Leserbriefe – Beispiele

Ein Beispiel:

Im Osten geben die meisten Schüler auf (SZ 12.03.2012, S. 5)

Roland Preuß referiert die Zahlen des Institus für Schulentwicklungsforschung Dortmund; danach sei die Chance von Akademikerkindern auf ein Abiturzeugnis sechsmal höher als die von Arbeiterkindern.

Dazu habe ich drei Fragen: 1. Was besagt die Zahl „sechsmal höher“? Heißt das etwa, dass 90 % der Akademikerkinder Abitur machen, aber nur 15 % der Arbeiterkinder? Das könnte man nachprüfen, das halte ich für falsch. 2. Wie kommen diese Zahlen zustande? Vor ein paar Jahren hieß die entsprechende Zahl noch 4,5mal so hoch – hat sich da so viel verschlechtert oder werden die Zahlen erwürfelt? 3. Was ist überhaupt ein Akademikerkind? In meiner Bekanntschaft hat eine Abiturientin mit Berufsausbildung einen Facharbeiter geheiratet, die Kinder gehen selbstverständlich aufs Gymnasium – sind das nun Akademikerkinder oder nicht?

Mit den Horrorzahlen macht Prof. Bos vom IFS natürlich Politik; es wäre für die SZ angemessen, wenn Roland Preuß der Bedeutung und Qualität der Zahlen nachginge, statt sich als Multiplikator einfach in die politische Kampagne des Prof. Bos einspannen zu lassen.

Norbert Tholen

Noch ein Beispiel:

Betreff: „Wir sind das Volk.“

Entgegen der Auffassung von Viktoria Großmann (SZ 29. März, S. 10) hat der patentrechtlich geschützte Satz „Wir sind das Volk“ nicht zwei Subjekte, sondern nur eines, nämlich „Wir“. „das Volk“ steht zwar im Nominativ (Gleichsetzungsnominativ), ist aber nicht Subjekt, sondern Prädikativ. Die Verben „sein, werden, bleiben“ werden regelmäßig so konstruiert, sie kommen mit einem Subjekt aus.

Einen schönen Tag mit nicht allzu vielen Subjekten wünscht Ihnen

Norbert Tholen

(Dieser kurze Leserbrief wurde in der Kolumne „Sprachlabor“ am 5. Mai 2012 verwertet, also als berechtigt anerkannt.)

 Noch ein Beispiel:

Reportage vom 14. Juli 2012, S. 3

Die Ankündigung der Reportage auf S. 1 könnte aus der BILD stammen: „In der Arbeitsagentur Frankfurt wird eine Frau erschossen, wegen 10,26 Euro“. Das klingt nach Raubüberfall auf Oma und ist sachlich natürlich falsch: Der Frau wurde nicht wegen 10,26 Euro erschossen, sondern (vielleicht) weil sie mit einem Messer auf Polizisten eingestochen hat, vielleicht auch weil die Beamtin schlecht gezielt hat – wer kann da schon einen einzigen „Grund“ angeben?

Die ganze Reportage ist tendenziös: pro Opfer, contra Amt und Polizisten. Wenn Karin Steinberger zum Beispiel nicht nur Bekannte der Frau Schwundeck, sondern auch der verschiedenen Beamten befragt hätte, hätten diese garantiert bescheinigt, dass es sich bei den Beamten um freundliche und besonnene Menschen handelt. Der Bericht zeigt auch an mindestens zwei Stellen, dass Christy Schwundeck eine schwierige Frau war, nämlich in Sachen des ihr verweigerten eigenen Kindes und bei ihrem Auftritt im Amt. Das ist kein Grund, sie zu erschießen, aber die Situation auf dem Amt war offenbar derart angespannt, dass ich verstehen kann, dass geschossen wurde.

Ein genauerer Blick auf die Polizisten hätte der Reportage sicher gutgetan, zumal Karin Steinberger den Vorfall ja nicht miterlebt hat; da sollte sie sich bei beiden Seiten umschauen, nicht nur bei Bekannten und dem Freundeskreis der erschossenen Christy Schwundeck.

Name + Adresse

Noch ein Beispiel:

Interview mit Erzbischof Müller (SZ 21. Juli 2102, S. 2)

In der SZ ist am 21. Juli 2012 ein großes Interview mit Erzbischof Müller, dem neuen Präfekten der römischen Glaubenskongregation, erschienen (S. 2). Das Gespräch ist insofern lehrreich, als es einmal mehr zeigt, wie der oberste katholische Glaubenswächter scheinbare Treue zur biblischen Tradition und die Forderung nach Unterwerfung unter das römische Lehramt mühelos miteinander verbindet. Ich möchte das an zwei Äußerungen zum Stichwort Gehorsam/Ungehorsam aufzeigen.

