Vorrang des Verbs vor dem Substantiv (Nomen) – Beispiel „verraten“

Als allgemeine Stilregel kann gelten, dass das Deutsche den (Neben)Satz statt nominaler Konstruktionen liebt. Warum das so ist, möchte ich am Beispiel der Wörter „verraten – Verrat“ erklären. Ich führe zuerst die Artikel aus dem Bertelsmann-Wörterbuch vor, wie sie im Netz unter http://www.wissen.de/wde/generator/wissen/services/suche/wbger/index.html zu finden sind, und werte den Befund anschließend aus.

Ver|rat [m. -(e)s; nur Sg.]

1 das Mitteilen von Geheimnissen; die Konstruktionspläne wurden durch militärischen V. bekannt

2 Bruch der Treue, des Vertrauens; V. treiben, üben; V. an der Freundschaft

ver|ra|ten [V.94, hat verraten]

I [mit Akk.]

1 etwas v.

a etwas erzählen, weitersagen (was geheim bleiben soll); ein Geheimnis, einen Plan v.

b preisgeben, nicht mehr vertreten, sich von etwas abwenden (um anderer Dinge willen); seine Überzeugung v.

c auf etwas schließen lassen, erkennen lassen; seine Bemerkungen verrieten eine genaue Kenntnis der Sachlage; ihr Erröten verriet, dass sie sich getroffen fühlte

2 jmdn. v. Verrat an jmdm. begehen, jmdm. die Treue brechen, plötzlich nicht mehr zu jmdm. halten, nicht mehr auf jmds. Seite stehen; wenn das geschieht, bist du verraten und verkauft dann bist du hilflos, ratlos

II [mit Dat. und Akk.] jmdm. etwas v. vertraulich mitteilen, jmdn. von etwas in Kenntnis setzen; kannst du mir v., wie man hier zu Opernkarten kommt?; ich will dir v., wie ich das gemacht habe

III [refl.] sich v. etwas ungewollt mitteilen, merken lassen (was man für sich behalten wollte); sich durch eine Bemerkung, Bewegung v.

Auswertung: Dem Nomen „Verrat“ werden zwei Bedeutungen zuerkannt, dem Verb „verraten“ mindestens vier, in Wahrheit sechs verschiedene Bedeutungen. Das hängt mit der Valenz des Verbs (vgl. http://mmtux.idf.uni-heidelberg.de/ProGram/Valenz/RK_valenz.html) zusammen bzw. damit, dass das Verb mit drei (oder vier?) verschiedenen Valenzen gebraucht werden kann: I (mit dem Akkusativ) etwas verraten, jemanden verraten; II (mit Dativ und Akkusativ) jemandem etwas verraten; III (reflexiv) sich verraten; dazu immer der Nominativ: wer verrät; zusätzlich die Möglichkeit, vier Angaben zu machen: wann, wo, wie und warum jemand etwas oder jemanden verrät. Man kann über die optimale Gliederung der Bedeutungsvarianten natürlich streiten oder noch die Wortgeschichte hinzuziehen – aber sicher ist, dass die Spannweite der Bedeutung beim Verb (und damit in einem ganzen Satz) sowie die Möglichkeit weiterer Angaben größer ist und dass die Valenz des Verbs fordert, dass man genau ausdrückt, was man meint: „Ein Satz ist die Maximalprojektion eines finiten Verbs.“ (Stefan Müller) Dass sich mittels der grammatischen Konstruktion „Satz“ mehr ausdrücken lässt als bei Verwendung einer nominalen Konstruktion mit „Verrat“, liegt auch daran, dass die Satzaussage im neuen Verb eben nicht „verraten“ ist.

Nachtrag: Im elexiko (IDS) http://hypermedia.ids-mannheim.de/pls/elexiko/p4_anzeige.artikel?v_id=139491 werden vier verschiedene Lesarten für „verraten“ vorgestellt; im Valenzwörterbuch des IDS (http://hypermedia2.ids-mannheim.de/evalbu/index.html) fehlt das Verb „verraten“.

