Leserbriefe – Beispiele

Ein Beispiel:

Im Osten geben die meisten Schüler auf (SZ 12.03.2012, S. 5)

Roland Preuß referiert die Zahlen des Institus für Schulentwicklungsforschung Dortmund; danach sei die Chance von Akademikerkindern auf ein Abiturzeugnis sechsmal höher als die von Arbeiterkindern.

Dazu habe ich drei Fragen: 1. Was besagt die Zahl „sechsmal höher“? Heißt das etwa, dass 90 % der Akademikerkinder Abitur machen, aber nur 15 % der Arbeiterkinder? Das könnte man nachprüfen, das halte ich für falsch. 2. Wie kommen diese Zahlen zustande? Vor ein paar Jahren hieß die entsprechende Zahl noch 4,5mal so hoch – hat sich da so viel verschlechtert oder werden die Zahlen erwürfelt? 3. Was ist überhaupt ein Akademikerkind? In meiner Bekanntschaft hat eine Abiturientin mit Berufsausbildung einen Facharbeiter geheiratet, die Kinder gehen selbstverständlich aufs Gymnasium – sind das nun Akademikerkinder oder nicht?

Mit den Horrorzahlen macht Prof. Bos vom IFS natürlich Politik; es wäre für die SZ angemessen, wenn Roland Preuß der Bedeutung und Qualität der Zahlen nachginge, statt sich als Multiplikator einfach in die politische Kampagne des Prof. Bos einspannen zu lassen.

Norbert Tholen

Noch ein Beispiel:

Betreff: „Wir sind das Volk.“

Entgegen der Auffassung von Viktoria Großmann (SZ 29. März, S. 10) hat der patentrechtlich geschützte Satz „Wir sind das Volk“ nicht zwei Subjekte, sondern nur eines, nämlich „Wir“. „das Volk“ steht zwar im Nominativ (Gleichsetzungsnominativ), ist aber nicht Subjekt, sondern Prädikativ. Die Verben „sein, werden, bleiben“ werden regelmäßig so konstruiert, sie kommen mit einem Subjekt aus.

Einen schönen Tag mit nicht allzu vielen Subjekten wünscht Ihnen

Norbert Tholen

(Dieser kurze Leserbrief wurde in der Kolumne „Sprachlabor“ am 5. Mai 2012 verwertet, also als berechtigt anerkannt.)

 Noch ein Beispiel:

Reportage vom 14. Juli 2012, S. 3

Die Ankündigung der Reportage auf S. 1 könnte aus der BILD stammen: „In der Arbeitsagentur Frankfurt wird eine Frau erschossen, wegen 10,26 Euro“. Das klingt nach Raubüberfall auf Oma und ist sachlich natürlich falsch: Der Frau wurde nicht wegen 10,26 Euro erschossen, sondern (vielleicht) weil sie mit einem Messer auf Polizisten eingestochen hat, vielleicht auch weil die Beamtin schlecht gezielt hat – wer kann da schon einen einzigen „Grund“ angeben?

Die ganze Reportage ist tendenziös: pro Opfer, contra Amt und Polizisten. Wenn Karin Steinberger zum Beispiel nicht nur Bekannte der Frau Schwundeck, sondern auch der verschiedenen Beamten befragt hätte, hätten diese garantiert bescheinigt, dass es sich bei den Beamten um freundliche und besonnene Menschen handelt. Der Bericht zeigt auch an mindestens zwei Stellen, dass Christy Schwundeck eine schwierige Frau war, nämlich in Sachen des ihr verweigerten eigenen Kindes und bei ihrem Auftritt im Amt. Das ist kein Grund, sie zu erschießen, aber die Situation auf dem Amt war offenbar derart angespannt, dass ich verstehen kann, dass geschossen wurde.

Ein genauerer Blick auf die Polizisten hätte der Reportage sicher gutgetan, zumal Karin Steinberger den Vorfall ja nicht miterlebt hat; da sollte sie sich bei beiden Seiten umschauen, nicht nur bei Bekannten und dem Freundeskreis der erschossenen Christy Schwundeck.

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Noch ein Beispiel:

Interview mit Erzbischof Müller (SZ 21. Juli 2102, S. 2)

In der SZ ist am 21. Juli 2012 ein großes Interview mit Erzbischof Müller, dem neuen Präfekten der römischen Glaubenskongregation, erschienen (S. 2). Das Gespräch ist insofern lehrreich, als es einmal mehr zeigt, wie der oberste katholische Glaubenswächter scheinbare Treue zur biblischen Tradition und die Forderung nach Unterwerfung unter das römische Lehramt mühelos miteinander verbindet. Ich möchte das an zwei Äußerungen zum Stichwort Gehorsam/Ungehorsam aufzeigen.

Müller lehnt den „blinden“ Gehorsam gegenüber dem Lehramt ab: „Es ist wichtiger, Gott zu gehorchen als den Menschen.“ Damit zitiert er sinngemäß ein Wort des Petrus und der Apostel: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg 5,29; vgl. 4,19) Mit diesem Wort rechtfertigt Petrus seinen Ungehorsam gegenüber dem Verbot des Hohen Rates, seinen Christusglauben zu verkünden.

