Die Geschichte meiner Bücher

Diese Geschichte ist ein Teil der Geschichte meines Lebens. Ich habe sie im August 2008 aufgezeichnet.

Sie beginnt mit einem nicht geschriebenen Buch. Wenn ich mich recht erinnere, kannte ich Walter Dirks seit 1966 (oder bereits seit 1961 – ich habe ihn anlässlich seines eigenen Kommentars aus Anlass seines Geburtstages kennengelernt: „Irrtümer eines Kritikers“); jedenfalls habe ich ab 1970 bei den „Frankfurter Heften“ mitgearbeitet. Mit ihm habe ich ein Projekt ca. 1970/71 besprochen, dass ich in der Reihe „Theologia publica“ des Walter-Verlags eine Auswahl aus meinen Predigten veröffentlichen könnte (aus meiner Zeit als Kaplan in Eschweiler, ab 1968, eventuell auch noch aus der Aachener Zeit 1967/68?). Es gab in dieser Reihe auch Predigten eines Theologieprofessors, und meine Predigten waren nicht schlechter. Walter Dirks machte mir Mut – ich sollte mich an Ingo Hermann wenden, der die Reihe „Theologia publica“ bei Walter betreute, und mich auch auf Walter Dirks als Befürworter berufen. Ingo Hermann antwortete mir auch freundlich, er wäre froh, wenn er sonntags solche Predigten zu hören bekäme, aber sie seien für die Reihe nicht geeignet – dabei waren sie genau so „öffentliche Theologie“ wie die des evangelischen Professors; aber ich war halt kein Professor. Die Ablehnung durch Ingo Hermann hat mich sehr enttäuscht.
Das erste Buch ergab sich aus einer ganz anderen Situation, nämlich aus meiner Tätigkeit als Lehrer. 1972 war ich hauptamtlich an die Schule gegangen, ans Neusprachliche Gymnasium Mönchengladbach; 1975/76 war ich am Stiftisch-Humanistischen Gymnasium MG Referedar (Kath. Religionslehre, Philosophie). Meine Zweite Staatsarbeit habe ich in Philosophie geschrieben, um dem autoritären Fachleiter Dr. Schütt auszuweichen – wenn auch Schwertfeger als Fachleiter zwar lasch, aber auch nicht besser als Dr. Schütt war. Jedenfalls habe ich auf der Basis meiner Unterrichtserfahrung Arbeitshefte für den Einführungskurs Philosophie in 11.1 untersucht; die auf dem Markt käuflichen Hefte taugten allesamt nicht viel, meinte ich feststellen zu können. Eines dieser Hefte war von Ekkehard Martens (damals Assistent oder Privatdozent in Münster) bei Schroedel herausgegeben worden; über meine Arbeit am Thema hatte ich Kontakt zu Martens aufgenommen, und so schlug Martens mir 1977 (?) vor, ein Arbeitsheft über die Religionsphilosophie zu machen. Ich musste nur einen evangelischen Mitautor suchen, damit das Heft nicht gar zu katholisch würde.
So bin ich dann an den Leiter der Prüfungskommission, vor der ich 1976 die Zweite Staatsprüfung abgelegt und deren Leiter ich als einen ausgesprochen fairen Prüfer kennengelernt hatte, mit der Bitte herangetreten, er möge mit mir zusammen das Arbeitsheft machen. Der hatte jedoch als Schulleiter nicht genügend Zeit und verwies mich auf eine tüchtige Fachleiterin, Frau Seelbach. Diese war auch zur Zusammenarbeit bereit; wir haben in Bonn unsere Vorstellungen von Religionsphilosophie verglichen, da war volle Übereinstimmung. Aber bald darauf sagte Frau Seelbach aus privaten Gründen ab und empfahl mir ihre Meisterschülerin, Frau Brunkhorst-Hasenclever. Die war bereits nach zwei Jahren im Dienst [also zu früh] Fachleiterin geworden; mit ihr und Martens zusammen habe ich dann das Arbeitsheft „Wohin mit der Religion?“ (1978, Schroedel) gemacht. Das Heft trägt weithin meine Handschrift; am 21. Oktober 1978 hatte ich es in den Händen.
Gleichzeitig arbeitete Ekkehard Martens an einem Arbeitsheft „Was heißt Glück?“; zu diesem Heft habe ich einige Texte beigesteuert (Ch. Bühler, F. Fürstenberg, H. Jäckel, N. Hinske), und auch an der Organisation des gesamten Stoffes habe ich mitgearbeitet. Das Heft erschien ebenfalls 1978, ohne dass Martens meine Mitarbeit auch nur mit einem Dankeswort in den Vorbemerkungen erwähnt hätte – das sei bei Schroedel nicht üblich, teilte er mir auf meine verwunderte Nachfrage mit. Damit war für mich keine Zusammenarbeit mit Martens mehr möglich, und wenn der mit ihm befreundete E. Nordhofen ihn auch anlässlich eines Geburtstages als bescheidenen und fleißigen Gelehrten gewürdigt hat – ich kenne eine andere Seite des Professors für Philosophiedidaktik in Hamburg.
Eine neue Chance ergab sich daraus, dass ich am NGM Leonhard Horster als Kollegen hatte, mit dem ich mich gut verstand. Leonhard kannte die oder einen der Herausgeber von „Kurs: Philosophie“, einer Reihe im Bagel-Verlag. Auf deren Anfrage bei ihm haben wir beide gemeinsam „Wahrnehmung – Erkenntnis – Wahrheit“ gemacht (1983). Dies war das erste Buch unserer guten Zusammenarbeit, die auf gegenseitigem Respekt und auf Gleichheit beruhte, auch wenn Leonhard von Philosophiegeschichte mehr als ich verstand. – Bei diesem Buch haben wir auch erlebt, dass der Assistent Sir Karl Poppers einen Aufstand machte, weil wir Poppers Text kürzen mussten: Das sei eine Unverschämtheit, Poppers Gedanken könne man nicht kürzen, dreißig Seiten wären deutschen Gymnasiasten wohl zuzumuten, wir wären wohl nur auf schnödes Geldverdienen aus…
Das nächste gemeinsame Buch war dann „Glück und Utopie“, das 1988 bei Diesterweg erschien. Wir hatten uns überlegt, dass diese Zusammenstellung von Glück und Utopie sachlich berechtigt wäre, und haben uns nach einem Verlag umgeschaut; nachdem wir zum Herausgeber der Reihe, Bruno H. Reifenrath, nach Much in Bergische Land gefahren waren und ihm unsere Vorstellungen erläutert hatten, ging das Projekt zügig voran. Leonhard war für die Utopie zuständig, ich für das Glück; jeder von uns hat fünf Kapitel als Hauptautor bearbeitet. Da ich mit Martens schon über das Glück nachgedacht und auch im eigenen Philo-Unterricht das mir vormals verdächtige Thema mehrfach behandelt hatte, war ich für „das Glück“ hinreichend vorbereitet. Hinzu kam, dass ich 1982 meine spätere Frau kennengelernt und das Priesteramt aufgegeben hatte; aber nicht nur in dem Zusammenhang hatte ich öfter über das Glück nachgedacht.
Noch ein Buch habe ich mit Leonhard Horster gemacht: „Bilder vom Menschen“, 1991 bei J. B. Metzler erschienen. Die Idee zu diesem Buch hatten wir vermutlich beide, ich habe den Kontakt zu Metzler hergestellt – es wurde erwogen, was man bei Metzler in einer Reihe zum Philosophieunterricht alles veröffentlichen könnte. Jedenfalls haben wir das Manuskript nach Metzler geschickt und dann lange nichts mehr vom Verlag gehört; die Bilder im Buch hat übrigens Leonhard ausgesucht, er war und ist firm darin, was Kunstgeschichte und Bilder betrifft. Nach langer Zeit stellte sich dann heraus, dass unser Manuskript beim Verlag irgendwie „verschwunden“ war; so haben wir unsere Materialien neu kopiert und nach Stuttgart geschickt, und mit einem Jahr Verspätung ist das Buch dann im Dezember 1991 erschienen. Dieses Buch war von der Aufmachung her das schönste, was wir gemacht haben; es war aber auch das, wofür wir am wenigsten gearbeitet haben – wir haben einfach aus dem Bestand geschöpft, aus dem, was wir kannten. Ich habe das 1., 5. und 6. Kapitel bearbeitet, Leonhard die anderen drei. Bernhard Andelfinger meinte einmal, man merke dem Buch an, dass es „nur“ aus den Beständen gemacht worden sei – ich weiß nicht, ob er recht hat.
