Theoretische Texte = Antworten auf Fragen

Eine meiner „Entdeckungen“, die aber durchaus nicht originell ist, ist die Einsicht, dass theoretische Texte Antworten auf Fragen darstellen. Ich habe das vor langen Jahren bei der Lektüre von R. Collingwoods Geschichtsphilosophie verstanden. Im wikipedia-Artikel wird Robin George Collingwoods Philsophie u.a. so umschrieben:

* Frage und Antwort sind streng korrelativ: Die Aussagenlogik der realistischen Tradition soll durch die Logik von Frage und Antwort ersetzt werden, da die Wahrheit einer Aussage von ihrer Funktion als Antwort auf eine bestimmte, präzise und sinnvolle Frage untrennbar ist.
* Eine Aussage (proposition) ist nicht dasselbe wie eine Antwort: Zwei Aussagen können einander nur dann widersprechen, wenn sie Antworten auf dieselbe (spezielle) Frage sind. (am 5. 1. 2007)

Das bedeutet für das Verständnis aller theoretischen Texte, dass eine bloße Reproduktion des Inhalts überhaupt nichts zum Verständnis beiträgt; dass es also unsinnig ist zu fragen, was Platon „lehrte“ – stattdessen sollte man zu verstehen suchen, mit welchen Problemen Platon sich befasste (und wie er sie dann zu lösen versuchte, mal so, mal so).
Ein weiteres schönes Beispiel für den Vorrang der Frage vor der Antwort findet sich in Hans Joas – Wolfgang Knöbl: Sozialtheorie. Zwanzig einführende Vorlesungen (2004). Die beiden diskutieren, wie man die soziologische Theoriebildung des 20. Jahrhunderts verstehen kann (das ist ihre Frage!). Und sie kommen zum Ergebnis, „daß sich die Theoriebildung der Sozialwissenschaften entlang dreier ganz spezifischer Fragen nachvollziehen läßt. Diese lauten: ‚Was ist Handeln?‘: ‚Was ist soziale Ordnung?‘; ‚Was bestimmt sozialen Wandel?‘“ (S. 37) Wenn man das Buch liest, merkt man, wie selbst spröde Theorien wie die von Habermas oder Luhmann sich anhand der drei genannten Fragen (und als Lösungsversuche für Probleme anderer Antworten) verstehen lassen.
Die Fragestellung muss man aus der Antwort entwickeln, wenn ein Autor nicht so freundlich war, sie zu nennen, oder wenn uns nur ein unfreundlich servierter Textausschnitt vorliegt. Da tun Schüler sich oft aus den verschiedensten Gründen schwer, den Schritt zurück von der Antwort zur Frage zu gehen; die hilflose Lösung für das Joas-Knöbl-Buch würde lauten: „Was lehren die Sozialwissenschaftler?“ oder „Welche Theorien haben die Soziologen aufgestellt?“ oder „Wie unterscheiden sich die soziologischen Theorien?“ Man merkt im Vergleich mit diesen (konstruierten) „Schüler“-Fragen, was die richtige Fragestellung leistet.
Um die Thematik von Frage und Antwort mit einer bekannten Unterscheidung zu verbinden, verweise ich auf das, was Wilhelm Schmidt (Grundfragen der deutschen Grammatik, 4. A. 1973, S. 312 ff.) zur Mitteilungsperspektive im Satz sagt: „Jeder Satz erhält zwei Teile: worüber etwas mitgeteilt wird und was mitgeteilt wird, das Bekannte, das Thema, und das Neue, das Rhema (…). In der Verbindung des Bekannten mit dem Neuen besteht eigentlich das Wesentliche jeder sprachlichen Kommunikation.“ (S. 313) Ich möchte hier fortfahren: Den Übergang vom Bekannten zum Neuen, die Lust auf das Neue sichert die auf dem Boden des Bekannten entstandene Frage; das Neue steht in der Antwort.

Vgl. auch das Arbeitsblatt zur Analyse von Sachtexten in der Kategorie „Methodisches“! Außerdem „Text – Thema – Kohärenz“ in „Methodisches“ sowie die methodischen Überlegungen von Prof. Sager (http://www.slm.uni-hamburg.de/ifg1/Personal/Sager/Methodisches.html)! (2007)

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