Verform „worden“

Nach 40 Jahren als Deutschlehrer habe ich heute erstmals über die Verbform „worden“ nachgedacht: ‚Ich bin von einem Hind gebissen worden.‘

Klar, „worden“ kommt von „werden“, aber Partizip II zu „werden“ ist „geworden“ – oder!? Nach einigem Forschen bin ich dann dahintergekommen, dass „geworden“ das Partizip des normalen Verbs „werden“ ist, „worden“ dagegen das Partizip II des Hilfsverbs „werden“. Aber wieso die Formen sich unterscheiden, ist mir nirgendwo erklärt worden.

P.S. In Weigand, Deutsches Wörterbuch II 2, 1871, findet sich unter „werden“ folgender Hinweis: „Das Part. des Prät. lautet eigentlich worden, aber schon früh-nhd. drang geworden ein. (…) Später schieden sich worden und geworden so, daß dieses concret und jenes abstract genommen, also als Participium des Hilfsverbs steht…“ Dem widersprechen noch Campe: Wörterbuch der deutschen Sprache, 1811, und Adelung, 2. Auflage: „wenn das Participium von werden das Hülfswort ist, so ist es alle Mahl mit einem andern Participio Präteriti verbunden, welches bereits sein Augment hat, daher geworden das seinige, um des Wohlklanges Willen, verlieret; ich bin geliebt worden, für geliebt geworden.“

Sanders: Wörterbuch der Deutschen Sprache, II 2, 1876, stimmt wieder mit Weigand überein: „Doch findet sich in der älteren Sprache gewöhnlich worden für das heutige geworden und so z.B. noch a) bei Eigenschaftswörtern und Adverbien: bin worden alt und grau (Chamisso)… b) mit prädikativem Hauptwort…“

Nicht immer nur googeln…

Nicht immer nur googeln…

Tipps von KollegInnen für KollegInnen

– Christian Mantsch

– Ulrike Hemmert

– Eva-Susanne Graffmann

– Renate Kuffart

– Jürgen Spitzlay

 

Folien des Sammelvortrags vom 18. März 2014 – 5. Tagung der Arbeitsgemeinschaft der Kirchlichen Hochschulbibliotheken (AGKH) in Bamberg

http://www.pthv.de/fileadmin/user_upload/Bibliothek/Schulungen/Nicht%20immer%20nur%20googeln_2014.pdf

Rechtschreibung, Rechtschreibreform

Die sogenannte Rechtschreibreform hat nicht viel Gutes gebracht. Inzwischen gibt es die Reform der Reform und immer noch Streit. Ich nenne einige wichtige Links zum Thema:

http://www1.ids-mannheim.de/service/reform/ (Regelwerk)

http://staff-www.uni-marburg.de/~schittek/rechtsch.htm (Übersicht)

http://www.canoo.net/services/GermanSpellingChecker/Controller (Prüfer)

http://www.rechtschreibrat.com/der-rat/ (deutschsprachiger Rat)

http://sok.ch/ (Schweizer Rat)

https://www.korrekturen.de/ (Portal für Rechtschreibung)

http://sprachforschung.org/index.php (kritische Seite)

http://www.sprachforschung.org/index.php?show=archiv&rubrik=literatur (Dokumente)

http://deutschesprachwelt.de/archiv/bilanz.pdf (Bilanz)

http://www.sprache.org/bvr/index.php?f=/bvr/stellungnahmen/StGallerTb[2015917].php (Bilanz 2015)

http://www.schriftdeutsch.de/orth-akt.htm (Chronik)

http://www.faz.net/aktuell/technik-motor/april-april-deutsche-rechtschreibung-wird-abermals-reformiert-11702725.html (Satire)

Vgl. auch

https://norberto68.wordpress.com/2015/05/10/rechtschreibung/

https://norberto68.wordpress.com/2013/10/13/prinzipien-der-rechtschreibung-deutsch/

https://norberto68.wordpress.com/2011/12/02/alte-rechtschreibung-regeln-und-worterbuch-worterliste/ (mit Liste der Agenturen)

Ganz holzschnittartig lässt sich Folgendes feststellen: Ein Bereich, der seit Jahrhunderten diskutiert wird, ließe sich durchaus systematisch verbessern: Die sogenannte Laut-Buchstaben-Zuordnung, insbesondere die Schreibung von Lang- und Kurzvokalen (Dehnungs-h, Doppelvokal, Doppelkonsonant). Nur: an diesem Vorhaben sind schon zahlreiche frühere Reformen gescheitert. Es führt zu einer drastischen Veränderung des Schriftbildes. Hier stößt der Reformwunsch an die Mauer des Bewusstseins, dass unsere Rechtschreibung historisch geprägt und der Dauer verpflichtet ist.

