„Faust“ in EinFach Deutsch – ein grausames Spiel

Heute hatte ich Gelegenheit zu sehen, wie die Gretchentragödie in „EinFach Deutsch“ verschandelt wird:

Szene „Straße“ wird auf 14 Verse reduziert (V. 2605 ff.).

Aus Szene „Abend“ (V. 2678 ff.) werden sechs Verse angehängt.

Aus Szene „Abend“ (V. 2783 ff.) wird Gretchens Monolog vor dem Kästchen (22 Verse) präsentiert.

Aus Szene „Garten“ (V. 3073 ff.) sind die Elemente ‚Marthe-Mephisto’, aber weithin auch Gretchens Bericht von der Sorge um das Schwesterchen (V. 3125 ff.) gestrichen.

Fazit: Von 600 Versen sind circa drei Viertel gestrichen, darunter die Schlüsselszene V. 2687 ff. (Fausts Monolog in Gretchens Zimmer) und das Lied vom König in Thule; die Figuren Mephisto und Marthe fehlen völlig – es ist einfach unfassbar!

Was Frau Löhrmann allein nicht schafft: das Gymnasium demolieren, das bringt EinFach Deutsch zum Abschluss – und zwar an der Marienschule in Mönchengladbach, dem heimlichen Elitegymnasium der Stadt.

Ich schlage als nächste Stufe der Reduktion des „Faust“ resp. der Gretchentragödie vor:

  • Faust lernt Gretchen kennen
  • Sie verlieben sich ineinander
  • Gretchen wird schwanger, tötet ihr Kind und wird wahnsinnig
  • Faust kann sie nicht retten und verlässt sie.

Diesen Kurztext kann eigentlich jeder verstehen, sodass dann auch jeder in NRW Abitur machen kann. Nur – was fangen wir mit solchen „Abiturienten“ an? Und was hat diese Boulevard-Kurzmeldung mit Goethes „Faust“ zu tun? Auch nicht viel weniger als die ‚EinFach Deutsch‘-Kurzfassung!

R. Thormann: Deutsch als Zweitsprache in Vorbereitungsklassen – Besprechung

Die Bücher der Reihe „Deutsch als Zweitsprache in Vorbereitungsklassen“, erstellt von Rena Thormann, taugen nicht viel. Ich begründe mein Urteil folgendermaßen:

  1. In Band 2 wird weithin das gleiche Vokabular eingeübt wie in Band 1 (Essen und Trinken, Wohnung, Familie, Körper; Schule, sich vorstellen).
  2. In Band 1 werden neben wichtigen Wortfeldern auch ziemlich unwichtige präsentiert (Winter, Advent und Weihnachten, Fasching und Karneval, Gastronomie mit Sektglas: für Flüchtlinge!).
  3. Die Bücher sind miserabel korrigiert. Allein auf S. 49 in Bd. 2 („Die Wohnung von Frau Thormann“) gibt es in einem Satz („Im Schlafzimmer…“, Z. 5 f.) zweimal den gleichen Kleiderschrank; „auf einem Schreibtisch steht der Computer und ein Sofa“ (Z. 4 f.) – das Sofa steht aber bereits vorher im Arbeitszimmer (Z. 4); im Wohnzimmer ist es gemütlich, weil „die Sonne herein scheint“ (R!).
  4. Ebenso kann man mit dem Bild einer Schalttafel nicht erklären, was ein Mechatroniker ist oder tut (Bd. 1, S. 67), und an der Hand („Der Mensch“, Bd. 1, S. 34) bekommt der Ringfinger keinen Namen. Gelenke hat der Mensch auch nicht, und wieso ein Bus, an dem ein Stop-Schild klebt, „Die Haltestelle“ darstellt (Bd. 1, S. 84), erschließt sich mir nicht; und was „sich entspannen“ ist (Bd. 2, S. 49), kann man wirklich keinem Anfänger erklären.

Dafür bekommt man bei „Fahren und Reisen“ (Bd. 1, S. 84) tatsächlich ein U-Boot angeboten: Gute Fahrt, Frau Thormann!

P.S. Noch zwei Klöpse aus Band 1:

Auf S. 63 wird realitätsnah gefragt: Wo ist die Karotte? (über dem Bett, im Bett, unter dem Bett…) – Bei uns sind die Karotten nicht im Bett, und unter dem Sofa sind sie höchstens bei Hempels.

Auf S. 79 wird im Zusammenhang mit Ostern der Leidensweg Jesu (Jesus mit dem Kreuz auf den Schultern, also der Kreuzweg) als „der Kreuzgang“ vorgestellt – das ist schlicht falsch, der Kreuzgang ist der überdachte Gang um den Innenhof eines Klosters; mit den Deutschkenntnissen von Frau Thormann ist es nicht weit her.

