Prinzip des Lernens

„Begreifen die Leute denn wirklich nicht, daß zur Erlangung einer eigenen Meinung vor allen Dingen Arbeit gehört, eigene Mühe, eigener Versuch in einer Sache, eigene Erfahrung! Ohne eigene Mühe wird nie etwas erworben.“ (Stepan Trofimowitsch, in Dostojewski: Die Dämonen. Übersetzt von E. K. Rahsin, Piper 1999, S. 51)

Dossier „Bildung“

In der Bundeszentrale für politische Bildung erscheint ein Dossier „Zukunft der Bildung“ von dem bisher zwei sogenannte „Kapitel“ erschienen sind: „Was ist Bildung?“ und „Wie wir lernen“. Hier die Links dazu: http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/zukunft-bildung/145147/kapitel-1-was-ist-bildung

http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/zukunft-bildung/162104/kapitel-2-wie-wir-lernen

 

Über das richtige Lernen

Ernst Michael Lange schreibt in seiner Abhandlung „Das verstandene Leben“ (pdf-Datei, S. 10):

„Wittgenstein geht von ganz einfachen Lernsituationen aus – einem Schüler wird beigebracht, eine arithmetische Reihe richtig fortzusetzen (vgl. PU Abschnitt 143). Dabei kann es sich zunächst um das Erlernen/Lehren der Reihe der natürlichen Zahlen handeln und die Aufgabe im Nachschreiben der Zahlzeichen. Dem Schüler kann zunächst sogar die Hand geführt werden müssen. Dann aber räumt Wittgenstein mit der vernünftigen Resignation des Pädagogen – er hat bekanntlich auch als Volksschullehrer gearbeitet – etwas ein, was von seinen philosophischen Auslegern wenig beachtet wird: „dann aber wird die Möglichkeit der Verständigung daran hängen, dass er nun selbständig weiter schreibt.“ Die Bereitschaft zum selbständigen Fortsetzen ist ein Beitrag, den der Schüler leisten muss, und an dieser Bereitschaft hängt „die Möglichkeit der Verständigung“. Erst einem derart bereiten Schüler kann beigebracht werden, wie fortzusetzen richtig ist und wie fortzusetzen falsch wäre. D.h. aber, der Schüler muss die Regel, die ihm beigebracht werden soll, selbst anwenden wollen – er muss sich selbst an die Regel und damit an Kriterien der Richtigkeit und Falschheit (Normen des Urteilens) binden. Alle erworbenen Fähigkeiten, in deren Erwerb man unterrichtet werden konnte oder hätte unterrichtet werden können, sind an solche objektiven, weil geteilten oder der Teilung durch mehrere fähigen Kriterien der Richtigkeit und Falschheit gebunden (weil es ohne sie keine Kontrolle der Lernfortschritte geben könnte). (Einige Fähigkeiten werden im Kontrast dazu durch natürliche Prozesse des Wachstums und Reifens erworben – z.B. die Fähigkeit weiblicher Lebewesen, Nachkommen zu gebären –, für diese gibt es keine erlernbaren Kriterien des richtig Machens. Aber sehr viele Fähigkeiten, über die erwachsene Personen verfügen, sind derart, dass sie hätten gelehrt werden können, auch wenn sie faktisch vielleicht überwiegend durch spontane Nachahmung erworben wurden.)“

Und auf S. 11 (im Kontext der Frage nach dem Sinn des Lebens) fährt er fort: „Der Nachwuchs von lernfähigen Lebewesen hat ein generisches Motiv, lernen zu wollen – er will groß werden und darin so werden wie die Erwachsenen. Auf diesem generischen Motiv beruht auch die Bereitschaft des Schülers in Wittgensteins Beispiel, selbständig zu versuchen, richtig fortzusetzen. Nun sind mit den Möglichkeiten, es richtig oder falsch zu machen, die Möglichkeiten des Erfolgs und Misserfolgs von Fortsetzungsversuchen verbunden. Und aufgrund des generischen Motivs, so werden zu wollen wie die Erwachsenen, kann der Schüler angesichts der Alternative von Erfolg oder Misserfolg nicht gleichgültig sein oder bleiben (wäre oder bliebe er es, wäre die Möglichkeit der Verständigung erschöpft – Pädagogen stoßen immer wieder schmerzlich an Grenzen der Belehr- und Beschulbarkeit ihrer Schützlinge). Auf Misserfolg reagiert der Schüler daher typischerweise mit negativen Gefühlen der Enttäuschung und Niedergeschlagenheit, auf Erfolg mit Gefühlen der Befriedigung und des Stolzes.

Solche Gefühle werden zu Symptomen der im Lernenden mächtig werdenden Selbstbewertung. Sie werden für ihn selbst sogar zu Kriterien für die Selbstbeurteilungen ‚Ich kann es’ oder ‚Ich kann es nicht’.“

Gerhard Roth: Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt (2011) – Besprechung

Dieses Buch des Neurobiologen G. Roth hat Tanjev Schultz in der SZ vom 10. Juni 2011 unter der Überschrift „Hirnforscher lehrt: Gute Lehrer brauchen keine Hirnforschung“ sehr positiv besprochen. Ich referiere kurz dessen Besprechung:

Bemerkenswert ist die Einsicht, dass der Längsschnitt eines Gehirns noch nicht viel über die an ihm angeblich demonstrierte pädagogische These besagt. Hauptthese Roths sei es, dass es beim Lernen und Lehren auf die Persönlichkeit ankomme, also auf die individuelle Art des Denkens, Fühlens und Wollens wie auf die Bindungs- und Kommunikationsfähigkeit (des Schülers und auch des Lehrers). Das ergibt die fruchtbare oder auch schwierige Konstellation: die Beziehung des Lehrers zu den Kindern. Roth fordert, dass Schüler ihre Lehrer jeden Tag persönlich unter vier Augen sprechen können müssten [eine Utopie – N.T.]. Neben den Inhalten seien drei Faktoren ausschlaggebend: Intelligenz, Motivation und Fleiß [der Schüler, nehme ich an, aber ich würde das auch für die Lehrer sagen, N.T.].

