Neue Iglu-Studie: Ergebnisse für das Lesen

Deutsche Grundschüler fallen beim Lesen international zurück“, kann man heute im „Tagesspiegel“ lesen: http://www.tagesspiegel.de/wissen/neue-iglu-studie-deutsche-grundschueler-fallen-beim-lesen-international-zurueck/20670744.html. Das ist das Ergebnis der Iglu-Studie von 2016. Der Beitrag im „Tagesspiegel“ ist sehr informativ. Weiterer Bericht: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/studie-20-prozent-der-viertklaessler-koennen-nicht-richtig-lesen-15325389.html

Das ist sicher einmal das Ergebnis einer Bildungs-Sparpolitik sowie einer ideologischen Aufweichung elementarer Einsichten dessen, was in der Schule geübt werden muss. Es ist aber auch ein Versagen der Eltern: Unsere beiden Töchter konnten lesen, ehe sie in die Schule kamen – und das nicht deshalb, weil wir etwas erzwungen oder gedrillt hätten. Die ältere Tochter hat das Lesen mittels der Beschriftung auf Milchflaschen gelernt (von sich aus, durch Fragen), die jüngere wollte auf einmal nicht mehr die einzige im Haus sein, die nicht lesen kann, und hat es innerhalb zweier Wochen von der älteren gelernt.

Ich sehe oft, wenn ich ins Fitness-Studio gehen, Kinder, die mit ihren Eltern zur logopädischen Betreuung gehen und dort mit Bauklötzen spielen, während die Mutter daneben sitzt: Kann man nicht auch zu Hause mit seinem Kind mit Bauklötzen spielen? Oder im Wartezimmer: Mama starrt auf ihr iPhone, das Kind sitzt isoliert daneben – sie gehen zur Logopädie: Wen wundert es, dass das Kind nicht richtig sprechen kann, wenn Mama lieber mit der Maschine als mit ihrem Kind spricht?

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Kurt Tucholsky: Gedichte – für die Schule

Im Gedicht „Die geschiedene Frau“ (1929) denkt diese zum Schluss:

     „Aber das ist schließlich überall

     der erste Mann ist stets ein Unglücksfall.

     Die wahre Erkenntnis liegt unbestritten

    etwa zwischen dem zweiten und dem dritten.

Dann weißt du. Vom Wissen wird man nicht satt,

aber notdürftig zufrieden, mit dem, was man hat,

Amen.“

Diese weise Resignation ist herrlich, aber Schüler können sie so noch nicht verstehen. Das ist ein Kriterium dafür, manche Gedichte Tucholskys hier nicht aufzunehmen, auch wenn sie gut sind. Das zweite Kriterium: Wenn ein Gedicht stark auf tagespolitische Ereignisse der Vergangenheit bezogen ist, kann man es selbst als Lehrer kaum, als Schüler nicht verstehen – also streichen! Von den verbleibenden Gedichten habe ich die ausgewählt, die mir gefielen und die ich für die Schule für geeignet hielt: auf dass es neben Kästner auch Kurt Tucholsky als einen Repräsentanten der Neuen Sachlichkeit bzw. der Weimarer Republik gebe. Ich habe mich bei der Auswahl an den Gedichten orientiert, wie sie auf der Seite textlog.de angeboten werden (http://www.textlog.de/tucholsky-deutschland.html); sämtliche Gedichte Tucholskys sollte man auf der Seite https://tucholsky.de/gedichte/ finden, wo sie aber alphabetisch geordnet sind – textlog.de ordnet sie (grob) nach dem Datum der Veröffentlichung, und da genauer als die Seite tucholsky.de.

Nach dieser schönen Vorrede nun die Liste der Gedichte, die man vielleicht in der Schule (Kl. 10-13) lesen könnte:

Die Schule

Wider die Liebe

Auf ein Frollein

Park Monceau

Zu tun! Zu tun!

Zweifel

Nächtliche Unterhaltung (?)

Zwei Seelen

An meinen Sohn

Der Rhein und Deutschlands Stämme

Das Ideal

Nebenan

Masse Mensch“

Liebespaar am Fenster

Bürgerliche Wohltätigkeit

Augen in der Großstadt (parallel: Fahrgäste)

Danach

Die Redensart

Stationen

Die Gefangenen

Also wat nu – ja oder ja?

