Ersatzprobe / Bedeutung

Wenn man in einem Satz ein Wort durch ein anderes oder eine Wendung durch eine andere ersetzt, um damit etwas herauszufinden, macht man eine Ersatzprobe.
Ersatzproben kann man zu den verschiedensten Zwecken benutzen. Wir haben sie im Zusammenhang mit der Untersuchung der Modalität genutzt, um die Bedeutung von Modalverben zu ermitteln; denn wie du weißt, kann ein und dasselbe Modalverb verschiedene Bedeutungen annehmen, je nach der Situation, in der es verwendet wird, und dem Tonfall, in dem man spricht. Ich zeige das an einem Beispiel:
(1) Die Mutter sagt zu ihrer Tochter: „Du darfst heute bis 22 Uhr ausgehen.“
(2) Bei einer Radarkontrolle sagt ein Polizist zu einem Kollegen, als sie in Waat ein Auto mit 93 km/h geblitzt haben: „Wie der rast, – das darf doch nicht wahr sein!“
Wenn man die Bedeutung des Modalverbs „dürfen“ jeweils ermitteln will, muss man es durch eine gleichbedeutende Wendung ersetzen, also eine Ersatzprobe machen:
(1‘) Die Mutter sagt zu ihrer Tochter: „Ich erlaube dir, heute bis 22 Uhr auszugehen.“
(2‘) Bei einer Radarkontrolle sagt ein Polizist zu einem Kollegen, als sie in Waat ein Auto mit 93 km/h geblitzt haben: „Wie der rast, – das ist wirklich unverschämt!“ Du siehst: Der „Ersatz“ ist kursiv geschrieben; in (1`) ist noch zum Infinitiv „zu“ hinzugefügt in (2) ist nicht nur das Verb „dürfen“ ausgetauscht worden, sondern eine ganze Wendung – „darf doch nicht wahr sein“ ist offensichtlich eine feste Redewendung, die als ganze ersetzt werden muss. In (1) muss auch das Subjekt „du“ mitverändert werden – ahnst du, warum das so ist?
Um die ganze Sache noch einmal am Beispiel des Verbs „drohen“ durchzuspielen, das eine „normale“ wie auch eine modifizierende Bedeutung annehmen kann:
(3) Die Eltern drohten, sie würden dem Kind kein Taschengeld geben, wenn es nicht sein Zimmer aufräumte.
(3‘) Die Eltern kündigten an, sie würden dem Kind zur Strafe kein Taschengeld geben, wenn es nicht sein Zimmer aufräumte.
Hier bedeutet „drohen“ so viel wie „eine Strafe ankündigen“, falls etwas von dem Bedrohten nicht getan wird.
(4) Das Haus droht in Kürze einzustürzen.
(4‘) Es besteht die Gefahr, dass das Haus in Kürze einstürzt.
Du siehst hoffentlich, dass hier aus dem „drohen“ der neue Hauptsatz geworden ist, dem der alte Infinitiv + „zu“ als dass-Satz mit dem alten Subjekt folgt. „Es besteht die Gefahr“: Damit schätzt der Sprecher die Situation oder den Zustand des Hauses ein; deshalb ist hier „drohen“ als ein modifizierendes Verb anzusehen. Eigentümlich ist hier auch, dass das Subjekt kein Mensch ist, sondern ein Ding oder Gegenstand; ein solches kann aber natürlich nichts ankündigen – der Sprecher kann nur etwas erwarten oder sehen, dass „sich“ da etwas nach seiner Erfahrung „ankündigt“.
Die Ersatzprobe ist ein Verfahren, das man für viele Zwecke benutzen kann; daher ist es wichtig, dass du dieses Verfahren gut beherrschst. – Bei einer Ersatzprobe lotet man die Bandbreite der Bedeutung eines Wortes (die Synonyme) aus; die ganze Bandbreite sollte eigentlich im Wörterbuch verzeichnet sein: Deshalb ist es eine Kunst, mit dem Wörterbuch richtig umzugehen und sich anregen zu lassen, die jeweils passende Bedeutung herauszufinden (statt den Artikel des Wörterbuchs ohne Verstand abzuschreiben).