Zur Entwicklung der Bedeutung findet man einen Hinweis im Brockhaus’ Konversationslexikon, 14. Auflage (1894-1896), 16. Band, S. 284:

Verrat, nach älterm deutschen Recht in engerm Sinne Treubruch gegen den Lehnsherrn, im weitern das treulose Handeln gegen Personen, denen man zur Treue verpflichtet ist. Im weitern Verlauf der Entwicklung überwog das polit. Moment, Majestätsverbrechen, Hoch- und Landesverrat (s.d.) gewannen besondere strafrechtliche Bedeutung. Sichere Abgrenzung der einzelnen Begriffe findet sich erst im neuern Recht; die Strafbarkeit des Verräters als solchen ist ihm fremd. […]

Im DWDS ist seit kurzem neben der Bedeutung auch die Wortgeschichte nach dem Pfeiferschen Wörterbuch nachzulesen, für „verraten“ also dies:

verraten Vb. ‘Geheimes, nicht für andere Bestimmtes bekanntmachen, die Treue brechen’, abgeschwächt ‘deutlich werden lassen, zeigen’. Das westgerm. Präfixverb ahd. firrātan (um 800), mhd. verrāten, mnd. vorrāden (woraus anord. forrāða), mnl. verrāden, nl. verraden, aengl. forrǣdan ist eine Bildung zu dem unter raten (s. d.) behandelten Verb mit einer Grundbedeutung ‘den Entschluß zu jmds. Verderben fassen, etw. zu seinem Verderben unternehmen’, dann beschränkt auf solche Fälle, in denen dies durch die Angabe geheimzuhaltender Umstände geschieht, so daß ‘Geheimnisse preisgeben’ zum bestimmenden Inhalt wird. Dieser tritt zurück in der übertragenen Anwendung des Verbs im Sinne von ‘erkennen lassen’. Die Bedeutung ‘einen schlechten, falschen Rat geben’ bleibt auf das Mhd. beschränkt. Verrat m. ‘Preisgabe eines Geheimnisses, Zerstörung eines Vertrauensverhältnisses, Treuebruch’ (Ende 17. Jh.); vgl. mhd. verrātgenōӡ ‘Teilnehmer am Verrat’. Verräter m., mhd. verrātære, verræter(e). verräterisch Adj. (15. Jh.). Hochverrat m. ‘Angriff auf die Staatsverfassung, auf die innere Ordnung oder auf die Repräsentanten eines Staates’ (um 1700), Wiedergabe von engl. high treason. Landesverrat m. (18. Jh.).

Das Wort „Verantwortung“, seine Valenz und sein Missbrauch

Die Landtagswahlen am 27. März 2011 haben zu katastrophalen Ergebnissen für die FDP geführt; die Kommentatoren machen dafür auch die Bundespolitiker der Partei verantwortlich. Der Parteivorsitzende Westerwelle lehnte bald nach der Wahl seinen Rücktritt als Konsequenz dieser Niederlage ab. Er begründete seine Entscheidung mit dem Satz: „Wer Verantwortung hat, hat Verantwortung.“ Dieser Satz ist so hohl und dumm, dass er dazu einlädt, ihn beispielhaft sprachwissenschaftlich zu untersuchen – beispielhaft auch für den Missbrauch des Wortes „Verantwortung“, welchen Herr zu Guttenberg in seiner Rücktrittserklärung veranstaltet hat.

„Verantwortung haben“ oder „verantwortlich sein“ ist dreiwertig. Um diesen Grund-Satz zu verstehen, muss man wissen, was die Valenz eines Wortes ist: „Als Bedeutungsträger besitzen die Wörter die Fähigkeit, sich nach festen Regeln mit anderen Wörtern zu verbinden. Diese Fähigkeit hat man als Fügungspotenzen, Fügungswerte, Wertigkeit oder Valenz bezeichnet.“ (Walter Jung: Grammatik der deutschen Sprache, 10. Aufl., Nr. 98; vgl. auch http://hypermedia.ids-mannheim.de/pls/public/gruwi.ansicht?v_typ=p&v_id=5784http://mmtux.idf.uni-heidelberg.de/ProGram/Valenz/RK_valenz.html). Was das bedeutet, soll am Beispiel der Wendung „Verantwortung haben“ gezeigt werden.