Unterrichtsreihe „Pfingsten“

Ich habe für lehrer-online eine Unterrichtsreihe „Pfingsten“ gemacht, für die späte Sek I und die Sek II: http://www.lehrer-online.de/pfingstfest.php?sid=84325031946398709240199509950530 – Adolf Harnacks Lehrbuch der Dogmengeschichte, Bd. 1, S. 46 f. bzw. S. 39 ff. (und öfter auf den nächsten 200 Seiten), zeigt, was der Besitz des Geistes, also der Enthusismus für die frühen Christen bedeutet hat und wie er verlorenging (https://archive.org/stream/lehrbuchderdogme01harnuoft#page/46/mode/2up).

Da es mit der Veröffentlichung drei Tage vor dem Fest  ganz schnell gehen musste, fehlen die weiterführenden Links. Die sollen zwar nachträglich eingebaut werden – für alle Fälle drucke ich aber die Liste hier ab:

Weiterführende Links

1. Pfingsten

http://de.wikipedia.org/wiki/Pfingsten (mit Beziehung des Pfingstfestes zum jüdischen Fest Schawuot)

http://www.heiligenlexikon.de/Kalender/Pfingsten.html (Bedeutung des Pfingstfestes, Brauchtum)

http://www.theology.de/kirche/kirchenjahr/pfingsten.php (Bedeutung des Pfingstfestes, ausführlich: altes Brauchtum)

http://www.n-tv.de/mediathek/bilderserien/panorama/Was-ist-Pfingsten-article3551831.html (Bilderserie mit kurzen Texten zu Apostelgeschichte 2 und zum Brauchtum)

http://www.theologe.de/pfingsten.htm (zur Bedeutung von Pfingsten – kirchenkritisch)

2. Heiliger Geist

http://www.jesus.ch/information/bibel/neutestamentliches_woerterbuch/146207-heiliger_geist.html (systematische Übersicht über die Belege in der Bibel)

https://www.teknia.com/greek-dictionary/pneuma (Konkordanz aller pneuma/Geist-Stellen des Neuen Testaments)

3. Apostelgeschichte 2

http://www.bibelwissenschaft.de/bibelkunde/neues-testament/apostelgeschichte/ (Übersicht: Inhalt und Aufbau der Apostelgeschichte)

http://www.ruhr-uni-bochum.de/imperia/md/content/nt/nt/wise2009-10/skript_ws_200910_apostelgeschichte.pdf (Kommentar zu Apostelgeschichte 2, dort S. 19 f. und vor allem S. 23-26)

http://www.die-apostelgeschichte.de/lehrveranstaltungen/vorlesung/Kapitel2.pdf (ausführlicher Kommentar, dort S. 36-70)

4. 1 Korinther 12

http://www.bibelwissenschaft.de/bibelkunde/neues-testament/paulinische-briefe/1-korinther/ (Übersicht: Inhalt und Aufbau des 1. Korintherbriefs)

5. Über die Firmung

http://www.erzbistum-muenchen.de/Page000167.aspx (katholische Einführung in Sinn und Ablauf der Firmung)

http://www.kathpedia.com/index.php?title=Gaben_des_Heiligen_Geistes (katholische Übersicht über die Theorie von den sieben Gaben des Heiligen Geistes – eine Fortführung zu 1 Kor 12)

6. Portale von Bibelübersetzungen

http://www.die-bibel.de/startseite/ (Portal der Deutschen Bibelgesellschaft, evangelisch)

http://www.bibleserver.com/index.php (Portal mehrerer Bibelgesellschaften, ökumenisch)

http://www.bibel-lesen.com (Portal einer christlichen Freikirche oder Sekte)

7. Zur Eigenart des religiösen Sprechens [zur 3. Aufgabe von Arbeitsblatt 1 – diese Vertiefung wäre in einem Leistungskurs möglich]

http://www.gym-hartberg.ac.at/schule/images/stories/Religion/themen_matura/02_Sprache_Religion.pdf (Übersicht über verschiedene Formen des Sprechens, allgemein verständlich)

http://www.fresacher.net/uploads/media/Fresacher_Gottessemantik.pdf (Übersicht über die traditionelle Theorie, allgemein verständlich)

http://www.mbph.de/Religion/ReligioeseErfahrungSprechen.pdf (modernere Theorie, anspruchsvoller)

http://web.archive.org/web/20030207072945/http://www.joyma.com/bonhoeff.htm, dort: „Briefe an einen Freund“ – der Brief vom 30. April 1944 ist der Kontext von Dietrich Bonhoeffers Satz „Gott ist mitten in unserem Leben jenseitig“.