Ich setze mit einem weiteren kleinen Aufsatz über „Bedeutung“ fort:

Als ich noch sehr klein war, vielleicht in der 1. oder 2. Klasse, las ich im Englischbuch meiner großen Schwester, dass „Vater“ englisch „father“ heißt. Aha, dachte ich: V = f, t = th; a, e, r bleiben erhalten – Englisch ist ganz einfach, man muss nur ein paar Buchstaben ändern, sonst ist alles gleich: Bedeutung lag für mich in der Buchstabenfolge.

Als ich das Gymnasium besuchte, lernte ich zunächst Latein. Ich lernte: „ponere = setzen, stellen, legen“. Da dachte ich, die Römer wären verrückt gewesen; konnten sie nicht eine einzige ordentliche Bedeutung für „ponere“ haben? Woher sollte man denn wissen, was gemeint ist? Dementsprechend haben wir auch übersetzt, es war im Wesentlichen grausam: Bedeutung lag für mich im Wort.

Heute weiß ich, dass Wörter nicht aus sich „eine Bedeutung haben“, sondern in Redewendnungen vorkommen. Solche Redewendungen muss man kennen, um zu wissen, was Wörter im jeweiligen Zusammenhang bedeuten können; Wörterbücher beruhen auf der Sammlung von Belegstellen (Beispielen, Redewendungen); aus denen werden dann „Bedeutungen“ eines Wortes extrahiert. Daraus ergibt sich, dass der eine Forscher nur eine Bedeutung angibt (Bünting zu „prangen“ [an exponierter, auffälliger Stelle hängen]), das Duden-Wörterbuch zwei [1. in auffälliger Weise vorhanden, sichtbar sein; 2. in voller Schönheit glänzen, auffallen] und das DWDS deren drei [1. Schönheit, Glanz, Prunk zeigen; 2. an einer bestimmten Stelle groß und auffällig angebracht sein; 3. mit etwas prahlen, angeben (veraltend)]. [Die Frage ist, wozu man das Wörterbuch braucht, wie umfangreich es sein darf, wie viele Belege der Forscher auswertet, wie exakt er die Bedeungsfülle ermitteln will, in welchen Schaubildern er die Bedeutungsfülle darstellen kann, wie sorgfältig ein Forscher arbeitet usw. – ein Blick in verschiedene, auch digitale Wörterbücher ist hilfreich!]

Wörter verbinden
Entscheidendes Merkmal im Gebrauch von Wörtern ist ihre Fähigkeit, Verbindungen einzugehen („Fügung“ bzw. „Valenz“), und das nach seriellen Mustern. Hier ist die Unterscheidung: syntagmatisch – paradigmatisch (s.u.) von Bedeutung.
Damit kommen wir zum Satz als kommunikativer Minimaleinheit (Jung/Starke: Deutsche Grammatik, 10. neubearbeitete Aufl., 1990, 42 ff.):
– Der Satz als Sinneinheit kann durch ein Wort („das“) vertreten werden.
– Der Satz ist eine durch Stimmführung bewirkte Klangeinheit.
– Der Satz ist eine durch das Verb gegründete, grammatisch gegliederte Einheit.
Neben der Valenz (http://mmtux.idf.uni-heidelberg.de/ProGram/Valenz/RK_valenz.html) der flektierbaren (!) Verben verdienen Präpositionen, Konjunktionen und Pronomen besondere Beachtung wegen ihrer Fähigkeit, syntaktische Beziehungen herzustellen; auch der innere Ausbau einer Nominalgruppe durch Attribute muss genannt werden. Die Unterscheidung von Thema-Rhema, aus der Texttheorie stammend, kann auch zur Gliederung des Satzes verwendet werden. Vereinfacht: Das Subjekt in der Spitzenstellung wäre Thema, die „eigentliche“ Satzaussage das Rhema.
Die Duden-Grammatik fasst den Zusammenhang zwischen Textelementen unter dem Stichwort der Kohärenz zusammen (6. Auflage, 1998, S. 845 ff.) und zählt verschiedene sprachliche Mittel der Kohäsion auf (S. 850 ff.). Die können wir nicht verstehen, wenn wir nicht beachten, dass in der Kommunikation gesprochen wird und dass damit der Textbegriff herangezogen werden muss; die Duden-Grammatik nennt sechs Textfunktionen (S. 841 f.).
Der Satz ist eine Einheit in der Kommunikation. Die kommunikativen Grundfunktionen sind Aussagen, Fragen, Wünschen/Befehlen (und Bewerten). Dazu gehören bestimmte Satztypen.

