Was ist Leserlenkung?

Im Zentralabitur Deutsch NRW 2013 mussten die Schüler bei der Analyse eines Sachtextes berücksichtigen, „mit welchen Argumenten, Beispielen und weiteren Formen der Leserlenkung der Autor seine Position vertritt“. [Diese Aufgabenstellung ist insofern schräg, als eine Position argumentativ vertreten wird, während Leserlenkung wesentlich in die Rhetorik gehört, wie das Fazit unten ergibt.]

1. Da ich nicht weiß, was alles zur Leserlenkung zählt, habe ich versucht, das über google zu klären. Dort findet man aber nur spezielle Untersuchungen (Leserlenkung bei Cäsar usw.) und einige wenige allgemeine Erklärungen:

a) Schüler müssen für den mittleren Schulabschluss bei ihrer eigenen Textproduktion Mittel der Leserlenkung (Titel, Einleitung, Überleitungen, Abschluss, Kommentare, Erläuterungen, Beispiele, Zitate) einsetzen können (http://www.bildung-mv.de/export/sites/lisa/de/publikationen/vorabhinweise/Vorabhinweise_Mittlere_Reife_Gy_Deutsch_2013.pdf). – Wieso dienen Beispiele und Zitate der Leserlenkung?

b) Ich habe ferner gefunden: „Die Leserlenkung erfolgt dabei durch die im Text enthaltenen steuernden Elemente — Personen, Orte, Zitate, Erklärungen u.a. —, mit denen der Text eine Wirkung erzielen will.“ (Oberlinner/Häfner) Dass Leserlenkung durch steuernde Elemente erfolgt, konnte ich mir auch selber denken – aber was ist das „u.a.“? Und wieso dienen Personen und Orte der Leserlenkung? (Außerdem kann der Text nichts wollen, nur der Verfasser kann das.)

c) In einem Merkblatt für die Analyse der sprachlichen Gestaltung von Gebrauchstexten habe ich als Sammlung möglicher Absichten bei der Leserlenkung gefunden (als Formulierungshilfe gedacht): Der Autor geißelt, drückt seinen Abscheu vor einer Sache aus, verharmlost, macht lächerlich, verspottet, verleiht seinen Forderungen/Warnungen Nachdruck, versucht den Anschein von Seriosität/Kompetenz zu erwecken, versucht Zweifel an einer Sache zu wecken, versucht Sympathie für eine Sache zu wecken, versucht eine Sache besonders schockierend/abschreckend/schonungslos darzustellen.“ – Diese Sicht ist sicher verengt, weil sie sich i.W. im Rahmen von aufwerten/abwerten bewegt und sowohl die Lenkung der Aufmerksamkeit bzw. des Blicks (Leserführung) als auch das Ansprechen der Leser nicht beachtet.

2. Außerdem bin ich auf das Stichwort „Rezeptionsästhetik“ (bzw. „Wirkungsästhetik“) als theoretischen Rahmen gestoßen:

Rezeptionsästhetik

http://www.georgpeez.de/texte/download/rezeption.doc (kurz und knapp: in der Kunst)

http://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/rezeptionsaesthetik-at-3/ch/9d3306dc3b68965d57b7c526b0fb46d9/ (sehr klar und verständlich)

http://www.cultd.eu/tepe1/texte/a05_pt_meth2/pt_meth2_21.htm (sehr ausführlich, gut verständlich; im Rahmen von http://www.cultd.eu/tepe1/texte/a05_pt_meth2/pt_meth2.00.htm und von http://www.cultd.eu/tepe1/texte/a05_pt_meth1/pt_meth1.00.htm, von Peter Tepe)

http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/fileadmin/Redaktion/Institute/RomanischesSeminar/Romanistik_III/Mitarbeiterdateien/Semsch/Rezeptionsaesthetik.pdf (sehr schlauer Lexikonartikel)