Wie entschärft Erzbischof Müller nun das rebellische Wort des Petrus, zu dem er sich doch bekennt? Er macht das rhetorisch geschickt: „Wenn Pfarrer sagen, wir sind jetzt mal (!)  ungehorsam (!), dann fördern sie ein Kirchenbild, das davon ausgeht, dass Menschen sich selbst ihre Kirche schaffen, nach eigenem Geschmack und jeweiligem Zeitgeist.“ Müller dreht hier den „ungehorsamen“ Pfarren das Wort im Mund herum; die Pfarrer selbst würden sicher sagen, dass sie gehorsam sind – gehorsam gegenüber Gott (und ungehorsam allenfalls gegen ein selbstgerechtes Lehramt). Von diesem höheren „Gehorsam“ der Pfarrer spricht Müller nicht, nur vom „Ungehorsam“; zudem wertet er den „Ungehorsam“ durch das Adverbial „mal“ ab. Er fordert also doch blinden Gehorsam gegenüber den Glaubenswächtern, ohne über ihnen die Instanz „Gott“ anzuerkennen bzw. ohne den „ungehorsamen“ Priestern die Berufung auf Gott zuzugestehen.

Genauso zweideutig ist Müllers Satz: „Die Freiheit der Kinder Gottes ist die Vollendung des Glaubensgehorsams gegenüber Gott.“ Das Problem ist gerade, worin der „Glaubensgehorsam gegenüber Gott“ besteht – Müller erklärt im gleichen Zusammenhang, dass durch Verurteilung einer falschen Lehre (durch seine Kongregation!) sogar „die Freiheit Gottes in seiner Offenbarung“ gewahrt wird; so einfach ist das alles.

Soll man das nun Dialektik oder Rabulistik nennen? Müller hat nicht nur mit den beiden oben untersuchten Äußerungen gezeigt, wie er und seine Kollegen das freiheitliche Potenzial der Bibel entschärfen können, wie man es in eine Dekoration des blinden Gehorsams verwandeln kann. Dass die SZ ihm für diese Demonstration eine ganze Seite eingeräumt hat, dafür gebührt ihr unser Dank.

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(Dieser Leserbrief ist am 8. August 2012 in der SZ veröffentlicht worden, wobei die jetzt durchgestrichenen Stellen ausgelassen wurden. Abgeschickt hatte ich den ganzen unmarkierten Text.)

Noch ein Beispiel:

Der mir unbekannte Schauspieler Christian Ulmen (http://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Ulmen) wird heute in der SZ (30. August 2012, S. 10) mit einer Bemerkung über Atheisten zitiert:

  1. Er finde es „fast dümmlich, nicht zu erkennen, dass der eigene Nichtglaube ja auch nur ein Glaube ist“;
  2. Atheisten schrammten mit ihrem Anspruch auf ultimative Wahrheit „haarscharf“ an der Haltung von Islamisten vorbei.

Dazu ist Folgendes zu sagen:

  1. Nicht an Gott zu glauben ist kein Glaube. Da wird von Herrn Ulmen nicht verstanden, dass von Atheisten der ganze Satz „Ich glaube an Gott“ oder „Ich glaube, dass es einen Gott gibt“ negiert wird; das aber ist kein Glaube, sondern eine meinetwegen philosophische These. – Mit der Logik Ulmens ließe sich aus dem Satz „Ich sehe da nichts“ auch die Existenz eines Nichts begründen.
  2. Den Anspruch ultimativer Wahrheit von christlicher Seite den Atheisten vorzuwerfen ist ein grandioses Kunststück; denn das Christentum ist von Anfang an mit dem Anspruch ultimativer Wahrheit aufgetreten: Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden.“ (Mk 16,16) Es steht Christen nicht gut an, anderen Menschen Fundamentalismus vorzuwerfen, auch wenn „Islamismus“ derzeit ein prächtiges Schimpfwort ist.

Im Übrigen frage ich mich, wieso Herr Ulmen mit solchen halbdurchdachten Äußerungen gegenüber der Bunten überhaupt in der SZ zitiert wird.

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Noch ein Beispiel:

Sehr geehrter Herr Urban,

zu Ihrem Artikel „Der Außenseiter Vernunft“ (SZ 13. November 2009, S. 13) möchte ich einige kritische Anmerkungen machen – nicht um die Kirchen zu verteidigen, sondern um die Frontlinie klarer zu bestimmen:

1. Sie setzen bei dem Grundsatz an, dass man zwar die religiösen Gefühle nicht verletzen dürfe, wogegen man die Vernunft anscheinend ungestraft beleidigen dürfe. Das ist eine verkürzende Redeweise und insofern leicht missverständlich: Gefühle sind die Gefühle von Menschen; man darf die Menschen nicht verletzten. Vernunft ist die Vernunft von Menschen; man darf aber auch vernünftige Menschen nicht beleidigen – die Vernunft (allein) kann man nicht beleidigen.

Indem man Unsinn redet, beleidigt man vernünftige Menschen noch nicht; das ist ihnen nur ein Anlass zum Lächeln. Man beleidigt sie, wenn man ihre Lehrfreiheit beschränkt oder sie zwingen will (bzw. zwingt), Dinge zu lehren oder zu verkünden, die sie für falsch halten, oder indem man ihnen die Druckerlaubnis verweigert usw. Das wird dann spannend, wenn die bürgerliche Existenz vernünftiger Menschen an dieser Kontrolle (Zensur) des Lehrens und Verkündens hängt: Sind jene genötigt, um der Brötchen willen ihre Überzeugung zu verleugnen? Berühmtes Beispiel der Vergangenheit: Franz Overbeck, Mitte des 20. Jahrhunderts F.J. Schierse usw.

