„Gendern ist eine sexistische Praxis“

Im Berliner Tagesspiegel ist ein ungewöhnlicher kluger Aufsatz zum Gendern erschienen: Hier ist er (Quellenangabe unten):

Deutschland ist besessen von Genitalien (30.08.2020, 18:22 Uhr)

Gendern macht die Diskriminierung nur noch schlimmer

Wer will, dass Männer und Frauen gleich behandelt werden, der muss sie gleich benennen. Ein Gastbeitrag von Nele Pollatschek.

Vor einigen Wochen unterhielt ich mich mit einem Journalistenkollegen und sagte „Ich, als Schriftsteller …“ Der Journalist unterbrach mich – „SchriftstellerIN“. Da fiel es mir wieder ein. Ich bin ja kein Schriftsteller, ich bin ja eine Frau. So ist es vielleicht nicht gemeint, aber so fühlt es sich an. Einige Zeit davor war ich zu Gast in einem „Star Trek“-Podcast und wurde als „Gästin“ angekündigt.

Plötzlich fragte ich mich, ob ich eingeladen wurde, weil ich mehr Star Trek geschaut habe als jeder andere Mensch, der nicht im Keller seiner Mutter wohnt, oder weil ich aussehe wie jemand, der eine Vagina hat (habe ich, dazu später mehr). Auch das ist gut gemeint, aber es fühlt sich nicht gut an. Ich fühle mich in solchen Situationen auf mein Geschlecht reduziert. Ich fühle mich so, weil es de facto so ist.

Ich würde diesen Artikel übrigens gerne anfangen, ohne mehrmals auf mein Geschlecht zu verweisen, das geht keinen etwas an. Ich würde ihn gerne mit rationalen Argumenten gegen das Gendern anfangen. Täte ich das aber, würde ich sofort als Anti-Feminist gelesen werden und diejenigen, für die ich das schreibe, die guten, aufgeklärten Gerechtigkeitsliebenden, würden aufhören zu lesen.

Weiterlesen würden nur diejenigen, die sowieso gegen das Gendern sind, das bedeutet in Deutschland in der Regel: piefige Konservative von Welt. Die lautstarken Argumente gegen das Gendern kommen meistens von den berüchtigten alten, weißen Männern, die sich die Erfahrung von marginalisierten Menschen nicht mal vorstellen können. Solche Argumente werden von den Verteidigern des Genderns schon deswegen nicht ernstgenommen, weil den Machern solcher Argumente die entscheidenden Erfahrungen des Marginalisiertwerdens fehlen.

Falsche Argumente gegen das Gendern

Zu dieser Gruppe gehöre ich nicht. Für ein diskriminierungsfreies Leben habe ich ein paar falsche Entscheidungen getroffen, Frau und jüdisch sein hätte ich zum Beispiel einfach lassen sollen. Ich gendere nicht, ich möchte nicht gegendert werden, gerade weil ich weiß, wie Diskriminierung sich anfühlt.

Und ich weiß, dass die allermeisten Argumente gegen das Gendern falsch sind. Falsch ist es zum Beispiel, zu behaupten, dass sich Wörter wie Student*innen nicht aussprechen ließen. Wer „Theater“ korrekt aussprechen kann, mit einem glottalen Verschlusslaut, also „The-kurze Pause-ater“ und nicht von „Thejater“ spricht, kann auch „Student-kurze Pause -innen“ aussprechen. Auch ist falsch, dass das Gendern nicht schön sei.

Wer denkt, dass bei der zwischenmenschlichen Kommunikation Schönheit wichtiger sei als Gerechtigkeit, der rettet auch einen Ertrinkenden nicht, weil das ganz hässliche Wasserflecken auf dem Jachtdeck gibt. Am falschesten, dass die deutsche Sprache irgendwie vor Wandel geschützt werden müsse. Alle Argumente dieser Art bitte nur auf Althochdeutsch verfassen.

Im Grunde gibt es nur ein einzig wirklich gutes Argument gegen das Gendern: Es ist leider sexistisch. Ich sage leider, denn Menschen, die Gendern sind grundsympathisch. Wer gendert, tut das in der Regel, um auf sprachliche und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten hinzuweisen. Gendern ist eine sexistische Praxis, deren Ziel es ist, Sexismus zu bekämpfen.

Vize-Europameister im Frauen-schlechter-bezahlen

Ich habe mich mit dem deutschen Gendern noch nie wohl gefühlt, dass es sich dabei aber um ein logisches Problem des Genderns handelt, wurde mir erst klar, als ich in England promovierte und dort einen anderen Feminismus kennenlernte. Das erste Mal fiel es mir auf, als ein Professor mich fragte, ob wir in Deutschland Angela Merkel wirklich als „BundeskanzlerIN“ bezeichnen und ob denn die deutschen Feministen nichts dagegen täten.

Wer wie ich in Deutschland und mit dem deutschen Feminismus sozialisiert wurde, der muss diese Feststellung befremdlich finden. Das Durchsetzen „geschlechtergerechter“ Sprache scheint hierzulande manchmal als die eigentliche Kernaufgabe des Feminismus. Zumindest verzeichnet der moderne deutsche Feminismus hier seine größten Erfolge: Mag sein, dass die Gender-Pay-Gap seit 25 Jahren ziemlich konstant bei rund 20 Prozent liegt – Deutschland ist Europavizemeister im Frauen-schlechter-bezahlen, nur Estland ist schlimmer. Immerhin wird im sächsischen Justizministerium jetzt gegendert.