Was ist ein Wort? (die kleinste klar abgrenzbare bedeutungstragende „Einheit“)
Sprache als System: Die Grundbegriffe sind „Wort“ und „Satz“.
Sprache in der Verwendung: Die Grundbegriffe sind „Äußerung“ und „Text“.
(Duden: Grammatik, 6. A., S. 833)

Die Unterscheidung syntagmatisch – paradigmatisch geht auf Saussure zurück:
a) Syntagmatisch heißt die Beziehung eines Sprachelements zu den Elementen seiner Umgebung (Redewendung, Satz, also horizontal):
Der – Mann – baut – ein – Haus.
b) Paradigmatische Beziehungen bestehen zwischen Elementen, die die gleiche Stelle innerhalb des Syntagmas einnehmen können und sich dort gegenseitig ausschließen:
Der >
Dieser >
Ein >
Jeder > Mann – baut – ein – Haus. Entsprechend:
Der Mann [> Maurer > Kölner > Gastwirt] baut ein Haus.
…baut [> baute > kauft > erbt] ein Haus.
…ein [- unser – jedes – kein] Haus. (usw.)

Letzte theoretische Einsicht: Man kann die Bedeutung eines Wortes auch erfassen, indem man sein Antonym (Gegenwort) an dieser Stelle bestimmt. So kann zu „anfangen“ etwa „nicht anfangen“, „weitermachen“ oder „aufhören“ Antonym sein; der kompetente Sprecher/Hörer hört solche Feinheiten im Kontext, also in einer Situation. – Sowohl das Anfangen wie das Nichtanfangen kann man dann wieder näher bestimmen (aus Vorsicht, aus Faulheit, aus Geduld…).

Praktische Bedeutung: Im Verständnis eines jeden Textes ist es falsch, einem einzelnen (isolierten!) Wort eine bestimmte Bedeutung beizumessen; bei Gedichten ist es also sinnlos, einfach „Frühling“ mit Jugend gleichzusetzen usw. – ich erinnere an die Lektüre des Goethegedichtes „Dauer im Wechsel“ und die Jagd nach metaphorischer Bedeutung; für ein metaphorisches Verständnis muss es Gründe geben, man darf es nicht einfach bei jedem Gedicht praktizieren! Richtig ist es, die Wörter im Zusammenhang zu lesen, wie ich es in dem AB „Gedichtanalyse – erste Hinweise“ (s. Methodisches – Studio D) gefordert habe. Das gilt auch für die Lyrik 1945 – 1960, dort sogar noch stärker, weil diese Gedichte grammatische und semantische „Lücken“ aufweisen, also weithin unbestimmt sind.

Einen Überblick über die verschiedenen in der Linguistik verwendeten Proben gibt Peter Hellwig in seinem Aufsatz über die Methoden der Linguistik: www.cl.uni-heidelberg.de/kurs/ws06/ecl/etc/methoden.pdf

Mehr...

Advertisements