Insgesamt: ein vernünftiges Buch, wo man auch etwas über das Gehirn erfährt, wo aber solide pädagogische Einsichten nicht neurobiologisch begründet werden. Zugleich ein Appell an die Lehrer, stärker zusammenzuarbeiten und von den Vorgängern und Kollegen das zu lernen, was sich bei denen bewährt hat, statt alle Jahre das Rad neu erfinden zu wollen. – Das Buch ist bei Klett-Cotta erschienen und kostet 19,95.

mindmapping – ein Mythos ist zerstört

Es gibt viele Leute, die das Mindmappen nicht genug loben können; ich war immer skeptisch, weil es sich dabei um ein nicht „sauber“ gegliedertes, nicht methodisch reflektiertes Sammeln handelt: Von den vier S (suchen, sammeln, sortieren, schreiben) werden nur die beiden ersten und eventuell das vierte realisiert, das wichtige dritte aber nicht.

Nun gibt es eine Untersuchung, die meine Skepsis bestätigt: http://www.wissenschaft-online.de/artikel/1061261; auch in der SZ stand heute die gleiche Meldung. Besser als Mindmappen ist der Versuch, etwas systematisch gegliedert zu erfassen; wenn man sich über Gesichtspunkte des Erfassens Rechenschaft gibt, ist man in der Phase des Verstehens angelangt, wohin man mit dem Mindmappen als einem reproduzierenden Verfahren nicht unbedingt kommt.

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Respekt: Bereits am 23. Januar ist dieser Beitrag in http://wiki.zum.de/Mindmapping erwähnt! Das könnte mich dazu verführen, die drei dort genannten Anleitungen zum Mindmappen kritisch zu untersuchen – mal sehen.

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Ich habe den ersten im Mindmap-Wiki empfohlenen Link geöffnet und möchte im Hinblick auf den brainman-Kommentar zu der dort gebotenen Mm-Einführung in Mm-Form Stellung nehmen:

Mind Mapping: Ein Schnellkurs

1. Ideen als Stichworte: Hier wird „Mindmapping“ als Thema vorgegeben; aber das ist kein Thema, sondern eben nur ein Stichwort. Themen könnten sein:

– Wie geht Mindmapping?

– Einführung in die Technik des Mindmapping

– Mindmapping im Vergleich mit anderen Techniken des Gliederns u.ä.

Unklar ist bei der Verwendung von Stichwörtern, was gemeint ist, also z.B. „Farben“: Kann man oder soll man Farben verwenden? Was besagt ein Pfeil, „siehe“ oder „daraus folgt“? Ein Pfeil ist ja nicht definiert!

Gedanken werden in Sätzen entfaltet, nicht in Stichworten!

2. Unklarheit in der Gliederung: „Akzeptanzprobleme“ (= Es bestehen Akzeptanzprobleme.) stellen keine Kritik am Mindmapping dar, sondern ergeben sich vielleicht aus der Kritik.

3. Was unter „Vorteile“ steht, ist nicht alles typisch fürs Mm. Verschiedene Aspekte und schriftliche Fixierung gibt es auch in der normalen Gliederung. „Ideen aufschreiben“ gehört nicht zu „allgemeine Vorteile“; der Zusammenhang der beiden Stichwörter ist unklar.

4. Wenn eine hierarchische Gliederung gelingt (Ich behaupte: Sie ist in Form der Stichwort-Notierung tendenziell unsauber!), stellt sie nichts anderes als eine normale Gliederung dar; vgl. den Anfang meines Aufsatzes über den Aufsatzunterricht unter https://norberto68.wordpress.com/2011/02/13/aufsatzunterricht-gliedern-erklaren-bewerten-erortern-kl-8-10-im-g9/.

5. Fazit: Die Mindmap ist die Vorstufe einer richtigen Gliederung, kann diese aber nicht ersetzen. Die Stichworte unterhalb des Themas müssen als Sätze formuliert werden, damit man ihre Zugehörigkeit zum Thema prüfen und sie selber in der richtigen Reihenfolge anordnen kann. (24. Januar 2011)

Um dies zu belegen, lade ich eine Datei zum Thema „Zweifel“ hoch, die ich als Unterrichtsergebnis im Netz gefunden habe – und ich frage alle mindmap-Verteidiger: Was zum Teufel besagen die Striche, die das zentrale Wort „Zweifel“ mit anderen Wörtern verbinden? Dienen die Striche nicht bloß dazu, die Unfähigkeit, die den Strichen entprechenden Beziehungen zu benennen, zu verschleiern? [Datei: bedeutung_des_zweifels]

Ein anderes Beispiel für eine nichtssagende Mindmap: https://www.mindmeister.com/de/211366084/gegenstr-mungen-zum-naturalismus-sthetizismus-symbolismus-neoklassik-neoromtanik-impressionismus – hier sind Schlagworte (Stichworte) aufgelistet, aber was besagen sie? Nichts, es sind nur Stichworte. Ständen da Sätze, gäbe es wenigstens Aussagen.