Müller lehnt den „blinden“ Gehorsam gegenüber dem Lehramt ab: „Es ist wichtiger, Gott zu gehorchen als den Menschen.“ Damit zitiert er sinngemäß ein Wort des Petrus und der Apostel: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apg 5,29; vgl. 4,19) Mit diesem Wort rechtfertigt Petrus seinen Ungehorsam gegenüber dem Verbot des Hohen Rates, seinen Christusglauben zu verkünden.

Wie entschärft Erzbischof Müller nun das rebellische Wort des Petrus, zu dem er sich doch bekennt? Er macht das rhetorisch geschickt: „Wenn Pfarrer sagen, wir sind jetzt mal (!)  ungehorsam (!), dann fördern sie ein Kirchenbild, das davon ausgeht, dass Menschen sich selbst ihre Kirche schaffen, nach eigenem Geschmack und jeweiligem Zeitgeist.“ Müller dreht hier den „ungehorsamen“ Pfarren das Wort im Mund herum; die Pfarrer selbst würden sicher sagen, dass sie gehorsam sind – gehorsam gegenüber Gott (und ungehorsam allenfalls gegen ein selbstgerechtes Lehramt). Von diesem höheren „Gehorsam“ der Pfarrer spricht Müller nicht, nur vom „Ungehorsam“; zudem wertet er den „Ungehorsam“ durch das Adverbial „mal“ ab. Er fordert also doch blinden Gehorsam gegenüber den Glaubenswächtern, ohne über ihnen die Instanz „Gott“ anzuerkennen bzw. ohne den „ungehorsamen“ Priestern die Berufung auf Gott zuzugestehen.

Genauso zweideutig ist Müllers Satz: „Die Freiheit der Kinder Gottes ist die Vollendung des Glaubensgehorsams gegenüber Gott.“ Das Problem ist gerade, worin der „Glaubensgehorsam gegenüber Gott“ besteht – Müller erklärt im gleichen Zusammenhang, dass durch Verurteilung einer falschen Lehre (durch seine Kongregation!) sogar „die Freiheit Gottes in seiner Offenbarung“ gewahrt wird; so einfach ist das alles.

Soll man das nun Dialektik oder Rabulistik nennen? Müller hat nicht nur mit den beiden oben untersuchten Äußerungen gezeigt, wie er und seine Kollegen das freiheitliche Potenzial der Bibel entschärfen können, wie man es in eine Dekoration des blinden Gehorsams verwandeln kann. Dass die SZ ihm für diese Demonstration eine ganze Seite eingeräumt hat, dafür gebührt ihr unser Dank.

Name + Adresse

(Dieser Leserbrief ist am 8. August 2012 in der SZ veröffentlicht worden, wobei die jetzt durchgestrichenen Stellen ausgelassen wurden. Abgeschickt hatte ich den ganzen unmarkierten Text.)

Noch ein Beispiel:

Der mir unbekannte Schauspieler Christian Ulmen (http://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Ulmen) wird heute in der SZ (30. August 2012, S. 10) mit einer Bemerkung über Atheisten zitiert:

  1. Er finde es „fast dümmlich, nicht zu erkennen, dass der eigene Nichtglaube ja auch nur ein Glaube ist“;
  2. Atheisten schrammten mit ihrem Anspruch auf ultimative Wahrheit „haarscharf“ an der Haltung von Islamisten vorbei.

Dazu ist Folgendes zu sagen:

  1. Nicht an Gott zu glauben ist kein Glaube. Da wird von Herrn Ulmen nicht verstanden, dass von Atheisten der ganze Satz „Ich glaube an Gott“ oder „Ich glaube, dass es einen Gott gibt“ negiert wird; das aber ist kein Glaube, sondern eine meinetwegen philosophische These. – Mit der Logik Ulmens ließe sich aus dem Satz „Ich sehe da nichts“ auch die Existenz eines Nichts begründen.
  2. Den Anspruch ultimativer Wahrheit von christlicher Seite den Atheisten vorzuwerfen ist ein grandioses Kunststück; denn das Christentum ist von Anfang an mit dem Anspruch ultimativer Wahrheit aufgetreten: Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden.“ (Mk 16,16) Es steht Christen nicht gut an, anderen Menschen Fundamentalismus vorzuwerfen, auch wenn „Islamismus“ derzeit ein prächtiges Schimpfwort ist.