Rezeptions- und Wirkungsästhetik:

http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/methoden/rezwirk.htm (kurz und knapp, im Rahmen von http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/methoden/main.htm)

Wirkungsästhetik

http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/8766/pdf/BjoernSteiertDasSpielmitdemLeserDissertation.pdf (dort II.3 Wirkungsästhetik und Offenheit, S. 58 ff.)

http://latina.phil2.uni-freiburg.de/reiser/einf_jauss.pdf (H. R. Jauß: Literaturgeschichte als Provokation …)

3. Leserlenkung = Leserführung?

Ein Stichwort, zu dem es durchaus Erläuterungen gibt und das „Leserlenkung“ zu erklären scheint, ist der gebräuchliche Begriff „Leserführung“; dass beide Begriffe synonym gebraucht werden, wird auch durch die oben genannte Kompetenz „Mittel der Leserlenkung einsetzen“ nahegelegt. Evtl. stammt der Begriff aus der Zeitungswissenschaft. Ich habe folgende Links gefunden:

http://www.teachsam.de/arb/visua/visua_3_6_1.htm (Kontext: Zeitung)

http://www.nutzwertjournalismus.de/uni/hausarbeiten/HASeidel.pdf (für Zeitungen und Zeitschriften – dort unter 2.)

http://www.uni-koeln.de/phil-fak/evtheol/studium/dokumente/kg/Feedbackbogen%20Hausarbeit%20K2.pdf (dort B: Aufsatz/Seminararbeit schreiben können, was oben Leserlenkung heißt)

http://www.innovation.uni-bremen.de/.files/Sonstiges/Ergaenzungen_Arbeitshilfen.pdf (dort 1., praktische Anleitungen, dito)

http://www.innovation.uni-bremen.de/.files/Sonstiges/Arbeitshilfen_inhaltlich.pdf (dort 2., ähnlich)

http://www.dasabenteuerleben.de/die-letzten-artikel/detailseite-artikel/asr02-die-leserfuehrung-was-wir-von-hunden-in-hong-kong-lernen-koennen-156.html (ein bisschen vereinfacht)

4. Rezeptionssteuerung

ist ein Wort, das noch schlauer als „Leserlenkung“ klingt, genauso locker verwendet und genauso wenig definiert wird.

5. Und jetzt bitte ich jeden, der es weiß, mir zu sagen, was man im Sinn der Abi-Aufgabenstellung unter Leserlenkung versteht und welche Aspekte man dabei beachten muss (also: bitte ein Liste, ein Merkblatt…).

P.S. Ich habe noch die Zusammenfassung einer Arbeit gefunden, welche die Leserlenkung in SPIEGEL und FOCUS untersucht (Kerstin Vollmer: SPIEGEL und FOCUS: Mittel der Leserlenkung, 1998):

