Gedichtvergleich: mehrere Fassungen / verwandte Gedichte

Ich möchte hier eine Art des Gedichtvergleichs vorstellen, wobei nicht motivgleiche, jedoch einander „fremde“ Texte, sondern Gedichte verglichen werden, die in einem sachlich-geschichtlichen Bezug zueinander stehen. Die einfache Version ist die, dass ein Dichter selber sein Gedicht später überarbeitet, also an ihm gefeilt hat, um das, was aus späterer Sicht als Schwäche erschien, zu tilgen. Das bekannteste Beispiel ist Conrad F. Meyers Gedicht „Der römische Brunnen“, das in sechs oder acht Fassungen vorliegt, wovon die letzte sicher die gelungenste ist.
Diese Reihe habe ich oft in Klasse 13 am Gymnasium gehalten – sie hat oft auch Aufgaben fürs Abitur geliefert, in der guten alten Zeit vor dem Zentralabitur. Die Idee habe ich bei Hilke Schildt: Aus der poetischen Werkstatt – Gedichte in verschiedenen Fassungen (Verlag G. Braun, Karlsruhe 1971) gefunden. Dort sind Goethe und C.F. Meyer die Hauptlieferanten des Materials; aber auch G. Keller und Trakl sind ergiebige Quellen. Verschiedene Fassungen von Gedichten Goethes und Kellers findet man in der Freiburger Anthologie, für Trakl ist „Das dichterische Werk“ (dtv 6001, 1972) die einfache Fundstelle. Auch die zehn Bände „Epochen der deutschen Lyrik“ (dtv) bieten bei ruhiger Suche viele Hinweise, zum Beispiel die Weiterverarbeitung von Goethes „Nachtgesang“.
Es gibt, wie gesagt, verschiedene Möglichkeiten, ein vorliegendes Gedicht zu verarbeiten – was uns dazu dienen kann, die Geschichtlichkeit und den Literaturbezug von Literatur zu demonstrieren (ähnlich wie beim Vergleich motivgleicher Fabeln). Für die erste Version habe ich bereits C.F. Meyers Gedicht „Der römische Brunnen“ genannt; auch Goethes „An den Mond“ verdiente hier Beachtung, daneben Gedichte der oben genannten Autoren.
Eine grundsätzlich andere Art des Bezugs liegt vor, wenn jemand das Gedicht eines anderen aufgreift und verarbeitet. Das kann noch im Sinn der Verbesserung wie bei Goethes „Nähe des Geliebten“ (1796) geschehen, wo „Ich denke dein“ der Sophie C.F. Brun von 1795 poetisch geglättet wird; häufig wird ein Gedicht aber auch parodiert. Kästners Verarbeitung der „Lorelei“ Heines verdient Beachtung; Material bieten „Lyrische Parodien vom Mittelalter bis zur Gegenwart“. Ausgewählt von Erwin Rotermund, Fink (München) 1964; Deutsche Lyrik-Parodien aus drei Jahrhunderten (RUB 7975); ich kenne noch Sammlungen von Th. Verweyen oder A. von Bormann. „Das Wasserzeichen der Poesie“ von A. Thalmayr (das ist Hans M. Enzensberger) präsentiert übrigens verschiedene Formen der Aufnahme vorliegender Gedichte.
Eine dieser Versionen ist die so genannte Replik, wofür Braun: Fragen eines regierenden Arbeiters, ein Beispiel ist, was Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ aufgreift. In der Sammlung „Gedichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart“ (Klett 1985) heißt dieser Typus „Widerlegung und Weiterführung“.
Ob man es nun Replik nennt oder nicht, stellt Herweghs „Wiegenlied“ eine andere Art von Wiederaufnahme von Goethes „Nachtgesang“ dar: Das bekannte Gedicht wird im Rhythmus beibehalten, ebenso der Refrain „Schlafe, was willst du mehr“, aber als Hintergrund zu einem politischen Aufruf an das „schlafende“ Deutschland genutzt. – Fazit: eine interessante Form der Literaturbetrachtung , wobei der Blick auf die kleinen Unterschiede trainiert werden kann.

Die literarischen Einzelanalysen findest du unter den Namen der genannten Autoren in diesem Blog, in der Rubrik „Gedichte“.

Zwei Nachträge:
1. Anregungen zum Vergleich motivgleicher Gedichte findet man nicht nur in den Registern der Lesebücher (oder sogar über das Stichwort in einer Suchmaschine, z.B. „Herbstgedichte“), sondern auch in dem Bändchen „Motivgleiche Gedichte“ (RUB 15038).
2. Das Prinzip des intertextuellen Verstehens erfordert es, reale Bezüge zwischen Texten bzw. Rückbezüge auf ältere Texte aufzudecken und zu berücksichtigen, vgl. meine Analysen und Links zu Eich: Inventur; Celan: Todesfuge, und zu Celan: Tenebrae (s. „Gedichte“ in diesem Blog).
3. Eine Übersicht über die Technik des Gedichtvergleichs (mit Links) gibt es unten in dieser Rubrik (19. August 2006) unter dem Titel: „Gedichtvergleich – Beispiele und Methode(n)“.

Nachträglich sehe ich, dass Claudius: Abendlied (1779), offensichtlich Paul Gerhardts „Abendlied“ (1667) aufgreift. Mir fällt auch die übergroße Nähe von Gryphius: Tränen des Vaterlandes, anno 1636, zu Gryphius: Trawrklage des verwüsteten Deutschlandes (http://www.archivaria.com/Gedichte/Gryphius.html), auf; das letzte scheint mir die Vorlage für das bekannte erstgenannte Gedicht zu sein.

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