Innere Gliederung des deutschen Satzes, die Satzklammer

Diese ist für die Sinngestaltung und das Sinnverständnis wichtig. Ich orientiere mich hier an Wilhelm Schmidt: Grundfragen der deutschen Grammatik, 1973 (4. Aufl.), S. 256 ff. Ich fasse dessen Ausführungen in Sätzen zusammen und erläutere sie durch Beispiele.
Es geht hier nur um eine erste Einführung, nicht um die vollständige Darstellung aller Regeln oder Möglichkeiten der Gliederung des Satzes.

1. Satz:
Nach der Stellung der finiten Verbform unterscheiden wir drei Baupläne:
Die Personalform steht in der Zweitstellung / in der Spitzenstellung / in Endstellung.
(1) Der Alte / ging / nach dem Frühstück zur Buchhandlung.
(2) Gehst / du gleich mit zur Buchhandlung?
(3) Die Buchhandlung, die er so oft besucht, … [Es geht hier nur um den Nebensatz!]
2. Satz:
Sätze mit der Personalform in Zweitstellung (d.i. die Normalstellung) dienen weitgehend der sachlichen Mitteilung; die Spitzenstellung der Personalform des Verbs ist für Sätze charakteristisch, die situationsgebunden und auf einen Partner gerichtet sind. – Dafür Beispiele:
(4) Kommst du heute zur Versammlung? (Frage an den Partner)
(5) War das ein Leben! (Ausruf)
(6) Mach bitte die Tür zu! (Bitte)
3. Satz:
In vielen Sätzen ist das Prädikat zweiteilig (oder sogar mehrteilig). Dann treten in der Regel dessen Teile außer der Personalform ans Ende. Auf diese Weise bilden die beiden Prädikatsteile eine Klammer oder einen Rahmen (Satzklammer). – Dieses Bauprinzip ist ein Grundgesetz des deutschen Satzes.
(7) Ich habe eben Jürgens Telegramm erhalten.
(8) Wir wissen euren Besuch zu würdigen.
(9) Wir fahren morgen rechtzeitig los.
4. Satz:
Die Personalform markiert den Satzwert, die andere(n) Form(en) den Inhaltswert des Satzes. Beide zusammen machen aus dem Nacheinander der Wörter bzw. Satzglieder die Einheit des Satzes und des Sinns. Schema:
Vorfeld (1. Stelle) / Personalform / Mittelfeld / infinite Form des Prädikats
5. Satz:
Der Mitteilungswert eines Wortes (Satzgliedes) hängt nicht von der Art des Satzgliedes ab, sondern von seiner Stellung im Satz; je wichtiger es ist, desto stärker drängt es ans Ende des Satzes.
Vergleiche dazu die Beispiele (7) – (9): „habe“ signalisiert, dass noch etwas Passendes folgt; „erhalten“ sagt, was ich denn habe. Ähnlich „wissen“ / „zu würdigen“ und „fahren“ / „los“.
(10) Der Lehrer reichte dem Schüler sein eigenes Buch. (betont: sein eigenes Buch)
(11) Der Lehrer reichte sein Buch dem jüngsten Schüler. (betont: dem jüngsten Schüler)
6. Satz:
Ein unbestimmtes Nomen hat einen höheren Mitteilungswert als eines mit bestimmten Artikel; beide haben einen höheren Wert als ein Pronomen.
(12) Man konnte an dem regnerischen Tag nur mit Mühe einen Parkplatz finden.
(13) Ich habe ihn dann aus Großzügigkeit einer Dame überlassen.
7. Satz:
Partizipial- und Infinitivgruppen stehen wegen des Rhythmus und zur Entlastung der Satzklammer meist am Satzanfang oder -ende.
(14) Von kleinen Störungen abgesehen verlief die Stunde überaschend harmonisch.
8. Satz:
Es gibt auch einen nominalen Rahmen für Wortgruppen (Satzglieder).
(15) Der aus Süddeutschland angereiste erste Tenor erhielt für seinen Auftritt großen Beifall.
9. Satz:
Es gibt verschiedene Gründe, die Satzklammer zu lockern; die verbale Klammer kann verkürzt oder ganz aufgehoben werden, etwa
a) um sachlich das letzte Satzglied hervorzuheben,
b) (stilistisch) um Emotion dort auszudrücken,
c) aus grammatisch bereits akzeptierten Gründen.
Vergleiche zu a) und b) den 5. Satz! Hinter dem zweiten Teil der Satzklammer wird dann das Nachfeld eröffnet.
10. Satz:
Im Gliedsatz (bzw. Nebensatz) steht die Personalform am Ende des Satzes; sie markiert so dessen „Unselbstständigkeit“.
Vergleiche dazu Beispiel (3)!
11. Satz:
Die von K. Boos (1955) eingeführte Unterscheidung der Thema-Rhema(= Bekanntes-Neues)-Gliederung eines Satzes überschneidet sich weithin mit dem hier Gesagten.
12. Satz:
Die erste Stelle (vor der Personalform) kann durch das Subjekt, durch einen Platzhalter oder ein anderes Satzglied besetzt werden; von hier aus wird der Satzinhalt entrollt.
Innerhalb eines Textes wird an der ersten Stelle oft der Ertrag des vorangehenden Satzes platziert. Oft drängt auch das gefühls- oder willensmäßig Hochgetriebene nach vorn.

