„Alternative Fakten“: Unwort des Jahres 2017

Unwort des Jahres 2017 ist „alternative Fakten“ (zu Recht!); kritisiert werden ebenfalls „Shuttleservice“ für die Seenotrettung der Flüchtlinge im Mittelmeer und „Genderwahn“ für den real grassierenden Genderwahn.

Das Unwort des Jahres ist eine sprachkritische Aktion, die in Deutschland 1991 von dem Frankfurter Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser ins Leben gerufen wurde. Bis 1994 wurde das „Unwort des Jahres“ im Rahmen der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) gewählt. Nach einem Konflikt mit dem Vorstand der GfdS machte sich die Jury als „Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres“ selbstständig.“ (Wikipedia)

Die Jury hat 2015 „Gutmensch“ als Unwort bestimmt, als Bezeichnung für die real existierenden Gutmenschen. Diese Tatsache wie auch die Platzierung von „Genderwahn“ zeigt, dass die Jury selber aus Gutmenschen besteht, die dem Genderwahn verfallen sind. Zu Recht hat sich die Gesellschaft für deutsche Sprache von der Jury getrennt; denn diese betreibt Politik, nicht Wissenschaft. „Alternative Fakten“ ist aber eine gute Wahl, das ist wirklich ein Unwort.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache ermittelt nun wissenschaftlich das „Wort des Jahres“. Es gibt auch eine österreichische Variante dazu (s. letzter Link).

http://www.deutschlandfunk.de/darmstadt-unwort-des-jahres-ist-alternative-fakten.1939.de.html?drn:news_id=839713

http://www.fr.de/leben/familie_lifestyle_tiere/lifestyle_mode/sensibilitaet-fuer-sprache-das-unwort-des-jahres-2017-heisst-alternative-fakten-a-1427354 usw.

https://de.wikipedia.org/wiki/Unwort_des_Jahres_%28Deutschland%29 (allgemein)

https://de.wikipedia.org/wiki/Wort_des_Jahres_(Deutschland) (Wort des Jahres)

https://gfds.de/aktionen/wort-des-jahres/

https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96sterreichisches_Wort_des_Jahres

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Niklas Luhmann: Das Deutsch der Geschlechter

Das Problem hat schon manche Glosse auf sich gezogen, aber es ist zu ernst, als dass man es den Linguisten überlassen könnte. Die Sprache bevorzugt, haben Frauen entdeckt, auf hintergründige Weise den Mann. Das sollte, wird dann gefordert, sprachpolitisch korrigiert werden. Und wie immer bei Politik ist die Bürokratie das Instrument, mit dem das Desiderat zur Ausführung – und zum Entgleisen gebracht werden kann.
Auf rein sprachlicher Ebene sieht die Sache zunächst recht einfach aus. Das Deutsch gehört mit einigen anderen, aber keineswegs allen Sprachen zu denjenigen, die eine Geschlechtszuweisung an Hauptwörter erzwingen. Sie erfolgt automatisch und bedarf keiner Spezifikation. Diese Automatik führt jedoch zu Ungerechtigkeiten, gerade in der Behandlung der Geschlechter. Bedürfte es der Spezifikation, könnte man sie vollziehen – oder auch weglassen. Man könnte nicht nur geschlechtsneutral (sächlich), man könnte ohne jeden Bezug auf das Geschlecht formulieren. Wenn das nicht möglich ist, muss man sich mit Korrekturen der Automatik, mit Gegenspezifikationen behelfen, wenn man besondere Aufmerksamkeit erzeugen will, und damit sind wir beim Problem.
Ein Sonderfall ist besonders illustrativ: der Mensch (homme, hombre, uomo usw., alles männlich). Das lässt unklar, ob, wenn vom Menschen die Rede ist, Frauen mit gemeint oder, meinen die Frauen, heimlich ausgeschlossen sind. Und noch schlimmer: wenn Worte wie homme zugleich Mann bedeuten. Im lateinischen Mittelalter konnte man Frauen noch als mas (oder masculus) occasionatus (oder imperfectus) bezeichnen – ein unvollständiger Mann, nun ja! Im Französischen wurde dann homme manqué daraus.

