Die Zeit in der deutschen Sprache

wie sie sich in Daniel Sanders’ „Deutscher Sprachschatz geordnet nach Begriffen“ (1873, S. 107 ff.) darbietet:

Zeit allgemein

Das Immersein, Ewigkeit / Das Nimmersein

Das lange Sein, Dauer, Bestand / das kurze Sein, Vergänglichkeit; Vergang, Flucht der Zeit

Zeit(be)rechnung, Zeit-Messung, -Maß etc. / Verstoss wider – oder Nichtbeachtung von – Zeit-(Be)rechnung, -Maß etc.

Daseins-, Lebens-, Jahres-, Tages-Zeiten etc.

Rechtzeitigkeit; freie Zeit; Benutzung der Zeit / Unzeitigkeit; Zeitmangel; Nichtbenutzung der Zeit

Das Frühsein / Das Spätsein

Priorität / Posteriorität

Gleichzeitigkeit

Zwischenzeit

Gegenwart

Vergangenheit / Zukunft

Häufigkeit / Seltenheit

Periodicität / Unregelmäßigkeit

Diesen Gesichtspunkten sind jeweils Substantive, Zeitwörter, Adjektiva und Adverbia zugeordnet, diese meist in Wörter/Gegenwörter unterteilt. Das ist ein schönes Gerüst, um Wortschatzübungen zu machen.

Register und Konkordanz als Hilfsmittel

In der SZ vom 12. Oktober 2022, S. 11, hat Lothar Müller ein bemerkenswertes Buch besprochen: Dennis Duncan: Index, eine Geschichte des. Vom Suchen und Finden. Aus dem Englischen von Ursel Schäfer. Verlag Antje Kunstmann, München 2022 (30 Euro)

Duncan erklärt, wieso die Erfindung des Sachregisters durch Robert Grosseteste und der Wortkonkondanz durch Hugo von Saint-Cher die Lektüre revolutioniert haben, indem sie einen ganz neuen Zugriff auf Bücher ermöglichten. „Buchregister sind analoge Suchmaschinen.“ (L. M.) Voraussetzung für deren Einsatz ist die Existenz von Kodizes („ein Stapel Blätter, die gefaltet und am Rücken gebunden werden“), also von gebundenen Büchern, deren Seiten nummeriert sind. Beide Einrichtungen, Register und Konkordanz, sind dem Leser verpflichtet, der einen raschen thematischen Zugriff auf ein Buch braucht. Während die Konkordanz auf reiner Fleißarbeit beruht, stecken in der Anlage eines Registers (oder Index) viele Entscheidungen, unter welchem Schlagwort oder Begriff man etwas erfasst. Duncan betrachte das Registermachen als eine Form der Autorschaft. – Auf künstlerische Experimente mit Registern gehe ich hier nicht ein; ich wollte nur die Bedeutung von Konkordanz und Register für Lehrer und Schüler bewusst machen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Register_(Nachschlagewerk)

https://d-nb.info/981535631/04 (R. Fugmann: Das Buchregister. Methodische Grundlagen und praktische Anwendung)

https://d-indexer.org/grundsaetzliches/ (über Indexing)

https://praxistipps.chip.de/was-ist-ein-index-einfach-erklaert_41562 (Was ist ein Index?)

https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Grosseteste (Robert Grosseteste)

https://plato.stanford.edu/entries/grosseteste/ (dito)

https://www.mittelalter-lexikon.de/wiki/Robert_Grosseteste (dito)

http://dibb.de/robert-grosseteste.php (dito)

https://de.wikipedia.org/wiki/Konkordanz_(Textwissenschaft) (Konkordanz)

https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/konkordanz/ch/dbd73e44548e26789327d82e08158dc0/ (Konkordanz: Bibel)

https://www.bibel-online.net/kleinekonkordanz_a-e/ (kleine Bibelkonkordanz – Beispiel)

https://www.bibleserver.com/ (große deutsche Konkordanz – man kann in mehreren Übersetzungen suchen!)

https://de.wikipedia.org/wiki/Hugo_von_Saint-Cher (Hugo von St.-Cher)

https://www.deutsche-biographie.de/pnd118707957.html (dito)

https://de.wikibrief.org/wiki/Hugh_of_Saint-Cher (dito)

https://www.wikiwand.com/de/Hugo_von_Saint-Cher (dito, mit Zugang zu seiner Konkondanz)

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/dennis-duncans-buch-index-eine-geschichte-des-18313531.html (Besprechung des Buches in der FAZ; die Besprechung in der SZ gibt es nur gegen Geld zu lesen)

Eine Parabel von der gerechten Beurteilung: „Die Schnellläufer“

Hans Chr. Andersen: Die Schnellläufer

Ein Preis war ausgesetzt, sogar zwei Preise, ein kleiner und ein großer, für die größte Schnelligkeit, aber nicht in einem einzigen Lauf, sondern über das ganze Jahr verteilt.