http://www.canoo.net/services/OnlineGrammar/Satz/Wortstellung/Stellungsfeld/index.html
http://www.uni-bielefeld.de/lili/personen/ssahel/GrammatikText_13.Sitzung.htm
http://www.msu.edu/course/grm/460/Lecture%2017%20Word%20order/html%20presentation%20folder/
ling.uni-konstanz.de/pages/home/ bader/seminare/Satzstruktur-07-08/04Topologie.pdf
www2.uni-jena.de/philosophie/germsprach/ syntax/1/doc/aufgaben_1/Block_J_Aufgaben.pdf (mit Aufgaben) sowie den Aufsatz über ‚Satzlehre in 7 Hauptsätzen‘, hier in „Der Satz (Grammatik)“.

Nachtrag: Die grammatische Struktur des Satzes
(nach Wilhelm Schmidt: Grundfragen der deutschen Grammatik, 1973, 4. A., S. 246 ff.)
1. Der Satz ist die kleinste in sich geschlossene Einheit der Rede. Seine Elemente, die aufeinander folgen, gelten als gleichzeitig miteinander gesetzt. Das heißt: Der Satz ist eine funktionale Einheit.
a)  Der Satz ist eine Sinneinheit.
b) Er ist eine strukturelle Einheit. (s. dazu 2.!)
c) Er ist als Klangestalt unter einem Klangbogen zusammengefasst.
2. Der normale deutsche Satz ist zweigliedrig; er wird von der Beziehung zwischen Subjekt und Prädikat bestimmt. Zwischen ihnen besteht eine Wechselbeziehung – alle anderen syntaktischen Beziehungen sind solche der Unterordnung. Subjekt und Prädikat stimmen in Person und Numerus (auch im Genus bei Prädikativen) überein, was man Kongruenz nennt.
3. Die finite Verbform bezieht die Aussage auf die Situation der Kommunikation:
a) Dem Subjekt wird eine Rolle im Gespräch zugeteilt: beteiligt (1. und 2. Person) oder unbeteiligt (3. Person).
b) Die finite Verbform wird zur Trägerin der Satzintention:
Das Subjekt ist Träger oder „Erleider“ der Verbhandlung (Aktiv-Passiv).
Die Verbform zeigt die Zeitauffassung der Aussage (Tempus).
Die Verbform zeigt die Einstellung des Sprechers zur Aussage (Modus).
c) Das Verb hält aufgrund seiner Valenz Stellen frei, die besetzt werden können oder müssen.

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5 thoughts on “Innere Gliederung des deutschen Satzes, die Satzklammer

  1. In meiner Muttersprache, dem Niederländischen, werden Satzklammer deren Teile zu weit auseinander stehen als stilistisch hässlich wahrgenommen, weil sie kompliziert sind und das Gedächtnis des Lesers zu sehr beanspruchen. Meine Frage ist: Ist das im deutschen nicht auch manchmal so?
    Ein praktisches Beispiel aus meiner Masterarbeit, in der ich im Moment mit vielen solchen Sätzen kämpfe:

    „Obwohl die späten vierziger und frühen fünfziger Jahre von Schauprozessen, Paraden, medialer Hetzen, Verhaftungen, Straflagern und Heiligenverehrung des Führers Stalin durchzogen waren, schaffte das Regime es nicht wirklich, alle Bereiche der Gesellschaft unter Kontrolle zu bekommen.“

    Ich würde [durchzogen waren] intuitiv nach [fünfziger Jahre] platzieren. Wäre das inkorrekt?