Bei „Verantwortung haben“ sind normalerweise („nach festen Regeln“, s.o.) drei weitere Angaben erforderlich; sie werden zu „Verantwortung haben“ hinzugefügt: Wer wofür und vor wem Verantwortung hat. Also hat zum Beispiel Herr Westerwelle Verantwortung (= ist verantwortlich) für die Wahlniederlage seiner Partei vor seiner Partei. Genau das bestreitet er aber, ohne es ausdrücklich zu bestreiten. Wie macht er das? Indem er verschweigt, wofür er Verantwortung hat. Indirekt sagt er, indem er mit besagtem Satz seinen Rücktritt ablehnt: Ich bin für die dauerhafte Verwaltung meines Amtes als Parteivorsitzender verantwortlich. Dafür kann er aber nicht verantwortlich sein, für das bloße Innehaben des Amtes; er kann dafür zur Verantwortung gezogen werden (von der Partei, vielleicht von einem Parteitag), wie er sein Amt ausgeübt hat (was dann zur Wahlniederlage geführt hat). Er muss also für die Wahlniederlage bei einem Parteitag geradestehen, falls der Parteitag sich dazu aufrafft, das von ihm zu fordern.

Mit dem sprachlich unsinnigen Satz „Wer Verantwortung hat, hat Verantwortung.“, bei dem zwei von drei notwendigen Angaben fehlen, schafft Westerwelle es also, von Verantwortung zu sprechen, ohne Verantwortung zu übernehmen. Von Verantwortung zu sprechen macht sich aber vor Wählern und Parteifreunden gut; denn „Verantwortung haben“ oder „Verantwortung übernehmen“ sind positiv besetzt (konnotiert); nur kann man bei „Verantwortung übernehmen“ nicht so leicht pfuschen wie bei „Verantwortung haben“, weil man da wirklich sagen muss, wofür man Verantwortung übernimmt. Freilich kann man dabei noch eleganter tricksen: Man übernimmt sprachlich „die Verantwortung“ für die Niederlage, ohne dass man in der Sache einem Gremium Rede und Antwort stände und sein Amt zur Verfügung stellte. Auch Herr zu Guttenberg hat in seiner Rücktrittserklärung wunderbar auf dem Klavier der Verantwortung gespielt: Es klangen die Töne und Worte so treuherzig, ohne dass er bei seinem erzwungenen Rücktritt wirklich Verantwortung für sein unverschämtes Pfuschen übernommen hätte. Aber mit solchen rhetorischen Tricks stehen die beiden nicht allein.

Die gleiche nichts sagende Sprachverkürzung finden wir in Westerwelles Nach-der-Niederlage-Satz „Wir haben verstanden.“ Ja, lieber Herr, was habt ihr denn verstanden? Indem Westerwelle das nicht sagt, geht er möglichen Konsequenzen seines „Verstehens“ aus dem Weg, vermeidet er jede Diskussion über das, was angeblich verstanden worden ist: Er produziert Geblubber, Schallphänomene, die deutschen Sätzen, also sinnvollen Äußerungen nur in der Form ähneln. Aber er sagt nichts.