Was der Professor meinte, war schlichtweg dies: Tun die deutschen Feministen denn nichts dagegen, dass es unterschiedliche Wortformen für Männer und Frauen gibt, dass also Männer und Frauen sprachlich unterschiedlich behandelt werden? Damals erklärte ich dem Professor, dass es um Sichtbarmachung geht. Dass viele Menschen, wenn sie Berufsbezeichnungen hören, das Bild eines Mannes im Kopf haben und dass wir in Deutschland weibliche Wortformen verwenden – gerade auch in Stellenausschreibungen oder offiziellen Texten – um zu verdeutlichen, dass der Beruf auch von Frauen ausgeübt wird.

Es gibt bei dieser Erklärung nur ein Problem: Die Standardvorstellung der meisten Berufsbezeichnungen ist nicht nur die eines Mannes, sondern die eines weißen, christlichen, heterosexuellen Mannes. Wenn es also eine Wortform für weibliche Berufsausübende braucht, bedarf es dann nicht genauso einer Wortform für jüdische oder schwarze oder schwule Berufsausübende mit Behinderung? Wenn es wichtig ist, ein Wort zu verwenden, das die beiden Informationen „Bundeskanzler“ und „Frau“ oder „Schriftsteller“ und „Frau“ enthält, wäre es dann nicht genauso richtig, auch die Information „jüdisch“ in das Wort aufzunehmen?

Nicht alle Identitätskategorien sind gleichwichtig

Warum fühlt sich Schriftstellerjude oder Schwarzgast so verdammt falsch an, wenn Schriftstellerin und Gästin im öffentlichen Diskurs nicht nur in Ordnung, sondern auch noch anti-diskriminierend sein sollen. Der englische Professor sah im deutschen Gendern das, was wir nur erkennen können, wenn wir die Analogie mit einer anderen Identitätsbeschreibung bilden: Diskriminierung.

Wenn wir im Deutschen gendern, dann sagen wir damit: Diese Information ist so wichtig, dass sie immer mitgesagt werden muss. Und wir sagen: Nur diese Information muss immer mitgesagt werden. Es ist richtig, auf alle anderen Identitätskategorien nur dann zu verweisen, wenn sie relevant sind, nur das Geschlecht wird immer angezeigt, damit machen wir es zur wichtigsten Identitätskategorie.

Es ist (heute) selbstverständlich, dass beim Wort Lehrerzimmer oder Schriftstellerverband auch jüdische Lehrer und schwule Schriftsteller gemeint sind, ohne dass wir vom Schriftsteller*schwulen-Verband oder vom Lehrer*juden-Zimmer sprechen, nur weibliche Lehrer und Schriftsteller sollen extra genannt werden. Wenn wir gendern, sagen wir damit, diese Information darf niemals nicht gesagt werden.

Ein türkischer, ein behinderter, ein schwuler Autor, Lehrer oder Immobilienmakler kann manchmal auch einfach nur ein Mensch sein, der Bücher schreibt, Kinder ausbildet oder schimmeligen Baumarktstuck als Liebhaberstück verkauft. Nur eine Frau wird das Frausein niemals los. Und wenn sie sich doch mal als Schriftsteller bezeichnet, erinnert sie ein Kollege. Er erinnert sie daran, dass sie aufgrund ihres Geschlechts niemals Schriftsteller sein kann, sondern immer nur Schriftstellerin, eine Ableitung, eine Form, die eine Grundform braucht, um überhaupt existieren zu können

Wenn es mich nicht gerade traurig macht, kann ich einen gewissen Humor darin entdecken, wie besessen Deutschland von Genitalien ist. Denn mit wenigen Ausnahmen geht es beim Gendern um Genitalien, nicht notwendigerweise um die, die wir sehen, aber um die, von denen wir denken, dass sie da sind. Ginge es um Geschlechteridentitäten jenseits physischer Merkmale, könnten wir nicht einfach drauf losgendern, sondern müssten erst mal ein Geschlecht erfragen. Wer aber nicht explizit als trans Person gelesen wird, der wird nicht gefragt, sondern gegendert.

Bei Telefoninterviews, bei denen mich der andere nicht sieht, werde ich gegendert, nicht weil meine Stimme performativ weiblich ist, sondern weil sie sich biologisch weiblich anhört. Auch im Anzug, auch ungeschminkt, auch mit Glatze wurde ich gegendert, denn es geht primär um das imaginierte Geschlecht im biologischen Sinne, also um Geschlechtsteile.

Wer aus meinem „Schriftsteller“ ein „Schriftstellerin“ macht, kann auch gleich „Vagina“!“ rufen. Das hat den gleichen Informationswert, wäre aber komischer und aufrichtiger und mir deutlich lieber. Dass das deutsche Gendern britische Feministen befremdet, ist nicht überraschend. Denn während britische Nachrichten von Theresa May oder Margaret Thatcher einfach nur als ungeschlechtlichen Prime Minister sprachen, sind die Deutschen gezwungen, immer wenn wir von Dr. Merkel sprechen, auch auf die Form der regierenden Genitalien hinzuweisen.

Der einzige Weg heraus aus dem sprachlichen Dauerfrausein ist das Ausland, für mich war es Großbritannien. Denn der britische Feminismus hat auf das Problem der weiblichen Berufsbezeichnung das Gegenextrem gewählt. Der englische Gedanke ist schlichtweg dieser: Der Weg zu Gleichheit ist Gleichheit. Wer will, dass Männer und Frauen gleich behandelt werden, der muss sie gleich behandeln und das heißt, sie gleich zu benennen.

