Über das richtige Lernen

Ernst Michael Lange schreibt in seiner Abhandlung „Das verstandene Leben“ (pdf-Datei, S. 10):

„Wittgenstein geht von ganz einfachen Lernsituationen aus – einem Schüler wird beigebracht, eine arithmetische Reihe richtig fortzusetzen (vgl. PU Abschnitt 143). Dabei kann es sich zunächst um das Erlernen/Lehren der Reihe der natürlichen Zahlen handeln und die Aufgabe im Nachschreiben der Zahlzeichen. Dem Schüler kann zunächst sogar die Hand geführt werden müssen. Dann aber räumt Wittgenstein mit der vernünftigen Resignation des Pädagogen – er hat bekanntlich auch als Volksschullehrer gearbeitet – etwas ein, was von seinen philosophischen Auslegern wenig beachtet wird: „dann aber wird die Möglichkeit der Verständigung daran hängen, dass er nun selbständig weiter schreibt.“ Die Bereitschaft zum selbständigen Fortsetzen ist ein Beitrag, den der Schüler leisten muss, und an dieser Bereitschaft hängt „die Möglichkeit der Verständigung“. Erst einem derart bereiten Schüler kann beigebracht werden, wie fortzusetzen richtig ist und wie fortzusetzen falsch wäre. D.h. aber, der Schüler muss die Regel, die ihm beigebracht werden soll, selbst anwenden wollen – er muss sich selbst an die Regel und damit an Kriterien der Richtigkeit und Falschheit (Normen des Urteilens) binden. Alle erworbenen Fähigkeiten, in deren Erwerb man unterrichtet werden konnte oder hätte unterrichtet werden können, sind an solche objektiven, weil geteilten oder der Teilung durch mehrere fähigen Kriterien der Richtigkeit und Falschheit gebunden (weil es ohne sie keine Kontrolle der Lernfortschritte geben könnte). (Einige Fähigkeiten werden im Kontrast dazu durch natürliche Prozesse des Wachstums und Reifens erworben – z.B. die Fähigkeit weiblicher Lebewesen, Nachkommen zu gebären –, für diese gibt es keine erlernbaren Kriterien des richtig Machens. Aber sehr viele Fähigkeiten, über die erwachsene Personen verfügen, sind derart, dass sie hätten gelehrt werden können, auch wenn sie faktisch vielleicht überwiegend durch spontane Nachahmung erworben wurden.)“

Und auf S. 11 (im Kontext der Frage nach dem Sinn des Lebens) fährt er fort: „Der Nachwuchs von lernfähigen Lebewesen hat ein generisches Motiv, lernen zu wollen – er will groß werden und darin so werden wie die Erwachsenen. Auf diesem generischen Motiv beruht auch die Bereitschaft des Schülers in Wittgensteins Beispiel, selbständig zu versuchen, richtig fortzusetzen. Nun sind mit den Möglichkeiten, es richtig oder falsch zu machen, die Möglichkeiten des Erfolgs und Misserfolgs von Fortsetzungsversuchen verbunden. Und aufgrund des generischen Motivs, so werden zu wollen wie die Erwachsenen, kann der Schüler angesichts der Alternative von Erfolg oder Misserfolg nicht gleichgültig sein oder bleiben (wäre oder bliebe er es, wäre die Möglichkeit der Verständigung erschöpft – Pädagogen stoßen immer wieder schmerzlich an Grenzen der Belehr- und Beschulbarkeit ihrer Schützlinge). Auf Misserfolg reagiert der Schüler daher typischerweise mit negativen Gefühlen der Enttäuschung und Niedergeschlagenheit, auf Erfolg mit Gefühlen der Befriedigung und des Stolzes.

Solche Gefühle werden zu Symptomen der im Lernenden mächtig werdenden Selbstbewertung. Sie werden für ihn selbst sogar zu Kriterien für die Selbstbeurteilungen ‚Ich kann es’ oder ‚Ich kann es nicht’.“

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