Über das Duzen

In einem Schwank Heinrich Bebels aus dem Jahr 1506 steht als Kommentar des Erzählers: dann die Teutschen habens also im Brauch, daß sie nur entweders Freund und Bekannte oder schlecht und unachtbare Menschen duzen“. Als Alternative gab es damals nicht das Siezen, sondern das Ihrzen („Ihr“ als höfliche Anrede).

Heinrich Bebels Schwänke. Zum ersten Male in vollständiger Übertragung herausgegeben von Albert Wesselski. Erster Band. München und Leipzig 1907, S. 7

Gedichte für Klasse 5

Ich möchte einige Gedichte nennen, die sich jahrelang in meinem Unterricht bewährt haben – vielleicht auch als Anregung für eine Vertretungsstunde:

James Krüss: Der Zauberer Korinthe

https://www2.klett.de/sixcms/media.php/229/OA_313811_S167_qd36fk_Gedichtvortrag.pdf

https://text-unlimited.de/wordpress/kaffee-tinte/ (kleine Fehler im Text)

Peter Hacks: Trip, trip, trop

(leider nicht im Netz greifbar)

James Krüss: Höpftbönnöff (aus: Mein Urgroßvater und ich, 1960)

https://books.google.de/books?id=cKqkBwAAQBAJ&pg=PT52&lpg=PT52&dq=%22eine+zeitung+f%C3%BCr+die+Bienen%22&source=bl&ots=pzpJGy6doa&sig=ACfU3U1yk6QoGHjC0fCa2r6N7OMpoA84JQ&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwizy6vugKzoAhVllFwKHQ33AacQ6AEwAHoECAcQAQ#v=onepage&q=%22eine%20zeitung%20f%C3%BCr%20die%20Bienen%22&f=false

Erich Kästner: Die Sache mit den Klößen

https://www.waldorf-ideen-pool.de/Schule/uebergreifend/rhythmischer-teil/gedichte/unterstufengedichte/verschiedene-gedichte-1/die-sache-mit-den-kloessen

Karl Krolow: Schlaflied im Sommer

Nun träumen im Kleefeld die Hasen…

(leider nicht im Netz greifbar)

Wilhelm Busch: Die Freunde

http://www.wilhelm-busch-seiten.de/gedichte/letzt58.html

(Dieses Gedicht diente bei mir oft dazu, ein paar Wochen später Fritz aus den Ferien einen Brief an Ferdinand schreiben zu lassen, in dem er seinem Freund erneut die Freundschaft anbietet.)

James Krüss: Das Feuer

Hörst du, wie die Flammen flüstern…

(leider nicht im Netz direkt greifbar)

Zu Krüss eine Klassenarbeit aus Kl. 5 des Gymnasiums:

Die Gestaltung eines Gedichtes verstehen und elementar beschreiben – eine Schulstunde

Aufgabenstellung:

1. Beschreibe den Aufbau des Gedichtes; beachte dabei, was der Sprecher tut.

2. Das Taktschema der 1. Strophe:

a) Zeichne das Taktschema der 1. Strophe.

b) Wie heißt dieser Takt?

c) Wo sind aufgrund des Taktschemas kleine Pausen beim Sprechen zu machen?

3. Das Taktschema der letzten Strophe:

a) Zeichne das Taktschema der letzten Strophe.

b) Was fällt dir auf, wenn du es mit dem Taktschema der 1. Strophe vergleichst? Wie erklärst du dir den Unterschied?

4. Reime:

a) Wie nennt man die Art des Reimens in den ersten fünf Strophen?

b) Erkläre dort an drei Reimpaaren, welche Beziehung durch den Reim zwischen den Versen gestiftet wird.

5. Zusatzaufgabe (ich weiß nicht, ob ihr dafür noch Zeit habt):

Ganz oft tauchen in diesem Gedicht Stabreime auf.

a) Nenne drei Beispiele dafür.

b) Kannst du beschreiben, wie das stabreimende Sprechen sich anhört (wie es also auf dich wirkt)?

Erläuterungen zu den Versen

4 brodeln: Kochendes Wasser brodelt (wirft Blasen auf).

4 brutzeln: Fleisch brutzelt in einer heißen Pfanne.

6 blecken: sehen lassen (mit „blicken“ verwandt)

9 rauchen: Rauch erzeugen

10 schmauchen: qualmen

Die Adjektive in V. 10 musst du von ihren Ursprungswörtern verstehen.

24 züngeln: (die Bewegung der Zunge machen) auf Flammen u.Ä. übertragen.

Beantworte die Fragen in ganzen Sätzen und nicht so, als ob du mit mir sprächest!

Viel Erfolg (und ein bisschen Freude am Gedicht)!

Gutes Deutsch schreiben – Regeln und Tipps

Ich schreibe hier nicht über die Frage, wie man Rechtschreib- und Grammatikfehler vermeidet – das setze ich jetzt als bekannt voraus. Es geht vielmehr darum, wie man flüssiges, gutes Deutsch schreibt. Ich beziehe mich direkt auf meinen Aufsatz „Typische Fehler im deutschen Aufsatz“ (https://norberto68.wordpress.com/2012/10/27/typische-fehler-im-deutschen-aufsatz/), wo die Fehler an Beispielen erklärt werden: Wenn man Fehler vermeidet, macht man es richtig.

1. Vor dem Schreiben

Mache dir klar, über welche Frage du schreibst.

Bedenke und notiere, welche Aspekte der Frage bzw. welche Teilfragen du behandeln musst.

Lege die Reihenfolge dieser Aspekte fest, ehe du zu schreiben beginnst.

(Vergleiche dazu https://norberto68.wordpress.com/2013/11/07/unterrichtsreihe-ordnen-gliedern-gliederung-anfertigen/ und https://norberto68.wordpress.com/2011/02/13/gliederung-von-der-stoffsammlung-zum-aufsatz-beispiele/)

2. Beim Schreiben

a) Insgesamt:

Benenne zu Beginn die Frage, um die es geht.

Mache deutlich, welchen Aspekt du gerade behandelst.

Beginne für jeden neuen Aspekt einen neuen Absatz.

Zeige durch Querverweise, worüber du schon gesprochen hast oder später schreiben willst.

b) Auf der Ebene der Sätze:

Achte auf das der Textsorte angemessene Tempus (erklären: Präsens; berichten: Präteritum).

Fülle die Satzbaupläne aus; spare also keine notwendigen Angaben und Ergänzungen ein. (Siehe meinen Aufsatz zur Satzlehre https://norberto68.wordpress.com/2011/02/14/satzlehre-der-deutsche-satz/ und https://norberto68.wordpress.com/2011/02/14/innere-gliederung-des-deutschen-satzes-die-satzklammer/)

Vergiss nicht die zum Verständnis erforderlichen Attribute.