»Ich bekam den ersten Preis«, sprach der Hase; »Gerechtigkeit muss schließlich sein, wenn Verwandte und gute Freunde im Preisrichterkollegium sitzen; dass aber die Schnecke den zweiten Preis erhielt, finde ich fast beleidigend für mich!«

»Nein,« versicherte der Zaunpfahl, der Zeuge bei der Preisverteilung gewesen war, »man muss auch Fleiß und den guten Willen berücksichtigen; das sagten mehrere achtbare Preisrichter, und das habe ich wohl begriffen. Die Schnecke hat freilich ein halbes Jahr gebraucht, um über die Türschwelle zu gelangen; allein, sie hat sich einen Schaden zugezogen, hat sich das Schlüsselbein gebrochen bei der Eile, die es doch für sie war. Sie hat ganz und gar für ihren Lauf gelebt, und sie lief mit ihrem Hause auf dem Rücken! Das alles ist sehr charmant, und sie bekam deshalb auch den zweiten Preis.«

»Mich hätte man doch auch berücksichtigen können«, sagte die Schwalbe; »ich sollte meinen, dass niemand sich schneller als ich im Flug und Schwung gezeigt hat. Und wie weit bin ich herumgekommen, weit, weit, ganz weit!«

»Ja, das ist gerade Ihr Unglück«, sprach der Zaunpfahl, »Sie sind zu flatterhaft! Immer müssen Sie auf die Fahrt, sogar ins Ausland, wenn es hier zu frieren beginnt. Sie haben keine Vaterlandsliebe! Sie konnten deshalb nicht berücksichtigt werden.«

»Wenn ich nun aber den ganzen Winter hindurch in der Moorheide läge«, erwiderte die Schwalbe, »wenn ich also die ganze Zeit schliefe, würde ich dann in Betracht gezogen?«

»Bringen Sie eine Bescheinigung der alten Moorfrau, dass Sie die halbe Zeit im Vaterland verschlafen haben, dann sollen Sie berücksichtigt werden.«

»Ich hätte eigentlich den ersten Preis und nicht den zweiten verdient«, sprach die Schnecke. »Denn ich weiß genau, dass der Hase nur aus Feigheit gelaufen ist, weil er jedes Mal meinte, es sei Gefahr im Verzug. Ich hingegen habe mir Laufen zur Lebensaufgabe gemacht und bin im Dienst zum Krüppel geworden. Sollte überhaupt jemand den ersten Preis bekommen, dann wäre ich es. – Aber ich verstehe es nicht, mich vorzudrängen, so etwas verachte ich.«

»Ich kann mit Wort und Rede dafür geradestehen, dass jeder Preis – wenigstens mit meiner Stimme – unter dem Aspekt der Gerechtigkeit gegeben worden ist«, sprach der alte Grenzpfahl im Wald, der Mitglied des entscheidenden Richterkollegiums war. »Ich gehe stets systematisch, mit Überlegung und Berechnung vor. Siebenmal habe ich früher bereits die Ehre gehabt, bei der Preisvergabe dabei zu sein und mitzustimmen, aber erst dieses Mal habe ich mich durchsetzen können. Ich bin bei jeder Abstimmung von etwas Bestimmtem ausgegangen; ich bin beim ersten Preise von vorne im Alphabet, beim zweiten von hinten ausgegangen. Passen Sie nun gut auf, ich will Ihnen das genau erklären. Der achte Buchstaben von A aus ist H, da haben wir den Hasen, und deshalb erkannte ich dem Hasen den ersten Preis zu; der achte Buchstabe von hinten ist S, und deshalb erhielt die Schnecke den zweiten Preis. Das nächste Mal wird ein Tier mit I erster und eines mit R zweiter. Es muss bei allen Dingen Ordnung herrschen! Man muss für sein Urteil immer ein bestimmtes Kriterium haben.«