Ersatzprobe / Bedeutung

Wenn man in einem Satz ein Wort durch ein anderes oder eine Wendung durch eine andere ersetzt, um damit etwas herauszufinden, macht man eine Ersatzprobe.
Ersatzproben kann man zu den verschiedensten Zwecken benutzen. Wir haben sie im Zusammenhang mit der Untersuchung der Modalität genutzt, um die Bedeutung von Modalverben zu ermitteln; denn wie du weißt, kann ein und dasselbe Modalverb verschiedene Bedeutungen annehmen, je nach der Situation, in der es verwendet wird, und dem Tonfall, in dem man spricht. Ich zeige das an einem Beispiel:
(1) Die Mutter sagt zu ihrer Tochter: „Du darfst heute bis 22 Uhr ausgehen.“
(2) Bei einer Radarkontrolle sagt ein Polizist zu einem Kollegen, als sie in Waat ein Auto mit 93 km/h geblitzt haben: „Wie der rast, – das darf doch nicht wahr sein!“
Wenn man die Bedeutung des Modalverbs „dürfen“ jeweils ermitteln will, muss man es durch eine gleichbedeutende Wendung ersetzen, also eine Ersatzprobe machen:
(1‘) Die Mutter sagt zu ihrer Tochter: „Ich erlaube dir, heute bis 22 Uhr auszugehen.“
(2‘) Bei einer Radarkontrolle sagt ein Polizist zu einem Kollegen, als sie in Waat ein Auto mit 93 km/h geblitzt haben: „Wie der rast, – das ist wirklich unverschämt!“ Du siehst: Der „Ersatz“ ist kursiv geschrieben; in (1`) ist noch zum Infinitiv „zu“ hinzugefügt in (2) ist nicht nur das Verb „dürfen“ ausgetauscht worden, sondern eine ganze Wendung – „darf doch nicht wahr sein“ ist offensichtlich eine feste Redewendung, die als ganze ersetzt werden muss. In (1) muss auch das Subjekt „du“ mitverändert werden – ahnst du, warum das so ist?
Um die ganze Sache noch einmal am Beispiel des Verbs „drohen“ durchzuspielen, das eine „normale“ wie auch eine modifizierende Bedeutung annehmen kann:
(3) Die Eltern drohten, sie würden dem Kind kein Taschengeld geben, wenn es nicht sein Zimmer aufräumte.
(3‘) Die Eltern kündigten an, sie würden dem Kind zur Strafe kein Taschengeld geben, wenn es nicht sein Zimmer aufräumte.
Hier bedeutet „drohen“ so viel wie „eine Strafe ankündigen“, falls etwas von dem Bedrohten nicht getan wird.
(4) Das Haus droht in Kürze einzustürzen.
(4‘) Es besteht die Gefahr, dass das Haus in Kürze einstürzt.
Du siehst hoffentlich, dass hier aus dem „drohen“ der neue Hauptsatz geworden ist, dem der alte Infinitiv + „zu“ als dass-Satz mit dem alten Subjekt folgt. „Es besteht die Gefahr“: Damit schätzt der Sprecher die Situation oder den Zustand des Hauses ein; deshalb ist hier „drohen“ als ein modifizierendes Verb anzusehen. Eigentümlich ist hier auch, dass das Subjekt kein Mensch ist, sondern ein Ding oder Gegenstand; ein solches kann aber natürlich nichts ankündigen – der Sprecher kann nur etwas erwarten oder sehen, dass „sich“ da etwas nach seiner Erfahrung „ankündigt“.
Die Ersatzprobe ist ein Verfahren, das man für viele Zwecke benutzen kann; daher ist es wichtig, dass du dieses Verfahren gut beherrschst. – Bei einer Ersatzprobe lotet man die Bandbreite der Bedeutung eines Wortes (die Synonyme) aus; die ganze Bandbreite sollte eigentlich im Wörterbuch verzeichnet sein: Deshalb ist es eine Kunst, mit dem Wörterbuch richtig umzugehen und sich anregen zu lassen, die jeweils passende Bedeutung herauszufinden (statt den Artikel des Wörterbuchs ohne Verstand abzuschreiben).

Ich setze mit einem weiteren kleinen Aufsatz über „Bedeutung“ fort:

Als ich noch sehr klein war, vielleicht in der 1. oder 2. Klasse, las ich im Englischbuch meiner großen Schwester, dass „Vater“ englisch „father“ heißt. Aha, dachte ich: V = f, t = th; a, e, r bleiben erhalten – Englisch ist ganz einfach, man muss nur ein paar Buchstaben ändern, sonst ist alles gleich: Bedeutung lag für mich in der Buchstabenfolge.

Als ich das Gymnasium besuchte, lernte ich zunächst Latein. Ich lernte: „ponere = setzen, stellen, legen“. Da dachte ich, die Römer wären verrückt gewesen; konnten sie nicht eine einzige ordentliche Bedeutung für „ponere“ haben? Woher sollte man denn wissen, was gemeint ist? Dementsprechend haben wir auch übersetzt, es war im Wesentlichen grausam: Bedeutung lag für mich im Wort.