Ganz anders ist die Lage bei den beiden großen Problembereichen der jüngsten Reform: groß oder klein, getrennt oder zusammen. Sie sind das eigentliche Kernstück unserer Rechtschreibung. Die Großschreibung der Substantive hat sich als ein wirkungsvolles Instrument bewährt, das Lesen des Deutschen zu erleichtern. Durch Substantivierung (das Wandern, das Hoch, das Für und Wider) versetzten wir Verben, Adjektive, Präpositionen in eine substantivische Rolle und schreiben sie groß. Umgekehrt können Substantive verblassen, wie dies schon die allerersten Dudenregeln beschrieben (mir ist angst, er geht pleite), und verlieren ihre Großschreibung. Die Rechtschreibung folgt hier dem Sprachgebrauch. Ähnliches gilt für die zahlreichen Zusammenschreibungen wie richtigstellen, spazierengehen, wohlverdient, halbvoll usw. Der Prozess der sogenannten Univerbierung, also der Einswerdung von zwei Wörtern, vollzieht sich wortweise, ohne Systematik. Darum kann es dafür keine systematischen Regeln geben, sie verhindern geradezu die sensible Anpassung der Schreibung an den Sprachgebrauch.

Vor zehn Jahren taten sich Buch- und Zeitungsverleger, Autoren, Wissenschaftler und Lehrer in der Schweiz zusammen, „um die Einheitlichkeit und Sprachrichtigkeit der Rechtschreibung in Presse und Literatur der Schweiz wiederherzustellen“. Sie gründeten die Schweizer Orthographische Konferenz (SOK), die sich seitdem um Vermittlung im Rechtschreibstreit bemüht. Die jüngsten Empfehlungen (www.sok.ch) wollen die Variantenvielfalt zugunsten der traditionellen Schreibung beseitigen. Das ist praktizierte Demokratie, von der auch die KMK lernen kann.

Horst Haider Munske: http://www.vds-ev.de/sn-mobil/71/S10A1_katzenjammer.html

 

Genderdeutsch

Dies ist ein ganz böses Kapitel sprachlicher Verunstaltung. Die vermeintliche Gleichbehandlung von Männern und Frauen oder die sogenannten „geschlechterneutralen“ Formulierungen sind völlig unnütz, niemand braucht sie, und außer durch Politiker, die sie massiv vorantreiben und sogar „Rechtsvorschriften“ dazu initiieren, was immer das sein mag, werden sie von den deutschsprechenden Völkern im wesentlichen ignoriert. Das ist sicher der gesündeste Part in diesem Prozeß. Frauen mit Bildung und Intelligenz begrüßen das Genderdeutsch auch nicht. Auch die orthographischen Auswüchse wie Schrägstrich-innen oder ein großes I inmitten eines Wortes (Mitarbeiter/innen, MitarbeiterInnen) werden in den deutschsprechenden Völkern mehrheitlich abgelehnt.

Hier einige Tendenzen und Beispiele, die den ganzen Unsinn zeigen.

  • Die in allen Lebensbereichen erhobene Forderung nach ständiger Doppelnennung der Geschlechter gilt merkwürdigerweise nicht ohne Einschränkung. Zum Beispiel wird
    • Täterinnen und Täter,
    • Verbrecherinnen und Verbrecher,
    • Diebinnen und Diebe oder auch
    • Betrügerinnen und Betrüger

nicht gefordert. Warum eigentlich nicht? In allen anderen Fällen wird ja die sogenannte „Gleichbehandlung“ von Männern und Frauen kategorisch verlangt. Möglicherweise soll mit dem Fehlen weiblicher Benennungen weibliche Kriminalität geleugnet werden. Das widerspricht aber den Tatsachen der gegenwärtigen Entwicklung.

Der wahre Grund ist jedoch woanders zu finden. Das Genderdeutsch wurde forciert inszeniert, als sich die Frauen im Jahre 1918 in Deutschland endlich das Wahlrecht erkämpft hatten. In dieser Errungenschaft haben Politiker das große Potential erkannt, welches die Frauen als Wähler darstellen, und so begann man, um diese Wählerstimmen zu buhlen, mit allen Mitteln, auch mit sprachlichen. Dafür sind natürlich Negativbegriffe wie oben ungeeignet. Der Prozeß verlief im Einklang mit militanten Feministen (das sind Männer und Frauen! Man muß das heute schon explizit sagen), die mit großer Intensität begannen, glaubhaft machen zu wollen, das grammatische Genus eines Begriffes sei mit dem biologischen Geschlecht des Begriffsträgers gleichzusetzen und folglich seien mit dem maskulinen grammatischen Genus Frauen aus der Nennung ausgeschlossen. Die Sprachwissenschaft versucht geradezu mit Engelzungen, diesen Irrtum aufzuklären. Bedauerlicherweise sind aber Politiker und Feministen stärker und setzen mit grobem Machtgehabe ihre beschränkten Sprachkenntnisse durch.