Wer beschreibt wen?
Wie immer im Sprachlichen kann man sich mit anderen Formulierungen aushelfen. Die Auffassung, dass die Sprache Weltsichten determiniere (die sogenannte Whorf-Sapir-Hypothese), wird heute kaum noch ernst genommen. Warum dann die Aufregung?

Zum Thema
Verständlich wird dies, wenn man die Angelegenheit in der Sichtweise der Kybernetik zweiter Ordnung betrachtet, also als Problem des Beobachtens von Beobachtungen und des Beschreibens von Beschreibungen. Die Frauen haben, das ist der Punkt, herausgefunden, dass sie in der bisherigen Geschichte von Männern beschrieben worden sind. Durch umfangreiche historische und vor allem literaturgeschichtliche Untersuchungen ist das inzwischen hinreichend dokumentiert. Aber erst wenn man überhaupt fragt „Wer beschreibt wen?“ und erst wenn man diese Frage mit Hilfe der Unterscheidung von Mann und Frau konkretisiert, ergibt sich unser Problem, ergibt sich die neue Empfindlichkeit in Bezug auf Sprachpolitik.

Die Bedeutungsebene
Im Anschluss an Linguistik und Kybernetik kann schließlich auch die Soziologie etwas dazu sagen. Ihre Analysen können zeigen, dass es kein Zufall ist, wenn sich in der modernen Gesellschaft Bedeutungen nur noch auf der Ebene des Beobachtens von Beobachtungen und des Beschreibens von Beschreibungen festsetzen können. Die moderne Gesellschaft hat alle natürlichen Vorrechte, alle privilegierten Positionen für richtige Beschreibungen der Welt aufgelöst. Entsprechend florieren Ideologien und Ideologiekritik, konstruktivistische Erkenntnistheorien, historischer und kultureller Relativismus; und die zusammenfassende Formel dafür ist eben, dass Stabilität nur gewonnen werden kann, wenn und soweit sie sich auf dieser Ebene des durchschauenden Beschreibens von Beschreibungen halten lässt.
Kein Wunder also, dass schließlich auch die Frauen (sei es von Männern, sei es von Frauen) beschrieben werden müssen als Wesen, die beobachten, wie sie beobachtet, und dann beschreiben, wie sie beschrieben werden. Und wenn es zutrifft, dass die Frauenbeschreibungen historisch vorwiegend von Männern angefertigt worden sind, lässt sich geradezu erwarten, dass diese Affektion mit Kybernetik zweiter Ordnung zuerst bei Frauen – beobachtet werden kann.

Die Frauen können nichts dafür
Geradezu zwanghaft erscheint dann auch die Epidemie sprachpolitischer Empfindlichkeiten. Sie ist, wie die neue, sozusagen postgrammatikalische Aufmerksamkeit für Sprache überhaupt, eine Konsequenz der Strukturen moderner Gesellschaft. Die Frauen können nichts dafür. Sie selbst sind das Opfer. Man muss ihnen helfen.
Frauen neigen nämlich zur Übertreibung, wie man in einer alten Tradition männlicher Beschreibungen sagen könnte. Wenn sie fromm sind, sind sie zu fromm. Wenn sie grausam sind, sind sie zu grausam. Wenn sie in Geschäften hart und rigide führen, gehen sie auch darin zu weit. Und wenn sie Sprachpolitik treiben, dann ohne hinreichende Rücksicht auf Sprache.
Fast muss man befürchten, dass sie demnächst die Unsinnin auf die Gipfelin treiben. Aber auch, wenn man derartige Vorahnungen beiseitelässt, gibt es genügend Missgriffe zu kritisieren. Am deutlichsten erscheint das Problem aus Gründen, die nur eine statistische Analyse klären könnte, an Worten, die mit Mi anfangen. „Ministerin“ ist zum Beispiel ein solcher Fehlgriff. Es handelt sich um ein lateinisches Wort, und Ministra steht als gut etablierte Fassung zur Verfügung. Aber auch „Mitgliederinnen“ (was man es zuweilen in Anreden wie „liebe Mitglieder und Mitgliederinnen“ schon hören kann) ist unerträglich. Was wäre der Singular? Und überhaupt: Mitglied ist, wie übrigens das Glied auch, sächlich. Es besteht also gar kein Anlass, eine Überschätzung des Männlichen abzuwehren. Wenn es dann doch geschieht, müssten die Männer schließlich verlangen, als Mitgliederer angesprochen zu werden.
[„Postgrammatikalische Aufmerksamkeit“: Ein bislang unveröffentlichter Text aus dem Nachlass des 1998 verstorbenen Bielefelder Soziologen Niklas Luhmann zur Logik politischer Korrektheit und ihrer sprachlichen Gleichstellungsversuche.]
FAZ 30.09.09

Hier sieht man einmal mehr, zu welchem Unsinn sich die feministische Gesinnung verführen lässt bzw. welchen sie produziert. 