Warte nicht!

Die Herren Eltern (dazu Frau Schnier in Böll: Ansichten eines Clowns)

Weitere Seiten mit Tucholsky-Gedichten:

http://gedichte.xbib.de/gedicht_Tucholsky.htm

https://www.gedichte.com/gedichte/Kurt_Tucholsky

Eine Rezension schreiben

Zunächst einige Beispiele aus meiner Feder:

https://norberto42.wordpress.com/2017/06/25/p-von-matt-fertig-ist-das-angesicht-gelesen-2/

https://norberto42.wordpress.com/2016/11/05/willemsen-das-hohe-haus-2014-besprechung/

https://also42.wordpress.com/2017/06/23/ch-taylor-das-sprachbegabte-tier-2017-rezension/

http://re-visionen.net/rezension-thomas-steinfeld-herr-der-gespenster/

Was man im Netz unter „Rezension schreiben“ oder „Rezension Aufbau“ findet:

http://www.schreibsuchti.de/2013/03/28/buchrezension-schreiben-so-geht-s-tipps-fuer-aufbau-und-sprache/ (Anleitung, mit Beispiel)

http://www.dr.von-goeler.de/Leitfaden_Buchrezension.pdf (umfangreiche Anleitung)

https://www.textbroker.de/wie-sie-eine-gelungene-rezension-verfassen

http://www.literaturzeitschrift.de/rezension/

https://lehrerfortbildung-bw.de/u_sprachlit/deutsch/gym/bp2004/fb3/02_feld/3_form/1_rezension/1_bspl/ (Anleitung, wie Lehrer ihre Schüler befähigen sollen, Rezensionen zu schreiben – kann man auch unabhängig vom Lehrer durcharbeiten)

Mit Herrn Löhr, dem Eigentümer der Seite re-visionen, konnte ich mich nicht einigen, ob die Ich-Form für eine Rezension angebracht ist (Dr. von Goeler sagt: nicht ausufern lassen!); ich meine, es sei ehrlicher, sich nicht hinter einer scheinbaren Allgemeingültigkeit („man“, „der Leser“) zu verstecken, zumal da man mit seinem Namen für die Rezension geradesteht. Herr Löhr stritt das ohne weitere Begründung ab.

Ich habe daraufhin geprüft, was andere Leute sagen:
https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur/artikel/rezension
 (keine Äußerung zur Form)

http://www.fachdidaktik-einecke.de/9c_Meth_Textproduktion/rezension.htm (mit „ich“)

http://www.schreibsuchti.de/2013/03/28/buchrezension-schreiben-so-geht-s-tipps-fuer-aufbau-und-sprache/ („ich“ gebraucht)

https://de.wikipedia.org/wiki/Literaturkritik :

Weit populärer [als fachwissenschaftliche Rezensionen, N.T.] sind jedoch die kleineren publizistischen Formen, die ihren Niederschlag in Fachzeitschriften und vor allem im Feuilleton von Zeitungen und Zeitschriften finden:

  • in Literaturrezensionen, die als essayartige Abhandlungen analog zum literaturwissenschaftlichen Ansatz für ihre noch sehr weitgehende, Quellen kennzeichnende und mehrere Seiten umfassende Analyse eines Werkes jedoch eine literarische Ausformung suchen, meist in zuspitzender Pointierung, bei negativer Bewertung zuweilen sogar als Polemik. Autoren solcher Literaturkritiken machen sich selbst dabei als Person durchaus kenntlich und nutzen für diese Art der Rückschau auf ein literarisches Werk zumeist die Ich-Perspektive.
  • in Literaturrezensionen bzw. Buchbesprechungen, die vergleichsweise knapp den Inhalt eines Werkes nur noch andeuten – ohne z. B. das Ende zu verraten – und dem dann eine etwas ausführlichere Bewertung des Gesamteindrucks anfügen. Sie umfassen in der Regel ein bis drei Normseiten, als Kurzhinweise zuweilen weit weniger. Autoren solcher Literaturkritiken bleiben als Person im Hintergrund. Selbst ihre namentliche Signatur am Ende ihrer Artikel wird bei Zitaten nicht selten unterschlagen und nur noch das sie veröffentlichende Printmedium genannt. Sehr große Verbreitung finden Literaturrezensionen im Internet, wobei hier inzwischen vermehrt auch auf reine Kundenmeinungen abgehoben wird.“

