“bezweifeln, ob…” – Beispiel für Sprachwandel

Dieser Tage wurde ich von einem Kollegen kritisiert, weil ich sinngemäß folgenden Satz formuliert hatte:

(1) Ich bezweifle, ob die Schüler die ganze Bedeutung von „grauen“ kennen.

Richtig müsse es heißen:

(2) Ich bezweifle, dass die Schüler die ganze Bedeutung von „grauen“ kennen.

Ich habe dann in mein Sprachgewissen gehorcht und gehört, dass Satz (2) eigentlich besser und richtig ist; deswegen habe ich Satz (1) korrigiert.

Dann habe ich jedoch nachgeschaut, wie „bezweifeln“ tatsächlich gebraucht wird, und siehe da: Zu „bezweifeln ob“ (mit Anführungszeichen!) meldet google derzeit 183.000 Ergebnisse. „Wortschatz Uni Leipzig“  nennt als Beispiele die Konstruktion mit „dass“ oder ein reines Akkusativobjekt (dem ein dass-Satz entspricht), zählt aber sowohl „dass“ wie „ob“ zu den signifikanten Kookkurenzen des Verbs. Zu „Bezweifeln“ (Substantiv) wird allerdings ein Beispiel mit „ob“ aus dem FOCUS zitiert, wo „Bezweifeln“ versehentlich großgeschrieben und in Wahrheit ein normales Verb ist. Im DWDS findet man mehrheitlich dass-Sätze als Belege, aber auch ob-Sätze.

Zwei Bemerkungen zum Abschluss: 1. Vermutlich kommt der neue Sprachgebrauch (bezweifeln + ob) daher, dass „bezweifeln“ auch im Sinn von „zweifeln“ gebraucht wird, und dort ist die Verwendung eines ob-Satzes immer in Ordnung. 2. Ich selber gebrauche ohne Bedenken „bezweifeln, ob…“, hänge bei strenger Prüfung im Sprachgefühl aber noch an „bezweifeln, dass…“. In mir selber finde ich da ein Zeugnis für den Sprachwandel – „bezweifeln, ob…“ ist längst gängig und damit auch richtig: Der tatsächliche allgemeine Sprachgebrauch ist das einzige Kriterium des Richtigen, auch wenn Deutschlehrer gern ihr eigenes Sprachgefühl beim Gebrauch des Rotstifts befragen. Nur individuelle Abweichungen vom allgemeinen Sprachgebrauch kann man didaktisch „Fehler“ nennen; was individuelle Abweichungen sind, kann man heute leicht mit einem Blick ins Netz feststellen. Das eigene Sprachgefühl zu relativieren fällt einem Lehrer allerdings nicht immer leicht…

Wortbedeutung

Die Lehre von der Wortbedeutung (Semantik) wird hier theoretisch sowie vor allem in einer Reihe von Arbeitsblättern (Beispiele!) entfaltet (Unterrichtsreihe). Sie ist etwa für die Klasse 7 konzipiert; hier wird ein differenzierter Sprachgebrauch eingeübt – ein Vorübung auch fürs Analysieren und Argumentieren:

Zur Lehre von der Wortbedeutung

Ordnen, gliedern, Gliederung anfertigen (Beispiele)

Eine Unterrichtsreihe zum Thema: eine Gliederung anfertigen (von mir in Kl. 7/8 praktiziert),

steht hier: Ordnen; vgl. auch

http://norberto68.wordpress.com/2011/02/13/gliederung-von-der-stoffsammlung-zum-aufsatz-beispiele/

Verlogene rot-grüne Bildungsideologie (“Bildungspolitik”)

“Kin Kind zurücklassen!” (Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin NRW)

“Inklusion!” (Sylvia Löhrmann, Bildungsministerin NRW)

Die Wahrheit ist: Pro fehlender Lehrkraft dürfen NRW-Schulen derzeit 0,7 neue Lehrkäfte einstellen. Fehlen also 10, dürfen sie 7 neue Stellen ausschreiben. Und die restlichen 3? Ja, da muss man sich halt behelfen. Was tun die Schulen? Na, die nehmen dafür, falls überhaupt vorhanden, die zwei Stellen, die sie für Migrantenförderung bekommen haben; dafür entfällt dann die Migrantenförderung – aber wir lassen kein Kind zurück!