8. Linksammlung

http://www.rpi-virtuell.net/tagpage/1DF3B944-2FF6-4EBB-BBFB-BE1AA964169C (Linksammlung eines religionspädagogischen Instituts)

Schülerlexikon Deutsch

Dieses Lexikon von Duden gibt es kostenlos im Internet: http://m.schuelerlexikon.de/deu_abi2011/index.htm

Es ist ein gutes Hilfsmittel, sollte man selber mit Lesezeichen sichern und auch den Schülern empfehlen. Allerdings muss man sich bei seiner Nutzung manchmal intelligent anstellen. So gibt es nicht das Stichwort „Barock“, sondern „Zeit des Barock“ unter Z; nicht „Romantik“, sondern „Begriff der Romantik unter B; nicht „Eichendorff“, sondern „Joseph von Eichendorff“ unter J. – Wenn man aber einmal ein Stichwort gefunden hat, geht das weitere Suchen leicht: Unten auf der Seite stehen „Verwandte Themen“.

Der andere Weg, mit dem Lexikon umzugehen, ist der Zugriff auf das Inhaltsverzeichnis und seine Systematik:

http://www.schuelerlexikon.de/SID/6da3fbff944fabe24096926f668867e5/lexika/deusek2/index.htm. Da findet man sich als normaler Studierter leichter zurecht, denke ich. Wenn man Pech hat, springt der Link aber zurück. Auf jeden Fall kommt man mit folgendem Link weiter:

http://www.schuelerlexikon.de/SID/6da3fbff944fabe24096926f668867e5/search.php?page=0; da gibt man oben in der Suchmaske sein Stichwort ein, z.B. „Eichendorff“, und dann bekommt man alle Seiten angeboten, auf denen etwas zu Eichendorff steht. – Wie üblich ist also die Wissenschaft des Suchens die Mutter aller Funde.

Das Schülerlexikon „Basiswissen Deutsch“ (für Kl. 10, aber auch den Älteren kann’s nicht schaden) findet man unter

http://www.schuelerlexikon.de/SID/6da3fbff944fabe24096926f668867e5/lexika/deutsch/index.htm – es ist aber ein bisschen simpel und erklärt z.B. irgendwelche angeblich bestehenden Wortarten, ohne die Problematik des Begriffs zu erläutern; dieses Grammatik- oder Sprachwerk ist aber auch in den dritten Link integriert, man braucht es also nicht eigens zu installieren.

Klartext 9 (Sprach-Lesebuch Deutsch, Westermann)

Im neuen Sprach-Lesebuch (Deutsch) Klar|text 9 wird in der Zusammenstellung des Basiswissens (S. 271 ff.) das adressatenbezogene Schreiben folgendermaßen erklärt bzw. begründet: „In Texten, bei denen du dich an andere wendest (z.B. bei Briefen oder in Infotexten), ist es wichtig, dass du den Adressaten mit einbeziehst, damit du ihn leichter von deinem Anliegen überzeugen oder für deine Sache interessieren kannst.“ (S. 271)

Die Begründung ist insofern aufschlussreich, als sie das rein manipulative Konzept des hier konzipierten Deutschunterrichts verrät: den Adressaten leichter überzeugen (= überreden), ihn für die eigene Sache interessieren, das ist das offiziell bekundete Ziel des adressatenbezogenen Schreibens. Ich meine dagegen, dass adressatenbezogenes Schreiben primär den Adressaten selbst als Partner eines Dialogs wahrnimmt und ernstnimmt, dass man sich ernsthaft mit seinen Anliegen und seinen Argumenten auseinandersetzen muss (und zu diesem Zweck auch seine Argumentation analysieren müsste): Es könnte ja sein, dass seine Sicht der meinen mindestens gleichwertig ist. Aber der „moderne“ Deutschunterricht verzichtet lieber auf saubere Analysen.

Die Übersicht über die Lerninhalte (S. 298 f.) verrät, wie die einzelnen Themen den verpflichtenden Kompetenzen des Kernlehrplans zugeordnet sind: Alles, was sich als Freiheit der Schüler in den Aufgaben der einzelnen Sequenzen darstellt, ist in einer höheren Planung aufgehoben – guter Unterricht kann im Prinzip auch nicht anders ablaufen, aber dann soll man auch nicht so tun, als bestimmten „die Interessen“ der Schüler den Unterricht.

Mehr oder weniger falsche Erklärungen aus dem Basiswissen:

Balladen sind umfangreiche Gedichte mit Reimen und Strophen … (S. 273) – Reime und Strophen machen keine Ballade aus, so bleibt nur „umfangreich“ als Merkmal!

Erzählhaltung: Es fehlt die auktoriale Erzählhaltung (S. 274).

Lesemethode für Gedichte: (1. Schritt: sich orientieren) Lies die Überschrift des Gedichts und die Anfänge der einzelnen Strophen. Worum geht es wohl? (S. 278) – Sehr originell, ich würde das Gedicht zuerst ganz lesen, nicht nur die Strophenanfänge.