  • Die Begriffskombination Mitglieder und Mitgliederinnen, die ich in einer Gewerkschaftszeitung aufgefunden habe, ist vermutlich von einem Politiker: Weiblich um jeden Preis, auch wenn es grammatisch völlig unmöglich ist. Es ist zwar falsch, aber es klingt gut, und das ist wichtiger.
  • Brautpaar. Warum eigentlich nicht Braut/Bräutigampaar? Eine Braut allein ist schließlich noch kein Paar. Der Begriff Brautpaar ist ja nun doch sehr weiblich besetzt, so daß kaum die Gefahr der Realisierung meiner Idee besteht, Männer kommen seltener auf solche ulkigen Vorschläge.
  • Der Mensch – grammatisch maskulin, eine feminine Form gibt es nicht. Nach dem irrigen Sprachverständnis derer, die das grammatische Genus und das biologische Geschlecht immer noch als dasselbe ansehen, so daß also grammatisch maskulin biologisch männlich bedeute, können demnach nur Männer Menschen sein, weil Frauen, wie jeder weiß, nicht männlich sind.
  • Die Persönlichkeit – grammatisch feminin, eine maskuline Form existiert nicht. Nach der politisch suggerierten Sprachfehlleistung, grammatisch feminin sei biologisch weiblich, könnten deshalb nur Frauen Persönlichkeiten sein, denn Männer sind nicht weiblich.
  • Der Junge ist grammatisch maskulin. Heißt das, daß er männlich ist? Wie sollen wir dann das Mädchen verstehen? Es ist nicht feminin, es ist ein Neutrum. Also, nicht weiblich? Wie nun? Hier muß man tatsächlich das biologische Geschlecht betrachten: Ehe der Junge ein Mann wird, vergehen 16 bis 18 Jahre, und dann ist er kein Junge mehr. Der Junge ist also nicht männlich, sondern grammatisch maskulin. Bei dem Mädchen dauert es auch etwa so lange, ehe es eine Frau wird. Aber das Mädchen ist ja ohnehin nicht weiblich, pardon, nicht feminin.
  • Ich will einmal als Beispiel mit dem Genderdeutsch ein Problem der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland behandeln. Ich treffe die Feststellung Angela Merkel ist der achte Bundeskanzler der Bundesrepublik. Sofort werde ich attackiert: Angela Merkel sei nicht Bundeskanzler, sondern Bundeskanzlerin. Ich korrigiere also: Angela Merkel ist die achte Bundeskanzlerin der Bundesrepublik. Nun aber ist die Aussage falsch, denn die anderen waren alle sieben Männer. Um die Aussage richtigzustellen, korrigiere ich wieder: Angela Merkel ist die erste Bundeskanzlerin der Bundesrepublik. Das ist zwar richtig, aber darum ging es gar nicht. Die Aussage, die ich vornehmen will, kann man mit dem Genderdeutsch gar nicht mehr ausdrücken, ohne auf die orthographischen Mißgestaltungen mit dem Schrägstrich oder großem I zurückzugreifen.
  • All diese Wirrnisse entstehen nur durch das Genderdeutsch. Es taugt zu nichts, außer zu großem Unsinn. Hier aber hätte es wirklich Sinn, sich einmal am Englischen zu orientieren. Dort gibt es solche Probleme nicht, obwohl es auch im Englischen feminine Formen gibt. Zum Beispiel authorness – die Autorin. Aber sie werden nicht verwendet. Die englischsprechenden Völker wollen sie nicht haben.
  • Dieses ganze Prozedere führt dann zu abartigen Auswüchsen, wie einerseits zu den absurden Darstellungen im Entwurf einer Verordnung über das Fleischhygienerecht aus der Feder Herrn lic. iur. Urs-Peter Müllers vom Bundesamt für Veterinärwesen der Schweiz oder andererseits zu der völlig konfusen Formulierung in einer Dissertation, beides gefunden durch den Schweizer Sprachwissenschaftler Dr. Arthur Brühlmeier, nachlesbar unter http://www.unipohl.de/Appell.htm, dort Abschnitt 2., Staatsfeminismus.
  • Welch unglaubliche Blüten der militante Feminismus in Verbindung mit politischem Machtgetöse in seiner Endphase austreiben kann, erfährt man an der Universität Leipzig, an der – angeregt durch die Rektorin Professor Doktor Beate Schücking – grammatisch maskuline Benennungen per Senatsbeschluß abgeschafft werden sollen und den abstrusen Benennungen wie zum Beispiel Herr Professorin, Herr Doktorin oder Herr Dozentin zu weichen haben. Andere Universitäten sollen folgen. Ausführlicher beleuchtet habe ich dies unter http://www.unipohl.de/Femininmaenner.htm.

(Quelle: http://hauptplatz.unipohl.de/Muttersprachprobleme.htm)

vgl. https://merton-magazin.de/hier-endet-das-gendern

http://de.wikimannia.org/Gendersprech

https://de.wikipedia.org/wiki/Geschlechtergerechte_Sprache

http://www.linguistik-online.com/39_09/elmiger.html

P.S. Aufgrund des Kommentars von Herrn Rau stelle ich meine Position dar:

1. Eine der wichtigsten Forderungen an den, der spricht, lautet: „Rede kurz!“ So lautet zum Beispiel die erste Regel in „Goldene Regeln der Rhetorik“ von Marcus Knill (http://rhetorik.ch/Goldeneregeln/Goldeneregeln.html; vgl. „In der Kürze liegt die Würze.“). Otto Behaghel spricht ausdrücklich von der Sparsamkeit der mündlichen Rede (Die Deutsche Sprache, 7. Aufl. 1923, S. 50).