Dass die Inklusion entsprechend stümperhaft betrieben wird, weil normale Lehrer dafür nicht ausgebildet sind (und an der Ausbildung ohnehin gespart wird: Zeit verkürzt, dafür bedarfsdeckender Unterricht – und die Junglehrer gleich mit voller Stundenzahl verheizt!), macht auch nichts: Hauptsache, wir betreiben offiziell “Inklusion”, wobei wir ganz toll aussehen resp. von uns reden können (und auf andere herabschauen dürfen).

Vor allem die grünen Ideen driften mir zur Zeit zu stark ins Ideologische, und die SPD-”Gleichheit” wird in NRW weithin auf Kosten des Niveaus erreicht. Dass wir in der Welt wirtschaftlich gut dastehen, verdanken wir jedoch dem Können von sehr gut ausgebildeten Facharbeitern (jawohl: Facharbeitern, ohne Abitur) und entsprechenden Akademikern [also nicht: Akademikern an sich, sondern sehr guten Akademikern!].

Schreiben nach Bildern

Schreiben nach Bildern gilt heute als eine Technik kreativen Schreibens. Diese Technik ist mindestens über 200 Jahre alt. Bereits Kleists Stück „Der zerbrochene Krug“ geht auf einen Kupferstich von Le Veau (1782) zurück, der nach einem Gemälde von Debucourt angefertigt war. Kleist beschloss, mit seinen Freunden Ludwig Wieland und Heinrich Zschokke einen poetischen Wettbewerb auszutragen. „Zschokkes naiv-sentimentale Erzählung erfaßt das Genrehafte der Szene, Wielands Satire ihr moralisches Thema und Kleists Lustspiel die forensische Belebtheit der Figuren.“ (Hannelore Schlaffer: Deutsche Literatur in Bildern. Klassik und Romatik, 1770-1830. Stuttgart 1986, S. 101)

Als frühestes Beispiel eines nach einer Bilderfolge entstandenen Werks ist Christoph Friedrich Bretzners „Das Leben eines Lüderlichen“ nach den Stichen von Chodowiecki und Hogarth (1774) anzusehen. (a.a.O.)

Differenzierung im Unterricht

Erfolgreicheres Lernen durch Differenzierung im Unterricht

heißt ein 10-Seiten-Papier von Manfred Bönsch, den ich wegen seiner sachlichen Art schätze; es bietet einen schnellen Überblick über Idee und Möglichkeiten differenzierten Unterrichtens. Es steht als pdf-Datei zur Verfügung:

http://www.vbe-nrw.de/downloads/PDF%20Dokumente/Erfolgreicheres_Lernen_Bonsch.pdf

Über Möglichkeiten der Differenzierung im Deutschunterricht (mit Hilfe des Lehrbuchs wortstark von Schroedel) hat Bönsch diesen Aufsatz geschrieben.

„Differenzierung im Unterricht“ ist natürlich bei google ein prächtiges Suchwort; auf eine kritische und doch konstruktive Behandlung des Thema möchte ich noch hinweisen: http://www.ph-ludwigsburg.de/fileadmin/subsites/9m-vwrt-t-01/Dekanatssekretariat/Schaefer_Download_ReutlingerTag2011.pdf (Jutta Schäfer)

Neologismus: Bohlenisierung

In der SZ fand ich am 27. April 2013 das neue Wort „Bohlenisierung“: Dem „Philosophen“ Richard David Precht wurde bescheinigt, er betreibe eine Bohlenisierung der Philosophie. Das leuchtet mir ein: Was Dieter Bohlen in der Musik betreibt, veranstaltet Precht in der Philosophie. „Wider Volksverblödung und die Bohlenisierung des deutschen Fernsehens“ stritt die Neue Rundschau bereits 2010. Die älteste Nennung, die ich gefunden habe, stammt aus dem Jahr 2002, von Anna Schnürch: „An alle, die zur “Bohlenisierung” Deutschlands beitragen, richtete sich das Lied “Du Doof”, in dem die Wise Guys temperamentvoll Kritik am geistig-kulturellen Verfall unseres Landes übten.“ Eine umständlichere Variante gab es bereits am 20.07.2000: „Ich hoffe mal, dass die Absetzung der Show [Peep, N.T.] auf RTL2 gleichbedeutend ist mit der Feststellung, dass die Dieter-Bohlenisierung Deutschlands ein weiteres Mal schief gelaufen ist.“ (Paul Reiser)

Bei google gibt es am heutigen 28. April 2013 unter dem Suchwort „Bohlenisierung“ 11.600 Ergebnisse.