Den Sprecher in einem Gedicht nennt man lyrisches Ich (S. 279). – Das ist so nicht richtig, nur einen Ich-Sprecher nennt man lyrisches Ich.

Neue Sachlichkeit: Die Abgrenzung vom Expressionismus (sachliche und realistische Beschreibung der modernen Gesellschaft, „wobei sie soziale Probleme nicht aussparten. Dadurch unterschieden sie sich deutlich vom Expressionimsus, der weniger politisch ausgerichtet war …, S. 280), stimmt nicht mit der Erklärung des Expressionismus („Die Künstler setzten sich kritisch mit der modernen Lebens- und Arbeitswelt auseinander. Das innere Erleben der äußeren Veränderungen steht dabei im Mittelpunkt.“, S. 275), welche ihrerseits nicht unproblematisch ist, überein.

Personifikation: Dinge oder abstrakte Begriffe führen menschliche Tätigkeiten aus (S. 282 – zu eng!).

Satire – da gibt es nur die Stilmittel Übertreibung und Ironie (S. 284).

Mit einem sprachlichen Vergleich kannst du etwas anschaulicher darstellen: Er ist mutig wie ein Löwe. (S. 287) – Hier offenbart sich die sprachliche Hilflosigkeit normaler Deutschlehrer gegenüber rhetorischen Stilmitteln: Als ob ich mir dabei einen Löwen vorstellte und nicht den Mutigen aufwerten wollte! (ähnlich die Erklärung der Stilmittel, S. 286)

Mithilfe der Weglassprobe kannst du Texte straffen. (S. 287) Vielleicht ergibt die Probe, dass ich nichts weglassen darf? (Eine ähnliche Einseitigkeit war auch schon bei der Ersatzprobe zu finden: Verengung auf die Überarbeitung von Texten)

Und das Zitieren ist auch nicht ganz richtig erklärt: 1. Die eckige Klammer ist hier überflüssig, weil der zitierte Text sich nahtlos in den eigenen Text einfügt, und 2. fehlt der Hinweis auf die Pflicht, die Quelle bzw. den Fundort des Zitats anzugeben.

In den Anleitungen zum Lesen (Basiswissen) werden die Schüler mehrfach aufgefordert, in vorliegende Texte hineinzumalen und zu -schreiben, und zwar ohne die Einschränkung „Bitte nur in Kopien!“ oder „Bitte nur in eigene Bücher!“ Ohne diese Einschränkung ist die Anleitung, in Bücher etwas hineinzuschmieren, eine Anleitung zum Ferkeln, zur Beschädigung fremden Eigentums! Last, not least: Sprechakte werden zwar erwähnt, aber nicht im Basiswissen erklärt – ein dickes Manko! Das zu erklären wäre eine bessere Basis als die Erklärung der ominösen Sinnabschnitte, siehe den nächsten Beitrag!

Buchners Kompendium deutsche Literatur

(Informationen – Texte – Interpretationen) ist ganz frisch erschienen, erarbeitet von Hans Gerd Rötzer, Gerhard C. Krischker und Klaus Will. Die einzelnen Kapitel des 316 Seiten starken Buches sind folgendermaßen aufgebaut (ich orientiere mich am Beispiel „Klassik“, es gibt Abweichungen in anderen Kapiteln):

Überblick + Autoren und Werke (2 Seiten); Texte und Interpretationen (13 Seiten, 7 Beispiele: Faust, Grenzen der Menschheit, Iphigenie auf Tauris, Wilhelm Meister; Don Carlos, Der Handschuh, Maria Stuart); Sachwörter (2 Seiten: Ballade, Bildungsroman, Die drei Einheiten, Exposition usw.); Ausblicke (1 Seite, Oskar Maria Graf über den Schillertag 1905); Stichpunkte (1 Spalte, Fortsetzung des Überblicks); Anregungen und Fragen (1 Spalte).

Die Interpretation zu „Grenzen der Menschheit“ ist hervorragend, es ist die von http://logos.kulando.de (71 Zeilen, ohne genaue Angabe der Seite); die Interpretation zu „Don Carlos“ (Posas Rede resp. Dialog mit dem König aus III,10 wird mit 67 Versen arg verkürzt wiedergegeben – die Rede Posas in III,10 ist allenfalls Ausdruck der Aufklärung, „Klassik“ ist dagegen die Rede des Don Carlos in V,11) ist mit zehn Zeilen nicht nur ausgesprochen kurz, sondern auch sachlich problematisch, um nicht zu sagen falsch: Der Held des Dramas ist letztlich Don Carlos, nicht Posa! Eine bessere Interpretation des Stücks findet man unter https://norberto42.wordpress.com/tag/don-karlos/.