2.1 „Ein generisches Maskulinum ist die Verwendung eines maskulinen Substantivs oder Pronomens, wenn das Geschlecht der bezeichneten Personen unbekannt oder nicht relevant ist oder wenn männliche wie weibliche Personen gemeint sind. Beispiel: Das Wort „Studenten“ in der Verwendung als generisches Maskulinum bezieht sich auf eine Gruppe von Studierenden unbekannten Geschlechts oder eine gemischtgeschlechtliche Gruppe. Generische Maskulina gibt es in vielen Sprachen.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Generisches_Maskulinum)

2.2 Das generische Maskulinum erfüllt das Gebot der Kürze (s. 1.).

2.3 Das generische Maskulinum diskriminiert Frauen nicht, setzt sie nicht herab und behandelt sie nicht als unwichtig oder zweitrangig.

3.1 Deshalb besteht kein Grund dafür, eine sogenannte geschlechtergerechte Sprache einzuführen, in der es von Wiederholungen wimmelt, die also gegen das Gebot der Kürze vestößt. (Dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Geschlechtergerechte_Sprache)

3.2 Vor allem ändert eine „geschlechtergerechte Sprache“ nichts an realen Verhältnissen, in denen Frauen ungerecht behandelt werden. – Ich schließe mich der Forderung an, Frauen und Männer gleichberechtigt zu behandeln, also z.B. gleichen Lohn für gleiche Arbeit zu zahlen.

3.3 Gut scheint mir die Stellungnahme Peter Müllers von der SOK zu sein:

„Rein sprachlich gesehen, ist die permanente Nennung der weiblichen Formen unnötig. In den Formen Verkäufer usw. kann man ein sogenanntes generisches Maskulinum sehen, das mit dem biologischen Geschlecht nichts zu tun hat. Ein Indiz dafür ist, dass es auch generische Feminina und Neutra gibt: die Wache, die Gans, die Geisel, die Waise, das Opfer, das Kind, die Person. Alle Diminutive sind generische Neutra: das Mädchen, das Schneiderlein (siehe auch „Generisches Maskulinum“ auf Wikipedia).

Die systematische Nennung der weiblichen Schreibweisen führt zu schweren Beeinträchtigungen der Lesbarkeit. Sie kann auch gar nicht vollständig durchgehalten werden, z. B. in Zusammensetzungen: Bürgervertreter müsste in Bürger- und Bürgerinnenvertreter und -vertreterinnen umgesetzt werden.

Die aus politischer Korrektheit vor allem von feministischer und linker Seite geforderte zunehmende Verwendung von weiblichen Schreibweisen führt dazu, dass unter dem neutralen generischen Maskulinum schliesslich wirklich nur noch Männer verstanden werden, fälschlicherweise auch in denjenigen Fällen, in denen beide biologischen Geschlechter gemeint sind: da, wo auch Verfechter der feministischen Schreibweisen ihr System nicht durchhalten können (s. o.), oder in der Normalschreibweise, in der der Schreiber das generische Maskulinum meint. Dem Anliegen der Gleichstellung wird damit eher geschadet als genutzt.

Inzwischen kommt niemand mehr um die Berücksichtigung dieser Entwicklung herum. Dabei ist eine moderate Anwendung der weiblichen Formen zu empfehlen. Mehrere Institutionen wie der Duden, in der Schweiz die Bundeskanzlei, haben dazu Richtlinien herausgegeben. Doppelnennungen werden vor allem in (feierlichen) Ansprachen empfohlen. In Stelleninseraten sind sie teils sogar vorgeschrieben. In vielen Fällen werden Ersatzformulierungen wie Studierende (statt Studenten und Studentinnen) empfohlen. Das sogenannte Binnen-I hingegen widerspricht den (herkömmlichen und reformierten) Rechtschreibregeln und ist damit rechtschreiblich gesehen falsch.

In längeren Dokumenten kann auch der Hinweis angebracht werden, dass im Text das generische Genus verwendet wird (nicht dass Frauen „mitgemeint“ seien), z. B. aus einem Dokument der SDA: Hinweis: In diesem Dokument wird aus sprachlichen Gründen (Lesbarkeit, Ästhetik) das generische Genus (in der Regel das generische Maskulinum) angewendet. Das generische Maskulinum (z. B. der Mitarbeiter, der Vorgesetzte) bezeichnet das biologische Genus genauso wenig wie das generische Femininum (z. B. die Waise, die Geisel) oder das generische Neutrum (z. B. das Männchen, das Mädchen). Wo nicht ausdrücklich unterschieden wird, sind immer beide biologischen Genera gemeint.“