2. Was Sie zu Albert Schweitzer schreiben, ist sachlich fragwürdig: Albert Schweitzers große theologische Leistung war sein Buch über die Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, wo sich allerdings die „vernünftigen“ Theologen blamiert sehen sollten: Jeder hatte den Jesus konstruiert, der ihm passte. Dass Schweitzer sich an der Trinität gestoßen oder diese umgestoßen hätte, ist mir neu – wo finden Sie das? Dass er nicht Missionar werden durfte und deshalb Arzt wurde, ist eine Mär; in seiner Autobiografie steht das ganz anders (Aus meinem Leben und Denken, 1954, S. 71 f.): ein bewusster Entschluss des vom Glück verwöhnten jungen Mannes, ab 30 sein Leben dem einfachen Dienst an Unglücklichen zu weihen.

3. Das Problem liegt meines Erachtens tiefer, als Sie sehen: Das Problem liegt darin, dass Jesus die Ankunft der Gottesherrschaft verkündete, dass aber stattdessen die Kirche kam (so Alfred Loisy). Die frühen Christen haben noch ziemlich enthusiastisch in der Naherwartung gelebt (1 Thess 4,13 ff.); aber als der Herr partout nicht kommen wollte, musste man den ganzen Betrieb auf Amt, Kanon (Bibel), Kult, reine Lehre sowie (mehr oder weniger) strenge Moral – kurz: auf die Kirche umstellen, wie wir sie im Prinzip kennen. Die reine Lehre mitsamt der Moral wird konsequent von Amtsinhabern überwacht und an einem Kanon gemessen – deuten kann man dann vieles, aber die Deutung wird amtlich kontrolliert.

Das Grundproblem der Kirche ist dies, dass der Herr nicht kommt und dass sich der Enthusiasmus der Erwartung nicht organisieren (institutionalisieren) lässt, dass die Kirche jedoch notgedrungen Institution wird, um ihren Bestand zu sichern, und dabei inspirierte Außenseiter gelegentlich als Vorbilder preist, aber nicht wirklich brauchen kann (Ordensgründungen im 13. Jh.!). Das geht so weit, dass in Dostojewskijs großer Parabel (Die Brüder Karamasow) der Großinquisitor den Herrn, der wiederkommt, verhaften lässt, weil er den Betrieb der Kirche stört und weil die schwachen Menschen mit der Freiheit der Kinder Gottes nichts anfangen können. – So ist es und nicht anders: Die Freiheit der Kinder Gottes einschließlich der parrhesia stört den Betrieb; es ist weniger die Vernunft als die Freiheit der große Störfaktor. Die Gewissen müssen kontrolliert werden, dann kann man die Leute ruhig „denken“ lassen.

4. Ich halte es nicht für möglich, die Kirche(n) zu ändern; man muss seine Konsequenzen aus seiner Einsicht in die Kirche ziehen: Das ist das große Gebot der Vernunft. Danach kann einen nichts mehr neu beleidigen, wenn die alten Verletzungen vernarbt sind.

Mit freundlichen Grüßen,
Name + Adresse

Der Untertitel eines Aufsatzes in der SZ vom 6. Februar 2010 lautete: Das Land braucht nicht viele Abiturienten, sondern bessere. Sonst verliert das Gymnasium seine Bedeutung als höhere Lehranstalt. Dazu ein Leserbrief als Beispiel:


Sehr geehrter Herr Schloemann!

Als nunmehr pensionierter Lehrer am Gymnasium kann ich Ihrer Klage über den Verfall des Gymnasiums nur zustimmen. Ziel des Gymnasiums muss es sein, nicht vielen Schülern das Abiturzeugnis auszuhändigen, sondern viele Schüler studierfähig zu machen. Die Crux hierbei ist, dass bisher offenbar nur gefühlsmäßig bestimmt ist, was „studierfähig“ heißt, d.h. welche Fähigkeiten und Fertigkeiten jemand besitzen muss, um studierfähig zu sein.

Ihren Ausführungen möchte ich noch drei Aspekte hinzufügen:

  1. Um der Gleichheit willen werden in zentralen Abiturprüfungen (zumindest im Fach Deutsch) oft genug abseitige Aufgaben gestellt – die sinnvollen Aufgaben könnte ja schon ein Kollege bearbeitet haben, und dessen Schüler wären dann gegenüber den übrigen im Vorteil.
  2. Durch die didaktischen Moden (viel „Spielerei“ und „Kreativität“) kommen methodisch strenge Verfahren der Texterschließung zu kurz, zum Beispiel die Arbeit mit dem Wörterbuch. Es gibt kaum Anleitungen dazu, wie man mit dem Wörterbuch oder einer deutschen Grammatik arbeitet – und in den Schulen gibt es entsprechend keine Wörterbücher. Was im Abitur als „Wörterbuch“ zugelassen ist, ist der Rechtschreibduden oder ein ähnliches Buch, aber eben kein richtiges Wörterbuch.
  3. In den Schulbüchern für Deutsch geht es entsprechend zu, allüberall wird produziert und szenisch dargestellt … Aber der zentrale Begriff des sprachlichen Handelns fehlt weithin – in der neuesten Ausgabe des in NRW verbreiteten Cornelsen-Buchs „Texte, Themen und Strukturen“ für die Sekundarstufe kommt der Begriff einmal vor, aber er wird nicht als zentraler Begriff eingeführt und es wird eben insgesamt nicht damit gearbeitet. Dabei ist der Begriff seit über 50 Jahren in der Sprachwissenschaft geläufig, und er ist für ein strenges Verstehen auch unentbehrlich (er macht zum Beispiel den Rückgriff auf eine ohnehin nicht zu ermittelnde „Intention“ des Dichters überflüssig). Jedenfalls müsste er Schülern, die studierfähig sein sollen, geläufig sein.

