Eine Erzählung verstehen – wie geht das?

Zugleich ein Beitrag zur Analyse von Borchert: Das Brot.

Am Beispiel von Borcherts Erzählung „Das Brot“ möchte ich exemplarisch untersuchen, welche Aspekte oder Dimensionen des Verstehens es dabei gibt. Ich beziehe mich auf die Textausgabe http://www.geschichte-projekte-hannover.de/filmundgeschichte/deutschland_nach_1945/ruckblickende-kurzfilme/die-filme-2/das-brot-2.html (Zeilenzählung der Seite, die nach Anklicken des Druckersymbols oben rechts angezeigt wird bzw. beim Ausdrucken vorliegt: 47 Zeilen).

  1. Die Bedeutung von Wörtern muss man kennen oder aus dem Kontext erschließen, damit man den Satz versteht. Der Satz (das Syntagma) ist die erste Dimension des Verstehens. Satz: „als sie mit der Hand über das Bett neben sich fuhr“ (Z. 2 f.); „fahren“ hat laut „Duden. Deutsches Universalwörterbuch“ (7. Aufl.) 11 Hauptbedeutungen, hier passt die Bedeutung 9.b) „[mit einer schnellen Bewegung] über, durch etwas streichen, wischen, eine schnelle Bewegung machen“. Wenn ich diese Bedeutung von „fahren“ kenne oder ahne, verstehe ich den genannten Satz (Wörter kann man also nicht verstehen, man kann nur ihre Bedeutung/en kennen).
  2. Aus den Sätzen in ihrer Abfolge kann man das erzählte Geschehen oder die beschriebene Situation verstehen (Z. 1-6, meistens aus den paradigmatischen Alternativen): wachte sie auf (eine Frau, hat geschlafen) / „Ach so!“ (personal erzählt: ihre Sicht) / in der Küche (vs. Schlafzimmer) / zu still (verlangt eine Erklärung) / das Bett neben sich … leer (hat einen Mann, der fehlt) / „Das war es“ (setzt „Ach so!“ und „zu still“ fort: Sie erklärt sich etwas.) / durch die dunkle Wohnung (bereitet „Licht“ vor) / „In der Küche trafen sie sich.“ (verfrühte Erklärung des Erzählers!) / Die Uhr… (Datierung) / „etwas Weißes“ (bereitet die Lösung vor) / „Sie machte Licht.“ (ermöglicht die Lösung) / „Sie standen sich im Hemd gegenüber. Nachts. Um halb drei. In der Küche“: Das ist die groteske Situation, in die schrittweise eingeführt wird; grotesk deshalb, weil Paare nachts normalerweise nebeneinander im Bett liegen. – Diese groteske Situation wird in zwei Schritten aufgelöst; das ergibt die Struktur der Erzählung (s.u.).
  3. In dieser Situation kann/muss man die Bedeutung von Ereignissen verstehen, d.h. verschiedene Sätze aufeinander beziehen. Beispiel: „Sie sah, dass er sich Brot abgeschnitten hatte.“ (Z. 7, mit nachfolgender Erklärung) <-> „‚Ich dachte, hier wär was’, sagte er und sah in der Küche umher.“ (Z. 11) Was die Frau sieht, widerspricht dem, was der Mann sagt (was sie hört); die Frau „sieht“ also, dass er lügt, was in Z. 17 ausdrücklich gesagt wird.
  4. „‚Ich habe auch was gehört’, antwortete sie…“ (Z. 12) – das ist ein zweideutiger Satz, weil sie damit sein Rumoren (Z. 1 f.) meint, während er das als Bestätigung seiner Lüge auffassen könnte. Der Leser kann diese Zweideutigkeit verstehen, der Mann nicht. – Die Frau wiederholt später ihren Satz (Z. 21), gibt ihm dort aber eine andere Bedeutung, was dem Leser durch die Fortsetzung „aber es war wohl nichts“ und den Erzählerkommentar „Sie kam ihm zu Hilfe (Z. 22) deutlich wird. Der Leser versteht, wie die Frau die groteske Situation entschärft.
  5. In oder aus der Situation der nächtlichen Begegnung und dem Lügen des Mannes ist es denkbar, dass einzelne Wendungen eine tiefere Bedeutung gewinnen. Ich denke dabei an die Wendung, das sie „im Hemd“ standen, was wiederholt gesagt wird (Z. 5, 12, 14). Sie finden beide, dass der jeweils andere im Hemd älter als sonst aussieht – hier wird also die Wahrheit offenbar („So alt wie er war.“, Z. 13), während der lügende Mann die Wahrheit nicht erkennt (vgl. Z. 14 f.). Die Kleidung verbirgt am Tag das wahre Alter, welches „im Hemd“ sichtbar wird.