Peter Müller, SOK (http://sok.ch/2007/11/weibliche-formen/)

3.4 Im Duden-Newsletter findet sich folgende Erklärung – leider wird nur auf das Regelwerk geschaut und nicht gefragt, ob die Doppelnennung sinnvoll ist:

„Die höflichste und eindeutigste Variante der sprachlichen Gleichstellung ist die Doppelnennung. Besonders in der persönlichen Anrede können die Doppelformen Leserinnen und Leser, Schülerinnen und Schüler verwendet werden. Die konsequente Doppelnennung im weiteren Text macht diesen aber schwerfällig und schlecht lesbar. Zur verkürzten Darstellung von Doppelformen bietet sich der Schrägstrich an: Mitarbeiter/-innen; die Schreibung ohne den Auslassungsstrich ist nicht korrekt.
Allerdings kann mithilfe des Schrägstrichs nur verkürzt geschrieben werden, wenn sich die Wörter ausschließlich in der Endung unterscheiden (also z. B. nicht bei Arzt/Ärztin). Ähnlich dem Schrägstrich können Doppelnennungen auch durch Klammern verkürzt werden, z. B. Mitarbeiter(in), Kolleg(inn)en.
Die Verwendung des großen I im Wortinnern (Binnen-I) entspricht nicht den Rechtschreibregeln.“ (http://www.duden.de/sprachwissen/newsletter/Duden-Newsletter-070111)

3.5 Ich empfehle, in der persönlichen Anrede die Doppelnennung zu verwenden, die verkürzte Darstellung von Doppelformen aber nur, wo es entweder vorgeschrieben ist oder es zu Missverständnissen kommen kann, falls sie nicht verwendet werden.

Worauf es bei der Erziehung ankommt

Worauf es bei der Erziehung ankommt, kann man in einem Interview in der WELT vom 24. Januar 2017 lesen:

Die Welt: Ihr Bestseller „Die Chancen unserer Kinder“ (2013) sagt, wo Bildung ansetzen muss, damit alle Kinder ihr Potenzial ausschöpfen. Der deutsche Untertitel lautet „Warum Charakter wichtiger ist als Intelligenz“. Wieso?

Paul Tough: Lange glaubte man, dass man, quasi vom Embryo an, die kognitiven Fähigkeiten trainieren müsse; dass der IQ den Lebenserfolg ausmache und frühe intellektuelle Stimulation ein Schlüsselfaktor sei. Und man fokussierte auf Kompetenzen wie Rechnen, Lesen, Schreiben. Doch es zeigt sich, dass ein hoher IQ kein Erfolgsgarant ist und es Wichtigeres gibt: die nicht kognitiven Fähigkeiten, die einen stabilen Kompetenzerwerb überhaupt erst ermöglichen. Um in Schule und Leben Erfolg zu haben, braucht es vor allem Mumm und Ausdauer, Neugier und jene starke Motivation, die einen dranbleiben lässt, wenn es schwierig wird; Fleiß und die Bereitschaft zum Belohnungsaufschub. Es braucht Resilienz: Kraft und Selbstvertrauen, um nach einem Rückschlag wieder aufzustehen.

[…]

Die Welt: Und wenn das Umfeld fehlt?

Tough: Rund die Hälfte aller Schulkinder in den USA sind so arm, dass sie das Recht auf eine subventionierte Schulmahlzeit haben. Arme Kinder erleben daheim und im Umfeld häufig chronischen Stress. Dadurch wird die Ausbildung einer resilienten Psyche erschwert. Neurowissenschaftler sprechen von „toxischem Stress“: Er versetzt Menschen in einen permanenten Alarmzustand, den sie nicht reflektieren können; das Gehirn kann durch den ständigen Beschuss mit Stresshormonen geschädigt werden, seine Aufnahmefähigkeit kann leiden. Die Menschen reagieren dann irrational, fluchtbereit, aggressiv – was in der Schule zu noch mehr Stress führt. Ein Teufelskreis.

Die Welt: Sie stellten aber ähnliche Defizite bei Kindern reicher Eltern fest.

Tough: Die „nährende“ Beziehung zu einem Erwachsenen – vorzugsweise den Eltern – fehlt oft im armen wie im sehr reichen Umfeld. Dass sie essenziell ist, beweist die neue Resilienz- und Bindungsforschung. Allerdings setzt der Mangel bei reicheren Kindern bisweilen erst im Teenageralter ein: Die Eltern sind beruflich eingespannt, und auf dem Kind lastet ein immenser Erwartungsdruck, mit dem es alleingelassen wird. Man findet also an beiden Enden der Gesellschaft nicht selten eine zu geringe mütterliche Bindung, eine überkritische Haltung der Eltern, deren emotionale wie auch physische Absenz und zu wenig Betreuung nach der Schule. […]

https://www.welt.de/wissenschaft/article161436876/Ein-hoher-IQ-ist-kein-Erfolgsgarant.html

Texte überarbeiten – ein Beispiel

Ich stelle zunächst den Entwurf „Verpasste Kindheit“ meines amerikanischen Freundes Merrill Lyew vor, der vor gut 40 Jahren mehrere Jahre in Deutschland gelebt hat. Es handelt sich um ein sogenanntes Drabble oder eine Miniaturgeschichte oder Fan Fiktion von genau 100 Wörtern, wenn man den Titel nicht mitzählt. Man führt den Leser in die Irre und am Ende ist die Pointe eine unerwartete Wende. „Vergangen“ ist dann die von mir überarbeitete Version.