    Danke schon mal für Vorschläge!

    • Hallo, Herr Hannemann,
      Sie haben damit Recht, dass die Satzklammer zu groß werden kann – aber im Fall Ihres Satzes sehe ich das nicht, ich würde ihn so stehen lassen. Vielleicht hängt das aber auch am Leser und dem Maß seines Trainings? In der Umgangssprache würden sicher viele Deutsche das Prädikat vorziehen, wie Sie es vorgeschlagen haben.
      Hinweis: „wegen medialer Hetze“ [Singular] würde ich vorziehen.

  2. Vielen Dank für die zügige Antwort!
    Dann ist wahrscheinlich die maximale Länge, die eine Satzklammer haben darf, geschmacks- und kulturabhängig. Ich werde dieses Beispiel stehen lassen, aber wenn es andere Sätze gibt, die noch zweimal länger werden, ist also ein Vorzug des Prädikats erlaubt? Oder ist das nur Umgangssprache?

    Ja, mediale Hetze ist wahrscheinlich besser im Singular, da haben Sie Recht.

    • Ein wichtiger Faktor des Stils ist sicher auch die Situation der Äußerung: Im alltäglichen Gespräch gilt nicht das Gleiche wie in der wissenschaftlichen Arbeit.

      Was ist die maximale Länge eines Satzes mit einer Satzklammer? Ich denke, dass nicht die Anzahl der Wörter entscheidet (da verträgt ein Satz sogar noch ein paar mehr als der diskutierte Satz), sondern die Struktur des Satzes: Wenn in den Satz mit der Satzklammer noch ein Nebensatz eingeschoben wird, sodass am Ende zwei (oder sogar noch mehr!) verschiedene Prädikatsteile aufeinander folgen, wird es unübersichtlich. Sätze mit zwei oder mehr geschachtelten Nebensätzen sollte man vereinfachen; aber dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten, das muss nicht immer durch Verkürzung der Satzklammer geschehen.
      Jedenfalls plädiere ich immer für die Ausgestaltung von Sätzen statt für deren Verkürzung in eine präpositionale Nominalphrase (etwa: „Trotz der Durchführung von Schauprozessen, Verhaftungen usw. in den vierziger und fünfziger Jahren“) . Da folge ich dem Merksatz: Das Deutsche liebt den (Neben)Satz. Wenn Nominalphrasen sich häufen, wird es noch unübersichtlicher – es fehlt nämlich das dem Prädikat zugehörende Subjekt. [Warum das Deutsche den (Neben)Satz liebt, kann man in folgendem Artikel nachlesen: https://norberto68.wordpress.com/2011/06/20/vorrang-des-verbs-vor-dem-substantiv-nomen-beispiel-verraten/%5D

      Etwas hausbacken, aber solide und hilfreich ist Ludwig Reiners: Stilfibel. In jungen Jahren habe ich sogar das dickere Buch „Stilkunst. Ein Lehrbuch deutscher Prosa“ von Ludwig Reiners durchgearbeitet. In der DDR-Didaktik gab es übrigens ganz ordentliche Bücher zur Stilistik sowie die hervorragende „Deutsche Grammatik“ von Walter Jung (bearbeitet von Günter Starke, endete mit der 10. Auflage, Neubearbeitung ab der 7. Auflage?).

  3. Ja, Das Deutsche liebt den (Neben)Satz, das ist mir schon aufgefallen, vor Allem in der Wissenschaft!

    Das Niederländische hat eine viel schwierigere Beziehung zum Nebensatz. In den Niederlanden werden solche Konstruktionen wie obenstehende sogar an der Universität schwer abgestraft.

    Jedenfalls bin ich mir jetzt bewusster von den unterschiedlichen kulturellen Kontexten und stilistischen Erwartungen. Vielen Dank für den hilfreichen Kommentar, ich glaube, damit werde ich erstmal gut vorankommen!

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