Löse komplexe Nominalphrasen in Nebensätze auf.

Achte auf eindeutigen Bezug der Pronomina.

Achte auf die richtige Wortstellung innerhalb des Satzes.

3. Nach dem Schreiben

Prüfe, ob du alles gesagt hast, was du sagen wolltest.

Überlege, ob du die richtige Reihenfolge der Aspekte gewählt hast.

Prüfe, ob ein anderer auf Anhieb verstehen kann, was du meinst.

Das alles prüft man leichter, wenn man seinen Text am nächsten oder übernächsten Tag noch einmal kritisch liest; unmittelbar nach dem Schreiben hat man nämlich noch nicht genügend Abstand vom eigenen Text.

Deutscher Wortschatz – systematisch geordnet

Wir kennen alle die normalen Wörterbücher, wo die Wörter in alphabetischer Ordnung aufgeführt sind. Es gibt aber auch Wörterbücher, wo die Wörter nach Sachgebieten systematisch geordnet sind. Klassisch ist für die deutsche Sprache der Dornseiff (Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen) oder Wehrle-Eggers: Deutscher Wortschatz. Ein Wegweiser zum treffenden Ausdruck (Klett).

Vorgänger dieser Bücher ist der bei archive.org greifbare Sanders: Deutscher Sprachschatz geordnet nach Begriffen zur leichten Auffindung und Auswahl des passenden Ausdrucks, 1873, aber immer noch hilfreich:

https://archive.org/details/deutschersprachs01sanduoft/page/n7/mode/2up Bd. 1

https://archive.org/details/deutschersprachs02sanduoft/page/n7/mode/2up Bd. 2

Ferner: Schlessing https://archive.org/stream/deutscherwortsc00unkngoog#page/n7/mode/2up 

Ich habe die Links in die Kategorie „Wörterbücher“ übernommen. Auch der Dornseiff ist im Internet greifbar (und ebenfalls verlinkt): https://archive.org/details/DORNSEIFFDerDeutscheWortschatzNachSachgruppen/page/n175/mode/2up Die Übersicht über die Sachgruppen steht auf S. 168.

Semantik und Konstruktion von „warnen“

In der „Morgenlage“ des Tagesspiegels steht heute (4.3.2020): „Zuvor hatte der Geschäftsführer der Unionsfraktion, Michael Grosse-Brömer, davor gewarnt, keine falschen Hoffnungen zu wecken.“ Gemeint ist, dass Herr Grosse-Brömer davor warnte, falsche Hoffnungen zu wecken (er sagte also, man solle sie nicht wecken).

Im Verb „warnen“ ist die Negation („nicht tun“!) impliziert, wie im „empfehlen“ die Negation fehlt („tun“!); dabei hat schon Gustav Wustmann vor über 100 Jahren auf diesen Fehler hingewiesen. Auch im Rundfunk hört man den gleichen Fehler oft – vom Fehlen des Konjunktivs, dem falschen Gebrauch von „weil“ oder dem falschen Gebrauch des Partizips Präsens („schuld sei das fehlende Vertrauen“ – nein, schuld sei das Fehlen des Vertrauens; das fehlende Vertrauen gibt es nicht, deshalb kann es auch nicht schuld sein) gar nicht zu sprechen!

Leserbrief verfassen (Beispiel)

Zu Jakob Biazza: Erregt euch (SZ vom 28. Februar 2020, S. 3)

Was Herr Biazza hier über Dieter Nuhr äußert, bedarf einer Korrektur. Abgesehen davon, dass er den ganzen Artikel über Nuhrs Leistung unbegründet relativiert („eigentlich kein hohler Provokateur, ein über weite Strecken guter Kabarettist“), unterstellt er ihm zum Schluss eine Änderung seiner Haltung, die auf Unverständnis der zitierten Nuhr’schen Sätze beruht. Die Sätze lauten: „Jeder darf alles sagen – es gibt nur kein Grundrecht darauf, dass einem niemand widerspricht.“ Satz 2 lautet: „Jeder darf alles sagen – er muss nur damit rechnen, ausgegrenzt, verachtet, beschimpft, bedroht und in aller Öffentlichkeit als Idiot hingestellt zu werden. Und da sparen sich eben viele lieber ihre Widerworte.“
Bialla konstruiert aus diesen beiden Sätzen die These, Nuhr habe seine Meinung geändert, und kommentiert süffisant: „Wie leicht sich die Dinge doch in ihr Gegenteil verwandeln lassen.“ Nuhr sei also eigentlich doch ein hohler Schwätzer. Diese Auffassung verkennt, über wen bzw. in welche Richtung die beiden Sätze gesagt worden sind: Satz 1 ist auf die Links-Grünen (LG) gemünzt, denen ein bestimmtes Recht abgesprochen wird; sie müssen Widerspruch hinnehmen. Satz 2 bezieht sich auf Leute, die den LG widersprechen möchten und deshalb als Reaktionäre verspottet werden; von denen sparen sich dann viele ihre Widerworte wegen der üblen Folgen. In Satz 2 wird also ein Zustand beschrieben. Den Unterschied zwischen diesen beiden sprachlichen Akten und den beiden gemeinten Gruppen erkennt Jakob Bialla nicht, was peinlich für jemand ist, der die Reportage auf S. 3 schreiben darf; deshalb ist die Überschrift „Erregt euch“ auch verfehlt – Nuhrs Credo lautet im Gegenteil „Beruhigt euch!“, und das ist an die LG und den von ihnen beherrschten Mainstream gerichtet.
Noch eine Differenzierung zum Schluss: Dieter Nuhr hat Zugang zum Mikrofon bei der ARD, er erspart sich nicht seine Widerworte; ich allerdings habe gezögert, diesen Leserbrief zu schreiben, weil meine Argumente Herrn Biazza vermutlich nicht erreichen, sondern mit einer spöttischen Bemerkung im Papierkorb landen.
Freundlichen Gruß,
P.S. Auf diesen Brief hat Herr Biazza übrigens geantwortet.

Gewalt gegen sich: Selbstmord

In einer Projektwoche unter dem Stichwort „Gewalt“ stand 1994 am Franz-Meyers-Gymnasium Mönchengladbach das Thema „Gewalt gegen sich selbst: Selbstmord“ neben 24 weiteren Themen zur Auswahl. Zu diesem Thema mussten wegen des großen Interesses vier Arbeitsgruppen gebildet werden (genau wie zum Thema „Sport und Gewalt“); eine davon habe ich geleitet.