Im „Guardian“ ist das generische Maskulinum progressiv

Zu dem Zeitpunkt, als deutsche Zeitschriften, vor allem die eher links-progressiven, anfingen, anstatt von „Schauspielern“ von „Schauspielern und Schauspielerinnen“, Schauspielenden, SchauspielerInnen, Schauspieler_innen und Schauspieler*innen zu schreiben, beschloss der „Guardian“ – die englische Zeitung der feministischen Linken – nur noch das Wort „Actor“ zuzulassen und „Actress“ zu streichen.

In ihren Stilrichtlinien erklären sie bis heute, sowie es viele andere Publikationen tun, dass „actress“ genau wie authoress, comedienne, manageress, lady doctor, male nurse und ähnliche Termini aus einer Zeit kommen, in der Berufe größtenteils einem einzigen Geschlecht offenstanden (meistens dem männlichen). Und dass diese gegenderten Berufsbezeichnungen heute, wo die Berufe allen Geschlechtern offenstehen, nicht mehr verwendet werden sollten.

Um es anders zu sagen: Während die Deutschen sich für das permanente Benennen von Geschlechterunterschieden entschieden haben, haben die Briten sich entschieden, das Anzeigen von Geschlechtlichkeit so weit wie möglich zu vermeiden. Dafür haben sie mit typisch britischer Pragmatik, die Form gewählt, die ihre Sprache sowieso als generisch hergibt. Diese Form ist im Englischen, genau wie im Deutschen, identisch mit der männlichen Form, im Deutschen wird sie durchaus kritisch als „generisches Maskulinum“ bezeichnet.

Die scheinbare sprachliche Maskulinität von generischen Berufsbezeichnungen wirft ein Henne-Ei-Problem auf: Sind die Berufsbezeichnungen inhärent männlich und brauchen daher eine parallele weibliche Form, oder sind sie inhärent generisch und wirken nur deswegen männlich, weil sie historisch nur von Männern ausgeführt werden durften?

Viele junge Menschen kennen nur eine Kanzlerin

Aus englischer Perspektive ist Letzteres der Fall. Das Wort „Prime Minister“ bezeichnet de facto für den Großteil der englischen Geschichte einen Mann, einfach schon deshalb, weil Frauen weder wählen noch gewählt werden durften. Das Wort war nicht deshalb männlich, weil es sprachlich männlich ist, sondern weil es in der Realität männlich war.

Die englische Lösung für dieses Problem ist es nicht, eine weibliche Form einzuführen, obwohl „Prime Ministress“ durchaus ginge, sondern eine Frau zu wählen. Mit der Einführung des allgemeinen Wahlrechts 1928 und spätestens ab 1979, als Margaret Thatcher Premier wurde, wurde das Wort „Prime Minister“ faktisch generisch, konnte Männer und Frauen bezeichnen und wird mit jedem weiblichen PM immer generischer, wobei zur vollen Gleichheit noch einige Dutzend weibliche „Prime Ministers“ fehlen.

Genauso wie das Wort „US-President“ für die ersten Jahrhunderte der amerikanischen Geschichte per Gesetz nur Weiße bezeichnen konnte und faktisch bis 2008 nur weiße Männer bezeichnet hat. Die Realität, also Barack Obama, hat die Sprache verändert.

Obama hat die Bedeutung des Wortes „US-President“ um seine eigene Identität erweitert. Konkret bedeutet Obamas Präsidentschaft, dass es Jugendliche gibt, die beim Wort Präsident zuerst an einen schwarzen Mann denken, weil der Präsident, mit dem sie aufwuchsen, eben schwarz war. Genau wie es bis heute Menschen gibt, deren erste Assoziation, wenn sie „Prime Minister“ hören, eine Frau ist, einfach weil diese Frau, Margaret Thatcher, sich während ihrer elf Jahre als Premier in das kollektive Gedächtnis einbrannte wie kein anderer Premier der Nachkriegszeit.

Diskriminiert das Wort „Frau“ etwa Unverheiratete?

Hätte Deutschland den angelsächsischen Weg der Geschlechtergerechtigkeit eingeschlagen, dann gäbe es im Jahr 2020 sechsjährige Kinder, für die das Wort Bundeskanzler in erster Assoziation ein weibliches ist, weil sie es noch niemals erlebt haben, dass ein Mann Bundeskanzler ist. Durch die Verwendung der beiden unterschiedlichen Wörter „Bundeskanzler“ und „Bundeskanzlerin“ haben wir uns um diesen Sprachwandel gebracht.

Und das, obwohl wir durchaus an die Möglichkeit solchen Wandels glauben, weil wir sie an anderer Stelle mit dem Ziel der größeren Gerechtigkeit bereits erfolgreich eingesetzt haben. Als die Engländer aufhörten, einen sprachlichen Unterschied zwischen actor und actress zu machen, hörten die Deutschen auf, zwischen „Frau“ und „Fräulein“ zu unterscheiden.

Anstatt unverheiratete weibliche Menschen als „Fräulein“ und nur verheiratete weibliche Menschen als „Frau“ zu bezeichnen, wurde es üblich, alle weiblichen Menschen als „Frau“ zu bezeichnen. Auch hier hätte man argumentieren können, dass dies die verheiratete Frau zum Standard macht und die unverheiratete diskriminiert.

Aus Frauen können noch immer Menschen werden

Knapp fünfzig Jahre später wissen wir, dass das Gegenteil passiert ist: Indem wir das Wort Frau unabhängig vom Ehestatus einsetzen, haben wir es ziemlich erfolgreich von der Bedeutungsebene „verheiratet“ getrennt. Unverheiratete Frauen gibt es trotzdem, und die werden meistens überhaupt nicht gerne als Fräulein bezeichnet. Natürlich gibt es Argumente gegen das generische Maskulinum. Das generische Maskulinum ist historisch männlich, diese Geschichte der Sprache kann man nicht ändern. Genauso, wie man nicht ändern kann, dass Frauen, bis 1918 nicht wählen durften. Aber man kann Bedeutungen verschieben.