Was ist Leserlenkung?

Im Zentralabitur NRW 2013 mussten die Schüler bei der Analyse eines Sachtextes berücksichtigen, „mit welchen Argumenten, Beispielen und weiteren Formen der Leserlenkung der Autor seine Position vertritt“.

1. Da ich nicht weiß, was alles zur Leserlenkung zählt, habe ich versucht, das über google zu klären. Dort findet man aber nur spezielle Untersuchungen (Leserlenkung bei Cäsar usw.) und einige wenige allgemeine Erklärungen:

a) Schüler müssen für den mittleren Schulabschluss bei ihrer eigenen Textproduktion Mittel der Leserlenkung (Titel, Einleitung, Überleitungen, Abschluss, Kommentare, Erläuterungen, Beispiele, Zitate) einsetzen können (http://www.bildung-mv.de/export/sites/lisa/de/publikationen/vorabhinweise/Vorabhinweise_Mittlere_Reife_Gy_Deutsch_2013.pdf).

b) Ich habe ferner gefunden: „Die Leserlenkung erfolgt dabei durch die im Text enthaltenen steuernden Elemente — Personen, Orte, Zitate, Erklärungen u.a. —, mit denen der Text eine Wirkung erzielen will.“ (Oberlinner/Häfner) Dass Leserlenkung durch steuernde Elemente erfolgt, konnte ich mir auch selber denken – aber was ist das „u.a.“?

2. Außerdem bin ich auf das Stichwort „Rezeptionsästhetik“ (bzw. „Wirkungsästhetik“) als theoretischen Rahmen gestoßen:

Rezeptionsästhetik

http://www.georgpeez.de/texte/download/rezeption.doc (kurz und knapp: in der Kunst)

http://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/rezeptionsaesthetik-at-3/ch/9d3306dc3b68965d57b7c526b0fb46d9/ (sehr klar und verständlich)

http://www.cultd.eu/tepe1/texte/a05_pt_meth2/pt_meth2_21.htm (sehr ausführlich, gut verständlich; im Rahmen von http://www.cultd.eu/tepe1/texte/a05_pt_meth2/pt_meth2.00.htm und von http://www.cultd.eu/tepe1/texte/a05_pt_meth1/pt_meth1.00.htm, von Peter Tepe)

http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/fileadmin/Redaktion/Institute/RomanischesSeminar/Romanistik_III/Mitarbeiterdateien/Semsch/Rezeptionsaesthetik.pdf (sehr schlauer Lexikonartikel)

Rezeptions- und Wirkungsästhetik:

http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/methoden/rezwirk.htm (kurz und knapp, im Rahmen von http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/methoden/main.htm)

Wirkungsästhetik

http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/8766/pdf/BjoernSteiertDasSpielmitdemLeserDissertation.pdf (dort II.3 Wirkungsästhetik und Offenheit, S. 58 ff.)

http://latina.phil2.uni-freiburg.de/reiser/einf_jauss.pdf (H. R. Jauß: Literaturgeschichte als Provokation …)

3. Leserlenkung = Leserführung?

Ein Stichwort, zu dem es durchaus Erläuterungen gibt und das „Leserlenkung“ zu erklären scheint, ist der gebräuchliche Begriff „Leserführung“; dass beide Begriffe synonym gebraucht werden, wird auch durch die oben genannte Kompetenz „Mittel der Leserlenkung einsetzen“ nahegelegt. Evtl. stammt der Begriff aus der Zeitungswissenschaft. Ich habe folgende Links gefunden:

http://www.teachsam.de/arb/visua/visua_3_6_1.htm (Kontext: Zeitung)

http://www.nutzwertjournalismus.de/uni/hausarbeiten/HASeidel.pdf (für Zeitungen und Zeitschriften – dort unter 2.)