Nach meiner Einsicht müsste vordringlich geklärt werden,

  1. mit welchen Fähigkeiten jemand studierfähig ist,
  2. auf welchen Wegen diese Fähigkeiten nachweisbar erworben werden können,
  3. was neue didaktische Methoden empirisch nachweisbar leisten.

Wer vierzig Jahre in der Schule gearbeitet hat, hat so viele Moden kommen und verschwinden sehen, dass er nur lächeln kann, wenn wieder einmal eine allein seligmachende Methode von gläubigen Theoretikern, die damit Karriere machen, gepredigt wird.

Mit freundlichen Grüßen,

Leserbrief zum Sarrazin-Streit: ein Beispiel

In dem langen Streit um Sarrazins laute Schelte hat Stephan Speicher in der SZ am 24./25. Oktober 2009 einen Artikel („Ungewaschene Helden“) geschrieben, in dem er sich kritisch über Sarrazin (und Peter Sloterdijk, der Sarrazin verteidigt hat), äußert. Dazu habe ich einen Leserbrief an die SZ geschrieben:

Sehr geehrter Herr Speicher,

in Ihrem Aufsatz haben Sie mächtig auf Sarrazin und Sloterdijk eingedroschen. Dass Sie den Umweg über Mill nehmen, nachdem Sie gleich die Einstellung „konservativ“ abqualifiziert haben, lasse ich jetzt einmal außen vor. Es geht mir um zwei Überlegungen oder Argumente am Ende des Aufsatzes.
Da wird auf eine Studie des Berlin-Instituts verwiesen, um darauf gestützt zu deklarieren: „Zu glauben, Sarrazin spreche aus, was sonst verheimlicht werde, ist einfach falsch.“ Was hier falsch ist, ist Ihre Logik: Sarrazin spricht laut aus, was sonst nicht laut im öffentlichen Raum gesagt wird, weil es sich „nicht schickt“. Sarrazin hat ja nicht beansprucht, eine neue Studie vorzulegen, sondern eine unangenehme Wahrheit laut zu melden; insofern geht Ihr Angriff hier ins Leere – es wäre zu prüfen, ob Sarrazin Recht hat, nicht mehr und nicht weniger.
Das gilt auch für den zweiten Punkt: Sie mokieren sich darüber, dass Sarrazin gesagt hat, manche Leute „produzieren“ Kinder. Nun ist das Schlimme, dass es so etwas wirklich gibt; vor rund 30 jahren hatte ich am Stadtrand von Mönchengladbach die Gelegenheit, in Randmilieus hineinzukommen. Da habe ich zwei Familien getroffen, wo die Eltern wirklich Kinder produzierten. Der eine Vater war fortwährend „krank“ und arbeitslos, was sollte er den ganzen Tag schon machen? Und das andere Elternpaar hatte schon für die damals „berühmten“ St. Pauli-Nachrichten posiert; die hatten auch Kinder produziert, wo es dann unter Geschwistern zu sexuellen Übergriffen kam … Das Schlimme ist nicht das Wort, auch wenn es unschön ist – das Schlimme ist die Tatsache, dass es so etwas gibt!
Wenn man hierzu etwas sagen will, müsste man prüfen, ob es solche prekären Verhältnisse gibt, wo Kinder produziert werden, und ob das in den von Sarrazin benannten Milieus der Fall ist. Aber sich über das bloße Wort zu erregen, ist Ausdruck jener heuchlerischen p.c., die einen inzwischen so anekelt, dass man zu Sarrazin sagt und denkt: „Na, endlich sagt mal einer, was Sache ist.“
Das alles gilt zum Beispiel auch für das, was Abvraham Burg über die israelische Politik gesagt hat (am gleichen Tag in der gleichen Zeitung): Weil er Jude ist, durfte er das sagen; hätte ich das Gleiche gesagt, schon wäre es „Antisemitismus“ und Verharmlosung des holocaust gewesen.
Der Zentralrat der Juden hat sich ja auch laut über Sarrazin beschwert – aber sie müssen nicht meinen, ein einziger aus dem Zentralrat schickte seine Kinder oder seine Enkel in eine Grundschule in den Wedding! Und genau das ist das Verlogene: Laut gegen Sarrazin schimpfen, aber in der Praxis so handeln, als ob er Recht hätte.

Mit freundlichen Grüßen, Norbert Tholen

Noch ein Beispiel:
Betreff: Artikel Lessenichs vom 10. März – Leserbrief

Stephan Lessenichs Artikel „Der Phantomschmerz des Wohlstandsbürgers“ (10. März 2017) hat mich beeindruckt. Es spricht vom „Gesellschaftsvertrag“ der deutschen Nachkriegsgesellschaft, dessen negative Seiten wir eigentlich alle längst kennen: Naturzerstörung, ungleiche Verteilung des Reichtums bei uns, Ausbeutung der Arbeiter in der Dritten Welt – von der wir alle profitieren, auch wenn wir das nicht immer wissen.

Dann kommt seine brisante politische Forderung: „Wer heute von der ‚Abstiegsgesellschaft’ und ihren Sorgen redet, sollte von den Voraussetzungen der Aufstiegsgesellschaft, in Deutschland wie im Rest der westlichen Nachkriegswelt, nicht schweigen.“ Aber, und das ist das Erschreckende, man sieht in den großen Parteien keinen Politiker, der von unserem Gesellschaftsvertrag und seinen Klauseln spricht; keinen, der ehrlich die Dinge beim Namen nennte und zum Beispiel programmatisch forderte, nicht länger subventionierte Nahrungsmittel aus der EU zu exportieren und faire Preise für Rohstoffe zu zahlen. Wer das täte, könnte die nächste Wahl vergessen.