Äußerungen einzelner Fachleute zur Streitfrage:

  • also, Beispiele für subjektive Rezensionen gibt es en masse (Heinrich Böll etwa). Die These Ihres redakteurs ist schon mal literaturhistorisch haltlos“ (Hartmut Finkeldey)
  • Lieber Herr Tholen,das liegt in Ihrem Ermessen und dem Ihrer Redaktion. Es ist in den Feuilletons eher unüblich, aber durchaus manchmal gerechtfertigt. Wenn es für einen privaten Blog ist, dann würde ich so schreiben, wie es Ihnen in der Feder liegt. Wichtig ist, unabhängig von Ich-Form, ohnehin die Argumentation und Begründung.“ (Insa Wilke)
  • Sehr geehrter Herr Tholen, Rezension ist ja ein Sammelbegriff für verschiedene, eher kreative Textsorten, es kommt auf den Kontext an, sowohl auf das besprochene Werk als auch auf das Publikationsorgan, in das sich die Rezension stimmig einfügen (und doch darin etwas Besonderes darstellen) muss. Grundsätzlich ein Ja, auch wenn es eher unüblich ist, daher sollte ein Grund, weshalb ein Ich spricht, erkennbar werden. Sie sollten es (aus dem Werk oder dem Kontext heraus) motivieren (was nicht explizit sein muss und nur für den geübten Leser erkennbar sein kann).“ (Prof. Dr. Stefan Neuhaus)
  • Ich-Texte sind jedenfalls kein Standard. Erste Anregungen zum Thema finden Sie vielleicht schon hier in meiner Kolumne von 2011 zum Thema: https://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article13109870/I-wie-Ich.html(Marc Reichwein) [Diese Kolumne ist ausgesprochen geistreich und lesenswert!]

Kästner-Gedichte für die Schule

Folgende 20 Kästner-Gedichte schlage ich für die Lektüre (und das laute Sprechen!) in der Schule vor:

Die Tretmühle

Herr im Herbst

Der Scheidebrief

Die Zunge der Kultur reicht weit

Mädchens Klage

Sachliche Romanze

Das Gebet keiner Jungfrau

Kurt Schmidt, statt einer Ballade

Misstrauensvotum

Ansprache an Millionäre

Sogenannte Klassefrauen

Gewisse Ehepaare

Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag

Konferenz am Bett

Von faulen Lehrern

Die Entwicklung der Menschheit

Der Handstand auf der Loreley

Der synthetische Mensch

Der geregelte Zeitgenosse

Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?

Die Reihenfolge hier entspricht im Wesentlichen der Abfolge, wie sie in Kästners Gedichtbänden veröffentlicht sind; nur „Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?“ ist bewusst an den Schluss gestellt, weil der Autor sich darin mit der Kritik an seinen Gedichten auseinandersetzt. „Mädchens Klage“ und „Das Gebet keiner Jungfrau“ stellen ausgezeichnete Alternativen zur „Sachliche[n] Romanze“ dar!

Ich habe die Gedichte sowohl nach ästhetischen wie nach thematischen Gesichtspunkten ausgewählt; fortgelassen sind die, welche allzu zeitgebunden waren: So ist die Kritik am Militarismus heute für die BRD überholt. „Sachliche Romanze“ habe ich gegen mein ästhetisches Empfinden aufgenommen, weil es in allen Lesebüchern für Klasse 8/9 steht, obwohl die Schüler in diesem Alter das Ende einer achtjährigen Liebesbeziehung nicht nachvollziehen können.

Da Kästners Gedichte für Erwachsene (oder die Zeitschrift „Jugend“ und damit für Jugendliche) geschrieben sind, schlage ich vor, sie nicht vor Klasse 9 zu lesen; manche sind sogar erst ab Kl. 10 oder 11 zu verstehen – den Wettlauf um „möglichst früh“ sollte man nicht mitmachen!

