Zentralabitur – derzeit ein großer Murks

Hans Peter Klein („Auf den Spuren des Streifenhörnchens“, SZ 2. 7. 2018) hat die Abituraufgaben in Biologie aus fünf Bundesländern seit 2005 untersucht und dabei herausgefunden, wie unterschiedlich die Anforderungen sind: In Schleswig-Holstein und NRW bekommt man das Abitur beinahe nachgeschmissen, in Meck-Pomm sind die Anforderungen wesentlich höher. Die Abiturientenquote betrug dementsprechend in SH im Jahr 2016 62,7% des Jahrgangs, in Bayern 31,1%.

Es dürfte einleuchten, dass bei einer Quote von 62,7% viele nicht einmal einen IQ von 100 haben und damit dümmer als der Durchschnitt sind, dass also das SH-Abitur so etwas wie ein Hauptschulabschluss ist. Das ist das Ergebnis einmal des politischen Willens von SPD und Bertelsmann-Stiftung, die dauernd vorgurren, wie benachteiligt die Arbeiterkinder sind, und die dementsprechend die Anforderungen ans Abi senken; und zum zweiten die dem korrespondierende didaktische Mode der Kompetenzorientierung: Man muss nicht mehr viel wissen, man nur etwas „können“ (= Kompetenzen haben); was man nicht weiß, kriegt man dann im Begleitmaterial zur Aufgabe mitgeliefert, daraus muss man es dann abschreiben (es natürlich vorher finden – eine große Leistung).

Ich erinnere mich an einen Schüler, dem ich vor ein paar Jahren vor seinem Abitur Nachhilfe in Deutsch gegeben habe. Den Artikel „Neue Sachlichkeit“ in einem Lexikon nachzulesen war ihm zu viel Arbeit. Wörtlich sagte er: „Ich brauche fünf Schlagwörter, die ich immer reinhauen kann.“ Wir haben dann fünf Schlagwörter notiert, und auf dieser Wissensbasis hat er seine Arbeit im Grundkurs Deutsch (NRW) 3- geschrieben; von der Neuen Sachlichkeit verstand er natürlich nichts.

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Chancen des Lehrerberufs

Ich möchte nicht zu den Chancen der Verbeamtung oder Anstellung in einem Bundesland etwas sagen, sondern zur Chance, im Lehrerberuf menschlich zu reifen.

Von den vielen Aspekten, wie man als Lehrer menschlich reifen kann, möchte ich nur hier eine betrachten. Sie hängt mit der spezifischen Sichtweise des guten Lehrers zusammen, die nicht erst seit Klafkis didaktischer Analyse des Unterrichtsstoffs bekannt ist. Ein Lehrer muss nämlich nach der Sachanalyse fragen, wie der Unterrichtsstoff in der Sicht „des Kindes“ (ganz allgemein, also auch der Jugendlichen usw.) aussieht: was er dem Kind bedeutet, welchen Zugang das Kind dazu hat (und welchen nicht), wie es ihn sich aneignen kann. Das gilt bis hin zu den „Fehlern“, die das Kind macht; auch diese muss man nicht primär vom Stoff her denken, sondern vom Kind: Wie kommt es gerade zu diesem Fehler, zu diesem Un- oder Missverständnis?

Am Beispiel des schönen Fehlers kann man meine Idee noch einmal verdeutlichen: Ich habe Schüler für schöne Fehler gelobt (was diese normalerweise für Ironie hielten, weil ihnen meine Sicht offensichtlich fremd war) und dafür sogar eine 2 angeschrieben: Schöne Fehler sind Fehler, an denen man zeigen kann, wo und warum der Denkweg des Schülers in die Irre führt – das ist lehrreich für die ganze Klasse und verdient deshalb eine 2.

Vom Kind her denken, das ist nur ein Sonderfall der menschlichen Praxis, alle Dinge nicht nur egozentrisch, also vom eigenen Standpunkt aus zu denken, sondern auch vom Standpunkt des anderen: des Gesprächspartners, des Lebenspartners, der Geschäftspartner, der Gegner im politischen Konflikt oder Zusammenspiel. Erst wenn man die Sicht, die Anliegen oder die Interessen beider Seiten kennt und versteht, kann man zu sachlicher Diskussion und zu vernünftigen Lösungen „im Gespräch“ (im weitesten Sinn) kommen.