Im Übrigen frage ich mich, wieso Herr Ulmen mit solchen halbdurchdachten Äußerungen gegenüber der Bunten überhaupt in der SZ zitiert wird.

Name + Adresse

Noch ein Beispiel:

Sehr geehrter Herr Urban,

zu Ihrem Artikel „Der Außenseiter Vernunft“ (SZ 13. November 2009, S. 13) möchte ich einige kritische Anmerkungen machen – nicht um die Kirchen zu verteidigen, sondern um die Frontlinie klarer zu bestimmen:

1. Sie setzen bei dem Grundsatz an, dass man zwar die religiösen Gefühle nicht verletzen dürfe, wogegen man die Vernunft anscheinend ungestraft beleidigen dürfe. Das ist eine verkürzende Redeweise und insofern leicht missverständlich: Gefühle sind die Gefühle von Menschen; man darf die Menschen nicht verletzten. Vernunft ist die Vernunft von Menschen; man darf aber auch vernünftige Menschen nicht beleidigen – die Vernunft (allein) kann man nicht beleidigen.

Indem man Unsinn redet, beleidigt man vernünftige Menschen noch nicht; das ist ihnen nur ein Anlass zum Lächeln. Man beleidigt sie, wenn man ihre Lehrfreiheit beschränkt oder sie zwingen will (bzw. zwingt), Dinge zu lehren oder zu verkünden, die sie für falsch halten, oder indem man ihnen die Druckerlaubnis verweigert usw. Das wird dann spannend, wenn die bürgerliche Existenz vernünftiger Menschen an dieser Kontrolle (Zensur) des Lehrens und Verkündens hängt: Sind jene genötigt, um der Brötchen willen ihre Überzeugung zu verleugnen? Berühmtes Beispiel der Vergangenheit: Franz Overbeck, Mitte des 20. Jahrhunderts F.J. Schierse usw.

2. Was Sie zu Albert Schweitzer schreiben, ist sachlich fragwürdig: Albert Schweitzers große theologische Leistung war sein Buch über die Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, wo sich allerdings die „vernünftigen“ Theologen blamiert sehen sollten: Jeder hatte den Jesus konstruiert, der ihm passte. Dass Schweitzer sich an der Trinität gestoßen oder diese umgestoßen hätte, ist mir neu – wo finden Sie das? Dass er nicht Missionar werden durfte und deshalb Arzt wurde, ist eine Mär; in seiner Autobiografie steht das ganz anders (Aus meinem Leben und Denken, 1954, S. 71 f.): ein bewusster Entschluss des vom Glück verwöhnten jungen Mannes, ab 30 sein Leben dem einfachen Dienst an Unglücklichen zu weihen.

3. Das Problem liegt meines Erachtens tiefer, als Sie sehen: Das Problem liegt darin, dass Jesus die Ankunft der Gottesherrschaft verkündete, dass aber stattdessen die Kirche kam (so Alfred Loisy). Die frühen Christen haben noch ziemlich enthusiastisch in der Naherwartung gelebt (1 Thess 4,13 ff.); aber als der Herr partout nicht kommen wollte, musste man den ganzen Betrieb auf Amt, Kanon (Bibel), Kult, reine Lehre sowie (mehr oder weniger) strenge Moral – kurz: auf die Kirche umstellen, wie wir sie im Prinzip kennen. Die reine Lehre mitsamt der Moral wird konsequent von Amtsinhabern überwacht und an einem Kanon gemessen – deuten kann man dann vieles, aber die Deutung wird amtlich kontrolliert.

Das Grundproblem der Kirche ist dies, dass der Herr nicht kommt und dass sich der Enthusiasmus der Erwartung nicht organisieren (institutionalisieren) lässt, dass die Kirche jedoch notgedrungen Institution wird, um ihren Bestand zu sichern, und dabei inspirierte Außenseiter gelegentlich als Vorbilder preist, aber nicht wirklich brauchen kann (Ordensgründungen im 13. Jh.!). Das geht so weit, dass in Dostojewskijs großer Parabel (Die Brüder Karamasow) der Großinquisitor den Herrn, der wiederkommt, verhaften lässt, weil er den Betrieb der Kirche stört und weil die schwachen Menschen mit der Freiheit der Kinder Gottes nichts anfangen können. – So ist es und nicht anders: Die Freiheit der Kinder Gottes einschließlich der parrhesia stört den Betrieb; es ist weniger die Vernunft als die Freiheit der große Störfaktor. Die Gewissen müssen kontrolliert werden, dann kann man die Leute ruhig „denken“ lassen.

