Beobachtungen über die Kunst zu denken

Christian Garve: Einige Beobachtungen über die Kunst zu denken, in: Garve: Versuche über verschiedene Gegenstände aus der Moral, der Litteratur und dem gesellschaftlichen Leben. Zweyter Theil. Breslau 1796, S. 245 ff. [Ich fasse Garves Gedanken kurz zusammen, im Indikativ.]

Dunkel ist die Entstehung der Gedanken in der Meditation. Sie unterliegt dem Willen, lebt aber auch von Eingebungen, die sich von selber unregelmäßig einstellen. Eigene Wahl und fremde Einflüsse bestimmen uns insgesamt.

Erste Abtheilung. (Über Hilfsmittel und Hindernisse des Denkens überhaupt)

1. Sich den Gegenstand lebhaft und ausführlich vorstellen, sich an eigenen Erfahrungen orientieren, das ist die beste Vorbereitung der Meditation.

2. Sich dem Strom der Ideen zu überlassen führt leicht auf Abwege. Müdigkeit verstärkt das Abschweifen, lebhaftes Interesse verhindert es.

3. Es ist schwierig, gerade das, was man denkt, zu sagen; im Aussprechen werden die Ideen leicht verändert. Nur ganz helle Einsichten werden klar ausgesprochen; jede Sprache färbt Ideen auf ihre Weise. Hohe Sprachfähigkeit erleichtert das Denken, Wort und Ausdruck bieten sich dann von selbst dar.

4. Mit Erfolg denkt man, wenn man lange ununterbrochen denken kann (Aufmerksamkeit, Konzentration); Übung hilft hier weiter. – Man soll seine Aufmerksamkeit nur auf eine Sache richten, und zwar so lange, bis man zu einem gewissen Ziel gekommen ist. Wem schnell etwas einfällt, der gibt sich leicht mit ersten Einfällen zufrieden und geht dann zum nächsten Thema über; man sollte üben, auch Durststrecken zu überstehen, statt sich zu zerstreuen.

5. Die Einfälle unterliegen nicht dem Willen; daher verfällt man leicht auf Verschiedenes, ohne es zu Ende zu bringen. – Einer stockenden Meditation kann man aufhelfen, wenn man nah verwandte Themen sich vor Augen führt.

6. Da unser Urteil über den Wert eines Themas schwankt, soll man Themen wählen, die einem wichtig sind; wenn die Lust daran vergeht, soll man sie aus Pflicht weiter verfolgen. Umso mehr ist es erforderlich, sein Thema umsichtig zu wählen. Wenn man dann etwas davon versteht, macht es noch mehr Freude, daran weiterzuarbeiten. „Die Reise zur Wahrheit ist, wie jede andere Reise. Der Weg geht über Sandfelder so gut, wie über grüne Auen; und man muß durch beyde hindurch, wenn man zum Ziele gelangen will.“ Je vortrefflicher das Erreichte ist, desto weniger kaschiert man Schwächen oder Fehler; aber Nebensächliches kann man ruhig unvollendet stehen lassen.

7. Am Anfang der Meditation muss man nicht auf vollkommene Ergebnisse aus sein, da kann man auch regellos denken: „Das gediegenste Gold liegt am tiefsten.“ Im zweiten Durchgang wird man die Ergebnisse der ersten Meditation sichten und ordnen; darauf erst folgt die Zusammenfügung und Rundung der geprüften Teile, schließlich die stilistische Feinarbeit.

8. (noch einmal als 7. gezählt) Vorbereitung der Meditation: sich mit den Gedanken der besten Köpfe vertraut machen und sich mit ihnen auseinandersetzen. Bei der eigenen Untersuchung stören fremde Gedanken jedoch und verhindern, dass wir unser Eigenes finden.

9. (als 8. gezählt) Zur Vorbereitung gehört auch die gelegentliche Durchsicht unseres eigenen Gedankenvorrats. Man muss also sein Gedächtnis in Anspruch nehmen oder auf Notizen zurückgreifen können. Hier profitiert derjenige, der mit der Geschichte seiner eigenen Philosophie und seines eigenen Lebens bekannt ist. Besser ruft man seine Erfahrungen im stillen Selbstgespräch als mit der Feder in der Hand auf.

10. (als 9. gezählt) Der Anblick der schönen Natur und Bewegung befördern das Denken; im 16. Jahrhundert haben einige Gelehrte zu Pferde an ihren Werken gearbeitet. Ein Aufenthalt im Gebirge regt das Denken besonders an.

Zweyte Abtheilung

Darin geht es um die verschiedenen Methoden des Denkens, die hier nicht mehr berücksichtigt werden. „Ich nenne die erste die Methode des Unterrichts, oder die systematische, die zweyte die Methode der Erfindung, oder die Sokratische, die dritte die historische, die vierte die widerlegende, die fünfte die commentierende, die sechste, die beobachtende.“

https://archive.org/details/versucheberver02garvuoft/page/244/mode/2up (Text)

Frage: Kann man das für die Schule fruchtbar machen?