  6. Der Erzählerkommentar „Sie kam ihm zu Hilfe.“ (Z. 22) hilft dem Leser, das Agieren der Frau zu verstehen.
  7. Die Struktur der Erzählung ist dadurch bestimmt, dass zunächst eine groteske Situation beschrieben wird (s. oben 2.), die dann in zwei Schritten (vgl. 6.) aufgelöst wird: Bis Z. 39 wird erzählt, wie die Frau sich bemüht, in der Nacht mit der Lüge ihres Mannes klarzukommen, und das auch mühsam schafft (er kann essen, sie kann schlafen, Z. 37-39). Dann wird nach einem Zeitsprung (V. 40) erzählt, welche Konsequenzen sie aus seinem heimlichen Brotdiebstahl zieht und wie sie wieder in ein normales Leben kommen.
  8. Welche Themen und Motive in dieser Struktur „arbeiten“, erkennt man am Kontrast Dunkel-Licht und am Wortfeld des Sehens: sehen, ansehen, aufsehen, aussehen. Die Kontraste und das Wortfeld sind miteinander im Zusammenspiel von Wahrheit und Lüge verschränkt, auch wenn sie hier analytisch gesondert untersucht werden: a) Zuerst ist es dunkel in der Wohnung, dann macht sie Licht (Z. 5). Im Licht erkennt man die groteske Situation und sie entdeckt die Lüge ihres Mannes; mit ihr kann sie dann leben, als sie wieder das Licht löscht (Z. 26). Am Abend ist es hell, aber sie geht von der Lampe weg (Z. 42), bis die neue Aufteilung des Brotes als richtig oder begründet von beiden akzeptiert ist – eine Konsequenz ihres Umgangs mit seiner Lüge. Dann setzt sie sich unter die Lampe an den Tisch (Z. 47). b) Die Wendungen des Sehens behandle ich kurz: „Sie sah“ (Z. 7, plus folgende Erklärung) die Wahrheit. Sie sah von dem Teller weg (Z. 10, dem Beweisstück des Diebstahls und der Lüge). Er sah (zur Bestärkung seiner Lüge) in der Küche umher (Z. 11). Sie fand, dass er im Hemd älter aussah als tagsüber (Z. 12 f.: „So alt wie er war.“). Sie sieht ziemlich alt aus, dachte er (Z. 13 f., mit falscher Erklärung). Sie sah ihn nicht an (Z. 17). Er sah sinnlos umher (Z. 19, vgl. Z. 11). Er sah zum Fenster hinaus (Z. 24, vgl. Z. 19). Sie will nicht nach dem Teller (Beweis seiner Lüge) sehen (Z. 25, vgl. Z. 10 und 17). – Als es dunkel ist (Z. 29), wird das Sehen durch das Hören ersetzt (unecht, Z. 34; sie hörte, Z. 37; sie atmete absichtlich tief und regelmäßig, Z. 37 f.). – Am Abend brennt die Lampe, aber sie ging von der Lampe weg (Z. 42, damit er sie bei ihrem Lügen nicht sah). Sie sah, wie er sich tief über den Teller beugte (Z. 44) und nicht aufsah (Z. 44, um sie nicht ansehen zu müssen). Erst nach einer Weile setzte sie sich unter die Lampe, also gut sichtbar ins Licht (Z. 47).
  9. Was wollte der Autor Borchert mit dieser Erzählung „sagen“? Das geht aus der Erzählung nicht hervor; dazu müsste man das Gesamtwerk und Äußerungen des Autors heranziehen.
  10. Was haben die Leser aus dieser Erzählung 1946 und in den folgenden Jahren gehört? Auch das geht nicht aus dem Text hervor; man könnte das Handeln der Frau vorbildlich finden (selbstloser Verzicht zugunsten des geliebten Mannes), man könnte es auch kritisch sehen (Klischee der opferbereiten Frau, Vorrecht des Mannes). Wie die Leser einen Text verstehen, kann man nur durch empirische Untersuchungen herausfinden.

Vgl. auch die Aufgaben zu dieser Kurzgeschichte (https://norberto42.wordpress.com/2016/11/08/aufgaben-zu-wolfgang-borchert-das-brot/), welche man nach dieser Analyse vielleicht überarbeiten müsste.

