Symbol und Motiv in Kurzgeschichten

Es gilt als Grundsatz, dass in Kurzgeschichten der Erzähler sich mit Erklärungen und seiner Bewertung des Geschehens zurückhält und dass der Leser die Bedeutung des Geschehens anhand von (Metaphern,) Symbolen oder Leitmotiven erschließen muss. Nun besteht das Problem natürlich darin, dass es im Text an den Wörtern keine Kärtchen gibt, auf denen „Metapher“, „Symbol“ oder „Leitmotiv“ stände – dass so etwas vorliegt, muss man als Leser selber sehen oder spüren.

Dabei besteht dann die Gefahr, dass man auf der Suche nach Symbolen oder Motiven zu spinnen beginnt und in jeder Einzelheit eine tiefere Bedeutung zu finden vermeint. Ich habe das exemplarisch für Bölls Erzählung „Wanderer, kommst du nach Spa…“ nachgewiesen (https://norberto42.wordpress.com/2009/09/01/boo-wanderer-kommst-du-nach-spa-analyse/), wo sogar der grünen Wandfarbe eine Hoffnungsbedeutung zuerkannt wurde (siehe am Ende meiner Analyse). Nein, „Bedeutung“ muss in das Ganze des erzählten Geschehens passen und darf nicht isolierten Einzelheiten angehängt werden.

Ich möchte an einigen Beispielen zeigen, wie sich solche „tiefere“ Bedeutung im/aus dem Kontext ergibt:

  1. In Borcherts Kurzgeschichte „Das Brot“ begegnen sich die Eheleute „im Hemd“ in der Küche und damit im Licht; dreimal wird „im Hemd“ vom Erzähler erwähnt, was zeigt, dass er darauf Wert legt: Beide erkennen im Licht, wie alt der Partner „im Hemd“ wirklich ist; wenn man im Hemd vor dem anderen steht, kann man nichts mehr durch Kleidung und Frisur beschönigen, dann zeigt sich die Wahrheit des Menschen. – „Sie fühlte, wie die Kälte der Fliesen langsam an ihr hochkroch.“ Diese Kälte ist m.E. nicht nur eine Kälte der Fliesen, sondern auch eine Kälte in der Beziehung der Eheleute, als die Frau entdeckt, dass ihr Mann sie belügt. Der erklärende Satz folgt unmittelbar auf die zweite Erwähnung der kalten Fliesen: „Sie sah ihn nicht an, weil sie nicht ertragen konnte, dass er log.“ Mit seinem Lügen stellt er die Liebe in Frage; das spürt sie als Kälte, die an ihr emporkriecht. – Für das Verhältnis von Wahrheit und Lüge steht in dieser Erzählung symbolisch vermutlich auch das Licht, das die Frau in der Küche anmacht und schließlich ausmacht, um nicht nach dem Teller – dem Beweis des Lügens – sehen zu müssen. Auch am nächsten Abend, als sie ihrem Mann vier statt der üblichen drei Scheiben Brot anbietet und selber dafür lügt, sie könne das Brot nicht vertragen, rückt sie zuerst von der Lampe weg (damit er nicht ihr Gesicht sieht) und kehrt erst nach einer Weile unter die Lampe zurück; dass dies erwähnt wird, fällt im Zusammenhang von Licht-Dunkel und Wahrheit-Lüge auf. „Licht“ und „im Hemd stehen“ sind dieser Erzählung also Symbole.
  2. In Schnurres Erzählung „Jenö war mein Freund“ ist die Igeljagd und das Braten der Igel am offenen Feuer ein Leitmotiv; es steht für das naturnahe „wilde“ Leben der Zigeuner, von dem der Ich-Erzähler als Junge fasziniert war: „Jenö war mein Freund.“
  3. In Brambachs Erzählung „Känsterle“ hat vielleicht das trübe Licht auf dem Dachboden symbolische Bedeutung: In dieses Trübe wird Herr Känsterle von seiner Frau hineingezwungen, durch das ihm aufgezwungene Amt des Nikolaus. Ob man dem das Glitzern in den Augen Herrn Hansmanns entgegenstellen darf? Vielleicht ist das Glitzern nur das Zeichen des Verstehens und des Einverständnisses, das sich ja auch aus seiner Frage ergibt: „Mein lieber Känsterle, ist das alles?“ Sicher scheint mir der letzte Satz der Erzählung sowohl eine gegenständliche wie auch eine symbolische Bedeutung zu haben: „Ein kalter Wind zieht durch die Stube.“ Die Fenster sind zertrümmert, es zieht durch sie. Aber auch die von Frau Känsterle erbaute und zerstörte heile Familienwelt liegt in Trümmern, weil ihr Mann den Terror der Hausfrau nicht mehr ertragen konnte und zugeschlagen hat. Da weht jetzt auch nur noch ein kalter Wind.

Fazit: In den drei Beispielen haben wir Motive (im Hemd stehen, die Igel) und Symbole (Licht, Kälte, kalter Wind) gefunden, wobei „im Hemd“ auch zu den Symbolen gezählt werden kann. Eine Metapher haben wir bisher nicht gefunden – allerdings ist die Abgrenzung der Metapher vom Symbol auch nicht immer einfach. Vielleicht haben Metaphern aber auch eine zu geringe Reichweite, als dass sie die Bedeutung einer ganzen Erzählung tragen könnten.

