Missbrauch der Literatur

oder Das Todeszucken der Philosophiedidaktik

Dieses Zucken konnte ich in dem Heft „Leselust“ der Zeitschrift „Ethik & Unterricht“ (1/2008)beobachten. Ich betrachte hier Hans-Peter Mahnkes Aufsatz „Denk mal! – Kulturelle Prägung durch Denkmäler“ (S. 30 f.). Dieser Aufsatz legt es dem Lehrer nahe, von Heinrich Böll: Wanderer, kommst du nach Spa… (veröffentlicht 1950) auszugehen, also den Text vorzulesen (ab Kl. 9). „Der Aspekt der Geschichte, dem hier nachgegangen werden soll, ist die Prägung von Menschen durch die ‚künstlerische Gestaltung’ der Schule mit Kulturdenkmälern oder – etwas allgemeiner – durch den Schulbau als Denkmal.“ (S. 30).
Mahnke empfiehlt, die Sprache auf die von Böll ( – falsch, vom Erzähler!) immer wieder genannten Ausstattungsstücke zu bringen und dann zu fragen, ob die eigene Schule ähnlich ausgestattet ist. Diese Betrachtung läuft der Erzählung Bölls einfach zuwider; Mahnke missbraucht einen Text und vergewaltigt das, was man Bölls Intention nennen könnte. Ich beziehe ich in meiner kurzen Begründung auf eine Ausgabe von Bölls Erzählungen (dtv 437, 1967 = 1974, S. 35-43) unter dem Titel „Wanderer, kommst du nach Spa…“.

Der Erzähler kommt als schwer Verwundeter in seine eigene Schule, die als Lazarett in einer brennenden Stadt eingerichtet ist. Zur Einrichtung dieses humanistischen Gymnasiums zählen (summarisch gesprochen) Werke der Kunstgeschichte, der deutschen Heldenverehrung und des arischen Rasseglaubens; aber alle diese „Werke“ lassen den Erzähler kalt; er erkennt sie nur mit den Augen, nicht mit dem Gefühl (S. 37). „Mein Herz sagte mir nichts.“ (S. 40) „Mir kam das alles so kalt und gleichgültig vor. Als hätten sie mich durch das Museum einer Totenstadt getragen, durch eine Welt, die mir ebenso gleichgültig wie fremd war…“ (S. 41; der Erzähler erwähnt sogar Flüche und Hass angesichts der dumpfgetönten Wände, S. 40) Das Herz meldet sich erstmals zu Wort, als der Erzähler den in seiner eigenen Handschrift geschriebenen Spruch erkennt (damals geschrieben, „in diesem verzweifelten Leben, das erst drei Monate zurücklag“, S. 42): „Wanderer, kommst du nach Spa…“
Um zur Richtung etwas zu sagen, in die der Blick des Lesers gelenkt wird, möchte ich erstens auf den Schluss der Erzählung hinweisen: Auf dem OP erkennt der Verwundete in dem helfenden Feuerwehrmann den alten Birgeler, den früheren Hausmeister, bei dem man hatte Milch trinken und auch verbotenerweise eine Zigarette rauchen können (S. 41). Und der letzte Satz lautet dann: „‚Milch’, sagte ich leise…“ (S. 43) Milch (statt des von Birgeler gereichten Wassers, S. 38) und Birgelers Menschlichkeit, das ist das einzige, woran der Verwundete noch hängt. Die Einrichtung der Schule gehört ins tote Museum.
Den zweiten Hinweis auf die Blickrichtung gibt die Tatsache, dass der berühmte Spruch vom Sinn des tapferen, todesbreiten Kämpfens nicht zu Ende geschrieben worden ist. Diese Tatsache wird auch dadurch bedeutsam, dass der Ich-Erzähler vom „Krieg in den Bilderbüchern“ und von einem künftigen Kriegerdenkmal spricht, auf dem auch sein Name stehen würde (S. 39 f.); und im Schulkalender stände hinter seinem Namen: „zog von der Schule ins Feld und fiel für…“. Und dann der Satz: „Aber ich wußte noch nicht wofür (…)“ (S.40). Das Kriegerdenkmal, das er in seiner Schule wieder gesehen hat (S. 36), war ein Konfektionskriegerdenkmal, nichts Auffallendes; „sie bekamen sie aus irgendeiner Zentrale“ (S. 40).
Also nicht das Bildungssystem hat „aus irgendeiner Zentrale“ die Schüler „auch mithilfe einer Schulausstattung“ in den Tod geführt, wie Mahnke sagt (S. 30); aus der Zentrale kamen die Kriegerdenkmäler, und die Bildung war verstaubter Kram des humanistischen Gymnasiums – „ich glaube nicht, dass sie diese Kerle in den anderen Schulen auf den Fluren an die Wand stellen“ (S. 38). Wie man aus Bölls Erzählung etwas über die Prägung von Menschen durch die Gestaltung der Schule herausfinden will, ist angesichts des Textes rätselhaft; pointiert wird aber das humanistische Gymnasium angegriffen.