»Ich hätte freilich für mich selbst gestimmt, wenn ich nicht unter den Richtern gewesen wäre«, sagte der Maulesel, der gleichfalls Preisrichter war. »Man muss nicht allein die Schnelligkeit berücksichtigen, mit welcher man vorwärts kommt, sondern auch andere Eigenschaften, zum Beispiel wie viel jemand zu ziehen vermag. Doch das wollte ich dieses Mal nicht hervorheben, auch nicht die Klugheit des Hasen auf der Flucht, wenn er plötzlich einen Sprung seitwärts macht, um die Verfolger auf eine falsche Fährte zu leiten, damit sie nicht wissen, wo er steckt. Nein, es gibt noch etwas, worauf viel Gewicht liegt und das man nicht außer Acht lassen darf – ich meine das, was man das Schöne nennt. Auf das Schöne richtet sich hauptsächlich meine Aufmerksamkeit; ich schaute mir die schönen, wohlgeformten Ohren des Hasen an, es ist eine wahre Freude zu sehen, wie lang die sind. Mir kam es vor, als sähe ich mich selber in meiner Kindheit Tagen, und so stimmte ich für den Hasen!«

»Pst«, sagte die Fliege, »ich will keine Rede halten, ich will nur kurz etwas sagen, – will nur sagen, dass ich mehr als einen Hasen eingeholt habe. Letzthin zertrümmerte ich einem der jüngsten die Hinterläufe; ich saß auf der Lokomotive vorn am Bahnzug – das tue ich oft, man erlebt so am besten seine eigene Schnelligkeit. Ein junger Hase lief lange Zeit vor der Lokomotive her, er hatte keine Ahnung, dass ich zugegen war; endlich aber musste er ausweichen, aber da zerschmetterte die Lokomotive ihm die Hinterbeine, denn ich saß auf ihr. Der Hase blieb liegen, ich fuhr weiter. Das heißt doch wohl ihn besiegen! – Allein, ich brauche den Preis nicht.«

»Mir scheint freilich«, dachte die wilde Rose, aber sie sagte es nicht, denn es ist nun einmal nicht ihre Natur, sich auszusprechen, obwohl es gut gewesen wäre, wenn sie es getan hätte – »mir scheint freilich, dass der Sonnenstrahl den ersten Ehrenpreis und auch den zweiten hätte bekommen müssen. Der Sonnenstrahl fliegt im Nu den unermesslichen Weg von der Sonne zu uns herab und kommt mit einer Kraft an, dass die ganze Natur dabei erwacht. Er besitzt eine solche Schönheit, dass wir Rosen alle erröten und duften. Das hohe Gericht scheint dies gar nicht bemerkt zu haben! Wäre ich der Sonnenstrahl, dann bekäme jeder von ihnen einen Sonnenstich – allein, der würde sie nur toll machen, aber das werden sie ohnehin. Ich sage nichts!« dachte die wilde Rose. »Friede soll im Wald herrschen! Herrlich ist’s, zu blühen, zu duften und zu leben, in Sang und Sage fortzuleben. Der Sonnenstrahl überlebt uns doch alle!«

»Was ist der erste Preis?« fragte der Regenwurm, der die Zeit verschlafen hatte und nun erst hinzukam.

»Der besteht im freien Zutritt zu einem Kohlgarten«, antwortete der Maulesel; »ich habe diesen Preis vorgeschlagen. Der Hase musste und sollte ihn haben, und so nahm ich als vernünftig denkendes und handelndes Mitglied Rücksicht auf den Nutzen dessen, der ihn erhalten sollte; jetzt ist der Hase versorgt. Die Schnecke darf auf dem Zaun sitzen und sich an Moos und Sonnenschein erfreuen; sie ist ferner zu einem der ersten Preisrichter beim Schnelllaufen bestimmt worden – es ist sehr viel wert, Fachleute im Komitee zu haben. Ich muss sagen, ich erwarte viel von der Zukunft; wir haben schon einen recht guten Anfang gemacht!«

Als ehemaliger Lehrer interessiert mich eine Parabel über die gerechte Bewertung von Leistungen, die in Hans Christian Andersens Erzählung „Die Schnellläufer“ vorliegt. Darin wird ausgezeichnet, wer „die größte Schnelligkeit … über das ganze Jahr verteilt“ erbracht hat. Dieses Kriterium ist in sich unsinnig, denn die größte Schnelligkeit kann man nur in einem bestimmten Lauf erzielen; es ist aber so gefasst, damit auch die Schnecke zum Zuge kommen kann, die schließlich den zweiten Preis bekommt, während der schnelle Hase den ersten Preis davonträgt.