Zu Beginn sollten die Schüler über einen Fragebogen ihr Interesse am Thema klären. Dabei kam heraus,

  • dass sie sich i. W. für die Problematik von Jugendlichen interessierten,

  • dass sie das Thema medizinisch-psychologisch statt literarisch behandeln wollten,

  • dass sie wissen wollten, ob es ein Recht auf Selbstmord gibt,

  • dass sie sich schon einmal mit dem Thema auseinandergesetzt hatten,

  • dass sie Leute kannten, die den Gedanken an Suizid erwogen hatten,

  • dass sie kein Material zum Thema besaßen,

  • dass sie Beratungsstellen für Suizidgefährdete kennenlernen wollten;

  • das Interesse für Gründe des Suizids und für den Umgang mit Suizidgefährdeten war halbe-halbe geteilt.

Von dem von mir vorbereiteten Material wurden eingesetzt:

Wedler, Hans-L.: Gerettet? Begegnungen mit Menschen nach Selbstmordversuchen, 1979, S. 61-65 (Bericht der Lisa E.)

Jacobs, Jerry: Selbstmord bei Jugendlichen. Erklärung, Verhinderung, Hilfe, 1974, S. 51-53 (Fallstudie einer jugendlichen Suizidentin)

Stengel, Erwin: Selbstmord und Selbstmordversuch, 1969, S. 65-67 (Auswertung des fiktiven Berichts eines Außerirdischen, der Selbstmorde von Menschen beobachtet)

Popitz, Heinrich: Drohen und Bedrohtsein, in: Phänomene der Macht, 2. Aufl. 1992, S. 80-85 (zur Drohung mit dem Selbstmord)

Stengel, Erwin: a.a.O., S. 118-122 (Zweifel an den Erklärungen und Gründen des Selbstmords, Plädoyer für die lebenserhaltenden Kräfte)

Außer mir war noch eine Schülermutter in der Gruppenleitung aktiv, die als Sozialpsychologin fachlich kompetent war.

Das Fazit des von Stengel einführten Außerirdischen lautet: „Es sieht so aus, als ob ihr eigentümliches Verhalten nicht aus einer einzigen Tendenz allein hergeleitet werden kann, sondern wahrscheinlich auf eine Kombination von mindestens zwei Tendenzen zurückzuführen ist, nämlich auf den Drang zur Selbstverletzung, möglicherweise zur Selbstvernichtung und auf das Verlangen, andere Menschen zur Äußerung von Sorge und Liebe und zu einem entsprechend fürsorglichen Handeln zu bewegen.“

Mir war das Thema durch Jean Amérys eindrucksvolles Buch „Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod“ (1976) und durch einen Suizidversuch in der Verwandtschaft bekannt. Einer meiner Schüler, der Bruder einer Schülerin der Arbeitsgruppe, hat sich später das Leben genommen – ein künstlerisch begabter Schüler (B. K.), von dem ich zwei Bilder besitze. Auch sei einer Schülerin (S.) und eines Schülers (M.) des ehemaligen NGM gedacht, die Anfang der 80er Jahre kurz nach dem Abitur aus dem Leben geschieden sind – ein Schock, weil es kurz hintereinander zwei aus dem gleichen Jahrgang waren. Ihnen und Jean Améry sei dieser Rückblick gewidmet.

Krisen im Leben (O. F. Bollnow)

Otto F. Bollnow (Existenzphilosophie und Pädagogik. Versuch über unstetige Formen der Erziehung, 1962, S. 24 ff.) untersucht „Die Krise“: In der leiblichen und seelischen Entwicklung eines Menschen gebe es unstetige Vorgänge, die als wirkliche Brüche sich ruckartig vollziehen, etwa die Pubertät, aber auch andere Formen. Man habe sie lange nur als Störung betrachtet, aber man könne auch fragen, „ob die Krise etwas ist, was wesensmäßig zum menschlichen Leben gehört und in diesem Sinn auch in die Erziehung mit einbezogen werden muß“.

Bei der Krise handele es sich „stets um eine Störung des normalen Lebensablaufs“, die plötzlich auftrete und ungewöhnlich intensiv verlaufe so, „daß der Fortbestand des Lebens in ihr überhaupt gefährdet erscheint und sich im Durchgang durch die Krise schließlich ein neuer Gleichgewichtszustand einstellt“. Die Krise bedeute also eine Entscheidung (Wahl zwischen zwei Möglichkeiten), bedeute aber auch eine Reinigung.

Für die Krise in der Krankheit – hier beruft er sich auf Plügge – gelte:

  • Der Anfall tritt blitzartig auf, begleitet von einem Vernichtungsgefühl;

  • dabei/danach erlebe der Patient eine Wandlung oder Befreiung;

  • der Betroffene vermag nicht zu sagen, wie lange sie gedauert hat.

Plügge habe die Krise so gedeutet:

  • Der stetige Lebensverlauf wird unterbrochen;

  • dadurch werden zwei Zustände der Lebensordnung voneinander getrennt;

  • die Unterbrechung sei durch den Einbruch eines ganz Andersartigen charakterisiert, sozusagen durch eine dritte Ordnung.

Für die sittliche Krise gelte, dass man sich durch eigene Willensanspannung zum befreienden Entschluss aufraffen muss. Dieser Entschluss werde „erst durch den Widerstand der Lage, durch die Unmöglichkeit, in der bisherigen Weise weiterzukommen, und die daraus entspringende Verzweiflung“ herbeigeführt. Die Entscheidung bedeute einen wirklichen Bruch im Lebensverlauf; nur im Durchgang durch die Krise könne der Mensch zu einem neuen Leben gelangen. Das sei wie eine Wiedergeburt, wie bereits Kant in seiner Anthropologie wusste.