Insofern ist der Lehrerberuf eine große Chance, den Perspektivenwechsel einzuüben und täglich zu praktizieren, auf dass er sich zu einem Habitus verfestige, und so menschlich zu reifen.

Überprüfen und überarbeiten – Bedeutung

Wie man beim Überarbeiten zu neuen Einsichten kommen kann, möchte ich am Beispiel meiner Analyse von Rilkes Gedicht „Archaischer Torso Apolls“ zeigen (https://norberto42.wordpress.com/2014/08/09/rilke-archaischer-torso-apollos-interpretation/). Bei meiner Interpretation von 2014 habe ich mich auf die Ausführungen Aleida Assmanns und Michael Stahls (s. dort) verlassen. Heute habe ich nun die Ausführungen Stahls anhand verschiedener alter Wörterbücher und des Großen Meyers von 1905 (bei zeno.org) überprüft und für einseitig bzw. falsch befunden. Aufgrund dieser Überprüfung bin ich zu einem einfachen Verständnis des Gedichtes gekommen – hier ist die Passage, die heute neben kleineren Korrekturen neu hinzugekommen ist:

Was Michael Stahl sagt, stimmt nur zum Teil: Nicht „archaisch“ hatte um 1900 einen negativen Beigeschmack, sondern „archaistisch“ als „veraltet, altväterisch“ oder „Nachahmung von etwas Altertümlichem“, wogegen „archaisch“ das echt Altertümliche bezeichnete (Meyers Großes Konversations-Lexikon 1905). Auch „Torso“ war nur in der gängigen metaphorischen Bedeutung negativ; „in der Kunstsprache der Rumpf einer Bildsäule, der Kopf, Arme und Beine fehlen“ (Meyers 1905). Am wichtigsten ist allerdings, zu wissen, wofür Apollo(n) steht: „in der griech. Mythologie Sohn des Zeus und der Leto, die ihn nebst seiner Zwillingsschwester Artemis nach der verbreitetsten Sage auf der Insel Delos gebar. Seinem ursprünglichen Wesen nach erscheint A. als ein Gott des Lichtes in seiner heilsamen wie verderblichen Wirkung; zum eigentlichen Sonnengott an Stelle des Helios ist er erst im Laufe der Zeit geworden. Als den »Lichten«, »Leuchtenden« bezeichnet ihn sein Beiname Phöbos, zugleich als den »Reinen«, »Heiligen«; denn als Gott des reinen Lichtes ist er Feind aller Finsternis und alles ihr verwandten Unreinen, Unholden und Frevelhaften.“ (Meyers, 1905) Es kommt sehr wohl darauf an, dass Rilke vor einem Torso Apollos gestanden hat bzw. dass er den Torso für einen solchen des Gottes Apollon gehalten hat. – Mit diesem Wissen kann man den Gedankengang des Gedichts verstehen:

  • Apollos Torso hat keinen Kopf und keine Augen.
  • Aber er strahlt Licht aus und sieht dich an.
  • Deshalb musst du dein Leben ändern.

Dass der Torso Licht aussendet, ist mehrfach gesagt (glüht, V. 3; glänzt, V. 5; flimmert, V. 11; bricht aus wie ein Stern, V. 12 f.); dieses Glänzen wird als verhaltenes Schauen erkannt (V. 4 f.). Da nun Apollo der Gott des reinen Lichtes ist, fordert sein Blick dich dazu auf, selber rein zu werden, also dein Leben zu ändern. Diese Aufforderung entspricht dem späteren Aufruf Jesu zur Umkehr (Mk 1,15); während Jesus sich dafür jedoch auf die Nähe der Gottesherrschaft berief, ist Apollos Aufruf archaisch: Allein das strahlende Licht ist in sich der Appell, allem Dunklen zu entsagen und selber rein und klar zu werden. – In diesen Gedankengang muss man alle Beobachtungen zur Sprache des Gedichtes einordnen.

