Möglichkeiten und Grenzen der Schule

Kinder, Jugendliche, deren Eltern und vor allem Lehrpersonen befinden sich in der Schule in einem grundlegenden, nicht aufhebbaren und sich zuspitzenden Widerspruch zwischen der Qualifikations- und Selektionsfunktion einerseits und der Sozialisations- und Integrationsfunktion andererseits. Die Qualifikation wird aufgrund des weltweiten Wettbewerbs immer anspruchsvoller, die Selektion schneidet wegen des Wegfalls von Arbeitsplätzen immer mehr ein. Für die Sozialisation ist die Schule in der individualisierten Moderne zur wichtigsten Instanz geworden und gegenüber der zunehmenden Differenzierungen von Lebensläufen und der anwachsenden Migration hat Schule eine entscheidende Integrationsaufgabe.

Es gibt keinen Ausweg aus diesem Widerspruch, keine vertretbare Entscheidung zugunsten einer Seite, die Schule muss sich all diesen Aufgaben stellen. Es gibt auch keine Möglichkeit, die Problematik auszulagern oder zu delegieren, wie es viele Lehrpersonen tun möchten, indem sie die Eltern in ihre „Pflicht“ nehmen wollen, um sich wieder vermehrt dem „Kerngeschäft“ widmen zu können. Auch die Lösung der homogenen Leistungsklassen erweist sich als suboptimal, weil so die guten Lerner kaum viel besser werden, die schlechten aber noch schlechter. Deshalb ist ein gemeinsamer Unterricht mit heterogener Zusammensetzung anzustreben, in dem eine Pädagogik der Vielfalt praktiziert wird.

Diese Absichten entsprechen fast einer „mission impossible“, und deshalb ist es für eine realistische Praxis unverzichtbar, die Grenzen zu kennen und sich in ihnen zu bescheiden.

Die Konkurrenz in Wirtschaft und Gesellschaft, die sich insbesondere durch den Wettbewerb um Arbeitsplätze bei den einzelnen Individuen als Angst, Verunsicherung und Hoffnungslosigkeit einnistet und sich bis auf die kleinen Schulkinder auswirkt, können wir nicht ändern. Wir sollten diese Realität aber auch nicht ausblenden oder wegschwatzen, sondern ihr ins Auge schauen und sie laut und deutlich als das benennen, was sie ist.

Die wachsende gesellschaftliche Differenzierung und die Öffnung der Schere zwischen Reich und Arm sorgt gesellschaftlich und auch auf Schulebene für Zündstoff. Wir können daran als Pädagogen nichts ändern, sollten aber versuchen, dass wir die Kluft zwischen den erfolgreichen, privilegierten und den erfolglosen, unterprivilegierten Schülern nicht noch vergrössern.

Die Risiken der Risikogesellschaft nehmen zu, das gravierendste Risiko ist die ökologische Gefährdung, die aber individuell kaum spürbar ist. Daneben gibt es die direkteren Bedrohungen der Gesundheit, wie Aids, Sucht, Fettleibigkeit, denen gegenüber man noch keine befriedigende Strategie gefunden hat. Die Schule solle hier tätig werden, verlangen Politiker und Medien. Erziehung zu ökologischem Verhalten, Aids- und Suchtprävention, Gesunde Schulen und viele andere Spezialprogramme sollen die Rettung bringen, beziehungsweise die Schäden in Grenzen halten. Auch hier ist Zurückhaltung angesagt. Beispiel: Man kann nicht von der Schule verlangen, sie müsse die Jugendlichen zum Umstieg auf den öffentlichen Verkehr oder auf das Fahrrad überzeugen, während die Politik es nicht schafft, einen angemessenen Benzinpreiszuschlag zur Verhütung der Klimakatastrophe zu verlangen. Ein anderes Beispiel: Im Radio wird über die Verschuldungsfalle durch Kleinkredite diskutiert. Die Fälle nehmen zu, in denen Leute ihre „neue Armut“ mittels Kleinkrediten bewältigen wollen. Es bestehe ein Verbot, Jugendlichen unter 18 Jahren solche Kredite zu gewähren. Als Lösung schlägt der Bankenvertreter vor, diese Gefahr der Schuldenfalle müsse in der Schule thematisiert werden, nur so sei es möglich, die Leute vor Verschuldung zu bewahren. Statt rigoroser gesetzlicher Bestimmungen für das Kleinkreditgeschäft – wohlverstanden!

Ich will nicht einem Fatalismus das Wort reden, die Schule muss Verantwortung wahrnehmen, wo, realistisch eingeschätzt, ein kleiner Beitrag geleistet werden kann; beispielsweise ist es entscheidend, dass jedes Mädchen und jeder Junge einmal geübt hat, ein Kondom über eine Banane zu stülpen. Aber wir dürfen uns keine Illusionen machen und in Verzweiflung fallen, wenn es dann halt doch nichts nützt, und wir müssen Prioritäten setzen, denn alles, was getan werden müsste, kann nicht an die Schule delegiert werden.

Schliesslich muss die Schule akzeptieren, dass sie gegen die (un-)heimlichen Erzieher kaum eine Chance hat. Kommerz, Fernsehen, Computer- und Videospiele, werden das Leben der Kinder und Jugendlichen in Zukunft noch mehr bestimmen. Schule kann sich vielleicht einen Freiraum schaffen, in dem das Lernen und der Umgang miteinander nicht von diesen „Erziehern“ bestimmt werden, und in diesem Sinne plädiere ich auch für einen gezielten und sparsamen Gebrauch von DVD und Computer im Unterricht.

Diese skeptische Beurteilung der Wirkungsmöglichkeit von Schule ist mir wichtig, denn Lehrpersonen neigen zum Idealismus. Sie empören sich über die Ungerechtigkeiten, nehmen die Gefahren für Mensch und Umwelt sehr Ernst, sie wollen die Welt verbessern, indem sie den Kindern helfen, gute Menschen zu werden. Diese Haltung ist vornehm und soll hier in keiner Weise lächerlich gemacht werden. Ist sie aber nicht durch einen kritischen Realismus untermauert, läuft sie Gefahr, in Enttäuschung und Frustration zu enden. Vor allem dann, wenn Kinder und Jugendliche, von den Weltverbesserungsideen nichts wissen wollen, ist das für Lehrpersonen im höchsten Masse kränkend. Wenn sie dann als Reaktion darauf den Problemen und vor allem den Schülern gegenüber zynisch werden, mag man das noch halbwegs verstehen, akzeptieren darf man es jedoch nicht. Denn nichts verkehrt die Ziele von Pädagogik so ins Gegenteil wie Zynismus und Menschenverachtung. Grenzen aufzuzeigen und zu akzeptieren ist deshalb nicht kleinmütig, sondern verantwortungsvoll und unverzichtbar.

Dies ist ein Ausschnitt aus Teil 9 der Abhandlung „Autonomie zwischen Behausung und Abenteuer. Die Lebensaufgabe von Kindern und Rahmenbedingungen für die Schule“ von Ruedi Rüegsegger (2005, http://www.realbrugg.ch/ruegsegger/text.html). Der folgende Teil 10 zieht daraus die Konsequenzen: Schule als institutionelle Gemeinschaft. Besonders dieser Teil 10, aber auch die ganze Abhandlung ist lesenwert.

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