Ein solch rätselhafter Umgang mit Texten wird von den Herausgebern im Editorial (S. 1) ausdrücklich verteidigt; sie berufen sich auf einen Essay Pierre Bayards, welcher behauptet, dass Leser sich selten für die Geschichten anderer interessieren, dass man sich im Grunde immer nur selbst lesen könne und deshalb beim Lesen nur auf die noch unfertigen eigenen Geschichten stoße. Dagegen habe ich als Deutschlehrer versucht, die Schüler wie hier (oben) auf Textsignale hinzuweisen, die den Leser in eine Richtung weisen, wo man nicht nur das eigene Ego sieht; in die Richtung, die der Erzähler vorgibt – wobei freilich noch nicht bestimmt ist, was man dort sieht. Wieso man mit dem von den Herausgebern verteidigten blinden Lesen sich fremde Erzählungen zu eigen macht (statt sie zu missbrauchen), verstehe ich sowieso nicht.
Das Zweite, was deutliche Kritik verdient, ist die Tatsache, dass ein so unerleuchtetes Lesen – Hauptsache: kreativ! (S. 1) – dem Unterricht im Fach Praktische Philosophie dienen soll. Wenn Praktische Philosophie nicht mehr leistet, dann lasst uns das Fach in Gottes Namen, vielmehr um der Ehrlichkeit willen abschaffen! Dann betreiben vermutlich Religionslehre, Pädagogik, Philosophie und Deutsch allesamt nur das Gleiche: in irgendwelchen Texten herumstochern, anhand irgendwelcher Texte labern und schwatzen, um dort das angeblich Eigene der Schüler herauszufinden. Einen Dreck findet ihr heraus – ihr schlagt die Zeit tot; und dafür braucht man keine vier Fächer, dafür genügt ein einziges.
Vielleicht könnte man zumindest im Fach Deutsch versuchen, die Schüler richtig lesen zu lehren? Also auch auf Signale zu achten, die dem eigenen Verstehen rätselhaft sind? Und die Sprache der rätselhaften Signale entziffern zu lernen? Und dafür nicht schon Musils Fliegenpapier in Kl. 7 zu verbrennen, wie Herr Schöffel vorschlägt (S. 22 f.)?

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Andere Version einer Kurzgeschichte schreiben (Beispiel): Böll, Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral

Brief des Touristen an …
Lieber Heiner,
seit einer Woche bin ich in Portugal; herrliches Wetter, gute Unterkunft, die Leute sind freundlich – was will ich mehr? Und seit gestern Abend kann ich meinen philosophischen Neigungen frönen: Ich bin ins Nachdenken gekommen. Lach‘ nicht, das ist wirklich der Fall; ich will dir erzählen, wie es dazu kam.
Gestern Nachmittag ging ich hier am Hafen spazieren, als ich einen einheimischen Fischer in seinem Boot dösen sah – ein wunderbares Motiv: Ruhe nach der Arbeit, und das alles vor dem Hintergrund der schaukelnden Bootsmasten, fantastisch! Ich habe ein paar Fotos geschossen und kam dann mit dem Fischer ins Gespräch, warum er bereits am frühen Nachmittag zu arbeiten aufhört. Ich versuchte ihm klar zu machen, wie er seine Arbeit betriebswirtschaftlich verbessern, also ausweiten und absichern könnte, aber irgendwie kam ich diesem südlichen Phlegma nicht bei; er sei zufrieden, sagte er, er sei glücklich, genieße den Tag und die Sonne. Zum Schluss wurde er persönlich: Nur ich und meine Knipserei hätten ihn in seiner Ruhe gestört. Ich wusste nichts mehr zu sagen und fing, wie gesagt, betroffen an nachzudenken; ich beneidete den Mann regelrecht, weil er einerseits zufrieden und anderseits schlagfertig war und mich regelrecht hatte abblitzen lassen. Er erinnerte mich ein bisschen an die Bibel, an Jesus, an die Worte vom Sorgen, du kennst sie ja: Vertrauen „auf den himmlischen Vater“ und so weiter, ob da doch etwas dran ist? Einfach heute leben – der nächste Tag kommt von selber!? Das hat auch etwas für sich, bestimmt!
Am Abend habe ich mir dann eine Flasche Rotwein aufgemacht und mich in den Garten gesetzt: Sind wir alle bescheuert, weil wir mehr arbeiten, als wir unbedingt tun müssen, um „das tägliche Brot“ kaufen zu können? Je länger ich nachdachte, desto mehr kamen mir Zweifel an der „schönen“ südlichen Lebensweise: das tägliche Brot, schön und gut, aber manchmal darf‘s auch Kuchen sein oder ein Essen im argentinischen Steakhaus, oder? Und was tut der gute Fischer, wenn er morgen krank wird und weder Versicherung noch ein finanzielles Polster hat? Von seinem Alter gar nicht zu reden – wer unterstützt ihn dann? Muss er nicht seinen Sohn zwingen, das gleiche Handwerk auszuüben und den alten Vater im alten Haus zu versorgen? Die Schwiegertochter wird nicht gefragt, sie heiratet eben ein! Und dieses ganze Leben in seiner stillen Zufriedenheit, ist es nicht auch ein Leben in Stumpfsinn und Schicksalsergebenheit, ohne die Hoffnung auf Verbesserung und die Teilnahme an der Kultur?
Weißt du, auch der großkopfete Autor Heinrich Böll, unser Nobelpreisträger, hat ja nicht aufgehört zu schreiben, als er genug Geld hatte, um leben zu können, – da hat er Anekdoten zur Senkung der Arbeitsmoral geschrieben, auf jeden Fall aber weiter geschrieben! Was lehrt uns das? Man darf seine Anekdote nicht allzu wörtlich nehmen, sonst erliegt man einer Lebenssicht, welche nur für Touristen inszenierte Idyllen als Ideal kennt. Ich habe, indem ich nachgedacht habe, vom Fischer gelernt – nun müsste der Fischer noch unser Leben, seine Sicherheit, seine vorsorgliche Planung kennen und auch nachdenken. In dem Sinn grüße ich dich, mit dem Blick auf malerische Fischer und dem Ziel eines gesicherten Lebens, aus Portugal!
Dein Hanno