Wenn man prüft, was diese Ergänzung im Kontext der alten Analyse bedeutet, sieht man: Damit ist eigentlich erst das (einfache!) Verständnis des Gedichts erreicht. Wie wichtig diese Ergänzung ist, sieht man zum Beispiel in einem Vergleich mit der Seite https://www.mein-lernen.at/deutsch/rilke-archaischer-torso-apollos-interpretation: Dort sind mancherlei Beobachtungen zur sprachlichen Form genannt – und unabhängig davon, ob sie alle richtig sind, ist das Gedicht nicht verstanden, wie man am letzten Satz auf besagter Seite sieht; der Zusammenhang zwischen den Lichtphänomenen, der Gestalt Apollo und der Aufforderung, sein Leben zu ändern, wird nicht erkannt. Auch ich habe ihn erst gesehen, als ich Michael Stahls Ausführungen überprüft und die Änderungen reflektiert habe.

Eine solche Form des Überarbeitens ist natürlich etwas anderes, als wenn man bloß Rechtschreibung und Syntax einer eigenen Arbeit noch einmal kurz überfliegt…

Denkerziehung am Gymnasium?

Durch Denken lernt man reden, wissenschaftlich reden. Dies ist ein Vermögen, welches jede Wissenschaft braucht, und hieraus begreift sich der allgemeine und praktische Nutzen der Logik. Und auf der anderen Seite lernt man denken am besten durch das Studium vortrefflicher Schriftsteller. Man lese in logischer Absicht z.B. platonische Gespräche, lessingsche Schriften wie den Laokoon, zergliedere die Rede, mache sich den Gedankenbau bis ins einzelne klar, merke auf jede logische Verknüpfung: das ist die fruchtbarste Art der logischen Erziehung. Nicht anders sollte die Logik auf den höheren Schulen gelehrt werden.“

(Kuno Fischer: System der Logik und Metaphysik oder Wissenschaftslehre. Dritte Auflage Heidelberg 1909, S. 14 =

https://archive.org/stream/systemderlogiku03fiscgoog#page/n37/mode/2up)

Zeugnis gegen den Genderwahn

Gerade lese ich den Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Karl Jaspers (hrsg. von Lotte Köhler und Hans Saner, Piper 1985). Dabei fiel mir auf, dass Hannah Arendt ganz selbstverständlich von sich in der Form „ich als Jude“ spricht (Brief vom 29. Januar 1946) und dass Karl Jaspers genauso selbstverständlich sagt, „daß Sie von vornherein als Jude sprechen“ (Brief vom 12. 3. 1946, Teil vom 17/3 46).

Was lernen wir daraus? Hannah Arendt war doch sicher eine selbstbewusste Frau und Jaspers ein ihr geneigter Gesprächspartner. Wenn beide ganz unbefangen die unmarkierte Form „Jude“ statt der markierten Form „Jüdin“ zur Bezeichnung der Frau Arendt wählen, heißt das doch, dass in der unmarkierten Form eindeutig jüdische Männer und Frauen gemeint sind, dass also die Frauen dadurch nicht ausgeschlossen werden.

Das wiederum heißt, dass der Genderwahn mit der These vom vermeintlichen Ausschluss der Frauen durch unmarkierte Sprachformen eine schlichte Erfindung verrückter Feministen ist. Seitdem die sprachwissenschaftlich unhaltbare These jedoch in der Welt ist, finden sich viele Frauen tatsächlich durch die unmarkierte Form „ausgeschlossen“. Das ist ein Wahnsinn, den man nicht auch noch durch Verordnungen, Leipziger „Professorin“-Anrede etc. befeuern muss.

Über das Korrigieren

Im Schuljahr 2016/17 konnte ich bei einem Nachhilfeschüler erleben, wie eine Korrektur ausfällt, welche eine Kollegin anhand vorgegebener Lösungserwartung (Schönigh) bei einmaliger Lektüre der Schülerarbeit vorgenommen hat: gruselig.

In einem Brief Karl Jaspers‘ an Hannah Arendt (4. Aug. 1929) steht Folgendes: „Die Korrekturen [beim Druck ihrer Dissertation, N.T.] müssen Sie langsam und immer zwei Mal lesen: einmal auf den Sinn und einmal optisch auf Fehler im Druck von Buchstaben und Silben. Das Korrekturlesen ist sehr anstrengend und muß gründlich geschehen.“

Das Bewerten der Leistung ist noch einmal ein gesonderter Arbeitsgang und kann erst in Teilschritten erfolgen, wenn man die ganze Schülerarbeit vor Augen hat – ganz sicher aber nicht bei der ersten Lektüre.