http://www.uni-koeln.de/phil-fak/evtheol/studium/dokumente/kg/Feedbackbogen%20Hausarbeit%20K2.pdf (dort B: Aufsatz/Seminararbeit schreiben können, was oben Leserlenkung heißt)

http://www.innovation.uni-bremen.de/.files/Sonstiges/Ergaenzungen_Arbeitshilfen.pdf (dort 1., praktische Anleitungen, dito)

http://www.innovation.uni-bremen.de/.files/Sonstiges/Arbeitshilfen_inhaltlich.pdf (dort 2., ähnlich)

http://www.dasabenteuerleben.de/die-letzten-artikel/detailseite-artikel/asr02-die-leserfuehrung-was-wir-von-hunden-in-hong-kong-lernen-koennen-156.html (ein bisschen vereinfacht)

4. Rezeptionssteuerung

ist ein Wort, das noch schlauer als „Leserlenkung“ klingt, genauso locker verwendet und genauso wenig definiert wird.

5. Und jetzt bitte ich jeden, der es weiß, mir zu sagen, was man im Sinn der Abi-Aufgabenstellung unter Leserlenkung versteht und welche Aspekte man dabei beachten muss (also: bitte ein Liste, ein Merkblatt…).

P.S. Ich habe noch die Zusammenfassung einer Arbeit gefunden, welche die Leserlenkung in SPIEGEL und FOCUS untersucht (Kerstin Vollmer: SPIEGEL und FOCUS: Mittel der Leserlenkung, 1998):

„Die vorliegende Arbeit abschließend, können in den untersuchten SPIEGEL-Texten zwei große Tendenzen der Leserlenkung beobachtet werden. Zum einen unterrichtet der SPIEGEL den Leser umfassend und fundiert zu einem Thema, wie im Kapitel zum Informationsgehalt festgestellt. Schon einzelne Sätze sind oft durch ihren komplexen Bau und ihre ausgebauten Satzglieder stark informationshaltig. Phänomene und Ereignisse werden nicht isoliert betrachtet, sondern in einen größeren Zusammenhang eingeordnet, so daß der Gesamttext in der Regel ein stark kohäsives und kohärentes Ganzes bildet.

Dabei besitzt der Schrifttext und mit ihm das Werkzeug der Sprache das entscheidende Gewicht, während weitere Artikelelemente wie Bilder und Graphiken, die der Veranschaulichung und Verlebendigung dienen, insgesamt von sekundärer Bedeutung sind. Interesse und Aufmerksamkeit für den Schrifttext wecken nicht zuletzt auch Überschrift, Einleitung und Bildunterzeilen, die in der Regel nicht aus sich selbst verständlich sind, sondern auf ihn rekurrieren. Der SPIEGEL-Verfasser lässt häufig seine Bewertung eines Sachverhalts oder einer Person durchblicken, zuweilen in der drastischeren Form der herablassenden Geringschätzung; da der Leser insgesamt aber detailliert zum Thema informiert und zum selbständigen, mündigen Mitdenken angeregt wird, kann allgemein angenommen werden, dass er ein eigenes Urteil zu bilden fähig ist.

Zum zweiten zeigen SPIEGEL-Artikel das Bemühen um Lebendigkeit und Originalität in der Darstellung. Diese Neigung, dem Leser mit Hilfe verschiedener Stilmittel eine interessante, spannende Lektüre zu gewähren, führt häufig dazu, dass Kriterien der journalistischen Seriosität wie Neutralität und Authentizität unbeachtet bleiben, zugunsten einer plastischen, menschliche Differenzen und Konflikte betonenden Darstellung. Diese Tendenz ist so bestimmend, dass auch oder gerade subjektive, unausgewogene Bewertungen, sowie im speziellen Fall Verspottung und Diskreditierung einer Person, der Brisanz und dem Kontrastreichtum einer SPIEGEL-”Story” dienen.

