„Faust“ in EinFach Deutsch – ein grausames Spiel

Heute hatte ich Gelegenheit zu sehen, wie die Gretchentragödie in „EinFach Deutsch“ verschandelt wird:

Szene „Straße“ wird auf 14 Verse reduziert (V. 2605 ff.).

Aus Szene „Abend“ (V. 2678 ff.) werden sechs Verse angehängt.

Aus Szene „Abend“ (V. 2783 ff.) wird Gretchens Monolog vor dem Kästchen (22 Verse) präsentiert.

Aus Szene „Garten“ (V. 3073 ff.) sind die Elemente ‚Marthe-Mephisto’, aber weithin auch Gretchens Bericht von der Sorge um das Schwesterchen (V. 3125 ff.) gestrichen.

Fazit: Von 600 Versen sind circa drei Viertel gestrichen, darunter die Schlüsselszene V. 2687 ff. (Fausts Monolog in Gretchens Zimmer) und das Lied vom König in Thule; die Figuren Mephisto und Marthe fehlen völlig – es ist einfach unfassbar!

Was Frau Löhrmann allein nicht schafft: das Gymnasium demolieren, das bringt EinFach Deutsch zum Abschluss – und zwar an der Marienschule in Mönchengladbach, dem heimlichen Elitegymnasium der Stadt.

Ich schlage als nächste Stufe der Reduktion des „Faust“ resp. der Gretchentragödie vor:

  • Faust lernt Gretchen kennen
  • Sie verlieben sich ineinander
  • Gretchen wird schwanger, tötet ihr Kind und wird wahnsinnig
  • Faust kann sie nicht retten und verlässt sie.

Diesen Kurztext kann eigentlich jeder verstehen, sodass dann auch jeder in NRW Abitur machen kann. Nur – was fangen wir mit solchen „Abiturienten“ an? Und was hat diese Boulevard-Kurzmeldung mit Goethes „Faust“ zu tun? Auch nicht viel weniger als die ‚EinFach Deutsch‘-Kurzfassung!

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3 thoughts on “„Faust“ in EinFach Deutsch – ein grausames Spiel

  1. EinFach Deutsch „Faust“ (27.95 € !!) = „Faust“ for runaways. „you must not in the school go!“

    • Ich habe mir besagtes Unterrichtsmodell EinFach „Faust“ für den stolzen Preis zugelegt, bin aber bisher eigentlich sehr zufrieden. Insbesondere werden die oben genannten Szenen alle ausführlich behandelt.

      Mich irritiert eher unser Lehrbuch: Wir arbeiten in Klasse 10 mit Cornelsen, das den „Faust“ in brutaler Weise kürzt. Z.B. bleibt von der Szene „Vor dem Tor“ nur der Osterspaziergang übrig (wahrscheinlich, damit es schön auf eine Buchseite passt) und man geht dann nahtlos zu Fausts Übersetzungsversuch des Johannes-Evangeliums über… Wie Schüler dabei etwas verstehen sollen, entzieht sich meiner Vorstellungskraft. Hauptsache, die Aufgaben werden nicht müde darauf hinzuweisen, dass man Textstellen auch im E-Book markieren könne.

      • Okay, ich wusste nicht, dass die Szenen ausführlich behandelt werden (leider nicht in dem Unterricht, den ich als Nachhilfelehrer eines Schülers begleite). Ich kenne jetzt aber eine Klausur (zur Szene „Marthens Garten“, also dem Religionsgespräch), die vom Umfang her die Schüler zeitlich überfordert.
        Was „Faust“ in Klasse 10 zu suchen hat, weiß ich nicht. – Der bedingsungslose Einsatz „moderner“ Hilfsmittel ist ohnehin problematisch.

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