Im Gespräch verschiedener Teilnehmer wird die Preisverleihung diskutiert, wobei die Diskutanten sowohl sich selbst wie auch ihre Kriterien bloßstellen. Das Gespräch dreht sich i. W. um die Fragen,

  • warum der Hase den ersten Preis errungen hat,
  • warum die Schnecke den zweiten Preis bekommen hat,
  • warum die Schwalbe keinen Preis gewonnen hat;

die Rose schließlich lehnt den ganzen Wettbewerb ab.

Warum hat der Hase gewonnen? Nicht weil er schnell gelaufen ist, sondern weil er Verwandte und Freunde im Preisrichterkollegium hat (so der Hase), weil er beim Laufen Haken schlägt, weil er so schöne lange Ohren hat (so der Maulesel) und weil H wie Hase der achte Buchstabe im Alphabet ist (so der Grenzpfahl). Diese Argumente sind so lächerlich wie die Begründungen dafür, dass ausgerechnet der Schnecke (schon in sich ein Witz!) der zweite Preis zuerkannt worden ist.

Bleibt noch zu klären, warum die Schwalbe keinen Preis gewonnen hat, obwohl sie doch am schnellsten fliegt (so die Schwalbe). Das begründet der Zaunpfahl – ausgerechnet ein Zaunpfahl und ein Grenzpfahl als Preisrichter, die sich um keinen Zentimeter bewegen können! – ganz unsachlich damit, dass die Schwalbe auch ins Ausland fliegt, ergo keine Vaterlandsliebe habe, aber für einen Preis in Betracht käme, wenn sie den Winter in der Moorheide verschliefe, also sich durchaus nicht bewegte (paradox!); die „Vaterlandsliebe“ zählt eben mehr als die Leistung.

Über die Arroganz der Fliege braucht man kein Wort zu verlieren; die Überlegungen des Grenzpfahls und des Maulesels sprechen für die Willkür, nach der die Leistungen der verschiedenen Tiere bewertet werden. Der Clou steht am Schluss: Die Schnecke wird zum Preisrichter beim Schnelllaufen ernannt, weil man ja schließlich Fachleute im Komitee haben muss.

Die Rose beteiligt sich nicht am Streitgespräch, sondern weist in ihren stillen Überlegungen alle Begründungen der Diskutanten zurück: Sie verweist auf die Schnelligkeit des Lichtes und die Schönheit der Sonne, welche die Rosen zum Leben erweckt (wieder die egozentrische Sicht). Aber dann kommt ihr entscheidendes Argument, das die ganze Preisrichterei als sinnlos erklärt: „Herrlich ist’s, zu blühen, zu duften und zu leben…“ Und wenn man dabei rennt, ist es auch gut; es braucht aber nicht ausgezeichnet zu werden. Mir scheint, dass die Rose das ausspricht, was Andersen mit seiner Parabel „sagen“ will – wenn man denn fragt, was er wohl sagen will, und sich nicht einfach an der herrlichen Geschichte erfreut.

Wenn man, ohne die Rose zu hören, über eine gerechte Bewertung der schnellen Bewegung nachdenkt, muss man natürlich Schwalbe und Hase als mögliche Sieger berücksichtigen, während die Fliege und erst recht die Schnecke dafür nicht in Betracht kommen; denn es wird nach der der größten Schnelligkeit gefragt – das ist eine eindeutige Frage (allerdings ohne den Zusatz „über das ganze Jahr verteilt“).

