Märchenanfänge fortsetzen, Märchen schreiben (mit Beispiel)

Damit man weiß, wie man Märchen schreibt oder Märchenanfänge fortsetzt, sollte man zunächst kurz die Elemente von Märchen herausarbeiten (analysieren). (Manche Erzählungen, die bei „Märchen“ aufgeführt sind, sollte man besser zu den Schwänken zählen; es sind lustige Geschichten von der Dummheit anderer, etwa „Die kluge Else“ oder „Der Frieder und das Catherlieschen“. Dass es in den Märchen darum geht, Aufgaben zu lösen, zeigt die subtile Analyse des Märchens „Rumpelstilzchen“ durch Heinz Rölleke: http://www.goethe.de/ins/it/lp/prj/lit/spa/gri/rab/roe/deindex.htm)

Märchenanalyse (Beispiel)
Wenn wir jetzt Märchen untersuchen, legen wir ein einfaches Schema zugrunde:
Wir achten darauf, welche Aufgaben den Figuren gestellt werden und wie sie diese lösen. Wenn jemand seine Aufgabe gut löst, also sich bewährt, wird er im Märchen belohnt; wenn er seinen Auftrag nicht ausführt, also versagt, gibt es zwei Möglichkeiten:
a) Er versagt ohne eigenes Verschulden, also unwissend oder unabsichtlich; dann bekommt er eine neue Aufgabe;
b) er hat aus eigener Schuld versagt; dann wird er bestraft. – Beispiel einer schematischen Märchenanalyse: http://norberto42.wordpress.com/2014/10/08/bechstein-die-verzauberte-prinzessin-analyse/

Aufgabenstellung:
Suche im Märchen „Frau Holle“ die Aufgaben der schönen Tochter:
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Du siehst leicht, dass sie ihre Aufgaben löst. Eine ihrer Aufgaben kann sie aber nicht aus eigener Kraft lösen. Welche ist es und wie löst sie diese?
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Schreibe auf, womit sie belohnt wird:
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Du siehst hier, dass die andere Tochter ihre Aufträge nicht oder unvollständig ausführt. Suche im Text den Grund oder Gründe, warum sie versagt:
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Fragen an deine Fantasie:
Wie könnte die schöne Tochter außerdem noch belohnt werden?
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Das erzählte Geschehen könnte auch anders ausgehen: „Weil es so mit Gold bedeckt war, öffnete zu Hause niemand die Tür; denn die Mutter und seine Schwester beneideten die Schöne und schämten sich ihrer eigenen Armut.“
Erzähle, wie das Mädchen diese neue Aufgabe lösen kann!

Elemente von Märchen – Übungsdiktat
1 In der Überschrift wird angedeutet, dass viele Märchen aus den gleichen Elementen bestehen; wie bei einem Baukasten kann man aus wenigen gleichartigen Elementen ganz verschiedene Figuren bauen, eben die Märchen.
2 Das wichtigste Element ist der Held oder die Hauptfigur. Oft hat er einen Gegenspieler (Gegner); auch ein Mädchen oder eine Frau kann die Heldin sein. Daneben gibt es weitere Figuren mit verschiedenen Funktionen.
3 Meistens kommt der Held nicht ohne einen oder mehrere Helfer aus; das ist der Fall, wenn er vor einer unlösbaren Aufgabe steht – und Aufgaben zu lösen ist sozusagen der Hauptberuf des Helden.
4 Er kann sich an seinen Aufgaben bewähren, weil er ein guter, fleißiger oder hilfsbereiter Mensch ist; manchmal ist er klug. Wenn das alles nicht reicht, weil die Aufgabe zu schwer ist, muss er von jemand besondere Hilfsmittel bekommen.
5 Wer sich im Märchen an einer Aufgabe bewährt, wird grundsätzlich belohnt. Er kann auch mehrere Aufgaben und mehrere Belohnungen bekommen; solche Wiederholungen sind für volkstümliche Erzählungen typisch.
6 Es dürfte klar sein, dass ein Held alle seine Hilfsmittel benutzen muss – andernfalls würden sie ja nicht erwähnt werden; er wird also so viele (oft drei) Taten oder Handlungen vollbringen, bis sein Vorrat an Hilfsmitteln erschöpft ist.
7 Wenn jemand vor einer Aufgabe versagt, kann das verschiedene Gründe haben: Er versagt schuldlos oder unabsichtlich; dann bekommt er eine neue Aufgabe, an der er sich bewähren kann.
8 Wer dagegen aus Bosheit, Faulheit oder Habgier versagt, gilt im Märchen als schlechter Mensch; er gehört bestraft. Er bekommt in der Regel auch nicht die Gelegenheit, sich an einer anderen Aufgabe zu bewähren.
9 Ein wesentliches Element der Märchen ist es, dass manche Figuren über eine zauberhafte Macht verfügen; diese wird von Feen und ihren Kolleginnen zum Guten, von Hexen und ihren Genossen zum Bösen verwendet.
10 In den Märchen ist die Welt ganz einfach und klar aufgebaut: Wer gut ist, bewährt sich; wer sich bewährt, wird belohnt. Die Bösen versagen und werden bestraft. Beides ist im wirklichen Leben oft anders.
11 Vielleicht sind die Märchen trotzdem nicht sinnlos; in ihnen drückt sich auch die Freude aus, dass einfache Menschen es zu etwas bringen können, und die Hoffnung, dass es eine ausgleichende Gerechtigkeit gibt.
12 Es wäre auch zu überlegen, ob man manchmal nicht wie verwandelt ist, wie verhext, als ob man unter einem bösen Zauber stände; man kann später nicht begreifen, wie man etwas so Dummes oder Schlimmes hat tun können.
13 Es gibt noch viele Arten von Märchen oder verwandten Erzählungen; damit brauchen wir uns jetzt nicht zu befassen. Wir wollen vielmehr überlegen, wie wir mit den oben genannten Elementen selber Geschichten erzählen können.