Man sollte Kästners „Prosaische Zwischenbemerkung“ über seine Gebrauchslyrik kennen, wenn man sich mit seinen Gedichten beschäftigt (in „Die literarische Welt“ vom 28. März 1929, https://nellydeutsch.files.wordpress.com/2014/01/kaestner-gebrauchslyrik.docx = http://www.stiftikus.de/lyrik/kaestbem.doc).

Literaturportale im Netz

Es gibt verschiedene Portale, die europäische Literatur und anderes anbieten, ohne dass man etwas zahlen oder sich anmelden müsste – leider erst dann, wenn das Urheberrecht erloschen ist:

http://www.zeno.org/ (sehr übersichtlich, aber kleine Schrift)

http://gutenberg.spiegel.de/ (größere Schrift, aber nicht übersichtlich: Man kann nur Seite für Seite umblättern!)

https://www.offenesbuch.com/ (übersichtlich und große Schrift)

http://archive.org/search.php? (viele digitalisierte Bücher, auch Erstdrucke, deutsche Bücher oft in Frakturschrift)

Vgl. ferner

https://wiki.zum.de/wiki/Literaturportale

https://bbb.neteler.org/buecher/

http://www.poetenladen.de/litlinks3.html

http://www.wikiservice.at/buecher/wiki.cgi?LiteraturPortale

http://www.oezb-verlag.de/index.php?option=com_content&view=article&id=1&Itemid=82

Auslegen und Einlegen

Nicht selten ist das Auslegen ein Einlegen des Erwünschten, oder des Zweckmäßigen, und viele Ableitungen sind eigentlich Ausleitungen. Ein Beweis, daß Gelehrsamkeit und Spekulazion der Unschuld des Geistes nicht so schädlich sind, als man uns glauben machen will. Denn ist es nicht recht kindlich, froh über das Wunder zu erstaunen, das man selbst veranstaltet hat?

(F. Schlegel, Fragment 25, in Athenaeum. Ersten Bandes Zweytes Stück, 1798)

Über den Nutzen von Hilfsverben – in „Tristam Shandy“

In „Leben und Ansichten von Tristam Shandy, Gentleman“ habe ich (allerdings in der modernen Walter-Übersetzung) eine köstliche Passage über den Nutzen der Hilfsverben gefunden. Tristams Vater hat sich Gedanken über die Erziehung seines Sohnes gemacht, hält sie in einem Buch fest und trägt sie hier seinen staunenden Zuhörern vor. Ich gebe sie leicht gekürzt wieder:

Ich bin überzeugt davon, Yorick, fuhr mein Vater fort, indem er halb las, halb frei sprach, daß es auch in der intellektuellen Welt eine nordwestliche Durchfahrt giebt, und daß die Seele des Menschen einen kürzeren Weg einschlagen kann, um zum Wissen und zum Erkennen zu gelangen, als den gewöhnlichen. – Aber ach! nicht neben jedem Acker läuft ein Fluß, oder ein Bach – nicht jedes Kind, Yorick, hat einen Vater, der ihm diesen Weg zeigen könnte.

Das Ganze beruht – dies sagte mein Vater mit leiserer Stimme – auf den Hülfszeitwörtern.

Hätte Yorick auf Virgils Natter getreten, er hätte nicht erschrockener aussehen können. – Ich erstaune selbst darüber, rief mein Vater, der es bemerkte, und halte es für einen der beklagenswerthesten Uebelstände unseres Bildungsganges, daß die, welchen die Erziehung unserer Kinder anvertraut ist, deren Geschäft es sein sollte, ihren Geist zu entwickeln und ihn mit Ideen zu befruchten, damit die Einbildungskraft sich frei bewege, bis jetzt so wenig Nutzen von den Hülfszeitwörtern gezogen haben, wie es der Fall ist, mit Ausnahme etwa von Raymond Lullius und dem ältern Pellegrini, welcher Letztere sich in dem Gebrauche derselben bei seinen Gesprächen eine solche Fertigkeit erworben hatte, daß er einen jungen Mann in wenigen Lehrstunden dahin bringen konnte, über jeden beliebigen Gegenstand ganz plausibel pro und contra zu reden und Alles, was darüber gesagt oder geschrieben werden konnte, zu sagen oder zu schreiben, ohne sich in einem Worte verbessern zu müssen, worüber Alle, die es sahen, erstaunt waren.