Das bedrückt mich, es ist anscheinend unserem parlamentarischen System eingeschrieben: dass der Horizont exakt bis zur nächsten Wahl reicht. Wo finden wir einen Charismatiker wie Willy Brandt, der unseren Horizont weitet?

Norbert Tholen

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Wie schreibt man einen Leserbrief? (mit Beispielen)

Man kann die Eigenart des Leserbriefs verstehen, wenn man ihn mit dem dir bekannten persönlichen Brief vergleicht.

Ein Leserbrief ist ein Brief; das heißt,
dass man sich als Absender mit Namen und Adresse bekannt macht;
dass man den Adressaten anspricht („Sehr geehrte Frau Schmidt-Dreier“ oder „An die Redaktion des Kölner Stadt-Anzeigers“), obwohl er sich primär vielleicht an die anderen Leser richtet, weil man auf eine Veröffentlichung des Briefs hofft – die Anrede kann aber auch fehlen;
dass man zu Beginn klarmacht, worum es geht („In dem Bericht ‚Bei Pöbeleien dazwischengehen’ wird berichtet, dass in Herchen Schüler als ehrenamtliche Zugbegleiter eingesetzt werden.“). – Oft findet man hier die Form der Zwar-Aber-Einleitung, wie ich sie kurz nennen möchte: „In Ihrem Artikel finde ich (dies und das) richtig; aber … (und dann die eigene Sicht darstellen!)“
Danach kann man so vorgehen, wie es im „Deutschbuch 7“ empfohlen wird…
Wenn man an Frau Schmidt-Dreier schreibt, wird man sich zum Schluss auch „Mit freundlichen Grüßen“ verabschieden; beim Brief an die Redaktion ist das nicht nötig.

Ein Leserbrief unterscheidet sich von einem persönlichen Brief
darin,
dass du keinerlei Interesse an der Person des Adressaten hast
und dass auch du selber als Mensch keine Rolle spielst, nur als Bürger und Träger von Erfahrungen –
dass es also vor allem, aber nicht nur „sachlich“ um eine Argumentation für oder gegen etwas geht
oder darum, zusätzlich zum bereits Gesagten weitere Aspekte zu benennen bzw. verschwiegene Voraussetzungen und Folgen aufzuzeigen.
Die SZ sagt: „Ein Leserbrief ist eine Auseinandersetzung mit dem Inhalt eines Artikels oder Kommentars der Süddeutschen Zeitung. Dabei kommt es nicht darauf an, ob der Text zustimmend oder kritisch ist.“

Um meine erhabenen Einsichten an einem Beispiel aufzuzeigen, stelle ich hier einen Leserbrief vor, an dem du sehen kannst, wie man es machen kann:
„Interview H. Hordych in Kinderleben 1/2008, S. 8
In diesem Interview rechnet Harald Hordych die Vorgaben seiner Tochter Anna: 36 Schulstunden + 6 bis 7 Stunden HA = mehr als 40 Wochenstunden. Diese Rechnung läuft auf dem Milchmädchenniveau: 36 Schulstunden sind bloß 27 Zeitstunden; Anna liegt also deutlich unter 40 Wochenstunden Arbeitszeit. Die Polemik gegen G 8 sollte etwas intelligenter betrieben werden; und G 9 war selbst in Bayern offensichtlich auch nicht so toll, wie uns Harald Hordych vorexerziert.“
Du siehst hieran:
1. Ich nenne den Artikel eines Magazins der Zeitung.
2. Im ersten Satz habe ich das Thema vorgestellt, zu dem ich mich äußern möchte;
3. danach kommt die thesenartige Bewertung (eine halbe Zeile), danach die Argumentation, zum Schluss ein spöttischer Kommentar. [Der Autor hat ein Beispiel für die These der Überforderung durch G 8 gebracht; ich zerpflücke das Beispiel und polemisiere gegen die These von der Überforderung.] Ich schreibe also viel kürzer, als es in der Schule bei der Aufsatzform Leserbrief erwartet wird – kurze Briefe werden eher veröffentlicht als lange, auch wenn gelegentlich lange Leserbriefe abgedruckt werden (aber die stammen meistens von Professoren).
Das Thema bewegt mich, weil ich einerseits die Schüler insgesamt nicht für überfordert, sondern eher den Unterricht für schlecht halte; zweitens muss ich oft lachen, wenn ich höre, was die sogenannten Experten alles von sich geben. Aber davon sage ich hier nichts.

Leserbriefe zu Beiträgen der Zeitschrift „Gegenworte“ findest du unter http://www.gegenworte.org/leserbriefe.html. Am linken Rand kannst du oben die bisherigen Exemplare der Zeitschrift einsehen, unter „Kontakt“ findest du ein Formular, um einen Leserbrief zu einem Beitrag der Zeitschrift zu schreiben – leider ist das jedoch keine Zeitschrift für Schüler einer 7. Klasse; du müsstest mindestens in der 10. Klasse sein, um die Beiträge der Zeitschrift zu verstehen oder diskutieren zu können, denke ich.