Die Erzählung erinnert mich an einen Cartoon, der vor 50 Jahren unter progressiven Lehrern verbreitet war: Da standen, wenn ich mich recht erinnere, ein Pinguin, ein Affe, ein Elefant und noch ein Tier – sagen wir Hase oder Igel – vor einer Palme und bekamen den Auftrag (= die Aufgabe), den Baum hochzuklettern; klar ist, dass nur der Affe diese Aufgabe lösen kann. Mit dem Cartoon wurde dagegen polemisiert, dass in der Schule allen Schülern die gleichen Aufgaben gestellt werden, obwohl vermeintlich klar ist, dass manche sie gar nicht lösen können, also mit einer Benotung ihrer Leistung zu Unrecht bestraft werden. Nun kann man natürlich zweifeln, ob die Unterschiede zwischen Kindern angesichts der schulischen Aufgaben so groß sind wie die zwischen Affe und Pinguin beim Klettern; unbestritten ist, dass es Unterschiede in der Begabung gibt. Aber wenn man nicht alle nach dem Kriterium der Leistung beurteilt, sondern die Aspekte des Hasen, des Maulesels, des Grenz- und des Zaunpfahls beachtet, dann landet man wieder in der Ständegesellschaft, wo Geld und Beziehungen das Fortkommen bestimmt haben. Das Kriterium der Leistung ist ein explizit bürgerliches Kriterium, das den Vorteil der vornehmen Herkunft ausschaltet.

Wiederum eine andere Frage ist es, ob man schwächer oder einseitig begabte Kinder gezielt fördern kann und will – das ist unter anderem (aber nicht nur) eine Frage des Geldes, das der Staat oder die Kommune für die Schule locker machen. Unterschiedliche Begabung darf aber kein Grund sein, von einer Bewertung nach den gleichen Kriterien abzusehen; eher sollte man (vor allem die Eltern!) mit der Rose überlegen, worauf es im Leben letztlich ankommt. Ich halte es jedenfalls gesellschaftlich für höchst bedenklich, wenn man die Anforderungen an die Schüler permanent senkt, nur damit alle (auch die mit einem IQ unter 100) Abitur machen können, was seit Jahren ein schulpolitischer Trend ist und durch die zentralen Prüfungen mit ihren klein gehackten Aufgabenstellungen (und der entsprechenden Vorbereitung darauf) befördert wird.

Tore oder Toren?

Paul Munzinger hat mit seinem Beitrag „Goethedämmerung“ (SZ 5. 8. 2022, S. 1) ein prächtiges Stück deutscher Journalistik abgeliefert: Wenn ich den Tenor des Artikels richtig höre, beklagt Munzinger, dass der „Faust“ vom bayerischen Lehrplan gestrichen wird. Munzinger kennt natürlich selber den „Faust“, er zitiert den Eingangsmonolog Fausts – aber wie! Er spricht nämlich vom Ziel der Schule, dass die Schüler „am Ende der Schulzeit nicht wie arme Tore dastehen, so klug als wie zuvor“. Richtig müsste er von armen Toren sprechen; denn arme Tore sind etwas anderes als arme Toren. Und wenn selbst ein für Bildungsfragen zuständiger Redakteur diesen Unterschied nicht kennt, dann kann man ruhig auf die Lektüre des „Faust“ verzichten und stattdessen den Umgang mit einer Grammatik (das Tor – der Tor: Was sind Homonyme?) und einem soliden Wörterbuch (Pluralbildung, Unterschied zwischen „Tore“ und „Toren“) üben.

A. Thalmayr: Lyrik nervt (Hanser 2004) – gelesen

Erste Hilfe für gestresste Leser“ ist der Untertitel des Buches von H. M. Enzensberger, der schon mal das Pseudonym „Andreas Thalmayr“ benutzt („Das Wasserzeichen der Poesie“, 1985). Angeblich schreibt er für Leser, die von den in der Schule geforderten Gedichtinterpretationen genervt sind – aber dass ausgerechnet diese zu Enzensbergers Buch greifen, darf bezweifelt werden. Enzensberger schreibt nämlich – allerdings in einem schnodderig-kumpelhaften Ton, das ist die Konzession an die Gestressten – eine eigentlich ganz normale Einführung in die Lyrik, wobei seine Ausführungen durch zahlreiche bekannte und weniger bekannte Beispiele erläutert werden – vielleicht ist „vorstellen“ besser als „erläutern“. Was ist ein Gedicht? Was ist ein Vers? Welche Reim- und Strophenformen gibt es? Wozu sind Metaphern und andere „Stilmittel“ gut? Gibt es eine richtige Interpretation, ja, braucht es überhaupt eine Interpretation? Wie funktioniert reimlose Lyrik? Was ist ein gutes Gedicht? Kann nicht jeder selber dichten? Das sind etwa die Fragen, die man auf 100 Seiten beantwortet bekommt.