Wenn man alle Schülerarbeiten eines Kurses gelesen und verstanden hat, kann man eventuell sogar genötigt sein, die Lösungserwartung (sowohl eigene wie fremde) zu korrigieren und erst dann alle Arbeiten (neu) zu bewerten. Ich habe einmal meine eigene Lösungserwartung zur Analyse einer politischen Rede Brandts derart umgestoßen.

Fazit: Misstrauen Sie allen, die Ihnen weismachen wollen, sie hätten ein Patentverfahren entdeckt, bei dem man mit einmaliger Lektüre bei der Korrektur auskommt!

„Alternative Fakten“: Unwort des Jahres 2017

Unwort des Jahres 2017 ist „alternative Fakten“ (zu Recht!); kritisiert werden ebenfalls „Shuttleservice“ für die Seenotrettung der Flüchtlinge im Mittelmeer und „Genderwahn“ für den real grassierenden Genderwahn.

Das Unwort des Jahres ist eine sprachkritische Aktion, die in Deutschland 1991 von dem Frankfurter Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser ins Leben gerufen wurde. Bis 1994 wurde das „Unwort des Jahres“ im Rahmen der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) gewählt. Nach einem Konflikt mit dem Vorstand der GfdS machte sich die Jury als „Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres“ selbstständig.“ (Wikipedia)

Die Jury hat 2015 „Gutmensch“ als Unwort bestimmt, als Bezeichnung für die real existierenden Gutmenschen. Diese Tatsache wie auch die Platzierung von „Genderwahn“ zeigt, dass die Jury selber aus Gutmenschen besteht, die dem Genderwahn verfallen sind. Zu Recht hat sich die Gesellschaft für deutsche Sprache von der Jury getrennt; denn diese betreibt Politik, nicht Wissenschaft. „Alternative Fakten“ ist aber eine gute Wahl, das ist wirklich ein Unwort.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache ermittelt nun wissenschaftlich das „Wort des Jahres“. Es gibt auch eine österreichische Variante dazu (s. letzter Link).

http://www.deutschlandfunk.de/darmstadt-unwort-des-jahres-ist-alternative-fakten.1939.de.html?drn:news_id=839713

http://www.fr.de/leben/familie_lifestyle_tiere/lifestyle_mode/sensibilitaet-fuer-sprache-das-unwort-des-jahres-2017-heisst-alternative-fakten-a-1427354 usw.

https://de.wikipedia.org/wiki/Unwort_des_Jahres_%28Deutschland%29 (allgemein)

https://de.wikipedia.org/wiki/Wort_des_Jahres_(Deutschland) (Wort des Jahres)

https://gfds.de/aktionen/wort-des-jahres/

https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96sterreichisches_Wort_des_Jahres

Niklas Luhmann: Das Deutsch der Geschlechter

Das Problem hat schon manche Glosse auf sich gezogen, aber es ist zu ernst, als dass man es den Linguisten überlassen könnte. Die Sprache bevorzugt, haben Frauen entdeckt, auf hintergründige Weise den Mann. Das sollte, wird dann gefordert, sprachpolitisch korrigiert werden. Und wie immer bei Politik ist die Bürokratie das Instrument, mit dem das Desiderat zur Ausführung – und zum Entgleisen gebracht werden kann.
Auf rein sprachlicher Ebene sieht die Sache zunächst recht einfach aus. Das Deutsch gehört mit einigen anderen, aber keineswegs allen Sprachen zu denjenigen, die eine Geschlechtszuweisung an Hauptwörter erzwingen. Sie erfolgt automatisch und bedarf keiner Spezifikation. Diese Automatik führt jedoch zu Ungerechtigkeiten, gerade in der Behandlung der Geschlechter. Bedürfte es der Spezifikation, könnte man sie vollziehen – oder auch weglassen. Man könnte nicht nur geschlechtsneutral (sächlich), man könnte ohne jeden Bezug auf das Geschlecht formulieren. Wenn das nicht möglich ist, muss man sich mit Korrekturen der Automatik, mit Gegenspezifikationen behelfen, wenn man besondere Aufmerksamkeit erzeugen will, und damit sind wir beim Problem.
Ein Sonderfall ist besonders illustrativ: der Mensch (homme, hombre, uomo usw., alles männlich). Das lässt unklar, ob, wenn vom Menschen die Rede ist, Frauen mit gemeint oder, meinen die Frauen, heimlich ausgeschlossen sind. Und noch schlimmer: wenn Worte wie homme zugleich Mann bedeuten. Im lateinischen Mittelalter konnte man Frauen noch als mas (oder masculus) occasionatus (oder imperfectus) bezeichnen – ein unvollständiger Mann, nun ja! Im Französischen wurde dann homme manqué daraus.