P.S. Ich habe mich (am 30.01.2017) zur Frage, wie man einen Leserbrief schreibt, kurz im Internet umgeschaut:

Anleitung – theoretisch:

http://wortwuchs.net/leserbrief/

http://www.online-lernen.levrai.de/deutsch-uebungen/leserbrief/01_leserbrief_aufbau.htm

http://de.wikihow.com/Wie-man-einen-Leserbrief-schreibt (umfangreich)

http://www.cornelsen.de/bgd/97/83/06/06/19/90/0/9783060619900_x1SE_001_140.pdf (dort S. 40-43: Anleitung im Schulbuch)

https://www.az-online.de/leserbriefe/schreiben/ (Formular einer Zeitung)

Beispiele:

http://www.cannabislegal.de/medien/leserbrief.htm

https://deutschsprachige-literatur.blogspot.de/2011/05/textsorte-leserbrief.html

http://www.herrauburger.de/herrauburger.de/Klassenseiten/Eintrage/2012/11/11_Klasse_8a_Deutsch_(Michaeli)_files/MusterLeserbriefSchuluniform8a.pdf (einen so langen Brief druckt keine Zeitung ab)

http://www.schulaufwaerts.de/leserbrief.htm (zwei Beispiele, durch Reklame unterbrochen)

http://www.mittelschule-rosstal.de/schuljahr-200607-mainmenu-52/43-leserbriefe-zum-thema-alkoholverbot.html (drei Beispiele)

Zur Argumentation im Leserbrief bleibt festzuhalten
– der Unterschied zwischen These und Argument,
wobei ein Argument das ist, was man mit „denn…“ an die These anschließen kann. Die sogenannte These kann auch eine Forderung sein (Man soll Schülerordner in Bussen einsetzen…);
– der Unterschied zwischen Beispiel und Argument;
ein Beispiel ist ein einzelner Fall, den jemand eher zufällig erlebt hat (in Giesenkirchen auf dem Markt, vergangenen Mittwoch…); ein Argument ist ein allgemein gültiger Grundsatz (Wir sind für die Ordnung mitverantwortlich…), über dessen Anwendung man allerdings streiten kann. Die Frage ist oft, ob oder wie weit man Beispiele verallgemeinern darf (Was in Giesenkirchen passiert, kann in Köln und anderswo erst recht geschehen…);
– der Unterschied zwischen These, Forderung und Bewertung;
eine These ist eine erklärende Behauptung. Forderungen und Bewertungen sind keine Thesen, man sollte deshalb sie auch nicht so nennen, auch wenn man sie (so wie Thesen) begründen kann bzw. muss.

Diese Ausführungen grenzen sich gegen die Darstellung in Deutschbuch 7 von Cornelsen ab, die ziemlich schlecht ist. Sie ist auch zu starr – Leser sind viel beweglicher, als dass sie sich beim Schreiben auf die regelmäßige Abfolge von „These / Argumente / Zusammenfassung“ festlegen ließen. Es fehlt dort auch der Platz für Zorn, Spott, Ironie, die in Leserbriefen oft zu finden sind: Leserbriefe sind Briefe von Menschen, keine Muster logischer Argumentation. Ich halte es auch für verfrüht, in Kl. 7 Leserbriefe schreiben zu lassen; Erörterungen gehören ans Ende der Sek. I, erst recht, wenn man eine dialektische Erörterung einüben will.
Auch die in einem Kriterienkatalog vertretene Forderung, jedes Argument müsse nach dem Schema „These / Argument / Beispiel“ ausgestaltet werden, ist so nicht haltbar; wie kann man etwa Beispiele anführen, wenn man gegen eine unsinnige Neuerung eintritt [Schüler sorgen als Busbegleiter für Ordnung]?
Tipp für Verlage und Schulbuch-Autoren: Am besten studiert man richtige Leserbriefe, statt aus alten Schulbüchern abzuschreiben, wie man angeblich Leserbriefe zu schreiben hat.

P. S. Es gibt auch Zeitungen, die andere Leserbriefe als die SZ akzeptieren (z.B. die Antwort auf einen Leserbrief).

Zweites P. S.
Noch ein Beispiel für einen Leserbrief:

In der SZ vom 28. August 2009 berichtet Tanjev Schultz über eine Studie des DIW, „derzufolge fast jeder dritte Jugendliche eine Schulform besucht, die ihn unter- oder überfordert“. Konkret: Viele Arbeiterkinder besuchen nicht das Gymnasium, „obwohl ihre kognitiven Fähigkeiten auf Gymnasialniveau liegen“. [Gestern Abend in den Nachrichten: Am Gymnasium sind viele Akademikerkinder überfordert, an der Hauptschule viele Arbeiterkinder unterfordert.] Daraus wird dann die Forderung abgeleitet, die Schüler möglichst lange gemeinsam zu unterrichten, also das gegliederte Schulsystem zu verkleinern (oder abzuschaffen); damit sei beiden Fehlentwicklungen abgeholfen.
Zwei Fragen möchte ich, um der Ehrlichkeit und des pädagogischen Erfolgs einer Schulreform willen, stellen, zu denen die Studie nichts sagt:
 1. Wie viele Schüler sind am Gymnasium unterfordert, wie viele sind an der Hauptschule überfordert? Von denen wird nicht gesprochen, obwohl diese beiden Gruppen die Schere der Leistungsfähigkeit weiter öffnen könnten und damit gegen eine Einheitsschule sprächen.
 2. Es wird in der Studie (resp. im Bericht darüber) nur vom sozialen Status (Arbeiterkind vs. Akademikerkind) und von den kognitiven Fähigkeiten gesprochen, zwischen denen die für Arbeiterkinder ungünstige Diskrepanz besteht. Warum wird nicht bedacht, dass für den Schulerfolg auch die Leistungsmotivation, die Vorstellung von Lebenszielen und die Art der Lebensführung wichtig sind?
Zwischen Geburt (Arbeiterkind) und Schulstatus liegt die Erziehung durch die Eltern und andere, die auch Leistungsmotivation und Lebensführung prägt. Was nützen alle kognitiven Fähigkeiten, wenn die Sozialisation ausgesprochen schulunfreundlich verläuft?
Damit will ich nicht Reformbemühungen abwürgen oder das gegliederte Schulsystem retten – ich will nur sagen, dass zwischen Geburtsstatus und Schultyp viele Faktoren vermitteln und dass die bloße Einheitsschule nicht nur nicht alle Probleme lösen, sondern auch neue erzeugen wird. Meine Frau arbeitet in einer Gesamtschule und eine gute Freundin hat in Berlin-Wedding in einer Grundschule gearbeitet: Die soziale Wirklichkeit ist viel komplizierter, als in der genannten Studie mit den drei Faktoren „Elternstatus, kognitive Fähigkeiten, besuchter Schultyp“ bedacht wird.
Wollen wir wirklich alle Begabungen fördern, müssen wir auch prüfen, wie und was unterrichtet wird (und nicht nur: in welchem Schultyp); und wir müssen die Rechte vieler Eltern zugunsten staatlicher Programme einschränken – aber auch die werden nur von Leuten durchgeführt, die freitags spätestens um 14.00 Uhr Feierabend haben wollen. Gute Eltern sind halt schwer zu ersetzen – aber was sind gute Eltern, und wo kriegen wir sie her?