 

Verpasste Kindheit 

Bei der Hochschulanmeldung wurde ich zunächst aufgefordert, erst einmal Platz zu nehmen und zu warten.

Kurze Zeit später betrat ein Polizist das Büro und bat mich, ihn auf das Revier zu begleiten, es gäbe dort eine wichtige Angelegenheit zu klären.

Arglos folgte ich dem Polizisten, weil ich mir keiner Schuld bewusst war und hoffte darauf, dass es sich lediglich um ein Missverständnis handeln könnte.

Ein älterer Offizier wühlte in staubigen Akten und zog kurz darauf ein vergilbtes Blatt hervor.

Es war ein Fahndungsplakat mit meinem Konterfei als fünfjähriges Kind.

Als gesuchter Kindesentführer stand unter einem Fahndungsfoto der Name meines Vaters…

 

Erläuterung:

Als Fehler sehe ich den Verstoß gegen die innere Logik der Fahndung an: Wenn jemand aktuell noch gesucht wird, muss das Fahndungsplakat griffbereit sein (im Regal), auch wenn es alt (vergilbt) ist.

Die Überschrift schien mir nicht zum Text zu passen, ich denke eher an „Zeitreise“ o.ä.: dass die Vergangenheit plötzlich gegenwärtig wird. Ich habe „Vergangen“ gewählt, weil das zwischen „Vergangenheit“ und „Vergehen“ (= Verbrechen) changiert.

Die anderen Änderungen betreffen Kleinigkeiten:

 

Vergangen

Im Sekretariat der Hochschule wurde ich gebeten, erst einmal Platz zu nehmen und zu warten. Kurze Zeit später betrat ein Polizist das Büro und forderte mich auf, ihn auf das Revier zu begleiten, es gebe dort eine wichtige Angelegenheit zu klären.

Arglos folgte ich dem Polizisten, weil ich mir keiner Schuld bewusst war; ich nahm an, dass es sich lediglich um ein Missverständnis handelte.

Im Polizeibüro holte ein älterer Wachtmeister eine Akte aus dem Regal und zeigte mir ein vergilbtes Blatt – ein Fahndungsplakat mit meinem Konterfei als fünfjähriges Kind. Unter einem Fahndungsfoto stand der Name des gesuchten Entführers: meines Vaters…

 

Merrill Lyew hat sich für den Titel „Die Anmeldung“ entschieden, weil „Vergangen“ sich so anhöre, als hätte sich der Vater am Kind vergangen. – Die Erzählung beruht auf einer Begebenheit in den USA, wo ein Vater nach der Scheidung sein Kind entführt hatte und untertauchen konnte; erst bei der Immatrikulation des Kindes sind die Behörden auf Unstimmigkeiten gestoßen.

Noch ein Beispiel: Ein Text Merrill Lyews:

Die Erbschaft

Herbert sitzt mit besorgtem Gesichtsausdruck, die zittrigen Hände im weißen Schopf, am Tisch im Esszimmer des kleinen Reihenhauses. Die dunkelblaue, nach Mottenkugeln riechende Jacke hängt an seinem hageren Körper wie ein ausgeleierter Kittel. Er wartet ungeduldig auf seinen Sohn, denn er will das Anliegen schnellstmöglich erledigen.

Günther hastet aus seinem Schlafzimmer zum Wandspiegel in der Diele. Schnell schiebt er seine Krawatte zurecht und glättet noch einmal sein Haar. Heute muss er gut aussehen, denn Susanne wartet auf ihn. Er kann es kaum erwarten. Deshalb schlägt er seinem Vater vor, ihn zuerst in Altenheim zu fahren und dann später noch einmal bei ihm vorbeizukommen. Schweren Herzens erklärt sich Herbert einverstanden, fügt aber mit weicher Stimme hinzu:

„Vergiss es bitte nicht, es ist sehr wichtig.“

Günther hört nur flüchtig hin.

„Ja, ja Vati“ erwidert er gelangweilt. „Ich komme bestimmt, du kennst mich doch. Jetzt müssen wir aber schnell zum Auto.“

Eine leichte Brise weht den Duft von frisch gemähtem Gras durch den Stadtpark. Susanne reagiert mit heftigem Niesen und rot werdenden Augen darauf. Sie wartete bereits auf der Parkbank am Brunnen, wo sie sich verabredet hatten.

„Ich merke schon, Du bist allergisch auf mich“, scherzt Günther als er auf sie zuläuft.

„Das glaube ich auch, du Witzbold.“

Susanne muss erneut niesen.