Das Unternehmen des Verlags C. C. Buchner ist von der Idee her (Texte mit Erklärungen verbinden, um Literaturgeschichte vorzustellen) reizvoll und gut, mit 316 Seiten aber deutlich zu eng begrenzt; um „Don Carlos“ in 10 Zeilen interpretieren zu können, muss man ihn schon sehr gut kennen. Der Aufbau der einzelnen Kapitel ist gelungen, die Unterscheidung Überblick / Stichpunkte überzeugt mich aber nicht. Das Sachregister (S. 307 f.) hilft einem, sich in den über die Kapitel verstreuten „Sachwörter[n]“ (= literaturwissenschaftliche Begriffe) zurechtzufinden; warum man jedoch literaturwissenschaftliche Begriffe nicht auch so benennt, bleibt mir ein Rätsel.

Lehrerheft: Johann Wolfgang von Goethe – Seine bedeutenden Gedichte

Dieses Lehrerheft ist gerade im Verlag Krapp & Gutknecht erschienen.

Es geht auf meine Untersuchung, welche Gedichte Goethes heute faktisch in den Kanon gehören, und auf die anschließende Analyse dieser Gedichte zurück. 50 dieser Analysen (zum Teil bereits älter, zum Teil neu) stehen noch  im alten Blog http://logos.kulando.de, aber auch in diesem (norberto42.wordpress.com); die 51. steht nur im Blog http://norberto42.wordpress.com, weil ich „Dornburg, September 1828“ bei der Auswertung meiner Listen zuerst übersehen hatte (es steht als einziges im Band 8 von Killys „Epochen der deutschen Lyrik“, wovon ich zunächst nur Bd. 6 und 7 berücksichtigt hatte).

Vertiefungsfach Deutsch. Arbeitsheft mit Lösungen. Erarbeitet von Gerd Brenner. Cornelsen (2010)

Vor einigen Wochen oder Monaten hat Cornelsen für den ersten Jahrgang, der 2010/11 mit Einführung des G 8 in NRW in die Klasse 10 und damit in die „Einführungsphase gymnasiale Oberstufe“ geht, ein Heft (zu Texte, Themen und Strukturen) auf den Markt gebracht (oder geworfen), das ich mir partiell angeschaut habe. Das, was ich dabei gesehen habe, möchte ich notieren. Ich habe mich dabei an den 2. Schritt der Fünf-Schritt-Lesemethode gehalten, mit der das Heft beginnt (S. 5): „Fragen an den Text stellen und Vorwissen aktivieren“. Dazu wird dann ausgeführt, man solle „einen eigenen Erwartungshorizont“ schaffen. Ich erwarte also, dass die Schüler methodisch sauber angeleitet werden. Von dieser Erwartung aus werde ich Fragen an das Arbeitsheft stellen.

1. Lesestrategien nutzen (S. 5 ff.)

Zuerst wird dem mit „Sie“ angesprochenen Schüler empfohlen, die Fünf-Schritt-Lesemethode sich anzueignen. Beim 1. Schritt soll er den Text überfliegen und so das Thema des Textes erfassen, indem er Titel, ggf. Untertitel und Vorspann aufeinander bezieht. Der Beispieltext auf S. 8 f. hat zwar einen Titel („Die Kleinen vorneweg“), aber keinen Untertitel und auch keinen Vorspann. Ob es kein besseres Beispiel gab, an dem man die empfohlene Methode hätte demonstrieren können? „Die Kleinen vorneweg“ sagt jedenfalls nicht viel aus.

Auch die beim 1. Schritt zu beachtenden Aussageschwerpunkte, die häufig kenntlich gemacht werden (Zwischenüberschriften, typografische Hervorhebungen usw.), findet man im Beispiel nicht. Was soll das Beispiel also zeigen? Steht es nur da, weil es im Unterricht Gerd Brenners seit langem vorkommt? [P.S. Auf ZEIT-online gibt es eine Art Untertitel, allerdings über die Überschrift gesetzt: „KINDER- UND JUGENDBANDEN MACHEN DIE INNENSTADT BREMENS UNSICHER – DIE BEHÖRDEN REAGIEREN RATLOS“ – warum fehlt diese aufschlussreiche Zeile in der Wiedergabe des Artikels im Arbeitsheft?]

Besonders interessant seien meist der erste und der letzte Abschnitt – bitte, Herr Dr. Brenner, das Ding heißt Absatz! Abschnitte kann ich auch innerhalb von Absätzen oder über Absatzgrenzen hinweg machen, Absätze sind dagegen grafisch vorgegeben. Zudem besagen der erste und der letzte („All dies aber hat man noch gar nicht probiert.“) Absatz im Beispieltext nicht viel. Ich befürchte, das Beispiel ist nicht geeignet, die empfohlene Methode zu demonstrieren. Es ist damit ein schlechtes Beispiel.