Die Aufgabe, Märchen zu schreiben bzw. fortzusetzen, stelle ich Ende der Kl. 5 oder in Kl. 6 im Gymnasium; sie ist nicht besonders schwer, weil sich ja Elemente identifizieren lassen, deren Abfolge plausibel ist.
Ich halte es dann so, dass ich wenig bekannt Grimm’sche Märchen nehme und sie dort abschneide, wo eine (erste) große Aufgabe für den Protagonisten gestellt ist; das ist in der Regel nach 25-40 Zeilen der Fall. Dann können die Schüler mit den Elementen des Schemas spielen und die Erzählung fortsetzen – wirklich kein Problem!

Besonders gelungene Arbeiten kann man in einem Märchenbuch der Klasse veröffentlichen. Aus der Anthologie einer 6. Klasse stammen die Aufgabenstellung und zwei Lösungen zum Märchen „Die goldene Gans“:

(Vgl. auch http://home.arcor.de/naviphant01/, dort: 9. Kreatives Schreiben!)

Anspruchsvoller ist die Aufgabe, Märchen umzuformen, sei es spielerisch, sei es mit einem zeitkritischen Akzent; solches war vor 30, 40 Jahren eine Mode, die inzwischen leider fast in Vergessenheit geraten ist. Für einen Literaturkurs könnte dies eine reizvolle Aufgabe sein. Beispiele waren etwa
Janosch erzählt: Grimm’s Märchen (1972)
Kaiser, Erich: Erzähl mir doch (k)ein Märchen, Frankfurt 1981
Grimms Märchen – modern. Prosa, Gedichte, Kartikaturen. Hrsg. von Wolfgang Mieder. RUB 9554; vgl. auch Garbe, Burckhard (Text) und Gisela (Illustrationen). Der ungestiefelte Kater. Grimms Märchen umerzählt (1985); Fetscher, Iring: Wer hat Dornröschen wachgeküßt? Das Märchen-Verwirrbuch, 1972 (exzellent!)

sowie alles das, was damals und später unter dem Stichwort „umerzählen“ (Fingerhut 1982 u.a.) zum produktiven Schreiben gesagt worden ist.