In einer Welt, in der innerhalb weniger Jahrzehnten aus „Fräuleins“ „Frauen“ wurden, können aus Frauen noch immer Menschen werden. Menschen, die Bücher schreiben, wir nennen sie dann Schriftsteller, Menschen die regieren, wir nennen sie dann Bundeskanzler, Menschen, die zu Gast sind, wir nennen sie dann Gäste. In dieser Welt würde ich sehr gerne leben.

Dr. Nele Pollatschek lebt als Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschien von ihr bei Galiani „Dear Oxbridge: Liebesbrief an England“. Dieser Text basiert auf dem Kapitel „They: Gendern auf Englisch“.

https://www.tagesspiegel.de/kultur/deutschland-ist-besessen-von-genitalien-gendern-macht-die-diskriminierung-nur-noch-schlimmer/26140402.html?utm_campaign=Morgenlage_politik&utm_medium=Email&utm_source=Tagesspiegel_Newsletter 1. September 2020

P.S. Nele Pollatschek hat in der SZ vom 27. Januar 2021 eine größere Glosse mit dem Titel „Das Recht auf Unsichtbarkeit“ geschrieben; sie befasst sich mit der Tatsache, dass der Duden sei neuestem das generische Maskulinum aufgibt und die weiblichen Formen eines Wortes gleichberechtigt neben die männlichen setzt. Damit verstoße er gegen seine Aufgabe, die Schriftsprache gebildeter Sprachbenutzer abzubilden.

Wichtiger sei jedoch, dass damit „das Recht auf Unsichtbarkeit“ verletzt werde. „Wenn wir das generische Maskulinum abschaffen, verengen wir den Raum der geschlechtlichen Unsichtbarkeit.“ Viele Menschen wollten eben nicht permanent geschlechtlich identifiziert werden. Es gebe zwar wichtigere Dinge als die Frage des generischen Maskulinums, aber dieses sei eben doch auch ein Schutz der persönlichen Unsichtbarkeit. Und deshalb nennt Frau Pollatschek sich Schriftsteller und nicht Schriftstellerin.

Sachverhalte und Dinge – ein Unterschied

Die Sprache selbst guter Medien verroht. Beispiel: „Opposition kritisiert externe Berater der Bundesregierung“ (Nachrichten der Tagesschau, 11. Dezember 2018).

Was steht da? Dass die Opposition „externe Berater“, also eine Gruppe von Menschen (allgemeiner gesprochen: Dinge, Gegenstände unserer Welt) kritisiert. Was ist dagegen gemeint? Gemeint ist, dass durch die Opposition kritisiert wird, dass externe Berater von der Bundesregierung beschäftigt werden bzw. worden sind. Kritisiert wird also die Regierung (nicht die Berater!) dafür, dass sie zusätzlich zum eigenen Personal auch noch externe Berater beschäftigt (= bezahlt, aber ihnen so auch Einfluss gewährt). Kann die Pressestelle der Tagesschau das nicht sagen? Offensichtlich kann sie es nicht – um der Kürze willen wird in Kauf genommen, dass Falsches oder zumindest Missverständliches in die Welt gesetzt wird.

Gegenstände kann man mit einem Nomen bezeichnen, Sachverhalte werden in einem (dass-)Satz ausgedrückt. Das Personal der Pressestelle der Tagesschau hat nicht mit Erfolg am Unterricht der 6. Klasse teilgenommen.

Sprachwandel

Was in einer Gesamtschule in Mönchengladbach unter „Sprachwandel“ in Kl. 11 zu lernen ist (die Links dazu habe ich ausgesucht):

Saussure: das sprachliche Zeichen

Das dyadische Zeichenmodell wird zumeist in Verbindung mit den Arbeiten des französischen Sprachwissenschaftlers F. de Saussure (1857-1913) betrachtet… Das (sprachliche) Zeichen setzt sich demnach aus einem Lautbild (Signifikant) und der Vorstellung (Signifikat) zusammen. Es wird somit weitgehend auf seine Bedeutungsfunktion reduziert. Später hat Saussure die beiden Seiten des Zeichens mit neuen Termini belegt (deutsch: das Bezeichnete =Bedeutung und das Bezeichnende). (http://www.spektrum.de/lexikon/kartographie-geomatik/zeichenmodell/5344)

https://www.mediensprache.net/de/basix/semiotik/zeichen/de_saussure.aspx

http://hispanoteca.eu/Lexikon%20der%20Linguistik/z/ZEICHEN%20nach%20Ferdinand%20de%20SAUSSURE.htm

Watzlawick: die fünf Axiome

http://www.paulwatzlawick.de/axiome.html

Paul Watzlawick stellte 5 Grundregeln (pragmatische Axiome) auf, die die menschliche Kommunikation erklären und ihre Paradoxie zeigen:

Man kann nicht nicht kommunizieren

Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt

Kommunikation ist immer Ursache und Wirkung

Menschliche Kommunikation bedient sich analoger und digitaler Modalitäten

Kommunikation ist symmetrisch oder komplementär

http://www.germanistik-kommprojekt.uni-oldenburg.de/sites/1/1_05.html

1. Axiom “ Man kann nicht nicht kommunizieren“
(Watzlawick 1996,53)
2. Axiom “ Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, derart, dass letzterer den ersteren bestimmt und daher eine Metakommunikation ist.“ (Ebd.56)
3. Axiom “ Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktion der Kommunikationsabläufe seitens der Partner bedingt“. (Ebd.61)
4. Axiom “ Menschliche Kommunikation bedient sich digitaler (verbaler) und analoger (non-verbaler, nicht-sprachlicher) Modalitäten (Ausdrucksmittel).
Digitale Kommunikationen haben eine komplexe und vielseitige logische Syntax aber eine auf dem Gebiet der Beziehungen unzulängliche Semantik (Bedeutungslehre).
Analoge Kommunikationen hingegen besitzen dieses semantische Potential, ermangeln aber die für eindeutige Kommunikation erforderliche logische Syntax“. (Ebd.68)
5. Axiom “ Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind entweder symmetrisch (gleichwertig) oder komplementär (ergänzend), je nachdem ob die Beziehung zwischen den Partnern auf Gleichheit oder Unterschiedlichkeit beruht“. (Ebd.50-70)

(http://www.conradgiller.de/columbos-regeln/wiki/paul-watzlawick-und-die-5-axiome/)

(Körpersprache: http://www.germanistik-kommprojekt.uni-oldenburg.de/sites/1/1_07.html)

Schulz von Thun: Beziehungsquadrat (Kommunikationsquadrat)

http://www.schulz-von-thun.de/index.php?article_id=71

http://www.germanistik-kommprojekt.uni-oldenburg.de/sites/1/1_06.html

Schulz v.T.: das innere Team

http://www.schulz-von-thun.de/index.php?article_id=93

„Das Innere Team ist ein Persönlichkeitsmodell des Hamburger Psychologen . Die Pluralität des menschlichen Innenlebens wird darin mit der Metapher eines Teams und seines Leiters dargestellt. Das soll die Selbstklärung in zwiespältigen Situationen unterstützen und damit die Voraussetzung für eine klare und authentische Kommunikation nach außen bieten.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Inneres_Team)

http://www.managerseminare.de/Datenbanken_Lexikon/Inneres-Team-nach-Friedemann-Schulz-von-Thun,166

Schulz v.T.: das Wertequadrat (nicht besprochen?)

http://www.schulz-von-thun.de/index.php?article_id=72

https://de.wikipedia.org/wiki/Werte-_und_Entwicklungsquadrat

http://www.philosophicum.de/lh/komm2.htm

Männer- und Frauensprache

http://www.sg.sgkg.de/hilfen/ehe/mannfrau.php

http://www.fem.com/lifestyle/artikel/maennersprache-frauensprache-lass-uns-drueber-reden

http://www.igw.edu/assets/data/Abschlussarbeiten/Frauensprache_Maennersprache_Schuerch_Eveline_2009.pdf (S. 5-15)

Jugendsprache

https://de.wikipedia.org/wiki/Jugendsprache

http://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/v/jugendsprache/

http://hehl-rhoen.de/pdf/lexikon_der_jugendsprache.pdf Lexikon

http://www.ge-duisburg-sued.de/index.php/projekte/jugendsprache dito

Zu „Kiezdeutsch“ gibt es mehrere Dateien von Heike Wiese.

Anglizismen

https://de.wikipedia.org/wiki/Anglizismus (Formen des A.)

http://www.ruhr-uni-bochum.de/sprachwerk/mam/content/_kurzprojekt.pdf

Vgl. insgesamt: http://www.philosophicum.de/lh/kommunikation.htm

Linguistisches Relativitätsprinzip

http://home.edo.tu-dortmund.de/~hoffmann/ABC/Relativitaet.html

http://www.leselupe.de/lw/titel-Sapir-Whorf-Hypothese-54807.htm

http://www.blutner.de/philos/erfahr.html

Besonders möchte ich auf einen Fund hinweisen, der mir selber gelungen ist:

https://archive.org/stream/diedeutschesprac00fisc#page/n3/mode/2up (W. Fischer: Die deutsche Sprache von heute,  2. Aufl. 1919) Hier findet man, was vor 100 Jahren als Sprachwandel beobachtet und wie es erklärt wurde – auch ein Dokument des Sprachwandels.

Allgemeine Theorie des Sprachwandels: http://www.christianlehmann.eu/ling/ling_theo/sprachwandel.php

Wie Flüchtlinge die deutsche Sprache verändern

Schluss eines Kommentars in DIE WELT von Dirk Schümer:

[Die] Für die hiesigen Behörden nächstliegende Maßnahme zum gegenseitigen Verständnis aller Paschtunen, Aramäer, Kurden und Tigriner wäre ganz offensichtlich ein effektiver und schneller Deutschkurs. Aber auch hier gibt es hohe Hürden. Wie will man einem Ankömmling eine komplizierte Schriftsprache vermitteln, der als Erwachsener nie lesen und schreiben erlernte? Oder der unser lateinisches Alphabet erst Buchstabe für Buchstabe kennenlernen muss?

Natürlich gibt es Neugierige und Naturtalente, gerade unter den jüngeren Migranten, die sich Deutsch quasi im Vorbeigehen in wenigen Monaten staunenswert geläufig aneignen. Doch genauso oft hört man von unwilligen Schülern, die jeden Unterricht verweigern und sich offensichtlich damit begnügen, in ihrer neuen europäischen Heimat mit Händen und Füßen notdürftig zu kommunizieren.

Können diese Menschen wohl den Bedarf an qualifizierten Facharbeitern in Deutschland decken? Können sie, auch als hoch qualifizierte Ärzte oder Architekten, jemals ihren Beruf in Mitteleuropa ausüben? Solange jedenfalls die Flüchtlinge den ganzen Tag zusammen mit anderen Migranten weggesperrt werden und die deutsche Bürokratie nicht annähernd genügend Deutschlehrer auftreiben kann, wird sich am Sprachnotstand wenig zum Guten ändern.