Weil die Krise oft mit Verzweiflung und Todesangst verbunden sei, könne man Verbindungen zur Existenzphilosophie erkennen [das ist heute obsolet, N.T.]. Jedenfalls sei festzuhalten, „daß eine letzte Reife und Entschiedenheit grundsätzlich nur im Durchgang durch die Krise erreichbar ist“. Bollnow vermutet, dass die Krise zum Wesen des menschlichen Lebens gehört. Für den Erzieher gelte jedoch, dass er die Krise nicht willkürlich heraufbeschwören soll. „Jede Krise bleibt Schicksal.“

Diese Arbeit Bollnows klingt teilweise – in der Nähe zur Existenzphilosophie – etwas pathetisch. Nüchterner sind seine Ausführungen in „Philosophie der Erkenntnis“, 2. Aufl. 1981, Kapitel „Die Meinung“ (S. 83 ff.); dort führt er aus, wie man nur durch eine Krise vom allgemeinen Gerede weg zu einer eigenen Meinung kommen kann. Ich kannte zuerst diese spätere Arbeit; ihr verdanke ich die Einsicht, dass Krisen etwas Normales sind und man nicht wünschen muss, das eigene Leben solle glatt verlaufen, ohne dass es durch Hindernisse gestört würde.Vgl. auch

http://www.krise-als-entwicklungschance.de/seite-2.html

https://www.palverlag.de/Lebenskrisen.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Friedrich_Bollnow

Die Geschichte meiner Bücher

Diese Geschichte ist ein Teil der Geschichte meines Lebens. Ich habe sie im August 2008 aufgezeichnet.

