Andere Version einer Kurzgeschichte schreiben (Beispiel): Böll, Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral

Brief des Touristen an …
Lieber Heiner,
seit einer Woche bin ich in Portugal; herrliches Wetter, gute Unterkunft, die Leute sind freundlich – was will ich mehr? Und seit gestern Abend kann ich meinen philosophischen Neigungen frönen: Ich bin ins Nachdenken gekommen. Lach‘ nicht, das ist wirklich der Fall; ich will dir erzählen, wie es dazu kam.
Gestern Nachmittag ging ich hier am Hafen spazieren, als ich einen einheimischen Fischer in seinem Boot dösen sah – ein wunderbares Motiv: Ruhe nach der Arbeit, und das alles vor dem Hintergrund der schaukelnden Bootsmasten, fantastisch! Ich habe ein paar Fotos geschossen und kam dann mit dem Fischer ins Gespräch, warum er bereits am frühen Nachmittag zu arbeiten aufhört. Ich versuchte ihm klar zu machen, wie er seine Arbeit betriebswirtschaftlich verbessern, also ausweiten und absichern könnte, aber irgendwie kam ich diesem südlichen Phlegma nicht bei; er sei zufrieden, sagte er, er sei glücklich, genieße den Tag und die Sonne. Zum Schluss wurde er persönlich: Nur ich und meine Knipserei hätten ihn in seiner Ruhe gestört. Ich wusste nichts mehr zu sagen und fing, wie gesagt, betroffen an nachzudenken; ich beneidete den Mann regelrecht, weil er einerseits zufrieden und anderseits schlagfertig war und mich regelrecht hatte abblitzen lassen. Er erinnerte mich ein bisschen an die Bibel, an Jesus, an die Worte vom Sorgen, du kennst sie ja: Vertrauen „auf den himmlischen Vater“ und so weiter, ob da doch etwas dran ist? Einfach heute leben – der nächste Tag kommt von selber!? Das hat auch etwas für sich, bestimmt!
Am Abend habe ich mir dann eine Flasche Rotwein aufgemacht und mich in den Garten gesetzt: Sind wir alle bescheuert, weil wir mehr arbeiten, als wir unbedingt tun müssen, um „das tägliche Brot“ kaufen zu können? Je länger ich nachdachte, desto mehr kamen mir Zweifel an der „schönen“ südlichen Lebensweise: das tägliche Brot, schön und gut, aber manchmal darf‘s auch Kuchen sein oder ein Essen im argentinischen Steakhaus, oder? Und was tut der gute Fischer, wenn er morgen krank wird und weder Versicherung noch ein finanzielles Polster hat? Von seinem Alter gar nicht zu reden – wer unterstützt ihn dann? Muss er nicht seinen Sohn zwingen, das gleiche Handwerk auszuüben und den alten Vater im alten Haus zu versorgen? Die Schwiegertochter wird nicht gefragt, sie heiratet eben ein! Und dieses ganze Leben in seiner stillen Zufriedenheit, ist es nicht auch ein Leben in Stumpfsinn und Schicksalsergebenheit, ohne die Hoffnung auf Verbesserung und die Teilnahme an der Kultur?
Weißt du, auch der großkopfete Autor Heinrich Böll, unser Nobelpreisträger, hat ja nicht aufgehört zu schreiben, als er genug Geld hatte, um leben zu können, – da hat er Anekdoten zur Senkung der Arbeitsmoral geschrieben, auf jeden Fall aber weiter geschrieben! Was lehrt uns das? Man darf seine Anekdote nicht allzu wörtlich nehmen, sonst erliegt man einer Lebenssicht, welche nur für Touristen inszenierte Idyllen als Ideal kennt. Ich habe, indem ich nachgedacht habe, vom Fischer gelernt – nun müsste der Fischer noch unser Leben, seine Sicherheit, seine vorsorgliche Planung kennen und auch nachdenken. In dem Sinn grüße ich dich, mit dem Blick auf malerische Fischer und dem Ziel eines gesicherten Lebens, aus Portugal!
Dein Hanno

Advertisements