Deutsche Vorsilben und Nachsilben

Eine vollständige Übersicht über die deutschen Vor- und Nachsilben findet man in:

Johann August Eberhards synonymisches Handwörterbuch der deutschen Sprache. 16. Auflage, bearbeitet von Otto Lyon. Leipzig 1904, S. XX ff. (bzw. S. XI ff.: Vergleichende Darstellung der deutschen Vor- und Nachsilben):

A. Die Vorsilben oder Präfixe

Ab

Aber

After

Allenfalls

Aller

An

Ant

Auf

Aus

Auseinander

Außer

Be

Bei

Dar

Durch

Ein

Ent

Emp

Er

Erz

Fort

Ge

Gegen

Her

Herab

Heran

Herauf

Heraus

Herbei

Herein

Hernieder

Herum

Herunter

Hervor

Herzu

Hin

Hinter

Los

Miß (= Miss)

Mit

Nach

Neben

Nieder

Nicht

Ober

Ohn und Ohne

Über

Um

Un

Unter

Ur

Ver

Voll

Vor

Vorüber

Weg

Wider

Wieder

Wohl

Zer

Zu

Zusammen

B. Die Nachsilben oder Suffixe

Bar

Chen, Lein

D (s. -end)

De

E

Ei

El

Eln

En

End

Er

Ern

Fach und -faltig, -fältig

Ft

Haft

Halb

Hand

Heit

Ich

Icht

Ig

In

Ing

Ieren

Isch

Ist

Keit (s. -heit)

Lei

Lein (s. -chen)

Lich

Los

Mal

Nis

Sal

Sel

Selig

Sam

Schaft

Ste

T (te)

Te

Tel

Tum

Ung

Wärts

Zehn

Zig

Also dann: Auf ins Studieren der Vor- und Nachsilben!

Schriften – eine Probe

Man sollte einige Zeilen schreiben,

mit Unterlängen und querfeldein [Athelas] —

Alle Schriften sind in der Größe 14 wiedergegeben. Sie sollen gut lesbar sein: Ober- und Unterlängen aufweisen, die Buchstaben sollen nicht zu dicht stehen, nicht so verschnörkelt wie diese [Apple Chancery] sein:

Athelas

Avenir (Next)

Book Antiqua

Bookman Old Style

Cambria Math

Cochin

Comic Sans SM

Didot

Futura zu fett?

Garamond etwas größer?

Iowan Old Style

Meyrio

Optima

Palatino

Perpetua größer?

Thonburi

Trebuchet MS

YuMincho

Diese Schriften habe ich in die nähere Wahl gezogen – wenn man öfter probiert, kommen immer andere Ergebnisse heraus [YuMincho].

P.S. Nach mehrmaligem Probieren halte ich an Avenir Next und Book Antiqua fest.

Neue Iglu-Studie: Ergebnisse für das Lesen

Deutsche Grundschüler fallen beim Lesen international zurück“, kann man heute im „Tagesspiegel“ lesen: http://www.tagesspiegel.de/wissen/neue-iglu-studie-deutsche-grundschueler-fallen-beim-lesen-international-zurueck/20670744.html. Das ist das Ergebnis der Iglu-Studie von 2016. Der Beitrag im „Tagesspiegel“ ist sehr informativ. Weiterer Bericht: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/studie-20-prozent-der-viertklaessler-koennen-nicht-richtig-lesen-15325389.html

Das ist sicher einmal das Ergebnis einer Bildungs-Sparpolitik sowie einer ideologischen Aufweichung elementarer Einsichten dessen, was in der Schule geübt werden muss. Es ist aber auch ein Versagen der Eltern: Unsere beiden Töchter konnten lesen, ehe sie in die Schule kamen – und das nicht deshalb, weil wir etwas erzwungen oder gedrillt hätten. Die ältere Tochter hat das Lesen mittels der Beschriftung auf Milchflaschen gelernt (von sich aus, durch Fragen), die jüngere wollte auf einmal nicht mehr die einzige im Haus sein, die nicht lesen kann, und hat es innerhalb zweier Wochen von der älteren gelernt.