Wer beschreibt wen?
Wie immer im Sprachlichen kann man sich mit anderen Formulierungen aushelfen. Die Auffassung, dass die Sprache Weltsichten determiniere (die sogenannte Whorf-Sapir-Hypothese), wird heute kaum noch ernst genommen. Warum dann die Aufregung?

Zum Thema
Verständlich wird dies, wenn man die Angelegenheit in der Sichtweise der Kybernetik zweiter Ordnung betrachtet, also als Problem des Beobachtens von Beobachtungen und des Beschreibens von Beschreibungen. Die Frauen haben, das ist der Punkt, herausgefunden, dass sie in der bisherigen Geschichte von Männern beschrieben worden sind. Durch umfangreiche historische und vor allem literaturgeschichtliche Untersuchungen ist das inzwischen hinreichend dokumentiert. Aber erst wenn man überhaupt fragt „Wer beschreibt wen?“ und erst wenn man diese Frage mit Hilfe der Unterscheidung von Mann und Frau konkretisiert, ergibt sich unser Problem, ergibt sich die neue Empfindlichkeit in Bezug auf Sprachpolitik.

Die Bedeutungsebene
Im Anschluss an Linguistik und Kybernetik kann schließlich auch die Soziologie etwas dazu sagen. Ihre Analysen können zeigen, dass es kein Zufall ist, wenn sich in der modernen Gesellschaft Bedeutungen nur noch auf der Ebene des Beobachtens von Beobachtungen und des Beschreibens von Beschreibungen festsetzen können. Die moderne Gesellschaft hat alle natürlichen Vorrechte, alle privilegierten Positionen für richtige Beschreibungen der Welt aufgelöst. Entsprechend florieren Ideologien und Ideologiekritik, konstruktivistische Erkenntnistheorien, historischer und kultureller Relativismus; und die zusammenfassende Formel dafür ist eben, dass Stabilität nur gewonnen werden kann, wenn und soweit sie sich auf dieser Ebene des durchschauenden Beschreibens von Beschreibungen halten lässt.
Kein Wunder also, dass schließlich auch die Frauen (sei es von Männern, sei es von Frauen) beschrieben werden müssen als Wesen, die beobachten, wie sie beobachtet, und dann beschreiben, wie sie beschrieben werden. Und wenn es zutrifft, dass die Frauenbeschreibungen historisch vorwiegend von Männern angefertigt worden sind, lässt sich geradezu erwarten, dass diese Affektion mit Kybernetik zweiter Ordnung zuerst bei Frauen – beobachtet werden kann.