Jedenfalls war es das letzte Buch, das ich „aus dem Wissen heraus“ gemacht habe; die folgenden habe ich „aus dem Fragen heraus“ erarbeitet: Themen, bei denen ich das Gefühl hatte, ich müsste mich darin einarbeiten, weil ich aufgrund meiner Lebens- und Studiengeschichte nicht kompetent genug sei. Dies galt besonders für die Fragen des Zusammenlebens und -arbeitens, in denen die Lektüre von Peter L. Bergers „Einladung zur Soziologie“ 1970 für mich eine Offenbarung bedeutet hatte. Die Arbeit an dieser Thematik habe ich in den 80er Jahren noch einmal aufgenommen, gerade auch für ein neues Arbeitsheft, das ich dann allein gemacht habe: „Ich und die anderen“, 1990 bei Diesterweg. Den Kontakt zu Reifenrath und zum Verlag Diesterweg, wo Herr Thiel ein ausgesprochen freundlicher und kompetenter Gesprächspartner war, hatte ohnehin ich gepflegt. Nur beim Titel machte Reifenrath Einwände: „Ich und die anderen“, das klänge ja beinahe nach Max Stirner, als ob alle anderen neben mir bedeutungslos wären… Ich habe dann diese Formel „Ich und die anderen“ in durchaus verschiedenen Zusammenhängen ganz unverfänglich gebraucht gefunden (einmal sogar in der Theatertheorie); schließlich hat Reifenrath seinen Widerstand gegen den Titel aufgegeben. Sozialphilosophie würde ich das nennen, was ich in diesem Buch vorgelegt habe; die Arbeit daran muss parallel zu „Bilder vom Menschen“ gelaufen sein. Leonhard zog es dann aufgrund seiner Arbeit stärker in die Theorie des Unterrichts und der Schulgestaltung, unsere Zusammenarbeit war mit „Bilder vom Menschen“ beendet.
In der Reihe PHILOSOPHIA PROPAEDEUTICA habe ich dann noch „Gewalt – Recht – Freiheit“ 1994 veröffentlicht, ein Buch, das man unter „Politische Philosophie“ einordnen könnte. Günter Dux hat eigens für dieses Buch seinen Aufsatz „Recht, Macht und Herrschaft“ als Kurzfassung seiner Rechtssoziologie geschrieben; ich hatte ihn darum gebeten, Kapitel seiner Rechtssoziologie zusammenschneiden und -stellen zu dürfen, und er bot von sich aus die Neufassung an, weil er verstanden hatte, worauf ich hinauswollte. Diesen Aufsatz habe ich teilweise in seinem Sinn mitbestimmt, weil das Manuskript Dux‘ ziemlich nachlässig geschrieben war, was Rechtschreibung und v.a. Zeichensetzung anging, und weil einige Fragen entschieden werden mussten, womit ich den Professor Dux nicht behelligen wollte.
Als letztes Arbeitsbuch zur Philosophie habe ich 1997 „In der Zeit – Über die Zeit – Mit der Zeit“ veröffentlicht. Die Zeit, das war seit 1990 eines meiner Themen; die Geschichte der Fragestellung, die eine Schülerin des FMG an mich herangetragen und auf der sie bestanden hatte, habe ich in einer Festschrift des FMG erzählt. Bei Diesterweg passte das Buch aus irgendwelchen Gründen nicht in die Reihe PP – so ist es eben außerhalb der Reihe erschienen. Ich war vom Thema überzeugt und habe es bei Reifenrath und dem Verlag durchgesetzt. Das Manuskript musste ich auf die Hälfte seines Umfangs reduzieren – das habe ich getan, als ich wegen einer Operation vorübergehend aus dem Verkehr gezogen war. Wenn es 1996 war, müsste es die Operation gewesen sein, zu der ich in Mönchengladbach im Maria-Hilf war. Des sorgfältigen Diagnostikers einer kleinen Geschwulst, Dr. Hörster, sei mit Dankbarkeit gedacht.
Auch zum Zeit-Buch hätte ich gern einen Originalbeitrag von Prof. Günter Dux bekommen; aber auf meine Anfrage hat er nicht einmal geantwortet – vielleicht nicht ohne Grund, weil sein Zeitbuch nicht die Klasse seiner Rechtssoziologie und seines Buchs „Die Logik der Weltbilder“ hatte (hat). – Der Wissenschaftlichen Buch-Gesellschaft habe ich nach 1997 eine Anthologie zum Thema „Zeit“ angeboten; aber dem Verlag schien die Zielgruppe nicht hinreichend klar umschrieben, auch wenn er später ein ähnliches Buch brachte – auch das ist eines meiner ungeschriebenen Bücher, aber das Misslingen dieser Idee hat mir nicht viel ausgemacht.
Als letztes der philosophischen Bücher kann ich „Kennen Sie Nietzsche?“ nennen, 1997 bei dtv erschienen. Das Buch beruht auf der zweiten und dritten Lektüre von „Menschliches, Allzumenschliches“ und stellt den Versuch dar, die bedeutenden Aphorismen dieses Buches zu finden und für ein breiteres interessiertes Publikum spielerisch zu erschließen. Es zeigt „meinen“ Nietzsche, der mir in wichtigen Fragen Gesprächspartner war und der einer der großen Philosophen der „Moderne“ ist, kein Systematiker, aber ein leidenschaftlich Denkender, mit teilweise brillanten Einsichten. In meinen [inzwischen untergegangenen] Philo-Blogs bei blog.de und also.kulando.de ist er in vielen Stellen gewürdigt; was mir bedeutsam war, muss nicht für alle bedeutsam sein – deshalb hebe ich hier keine Aphorismen hervor. Wichtig ist meine Idee, Aphorismen zu einem Gespräch zu verbinden; dahinter steht die Theorie, dass nur mit dem Schema „Frage und Antwort“ theoretische Texte (als Antworten auf Fragen) zu verstehen sind, aber das gehört in die Theorie und Praxis der Textanalyse.
Wenn ich mich nicht verrechne, habe ich 1998 (oder doch später?) Zugang zum Internet gefunden; dort habe ich dann vielleicht 2002 mein erstes Weblog angelegt, norberto42 bei 20six. Dieses Blog habe ich einmal aus Versehen abgewürgt, was damals bei 20six nicht schwer war…
Aufgrund meiner Weblogs hat Frau Netz von lehrer-online mich Anfang 2006 (?) angesprochen; mit ihrer großartigen Unterstützung habe ich 2006/07 eine Reihe von Beiträgen bei lehrer-online gemacht, welche wiederum zu den nächsten Büchern geführt haben, weil ich von da an im Netz präsenter war (auch aufgrund meiner Platzierung unter den zehn besten Lehrerblogs 2006 im „Lehrerfreund“). Das dritte ungeschriebene Buch ist ein Arbeitsheft im Stark-Verlag zu Schlink: Der Vorleser. Der Verlag hatte meinen Internetauftritt gesehen (Analysen fürs Zentralabitur 2007, meine Arbeit im Deutschkurs) und mich um die Zusammenarbeit gebeten. Ich habe auch eine Reihe von Analysen vorgelegt, aber leider nicht den Ton des Verlags getroffen: Ich halte den Roman für ein ziemliches Machwerk, aber die öberste Tante in der Verlagsredaktion war von Schlink angetan. So teilte mir mein Gesprächspartner beim Verlag mit, der Verlag habe „einen stärker wissenschaftlich orientierten Autor“ (ich muss lachen!) gefunden, und mit großem Bedauern… usw. Meine neuen (beinahe Stark-)Analysen stehen bei norberto42.wordpress.com; da stehen sie gut, die alten standen im bloghof.net.
Wiederum aufgrund der Arbeiten bei lehrer-online ist Herr Krapp vom Verlag Krapp & Gutknecht (Rot an der Rot, BW) im Herbst 2007 an mich herangetreten, wegen eines Lehrerheftes zu Wolf: Kassandra (Zentralabitur NRW 2009/10). Nach langer, intensiver Vorarbeit wurde dann vieles von meinen Analysen als „Bleiwüste“ beiseite gelegt, das Praktische stärker ausgebaut und schließlich im Juni 2008 veröffentlicht. In den letzten Tagen habe ich auch die Korrekturfahnen zu Schiller: Don Karlos, gelesen, woran ich im Frühjahr 2008 gearbeitet habe, nachdem ich im Frühjahr 2007 für lehrer-online das Drama bereits intensiv gelesen hatte. Das neue Lehrerheft wird wohl in vier Wochen erscheinen; inzwischen verstehe ich das Drama besser als der Bearbeiter im Schiller-Handbuch von Metzler, denke ich in aller Bescheidenheit.
Ob es mit den Büchern weitergeht, wird sich zeigen – es gibt die Anfrage eines neuen Verlags. Zwei Anekdoten möchte ich zum Schluss noch erwähnen. Die erste beruht auf der Eigenart der word-Dateien, dass in ihnen Links blau erscheinen und durch Anklicken aktiviert werden können. Im Kassandra-Heft waren nun wirklich viele Links; der Setzer kannte anscheinend die Eigenheiten von word-office nicht und hat alle Links unterstrichen blau gesetzt. – Beim Lehrerheft zu „Don Karlos“ gab es seitens des Verlages die Kritik, ich hätte zu wenig Arbeitsmaterial für die Schüler; das war sachlich nicht berechtigt, weil ich die Arbeitsblätter usw. in Form der Lösungserwartung „fertig“ konzipiert hatte. Ich habe deshalb in Blau kursiv erläutert, wie ich mir den Druck des einzelnen AB denke: „Blau kursiv“, das war mein Dialog mit dem Verlag. Auf dem Weg von mir über die Verleger zum Setzer ist das Wissen um „Blau kursiv“ aber verloren gegangen, und der Setzer hat nur die Lösungserwartung mitsamt meinen Dialog-Passagen gesetzt. Zur Zeit sind wir dabei, das Versehen zu korrigieren.

