Anfänge von Kurzgeschichten fortsetzen

Idee: den Anfang einer Kurzgeschichte analysieren und dann sinn- und stilgemäß fortsetzen; wurde in Klasse 10 und 11 von mir praktiziert. Je mehr Text man vorgibt, desto stärker lenkt man die Fortsetzung; ich habe möglichst nicht mehr als ein Drittel des alten Textes vorgegeben.

Wenn man eine angefangene Kurzgeschichte fortsetzen will, muss man beachten, was für eine Figur der Erzähler ist und was bisher geschehen ist:
1. Wer ist der Erzähler? In welcher Perspektive erzählt er? Auf welche Weise erzählt er? Wie nah oder distanziert steht er zum Geschehen? Wie viel weiß er von den Figuren? Welche Einstellung zu ihnen zeigt er?
Wie spricht er (Satzbau; Stil; Sprachebene)? Wie sprechen die Figuren?
2. Wodurch ist das erzählte Geschehen bestimmt?
Ist es ein in sich kompaktes Geschehen (Fahrt zu…)?
Wird es durch einen Termin/künftiges Geschehen bestimmt (Sportfest)?
Ist es wesentlich an einen Ort gebunden (kleiner Konferenzsaal)?
Ist es durch eine oder mehrere Figuren bestimmt [und durch
– deren derzeitige (familiäre, berufliche, politische) Situation?
– ihre Vergangenheit, ihre Pläne?
– ihr Verhältnis zueinander]?
3. Worauf sonst noch zu achten ist:
Wie lange dauert bereits das erzählte Geschehen?
Werden bestimmte Stichwörter, Gedanken, Symbole etc. wiederholt?
Tauchen auffällige Gegenstände, Vergleiche, Kontraste auf?
4. Fazit: Welches Thema oder welche Themen werden erzählerisch gestaltet?
(Mit dem „Thema“ erfasst du die Erzählung als Einheit in ihrem Kern!)
Weitererzählen heißt: Unbestimmtes bestimmen, Leerstellen füllen. Dies kann man machen, indem man etwas Neues geschehen oder bisher Unbekanntes bekannt werden lässt. Man muss dabei den Erzähler und seine Sicht im Wesentlichen beibehalten. Die Hauptentscheidung ist: Führt man das Geschehen in der bisherigen Richtung weiter oder gibt man ihm eine andere Richtung (Wende)?
A) Wenn du bisher Geschehenes oder Bestehendes als bloßen Schein (Lüge) entlarven und die Wahrheit aufdecken willst, muss die Wende eintreten. Du musst
– einen Kontrast ins Geschehen einführen (er dachte <-> er spürte); oder
– eine neue Figur einführen, eine blasse in den Vordergrund rücken; oder
– ein wichtiges unbekanntes Ereignis aus der Vorgeschichte hervorholen; oder
– ein neues Symbol einführen, das zum Kontext passt (der Zahn); oder
– eine Figur etwas Befremdliches tun (oder dabei ertappt werden) lassen;
– das Geschehen nicht zu Ende (zum Ziel) führen (Tod etc. – evtl. Schnitt!?).
B) Wenn du das Thema (ein Thema) ausgestalten willst, musst du das Geschehen fortführen und auf das achten, was du zu 2.) und 3.) oben herausgefunden hast: Das vorgezeichnete Ziel wird, eventuell nach einer Krise, erreicht.
C) Achte noch auf drei Dinge:
a) Figuren können in sich oder in ihrem Verhältnis zueinander ambivalent sein (zum Beispiel gleichzeitig jemanden bewundern und verachten); du kannst eine Ambivalenz nach einer Seite auflösen, sie aber auch bestehen lassen.
b) Bei Kurzgeschichten ist ein offener Schluss gut; die sonst in Erzählungen ge-bräuchlichen abschließenden Wendungen stören. Auch soll eine „Moral“ oder Lehre nicht direkt durch den Erzähler ausgesprochen werden; oft gibt es keine. Es kann offen bleiben, wer der Versager ist. Gut: ein pointierter Schluss!

Beispiel einer Analyse:

G. Wohmann: „Denk immer an heut Nachmittag“
Kategorien der Analyse: der Erzähler, seine Sprache; das Geschehen; dessen Ort, Zeit, Dauer; die Figuren [real anwesende – erwähnte], ihr Verhältnis, ihre Sprache; das Thema
Mir liegt der Text im Lesebuch „Deutsch in … 9“ von Schöningh (1996, S. 49 ff.) vor; dort umfasst er 84 Zeilen. Ich habe die ersten 40 Zeilen zur Analyse (bis: „…fast zärtlich.“) mit anschließender Fortsetzung durch die Schüler vorgegeben. – Im Augenblick kenne ich selber die Fortsetzung Wohmanns nicht mehr, analysiere und operiere also „blind“.
Erzählt wird, wie ein Vater mit seinem Kind mit einer Bahn fährt und was die beiden dabei sehen und besprechen; das Geschehen spielt an einem Spätnachmittag im Frühjahr (Z. 11: Handschuhe; Bäume noch kahl, Z. 18 f.) und dauert etwa 10 Minuten. Die Fahrt geht von Gratte aus nach Laurich, wo das Kind in einem Schulheim untergebracht werden soll. Eine Rolle spielt ein dicker Junge, der mit seinen Fahrrad hinter der Bahn fährt und vom Vater seinem Kind als Vorbild hingestellt wird (Z. 39); ein Mädchen gehört zur Umgebung, die man wahrnimmt (Z. 19). Erwähnt wird die Mutter des Kindes, die tot ist (Z. 35). – Der Erzähler kennt die Gefühle der Figuren, steht vielleicht ein bisschen dem Kind näher (Z. 30-32: Wahrnehmung); er spricht Hochdeutsch, die Figuren eher Umgangssprache. Ihr Gespräch macht einen Teil der Erzählung aus.
Von Bedeutung ist das Verhältnis des Vaters zu seinem Kind. Der Vater scheint dem Kind den Übergang ins Heim erleichtern zu wollen; er dominiert im Gespräch, das Kind ist eher wortkarg. Der Vater verweist das Kind darauf, dass es gerade „wieder was Schönes zum Drandenken“ erlebe (Z. 1 f.); doch wird das Städtchen Gratte als eng und schmuddelig beschrieben; das wird fortgesetzt im Hinweis auf „lustige Dinge“, womit die Mannequins gemeint sind (Z. 12 ff.) – doch da der Vater von hübschen Mannequins spricht, wird er selber sich eher für sie interessiert und deshalb eine Bahn ausgelassen haben – vermutlich waren es aber nur ein paar Schaufensterpuppen.
Das Gespräch über den dicken Jungen, der erkennbar hässlich ist, und seinen Ehrgeiz, der ihn verunstaltet (Z. 25 f.!), dient dem Vater dazu, einmal sein desinteressiertes Kind als „Langweiler“ zu beschimpfen und selber gekränkt zu sein (Z. 29 f.), dann diesen Knaben in seinem aussichtslosen Kampf (Z. 38) seinem Kind als Vorbild hinzustellen (Z. 39 f.), wobei seine Stimme (anders als gegenüber dem eigenen Kind) „stolz und fast zärtlich“ ist.
Die Situation wird erst verständlich, als der Vater von der verstorbenen Mutter spricht (Z. 34 ff.) und deren Liebe benutzt, um sein Kind unter Druck zu setzen: „Tu nur, was sie erfreut hätte.“ (Z. 35 f.) Der Interpret dieser Freude wird aber der Vater sein; außerdem nehmen alle Eltern es hin, dass ihre Kinder nicht nur tun, was die Eltern erfreut; die Worte des Vaters klingen floskelhaft, recht „pädagogisch“-erpresserisch.
Der anfangs besorgt erscheinende Vater, der sein Kind aufmuntern will, erweist sich als unaufrichtig („was Schönes“), lieblos („du Langweiler“) und unterdrückend („Tu nur…“).

Diese Spannung zwischen Vater und Kind muss in der Fortsetzung aufgelöst werden,
– indem die Lügen des Vaters im Verlauf des Geschehens aufgedeckt werden (durch ihn, bei einer neuen Frau);
– oder indem das Kind von anderen erfährt, wie Eltern sein können, und Vergleiche anstellt;
– indem das Kind (im Gespräch? nach einer Lektüre?) das Geschehen reflektiert;
– indem es im Heim einen Brief seiner Mutter liest, der ihm die Augen öffnet…
So, jetzt schaue ich einmal, wie es bei Wohmann tatsächlich weitergeht.

Klassenarbeit Deutsch – 10

Aufgabe: den Anfang einer Kurzgeschichte analysieren und fortsetzen.
Zeit: zwei Schulstunden.
Texte zur Wahl:
Gina Ruck-Pauquèt: Arbeitslos (1977);
Günter de Bruyn: Eines Tages ist er wirklich da (1960).
Aufgabenstellung:
Analysiere kurz einen der beiden vorliegenden Textanfänge und setze die Erzählung dann fort!

Erläuterungen:
Das Hauptgewicht liegt auf der Fortsetzung der Erzählung.
Die Analyse dient eher dazu, sich des erzählten Geschehens ausdrücklich bewusst zu werden; sie sollte rund in einer halben Zeitstunde abgeschlossen sein. Zur Erinnerung drucke ich hier den Katalog unserer Analysefragen noch einmal ab. Jeder der vier Untersuchungsaspekte soll mindestens mit einem Satz berücksichtigt werden (ansonsten steht es Dir frei, wie viel Du hierzu schreiben willst):
1. Wer ist der Erzähler?
In welcher Perspektive erzählt er? Auf welche Weise erzählt er?
Wie nah oder distanziert steht er zum Geschehen? Wieviel weiß er von den Figuren?
Welche Einstellung zu ihnen zeigt er?
Wie spricht er (Satzbau; Wortwahl; Sprachebene)?
2. Wodurch ist das erzählte Geschehen bestimmt?
Ist es ein in sich kompaktes Geschehen?
Wird es durch einen Termin/künftiges Geschehen bestimmt?
Ist es wesentlich an einen Ort gebunden?
Ist es durch eine oder mehrere Figuren bestimmt?
– ihre derzeitige (familiäre, berufliche, politische) Situation?
– ihre Vergangenheit, ihre Pläne?
– ihr Verhältnis zueinander?
3. Worauf sonst noch zu achten ist:
Wie lange dauert bereits das erzählte Geschehen?
Werden bestimmte Stichwörter, Gedanken etc. wiederholt?
Tauchen auffällige Gegenstände, Vergleiche, Kontraste auf?
4. Fazit: Welches Thema oder welche Themen werden erzählerisch gestaltet?

Viel Erfolg!Mehr...

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