Ich möchte das gern ganz begreifen, unterbrach Yorick meinen Vater. – Sie sollen es, erwiederte dieser. – Die höchste Anwendung, deren ein Wort fähig ist, ist als bildlicher Ausdruck, – wodurch meiner Ansicht nach die Vorstellung gemeiniglich eher abgeschwächt, als verstärkt wird – doch lassen wir das; hat nun der Geist diese Anwendung davon gemacht, so ist die Sache zu Ende; – Geist und Vorstellung sind mit einander fertig, bis eine zweite Vorstellung auftritt u.s.w.

Nun sind es aber die Hülfsverben, welche die Seele in den Stand setzen, das ihr zugeführte Material selbstständig zu behandeln, und durch die Beweglichkeit der großen Maschine, um die es läuft, neue Wege der Untersuchung zu eröffnen und jede einzelne Vorstellung millionenfach zu vervielfältigen.

Sie erregen meine Neugierde im höchsten Grade, sagte Yorick. […]

Die Hülfsverben, von denen hier die Rede ist, fuhr mein Vater fort, sind sein, haben, werden, mögen, sollen, wollen, lassen, dürfen, können, müssen und pflegen in den verschiedenen Zeiten der Gegenwart, Zukunft oder Vergangenheit und in Verbindung mit dem Verbumsehen angewandt. Als positive Frage: Ist es? Was ist es? Kann es sein? Konnte es sein? Mag es sein? Mochte es sein? – Als negative Frage: Ist es nicht? War es nicht? Soll es nicht sein? – Oder affirmativ: es ist – es war – es muß sein, – oder chronologisch: Ist es je gewesen? Kürzlich? Wie lange ist es her? – oder hypothetisch: Wenn es war? Wenn es nicht war? Was würde daraus folgen? Wenn die Franzosen die Engländer schlagen sollten? Wenn die Sonne aus dem Thierkreis treten würde?

Würde nun eines Kindes Gedächtniß durch den rechten Gebrauch und die rechte Anwendung dieser Formen geübt, fuhr mein Vater fort, so könnte keine Vorstellung in sein Gehirn eintreten, und wäre es auch noch so unfruchtbar, ohne eine unendliche Menge von Begriffen und Folgerungen daraus zu ziehen. – Habt Ihr schon einmal einen weißen Bären gesehen? rief mein Vater und kehrte sich rasch nach Trim um, der hinter seinem Stuhle stand. – Nein, Ew. Gnaden, erwiederte der Korporal. – Aber Ihr könntet darüber reden, Trim, sagte mein Vater, wenn es sein müßte? – Wie wäre denn das möglich, Bruder, sagte mein Onkel Toby, wenn er nie einen gesehen hat. – Das brauch‘ ich gerade, erwiederte mein Vater, Du sollst sehen, daß es möglich ist:

Ein weißer Bär! Sehr wohl, habe ich je einen gesehen? Könnte ich jemals einen sehen? Werde ich jemals einen sehen? Dürfte ich jemals einen sehen? oder – sollte ich jemals einen sehen?

Ich wollte, ich hätte einen weißen Bären gesehen! (wie könnte ich mir sonst einen vorstellen?)

Sollte ich einen weißen Bären sehen, was würde ich dazu sagen? Wenn ich nie einen weißen Bären sehen sollte, was dann?

Wenn ich nie einen weißen Bären habe sehen können, sollen, dürfen, – habe ich vielleicht ein Fell von ihm gesehen? Habe ich einen abgebildet, geschildert gesehen? Habe ich je von einem geträumt?

Haben mein Vater, meine Mutter, mein Onkel, meine Tante, mein Bruder oder meine Schwestern je einen weißen Bären gesehen? Was würden sie darum geben? Wie würden sie sich dabei betragen? Wie würde der weiße Bär sich dabei betragen? Ist er wild? zahm? schrecklich? struppig? glatt?

Ist es der Mühe werth, einen weißen Bären zu sehen?

Oder eine weiße Bärin?

Ist es keine Sünde?

Ist es besser, als eine schwarze?

(5. Buch, Kap. 42 und 43, bzw. in der hier benutzen Ausgabe http://www.zeno.org/Literatur/M/Sterne,+Laurence/Roman/Tristram+Shandy: Zweiter Band, Kap. 42 und 43)

Neben dem satirischen Seitenhieb auf mehr oder weniger sinnvolle grammatische Übungen und leeres rhetorisches Stroh erkenne ich hier eine Parodie auf die Fragen des Beichtspiegels.