Heute weiß ich, dass Wörter nicht aus sich „eine Bedeutung haben“, sondern in Redewendnungen vorkommen. Solche Redewendungen muss man kennen, um zu wissen, was Wörter im jeweiligen Zusammenhang bedeuten können; Wörterbücher beruhen auf der Sammlung von Belegstellen (Beispielen, Redewendungen); aus denen werden dann „Bedeutungen“ eines Wortes extrahiert. Daraus ergibt sich, dass der eine Forscher nur eine Bedeutung angibt (Bünting zu „prangen“ [an exponierter, auffälliger Stelle hängen]), das Duden-Wörterbuch zwei [1. in auffälliger Weise vorhanden, sichtbar sein; 2. in voller Schönheit glänzen, auffallen] und das DWDS deren drei [1. Schönheit, Glanz, Prunk zeigen; 2. an einer bestimmten Stelle groß und auffällig angebracht sein; 3. mit etwas prahlen, angeben (veraltend)]. [Die Frage ist, wozu man das Wörterbuch braucht, wie umfangreich es sein darf, wie viele Belege der Forscher auswertet, wie exakt er die Bedeungsfülle ermitteln will, in welchen Schaubildern er die Bedeutungsfülle darstellen kann, wie sorgfältig ein Forscher arbeitet usw. – ein Blick in verschiedene, auch digitale Wörterbücher ist hilfreich!]

Wörter verbinden
Entscheidendes Merkmal im Gebrauch von Wörtern ist ihre Fähigkeit, Verbindungen einzugehen („Fügung“ bzw. „Valenz“), und das nach seriellen Mustern. Hier ist die Unterscheidung: syntagmatisch – paradigmatisch (s.u.) von Bedeutung.
Damit kommen wir zum Satz als kommunikativer Minimaleinheit (Jung/Starke: Deutsche Grammatik, 10. neubearbeitete Aufl., 1990, 42 ff.):
– Der Satz als Sinneinheit kann durch ein Wort („das“) vertreten werden.
– Der Satz ist eine durch Stimmführung bewirkte Klangeinheit.
– Der Satz ist eine durch das Verb gegründete, grammatisch gegliederte Einheit.
Neben der Valenz (http://mmtux.idf.uni-heidelberg.de/ProGram/Valenz/RK_valenz.html) der flektierbaren (!) Verben verdienen Präpositionen, Konjunktionen und Pronomen besondere Beachtung wegen ihrer Fähigkeit, syntaktische Beziehungen herzustellen; auch der innere Ausbau einer Nominalgruppe durch Attribute muss genannt werden. Die Unterscheidung von Thema-Rhema, aus der Texttheorie stammend, kann auch zur Gliederung des Satzes verwendet werden. Vereinfacht: Das Subjekt in der Spitzenstellung wäre Thema, die „eigentliche“ Satzaussage das Rhema.
Die Duden-Grammatik fasst den Zusammenhang zwischen Textelementen unter dem Stichwort der Kohärenz zusammen (6. Auflage, 1998, S. 845 ff.) und zählt verschiedene sprachliche Mittel der Kohäsion auf (S. 850 ff.). Die können wir nicht verstehen, wenn wir nicht beachten, dass in der Kommunikation gesprochen wird und dass damit der Textbegriff herangezogen werden muss; die Duden-Grammatik nennt sechs Textfunktionen (S. 841 f.).
Der Satz ist eine Einheit in der Kommunikation. Die kommunikativen Grundfunktionen sind Aussagen, Fragen, Wünschen/Befehlen (und Bewerten). Dazu gehören bestimmte Satztypen.