P. S. Nachträglich fällt mir ein weiteres ungeschriebenes Buch ein, dessen Untertitel „Kleine Einführung in die Theologie“ geheißen hätte. Es gibt ein Büchlein von Michael Wittschier: „Alle Kreter lügen… sprach der Kreter… Kleine Einführung in die Philosophie“ (Patmos 1980). Beim Patmos-Verlag gab es die Idee, ein analoges Büchlein zur Theologie herauszubringen; Teile des Manuskripts dazu habe ich in den 80er Jahren geschrieben, aber das Projekt hat sich zerschlagen. Wenn ich heute in Wittschiers Büchlein hineinschaue, denke ich: Ich wollte sachlich zu viel vortragen und habe nicht den netten Umgangston getroffen.
Im Zusammenhang mit dem Patmos-Verlag ist ein weiteres gescheitertes Projekt zu nennen, das der für Religionspädagogik zuständige Mann bei Patmos, Tullio Aurelio, angestoßen hatte. Es ging darum, einen Nachfolger für Werner Trutwin, der mit seinen Heftchen den Markt der Religionspädagogik in der Sek II beherrschte, aufzubauen und etwas zu produzieren, das die Heftchen von „Theologisches Forum“ ablösen sollte. Zu diesem Zweck habe ich viel Material gesammelt und an den Verlag geschickt, aber auch einmal Werner Trutwin in Bonn besucht und mit ihm meine Vorstellungen besprochen. Ich erinnere mich an das Spottkruzifix vom Palatin, welches ich unbedingt den Schülern präsentieren wollte, weil es zum Bestand meines Religionsunterrichts gehörte. – Woran dieses Projekt, ebenfalls in den frühern 80ern (oder späten 70ern?), gescheitert ist, weiß ich nicht mehr. Vermutlich war Trutwin, der zugleich Schulleiter in Bonn war, nicht davon begeistert, einen Nachfolger (auch im Geldverdienen) aufzubauen.
Ein abgeschlossenes, aber nicht veröffentlichtes Projekt ist das Lesebuch „Christ-sein in der Kirche? Ein theologisches Lesebuch“ vom Oktober 1980. Neben dem Manuskript, das in einer Schachtel ruht, gibt es zwei gebundene Exemplare: Eines habe ich Leonhard Horster geschenkt, eines habe ich selber. Das letzte, das neunte Kapitel ist „Christ-sein im Zeitalter der Säkularisierung“ überschrieben, mit Texten von Gerhard Schmidtchen, Hermann Lübbe und Trutz Rendtorff. Mit diesem Thema bin ich wieder beim „Don Karlos“, der in einem Monat erscheinen soll: Säkularisierung ist ein Signum der aufklärerischen Moderne, auch wenn viele das noch nicht gemerkt oder bereits wieder vergessen haben.