„Bad english“ in den Unterkünften

Die mehrsprachige Akademikerin Angela Merkel hat in ihrer erfrischend optimistischen Art bereits vorhergesagt, dass die Erwachsenen sich die deutsche Sprache nun wohl bei den Kindern abschauen müssen, die im Kindergarten oder in der Schule in die neue Heimat hereinwachsen. Leider freilich bestand das Gros der Ankömmlinge lange nicht aus Familien mit Kindern, sondern aus männlichen jungen Erwachsenen. Die Kundigsten kommunizieren in den Unterkünften und bei den Behörden längst im Weltidiom „bad english“. Oft sind es dabei aber auch die deutschen Staatsdiener, die schlechter Englisch sprechen als die neuen Schutzbefohlenen.

In jedem Fall wird sich die deutsche Gesellschaft für die Verständigung zwischen Alt- und Neubürgern über viele Jahre an ein rudimentäres Pidgin gewöhnen müssen, das zwischen arabischen Elementen, etwas Englisch, der jeweiligen Muttersprache und dem komplizierten Deutsch oszillieren dürfte. Wenn schon die genervten Deutschen komplizierte Behörden lieber zu kindischen Kunstwörtern wie „Lageso“ abkürzen oder die Ankömmlinge neudeutsch zu „Refugees“, werden sich die Neubürger aus aller Welt ihre Zunge mit wunderlichen Begriffen wie „Unionsfraktionsvize“ oder „Schultergelenksecksprengung“ sicher nicht brechen. Ein ganz neuer Simpelsprech, wie ihn zwischen Spanisch und amerikanischem Englisch längst die südlichen Staaten der USA erobert hat, wird auch in Deutschlands Schulen und in vielen Behörden Einzug halten.

Das kann – wie das „Kanaksprak“ vieler junger Deutschtürken – durchaus kreativ und exotisch klingen, löst aber keines der deutschen Sprachprobleme im Prozess der Globalisierung. Von den ehrgeizigen Schlussfolgerungen der Pisa-Studie, nach der exzellent ausgebildete Schüler bei uns neben Deutsch fließend Englisch und für den Exportmarkt am besten auch noch Spanisch oder gleich etwas Chinesisch sprechen sollten, müssen wir uns verabschieden.

In Schweden hat man die schulischen Prüfungsniveaus angesichts des sprachlichen Wirrwarrs einer Zuwanderungsgesellschaft bereits senken müssen. Was uns also erwartet, ist keine Sprachenvielfalt, sondern weniger Schriftlichkeit, geringerer Wortschatz – und mehr linguistische Einfalt für alle.

© WeltN24 GmbH 2016

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article154229289/Wie-Fluechtlinge-die-deutsche-Sprache-veraendern.html

Deutsch lernen – Anfänger (A1) – Filme

Diese Seite ist die Fortsetzung von https://norberto68.wordpress.com/2016/01/25/deutsch-lernen-fuer-anfaenger-filme/.

Auf youtube findet man viele Filme fürs Deutschlernen; ich habe versucht, unter „Deutsch lernen A1“ einige brauchbare Reihen zu finden. Es gibt noch wesentlich mehr als die genannten – es kommen immer noch neue hinzu! – und es gibt auch viele Filme zu einzelnen sprachlichen Phänomenen:

https://www.youtube.com/watch?v=ttv2E10oGIM&list=PLBB073C8D40C2B6BA („Deutsch mit Julia“, 12 Lektionen, mit deutschen und englischen Untertiteln) einfach, je ca. 4 min

https://www.youtube.com/watch?v=nd0Y_iIaJns&list=PL9F95AAC2287FD5EB (Lingorilla.com: Deutsch lernen mit Videos, 27 Szenen, dt. Text) 0:03 usw.

https://www.youtube.com/watch?v=rVYtzew43Ms&list=PL474C37D5854F648C („Deutsch lernen“: 46 Folgen, sehr deutliche Artikulation, gelegentlich Untertitel – Spielfilm mit Marsmensch) der Zuschauer soll manchmal sprechen; je ca. 5 min

https://www.youtube.com/watch?v=yhP3OT2hxAE („Deutsch lernen Extra auf Deutsch“, Spielfilm, deutsche Untertitel) 16 Folgen, erste 0:24

https://www.youtube.com/watch?v=LWIvyk1-N2w&list=PLItGc0KMciO6xprnO2MpLaj0pWDuxb_1G (16 Folgen, gespielte Szenen) je ca. 14 min (persische oder arabische Untertitel)

https://www.youtube.com/watch?v=_NXDM9XXhQ4&list=PLcUzsPsw73juQL0te7CzTaY4iSzmlJolq&index=43 (Easy German: Szenen, 42 Folgen, mit dt. Untertiteln) 0:03 usw. – schnell gesprochen

https://www.youtube.com/watch?v=K7Qqj8Irqpo („Deutsch lernen“ im deutschlernerblog – 20 Lektionen, thematisch) deutscher Text, schwierig – je ca. 5 min

https://www.youtube.com/watch?v=llSItEiwhzM („Hallo Deutschschule“: hören –> nachsprechen) 18 Folgen, unterschiedlich lang – anspruchsvoll)

https://www.youtube.com/user/dwlearngerman („Harry gefangen in der Zeit“: eine Serie der Deutschen Welle – weithin auf Englisch)

https://www.youtube.com/watch?v=70bMRqSv8I8&list=PLQtUVCXmaLkezHE8W9bntOR8zMfM7hf5p („Deutsch lernen A1“: 26 Lektionen, sehr systematisch) kürzere Filme, nur deutsche gesprochene Erklärungen – sehr schwer

https://www.youtube.com/watch?v=ew33DGiZvGE („Wir lernen Deutsch im Schlaf“ 1. Tag – engl.-deutsch; Erläuterungen in Englisch, ohne Bilder) 1:05, weitere 12 Folgen

https://www.youtube.com/watch?v=GCTGK0S8CWE&list=PL7SijlHyQmVV-GTYsL4aOz8-USEwbAnCc (Deutsch für syrische Flüchtlinge: syrisch-deutsche Texte, dazu deutsche Wörter, gut gesprochen, ohne Bilder) 20 Videos á 0:03