4. Ich halte es nicht für möglich, die Kirche(n) zu ändern; man muss seine Konsequenzen aus seiner Einsicht in die Kirche ziehen: Das ist das große Gebot der Vernunft. Danach kann einen nichts mehr neu beleidigen, wenn die alten Verletzungen vernarbt sind.

Mit freundlichen Grüßen,
Name + Adresse

Der Untertitel eines Aufsatzes in der SZ vom 6. Februar 2010 lautete: Das Land braucht nicht viele Abiturienten, sondern bessere. Sonst verliert das Gymnasium seine Bedeutung als höhere Lehranstalt. Dazu ein Leserbrief als Beispiel:


Sehr geehrter Herr Schloemann!

Als nunmehr pensionierter Lehrer am Gymnasium kann ich Ihrer Klage über den Verfall des Gymnasiums nur zustimmen. Ziel des Gymnasiums muss es sein, nicht vielen Schülern das Abiturzeugnis auszuhändigen, sondern viele Schüler studierfähig zu machen. Die Crux hierbei ist, dass bisher offenbar nur gefühlsmäßig bestimmt ist, was „studierfähig“ heißt, d.h. welche Fähigkeiten und Fertigkeiten jemand besitzen muss, um studierfähig zu sein.

Ihren Ausführungen möchte ich noch drei Aspekte hinzufügen:

  1. Um der Gleichheit willen werden in zentralen Abiturprüfungen (zumindest im Fach Deutsch) oft genug abseitige Aufgaben gestellt – die sinnvollen Aufgaben könnte ja schon ein Kollege bearbeitet haben, und dessen Schüler wären dann gegenüber den übrigen im Vorteil.
  2. Durch die didaktischen Moden (viel „Spielerei“ und „Kreativität“) kommen methodisch strenge Verfahren der Texterschließung zu kurz, zum Beispiel die Arbeit mit dem Wörterbuch. Es gibt kaum Anleitungen dazu, wie man mit dem Wörterbuch oder einer deutschen Grammatik arbeitet – und in den Schulen gibt es entsprechend keine Wörterbücher. Was im Abitur als „Wörterbuch“ zugelassen ist, ist der Rechtschreibduden oder ein ähnliches Buch, aber eben kein richtiges Wörterbuch.
  3. In den Schulbüchern für Deutsch geht es entsprechend zu, allüberall wird produziert und szenisch dargestellt … Aber der zentrale Begriff des sprachlichen Handelns fehlt weithin – in der neuesten Ausgabe des in NRW verbreiteten Cornelsen-Buchs „Texte, Themen und Strukturen“ für die Sekundarstufe kommt der Begriff einmal vor, aber er wird nicht als zentraler Begriff eingeführt und es wird eben insgesamt nicht damit gearbeitet. Dabei ist der Begriff seit über 50 Jahren in der Sprachwissenschaft geläufig, und er ist für ein strenges Verstehen auch unentbehrlich (er macht zum Beispiel den Rückgriff auf eine ohnehin nicht zu ermittelnde „Intention“ des Dichters überflüssig). Jedenfalls müsste er Schülern, die studierfähig sein sollen, geläufig sein.

Nach meiner Einsicht müsste vordringlich geklärt werden,

  1. mit welchen Fähigkeiten jemand studierfähig ist,
  2. auf welchen Wegen diese Fähigkeiten nachweisbar erworben werden können,
  3. was neue didaktische Methoden empirisch nachweisbar leisten.

Wer vierzig Jahre in der Schule gearbeitet hat, hat so viele Moden kommen und verschwinden sehen, dass er nur lächeln kann, wenn wieder einmal eine allein seligmachende Methode von gläubigen Theoretikern, die damit Karriere machen, gepredigt wird.

Mit freundlichen Grüßen,

Leserbrief zum Sarrazin-Streit: ein Beispiel

In dem langen Streit um Sarrazins laute Schelte hat Stephan Speicher in der SZ am 24./25. Oktober 2009 einen Artikel („Ungewaschene Helden“) geschrieben, in dem er sich kritisch über Sarrazin (und Peter Sloterdijk, der Sarrazin verteidigt hat), äußert. Dazu habe ich einen Leserbrief an die SZ geschrieben:

Sehr geehrter Herr Speicher,

in Ihrem Aufsatz haben Sie mächtig auf Sarrazin und Sloterdijk eingedroschen. Dass Sie den Umweg über Mill nehmen, nachdem Sie gleich die Einstellung „konservativ“ abqualifiziert haben, lasse ich jetzt einmal außen vor. Es geht mir um zwei Überlegungen oder Argumente am Ende des Aufsatzes.
Da wird auf eine Studie des Berlin-Instituts verwiesen, um darauf gestützt zu deklarieren: „Zu glauben, Sarrazin spreche aus, was sonst verheimlicht werde, ist einfach falsch.“ Was hier falsch ist, ist Ihre Logik: Sarrazin spricht laut aus, was sonst nicht laut im öffentlichen Raum gesagt wird, weil es sich „nicht schickt“. Sarrazin hat ja nicht beansprucht, eine neue Studie vorzulegen, sondern eine unangenehme Wahrheit laut zu melden; insofern geht Ihr Angriff hier ins Leere – es wäre zu prüfen, ob Sarrazin Recht hat, nicht mehr und nicht weniger.
Das gilt auch für den zweiten Punkt: Sie mokieren sich darüber, dass Sarrazin gesagt hat, manche Leute „produzieren“ Kinder. Nun ist das Schlimme, dass es so etwas wirklich gibt; vor rund 30 jahren hatte ich am Stadtrand von Mönchengladbach die Gelegenheit, in Randmilieus hineinzukommen. Da habe ich zwei Familien getroffen, wo die Eltern wirklich Kinder produzierten. Der eine Vater war fortwährend „krank“ und arbeitslos, was sollte er den ganzen Tag schon machen? Und das andere Elternpaar hatte schon für die damals „berühmten“ St. Pauli-Nachrichten posiert; die hatten auch Kinder produziert, wo es dann unter Geschwistern zu sexuellen Übergriffen kam … Das Schlimme ist nicht das Wort, auch wenn es unschön ist – das Schlimme ist die Tatsache, dass es so etwas gibt!
Wenn man hierzu etwas sagen will, müsste man prüfen, ob es solche prekären Verhältnisse gibt, wo Kinder produziert werden, und ob das in den von Sarrazin benannten Milieus der Fall ist. Aber sich über das bloße Wort zu erregen, ist Ausdruck jener heuchlerischen p.c., die einen inzwischen so anekelt, dass man zu Sarrazin sagt und denkt: „Na, endlich sagt mal einer, was Sache ist.“
Das alles gilt zum Beispiel auch für das, was Abvraham Burg über die israelische Politik gesagt hat (am gleichen Tag in der gleichen Zeitung): Weil er Jude ist, durfte er das sagen; hätte ich das Gleiche gesagt, schon wäre es „Antisemitismus“ und Verharmlosung des holocaust gewesen.
Der Zentralrat der Juden hat sich ja auch laut über Sarrazin beschwert – aber sie müssen nicht meinen, ein einziger aus dem Zentralrat schickte seine Kinder oder seine Enkel in eine Grundschule in den Wedding! Und genau das ist das Verlogene: Laut gegen Sarrazin schimpfen, aber in der Praxis so handeln, als ob er Recht hätte.

Mit freundlichen Grüßen, Norbert Tholen

Noch ein Beispiel:
Betreff: Artikel Lessenichs vom 10. März – Leserbrief

Stephan Lessenichs Artikel „Der Phantomschmerz des Wohlstandsbürgers“ (10. März 2017) hat mich beeindruckt. Es spricht vom „Gesellschaftsvertrag“ der deutschen Nachkriegsgesellschaft, dessen negative Seiten wir eigentlich alle längst kennen: Naturzerstörung, ungleiche Verteilung des Reichtums bei uns, Ausbeutung der Arbeiter in der Dritten Welt – von der wir alle profitieren, auch wenn wir das nicht immer wissen.

Dann kommt seine brisante politische Forderung: „Wer heute von der ‚Abstiegsgesellschaft’ und ihren Sorgen redet, sollte von den Voraussetzungen der Aufstiegsgesellschaft, in Deutschland wie im Rest der westlichen Nachkriegswelt, nicht schweigen.“ Aber, und das ist das Erschreckende, man sieht in den großen Parteien keinen Politiker, der von unserem Gesellschaftsvertrag und seinen Klauseln spricht; keinen, der ehrlich die Dinge beim Namen nennte und zum Beispiel programmatisch forderte, nicht länger subventionierte Nahrungsmittel aus der EU zu exportieren und faire Preise für Rohstoffe zu zahlen. Wer das täte, könnte die nächste Wahl vergessen.

Das bedrückt mich, es ist anscheinend unserem parlamentarischen System eingeschrieben: dass der Horizont exakt bis zur nächsten Wahl reicht. Wo finden wir einen Charismatiker wie Willy Brandt, der unseren Horizont weitet?

Norbert Tholen

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One thought on “Leserbriefe – Beispiele

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