Im 2. Schritt soll man „Fragen an den Text stellen und Vorwissen aktivieren“; dadurch soll der Schüler sich „einen eigenen Erwartungshorizont“ schaffen. Gegen dieses Vorgehen spricht die Tatsache, dass der Text (und auch der Beispieltext von 1994 – da wurden die Schüler gerade geboren, wenn nicht erst gezeugt) gar nicht für die Schüler bestimmt ist. Der Text ist für andere Leser geschrieben – diese Bestimmung müsste von den Schülern nachträglich untersucht werden. Es wäre also im Sinn einer Quellenkritik zu untersuchen, für welche Leser der Text 1994 geschrieben wurde und was deren Erwartungshorizont war; sofern das Schülern heute überhaupt möglich ist, ist es ein schwieriges Unterfangen – da weicht Herr Dr. Brenner lieber aus und begnügt sich mit dem Erwartungshorizont der Schüler 2010.

Als 3. Schritt empfiehlt er, den Text gründlich und „aktiv“ zu lesen; er sagt leider nicht, dass man solches nur bei kopierten Texten tun darf, Schulbücher dagegen bitte sauber halten soll. Gut ist jedoch der Rat, man solle sparsam markieren.

Beim 4. Schritt (Den Text abschnittweise gedanklich verarbeiten) soll man die Textaussagen gliedern und diese „sowie Teilaussagen“ am Rand in eigenen Worten zusammenfassen. Das sind zwei Arbeitsanweisungen (gliedern, zusammenfassen), die so nicht zueinander passen. Zuerst müsste man zusammenfassen, danach gliedern; aber gliedern kann man nicht am Rand, das wird unübersichtlich. Auch ist mir nicht klar, worin sich Textaussagen und Teilaussagen unterscheiden. Was sind Teilaussagen? Das setzt einen Autor voraus, der zentrale Thesen noch einmal unterteilt (denke ich mal); aber davon kann im Beispiel keine Rede sein, da kommen verschiedene Leute zu Wort.

Beim 5. Schritt soll der Schüler den gesamten Text auswerten und einordnen. Dazu soll er die wichtigsten Aussagen des Textes im Zusammenhang bewusst machen, danach eine kritische Distanz zur Textaussage herstellen. Ja, was nun: Textaussage (Singular) oder Textaussagen (Plural)? Und dann kommt der dickste Hammer: „Maßstab der Bewertung ist Ihre Leseintention: Hat der Text neue Einsichten oder Fragen eröffnet, ist etwas offengeblieben?“ Aber was hat der Inhalt des Fragesatzes mit meiner Leseintention zu tun? Die Leseintention der Schüler ist doch die: Kann ich an diesem Text lernen, wie man Texte mit Verstand liest? Hier rächte sich bitter, dass beim 2. Schritt nur der eigne Erwartungshorizont erstellt werden sollte. „Textaussage“, was das auch sein mag, und Schülererwartung oder -intention werden kurzgeschlossen. So entsteht ein Kurzschluss, da die historische Distanz zu den damaligen Lesern nicht hergestellt wird und die Schüler wie primäre Leser der ZEIT von 1994 behandelt werden.

Als ich umblätterte, habe ich gejubelt: Hilfsmittel nutzen – Das Wörterbuch (S. 6 f.) ist der nächste Punkt 1.2; das ist ein altes Anliegen von mir. Umso größer ist die Enttäuschung, als es bloß um den sinnvollen Einsatz des Dudens geht. Leider ist der Duden kein Wörterbuch, wenn es auch besser ist, ihn zu nutzen, als ihn nicht zu nutzen. Selbst bei den Abiturklausuren gibt es diesen falschen Sprachgebrauch „ein deutsches Wörterbuch“ für den Duden – woher sollen die Klausurenfabrizierer auch wissen, was ein deutsches Wörterbuch ist und wie man es sinnvoll nutzt? [Ich bekenne mich schuldig, selber zu wenig mit dem Wörterbuch gearbeitet zu haben (ich hatte in einem Schrank im Medienzimmer ein paar gehortet) – aber in der Schule gibt es normalerweise keine richtigen Wörterbücher, erst recht nicht als Klassensatz, höchstens den Rechtschreibduden.]

Dann folgt der Beispieltext (S. 8 f.), Christine Holch: Die Kleinen vorneweg. Den sollen die Schüler als Sachtext verstehen und erörtern. Das erste, was mir auffällt: Es gibt keine Quellenangabe; die findet man zwar auf S. 96, aber sie ist eigentlich Bestandteil des Textes selbst, wenn er zu bearbeiten ist. Es handelt sich um ein Feature zu Migrantenkindern als Kleingangstern in Bremen, Quelle ist DIE ZEIT von 1994. Was mir äußerst unangenehm auffällt: Dr. Brenner hält sich nicht an die von ihm propagierte Fünf-Schritt-Lesemethode! Es tauchen neu auf: thesenhafte Sätze (wobei nicht zwischen der Autorin und zitierten Personen unterschieden wird) und Schlüsselwörter. Im Lösungsteil zu den Aufgaben zum Beispieltext ist gegen Brenners Rat ziemlich viel markiert, Hinweise auf den gedanklichen Aufbau fehlen hingegen.