Sie beginnt mit einem nicht geschriebenen Buch. Wenn ich mich recht erinnere, kannte ich Walter Dirks seit 1966 (oder bereits seit 1961 – ich habe ihn anlässlich seines eigenen Kommentars aus Anlass seines Geburtstages kennengelernt: „Irrtümer eines Kritikers“); jedenfalls habe ich ab 1970 bei den „Frankfurter Heften“ mitgearbeitet. Mit ihm habe ich ein Projekt ca. 1970/71 besprochen, dass ich in der Reihe „Theologia publica“ des Walter-Verlags eine Auswahl aus meinen Predigten veröffentlichen könnte (aus meiner Zeit als Kaplan in Eschweiler, ab 1968, eventuell auch noch aus der Aachener Zeit 1967/68?). Es gab in dieser Reihe auch Predigten eines Theologieprofessors, und meine Predigten waren nicht schlechter. Walter Dirks machte mir Mut – ich sollte mich an Ingo Hermann wenden, der die Reihe „Theologia publica“ bei Walter betreute, und mich auch auf Walter Dirks als Befürworter berufen. Ingo Hermann antwortete mir auch freundlich, er wäre froh, wenn er sonntags solche Predigten zu hören bekäme, aber sie seien für die Reihe nicht geeignet – dabei waren sie genau so „öffentliche Theologie“ wie die des evangelischen Professors; aber ich war halt kein Professor. Die Ablehnung durch Ingo Hermann hat mich sehr enttäuscht.
Das erste Buch ergab sich aus einer ganz anderen Situation, nämlich aus meiner Tätigkeit als Lehrer. 1972 war ich hauptamtlich an die Schule gegangen, ans Neusprachliche Gymnasium Mönchengladbach; 1975/76 war ich am Stiftisch-Humanistischen Gymnasium MG Referedar (Kath. Religionslehre, Philosophie). Meine Zweite Staatsarbeit habe ich in Philosophie geschrieben, um dem autoritären Fachleiter Dr. Schütt auszuweichen – wenn auch Schwertfeger als Fachleiter zwar lasch, aber auch nicht besser als Dr. Schütt war. Jedenfalls habe ich auf der Basis meiner Unterrichtserfahrung Arbeitshefte für den Einführungskurs Philosophie in 11.1 untersucht; die auf dem Markt käuflichen Hefte taugten allesamt nicht viel, meinte ich feststellen zu können. Eines dieser Hefte war von Ekkehard Martens (damals Assistent oder Privatdozent in Münster) bei Schroedel herausgegeben worden; über meine Arbeit am Thema hatte ich Kontakt zu Martens aufgenommen, und so schlug Martens mir 1977 (?) vor, ein Arbeitsheft über die Religionsphilosophie zu machen. Ich musste nur einen evangelischen Mitautor suchen, damit das Heft nicht gar zu katholisch würde.
So bin ich dann an den Leiter der Prüfungskommission, vor der ich 1976 die Zweite Staatsprüfung abgelegt und deren Leiter ich als einen ausgesprochen fairen Prüfer kennengelernt hatte, mit der Bitte herangetreten, er möge mit mir zusammen das Arbeitsheft machen. Der hatte jedoch als Schulleiter nicht genügend Zeit und verwies mich auf eine tüchtige Fachleiterin, Frau Seelbach. Diese war auch zur Zusammenarbeit bereit; wir haben in Bonn unsere Vorstellungen von Religionsphilosophie verglichen, da war volle Übereinstimmung. Aber bald darauf sagte Frau Seelbach aus privaten Gründen ab und empfahl mir ihre Meisterschülerin, Frau Brunkhorst-Hasenclever. Die war bereits nach zwei Jahren im Dienst [also zu früh] Fachleiterin geworden; mit ihr und Martens zusammen habe ich dann das Arbeitsheft „Wohin mit der Religion?“ (1978, Schroedel) gemacht. Das Heft trägt weithin meine Handschrift; am 21. Oktober 1978 hatte ich es in den Händen.
Gleichzeitig arbeitete Ekkehard Martens an einem Arbeitsheft „Was heißt Glück?“; zu diesem Heft habe ich einige Texte beigesteuert (Ch. Bühler, F. Fürstenberg, H. Jäckel, N. Hinske), und auch an der Organisation des gesamten Stoffes habe ich mitgearbeitet. Das Heft erschien ebenfalls 1978, ohne dass Martens meine Mitarbeit auch nur mit einem Dankeswort in den Vorbemerkungen erwähnt hätte – das sei bei Schroedel nicht üblich, teilte er mir auf meine verwunderte Nachfrage mit. Damit war für mich keine Zusammenarbeit mit Martens mehr möglich, und wenn der mit ihm befreundete E. Nordhofen ihn auch anlässlich eines Geburtstages als bescheidenen und fleißigen Gelehrten gewürdigt hat – ich kenne eine andere Seite des Professors für Philosophiedidaktik in Hamburg.
Eine neue Chance ergab sich daraus, dass ich am NGM Leonhard Horster als Kollegen hatte, mit dem ich mich gut verstand. Leonhard kannte die oder einen der Herausgeber von „Kurs: Philosophie“, einer Reihe im Bagel-Verlag. Auf deren Anfrage bei ihm haben wir beide gemeinsam „Wahrnehmung – Erkenntnis – Wahrheit“ gemacht (1983). Dies war das erste Buch unserer guten Zusammenarbeit, die auf gegenseitigem Respekt und auf Gleichheit beruhte, auch wenn Leonhard von Philosophiegeschichte mehr als ich verstand. – Bei diesem Buch haben wir auch erlebt, dass der Assistent Sir Karl Poppers einen Aufstand machte, weil wir Poppers Text kürzen mussten: Das sei eine Unverschämtheit, Poppers Gedanken könne man nicht kürzen, dreißig Seiten wären deutschen Gymnasiasten wohl zuzumuten, wir wären wohl nur auf schnödes Geldverdienen aus…
Das nächste gemeinsame Buch war dann „Glück und Utopie“, das 1988 bei Diesterweg erschien. Wir hatten uns überlegt, dass diese Zusammenstellung von Glück und Utopie sachlich berechtigt wäre, und haben uns nach einem Verlag umgeschaut; nachdem wir zum Herausgeber der Reihe, Bruno H. Reifenrath, nach Much in Bergische Land gefahren waren und ihm unsere Vorstellungen erläutert hatten, ging das Projekt zügig voran. Leonhard war für die Utopie zuständig, ich für das Glück; jeder von uns hat fünf Kapitel als Hauptautor bearbeitet. Da ich mit Martens schon über das Glück nachgedacht und auch im eigenen Philo-Unterricht das mir vormals verdächtige Thema mehrfach behandelt hatte, war ich für „das Glück“ hinreichend vorbereitet. Hinzu kam, dass ich 1982 meine spätere Frau kennengelernt und das Priesteramt aufgegeben hatte; aber nicht nur in dem Zusammenhang hatte ich öfter über das Glück nachgedacht.
Noch ein Buch habe ich mit Leonhard Horster gemacht: „Bilder vom Menschen“, 1991 bei J. B. Metzler erschienen. Die Idee zu diesem Buch hatten wir vermutlich beide, ich habe den Kontakt zu Metzler hergestellt – es wurde erwogen, was man bei Metzler in einer Reihe zum Philosophieunterricht alles veröffentlichen könnte. Jedenfalls haben wir das Manuskript nach Metzler geschickt und dann lange nichts mehr vom Verlag gehört; die Bilder im Buch hat übrigens Leonhard ausgesucht, er war und ist firm darin, was Kunstgeschichte und Bilder betrifft. Nach langer Zeit stellte sich dann heraus, dass unser Manuskript beim Verlag irgendwie „verschwunden“ war; so haben wir unsere Materialien neu kopiert und nach Stuttgart geschickt, und mit einem Jahr Verspätung ist das Buch dann im Dezember 1991 erschienen. Dieses Buch war von der Aufmachung her das schönste, was wir gemacht haben; es war aber auch das, wofür wir am wenigsten gearbeitet haben – wir haben einfach aus dem Bestand geschöpft, aus dem, was wir kannten. Ich habe das 1., 5. und 6. Kapitel bearbeitet, Leonhard die anderen drei. Bernhard Andelfinger meinte einmal, man merke dem Buch an, dass es „nur“ aus den Beständen gemacht worden sei – ich weiß nicht, ob er recht hat.
Jedenfalls war es das letzte Buch, das ich „aus dem Wissen heraus“ gemacht habe; die folgenden habe ich „aus dem Fragen heraus“ erarbeitet: Themen, bei denen ich das Gefühl hatte, ich müsste mich darin einarbeiten, weil ich aufgrund meiner Lebens- und Studiengeschichte nicht kompetent genug sei. Dies galt besonders für die Fragen des Zusammenlebens und -arbeitens, in denen die Lektüre von Peter L. Bergers „Einladung zur Soziologie“ 1970 für mich eine Offenbarung bedeutet hatte. Die Arbeit an dieser Thematik habe ich in den 80er Jahren noch einmal aufgenommen, gerade auch für ein neues Arbeitsheft, das ich dann allein gemacht habe: „Ich und die anderen“, 1990 bei Diesterweg. Den Kontakt zu Reifenrath und zum Verlag Diesterweg, wo Herr Thiel ein ausgesprochen freundlicher und kompetenter Gesprächspartner war, hatte ohnehin ich gepflegt. Nur beim Titel machte Reifenrath Einwände: „Ich und die anderen“, das klänge ja beinahe nach Max Stirner, als ob alle anderen neben mir bedeutungslos wären… Ich habe dann diese Formel „Ich und die anderen“ in durchaus verschiedenen Zusammenhängen ganz unverfänglich gebraucht gefunden (einmal sogar in der Theatertheorie); schließlich hat Reifenrath seinen Widerstand gegen den Titel aufgegeben. Sozialphilosophie würde ich das nennen, was ich in diesem Buch vorgelegt habe; die Arbeit daran muss parallel zu „Bilder vom Menschen“ gelaufen sein. Leonhard zog es dann aufgrund seiner Arbeit stärker in die Theorie des Unterrichts und der Schulgestaltung, unsere Zusammenarbeit war mit „Bilder vom Menschen“ beendet.
In der Reihe PHILOSOPHIA PROPAEDEUTICA habe ich dann noch „Gewalt – Recht – Freiheit“ 1994 veröffentlicht, ein Buch, das man unter „Politische Philosophie“ einordnen könnte. Günter Dux hat eigens für dieses Buch seinen Aufsatz „Recht, Macht und Herrschaft“ als Kurzfassung seiner Rechtssoziologie geschrieben; ich hatte ihn darum gebeten, Kapitel seiner Rechtssoziologie zusammenschneiden und -stellen zu dürfen, und er bot von sich aus die Neufassung an, weil er verstanden hatte, worauf ich hinauswollte. Diesen Aufsatz habe ich teilweise in seinem Sinn mitbestimmt, weil das Manuskript Dux‘ ziemlich nachlässig geschrieben war, was Rechtschreibung und v.a. Zeichensetzung anging, und weil einige Fragen entschieden werden mussten, womit ich den Professor Dux nicht behelligen wollte.
Als letztes Arbeitsbuch zur Philosophie habe ich 1997 „In der Zeit – Über die Zeit – Mit der Zeit“ veröffentlicht. Die Zeit, das war seit 1990 eines meiner Themen; die Geschichte der Fragestellung, die eine Schülerin des FMG an mich herangetragen und auf der sie bestanden hatte, habe ich in einer Festschrift des FMG erzählt. Bei Diesterweg passte das Buch aus irgendwelchen Gründen nicht in die Reihe PP – so ist es eben außerhalb der Reihe erschienen. Ich war vom Thema überzeugt und habe es bei Reifenrath und dem Verlag durchgesetzt. Das Manuskript musste ich auf die Hälfte seines Umfangs reduzieren – das habe ich getan, als ich wegen einer Operation vorübergehend aus dem Verkehr gezogen war. Wenn es 1996 war, müsste es die Operation gewesen sein, zu der ich in Mönchengladbach im Maria-Hilf war. Des sorgfältigen Diagnostikers einer kleinen Geschwulst, Dr. Hörster, sei mit Dankbarkeit gedacht.
Auch zum Zeit-Buch hätte ich gern einen Originalbeitrag von Prof. Günter Dux bekommen; aber auf meine Anfrage hat er nicht einmal geantwortet – vielleicht nicht ohne Grund, weil sein Zeitbuch nicht die Klasse seiner Rechtssoziologie und seines Buchs „Die Logik der Weltbilder“ hatte (hat). – Der Wissenschaftlichen Buch-Gesellschaft habe ich nach 1997 eine Anthologie zum Thema „Zeit“ angeboten; aber dem Verlag schien die Zielgruppe nicht hinreichend klar umschrieben, auch wenn er später ein ähnliches Buch brachte – auch das ist eines meiner ungeschriebenen Bücher, aber das Misslingen dieser Idee hat mir nicht viel ausgemacht.
Als letztes der philosophischen Bücher kann ich „Kennen Sie Nietzsche?“ nennen, 1997 bei dtv erschienen. Das Buch beruht auf der zweiten und dritten Lektüre von „Menschliches, Allzumenschliches“ und stellt den Versuch dar, die bedeutenden Aphorismen dieses Buches zu finden und für ein breiteres interessiertes Publikum spielerisch zu erschließen. Es zeigt „meinen“ Nietzsche, der mir in wichtigen Fragen Gesprächspartner war und der einer der großen Philosophen der „Moderne“ ist, kein Systematiker, aber ein leidenschaftlich Denkender, mit teilweise brillanten Einsichten. In meinen [inzwischen untergegangenen] Philo-Blogs bei blog.de und also.kulando.de ist er in vielen Stellen gewürdigt; was mir bedeutsam war, muss nicht für alle bedeutsam sein – deshalb hebe ich hier keine Aphorismen hervor. Wichtig ist meine Idee, Aphorismen zu einem Gespräch zu verbinden; dahinter steht die Theorie, dass nur mit dem Schema „Frage und Antwort“ theoretische Texte (als Antworten auf Fragen) zu verstehen sind, aber das gehört in die Theorie und Praxis der Textanalyse.
Wenn ich mich nicht verrechne, habe ich 1998 (oder doch später?) Zugang zum Internet gefunden; dort habe ich dann vielleicht 2002 mein erstes Weblog angelegt, norberto42 bei 20six. Dieses Blog habe ich einmal aus Versehen abgewürgt, was damals bei 20six nicht schwer war…
Aufgrund meiner Weblogs hat Frau Netz von lehrer-online mich Anfang 2006 (?) angesprochen; mit ihrer großartigen Unterstützung habe ich 2006/07 eine Reihe von Beiträgen bei lehrer-online gemacht, welche wiederum zu den nächsten Büchern geführt haben, weil ich von da an im Netz präsenter war (auch aufgrund meiner Platzierung unter den zehn besten Lehrerblogs 2006 im „Lehrerfreund“). Das dritte ungeschriebene Buch ist ein Arbeitsheft im Stark-Verlag zu Schlink: Der Vorleser. Der Verlag hatte meinen Internetauftritt gesehen (Analysen fürs Zentralabitur 2007, meine Arbeit im Deutschkurs) und mich um die Zusammenarbeit gebeten. Ich habe auch eine Reihe von Analysen vorgelegt, aber leider nicht den Ton des Verlags getroffen: Ich halte den Roman für ein ziemliches Machwerk, aber die öberste Tante in der Verlagsredaktion war von Schlink angetan. So teilte mir mein Gesprächspartner beim Verlag mit, der Verlag habe „einen stärker wissenschaftlich orientierten Autor“ (ich muss lachen!) gefunden, und mit großem Bedauern… usw. Meine neuen (beinahe Stark-)Analysen stehen bei norberto42.wordpress.com; da stehen sie gut, die alten standen im bloghof.net.
Wiederum aufgrund der Arbeiten bei lehrer-online ist Herr Krapp vom Verlag Krapp & Gutknecht (Rot an der Rot, BW) im Herbst 2007 an mich herangetreten, wegen eines Lehrerheftes zu Wolf: Kassandra (Zentralabitur NRW 2009/10). Nach langer, intensiver Vorarbeit wurde dann vieles von meinen Analysen als „Bleiwüste“ beiseite gelegt, das Praktische stärker ausgebaut und schließlich im Juni 2008 veröffentlicht. In den letzten Tagen habe ich auch die Korrekturfahnen zu Schiller: Don Karlos, gelesen, woran ich im Frühjahr 2008 gearbeitet habe, nachdem ich im Frühjahr 2007 für lehrer-online das Drama bereits intensiv gelesen hatte. Das neue Lehrerheft wird wohl in vier Wochen erscheinen; inzwischen verstehe ich das Drama besser als der Bearbeiter im Schiller-Handbuch von Metzler, denke ich in aller Bescheidenheit.
Ob es mit den Büchern weitergeht, wird sich zeigen – es gibt die Anfrage eines neuen Verlags. Zwei Anekdoten möchte ich zum Schluss noch erwähnen. Die erste beruht auf der Eigenart der word-Dateien, dass in ihnen Links blau erscheinen und durch Anklicken aktiviert werden können. Im Kassandra-Heft waren nun wirklich viele Links; der Setzer kannte anscheinend die Eigenheiten von word-office nicht und hat alle Links unterstrichen blau gesetzt. – Beim Lehrerheft zu „Don Karlos“ gab es seitens des Verlages die Kritik, ich hätte zu wenig Arbeitsmaterial für die Schüler; das war sachlich nicht berechtigt, weil ich die Arbeitsblätter usw. in Form der Lösungserwartung „fertig“ konzipiert hatte. Ich habe deshalb in Blau kursiv erläutert, wie ich mir den Druck des einzelnen AB denke: „Blau kursiv“, das war mein Dialog mit dem Verlag. Auf dem Weg von mir über die Verleger zum Setzer ist das Wissen um „Blau kursiv“ aber verloren gegangen, und der Setzer hat nur die Lösungserwartung mitsamt meinen Dialog-Passagen gesetzt. Zur Zeit sind wir dabei, das Versehen zu korrigieren.