Nachtrag August 2009: Inzwischen ist nicht nur das Lehrerheft zu „Don Karlos“ bei Kapp & Gutknecht erschienen, sondern auch eines zur „Nachkriegslyrik. Deutsche Lyrik 1945 – 1960“. Ich hoffe, dass dies nicht das letzte war – der andere Verlag hat sich aber nicht mehr gemeldet.

Nachtrag im Mai 2010: Inzwischen sind auch Lehrerhefte zu „Kabale und Liebe“ sowie zu „Antigone“ herausgekommen; in den nächsten Tagen erscheint ein Büchnerheft (Dantons Tod; Woyzeck). Das Manuskript zu den 51 bedeutendsten Gedichten Goethes ist abgeschlossen – alles bei Krapp & Gutknecht. Eine Zusammenarbeit mit dem C. Bange Verlag ist daran gescheitert, dass meine Vorstellung von guten Arbeitsbüchern (und meine Bewertung vorliegender Abiturbücher des Verlags) nicht mit denen des Verlags übereinstimmte.

Nachtrag im November 2010: Inzwischen ist bei Krapp & Gutknecht auch das Arbeitsheft zu Thomas Mann (Die Buddenbrooks; Mario und der Zauberer) fertig, Goethe liegt noch auf Eis; die Zusammenarbeit mit einem weiteren Verlag ist so weit fortschritten, dass ein Manuskript abgeschlossen ist und ich gerade an einem zweiten arbeite. Wenn das erste veröffentlicht ist, werde ich mehr dazu sagen.

Nachtrag im März 2011: Gerade ist bei Krapp und Gutknecht „Johann Wolfgang von Goethe – Seine bedeutenden Gedichte“ erschienen. Das Opus geht auf eine Untersuchung von 2009 zurück, welche Gedichte Goethes heute zum Kanon gehören. Nach dem Satz des Manuskripts gab es Probleme mit Goethes Rechtschreibung und Zeichensetzung, die leider nicht dudenkonform ist; aber nach kleinen Änderungen („sei“ statt „sey“ z.B.) durfte Goethe dann doch weithin bei seiner Schreibweise bleiben, wofür ich mich stark gemacht hatte.

Nachtrag im Januar 2012: Inzwischen sind drei Manuskripte zu Lehrerheften fertig, und zwar zu „Frühlings Erwachen“, „Götz von Berlichingen“ und „Faust I“. Die beiden ersten sind auch gesetzt und korrigiert; ich hoffe, dass sie 2012 bzw. 2013 erscheinen – der Verlag Hase und Igel hat jedoch Schwierigkeiten, seine Reihe „Lesewerk-Klassiker“ (Textausgaben mit Lehrerheften) auf dem Markt abzusetzen, und hat die Reihe radikal zusammengestrichen, auch Personal entlassen. Es bleibt abzuwarten, was aus den Manuskripten wird. [P.S. Die drei Manuskripte werden nicht veröffentlicht, der Verlag reduziert sein Programm radikal.] – Zu den unveröffentlichten Büchern gehört noch, wie ich vor ein paar Wochen wieder entdeckt habe, das Manuskript „Warum nicht selber denken? Anleitung zum Philosophieren“ (1998). Ich habe keinen Verlag für dieses Buch gefunden, schade – es gefällt mir noch immer.

Später: Eine meiner großen Ideen war es, den Aufsatzunterricht in der Sekundarstufe I des Gymnasiums ganz systematisch aufzubauen (etwa Kl. 8-10). Das Ergebnis meiner jahrelangen Bemühungen liegt in dem Aufsatz „Aufsatzunterricht: gliedern, erklären, bewerten, erörtern“ vor. Die Beschränkung auf „gliedern, erklären, bewerten, erörtern“ ergab sich daraus, dass an unserer Schule in der Regel der Deutschlehrer eine Klasse drei Jahre unterrichtete (Kl. 5-7, 8-10) und dass als Krönung des Aufsatzschreibens die strukturierte Erörterung zu gelten hat – warum das heute anders ist, erkläre ich später.

Diesem Viererschritt „gliedern, erklären, bewerten erörtern“ (klar am sprachlichen Handeln ausgerichtet!) habe ich dann noch die sprachlichen Handlungen „definieren, berichten“ (aus Kl. 6-7) sowie die Einheit „folgern, logisch denken“ als ebenfalls zu beherrschende Formen sprachlichen Handelns vorgeordnet (das Erzählen habe ich als bekannt vorausgesetzt): Das hätte insgesamt eine Systematische Einführung in die Aufsatzlehre, wozu natürlich auch Übungsmaterialien und Vorschläge für Klassenarbeiten gehörten, ergeben. Das Manuskript habe ich ca. 2011 an den Verlag Krapp & Gutknecht geschickt, und Herr Krapp war auch grundsätzlich bereit, das Buch zu machen; gleichwohl verzögerte sich die Bearbeitung des Manuskripts Monat um Monat – vielleicht weil Herr Krapp befürchtete, das Buch werde sich nicht gut verkaufen – bis ich nach etwa drei Jahren die Geduld verlor und das Manuskript zurückgezogen habe.