Es folgen dann verschiedene Hinweise zur Erörtung (S. 10-16), die rein formal sind, also mit einer Fragestellung zum Beispieltext (etwa: Wie soll man mit stehlenden Migrantenkindern umgehen?) nichts zu tun haben. Das alles steht bereits in den Lehrbüchern bis Kl. 9, und mehr will das Einführungsheft auch nicht bieten. Auf S. 12 wird als Thema einer Erörterung die Frage vorgeschlagen, „ob Jugendliche vor Gericht anders behandelt werden sollten als Erwachsene“; aber dafür bietet der Beispieltext keine Hilfe, das Lösungsheft aber eine Musterlösung von 18,5 Zeilen. Dort wird im Schluss jedoch die erörterte Frage dahin abgewandelt, „ob Jugendliche vor Gericht statt Strafen Erziehungshilfen verordnet bekommen sollten“. Davon war bei der Aufgabenstellung so nicht die Rede.

2.3 Eine Parabel verstehen und darüber schreiben (S. 28 ff.)

Da muss Kafkas „Eine kaiserliche Botschaft“ als Beispiel dienen. Der Text umfasst 40 Zeilen, in der Lösungserwartung zur Aufgabe 6 (Sinnabschnitte) werden jedoch Lösungen bis Z. 42 geboten. Bei der Skizze der Arbeits-mindmap steht „Herrscher“ statt „Kaiser“ (S. 29); das Wort „Herrscher“ kommt in der Parabel nicht vor. Außerdem steht dort „Information“ statt „Botschaft“ – ja, warum, zum Teufel, kann Dr. Brenner sich nicht an den Text halten, wenn man die Assoziationen zu „Eine kaiserliche Botschaft“ notieren soll, und wozu muss noch „Untertan“ ergänzt werden, wenn es doch um den Titel geht? Bei der Lösungserwartung fällt mir auf, dass bei der Figurenkonstellation nur ein mächtiger Herrscher und ein „jämmerlicher“ Untertan genannt werden – der Bote fehlt völlig! Die ganze Zuschauerschaft seines Todes soll im Kontrast zur Einsamkeit des „Du“ stehen; der Kaiser soll noch im Sterben seine Macht ausüben, die Macht soll allgegenwärtig sein – jetzt und auch in der Zukunft (dabei sind die Jahrtausende vorher bereits als Übertreibung entlarvt worden), der Herrscher lebe in Distanz zu seinen Untertanen (Plural!), die Alliterationen (freies Feld) erzeugen einen lyrischen Ton, der Untertan stelle sich den Inhalt der Botschaft vor usw. – es führte zu weit, all das genau zu kritisieren, was ungenau be- oder gearbeitet worden ist. Wenn in einem solchen Heft für das Vertiefungsfach Deutsch schon nichts wesentlich Neues steht, sollte man wenigstens mit äußerster Präzision arbeiten, damit die Schüler präzise zu arbeiten lernen. – Auf einen methodischen Knüller will ich noch hinweisen: „Eine weitere Auffälligkeit des Textes ist die ungewöhnliche Verwendung der Anrede des Lesers in der zweiten Person Singular“, heißt es in Brenners Musterlösung (S. 12). Nein, der Leser wird nicht angeredet – der Erzähler als textinterne Größe kann den Leser nicht ansprechen, er kann nur einen in die äußerste Ferne geflüchteten Hörer ansprechen, der an seinem Fenster sitzt und sich die Botschaft erträumt, „wenn der Abend kommt“! Allenfalls der Autor könnte den Leser, der vormittags in der Schule sitzt und von anderen Dingen träumt, ansprechen, aber jener verkriecht sich hinter seinem Erzähler. Und kann man den Erzähler angesichts der Formel „so heißt es“ wirklich als auktorialen Erzähler ausmachen, zumal da jede Distanz vom erzählten Geschehen fehlt? Ich bezweifle das; er weiß doch offensichtlich nicht, ob der Kaiser wirklich jene Botschaft gesendet hat – das ist eine der Pointen des Textes, ein Teil der gepriesenen Unbestimmtheit.

Ich schlage vor, man sollte keinen Text Kafkas nehmen, wenn man das Verständnis einer Parabel in Kl. 10 einüben will. Bereits mit dem Verständnis von Pestalozzis harmlosen „Fabeln“ haben sich in meinen Kursen die Schüler der alten Kl. 13 schwergetan; da darf man den 10ern nicht Kafka vorsetzen, wo am Ende außer Mutmaßungen keine Bedeutung der total verrätselten Parabel herauskommt! Didaktisches Prinzip: Am besten demonstriert man etwas an einfachen Beispielen!