P. S. Nachträglich fällt mir ein weiteres ungeschriebenes Buch ein, dessen Untertitel „Kleine Einführung in die Theologie“ geheißen hätte. Es gibt ein Büchlein von Michael Wittschier: „Alle Kreter lügen… sprach der Kreter… Kleine Einführung in die Philosophie“ (Patmos 1980). Beim Patmos-Verlag gab es die Idee, ein analoges Büchlein zur Theologie herauszubringen; Teile des Manuskripts dazu habe ich in den 80er Jahren geschrieben, aber das Projekt hat sich zerschlagen. Wenn ich heute in Wittschiers Büchlein hineinschaue, denke ich: Ich wollte sachlich zu viel vortragen und habe nicht den netten Umgangston getroffen.
Im Zusammenhang mit dem Patmos-Verlag ist ein weiteres gescheitertes Projekt zu nennen, das der für Religionspädagogik zuständige Mann bei Patmos, Tullio Aurelio, angestoßen hatte. Es ging darum, einen Nachfolger für Werner Trutwin, der mit seinen Heftchen den Markt der Religionspädagogik in der Sek II beherrschte, aufzubauen und etwas zu produzieren, das die Heftchen von „Theologisches Forum“ ablösen sollte. Zu diesem Zweck habe ich viel Material gesammelt und an den Verlag geschickt, aber auch einmal Werner Trutwin in Bonn besucht und mit ihm meine Vorstellungen besprochen. Ich erinnere mich an das Spottkruzifix vom Palatin, welches ich unbedingt den Schülern präsentieren wollte, weil es zum Bestand meines Religionsunterrichts gehörte. – Woran dieses Projekt, ebenfalls in den frühern 80ern (oder späten 70ern?), gescheitert ist, weiß ich nicht mehr. Vermutlich war Trutwin, der zugleich Schulleiter in Bonn war, nicht davon begeistert, einen Nachfolger (auch im Geldverdienen) aufzubauen.
Ein abgeschlossenes, aber nicht veröffentlichtes Projekt ist das Lesebuch „Christ-sein in der Kirche? Ein theologisches Lesebuch“ vom Oktober 1980. Neben dem Manuskript, das in einer Schachtel ruht, gibt es zwei gebundene Exemplare: Eines habe ich Leonhard Horster geschenkt, eines habe ich selber. Das letzte, das neunte Kapitel ist „Christ-sein im Zeitalter der Säkularisierung“ überschrieben, mit Texten von Gerhard Schmidtchen, Hermann Lübbe und Trutz Rendtorff. Mit diesem Thema bin ich wieder beim „Don Karlos“, der in einem Monat erscheinen soll: Säkularisierung ist ein Signum der aufklärerischen Moderne, auch wenn viele das noch nicht gemerkt oder bereits wieder vergessen haben.