„Gehen wir ins Kino?“, fragt sie schniefend.

„Es ist ganz in der Nähe.“

„Was wird gezeigt?“

„Das Schloss“, antwortet die Kollegin.

Günther lässt sich kein zweites Mal bitten, trotzdem er in der Schulzeit das Originalwerk lesen musste. Für Susanne hätte er fast alles getan.
Es ist schon fast dunkel als die beiden aus dem Kino kommen.

Wieder zu Hause zieht Günther seine schwarzlackierten Schuhe aus, serviert sich ein Glas Scotch, setzt sich aufs Liegesofa und tastet nach der Fernsehfernbedienung auf dem Tisch dahinter. Da läutet ein Glockenschlag wie von Big Ben, es ist sein Handy.

„Ja, der bin ich“, antwortet Günther dem Anrufer freundlich. Plötzlich schaut er schreckensbleich mit weit geöffneten Augen ins Leere. Er muss heftig schlucken, um den Kloß in seinem Hals hinunterzuwürgen.

„Wie bitte?“, wispert er mit bebenden Lippen. „Wie… wieso tot? Ich …“

Sein vor Schwindel schwankender Blick fällt auf die Aktentasche, in der immer noch die unterschriftlose Erbschaftsurkunde seines Vaters steckt.

Die von mir überarbeitete Fassung:

Die Erbschaft

Herbert sitzt mit besorgtem Gesicht, die zittrigen Hände im weißen Haar, am Tisch im Esszimmer des kleinen Reihenhauses. Eine dunkelblaue, nach Mottenkugeln riechende Jacke hängt an seinem hageren Körper wie ein ausgeleierter Kittel. Er wartet ungeduldig auf seinen Sohn, denn er will sein Vorhaben möglichst bald erledigen.

Günther hastet aus seinem Schlafzimmer zum Wandspiegel in der Diele. Schnell schiebt er die Krawatte zurecht und glättet noch einmal sein Haar. Heute muss er gut aussehen, denn Susanne wartet auf ihn. Er kann es kaum erwarten, bei ihr zu sein. Deshalb schlägt er seinem Vater vor, ihn zuerst ins Altersheim zu bringen und dann später noch einmal bei ihm vorbeizuschauen. Schweren Herzens erklärt sich Herbert einverstanden, fügt aber mit weicher Stimme hinzu: „Vergiss es bitte nicht, es ist sehr wichtig; und vergiss die Tasche nicht!“ Günther hört nur flüchtig hin. „Ja, ja, Vati“, erwidert er unaufmerksam. „Ich komme bestimmt, du kennst mich doch. Jetzt müssen wir aber schnell zum Auto.“

Eine leichte Brise weht den Duft von frisch gemähtem Gras durch den Stadtpark. Susanne reagiert mit heftigem Niesen und geröteten Augen darauf. Sie wartet bereits zehn Minuten auf der Parkbank am Brunnen, wo sie sich treffen wollten.

„Ich merke schon, Du bist allergisch gegen mich“, scherzt Günther, als er auf sie zu geht. „Das glaube ich auch, du Witzbold.“ Susanne muss erneut niesen. „Gehen wir ins Kino“, fragt sie schniefend, „es ist ganz in der Nähe?“ „Was wird gezeigt?“ „Das Schloss“, antwortet die Kollegin. Günther lässt sich kein zweites Mal bitten, obwohl er in der Schulzeit dem Roman nichts abgewinnen konnte. Für Susanne hätte er fast alles getan.

Wieder zu Hause zieht Günther seine schwarzen Lackschuhe aus, serviert sich ein Glas Scotch, setzt sich aufs Liegesofa und tastet nach der Fernsehfernbedienung; er will sich ein wenig entspannen, ehe er zum Vater fährt. Da erklingt ein Glockenschlag wie von Big Ben, es ist sein Handy.

„Ja, der bin ich“, antwortet Günther dem Anrufer freundlich. Dann schaut er schreckensbleich mit weit geöffneten Augen ins Leere. Er muss heftig schlucken, um den Kloß in seinem Hals hinunterzuwürgen. „Wie bitte?“, wispert er mit bebenden Lippen. „Wie… wieso tot? Ich …“

Sein schwankender Blick fällt auf die Aktentasche, in der das Testament steckt, in dem nur noch Datum und Unterschrift seines Vaters fehlen.

Derzeit stört mich noch der Glockenschlag von Big Ben, der ist für ein Handy zu laut. Merrill hat dann meinen Text noch einmal leicht überarbeitet.

Verein deutsche Sprache

Dieser Tage bin ich dem „Verein deutsche Sprache“ beigetreten; über dessen Ziele und Aktivitäten kann man sich auf der Seite des Vereins informieren: http://vds-ev.de/ (Der Verein verfolgt das Ziel, die deutsche Sprache als eigenständige Kultursprache zu erhalten und zu fördern. […] Er will bewirken, dass Deutsch als vollwertige Wissenschaftssprache erhalten bleibt und als Arbeitssprache in internationalen Organisationen den ihr gebührenden Rang erhält.)