Randbemerkung: Bei der Gesprächsanalyse (Drama) fehlt einmal mehr der Begriff des sprachlichen Handelns; die Gesprächspartner wenden laut Brenner als „Mittel“ zur Überzeugung des anderen „(Argumente, rhetorische Mittel, …)“ (S. 43) an. Nun könnte man ja als Fachmann zur Not und mit sehr viel Fantasie in den drei … den Begriff des sprachlichen Handelns entdecken – aber eben nur als Fachmann, nicht als Schüler (und nicht als Autor von Cornelsen).

Fazit: Das Heft ist schnell zusammengeschustert worden, Methode Cornelsen. Bei den von mir geprüften Teilen ist der Erkenntnisgewinn begrenzt. Weil die ganze Palette des Stoffs („Medien“ fehlen allerdings) an isolierten Einzeltexten abgearbeitet wird , könnte das Heft sich allenfalls für das Selbststudium des Schülers lohnen; aber dazu enthält es zu viele Klopse. Herr Dr. Brenner war 2009 Kandidat der Grünen bei der Bundestagswahl, er ist auch auf der Ebene der Stadt Mönchengladbach politisch aktiv; vielleicht hat seine politische Arbeit etwas von der Zeit aufgefressen, die er für die Erstellung eines solchen fundamentalen Heftes hätte aufbringen müssen?

Nachtrag: zur Konzeption des Heftes

Über die Hälfte des Heftes ist dem Ziel „Basiskompetenzen des Schreibens trainieren – Fehlerdiagnose und -korrektur“ gewidmet; da werden dann Regeln oder Tipps zur Rechtschreibung, Zeichensetzung, Grammatik, Stil und Ausdruck, Zitiertechnik und zur Textkohärenz angeboten, auf genau 50 Seiten. Es ist natürlich illusorisch anzunehmen, wer bis Ende von Klasse 9 nicht die Rechtschreibung gelernt habe, werde durch die schnelle Bearbeitung von 19 Seiten diesen Mangel beheben können! Nein, Rechtschreibung und dergleichen lernt man nur durch lange Übung; ich habe in Klasse 5-7 das tägliche Übungsdiktat in Anbindung an den Unterrichtsstoff praktiziert, das hat vielen Schülern zu einer guten Rechtschreibsicherheit verholfen. Dafür haben wir dann darauf verzichtet, Drehbücher zu schreiben oder Schattenspiele aufzuführen, also auf all den Schnickschnak, den die Cornelsen-Lehrbücher bereits ab Klasse 5 empfehlen, statt dort Basiskompetenzen wirklich einüben zu lassen. Aber leider gilt auch für die Rechtschreibung: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Und für die saubere Argumentation und Textproduktion braucht es nicht eine Palette von Konnektoren, sondern Übung, Übung, Übung – und immer wieder „präziser, bitte!“.

Das Heft passt in die Palette der Cornelsenprodukte: Was vorher vernachlässigt worden ist, wird jetzt als Desiderat benannt – und dazu wird ein Heft gemacht, das man kaufen kann.

Im folgenden Artikel habe ich Links zur Fünf-Schritt-Lesemethode genannt und die Frage untersucht, was man unter dem 2. Schritt dieser Methode versteht.

Wie einer vom anderen abschreibt… Oder wie neue Lehrwerke für den Deutschunterricht entstehen

Bereits vor Jahren habe ich festgestellt, wie einer vom anderen abschreibt, wenn ein neues Lesebuch gemacht wird. Die einzige Veränderung ist die, dass der Unterrichtsstoff gelegentlich ein Jahr früher als beim alten Produkt angeboten wird, was dann zu Kafka-Texten in Klasse 9 führt… Ich brauche nicht zu betonen, wie absurd das ist.

Bei der Arbeit an Wedekinds „Frühlings Erwachen“ (1891) sehe ich jetzt wieder das gleiche Spiel. Es geht unter anderem um Schule um 1900, und da schreibt einer vom anderen ab, dass Stefan Zweig die große Quelle für Schulerfahrungen (und für die Sexualität gleich mit, das zweite und dritte Kapitel aus seinen Erinnerungen „Die Welt von gestern“) des 19. Jahrhunderts ist. Dabei ist Zweig recht einseitig – eine gute Quelle mit Analyse des Verhältnisses der Schüler zum Lehrer ist Freuds Aufsatz „Zur Psychologie des Gymnasiasten“ (1914). Den kennt aber (bis jetzt) keiner. Bin gespannt, ob demnächst jemand sich in Schulfragen auf den Autor Freud bezieht, ohne mich als Finder zu nennen.