Nachtrag August 2009: Inzwischen ist nicht nur das Lehrerheft zu „Don Karlos“ bei Kapp & Gutknecht erschienen, sondern auch eines zur „Nachkriegslyrik. Deutsche Lyrik 1945 – 1960“. Ich hoffe, dass dies nicht das letzte war – der andere Verlag hat sich aber nicht mehr gemeldet.

Nachtrag im Mai 2010: Inzwischen sind auch Lehrerhefte zu „Kabale und Liebe“ sowie zu „Antigone“ herausgekommen; in den nächsten Tagen erscheint ein Büchnerheft (Dantons Tod; Woyzeck). Das Manuskript zu den 51 bedeutendsten Gedichten Goethes ist abgeschlossen – alles bei Krapp & Gutknecht. Eine Zusammenarbeit mit dem C. Bange Verlag ist daran gescheitert, dass meine Vorstellung von guten Arbeitsbüchern (und meine Bewertung vorliegender Abiturbücher des Verlags) nicht mit denen des Verlags übereinstimmte.

Nachtrag im November 2010: Inzwischen ist bei Krapp & Gutknecht auch das Arbeitsheft zu Thomas Mann (Die Buddenbrooks; Mario und der Zauberer) fertig, Goethe liegt noch auf Eis; die Zusammenarbeit mit einem weiteren Verlag ist so weit fortschritten, dass ein Manuskript abgeschlossen ist und ich gerade an einem zweiten arbeite. Wenn das erste veröffentlicht ist, werde ich mehr dazu sagen.

Nachtrag im März 2011: Gerade ist bei Krapp und Gutknecht „Johann Wolfgang von Goethe – Seine bedeutenden Gedichte“ erschienen. Das Opus geht auf eine Untersuchung von 2009 zurück, welche Gedichte Goethes heute zum Kanon gehören. Nach dem Satz des Manuskripts gab es Probleme mit Goethes Rechtschreibung und Zeichensetzung, die leider nicht dudenkonform ist; aber nach kleinen Änderungen („sei“ statt „sey“ z.B.) durfte Goethe dann doch weithin bei seiner Schreibweise bleiben, wofür ich mich stark gemacht hatte.

Nachtrag im Januar 2012: Inzwischen sind drei Manuskripte zu Lehrerheften fertig, und zwar zu „Frühlings Erwachen“, „Götz von Berlichingen“ und „Faust I“. Die beiden ersten sind auch gesetzt und korrigiert; ich hoffe, dass sie 2012 bzw. 2013 erscheinen – der Verlag Hase und Igel hat jedoch Schwierigkeiten, seine Reihe „Lesewerk-Klassiker“ (Textausgaben mit Lehrerheften) auf dem Markt abzusetzen, und hat die Reihe radikal zusammengestrichen, auch Personal entlassen. Es bleibt abzuwarten, was aus den Manuskripten wird. [P.S. Die drei Manuskripte werden nicht veröffentlicht, der Verlag reduziert sein Programm radikal.] – Zu den unveröffentlichten Büchern gehört noch, wie ich vor ein paar Wochen wieder entdeckt habe, das Manuskript „Warum nicht selber denken? Anleitung zum Philosophieren“ (1998). Ich habe keinen Verlag für dieses Buch gefunden, schade – es gefällt mir noch immer.

Später: Eine meiner großen Ideen war es, den Aufsatzunterricht in der Sekundarstufe I des Gymnasiums ganz systematisch aufzubauen (etwa Kl. 8-10). Das Ergebnis meiner jahrelangen Bemühungen liegt in dem Aufsatz „Aufsatzunterricht: gliedern, erklären, bewerten, erörtern“ vor. Die Beschränkung auf „gliedern, erklären, bewerten, erörtern“ ergab sich daraus, dass an unserer Schule in der Regel der Deutschlehrer eine Klasse drei Jahre unterrichtete (Kl. 5-7, 8-10) und dass als Krönung des Aufsatzschreibens die strukturierte Erörterung zu gelten hat – warum das heute anders ist, erkläre ich später.