Was ist ein Wort? (die kleinste klar abgrenzbare bedeutungstragende „Einheit“)
Sprache als System: Die Grundbegriffe sind „Wort“ und „Satz“.
Sprache in der Verwendung: Die Grundbegriffe sind „Äußerung“ und „Text“.
(Duden: Grammatik, 6. A., S. 833)

Die Unterscheidung syntagmatisch – paradigmatisch geht auf Saussure zurück:
a) Syntagmatisch heißt die Beziehung eines Sprachelements zu den Elementen seiner Umgebung (Redewendung, Satz, also horizontal):
Der – Mann – baut – ein – Haus.
b) Paradigmatische Beziehungen bestehen zwischen Elementen, die die gleiche Stelle innerhalb des Syntagmas einnehmen können und sich dort gegenseitig ausschließen:
Der >
Dieser >
Ein >
Jeder > Mann – baut – ein – Haus. Entsprechend:
Der Mann [> Maurer > Kölner > Gastwirt] baut ein Haus.
…baut [> baute > kauft > erbt] ein Haus.
…ein [- unser – jedes – kein] Haus. (usw.)

Letzte theoretische Einsicht: Man kann die Bedeutung eines Wortes auch erfassen, indem man sein Antonym (Gegenwort) an dieser Stelle bestimmt. So kann zu „anfangen“ etwa „nicht anfangen“, „weitermachen“ oder „aufhören“ Antonym sein; der kompetente Sprecher/Hörer hört solche Feinheiten im Kontext, also in einer Situation. – Sowohl das Anfangen wie das Nichtanfangen kann man dann wieder näher bestimmen (aus Vorsicht, aus Faulheit, aus Geduld…).

Praktische Bedeutung: Im Verständnis eines jeden Textes ist es falsch, einem einzelnen (isolierten!) Wort eine bestimmte Bedeutung beizumessen; bei Gedichten ist es also sinnlos, einfach „Frühling“ mit Jugend gleichzusetzen usw. – ich erinnere an die Lektüre des Goethegedichtes „Dauer im Wechsel“ und die Jagd nach metaphorischer Bedeutung; für ein metaphorisches Verständnis muss es Gründe geben, man darf es nicht einfach bei jedem Gedicht praktizieren! Richtig ist es, die Wörter im Zusammenhang zu lesen, wie ich es in dem AB „Gedichtanalyse – erste Hinweise“ (s. Methodisches – Studio D) gefordert habe. Das gilt auch für die Lyrik 1945 – 1960, dort sogar noch stärker, weil diese Gedichte grammatische und semantische „Lücken“ aufweisen, also weithin unbestimmt sind.

Einen Überblick über die verschiedenen in der Linguistik verwendeten Proben gibt Peter Hellwig in seinem Aufsatz über die Methoden der Linguistik: www.cl.uni-heidelberg.de/kurs/ws06/ecl/etc/methoden.pdf

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Satzlehre – der deutsche Satz

Problem bzw. Fragestellung: Wie macht man als Sprecher aus den vielen Wörtern, die man kennt, eine sinnvolle Äußerung? Wie fügt man also mehrere Wörter so zusammen, dass sie einen richtigen Satz ergeben, den auch andere Leute verstehen? Darauf antworte ich in zwei Teilen:

A) Die grammatische Struktur des Satzes
(nach Wilhelm Schmidt: Grundfragen der deutschen Grammatik, 1973, 4. A., S. 246 ff.)
Der Satz ist die kleinste in sich geschlossene Einheit der Rede. Seine Elemente, die aufeinander folgen, gelten als gleichzeitig miteinander gesetzt. Das heißt: Der Satz ist eine funktionale Einheit.
a)  Der Satz ist eine Sinneinheit.
b) Er ist eine strukturelle Einheit. (s. dazu 2.!)
c) Er ist als Klangestalt unter einem Klangbogen zusammengefasst.
2. Der normale deutsche Satz ist zweigliedrig; er wird von der Beziehung zwischen Subjekt und Prädikat bestimmt. Zwischen ihnen besteht eine Wechselbeziehung – alle anderen syntaktischen Beziehungen sind solche der Unterordnung. Subjekt und Prädikat stimmen in Person und Numerus (auch im Genus bei Prädikativen) überein, was man Kongruenz nennt.
3. Die finite Verbform bezieht die Aussage auf die Situation der Kommunikation:
a) Dem Subjekt wird eine Rolle im Gespräch zugeteilt: beteiligt (1. und 2. Person) oder unbeteiligt (3. Person).
b) Die finite Verbform wird zur Trägerin der Satzintention:
Das Subjekt ist Träger oder „Erleider“ der Verbhandlung (Aktiv-Passiv).
Die Verbform zeigt die Zeitauffassung der Aussage (Tempus).
Die Verbform zeigt die Einstellung des Sprechers zur Aussage (Modus).
c) Das Verb hält aufgrund seiner Valenz Stellen frei, die besetzt werden können oder müssen.