Lesen durch Schreiben – ein Irrweg?

Mit dem Dienstbeginn der neuen Kultusministerin in NRW wird auch die Methode „Lesen durch Schreiben“ auf den Prüfstand gestellt. Dass man als Erstklässler so schreiben soll, wie man spricht, ist das oberste Prinzip dieser Methode, die den Kindern Freude am Schreiben vermitteln soll, aber eben nicht zur korrekten Rechtschreibung führt und führen kann – und deshalb mindestens ab dem 2. Schuljahr durch Strategien zur Rechtschreibung ergänzt werden muss.

Ob die Methode im 1. Schuljahr der Heilsweg oder ein Pfad in den Abgrund ist, ist eine heftig diskutierte Glaubensfrage. Ich gebe hier eine Übersicht über verschiedene Standpunkte, die man im Netz findet:

https://de.wikipedia.org/wiki/Schriftspracherwerb#Offene_Lernangebote Übersicht über die verschiedenen Methoden des Schreibenlernens

https://wiki.studiumdigitale.uni-frankfurt.de/FB04_Grundschulwiki/index.php/Lesen_durch_Schreiben Info LdS

http://herder.philol.uni-leipzig.de/projekte/alpha/frames/main5.3.htm pro, umfassende Information

https://www.lehrer-online.de/artikel/fa/lesen-durch-schreiben-eine-methode-von-juergen-reichen/ pro

http://www.grundschule-harmonie.de/assets/Uploads/PDF/Artikel/lesen_durch_schreiben.pdf pro

http://www.schule-rellinger-strasse.de/Lesen_durch_Schreiben.html pro

http://www.spektrum.de/news/schreiben-lernen-welche-methode-ist-sinnvoll/1310138 Bericht, ausgewogen

http://www.deutschlandfunk.de/lesen-und-schreiben-lernen-streit-um-die-richtige-methode.1148.de.html?dram:article_id=295898 differenziert

http://www.niekao-lernwelten.de/?p=654 Bericht eines Lehrers, differenziert

http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/guenter-jansen-ueber-die-schlechte-rechtschreibung-viele-kinder-a-906458.html Interview G. Jansen, kritisch

http://www.grundschulservice.de/ strikt kritisch

http://www.t-online.de/leben/familie/schulkind-und-jugendliche/id_61798378/lesen-durch-schreiben-methode-vorteile-kritik.html kritisch

http://www.europhi.de/de/lesen-durch-schreiben/ kritisch

http://www.zeit.de/2011/48/Martenstein kritisch, Satire

https://www.liberale.de/content/lesen-durch-schreiben-gescheitert-rot-gruen-muss-handeln kritisch, FDP 2014

http://www.legakids.net/eltern-lehrer/lernmaterialien/mildenberger-verlag/lesen-und-schreiben-mit-der-silbenmethode-unterstuetzen/ kritisch, pro Silbenmethode

https://sciencefiles.org/tag/lesen-durch-schreiben/ kritisch

http://www.maxbrauerschule.de/unsere-schule/grundschule/stellungnahme-zu-lesen-durch-schreiben/ Auseinandersetzung mit Kritik

Wenn man die verschiedenen Standpunkte an Personen festmacht:

Marburger Studie (kritisch)

Günter Jansen kritisch

Christa Röber kritisch

Schründer-Lenzen kritisch

Reinold Funke (Studie)

Jürgen Reichen pro

Hans Brügelmann pro

Neue Sammlung deutscher Redewendungen

Alphabetischer Index der deutschen Redewendungen, zu denen man Belege und Erläuterungen aus dem Internet aufrufen kann:

http://www.ettinger-phraseologie.de/pages/deutsche-redewendungen/alphabetischer-index.php

Die Seite, von der aus sich systematisch alles erschließt:

http://www.ettinger-phraseologie.de/

Zusammenstellung von Links zu Redewendungen, Redensarten, Sprichwörtern; Aphorismen (2010):

https://norberto68.wordpress.com/2010/12/26/deutsche-redewendungen-redensarten-sprichworter/