Impulse für ein vernünftiges Gespräch

In der Vorlage heißt es zwar Gesprächsimpulse zum Philosophieren mit Kindern, aber es handelt sich in Wahrheit um Impulse für ein vernünftiges Gespräch, auch außerhalb des Philosophieunterrichts:

Impulse zur Intensivierung der inhaltlichen Auseinandersetzung

Nachfragen, um Begriffe, Meinungen und Positionen zu klären:

  • Was meinst du, wenn du … sagst?
  • Kannst du das genauer erklären?
  • Was bedeutet …?
  • Erkläre bitte an einem Beispiel, was du meinst.

Begründungen und konkrete Beispiele einfordern, Voraussetzungen aufdecken:

  • Warum meinst du, dass …?
  • Kannst du dafür einen Grund nennen?
  • Gibt es hierzu ein Beispiel / ein Gegenbeispiel?
  • Welche Voraussetzungen / Bedingungen müssen gegeben sein, damit …?

Aussagen noch einmal zur Diskussion stellen und das Nachdenken über Alternativen anregen:

  • Ist das wirklich so?
  • Gilt das für alle Fälle?
  • Wie verträgt sich das mit …?
  • Gibt es hier nur diese eine Möglichkeit / Meinung / Sichtweise / Lösung?
  • Könnte es auch ganz anders sein?

Konsequenzen und Folgen durchspielen:

  • Wenn das der Fall wäre, müsste dann nicht auch …?
  • Was würde daraus folgen?
  • Können alle diese Folge / Folgerung akzeptieren?

An das Ausgangsproblem erinnern und den Gesprächsstand zusammenfassen:

  • Unser Thema war … Wie passt das dazu?
  • Was haben wir bisher herausgefunden?
  • Wie sind wir zu diesem Punkt gekommen?
  • Was für verschiedene Meinungen haben wir gehört?
  • Welche Fragen wollen wir weiter vertiefen?

Impulse, die das Miteinander des Gesprächs anregen

  • Kannst du X zustimmen? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht?
  • Haben alle verstanden, was X gesagt hat? Kannst du erklären, was er/sie meint? [Die Vorlage weist hier einen Bruch auf! N.T.]
  • Möchte jemand zu diesem Gedanken etwas sagen? Hat jemand etwas Ähnliches oder ganz anderes gedacht?
  • Wie passt das, was du gesagt hast, zu dem, was X gesagt hat?
  • Wer ist damit einverstanden, wer nicht?

http://steinmair.jimdo.com/app/download/9262733499/2_Leseauftrag.pdf?t=1393780462

in 1/2010 Sachunterricht | www.grundschulunterricht.de, S. 39 (sprachlich minimal von mir überarbeitet, sachlich geringfügig erweitert – es fehlt allerdings der ganze Komplex des Bewertens von Handlungen und Vorschlägen, welche unter dem Stichwort ETHIK ihren Platz in der Philosophie haben und heute oft PRAKTISCHE PHILOSOPHIE heißen. Ich verweise hierfür auf das, was ich im Beitrag „Aufsatzunterricht“ unter „C: Etwas bewerten“ dazu gesagt habe: die Eignung von Vorschlägen zur Lösung einer Aufgabe prüfen sowie ihre Leistung mitsamt Kosten berücksichtigen, die Nebenwirkungen beachten, das Recht / die Pflicht und die Berechtigung prüfen …)

DDR-Sprache nach 1990

Die sprachlichen Unterschiede betrafen nicht nur die Lexik, sondern auch Grammatik, Phonetik, die Existenz verschiedener Textsorten oder auch die Kommunikationskultur an sich. Was die Lexik betrifft, soll hier die von Fix/Schroder 1997 vorgeschlagene Unterscheidung zwischen DDR-spezifischen und DDR-geprägten Wendungen aufgenommen werden, da sie sich als relevant für den heutigen Sprachgebrauch erweist. DDR-spezifische Wendungen, die fest an staatliche Institutionen gebunden waren – z.B. Lexeme wie Volkspolizist, Unterstufenlehrer, EOS, SERO, Jungpionier usw. – sind nach 1990 relativ schnell verschwunden, da ja auch ihre außersprachlichen Referenten, also die jeweiligen Institutionen nicht mehr existieren. Sie können mittlerweile als archaisiert betrachtet werden. DDR-geprägte Wendungen waren dagegen schwieriger zu vermeiden, da die SprecherInnen sich oft nicht bewusst waren, dass diese Wendung nur für das Gebiet der DDR typisch waren und diese auch keineswegs politisch konnotiert waren. Sie sind politisch und kulturell >unaufälllig< und haben sich daher zum Teil bis heute erhalten. Eingeweihten verrät ihr Gebrauch jedoch sehr schnell die Zugehörigkeit des Sprechers oder der Sprecherin zur jeweiligen deutschen Sprachgemeinschaft.