Die Neigung zur spektakulären, lebendigen, auch emotional gefärbten Wiedergabe von Themen weisen die untersuchten FOCUS-Artikel noch stärker auf, da dem Leser das Verständnis der Inhalte Leichtfallen und die Lektüre kurzweilig und vergnüglich erscheinen soll – auf Kosten einer tiefgründigen Darstellung allerdings. Einzelne Themen werden meist kurz abgehandelt; über das aus der Tagespresse Bekannte hinaus erfährt der Leser selten etwas Neues, schon gar nicht hinsichtlich unbekannter Ursachen und größerer Zusammenhänge. Leserlenkung ergibt sich folglich daraus, dass der Leser selten umfassend und aus verschiedenen Blickwinkeln unterrichtet wird, so dass er sich seine eigene Meinung aus nur eingeschränkter Kenntnis des Themas bildet.

Auf der Ebene der Syntax, der Textlinguistik oder ferner hinsichtlich der Bildunterzeilen [fällt, N.T.] im FOCUS weiter auf, dass einzelne Informationen eigene isolierte Einheiten darstellen, damit sie der Leser möglichst schnell und griffig als wichtig erkennen und rezipieren kann. Im Gesamttext stehen daher die verschiedenen Aussagen oft zusammenhangslos nebeneinander. Bilder und Graphiken sind ebenfalls selbständige “Informationshäppchen”, denen besondere Bedeutung zukommt, da sie relativ großen Raum einnehmen, weitere Aspekte des Themas ansprechen und vor allem optische Abwechslung bieten. Der Hauptakzent liegt damit nicht auf dem Schrifttext, wie im SPIEGEL, sondern auf der Kombination der “Puzzleteile” von Wort, Graphik und Bild. Gerade auf Variation und Auflockerung der Textgestaltung legt der FOCUS Wert, was sich an der großzügigen Verwendung visuell auffälliger Mittel wie Fettdruck oder Majuskeln erkennen lässt, die zudem signalisieren, dass der Verfasser die jeweiligen Inhalte als zentral für den Wissensstand des Lesers ansieht.

Neben der Oberflächlichkeit in der inhaltlichen Argumentation und der sprachlichen Gestaltung, die zuweilen zur bloßen Auflistung von Informationsbruchstücken führt und die tiefgründige Analyse eines Sachverhalts und seine Einordnung in einen Gesamtkontext ausschließt, werden Themen auch deshalb nicht authentisch vermittelt, da persönliche Bewertungen des Verfassers oft in die Darstellung einfließen. Seine Einschätzungen dienen schon daher nicht der angemessenen Interpretation und Gewichtung eines Themas, da sie häufig nur mit Formulierungen scheinbar belegt werden, die der sprachlichen und gedanklichen Klarheit und Präzision entbehren und keine eindeutige inhaltliche Aussage enthalten.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass FOCUS und SPIEGEL gravierende Unterschiede aufweisen bei der sprachlichen und gestalterischen Themenbearbeitung und der Ausrichtung auf bestimmte Zielgruppen. Diese Differenzen resultieren aus einem unterschiedlichen journalistischen Selbstanspruch – das Wichtigste in Kürze und “News to use” im FOCUS, demokratische Kontrollfunktion im SPIEGEL. Gleichwohl lässt sich aber übereinstimmend die bedenkliche Tendenz der Leserlenkung erkennen, Authentizität und Wahrhaftigkeit in der Wiedergabe von Informationen vor den Anforderungen an eine angenehm lesbare, spannende Darstellung zurückzustellen.“

Zentralabitur Deutsch NRW 2013 – Gk, 3. Thema

Analyse eines Sachtextes mit weiterführendem Schreibauftrag

1. Einen Auszug aus Rudi Keller: Ist die deutsche Sprache vom Verfall bedroht?, analysieren; dabei berücksichtigen, „mit welchen Argumenten, Beispielen und weiteren Formen der Leserlenkung der Autor seine Position vertritt“.

2. a) Erläutern, in welchen gesellschaftlichen Kontexten und aus welchen Gründen sich Sprache verändert; b) sprachpflegerische Argumente darstellen; c) zu Kellers Position begründend Stellung nehmen.