Diesem nicht erschienenen Buch trauere ich heute noch ein bisschen nach, weil es die Erfahrung meiner Arbeit als Deutschlehrer dargestellt hätte; aber es war schon 2011 aus der Zeit gefallen – die Gegenwart gehört unter dem Druck zentral gestellter Aufgaben einem Aufsatztyp, der bereits in der Aufgabenstellung stark vorstrukturiert ist (damit man auch die Bewertungskriterien zentral vorgeben kann); diese Erleichterung geht mit dem politischen Bestreben einher, die Anforderungen an Schüler zu senken (was natürlich bestritten wird!), damit auch 50 % eines Jahrgangs Abitur machen können. Mein Aufsatzunterricht ist nur noch für die germanistisch-didaktische Archäologie interessant.

Diesem nicht erschienenen Buch trauere ich heute noch ein bisschen nach, weil es die Erfahrung meiner Arbeit als Deutschlehrer dargestellt hätte; aber es war schon 2011 aus der Zeit gefallen – die Gegenwart gehört unter dem Druck zentral gestellter Aufgaben einem Aufsatztyp, der bereits in der Aufgabenstellung stark vorstrukturiert ist (damit man auch die Bewertungskriterien zentral vorgeben kann); diese Erleichterung geht mit dem politischen Bestreben einher, die Anforderungen an Schüler zu senken (was natürlich bestritten wird!), damit auch 50 % eines Jahrgangs Abitur machen können. Mein Aufsatzunterricht ist nur noch für die germanistisch-didaktische Archäologie interessant.

Nachtrag 2019: Im Februar 2019 ist bei Krapp & Gutknecht „Erich Kästner. Mit spitzer Feder. 25 Gedichte“ erschienen. Nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters hatte Frau Ines Krapp angefragt, ob es noch Projekte gebe und ob ich Ideen für ein weiteres Buch hätte. Nun verstehe ich unter anderem einiges von Eichendorffs Gedichten, aber für den Verlag sind nur Themen interessant, die von den großen Verlagen nicht abgedeckt werden, aber Chancen auf Behandlung im Unterricht haben. So sind wir auf Kästners Gedichte gekommen, von denen 25 analysiert wurden, was nach einigen Problemen und Verzögerungen dazu führte, dass im Februar 2019 das neue Heft erschienen ist. Es ist jedoch für Schüler möglicherweise zu anspruchsvoll (und zu teuer), so dass der Verlag ein Schülerarbeitsheft „Erich Kästner. Neun Gedichte für den Unterricht in Klassenstufe 10“ (von G. Pereira / V. G. Mendia) nachgeschoben hat. – Für besonders gelungen halte ich in meinem Heft den Aufsatz „Gedichte verstehen, eine methodische Anleitung“ (S. 11 ff.).

Irgendwann zwischendurch habe ich noch ein paar Reihen zu christlichen Festen bei lehrer-online gemacht, aber das sind keine Bücher; das Kästner-Heft wird wohl das letzte sein, was ich gemacht habe. Ich hätte noch Lust und Ideen für ein Tucholsky-Heft, aber Tucholsky ist nur mit wenigen Gedichten in der Schule präsent (v.a. Die Entwicklung der Menschheit, Luftveränderung, Das Ideal); da lohnt es sich verlegerisch kaum, 25 Analysen vorzulegen – nachlesen kann man sie ohnehin bei norberto42.

 

Wörterbücher der Synonyme im Netz

Dass „Bildung des Verstandes durch die Sprache“(Eberhard) geschieht, ist die grundlegende Annahme. In der Einleitung der ersten Auflage von Eberhards synonymischem Handwörterbuch der deutschen Sprache (1837) werden folgende Leistungen der Synonymik genannt:

1. Die Synonymik befördert die Richtigkeit im Denken.

2. Die Synonymik bildet den Verstand und übt den Scharfsinn.

3. Sie gewährt Vergnügen.

  • Die Synonymik, ein Teil des Elementarunterrichtes.
  • Zu einem guten mündlichen und schriftlichen Vortrage.
  • Geistreiches Spiel mit sinnverwandten Wörtern.
  • Gebrauch bei dem Unterricht der Fremden in der deutschen Sprache.

Ich habe deshalb eine neue Link-Kategorie „Synonyme“ eingerichtet, worin verschiedene gute Wörterbücher aufgelistet sind; man muss einmal hineinschauen, um die Unterschiede zwischen ihnen zu erkennen. Das dort genannte Eberhard/Lyon ist die 16. und letzte Auflage von Eberhards Wörterbuch (man muss im oberen ABC suchen!), es umfasst 1600 Artikel. Eberhard 15. ist zwar nur die 15. Auflage mit gut 100 Artikeln weniger, hat dafür aber eine ausführliche Darstellung aller deutschen Vor- und Nachsilben (S. XIX ff.) sowie ein Register aller behandelten Wörter (S. 880 ff.), was insofern von Vorteil ist, als unter einem Stichwort auch mehrere verwandte Wörter behandelt werden (z.B. Brennen, Lodern, Glühen, Glimmen), die dann keinen eigenen Eintrag mehr erhalten.

Es geht bei der Suche nach Synonymen nicht darum, nur den Ausdruck zu wechseln, damit es schöner klingt und Wiederholungen vermieden werden (wie man gelegentlich in der Grundschule lernt), sondern darum, das wirklich treffende Wort zu finden.

Eberhards Wörterbuch ist großartig, aber natürlich über 100 Jahre alt – so findet man dort „demungeachtet“, aber nicht „nichtsdestotrotz“ – ein modisches Unwort, das aus „nichtsdestoweniger“ und „trotzdem“ zusammengeschustert worden ist und, so vermute ich, zunächst nur als Witz gemeint war, was viele nicht verstanden haben, wodurch es ein richtiges Wort geworden ist.

Die Kategorie „Wörterbücher, problematisch“ lösche ich: Wozu soll man problematische Wörterbücher eigens nennen? Es sind dies Wörterbücher, die nur im Netz existieren und wo jeder eintragen kann, was ihm an Bedeutungen einfällt – danach sind sie dann auch.

Cornelsen und kein Ende

Cornelsen ist auf dem Schulbuchmarkt ein Riese; daher kann der Verlag sich jede Menge Schlamperei erlauben. Dass die Bücher weithin miserabel gemacht sind, stelle ich seit Jahren fest. Dieser Tage konnte ich es wieder am Arbeitsheft zum Deutschbuch 8, Integrierte Ausgabe, feststellen.

 

Ich möchte an einem Beispiel die Schwäche des Arbeitsheftes aufzeigen: Beispiel: S. 66, Satzglieder.

a) Im Text steht bei „von England nach Amerika“ als Bestimmung „adverbiale Bestimmung des Ortes“; in Wahrheit sind das zwei adverbiale Bestimmungen, man kann sie ohne weiteres trennen und an verschiedenen Stellen platzieren. Hier genügte eine Korrektur.

b) In der Liste der Satzglieder fehlen das Präpo-Objekt und das Prädikativ; das ist Satzlehre auf dem Niveau einer 5. Klasse! Im zu bearbeitenden Text kommen aber Präpo-Objekt und Prädikativ vor (wenn auch nicht als einzusetzende Phrasen), nur gibt es dafür laut Tabelle keinen Namen (und keine Erklärung). Wenn man also nicht nur die dafür vorgesehenen Satzglieder einsetzt, sondern auch die anderen Satzglieder im Text bestimmen will, steht man auf dem Schlauch.