 B) Die acht Hauptsätze über den Satz

  1. Ein Satz besteht aus Satzgliedern; Satzglieder sind Teile, die bei der Umstellprobe verschoben werden können und erhalten bleiben.
    (1) Der Bauer / stellte / den Sack mit Körnern / am Feld / ab. = Den Sack mit Körnern / stellte / der Bauer / am Feld / ab. = Am Feld / stellte / der Bauer / den Sack mit Körnern / ab. [Beachte: Welches Wort steht immer an 2. Stelle?]
  2. Welche Angaben erforderlich sind, wird durch die Valenz des Prädikats bestimmt: Subjekt und Objekte (d.h. dadurch, welche Angaben gerade dieses Verb fordert): abstellen: wer? / wen oder was? – Das Subjekt steht im Nominativ, die Objekte im Akkusativ, Dativ, Genitiv oder im Anschluss an eine Präposition (glauben an …, vertrauen auf …).
  3. Das Prädikat wird vom Subjekt in Zahl und Person bestimmt; Subjekt und Prädikat bilden den Satzkern.
    (2) Ich gehe jetzt nach Hause; ihr geht bestimmt ins Schwimmbad.
  4. In allen Sätzen sind weitere Ergänzungen möglich (nähere Bestimmungen zu Ort, Zeit, Art und Weise oder Grund des Geschehens), die man adverbiale Ergänzungen nennt.
    (3) Oft stellt der Bauer, wenn er müde ist, den Sack mit einem Seufzer am Feld ab.
  5. Wenn ein Satzglied mittels eines Satzes gebildet wird, nennt man diesen einen Glied- oder Nebensatz; in Nebensätzen steht die Personalform des Prädikates in der Regel am Ende.
    (4) Ich weiß nicht, wer heute die Tafel putzen soll. (Nebensatz in der Funktion des Akkusativobjekts: Wen/was weiß ich nicht?) – Auch eine wörtliche Rede, die dann ein selbständiger Satz ist, kann Satzglied sein, ebenso ein satzwertiger Infinitiv: (5) Ich gehe ins Bad, um mich zu duschen.
  6. Oft gibt es innerhalb von Satzgliedern weitere Bestimmungen, die wir Attribute nennen. (Im strengen Sinn ist auch der Artikel ein Attribut; wir wollen ihn aber nicht als solches zählen.) Attribute können in Form von Relativsätzen gebildet werden, die auch zu den Nebensätzen zählen (aber nicht zu den Gliedsätzen – als Attribute sind sie keine Satzglieder). Nebensätze werden durch Komma(s) vom Hauptsatz abgetrennt.
    (6) Der junge Bauer aus Waat / will / sich / wie sein Nachbar, der sehr erfolgreich ist, / auf die Pferdezucht / verlegen.
  7. Es gibt noch weitere Satzglieder, die wir jetzt nur andeuten können, zum Beispiel die Satznegation oder das Prädikativ (Erläuterung zum Subjekt oder Objekt).

(7) Ich habe das Fahrrad wirklich nicht gestohlen. (Satznegation)

(8) Mein Vater war Holzschuhmachermeister. (Prädikativ: Gleichsetzungsnominativ)

(9) Er nannte seinen Sohn einen großen Fußballer. (Prädikativ: Gleichsetzungsakkusativ)

(10) Du bist heute müde. (Adjektiv als Prädikativ)

  1. Die Konjunktion, mit der ein Satz an einen anderen (oder ein Satzglied an ein anderes) angeschlossen (mit ihm verbunden: lat. coniungere) wird, ist kein Satzglied:
    (11) Ich kaufe mir ein Brötchen; denn ich habe Hunger.
    (12) Ich kaufe mir ein Brötchen, weil ich Hunger habe.
    Eine Anrede kann überall im Satz stehen; sie ist kein Satzglied