Mit 30 Euro (falls man abbuchen lässt, sonst 35,-) ist der Jahresbeitrag nicht hoch. Vielleicht wäre das auch etwas für dich, lieber Leser, diesem Verein beizutreten?

Aufgabe von Wörterbüchern: unklar

Es ist gar nicht so leicht, zwingend zu erklären, was die Aufgabe eines Wörterbuchs der deutschen Sprache ist: Soll ein Wörterbuch die „richtige“ oder die tatsächliche Schreibweise (und Bedeutung) von Wörtern dokumentieren?

Wenn man sich hierbei auf die tatsächliche Schreibweise festlegt, kommt man in Teufels Küche: Für jedes Wort gibt es viele Schreibweisen, die so stark voneinander abweichen, dass man oft kaum noch das gemeinte Wort erkennt; ich erinnere mich daran, dass am FMG ein Mädchen in der 5. Klasse einmal „vamudlech“ schrieb, womit sie „vermutlich“ meinte, was mir erst nach langem Nachdenken aufging.

Wenn man sich aber dafür entscheidet, ein Wörterbuch solle die richtige Schreibweise festlegen, stellt sich sogleich die Frage: Wer entscheidet denn, was die richtige Schreibweise ist? Im Streit um die letzte Rechtschreibreform und auch danach haben wir gesehen, dass letztlich oft nicht zu klären ist, was „richtig“ ist, und dass dann auch nicht klar ist, wer darüber entscheiden soll, was richtig ist: eine nationale Konferenz (Wer kommt da hinein? Nach welchen Maßstäben entscheidet sie?), eine internationale Konferenz der deutschsprachigen Länder? Ein schönes Beispiel dafür, wie penetrant und beinahe lächerlich der Versuch ist, aufgrund eigener Einsicht in die Sprachgeschichte gegen die tatsächlichen die „richtigen“ Schreibweisen durchsetzen zu wollen, ist „Kleines deutsches Wörterbuch für die Aussprache, Rechtschreibung, Biegung und Ableitung…“ von J. C. Adelung, in fünfter Auflage 1824 von Karl Benjamin Schade bearbeitet: https://archive.org/stream/bub_gb_5jgSAAAAIAAJ#page/n3/mode/2up; es genügt schon, die Artikel der ersten Seiten zu lesen, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie unsinnig das Bemühen ist, die eigene Einsicht zum einzigen Maßstab des Richtigen zu machen.

Letztlich wird sich ein Wörterbuch nach dem tatsächlichen Sprachgebrauch und der Schreibweise der halbwegs Kompetenten richten und die schlimmsten Auswüchse zu verhindern suchen – wobei wieder zu fragen ist, wer halbwegs kompetent ist und wann man von schlimmen Auswüchsen sprechen kann. Zu den halbwegs Kompetenten wird man die Schriftsteller und die großen Zeitungen zählen, aber über schlimme Auswüchse kann nur das eigene Sprachgefühl urteilen. So trägt man als jemand, der sich für halbwegs kompetent hält, durch seine Praxis des Sprechens und Schreibens dazu bei, dass die Sprache Deutsch bestehen bleibt.

Denkfehler bei zusammengesetztem Substantiv

„Hertha BSC könnte sich mit mindestens einem Punkgewinn gegen Darmstadt in der Tabelle vor Dortmund schieben.“ (www.kicker.de, 21.12.2016)

Hier sieht man schön, welche Schwierigkeiten der Umgang mit zusammengesetzten Hauptwörtern macht: „Punktgewinn“ ist aus „Gewinn“ und „Punkt“ zusammengesetzt; ein Punktgewinn ist der Gewinn eines Punktes (oder mehrerer Punkte). Das Grundwort ist also „Gewinn“: Ein Punktgewinn ist ein Gewinn. Das Bestimmungswort ist „Punkt“; damit wird angegeben, was denn gewonnen wird (vgl. https://norberto68.wordpress.com/2011/02/22/wortbildung-unterrichtsreihe/).

Gemeint war in dem Satz aus kicker.de, dass Hertha BSC mit Gewinn mindestens eines Punktes , also mit einem Unentschieden gegen Darmstadt, in der Tabelle an Dortmund vorbeiziehen könnte. Aber das steht da nicht, es wird durch „mindestens“ ausgeschlossen: Mindestens einen Punkt müsste die Hertha gewinnen. Richtig wäre es also, von einem Gewinnpunkt zu sprechen, also „Punkt“ zum Grundwort und „Gewinn“ zum Bestimmungswort zu machen. Hertha hat übrigens das Spiel und damit drei Punkte gewonnen.

Diesen Fehler, sich bei einem zusammengesetzten Substantiv gedanklich auf das Bestimmungs- statt auf das Grundwort zu beziehen, findet man übrigens häufig. Vgl. den älteren Beitrag https://norberto68.wordpress.com/2015/10/26/psychosomatische-klinikbetten-adjektiv-als-attribut/!