Ferner: In der Spalte „Frageprobe“ stehen nur Fragewörter („Wer? Was?“ usw.); eine Frageprobe ist aber zweifellos ein ganzer Satz, in dem das zu bestimmende Satzglied durch das Fragewort ersetzt ist. Aus meiner Praxis weiß ich, dass bloße Fragewörter zu äußern sinnlos ist; da sagen/raten die Schüler irgendetwas ohne Sinn und Verstand…

Solche Fehler sind nur durch eine Neubearbeitung zu beheben. Das gilt erst recht für die Fehler bei der Einführung der indirekten Rede: Die Erklärung der indirekten Rede im Arbeitsheft 8 (zu: Deutschbuch. Differenzierende Ausgabe, Cornelsen 2015) ist nicht nur nicht richtig, sondern auch falsch. Nicht richtig ist sie, weil die perspektivische Verschiebung vom Ich-Hier-Jetzt der direkten zum Er/Sie-Dort-Damals der indirekten Rede nicht eingeführt und erklärt wird. Falsch sind die Lösungen der Aufgaben zu S. 62 im Lösungsheft: a) Der Tempusfehler aus Aufgabe 1 („erklärt“ und „beklagt“ gehören im Bericht ins Präteritum!) wird in die Aufgabe 2 übernommen (P.-P. „meint“ statt „meinte“). b) Richtig müsste die Lösung lauten: „in Deutschland und England würden die Menschen [statt: wir] die Wolken schlecht machen, weil sie [statt: wir] so viele davon hätten“; „wir“ bleibt als Fehler unerkannt wegen des Adverbials „in Deutschland und England“ – tauscht man es gegen das gleichwertige Adverbial „in Polen“ aus, sieht man direkt, dass „wir“ in „die Menschen“ umgeformt werden muss. In allen drei Beispielen ist die Lösung im Lösungsheft falsch.

Ich habe der für das Projekt Deutschbuch zuständigen Dame angeboten, dass ich für 250 Euro die Fehler des Heftes korrigieren würde. Mir wurde mitgeteilt, dass für solche außerplanmäßige Arbeit kein Geld vorhanden sei; außerdem seien die Mängel (abgesehen von den zwei adverbialen Bestimmungen) eigentlich auch gar keine Mängel, sondern didaktische Vereinfachung. So kann man es auch sehen, wenn man seinen eigenen Murx nicht korrigieren will: Er verkauft sich ja auch so – Cornelsen ist halt ein Scheißverlag, der hoffentlich bald an seiner eigenen Größe kaputt geht.

„Faust“ in EinFach Deutsch – ein grausames Spiel

Heute hatte ich Gelegenheit zu sehen, wie die Gretchentragödie in „EinFach Deutsch“ verschandelt wird:

Szene „Straße“ wird auf 14 Verse reduziert (V. 2605 ff.).

Aus Szene „Abend“ (V. 2678 ff.) werden sechs Verse angehängt.

Aus Szene „Abend“ (V. 2783 ff.) wird Gretchens Monolog vor dem Kästchen (22 Verse) präsentiert.

Aus Szene „Garten“ (V. 3073 ff.) sind die Elemente ‚Marthe-Mephisto’, aber weithin auch Gretchens Bericht von der Sorge um das Schwesterchen (V. 3125 ff.) gestrichen.

Fazit: Von 600 Versen sind circa drei Viertel gestrichen, darunter die Schlüsselszene V. 2687 ff. (Fausts Monolog in Gretchens Zimmer) und das Lied vom König in Thule; die Figuren Mephisto und Marthe fehlen völlig – es ist einfach unfassbar!

Was Frau Löhrmann allein nicht schafft: das Gymnasium demolieren, das bringt EinFach Deutsch zum Abschluss – und zwar an der Marienschule in Mönchengladbach, dem heimlichen Elitegymnasium der Stadt.

Ich schlage als nächste Stufe der Reduktion des „Faust“ resp. der Gretchentragödie vor:

  • Faust lernt Gretchen kennen
  • Sie verlieben sich ineinander
  • Gretchen wird schwanger, tötet ihr Kind und wird wahnsinnig
  • Faust kann sie nicht retten und verlässt sie.

Diesen Kurztext kann eigentlich jeder verstehen, sodass dann auch jeder in NRW Abitur machen kann. Nur – was fangen wir mit solchen „Abiturienten“ an? Und was hat diese Boulevard-Kurzmeldung mit Goethes „Faust“ zu tun? Auch nicht viel weniger als die ‚EinFach Deutsch‘-Kurzfassung!

R. Thormann: Deutsch als Zweitsprache in Vorbereitungsklassen – Besprechung

Die Bücher der Reihe „Deutsch als Zweitsprache in Vorbereitungsklassen“, erstellt von Rena Thormann, taugen nicht viel. Ich begründe mein Urteil folgendermaßen:

  1. In Band 2 wird weithin das gleiche Vokabular eingeübt wie in Band 1 (Essen und Trinken, Wohnung, Familie, Körper; Schule, sich vorstellen).
  2. In Band 1 werden neben wichtigen Wortfeldern auch ziemlich unwichtige präsentiert (Winter, Advent und Weihnachten, Fasching und Karneval, Gastronomie mit Sektglas: für Flüchtlinge!).
  3. Die Bücher sind miserabel korrigiert. Allein auf S. 49 in Bd. 2 („Die Wohnung von Frau Thormann“) gibt es in einem Satz („Im Schlafzimmer…“, Z. 5 f.) zweimal den gleichen Kleiderschrank; „auf einem Schreibtisch steht der Computer und ein Sofa“ (Z. 4 f.) – das Sofa steht aber bereits vorher im Arbeitszimmer (Z. 4); im Wohnzimmer ist es gemütlich, weil „die Sonne herein scheint“ (R!).
  4. Ebenso kann man mit dem Bild einer Schalttafel nicht erklären, was ein Mechatroniker ist oder tut (Bd. 1, S. 67), und an der Hand („Der Mensch“, Bd. 1, S. 34) bekommt der Ringfinger keinen Namen. Gelenke hat der Mensch auch nicht, und wieso ein Bus, an dem ein Stop-Schild klebt, „Die Haltestelle“ darstellt (Bd. 1, S. 84), erschließt sich mir nicht; und was „sich entspannen“ ist (Bd. 2, S. 49), kann man wirklich keinem Anfänger erklären.