A) Der Text ist zwar relativ lang, aber leicht verständlich. Die Aufgabenstellung operiert mit dem Begriff „Leserlenkung“ (= Rezeptionssteuerung?), für den man bei google bloß Beispiele findet, der also sachlich unscharf ist. Die Aufgabenstellung setzt voraus, dass Argumente und Beispiele bereits Teil der Leserlenkung sind – es bleiben also eigentlich nur rhetorische Aspekte als „weitere Formen“ der Leserlenkung übrig.

Bei der 2. Teilaufgabe ist unklar, wie viele Kontexte/Gründe man anführen muss, um die volle Punktzahl zu bekommen. Es liegt wieder eine ‚und-Aufgabe’ vor: Die gesellschaftlichen Kontexte sind sachlich von den Gründen nicht zu unterscheiden. – Was „Kellers Position“ ist, ist unklar: Ist das seine allgemeine These (Z. 1 f.) oder seine Erklärung des neuen Pronomens „sone“?

B) Lösungserwartung: Die Ausgangsthese steht, kursiv gesetzt, sicher in Z. 1 f.; Z. 5 f. ist nur deren Anwendung.

Der argumentative Aufbau des Textes wird recht locker beschrieben; was der harte Kern (Metapher!) ist, weiß niemand. – Die Formen der Leserlenkung sind vage ermittelt, was bei einem so unklaren Begriff auch nicht verwundert. Die reflektierte Schlussfolgerung bekommt diesmal 5 Punkte, weil die noch übrig waren – die Willkür bei der Bewertung des Schlusses („Deutung“ oder „reflektierte Schlussfolgerung“) ist beachtlich.

Die Stellungnahme läuft entweder auf Schwätzen hinaus oder überfordert die Schüler: Dem Linguisten Keller sind sie hoffnungslos unterlegen, also können sie nur die in 2.b) aufgezählten Argumente irgendwie gegen Kellers Ausgangsthese abwägen.

Ein exzellenter Schüler fände heraus, dass „Sprachverfall“ ein wertender Begriff, „Sprachwandel“ aber ein deskriptiver Begriff ist – Kellers „Position“ (was auch immer sie sein mag) ist mit einer Wertung überhaupt nicht zu treffen, da er sich auf eine Diskussion über Bewertung des Sprachwandels nicht einlässt. Die Aufgabensteller haben das aber nicht bemerkt und schicken die Schüler deshalb in eine Quasselbude: „Nun argumentiert mal schön!“ Es zählt alles, ob man dafür oder dagegen ist oder „klug“ abwägt – begriffliche Schärfe wird im NRW-Abitur nicht eingefordert.

Zentralabitur Deutsch NRW 2013 – Gk, 2. Thema

Vergleichende Analyse zweier Gedichte

1. Brentano: Wenn die Sonne weggegangen, analysieren, dabei den literaturgeschichtlichen Hintergrund berücksichtigen.

2. a) Politycki: Das Unglück, analysieren; b) dieses Gedicht mit dem Brentanos daraufhin vergleichen, wie jeweils der Umgang mit einer Verlusterfahrung gestaltet wird.

A) Die Aufgabenstellung ist normal; Brentanos Gedicht ist einfach (V. 12 ist grammatisch unklar), Polityckis etwas komplexer (V. 8 ist mir sachlich nicht klar).

B) Lösungserwartung: normal. Bei der „Deutung“ von Polityckis Gedicht brauchte im Wesentlichen nur der Inhalt des Gedichts wiederholt zu werden – es wäre zu überlegen, was man den Schülern vor dem Abitur für den obligatorischen Aufgabenteil „Deutung“ vermitteln soll. Die Deutung wird hier mit jeweils 6 Punkten ziemlich hoch bewertet; offenbar waren noch überzählige Punkte im Topf. – Beim Vergleich fällt mir auf, dass krampfhaft Unterschiede gesucht werden (muss sein, ist schließlich ein Vergleich!). Die beiden ersten Aspekte der Lösungserwartung werden mittels „zunächst“ relativiert, d.h. sie zählen eigentlich nicht, wenn man ehrlich ist.

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