Metapher: https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/metapher

Symbol: https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/symbol

Motiv (literatur): https://de.wikipedia.org/wiki/Motiv_(Literatur)

Als Leitmotiv bezeichnet man in der Literatur

  • eine einprägsame und im gleichen Wortlaut wiederkehrende Aussage
  • oder eine thematische Einheit,

die der Gliederung des Erzählten und oft der Repräsentation der Handlung bzw. der Entwicklung der Protagonisten eines literarischen Werkes dient.

Van der Steenhoven unterscheidet „situationelle“ und „textliche“ Leitmotive. Textliche Leitmotive wiederholen Wörter oder größere Texteinheiten, situationelle Leitmotive dagegen Handlungen oder Situationen. […] Ein Beispiel für ein textliches Leitmotiv wäre die Wiederholung der Wendung „Ein weites Feld“ in Theodor Fontanes Roman Effi Briest. […]

Ein Beispiel in der Literatur für die Technik des Leitmotivs stellen die Zahnprobleme der Protagonisten als wiederkehrendes Symbol für den Verfall der Familie Buddenbrook im gleichnamigen Roman von Thomas Mann dar. (https://de.wikipedia.org/wiki/Leitmotiv)

Werbeanzeigen

Andere Version einer Kurzgeschichte schreiben (Beispiel): Böll, Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral

Brief des Touristen an …
Lieber Heiner,
seit einer Woche bin ich in Portugal; herrliches Wetter, gute Unterkunft, die Leute sind freundlich – was will ich mehr? Und seit gestern Abend kann ich meinen philosophischen Neigungen frönen: Ich bin ins Nachdenken gekommen. Lach‘ nicht, das ist wirklich der Fall; ich will dir erzählen, wie es dazu kam.
Gestern Nachmittag ging ich hier am Hafen spazieren, als ich einen einheimischen Fischer in seinem Boot dösen sah – ein wunderbares Motiv: Ruhe nach der Arbeit, und das alles vor dem Hintergrund der schaukelnden Bootsmasten, fantastisch! Ich habe ein paar Fotos geschossen und kam dann mit dem Fischer ins Gespräch, warum er bereits am frühen Nachmittag zu arbeiten aufhört. Ich versuchte ihm klar zu machen, wie er seine Arbeit betriebswirtschaftlich verbessern, also ausweiten und absichern könnte, aber irgendwie kam ich diesem südlichen Phlegma nicht bei; er sei zufrieden, sagte er, er sei glücklich, genieße den Tag und die Sonne. Zum Schluss wurde er persönlich: Nur ich und meine Knipserei hätten ihn in seiner Ruhe gestört. Ich wusste nichts mehr zu sagen und fing, wie gesagt, betroffen an nachzudenken; ich beneidete den Mann regelrecht, weil er einerseits zufrieden und anderseits schlagfertig war und mich regelrecht hatte abblitzen lassen. Er erinnerte mich ein bisschen an die Bibel, an Jesus, an die Worte vom Sorgen, du kennst sie ja: Vertrauen „auf den himmlischen Vater“ und so weiter, ob da doch etwas dran ist? Einfach heute leben – der nächste Tag kommt von selber!? Das hat auch etwas für sich, bestimmt!
Am Abend habe ich mir dann eine Flasche Rotwein aufgemacht und mich in den Garten gesetzt: Sind wir alle bescheuert, weil wir mehr arbeiten, als wir unbedingt tun müssen, um „das tägliche Brot“ kaufen zu können? Je länger ich nachdachte, desto mehr kamen mir Zweifel an der „schönen“ südlichen Lebensweise: das tägliche Brot, schön und gut, aber manchmal darf‘s auch Kuchen sein oder ein Essen im argentinischen Steakhaus, oder? Und was tut der gute Fischer, wenn er morgen krank wird und weder Versicherung noch ein finanzielles Polster hat? Von seinem Alter gar nicht zu reden – wer unterstützt ihn dann? Muss er nicht seinen Sohn zwingen, das gleiche Handwerk auszuüben und den alten Vater im alten Haus zu versorgen? Die Schwiegertochter wird nicht gefragt, sie heiratet eben ein! Und dieses ganze Leben in seiner stillen Zufriedenheit, ist es nicht auch ein Leben in Stumpfsinn und Schicksalsergebenheit, ohne die Hoffnung auf Verbesserung und die Teilnahme an der Kultur?
Weißt du, auch der großkopfete Autor Heinrich Böll, unser Nobelpreisträger, hat ja nicht aufgehört zu schreiben, als er genug Geld hatte, um leben zu können, – da hat er Anekdoten zur Senkung der Arbeitsmoral geschrieben, auf jeden Fall aber weiter geschrieben! Was lehrt uns das? Man darf seine Anekdote nicht allzu wörtlich nehmen, sonst erliegt man einer Lebenssicht, welche nur für Touristen inszenierte Idyllen als Ideal kennt. Ich habe, indem ich nachgedacht habe, vom Fischer gelernt – nun müsste der Fischer noch unser Leben, seine Sicherheit, seine vorsorgliche Planung kennen und auch nachdenken. In dem Sinn grüße ich dich, mit dem Blick auf malerische Fischer und dem Ziel eines gesicherten Lebens, aus Portugal!
Dein Hanno