Ich sehe oft, wenn ich ins Fitness-Studio gehen, Kinder, die mit ihren Eltern zur logopädischen Betreuung gehen und dort mit Bauklötzen spielen, während die Mutter daneben sitzt: Kann man nicht auch zu Hause mit seinem Kind mit Bauklötzen spielen? Oder im Wartezimmer: Mama starrt auf ihr iPhone, das Kind sitzt isoliert daneben – sie gehen zur Logopädie: Wen wundert es, dass das Kind nicht richtig sprechen kann, wenn Mama lieber mit der Maschine als mit ihrem Kind spricht?

Kurt Tucholsky: Gedichte – für die Schule

Im Gedicht „Die geschiedene Frau“ (1929) denkt diese zum Schluss:

     „Aber das ist schließlich überall

     der erste Mann ist stets ein Unglücksfall.

     Die wahre Erkenntnis liegt unbestritten

    etwa zwischen dem zweiten und dem dritten.

Dann weißt du. Vom Wissen wird man nicht satt,

aber notdürftig zufrieden, mit dem, was man hat,

Amen.“

Diese weise Resignation ist herrlich, aber Schüler können sie so noch nicht verstehen. Das ist ein Kriterium dafür, manche Gedichte Tucholskys hier nicht aufzunehmen, auch wenn sie gut sind. Das zweite Kriterium: Wenn ein Gedicht stark auf tagespolitische Ereignisse der Vergangenheit bezogen ist, kann man es selbst als Lehrer kaum, als Schüler nicht verstehen – also streichen! Von den verbleibenden Gedichten habe ich die ausgewählt, die mir gefielen und die ich für die Schule für geeignet hielt: auf dass es neben Kästner auch Kurt Tucholsky als einen Repräsentanten der Neuen Sachlichkeit bzw. der Weimarer Republik gebe. Ich habe mich bei der Auswahl an den Gedichten orientiert, wie sie auf der Seite textlog.de angeboten werden (http://www.textlog.de/tucholsky-deutschland.html); sämtliche Gedichte Tucholskys sollte man auf der Seite https://tucholsky.de/gedichte/ finden, wo sie aber alphabetisch geordnet sind – textlog.de ordnet sie (grob) nach dem Datum der Veröffentlichung, und da genauer als die Seite tucholsky.de.

Nach dieser schönen Vorrede nun die Liste der Gedichte, die man vielleicht in der Schule (Kl. 10-13) lesen könnte:

Die Schule

Wider die Liebe

Auf ein Frollein

Park Monceau

Zu tun! Zu tun!

Zweifel

Nächtliche Unterhaltung (?)

Zwei Seelen

An meinen Sohn

Der Rhein und Deutschlands Stämme

Das Ideal

Nebenan

Masse Mensch“

Liebespaar am Fenster

Bürgerliche Wohltätigkeit

Augen in der Großstadt (parallel: Fahrgäste)

Danach

Die Redensart

Stationen

Die Gefangenen

Also wat nu – ja oder ja?

Warte nicht!

Die Herren Eltern (dazu Frau Schnier in Böll: Ansichten eines Clowns)

Weitere Seiten mit Tucholsky-Gedichten:

http://gedichte.xbib.de/gedicht_Tucholsky.htm

https://www.gedichte.com/gedichte/Kurt_Tucholsky

Eine Rezension schreiben

Zunächst einige Beispiele aus meiner Feder:

https://norberto42.wordpress.com/2017/06/25/p-von-matt-fertig-ist-das-angesicht-gelesen-2/

https://norberto42.wordpress.com/2016/11/05/willemsen-das-hohe-haus-2014-besprechung/

https://also42.wordpress.com/2017/06/23/ch-taylor-das-sprachbegabte-tier-2017-rezension/

http://re-visionen.net/rezension-thomas-steinfeld-herr-der-gespenster/

Was man im Netz unter „Rezension schreiben“ oder „Rezension Aufbau“ findet:

http://www.schreibsuchti.de/2013/03/28/buchrezension-schreiben-so-geht-s-tipps-fuer-aufbau-und-sprache/ (Anleitung, mit Beispiel)

