Leserbrief verfassen (Beispiel)

Zu Jakob Biazza: Erregt euch (SZ vom 28. Februar 2020, S. 3)

Was Herr Biazza hier über Dieter Nuhr äußert, bedarf einer Korrektur. Abgesehen davon, dass er den ganzen Artikel über Nuhrs Leistung unbegründet relativiert („eigentlich kein hohler Provokateur, ein über weite Strecken guter Kabarettist“), unterstellt er ihm zum Schluss eine Änderung seiner Haltung, die auf Unverständnis der zitierten Nuhr’schen Sätze beruht. Die Sätze lauten: „Jeder darf alles sagen – es gibt nur kein Grundrecht darauf, dass einem niemand widerspricht.“ Satz 2 lautet: „Jeder darf alles sagen – er muss nur damit rechnen, ausgegrenzt, verachtet, beschimpft, bedroht und in aller Öffentlichkeit als Idiot hingestellt zu werden. Und da sparen sich eben viele lieber ihre Widerworte.“
Bialla konstruiert aus diesen beiden Sätzen die These, Nuhr habe seine Meinung geändert, und kommentiert süffisant: „Wie leicht sich die Dinge doch in ihr Gegenteil verwandeln lassen.“ Nuhr sei also eigentlich doch ein hohler Schwätzer. Diese Auffassung verkennt, über wen bzw. in welche Richtung die beiden Sätze gesagt worden sind: Satz 1 ist auf die Links-Grünen (LG) gemünzt, denen ein bestimmtes Recht abgesprochen wird; sie müssen Widerspruch hinnehmen. Satz 2 bezieht sich auf Leute, die den LG widersprechen möchten und deshalb als Reaktionäre verspottet werden; von denen sparen sich dann viele ihre Widerworte wegen der üblen Folgen. In Satz 2 wird also ein Zustand beschrieben. Den Unterschied zwischen diesen beiden sprachlichen Akten und den beiden gemeinten Gruppen erkennt Jakob Bialla nicht, was peinlich für jemand ist, der die Reportage auf S. 3 schreiben darf; deshalb ist die Überschrift „Erregt euch“ auch verfehlt – Nuhrs Credo lautet im Gegenteil „Beruhigt euch!“, und das ist an die LG und den von ihnen beherrschten Mainstream gerichtet.
Noch eine Differenzierung zum Schluss: Dieter Nuhr hat Zugang zum Mikrofon bei der ARD, er erspart sich nicht seine Widerworte; ich allerdings habe gezögert, diesen Leserbrief zu schreiben, weil meine Argumente Herrn Biazza vermutlich nicht erreichen, sondern mit einer spöttischen Bemerkung im Papierkorb landen.
Freundlichen Gruß,
P.S. Auf diesen Brief hat Herr Biazza übrigens geantwortet.