Das Wort „Verantwortung“, seine Valenz und sein Missbrauch

Die Landtagswahlen am 27. März 2011 haben zu katastrophalen Ergebnissen für die FDP geführt; die Kommentatoren machen dafür auch die Bundespolitiker der Partei verantwortlich. Der Parteivorsitzende Westerwelle lehnte bald nach der Wahl seinen Rücktritt als Konsequenz dieser Niederlage ab. Er begründete seine Entscheidung mit dem Satz: „Wer Verantwortung hat, hat Verantwortung.“ Dieser Satz ist so hohl und dumm, dass er dazu einlädt, ihn beispielhaft sprachwissenschaftlich zu untersuchen – beispielhaft auch für den Missbrauch des Wortes „Verantwortung“, welchen Herr zu Guttenberg in seiner Rücktrittserklärung veranstaltet hat.

„Verantwortung haben“ oder „verantwortlich sein“ ist dreiwertig. Um diesen Grund-Satz zu verstehen, muss man wissen, was die Valenz eines Wortes ist: „Als Bedeutungsträger besitzen die Wörter die Fähigkeit, sich nach festen Regeln mit anderen Wörtern zu verbinden. Diese Fähigkeit hat man als Fügungspotenzen, Fügungswerte, Wertigkeit oder Valenz bezeichnet.“ (Walter Jung: Grammatik der deutschen Sprache, 10. Aufl., Nr. 98; vgl. auch http://hypermedia.ids-mannheim.de/pls/public/gruwi.ansicht?v_typ=p&v_id=5784http://mmtux.idf.uni-heidelberg.de/ProGram/Valenz/RK_valenz.html). Was das bedeutet, soll am Beispiel der Wendung „Verantwortung haben“ gezeigt werden.

Bei „Verantwortung haben“ sind normalerweise („nach festen Regeln“, s.o.) drei weitere Angaben erforderlich; sie werden zu „Verantwortung haben“ hinzugefügt: Wer wofür und vor wem Verantwortung hat. Also hat zum Beispiel Herr Westerwelle Verantwortung (= ist verantwortlich) für die Wahlniederlage seiner Partei vor seiner Partei. Genau das bestreitet er aber, ohne es ausdrücklich zu bestreiten. Wie macht er das? Indem er verschweigt, wofür er Verantwortung hat. Indirekt sagt er, indem er mit besagtem Satz seinen Rücktritt ablehnt: Ich bin für die dauerhafte Verwaltung meines Amtes als Parteivorsitzender verantwortlich. Dafür kann er aber nicht verantwortlich sein, für das bloße Innehaben des Amtes; er kann dafür zur Verantwortung gezogen werden (von der Partei, vielleicht von einem Parteitag), wie er sein Amt ausgeübt hat (was dann zur Wahlniederlage geführt hat). Er muss also für die Wahlniederlage bei einem Parteitag geradestehen, falls der Parteitag sich dazu aufrafft, das von ihm zu fordern.

Mit dem sprachlich unsinnigen Satz „Wer Verantwortung hat, hat Verantwortung.“, bei dem zwei von drei notwendigen Angaben fehlen, schafft Westerwelle es also, von Verantwortung zu sprechen, ohne Verantwortung zu übernehmen. Von Verantwortung zu sprechen macht sich aber vor Wählern und Parteifreunden gut; denn „Verantwortung haben“ oder „Verantwortung übernehmen“ sind positiv besetzt (konnotiert); nur kann man bei „Verantwortung übernehmen“ nicht so leicht pfuschen wie bei „Verantwortung haben“, weil man da wirklich sagen muss, wofür man Verantwortung übernimmt. Freilich kann man dabei noch eleganter tricksen: Man übernimmt sprachlich „die Verantwortung“ für die Niederlage, ohne dass man in der Sache einem Gremium Rede und Antwort stände und sein Amt zur Verfügung stellte. Auch Herr zu Guttenberg hat in seiner Rücktrittserklärung wunderbar auf dem Klavier der Verantwortung gespielt: Es klangen die Töne und Worte so treuherzig, ohne dass er bei seinem erzwungenen Rücktritt wirklich Verantwortung für sein unverschämtes Pfuschen übernommen hätte. Aber mit solchen rhetorischen Tricks stehen die beiden nicht allein.

Die gleiche nichts sagende Sprachverkürzung finden wir in Westerwelles Nach-der-Niederlage-Satz „Wir haben verstanden.“ Ja, lieber Herr, was habt ihr denn verstanden? Indem Westerwelle das nicht sagt, geht er möglichen Konsequenzen seines „Verstehens“ aus dem Weg, vermeidet er jede Diskussion über das, was angeblich verstanden worden ist: Er produziert Geblubber, Schallphänomene, die deutschen Sätzen, also sinnvollen Äußerungen nur in der Form ähneln. Aber er sagt nichts.

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