Dafür bekommt man bei „Fahren und Reisen“ (Bd. 1, S. 84) tatsächlich ein U-Boot angeboten: Gute Fahrt, Frau Thormann!

P.S. Noch zwei Klöpse aus Band 1:

Auf S. 63 wird realitätsnah gefragt: Wo ist die Karotte? (über dem Bett, im Bett, unter dem Bett…) – Bei uns sind die Karotten nicht im Bett, und unter dem Sofa sind sie höchstens bei Hempels.

Auf S. 79 wird im Zusammenhang mit Ostern der Leidensweg Jesu (Jesus mit dem Kreuz auf den Schultern, also der Kreuzweg) als „der Kreuzgang“ vorgestellt – das ist schlicht falsch, der Kreuzgang ist der überdachte Gang um den Innenhof eines Klosters; mit den Deutschkenntnissen von Frau Thormann ist es nicht weit her.

Unterrichtsreihe „Pfingsten“

Ich habe für lehrer-online eine Unterrichtsreihe „Pfingsten“ gemacht, für die späte Sek I und die Sek II: http://www.lehrer-online.de/pfingstfest.php?sid=84325031946398709240199509950530 – Adolf Harnacks Lehrbuch der Dogmengeschichte, Bd. 1, S. 46 f. bzw. S. 39 ff. (und öfter auf den nächsten 200 Seiten), zeigt, was der Besitz des Geistes, also der Enthusismus für die frühen Christen bedeutet hat und wie er verlorenging (https://archive.org/stream/lehrbuchderdogme01harnuoft#page/46/mode/2up).

Da es mit der Veröffentlichung drei Tage vor dem Fest  ganz schnell gehen musste, fehlen die weiterführenden Links. Die sollen zwar nachträglich eingebaut werden – für alle Fälle drucke ich aber die Liste hier ab:

Weiterführende Links

1. Pfingsten

http://de.wikipedia.org/wiki/Pfingsten (mit Beziehung des Pfingstfestes zum jüdischen Fest Schawuot)

http://www.heiligenlexikon.de/Kalender/Pfingsten.html (Bedeutung des Pfingstfestes, Brauchtum)

http://www.theology.de/kirche/kirchenjahr/pfingsten.php (Bedeutung des Pfingstfestes, ausführlich: altes Brauchtum)

http://www.n-tv.de/mediathek/bilderserien/panorama/Was-ist-Pfingsten-article3551831.html (Bilderserie mit kurzen Texten zu Apostelgeschichte 2 und zum Brauchtum)

http://www.theologe.de/pfingsten.htm (zur Bedeutung von Pfingsten – kirchenkritisch)

2. Heiliger Geist

http://www.jesus.ch/information/bibel/neutestamentliches_woerterbuch/146207-heiliger_geist.html (systematische Übersicht über die Belege in der Bibel)

https://www.teknia.com/greek-dictionary/pneuma (Konkordanz aller pneuma/Geist-Stellen des Neuen Testaments)

3. Apostelgeschichte 2

http://www.bibelwissenschaft.de/bibelkunde/neues-testament/apostelgeschichte/ (Übersicht: Inhalt und Aufbau der Apostelgeschichte)

http://www.ruhr-uni-bochum.de/imperia/md/content/nt/nt/wise2009-10/skript_ws_200910_apostelgeschichte.pdf (Kommentar zu Apostelgeschichte 2, dort S. 19 f. und vor allem S. 23-26)

http://www.die-apostelgeschichte.de/lehrveranstaltungen/vorlesung/Kapitel2.pdf (ausführlicher Kommentar, dort S. 36-70)

4. 1 Korinther 12

http://www.bibelwissenschaft.de/bibelkunde/neues-testament/paulinische-briefe/1-korinther/ (Übersicht: Inhalt und Aufbau des 1. Korintherbriefs)

5. Über die Firmung

http://www.erzbistum-muenchen.de/Page000167.aspx (katholische Einführung in Sinn und Ablauf der Firmung)

http://www.kathpedia.com/index.php?title=Gaben_des_Heiligen_Geistes (katholische Übersicht über die Theorie von den sieben Gaben des Heiligen Geistes – eine Fortführung zu 1 Kor 12)

6. Portale von Bibelübersetzungen

http://www.die-bibel.de/startseite/ (Portal der Deutschen Bibelgesellschaft, evangelisch)

http://www.bibleserver.com/index.php (Portal mehrerer Bibelgesellschaften, ökumenisch)

http://www.bibel-lesen.com (Portal einer christlichen Freikirche oder Sekte)

7. Zur Eigenart des religiösen Sprechens [zur 3. Aufgabe von Arbeitsblatt 1 – diese Vertiefung wäre in einem Leistungskurs möglich]

http://www.gym-hartberg.ac.at/schule/images/stories/Religion/themen_matura/02_Sprache_Religion.pdf (Übersicht über verschiedene Formen des Sprechens, allgemein verständlich)

http://www.fresacher.net/uploads/media/Fresacher_Gottessemantik.pdf (Übersicht über die traditionelle Theorie, allgemein verständlich)

http://www.mbph.de/Religion/ReligioeseErfahrungSprechen.pdf (modernere Theorie, anspruchsvoller)

http://web.archive.org/web/20030207072945/http://www.joyma.com/bonhoeff.htm, dort: „Briefe an einen Freund“ – der Brief vom 30. April 1944 ist der Kontext von Dietrich Bonhoeffers Satz „Gott ist mitten in unserem Leben jenseitig“.

8. Linksammlung

http://www.rpi-virtuell.net/tagpage/1DF3B944-2FF6-4EBB-BBFB-BE1AA964169C (Linksammlung eines religionspädagogischen Instituts)

Schülerlexikon Deutsch

Dieses Lexikon von Duden gibt es kostenlos im Internet: http://m.schuelerlexikon.de/deu_abi2011/index.htm

Es ist ein gutes Hilfsmittel, sollte man selber mit Lesezeichen sichern und auch den Schülern empfehlen. Allerdings muss man sich bei seiner Nutzung manchmal intelligent anstellen. So gibt es nicht das Stichwort „Barock“, sondern „Zeit des Barock“ unter Z; nicht „Romantik“, sondern „Begriff der Romantik unter B; nicht „Eichendorff“, sondern „Joseph von Eichendorff“ unter J. – Wenn man aber einmal ein Stichwort gefunden hat, geht das weitere Suchen leicht: Unten auf der Seite stehen „Verwandte Themen“.