Norbert Tholen, Römerstr. 8, 41363 Jüchen

Das war mein Leserbrief an die SZ, geschrieben am 28. August 2009. Davon hat die SZ die letzten drei Absätze (ab „Zwischen Geburt …“) am 4. September gedruckt, zusammen mit drei anderen Briefen oder Briefauszügen; es ist also nur die Argumentation gedruckt worden, mit der ich die Verengung der Sicht auf die genannten drei Faktoren kritisiere; der Kontext fehlt – der Platz in der Zeitung ist knapp.

Ein weiteres Beispiel steht hier.

Noch ein Beispiel:

Betreff: Kommentar Prantls vom 16. März

In seinem Kommentar erhebt Prantl die schlimmsten Vorwürfe gegen die Verfassungsrichter in NRW. Seiner Logik kann ich jedoch nicht folgen: In der Verfassung ist vorgeschrieben, dass die Neuverschuldung nicht größer als die Summe der Investitionen sein darf. Wozu steht das denn in der Verfassung, wenn nicht um ein Maßstab der Haushaltspolitik zu sein? Es gibt bei einem Verstoß gegen diesen Maßstab als einzige Entschuldigung den Hinweis auf die Störung des wirtschaftlichen Gleichgewichts. Also ist doch zu prüfen, ob dieser Hinweis plausibel oder bloß ein taktische Ausflucht ist. Wer soll das nun aber prüfen, wenn nicht das Verfassungsgericht?
Mit seiner Verurteilung des Gerichtsurteils gibt Prantl den opportunistischen Sprüchen einer Regierung größeres Gewicht als dem Urteil des Verfassungsgerichts. Das ist deshalb traurig, weil hier offenbar der Parteigänger Prantl den Juristen wie auch den Bürger Prantl überwältigt hat. Wie opportunistisch Politiker Recht beugen, sieht man ja auch an Merkls sogenanntem Moratorium: Da wird vor wichtigen Landtagswahlen ein Gesetz per Verordnung außer Kraft gesetzt. Und in NRW wird das fröhliche Schuldenmachen der neuen Regierung mit dem Hinweis auf die Störung des wirtschaftlichen Gleichgewichts begründet (wobei es nach dem Urteil auf einmal möglich ist, geplante Ausgaben zu kürzen). Dass Rot-Grün das finanzielle Gleichgewicht des Landes stört, davon spricht Herr Prantl leider nicht.

Norbert Tholen, Jüchen (Die beiden roten Sätze wurden beim Abdruck des Leserbriefs gestrichen.)

Ein Beispiel für einen zustimmenden Leserbrief:

Bartens: Schlechtes Vorbild Arzt (SZ 12. April 2011)

Bartens gibt mit seinem Überblick über die Praxis der Ärzte, die lieber andere operieren (lassen) als sich selbst, uns allen als Patienten zu denken. Der Kern seiner Erklärungen dafür lautet: „In Medizinerfamilien ist bekannt, dass etliche Operationen riskant und nicht unbedingt nötig sind.“ Was Bartens dann als weitere Erklärung („zusätzlich“) hinterherschiebt, ist nur eine Umschreibung der zitierten Erklärung. Generell wird man sagen, wenn man den Ärzten nicht einfach Angst vor dem Messer unterstellen will: Die Ärzte schätzen den Nutzen von Operationen im Verhältnis zu den Risiken und Nebenwirkungen („Kosten“ im weiteren Sinn) nicht so günstig ein, wie sie uns Patienten einreden wollen. Ob auf die Frage, „wie der Mediziner für sich oder seine Angehörigen entscheiden würde“, immer eine ehrliche Antwort gegeben wird, darf man bezweifeln – obwohl ich selber so gelegentlich frage; etwas anderes bleibt einem Patienten in seiner Hilflosigkeit auch kaum übrig.
Das Thema ist so wichtig, dass ich mir wünschte, die SZ resp. Herr Bartens würden es in einem großen Essay intensiv und systematisch behandeln und öfter wieder aufgreifen. Vielen Dank für den Bericht!