Der 1990 einsetzende Sprachwandel war für SprachwissenschaftlerInnen ungeheuer interessant. Normalerweise vollziehen sich Sprachwandelprozesses eher langsam und können erst über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte nachgewiesen werden. Der deutsch-deutsche Sprachwandel vollzog sich dagegen mit großer Geschwindigkeit innerhalb von zehn Jahren. Oftmals gab es keine Gelegenheit, die Sprachzeugnisse der DDR zu retten bzw. zu konservieren, da DDR-typische Sprachdaten während der Euphorie der Wendezeit in großem Umfang vernichtet wurden. Ruth Reiher und Antje Baumann (2004) haben den Sprachwandel analysiert und verschiedene Etappen modellhaft dargestellt (Koexistenz > Kontakt/Kollision/Konflikt > Sprachliche Anpassung > Westdeutsch als Gesamtdeutsch). Seit knapp zehn Jahren gilt dieser Sprachwandel als abgeschlossen. Die Ostdeutschen haben aufgrund eines stark gefühlten Anpassungs- und Assimilierungsdrucks die westdeutsche Sprachvariante weitgehend übernommen.

Folgende Sprachwandelprozesse konnten unter anderem beobachtet werden:

  1. Das Verschwinden der DDR-spezifischen Lexik bzw. eine Archaisierung mit einer einhergehenden semantischen Ausbleichung (Abkürzungen und Akronyme wie EOS, EVP, HO, LPG oder SERO können heute nur noch von den wenigsten Sprecherlnnen korrekt entschlüsselt werden).
  2. Desynonymisierung sprachlicher Dubletten zu Gunsten der westdeutschen Variante (ablichten > kopieren, Fahrerlaubnis > Führerschein, Feierabendheim > Seniorenheim, Fortbildung > Weiterbildung, vorfristig > vorzeitig).
  3. Bedeutungswandel einiger Wörter (Wörter wie kollektiv, individualistisch, sozialistisch, kapitalistisch erhielten neue Wertigkeiten für die Sprecher).
  4. Das Verschwinden kompletter Textsorten, die es in dieser Form nur in der DDR gab (Brigadetagebuch, Jugendweiheurkunden, Eingaben, Wettbewerbsverträge usw.).
  5. Modifizierung der Form einiger Textsorten wie Bewerbungsschreiben oder Schülerbeurteilungen.
  6. Der Import westdeutscher Bezeichnungen, die an das Gesellschaftssystem der BRD gebunden sind (Hauptschule, Landesprüfungsamt, Geschäftsführer, Selbsthilfegruppe) und deren Referenten für ostdeutsche Sprecherlnnen komplett neu und fremd waren.
  7. Asymmetrische Verwendung von Regionalismen; so wurden aufgrund des sprachlichen Anpassungsdrucks süddeutsche Regionalismen auch im mittel- und norddeutschen Sprachraum eingeführt, was zu einer großen Verunsicherung der Sprecherlnnen führte. Dies ist nachweisbar anhand der Anfragen bei Sprachberatungsstellen und Leserbriefen aus jenen Jahren (Tischler > Schreiner, Straßenbahn > Tram, Krankenhaus > Spital).
  8. Euphemistische Periphrasen werden zu Gunsten der Grundlexeme aufgegeben: (antifaschistischerSchutzwall > Mauer).
  9. Reduzierung von tautologischen Lexemen auf ihr Grundwort (Eigeninitiative > Initiative, Grundprinzip > Prinzip).
  10. Neuschöpfung vieler Lexeme während der Wende (Wendedatum, -herbst, -periode, -zeit, -hals; Reformprozess, -bewegung, -angebote; Dialogfähigkeit, -bereitschaft; Bürgerbewegungen, -foren, -initiativen; zusammenwachsen, -gehören, -kloppen, -nageln, -wuchern).

 

Peggy Katelhön: Auf den Spuren des Hühnergotts. Deutsch-deutscher Sprachwandel als Thema eines interkulturellen Deutsch-als-Fremdsprache-Unterrichts. In: SIETAR. Journal für interkulturelle Perspektiven 1/2009, S. 3 ff. (hier S. 4 f.)

Mit wie wenig Wörtern kann man lügen?

Lügen mit drei Wörtern:

* Tut mir leid!

* Wir melden uns!

* Gut gemacht, Chef!

* Ich dich auch!

* Nur ein Bier.

Lügen mit nur einem Wort:

* Gesundheit!

* Sekunde!

* Schick!

* Gerne!

* Like!

Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern ein Teil von http://www.stern.de/kultur/buecher/die-welt-in-kuriosen-listen-eine-luege-mit-drei-woertern-nur-ein-bier-2110630-61957ee4fd4c939d.html.

Solche Vorlagen kann man nutzen, um Schüler zu eigenen produktiven Arbeiten anzuregen; siehe die anderen Beispiele in dem STERN-Beitrag!

 

Zigeunersauce – politisch nicht korrekt?

Das „Forum für Sinti und Roma“ fordert fünf Lebensmittelkonzerne auf, den Namen „Zigeunersauce“ aus ihrem Sortiment zu verbannen. Der Verein empfinde den Namen als rassistisch. Die Hersteller streiten diesen Vorwurf ab und verweisen auf eine 100-jährige Tradition der Sauce. (Meldung 15. August 2013)

Ich schlage vor, auch die Operette „Der Zigeunerbaron“ in „Der Sinti- und Roma-Baron“ umzubenennen – nein, wirklich, hier treibt der Aberglaube des politisch korrekten Sprechens erneut seltsame Blüten: Als ob sich in der Welt etwas änderte, wenn man nicht mehr von „Zigeunern“ spricht! Als ob sich in der Welt etwas änderte, wenn man solche komischen Sprechblasen wie „Herr Professorin“ (Leipzig) produziert. Das geht demnächst so weit, dass alle als benachteiligt gelten müssen, die nicht benachteiligt sind…