Diesem Viererschritt „gliedern, erklären, bewerten erörtern“ (klar am sprachlichen Handeln ausgerichtet!) habe ich dann noch die sprachlichen Handlungen „definieren, berichten“ (aus Kl. 6-7) sowie die Einheit „folgern, logisch denken“ als ebenfalls zu beherrschende Formen sprachlichen Handelns vorgeordnet (das Erzählen habe ich als bekannt vorausgesetzt): Das hätte insgesamt eine Systematische Einführung in die Aufsatzlehre, wozu natürlich auch Übungsmaterialien und Vorschläge für Klassenarbeiten gehörten, ergeben. Das Manuskript habe ich ca. 2011 an den Verlag Krapp & Gutknecht geschickt, und Herr Krapp war auch grundsätzlich bereit, das Buch zu machen; gleichwohl verzögerte sich die Bearbeitung des Manuskripts Monat um Monat – vielleicht weil Herr Krapp befürchtete, das Buch werde sich nicht gut verkaufen – bis ich nach etwa drei Jahren die Geduld verlor und das Manuskript zurückgezogen habe.

Diesem nicht erschienenen Buch trauere ich heute noch ein bisschen nach, weil es die Erfahrung meiner Arbeit als Deutschlehrer dargestellt hätte; aber es war schon 2011 aus der Zeit gefallen – die Gegenwart gehört unter dem Druck zentral gestellter Aufgaben einem Aufsatztyp, der bereits in der Aufgabenstellung stark vorstrukturiert ist (damit man auch die Bewertungskriterien zentral vorgeben kann); diese Erleichterung geht mit dem politischen Bestreben einher, die Anforderungen an Schüler zu senken (was natürlich bestritten wird!), damit auch 50 % eines Jahrgangs Abitur machen können. Mein Aufsatzunterricht ist nur noch für die germanistisch-didaktische Archäologie interessant.

Diesem nicht erschienenen Buch trauere ich heute noch ein bisschen nach, weil es die Erfahrung meiner Arbeit als Deutschlehrer dargestellt hätte; aber es war schon 2011 aus der Zeit gefallen – die Gegenwart gehört unter dem Druck zentral gestellter Aufgaben einem Aufsatztyp, der bereits in der Aufgabenstellung stark vorstrukturiert ist (damit man auch die Bewertungskriterien zentral vorgeben kann); diese Erleichterung geht mit dem politischen Bestreben einher, die Anforderungen an Schüler zu senken (was natürlich bestritten wird!), damit auch 50 % eines Jahrgangs Abitur machen können. Mein Aufsatzunterricht ist nur noch für die germanistisch-didaktische Archäologie interessant.

Nachtrag 2019: Im Februar 2019 ist bei Krapp & Gutknecht „Erich Kästner. Mit spitzer Feder. 25 Gedichte“ erschienen. Nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters hatte Frau Ines Krapp angefragt, ob es noch Projekte gebe und ob ich Ideen für ein weiteres Buch hätte. Nun verstehe ich unter anderem einiges von Eichendorffs Gedichten, aber für den Verlag sind nur Themen interessant, die von den großen Verlagen nicht abgedeckt werden, aber Chancen auf Behandlung im Unterricht haben. So sind wir auf Kästners Gedichte gekommen, von denen 25 analysiert wurden, was nach einigen Problemen und Verzögerungen dazu führte, dass im Februar 2019 das neue Heft erschienen ist. Es ist jedoch für Schüler möglicherweise zu anspruchsvoll (und zu teuer), so dass der Verlag ein Schülerarbeitsheft „Erich Kästner. Neun Gedichte für den Unterricht in Klassenstufe 10“ (von G. Pereira / V. G. Mendia) nachgeschoben hat. – Für besonders gelungen halte ich in meinem Heft den Aufsatz „Gedichte verstehen, eine methodische Anleitung“ (S. 11 ff.).

Irgendwann zwischendurch habe ich noch ein paar Reihen zu christlichen Festen bei lehrer-online gemacht, aber das sind keine Bücher; das Kästner-Heft wird wohl das letzte sein, was ich gemacht habe. Ich hätte noch Lust und Ideen für ein Tucholsky-Heft, aber Tucholsky ist nur mit wenigen Gedichten in der Schule präsent (v.a. Die Entwicklung der Menschheit, Luftveränderung, Das Ideal); da lohnt es sich verlegerisch kaum, 25 Analysen vorzulegen – nachlesen kann man sie ohnehin bei norberto42.

 

Personifikation – Verständnis und Missverständnis

Was versteht man unter Personifikation? Das ist „in der Stilistik die Darstellung eines Gegenstandes als eine menschliche Gestalt.[…] Die P. ist ein Spezialfall der Anthropomorphisierung, bei der ein unbelebter oder tierischer bzw. pflanzlicher Gegenstand Züge des Menschlichen erhält.“

Dieser Definition des MLL, welche die gängige Sichtweise zusammenfasst, liegt ein folgenschwerer Irrtum zugrunde. Ihr zentrales Begriffspaar ist Gegenstand und Mensch, mit der Maßgabe, dass der Mensch mit Gegenständen zu tun hat, mit ihnen hantiert, das Subjekt mit den Objekten. Dabei wird verkannt, dass Dinge als Gegenstände zu betrachten und zu behandeln nicht einfach natürlich, sondern das Ergebnis eines langen kulturellen Abstraktionsprozesses ist: Ein Gegenstand ist etwas, zu dem wir ein Ding machen, indem wir es dem messenden Betrachten unterwerfen. Das kann man in Ernst Cassirers „Philosophie der symbolischen Formen“, vor allem in den beiden ersten Bänden nachlesen.

Am Anfang der Begegnung von Mensch und Welt steht vielmehr, dass die Dinge als eigenständige Wesen ihren Ausdruck haben und auf den Menschen Eindruck machen und dass es ihm erst durch die Sprache, die Namen gelingt, den Dingen eine feste Gestalt zu geben. Die Dinge begegnen zunächst wie Personen, sie machen Eindruck und tragen nicht nur Züge des Menschen, sondern auch des Übermenschlichen. Und selbst heute können wir unseren Blick vom Gegenstand lösen und uns seinem Ausdruck hingeben, auf dass er Eindruck auf uns mache: etwa wenn eine Tierherde nicht mehr als Lieferant von Schlachtfleisch und Schlachtprämie gesehen wird, sondern als eine stürmende Gruppe wilder Tiere gefürchtet, oder wenn der Sonnenuntergang nicht als Ergebnis der Erddrehung verstanden, sondern als Verschwinden des Lichts erlebt wird.

Deshalb müssten die Schüler im Unterricht dahin geführt werden, dass sie sich dem Eindruck von Personifikationen hingeben könnten, statt sich in die Floskel zu flüchten, da werde bildhaft gesprochen, „damit man sich das besser vorstellen kann“.