Auch Frau Dr. Schäfers hat jetzt den produktiven Umgang mit Märchen entdeckt (02/09): http://www.lehrer-online.de/maerchen.php; weitere Links:

http://www.digitale-schule-bayern.de/ds.py?sid=2f42f942644f6ad466&_controller=DSController2&faecherid=30&themaid=584&schreibformen_56_sparte_hmid=8 (ähnlich wie bei mir: Märchen analysieren, dann fortsetzen)

http://www.fantasten.de/bauanl.htm (ähnlich, recht simpel)

http://www.isb-mittelschule.de/userfiles/Modularisierung/Deutsch/Starterkit/Starterkit-Maerchen.pdf (ähnlich, aber sehr umfangreich, komplex: eine halbe Dissertation)

http://abney.homestead.com/maerchen.html (aus dem Englischunterricht)

http://www.urbia.de/forum/6-kids-schule/4083744-hilfe-f-klassenarbeit-5-kl-gymn-deutsch/25676635 (das Neueste)

http://hyperwriting.de/loader.php?pid=255 (Schema: eher Stationen des Heldenmythos)

http://www.dagmarwilde.de/fuusequtv00/gruppenjournale/g3maerchen.html#2 (didaktische Theorie)

Nachtrag: Märchen (Elemente, Aufbau, Struktur):

http://maerchen-erzaehlerin.jimdo.com/m%C3%A4rchen-und-psychoanalyse-ein-%C3%BCberblick/jung/verena-kast-und-die-struktur-des-m%C3%A4rchens/

http://fantasten.de/bauanl.htm

http://www.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/17/522.doc (Analyse eines Beispiels)

http://www.3sat.de/page/?source=/specials/thementage/ard/148178/index.html

http://www.maerchenlexikon.de/texte/archiv/panzer01.htm (eine halbe Doktorarbeit – eher für Akademiker-Eltern)

Hier noch eine kurze Charakterisierung des (Volks)Märchens:

Volksmärchen haben ebenso wie Kunstmärchen immer einen Autor, obwohl sich dieser nicht mehr feststellen lässt und das Märchen durch die mündliche Tradierung (die in der Forschung durchaus nicht geleugnet wird) Änderungen unterliegt. Somit handelt es sich beim Volksmärchen um ein autor-anonymes Werk. Seine Gattungsmerkmale sind die Ort- und Zeitlosigkeit des Geschehens, die fehlende Psychologisierung der Figuren, einfache Gegensatzpaare wie Gut und Böse, ein formelhafter Anfang und Schluss. Es zeichnet sich durch eine „meist einsträngig geführte Handlung, eine Vorliebe für alles klar Ausgeprägte, für Extreme und Kontraste aus“ (Lüthi 2004, S. 29), sodass die Handlung von einer Dialektik wie z. B. Schwierigkeiten und ihre Bewältigung, Kampf und Sieg, Aufgabe und Lösung, Erwartung und ihre Erfüllung bestimmt ist. Ausgangslage ist immer eine Notsituation (z. B. ein gebrochenes Tabu), die am Ende gelöst wird. Die Handlung vollzieht sich oft im Zweier- oder Dreier-Rhythmus (z. B. drei Prüfungen) entweder als Wiederholung oder Steigerung. Die Figuren des Volksmärchens sind der Held oder die Heldin, ferner Helferfiguren, Jenseitsfiguren, Kontrastgestalten und Antagonisten, die alle auch in Tiergestalt vorkommen können. Die Requisiten sind wunderhafte oder profane Gegenstände oder Zauberdinge.(http://www.kinderundjugendmedien.de/index.php/begriffe-und-termini/238-maerchen)

Eine weitere Charakterisierung des Märchens:

Das Märchen ist eine kürzere Prosaerzählung, die wunderbare Begebenheiten zum Gegenstand hat. Im Unterschied zur Sage sind sie frei erfunden und knüpfen nicht an tatsächlich Vorgefallenes an. Die Märchenhandlung ist weder zeitlich noch räumlich festgelegt. Das phantastische Element kommt in sprechenden Tieren und Gegenständen, Verwandlungen und Verzauberungen zum Ausdruck. Grausame Elemente (wie harte Strafen) weisen auf die Verwandtschaft mit dem Mythos hin. Während im Mythos allerdings das Gute und das Böse noch unterschiedslos vereint ist, werden die verschiedenen Kräfte im Märchen in der Regel säuberlich getrennt (oft in Form guter und böser Figuren). Diese klare Aufteilung und die relativ einfache Struktur prägen die Form des Märchens. Inhaltlich steht meist ein Held im Mittelpunkt, der Auseinandersetzungen mit guten und bösen, natürlichen und übernatürlichen Kräften bestehen muß. In sprachlicher Hinsicht finden sich viele Redensarten und Sprichwörter.(http://www.einladung-zur-literaturwissenschaft.de/)

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