sie sich vielleicht auf einen Kollegen verlassen, der eine fertige Klausur aus seinem Vorrat hervorkramte und damit allen die Arbeit abnahm, selber eine Klausur zu erarbeiten?

Ich finde es traurig, dass zentral gestellte Aufgaben derart schlampig formuliert sind. Sprachliche Gestaltung der Aufgabenstellung: mangelhaft.

Konzeptionelle Mündlichkeit beim Schreiben – Einführung, Erklärung

Im Kernlehrplan Deutsch für die Sekundarstufe II (NRW) wird unter dem Inhaltsfeld „Sprache“ als Kompetenz beschrieben: Die Schüler können „Veränderungstendenzen der Gegenwartssprache (Migration und Sprachgebrauch, Mehrsprachigkeit, konzeptionelle Mündlichkeit beim Schreiben, Medieneinflüsse) erklären“.

Was ist konzeptionelle Mündlichkeit beim Schreiben? Eine erste Erklärung des Phänomens, dass man so schreibt, wie man sonst spricht, bieten

http://www.uni-regensburg.de/sprache-literatur-kultur/germanistik-did/medien/ha_homepage.pdf (S. 2-6)

http://textlinguistik.pbworks.com/f/Muendlichkeit%20Schriftlichkeit.ppt (gute Einführung)

http://www.stefan.rabanus.com/forschung/internet/node39.html#SECTION00721000000000000000 (knapp – aus: Die Sprache der Internetkommunikation = http://www.stefan.rabanus.com/forschung/internet/vers_14.html)

http://cornelia.siteware.ch/linguistik/muendlschriftl.html (etwas ausführlicher)

Detaillierter und zum Teil an speziellen Fragestellungen orientiert sind

http://home.uni-leipzig.de/siebenh/kurse/SS08/v_sprachliche_variation_08/07_sprachliche_variation.pdf

http://www.linse.uni-due.de/tl_files/PDFs/ESEL/Tabea_Denter_Passiv.pdf (dort S. 15-23: Mündlichkeit und Schriftlichkeit)

http://www.guido-nottbusch.de/doc/DGfS2010_Nix_Nottbusch.pdf (Mediale und konzeptionelle Mündlichkeit bzw. Schriftlichkeit. Der Einfluss medial schriftlicher Internetkommunikation auf die Textproduktion in der Schule – übersichtlich, anschaulich)

https://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/fileadmin/Redaktion/Institute/RomanischesSeminar/Romanistik_IV/frzmed_Duerscheid_MuendSchrKont.pdf (Medienkommunikation im Kontinuum von Mündlichkeit und Schriftlichkeit)

http://kups.ub.uni-koeln.de/5150/1/Knopp2013-Mediale_Raeume_.pdf (Dissertation M. Knopps: Mediale Räume zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Zur Theorie und Empirie sprachlicher Handlungsformen)