Es ist sicher kein Buch für gestresste, sondern für interessierte Leser, die das in leichtem Ton serviert bekommen, was es zumindest am Gymnasium auch schon zu hören gab. Das Beste am Buch sind die vielen Beispiele, unter denen auch Spielformen der Poesie reichlich vertreten sind. Erheitert haben mich die Verse der Friederike Kempner, des schlesischen Schwans:

Frohe Stunden

Pilz des Glücks ist dieser eine,

Jener Stiefpilz des Geschicks;

Einem sind als O die Beine,

Andern wuchsen sie als X.

Harald Weinrich: Linguistik der Lüge – Zusammenfassung

Harald Weinrich ist am 26. Februar 2022 gestorben. Im Nachruf der SZ wurde die „Linguistik der Lüge“ hervorgehoben; aus diesem Grund hatte ich beschlossen, sie endlich einmal zu Ende zu lesen.

Augustins Definition der Lüge ist der Ausgangspunkt: mendacium est enuntiatio cum voluntate falsum enuntiandi. Diese Definition schließt wegen des Rückgriffs auf den Willen eine linguistische Behandlung der Lüge aus.

Zur Semantik der Wörter: Die Bedeutung eines Wortes ist weit, vage, sozial bedingt und abstrakt. Die Meinung eines Sprechers ist dagegen eng umgrenzt, präzise, individuell und konkret. „Bedeutung – Meinung“ sind die Grundbegriffe der Semantik. Der Satz ist die Brücke von der variablen Bedeutung zur Meinung, in ihm erfolgt die Determination zum Sinn. Deshalb sind Sätze/Texte immer übersetzbar, auch wenn es nicht für jedes Wort ein genaues Pendant in einer anderen Spreche gibt.

Über das Verhältnis von Wörter – Sachen, Wörter – Begriffe; Wörter sind nicht defizitär gegenüber Begriffen, weil/wenn sie in Texten stehen. Auch Begriffe entstehen in Sätzen (Definitionen), haben also einen Kontext, aber stehen eo ipso nicht in einer Situation.

Wörter, mit denen viel gelogen worden ist, werden verlogen [fragwürdig!]; erst in einem minimalen Kontext können Wörter lügen, z.B. „Boden“ in „Blut und Boden“. Auch Begriffe können lügen, z.B. „Volksdemokratie“ [ebenfalls fragwürdig!].

Zum gelogenen Satz eines Sprechers gehört ein von ihm gedachter wahrer Satz [fragwürdig]. Duplex oratio ist Signum der Lüge. [Der Rekurs auf das Verhältnis Gedachtes – Gesagtes ist fragwürdig; ich halte es für richtig, dass in der Lüge bewusst die Unwahrheit gesagt wird: Rekurs auf einen behaupteten Sachverhalt!]

Mit der Metapher ist eine Täuschung verbunden (Spannung zum Wortfeld), aber keine Lüge. Es wird eine Erwartung enttäuscht; ein Wort ist eine Erwartungsanweisung.

Das definite Verb mit seinen Morphemen macht den Satz, bezieht ihn auf die Sprechsituation. Das Verb enthält ein Assertionsmorphem (Ja/Nein). Person, Tempus und Determination sind die wesentlichen Merkmale des finiten Verbs. Die Logik entsorgt das Tempus zugunsten eines Präsens des immer Gültigen. Bloomfields und Gadamers Theorien – Gadamer bringt mit der Basis „Frage → Antwort (→ Frage → Antwort…)“ die Determination Ja/Nein in die Sprechsituation. Eine Frage enthält gegenüber der Antwort eine partielle Information; die Antwort ergänzt sie, mindestens durch ein Ja/Nein. In einem Satz werden die Bedeutung vollständig auf die Sprechsituation bezogen. – Von hier aus kommt Weinrich zu einer Syntax der Lüge: Die Lüge ist auf ein Ja/Nein bezogen; Beispiel: Hitlers Rede 1938.