http://www.dr.von-goeler.de/Leitfaden_Buchrezension.pdf (umfangreiche Anleitung)

https://www.textbroker.de/wie-sie-eine-gelungene-rezension-verfassen

http://www.literaturzeitschrift.de/rezension/

https://lehrerfortbildung-bw.de/u_sprachlit/deutsch/gym/bp2004/fb3/02_feld/3_form/1_rezension/1_bspl/ (Anleitung, wie Lehrer ihre Schüler befähigen sollen, Rezensionen zu schreiben – kann man auch unabhängig vom Lehrer durcharbeiten)

Mit Herrn Löhr, dem Eigentümer der Seite re-visionen, konnte ich mich nicht einigen, ob die Ich-Form für eine Rezension angebracht ist (Dr. von Goeler sagt: nicht ausufern lassen!); ich meine, es sei ehrlicher, sich nicht hinter einer scheinbaren Allgemeingültigkeit („man“, „der Leser“) zu verstecken, zumal da man mit seinem Namen für die Rezension geradesteht. Herr Löhr stritt das ohne weitere Begründung ab.

Ich habe daraufhin geprüft, was andere Leute sagen:
https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/rezension
 (keine Äußerung zur Form)

http://www.fachdidaktik-einecke.de/9c_Meth_Textproduktion/rezension.htm (mit „ich“)

http://www.schreibsuchti.de/2013/03/28/buchrezension-schreiben-so-geht-s-tipps-fuer-aufbau-und-sprache/ („ich“ gebraucht)

https://de.wikipedia.org/wiki/Literaturkritik :

Weit populärer [als fachwissenschaftliche Rezensionen, N.T.] sind jedoch die kleineren publizistischen Formen, die ihren Niederschlag in Fachzeitschriften und vor allem im Feuilleton von Zeitungen und Zeitschriften finden:

  • in Literaturrezensionen, die als essayartige Abhandlungen analog zum literaturwissenschaftlichen Ansatz für ihre noch sehr weitgehende, Quellen kennzeichnende und mehrere Seiten umfassende Analyse eines Werkes jedoch eine literarische Ausformung suchen, meist in zuspitzender Pointierung, bei negativer Bewertung zuweilen sogar als Polemik. Autoren solcher Literaturkritiken machen sich selbst dabei als Person durchaus kenntlich und nutzen für diese Art der Rückschau auf ein literarisches Werk zumeist die Ich-Perspektive.
  • in Literaturrezensionen bzw. Buchbesprechungen, die vergleichsweise knapp den Inhalt eines Werkes nur noch andeuten – ohne z. B. das Ende zu verraten – und dem dann eine etwas ausführlichere Bewertung des Gesamteindrucks anfügen. Sie umfassen in der Regel ein bis drei Normseiten, als Kurzhinweise zuweilen weit weniger. Autoren solcher Literaturkritiken bleiben als Person im Hintergrund. Selbst ihre namentliche Signatur am Ende ihrer Artikel wird bei Zitaten nicht selten unterschlagen und nur noch das sie veröffentlichende Printmedium genannt. Sehr große Verbreitung finden Literaturrezensionen im Internet, wobei hier inzwischen vermehrt auch auf reine Kundenmeinungen abgehoben wird.“

Äußerungen einzelner Fachleute zur Streitfrage:

  • also, Beispiele für subjektive Rezensionen gibt es en masse (Heinrich Böll etwa). Die These Ihres redakteurs ist schon mal literaturhistorisch haltlos“ (Hartmut Finkeldey)
  • Lieber Herr Tholen,das liegt in Ihrem Ermessen und dem Ihrer Redaktion. Es ist in den Feuilletons eher unüblich, aber durchaus manchmal gerechtfertigt. Wenn es für einen privaten Blog ist, dann würde ich so schreiben, wie es Ihnen in der Feder liegt. Wichtig ist, unabhängig von Ich-Form, ohnehin die Argumentation und Begründung.“ (Insa Wilke)
  • Sehr geehrter Herr Tholen, Rezension ist ja ein Sammelbegriff für verschiedene, eher kreative Textsorten, es kommt auf den Kontext an, sowohl auf das besprochene Werk als auch auf das Publikationsorgan, in das sich die Rezension stimmig einfügen (und doch darin etwas Besonderes darstellen) muss. Grundsätzlich ein Ja, auch wenn es eher unüblich ist, daher sollte ein Grund, weshalb ein Ich spricht, erkennbar werden. Sie sollten es (aus dem Werk oder dem Kontext heraus) motivieren (was nicht explizit sein muss und nur für den geübten Leser erkennbar sein kann).“ (Prof. Dr. Stefan Neuhaus)
  • Ich-Texte sind jedenfalls kein Standard. Erste Anregungen zum Thema finden Sie vielleicht schon hier in meiner Kolumne von 2011 zum Thema: https://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article13109870/I-wie-Ich.html(Marc Reichwein) [Diese Kolumne ist ausgesprochen geistreich und lesenswert!]

