Klartext 9 (Sprach-Lesebuch Deutsch, Westermann)

Im neuen Sprach-Lesebuch (Deutsch) Klar|text 9 wird in der Zusammenstellung des Basiswissens (S. 271 ff.) das adressatenbezogene Schreiben folgendermaßen erklärt bzw. begründet: „In Texten, bei denen du dich an andere wendest (z.B. bei Briefen oder in Infotexten), ist es wichtig, dass du den Adressaten mit einbeziehst, damit du ihn leichter von deinem Anliegen überzeugen oder für deine Sache interessieren kannst.“ (S. 271)

Die Begründung ist insofern aufschlussreich, als sie das rein manipulative Konzept des hier konzipierten Deutschunterrichts verrät: den Adressaten leichter überzeugen (= überreden), ihn für die eigene Sache interessieren, das ist das offiziell bekundete Ziel des adressatenbezogenen Schreibens. Ich meine dagegen, dass adressatenbezogenes Schreiben primär den Adressaten selbst als Partner eines Dialogs wahrnimmt und ernstnimmt, dass man sich ernsthaft mit seinen Anliegen und seinen Argumenten auseinandersetzen muss (und zu diesem Zweck auch seine Argumentation analysieren müsste): Es könnte ja sein, dass seine Sicht der meinen mindestens gleichwertig ist. Aber der „moderne“ Deutschunterricht verzichtet lieber auf saubere Analysen.

Die Übersicht über die Lerninhalte (S. 298 f.) verrät, wie die einzelnen Themen den verpflichtenden Kompetenzen des Kernlehrplans zugeordnet sind: Alles, was sich als Freiheit der Schüler in den Aufgaben der einzelnen Sequenzen darstellt, ist in einer höheren Planung aufgehoben – guter Unterricht kann im Prinzip auch nicht anders ablaufen, aber dann soll man auch nicht so tun, als bestimmten „die Interessen“ der Schüler den Unterricht.

Mehr oder weniger falsche Erklärungen aus dem Basiswissen:

Balladen sind umfangreiche Gedichte mit Reimen und Strophen … (S. 273) – Reime und Strophen machen keine Ballade aus, so bleibt nur „umfangreich“ als Merkmal!

Erzählhaltung: Es fehlt die auktoriale Erzählhaltung (S. 274).

Lesemethode für Gedichte: (1. Schritt: sich orientieren) Lies die Überschrift des Gedichts und die Anfänge der einzelnen Strophen. Worum geht es wohl? (S. 278) – Sehr originell, ich würde das Gedicht zuerst ganz lesen, nicht nur die Strophenanfänge.

Den Sprecher in einem Gedicht nennt man lyrisches Ich (S. 279). – Das ist so nicht richtig, nur einen Ich-Sprecher nennt man lyrisches Ich.

Neue Sachlichkeit: Die Abgrenzung vom Expressionismus (sachliche und realistische Beschreibung der modernen Gesellschaft, „wobei sie soziale Probleme nicht aussparten. Dadurch unterschieden sie sich deutlich vom Expressionimsus, der weniger politisch ausgerichtet war …, S. 280), stimmt nicht mit der Erklärung des Expressionismus („Die Künstler setzten sich kritisch mit der modernen Lebens- und Arbeitswelt auseinander. Das innere Erleben der äußeren Veränderungen steht dabei im Mittelpunkt.“, S. 275), welche ihrerseits nicht unproblematisch ist, überein.

Personifikation: Dinge oder abstrakte Begriffe führen menschliche Tätigkeiten aus (S. 282 – zu eng!).

Satire – da gibt es nur die Stilmittel Übertreibung und Ironie (S. 284).

Mit einem sprachlichen Vergleich kannst du etwas anschaulicher darstellen: Er ist mutig wie ein Löwe. (S. 287) – Hier offenbart sich die sprachliche Hilflosigkeit normaler Deutschlehrer gegenüber rhetorischen Stilmitteln: Als ob ich mir dabei einen Löwen vorstellte und nicht den Mutigen aufwerten wollte! (ähnlich die Erklärung der Stilmittel, S. 286)

Mithilfe der Weglassprobe kannst du Texte straffen. (S. 287) Vielleicht ergibt die Probe, dass ich nichts weglassen darf? (Eine ähnliche Einseitigkeit war auch schon bei der Ersatzprobe zu finden: Verengung auf die Überarbeitung von Texten)

Und das Zitieren ist auch nicht ganz richtig erklärt: 1. Die eckige Klammer ist hier überflüssig, weil der zitierte Text sich nahtlos in den eigenen Text einfügt, und 2. fehlt der Hinweis auf die Pflicht, die Quelle bzw. den Fundort des Zitats anzugeben.

In den Anleitungen zum Lesen (Basiswissen) werden die Schüler mehrfach aufgefordert, in vorliegende Texte hineinzumalen und zu -schreiben, und zwar ohne die Einschränkung „Bitte nur in Kopien!“ oder „Bitte nur in eigene Bücher!“ Ohne diese Einschränkung ist die Anleitung, in Bücher etwas hineinzuschmieren, eine Anleitung zum Ferkeln, zur Beschädigung fremden Eigentums! Last, not least: Sprechakte werden zwar erwähnt, aber nicht im Basiswissen erklärt – ein dickes Manko! Das zu erklären wäre eine bessere Basis als die Erklärung der ominösen Sinnabschnitte, siehe den nächsten Beitrag!

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