In der Ironie bilden Wahrheit und Lüge keinen Gegensatz. Seit Sokrates gibt es die Ironiesignale; das sind sprachliche Zeichen, zumindest im Tonfall des Sprechens – man kann sie aber überhören. Ein gedachter Dritter hört das Gemeinte [?]. Selbstironie ist die reinste Form der Ironie.

Lügen die Dichter? Es gibt eine europäische Lügendichtung, die von Lügensignalen durchsetzt ist. Die Lügenrede und die Signale heben einander auf; eines der beliebten Signale ist die Wahrheitsbeteuerung, sind genaueste Angaben und Augenzeugenschaft usw. Platons Diktum von den lügenden Dichtern wird abgelehnt.

Ich habe in eckigen Klammern vermerkt, wo ich Weinrichs Ausführungen für fragwürdig halte. Weinrich selber hat sich in einer Buchbesprechung ein wenig von der „Linguistik der Lüge“ distanziert.

https://www.sueddeutsche.de/kultur/harald-weinrich-nachruf-literatur-linguistik-college-de-france-1.5540025 (Nachruf SZ)

https://www.welt.de/kultur/article237249931/Nachruf-auf-Harald-Weinrich-Schwarze-Milch-ist-keine-Luege.html (Nachruf Welt)

https://www.scielo.br/j/pg/a/fYYFNGQgGFSqRv4mZWVGtSb/?lang=de&format=pdf (Gespräch mit Weinrich)

https://api.deutsche-digitale-bibliothek.de/binary/12b0b5af-963b-464c-946d-4dceb4b56d0c.pdf (Sprachwissenschaft und Ideologiekritik)

Es kommt auf die Problemformulierung an

Dieser Tage ist mir an einem ganz alltäglichen Beispiel aufgefallen, wie es auf die Formulierung des Problems ankommt, wenn man es lösen will. Ich hatte eine neue Hose gekauft; die abschließende Schlaufe am Bund konnte man praktisch nicht zuknöpfen, weil der Knopf kaum durch das Knopfloch ging. Der Schneiderin, welche die Beinlänge kürzen musste, habe ich das Problem erklärt und sie gebeten, das Knopfloch zu erweitern; darauf schlug sie vor, einen kleineren Knopf zu suchen.

Das ist zweifellos die einfachere Lösung, da einen Knopf anzunähen einfacher ist, als ein Knopfloch so zu erweitern, dass es nicht aufreißt. Ich habe das Problem der Zuknöpfens so formuliert: Wie kriege ich das Knopfloch größer? Die Schneiderin hat es allgemeiner formuliert: Wie schaffen wir es, dass der Knopf in das Knopfloch passt? Dadurch hat sie eine Alternative zu meiner Lösung gefunden; sie konnte zwischen zwei Lösungen wählen und hat sich für die einfachere entschieden.

Aspekte der Berufswahl – ein Ideal

Denke ich mir einen Menschen der in blühendem Jugendalter sich zum höchsten Bewusstsein über sich selbst zu erheben vermöchte, so würde er den Stand und das Mass seiner Kräfte sorgfältig überschlagen, er würde untersuchen, auf welche Gebiete menschlichen Thuns seine Hauptanlagen hinweisen, er würde dann den Lebenskreis prüfen innerhalb dessen er zu wirken hat, er würde nach den öffentlichen Aufgaben spähen die ihrer Lösung harren: und aus der Vergleichung der allgemeinen Lage mit seiner individuellen Leistungsfähigkeit würde er zur Wahl und Begrenzung der Ziele gelangen, für die er seine Existenz einzusetzen bereit wäre. Hat er sich in den erworbenen Anschauungen über die Welt und sich selbst nicht geteuscht, hat ihn gereifte Einsicht oder glücklicher Blick in sich wie ausser sich das Richtige erkennen lassen: so werden manche irreführende Phantome vor ihm entweichen, er wird durch Beharrlichkeit vielleicht den höchsten Platz einnehmen der ihm nach seinen natürlichen Anlagen zusteht.

Wilhelm Scherer: Widmung zur ersten Ausgabe (Zur Geschichte der deutschen Sprache. Zweite Ausgabe, Berlin 1890, S. IX)

Diese Gedanken Scherers zeichnen ein Ideal, das man als junger Mensch leider kaum oder nie erreicht, das aber trotzdem nachträglich überzeugt, wenn man auf sein Leben zurückblickt, das durch manche irreführende Phantome bestimmt wurde.