Kästner-Gedichte für die Schule

Folgende 20 Kästner-Gedichte schlage ich für die Lektüre (und das laute Sprechen!) in der Schule vor:

Die Tretmühle

Herr im Herbst

Der Scheidebrief

Die Zunge der Kultur reicht weit

Mädchens Klage

Sachliche Romanze

Das Gebet keiner Jungfrau

Kurt Schmidt, statt einer Ballade

Misstrauensvotum

Ansprache an Millionäre

Sogenannte Klassefrauen

Gewisse Ehepaare

Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag

Konferenz am Bett

Von faulen Lehrern

Die Entwicklung der Menschheit

Der Handstand auf der Loreley

Der synthetische Mensch

Der geregelte Zeitgenosse

Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?

Die Reihenfolge hier entspricht im Wesentlichen der Abfolge, wie sie in Kästners Gedichtbänden veröffentlicht sind; nur „Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?“ ist bewusst an den Schluss gestellt, weil der Autor sich darin mit der Kritik an seinen Gedichten auseinandersetzt. „Mädchens Klage“ und „Das Gebet keiner Jungfrau“ stellen ausgezeichnete Alternativen zur „Sachliche[n] Romanze“ dar!

Ich habe die Gedichte sowohl nach ästhetischen wie nach thematischen Gesichtspunkten ausgewählt; fortgelassen sind die, welche allzu zeitgebunden waren: So ist die Kritik am Militarismus heute für die BRD überholt. „Sachliche Romanze“ habe ich gegen mein ästhetisches Empfinden aufgenommen, weil es in allen Lesebüchern für Klasse 8/9 steht, obwohl die Schüler in diesem Alter das Ende einer achtjährigen Liebesbeziehung nicht nachvollziehen können.

Da Kästners Gedichte für Erwachsene (oder die Zeitschrift „Jugend“ und damit für Jugendliche) geschrieben sind, schlage ich vor, sie nicht vor Klasse 9 zu lesen; manche sind sogar erst ab Kl. 10 oder 11 zu verstehen – den Wettlauf um „möglichst früh“ sollte man nicht mitmachen!

Man sollte Kästners „Prosaische Zwischenbemerkung“ über seine Gebrauchslyrik kennen, wenn man sich mit seinen Gedichten beschäftigt (in „Die literarische Welt“ vom 28. März 1929, https://nellydeutsch.files.wordpress.com/2014/01/kaestner-gebrauchslyrik.docx = http://www.stiftikus.de/lyrik/kaestbem.doc).

Literaturportale im Netz

Es gibt verschiedene Portale, die europäische Literatur und anderes anbieten, ohne dass man etwas zahlen oder sich anmelden müsste – leider erst dann, wenn das Urheberrecht erloschen ist:

http://www.zeno.org/ (sehr übersichtlich, aber kleine Schrift)

http://gutenberg.spiegel.de/ (größere Schrift, aber nicht übersichtlich: Man kann nur Seite für Seite umblättern!)

https://www.offenesbuch.com/ (übersichtlich und große Schrift)

http://archive.org/search.php? (viele digitalisierte Bücher, auch Erstdrucke, deutsche Bücher oft in Frakturschrift)

Vgl. ferner

https://wiki.zum.de/wiki/Literaturportale

https://bbb.neteler.org/buecher/

http://www.poetenladen.de/litlinks3.html

http://www.wikiservice.at/buecher/wiki.cgi?LiteraturPortale

http://www.oezb-verlag.de/index.php?option=com_content&view=article&id=1&Itemid=82