Die Frauen können nichts dafür
Geradezu zwanghaft erscheint dann auch die Epidemie sprachpolitischer Empfindlichkeiten. Sie ist, wie die neue, sozusagen postgrammatikalische Aufmerksamkeit für Sprache überhaupt, eine Konsequenz der Strukturen moderner Gesellschaft. Die Frauen können nichts dafür. Sie selbst sind das Opfer. Man muss ihnen helfen.
Frauen neigen nämlich zur Übertreibung, wie man in einer alten Tradition männlicher Beschreibungen sagen könnte. Wenn sie fromm sind, sind sie zu fromm. Wenn sie grausam sind, sind sie zu grausam. Wenn sie in Geschäften hart und rigide führen, gehen sie auch darin zu weit. Und wenn sie Sprachpolitik treiben, dann ohne hinreichende Rücksicht auf Sprache.
Fast muss man befürchten, dass sie demnächst die Unsinnin auf die Gipfelin treiben. Aber auch, wenn man derartige Vorahnungen beiseitelässt, gibt es genügend Missgriffe zu kritisieren. Am deutlichsten erscheint das Problem aus Gründen, die nur eine statistische Analyse klären könnte, an Worten, die mit Mi anfangen. „Ministerin“ ist zum Beispiel ein solcher Fehlgriff. Es handelt sich um ein lateinisches Wort, und Ministra steht als gut etablierte Fassung zur Verfügung. Aber auch „Mitgliederinnen“ (was man es zuweilen in Anreden wie „liebe Mitglieder und Mitgliederinnen“ schon hören kann) ist unerträglich. Was wäre der Singular? Und überhaupt: Mitglied ist, wie übrigens das Glied auch, sächlich. Es besteht also gar kein Anlass, eine Überschätzung des Männlichen abzuwehren. Wenn es dann doch geschieht, müssten die Männer schließlich verlangen, als Mitgliederer angesprochen zu werden.
[„Postgrammatikalische Aufmerksamkeit“: Ein bislang unveröffentlichter Text aus dem Nachlass des 1998 verstorbenen Bielefelder Soziologen Niklas Luhmann zur Logik politischer Korrektheit und ihrer sprachlichen Gleichstellungsversuche.]
FAZ 30.09.09

Hier sieht man einmal mehr, zu welchem Unsinn sich die feministische Gesinnung verführen lässt bzw. welchen sie produziert. 

Deutsche Vorsilben und Nachsilben

Eine vollständige Übersicht über die deutschen Vor- und Nachsilben findet man in:

Johann August Eberhards synonymisches Handwörterbuch der deutschen Sprache. 16. Auflage, bearbeitet von Otto Lyon. Leipzig 1904, S. XX ff. (bzw. S. XI ff.: Vergleichende Darstellung der deutschen Vor- und Nachsilben):

A. Die Vorsilben oder Präfixe

Ab

Aber

After

Allenfalls

Aller

An

Ant

Auf

Aus

Auseinander

Außer

Be

Bei

Dar

Durch

Ein

Ent

Emp

Er

Erz

Fort

Ge

Gegen

Her

Herab

Heran

Herauf

Heraus

Herbei

Herein

Hernieder

Herum

Herunter

Hervor

Herzu

Hin

Hinter

Los

Miß (= Miss)

Mit

Nach

Neben

Nieder

Nicht

Ober

Ohn und Ohne

Über

Um

Un

Unter

Ur

Ver

Voll

Vor

Vorüber

Weg

Wider

Wieder

Wohl

Zer

Zu

Zusammen

B. Die Nachsilben oder Suffixe

Bar

Chen, Lein

D (s. -end)

De

E

Ei

El

Eln

En

End

Er

Ern

Fach und -faltig, -fältig

Ft

Haft

Halb

Hand

Heit

Ich

Icht

Ig

In

Ing

Ieren

Isch

Ist

Keit (s. -heit)

Lei

Lein (s. -chen)

Lich

Los

Mal

Nis

Sal

Sel

Selig

Sam

Schaft

Ste

T (te)

Te

Tel

Tum

Ung

Wärts

Zehn

Zig

Also dann: Auf ins Studieren der Vor- und Nachsilben!

Schriften – eine Probe

Man sollte einige Zeilen schreiben,

mit Unterlängen und querfeldein [Athelas] —

Alle Schriften sind in der Größe 14 wiedergegeben. Sie sollen gut lesbar sein: Ober- und Unterlängen aufweisen, die Buchstaben sollen nicht zu dicht stehen, nicht so verschnörkelt wie diese [Apple Chancery] sein:

Athelas

Avenir (Next)

Book Antiqua

Bookman Old Style

Cambria Math

Cochin

Comic Sans SM

Didot

Futura zu fett?

Garamond etwas größer?

Iowan Old Style

Meyrio

Optima

Palatino

Perpetua größer?

Thonburi

Trebuchet MS

YuMincho

Diese Schriften habe ich in die nähere Wahl gezogen – wenn man öfter probiert, kommen immer andere Ergebnisse heraus [YuMincho].

P.S. Nach mehrmaligem Probieren halte ich an Avenir Next und Book Antiqua fest.