Norbert Tholen, Jüchen

Weitere Beispiele für Leserbriefe: https://norberto68.wordpress.com/2012/08/01/leserbriefe-beispiele/

oder hier:

In der Samstagsausgabe zu Neujahr (2./3. Januar 2016, S. 5) hat Pater Eberhard von Gemmingen SJ einen Artikel unter dem Titel „Der Europäer aus Nazareth“ veröffentlicht, in dem er „mehr Jesus“ im normalen Schulunterricht einfordert. Dieser Artikel bezeugt das ungebrochene kirchliche Verlangen, mit fadenscheinigen Begründungen mehr Einfluss in der Schule zu gewinnen. Ich begründe meine Kritik:

  1. Gemmingen nennt Jesus einen „Europäer“, was dieser sicher nicht war und meint, die Zehn Gebote und (so nie gehaltene) Bergpredigt hätten „den größten Teil zu den Ideen hinter unserem Grundgesetz beigetragen“. Zur Begründung führt er „die Idee der Menschenwürde“ an. Aber damit macht er es sich sehr einfach: „Schon bezüglich der Herkunft des Würdebegriffs muss streng zwischen Kultur- und Geistesgeschichte einerseits, Politik- und Rechtsgeschichte andererseits unterschieden werden. Denn ein rechtspolitisches Bekenntnis zur Menschenwürde findet sich erstmals in den Erklärungen und Verfassungen des 20. Jahrhunderts, während der kulturphilosophische Begriff der Würde schon im Altertum belegt ist.“ (http://www.kas.de/upload/dokumente/verlagspublikationen/Menschenwuerde/Menschenwuerde_wetz.pdf, dort S. 27 f.) Der entscheidende Denker in der Antike war Cicero: „Bei Cicero zeigt sich der entscheidende Umbruch zum Begriff der Würde, die auf der menschlichen Natur beruht, d.h. in der ihm aufgrund seines Geistes zukommenden Sonderstellung.“ Ihre „Fundierung in der Wesensähnlichkeit zwischen Gott und Mensch“ bei Cicero findet sich dann „in der christlichen Vorstellung des Menschen als Imago Die“ wieder. (Franz-Peter Burkard, Art. „Würde“, in Metzler Philosophie Lexikon, 1996, hier S. 581 – die Geschichte des Begriffs im europäischen Denken zeigt noch viele nichtchristliche Schattierungen!). Dass „die Überzeugung, dass friedliche Muslime auch in Europa Allah anbeten dürfen“, auf entsprechenden christlichen Überzeugungen beruhe, ist ein unverschämter Anspruch des Peters Gemmingen: Die katholische Kirche steht in ihrer Geschichte für viele Zwangstaufen (gemäß dem von Augustinus entsprechend gedeuteten Bibelwort „compelle intrare“ (Mt 22,9); Friedrich II. von Preußen hat religiöse Toleranz durchgesetzt. Auch im Eherecht kann man studieren, wie sehr die katholische Kirche Nichtchristen als Menschen (mögliche Ehepartner von Katholiken) achtet. Religionsverschiedenheit als Ehehindernis (http://www.kirchenweb.at/hochzeit/ehelexikon/ehehindernis.htm) – Wie kommt Pater von Gemmingen dazu, die Tatsachen (auch andere: Voltaire, Kant und Hegel hätten ohne Jesus nicht viel zu denken gehabt, etc.) so zu verdrehen? Er hat 1982-2009 die deutschsprachige Redaktion von Radio Vatikan geleitet, d.h. er war noch unter Johannes Paul II. in der päpstlichen Propaganda tätig; das erklärt alles.
  2. Ein echter Trick ist auch sein Versuch, Jesus-Kunde über den normalen Religionsunterricht hinaus (für den die katholische Kirche 1933 massive Konzessionen für ein Konkordat mit dem Deutschen Reich gemacht hat) einzufordern: Man dürfe die Sache Europas nicht dem Religionsunterricht überlassen und sollte ruhig bei Hitler, Luther und Goethe ein wenig Zeit zugunsten Jesu einsparen. Ja, wenn die Religionslehrer sich nicht trauen oder es nicht schaffen, in ihrem Unterricht von Jesus zu sprechen (und lieber Euthanasie, Gehirntod oder die armen Kinder in Indien behandeln), dann ist ihnen nicht zu helfen. Mit dem gleichen Recht wie Pater Gemmingen fordern tausend andere Leute Unterrichtszeit für ihre Lieblingsideen ein; das konnte man am 21. Dezember 2015 sehr schön in der SZ lesen (https://norberto68.wordpress.com/2015/12/21/reformierter-stundenplan/).
  3. „Wissen deutsche Schüler, warum Paris von Montmartre überragt wird, woher San Francisco seinen Namen hat, warum Fußballer vor dem Spiel ein Kreuz schlagen?“ So fragt der Pater zur Begründung seiner Jesuskunde. Ich würde ihm antworten: Ob Schüler das wissen oder nicht wissen, ist für ihr Leben unerheblich, zumal man dem Fußballer nicht Glauben, sondern Aberglauben bescheinigen muss: Als ob Gott oder Jesus daran läge, welche Mannschaft im Fußball gewinnt – eine solche Annahme ist ein Beispiel für religiös gefärbte Egozentrik, nicht für Glauben, und dafür brauchen wir wirklich keine Jesuskunde in der Schule.
  4. Vielleicht lässt man Pater von Gemmingens Beitrag aber auch einfach auf sich beruhen; morgen kräht kein Hahn mehr danach, die besinnliche Seite zu Neujahr ist dann vergessen.