Der andere Weg, mit dem Lexikon umzugehen, ist der Zugriff auf das Inhaltsverzeichnis und seine Systematik:

http://www.schuelerlexikon.de/SID/6da3fbff944fabe24096926f668867e5/lexika/deusek2/index.htm. Da findet man sich als normaler Studierter leichter zurecht, denke ich. Wenn man Pech hat, springt der Link aber zurück. Auf jeden Fall kommt man mit folgendem Link weiter:

http://www.schuelerlexikon.de/SID/6da3fbff944fabe24096926f668867e5/search.php?page=0; da gibt man oben in der Suchmaske sein Stichwort ein, z.B. „Eichendorff“, und dann bekommt man alle Seiten angeboten, auf denen etwas zu Eichendorff steht. – Wie üblich ist also die Wissenschaft des Suchens die Mutter aller Funde.

Das Schülerlexikon „Basiswissen Deutsch“ (für Kl. 10, aber auch den Älteren kann’s nicht schaden) findet man unter

http://www.schuelerlexikon.de/SID/6da3fbff944fabe24096926f668867e5/lexika/deutsch/index.htm – es ist aber ein bisschen simpel und erklärt z.B. irgendwelche angeblich bestehenden Wortarten, ohne die Problematik des Begriffs zu erläutern; dieses Grammatik- oder Sprachwerk ist aber auch in den dritten Link integriert, man braucht es also nicht eigens zu installieren.

Klartext 9 (Sprach-Lesebuch Deutsch, Westermann)

Im neuen Sprach-Lesebuch (Deutsch) Klar|text 9 wird in der Zusammenstellung des Basiswissens (S. 271 ff.) das adressatenbezogene Schreiben folgendermaßen erklärt bzw. begründet: „In Texten, bei denen du dich an andere wendest (z.B. bei Briefen oder in Infotexten), ist es wichtig, dass du den Adressaten mit einbeziehst, damit du ihn leichter von deinem Anliegen überzeugen oder für deine Sache interessieren kannst.“ (S. 271)

Die Begründung ist insofern aufschlussreich, als sie das rein manipulative Konzept des hier konzipierten Deutschunterrichts verrät: den Adressaten leichter überzeugen (= überreden), ihn für die eigene Sache interessieren, das ist das offiziell bekundete Ziel des adressatenbezogenen Schreibens. Ich meine dagegen, dass adressatenbezogenes Schreiben primär den Adressaten selbst als Partner eines Dialogs wahrnimmt und ernstnimmt, dass man sich ernsthaft mit seinen Anliegen und seinen Argumenten auseinandersetzen muss (und zu diesem Zweck auch seine Argumentation analysieren müsste): Es könnte ja sein, dass seine Sicht der meinen mindestens gleichwertig ist. Aber der „moderne“ Deutschunterricht verzichtet lieber auf saubere Analysen.

Die Übersicht über die Lerninhalte (S. 298 f.) verrät, wie die einzelnen Themen den verpflichtenden Kompetenzen des Kernlehrplans zugeordnet sind: Alles, was sich als Freiheit der Schüler in den Aufgaben der einzelnen Sequenzen darstellt, ist in einer höheren Planung aufgehoben – guter Unterricht kann im Prinzip auch nicht anders ablaufen, aber dann soll man auch nicht so tun, als bestimmten „die Interessen“ der Schüler den Unterricht.

Mehr oder weniger falsche Erklärungen aus dem Basiswissen:

Balladen sind umfangreiche Gedichte mit Reimen und Strophen … (S. 273) – Reime und Strophen machen keine Ballade aus, so bleibt nur „umfangreich“ als Merkmal!

Erzählhaltung: Es fehlt die auktoriale Erzählhaltung (S. 274).

Lesemethode für Gedichte: (1. Schritt: sich orientieren) Lies die Überschrift des Gedichts und die Anfänge der einzelnen Strophen. Worum geht es wohl? (S. 278) – Sehr originell, ich würde das Gedicht zuerst ganz lesen, nicht nur die Strophenanfänge.

Den Sprecher in einem Gedicht nennt man lyrisches Ich (S. 279). – Das ist so nicht richtig, nur einen Ich-Sprecher nennt man lyrisches Ich.

Neue Sachlichkeit: Die Abgrenzung vom Expressionismus (sachliche und realistische Beschreibung der modernen Gesellschaft, „wobei sie soziale Probleme nicht aussparten. Dadurch unterschieden sie sich deutlich vom Expressionimsus, der weniger politisch ausgerichtet war …, S. 280), stimmt nicht mit der Erklärung des Expressionismus („Die Künstler setzten sich kritisch mit der modernen Lebens- und Arbeitswelt auseinander. Das innere Erleben der äußeren Veränderungen steht dabei im Mittelpunkt.“, S. 275), welche ihrerseits nicht unproblematisch ist, überein.

Personifikation: Dinge oder abstrakte Begriffe führen menschliche Tätigkeiten aus (S. 282 – zu eng!).

Satire – da gibt es nur die Stilmittel Übertreibung und Ironie (S. 284).

Mit einem sprachlichen Vergleich kannst du etwas anschaulicher darstellen: Er ist mutig wie ein Löwe. (S. 287) – Hier offenbart sich die sprachliche Hilflosigkeit normaler Deutschlehrer gegenüber rhetorischen Stilmitteln: Als ob ich mir dabei einen Löwen vorstellte und nicht den Mutigen aufwerten wollte! (ähnlich die Erklärung der Stilmittel, S. 286)

Mithilfe der Weglassprobe kannst du Texte straffen. (S. 287) Vielleicht ergibt die Probe, dass ich nichts weglassen darf? (Eine ähnliche Einseitigkeit war auch schon bei der Ersatzprobe zu finden: Verengung auf die Überarbeitung von Texten)

Und das Zitieren ist auch nicht ganz richtig erklärt: 1. Die eckige Klammer ist hier überflüssig, weil der zitierte Text sich nahtlos in den eigenen Text einfügt, und 2. fehlt der Hinweis auf die Pflicht, die Quelle bzw. den Fundort des Zitats anzugeben.

In den Anleitungen zum Lesen (Basiswissen) werden die Schüler mehrfach aufgefordert, in vorliegende Texte hineinzumalen und zu -schreiben, und zwar ohne die Einschränkung „Bitte nur in Kopien!“ oder „Bitte nur in eigene Bücher!“ Ohne diese Einschränkung ist die Anleitung, in Bücher etwas hineinzuschmieren, eine Anleitung zum Ferkeln, zur Beschädigung fremden Eigentums! Last, not least: Sprechakte werden zwar erwähnt, aber nicht im Basiswissen erklärt – ein dickes Manko! Das zu erklären wäre eine bessere Basis als die Erklärung der ominösen Sinnabschnitte, siehe den nächsten Beitrag!