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mindmapping – ein Mythos ist zerstört

Es gibt viele Leute, die das Mindmappen nicht genug loben können; ich war immer skeptisch, weil es sich dabei um ein nicht „sauber“ gegliedertes, nicht methodisch reflektiertes Sammeln handelt: Von den vier S (suchen, sammeln, sortieren, schreiben) werden nur die beiden ersten und eventuell das vierte realisiert, das wichtige dritte aber nicht.

Nun gibt es eine Untersuchung, die meine Skepsis bestätigt: http://www.wissenschaft-online.de/artikel/1061261; auch in der SZ stand heute die gleiche Meldung. Besser als Mindmappen ist der Versuch, etwas systematisch gegliedert zu erfassen; wenn man sich über Gesichtspunkte des Erfassens Rechenschaft gibt, ist man in der Phase des Verstehens angelangt, wohin man mit dem Mindmappen als einem reproduzierenden Verfahren nicht unbedingt kommt.

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Respekt: Bereits am 23. Januar ist dieser Beitrag in http://wiki.zum.de/Mindmapping erwähnt! Das könnte mich dazu verführen, die drei dort genannten Anleitungen zum Mindmappen kritisch zu untersuchen – mal sehen.

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Ich habe den ersten im Mindmap-Wiki empfohlenen Link geöffnet und möchte im Hinblick auf den brainman-Kommentar zu der dort gebotenen Mm-Einführung in Mm-Form Stellung nehmen:

Mind Mapping: Ein Schnellkurs

1. Ideen als Stichworte: Hier wird „Mindmapping“ als Thema vorgegeben; aber das ist kein Thema, sondern eben nur ein Stichwort. Themen könnten sein:

– Wie geht Mindmapping?

– Einführung in die Technik des Mindmapping

– Mindmapping im Vergleich mit anderen Techniken des Gliederns u.ä.

Unklar ist bei der Verwendung von Stichwörtern, was gemeint ist, also z.B. „Farben“: Kann man oder soll man Farben verwenden? Was besagt ein Pfeil, „siehe“ oder „daraus folgt“? Ein Pfeil ist ja nicht definiert!

Gedanken werden in Sätzen entfaltet, nicht in Stichworten!

2. Unklarheit in der Gliederung: „Akzeptanzprobleme“ (= Es bestehen Akzeptanzprobleme.) stellen keine Kritik am Mindmapping dar, sondern ergeben sich vielleicht aus der Kritik.

3. Was unter „Vorteile“ steht, ist nicht alles typisch fürs Mm. Verschiedene Aspekte und schriftliche Fixierung gibt es auch in der normalen Gliederung. „Ideen aufschreiben“ gehört nicht zu „allgemeine Vorteile“; der Zusammenhang der beiden Stichwörter ist unklar.

4. Wenn eine hierarchische Gliederung gelingt (Ich behaupte: Sie ist in Form der Stichwort-Notierung tendenziell unsauber!), stellt sie nichts anderes als eine normale Gliederung dar; vgl. den Anfang meines Aufsatzes über den Aufsatzunterricht unter https://norberto68.wordpress.com/2011/02/13/aufsatzunterricht-gliedern-erklaren-bewerten-erortern-kl-8-10-im-g9/.

5. Fazit: Die Mindmap ist die Vorstufe einer richtigen Gliederung, kann diese aber nicht ersetzen. Die Stichworte unterhalb des Themas müssen als Sätze formuliert werden, damit man ihre Zugehörigkeit zum Thema prüfen und sie selber in der richtigen Reihenfolge anordnen kann. (24. Januar 2011)

Um dies zu belegen, lade ich eine Datei zum Thema „Zweifel“ hoch, die ich als Unterrichtsergebnis im Netz gefunden habe – und ich frage alle mindmap-Verteidiger: Was zum Teufel besagen die Striche, die das zentrale Wort „Zweifel“ mit anderen Wörtern verbinden? Dienen die Striche nicht bloß dazu, die Unfähigkeit, die den Strichen entprechenden Beziehungen zu benennen, zu verschleiern? [Datei: bedeutung_des_zweifels]

Ein anderes Beispiel für eine nichtssagende Mindmap: https://www.mindmeister.com/de/211366084/gegenstr-mungen-zum-naturalismus-sthetizismus-symbolismus-neoklassik-neoromtanik-impressionismus – hier sind Schlagworte (Stichworte) aufgelistet, aber was besagen sie? Nichts, es sind nur Stichworte. Ständen da Sätze, gäbe es wenigstens Aussagen.