„Die vorliegende Arbeit abschließend, können in den untersuchten SPIEGEL-Texten zwei große Tendenzen der Leserlenkung beobachtet werden. Zum einen unterrichtet der SPIEGEL den Leser umfassend und fundiert zu einem Thema, wie im Kapitel zum Informationsgehalt festgestellt. Schon einzelne Sätze sind oft durch ihren komplexen Bau und ihre ausgebauten Satzglieder stark informationshaltig. Phänomene und Ereignisse werden nicht isoliert betrachtet, sondern in einen größeren Zusammenhang eingeordnet, so daß der Gesamttext in der Regel ein stark kohäsives und kohärentes Ganzes bildet. Dabei besitzt der Schrifttext und mit ihm das Werkzeug der Sprache das entscheidende Gewicht, während weitere Artikelelemente wie Bilder und Graphiken, die der Veranschaulichung und Verlebendigung dienen, insgesamt von sekundärer Bedeutung sind. Interesse und Aufmerksamkeit für den Schrifttext wecken nicht zuletzt auch Überschrift, Einleitung und Bildunterzeilen, die in der Regel nicht aus sich selbst verständlich sind, sondern auf ihn rekurrieren. Der SPIEGEL-Verfasser lässt häufig seine Bewertung eines Sachverhalts oder einer Person durchblicken, zuweilen in der drastischeren Form der herablassenden Geringschätzung; da der Leser insgesamt aber detailliert zum Thema informiert und zum selbständigen, mündigen Mitdenken angeregt wird, kann allgemein angenommen werden, dass er ein eigenes Urteil zu bilden fähig ist. Zum zweiten zeigen SPIEGEL-Artikel das Bemühen um Lebendigkeit und Originalität in der Darstellung. Diese Neigung, dem Leser mit Hilfe verschiedener Stilmittel eine interessante, spannende Lektüre zu gewähren, führt häufig dazu, dass Kriterien der journalistischen Seriosität wie Neutralität und Authentizität unbeachtet bleiben, zugunsten einer plastischen, menschliche Differenzen und Konflikte betonenden Darstellung. Diese Tendenz ist so bestimmend, dass auch oder gerade subjektive, unausgewogene Bewertungen, sowie im speziellen Fall Verspottung und Diskreditierung einer Person, der Brisanz und dem Kontrastreichtum einer SPIEGEL-„Story“ dienen. Die Neigung zur spektakulären, lebendigen, auch emotional gefärbten Wiedergabe von Themen weisen die untersuchten FOCUS-Artikel noch stärker auf, da dem Leser das Verständnis der Inhalte leichtfallen und die Lektüre kurzweilig und vergnüglich erscheinen soll – auf Kosten einer tiefgründigen Darstellung allerdings. Einzelne Themen werden meist kurz abgehandelt; über das aus der Tagespresse Bekannte hinaus erfährt der Leser selten etwas Neues, schon gar nicht hinsichtlich unbekannter Ursachen und größerer Zusammenhänge. Leserlenkung ergibt sich folglich daraus, dass der Leser selten umfassend und aus verschiedenen Blickwinkeln unterrichtet wird, so dass er sich seine eigene Meinung aus nur eingeschränkter Kenntnis des Themas bildet. Auf der Ebene der Syntax, der Textlinguistik oder ferner hinsichtlich der Bildunterzeilen [fällt, N.T.] im FOCUS weiter auf, dass einzelne Informationen eigene isolierte Einheiten darstellen, damit sie der Leser möglichst schnell und griffig als wichtig erkennen und rezipieren kann. Im Gesamttext stehen daher die verschiedenen Aussagen oft zusammenhangslos nebeneinander. Bilder und Graphiken sind ebenfalls selbständige „Informationshäppchen“, denen besondere Bedeutung zukommt, da sie relativ großen Raum einnehmen, weitere Aspekte des Themas ansprechen und vor allem optische Abwechslung bieten. Der Hauptakzent liegt damit nicht auf dem Schrifttext, wie im SPIEGEL, sondern auf der Kombination der „Puzzleteile“ von Wort, Graphik und Bild. Gerade auf Variation und Auflockerung der Textgestaltung legt der FOCUS Wert, was sich an der großzügigen Verwendung visuell auffälliger Mittel wie Fettdruck oder Majuskeln erkennen lässt, die zudem signalisieren, dass der Verfasser die jeweiligen Inhalte als zentral für den Wissensstand des Lesers ansieht. Neben der Oberflächlichkeit in der inhaltlichen Argumentation und der sprachlichen Gestaltung, die zuweilen zur bloßen Auflistung von Informationsbruchstücken führt und die tiefgründige Analyse eines Sachverhalts und seine Einordnung in einen Gesamtkontext ausschließt, werden Themen auch deshalb nicht authentisch vermittelt, da persönliche Bewertungen des Verfassers oft in die Darstellung einfließen. Seine Einschätzungen dienen schon daher nicht der angemessenen Interpretation und Gewichtung eines Themas, da sie häufig nur mit Formulierungen scheinbar belegt werden, die der sprachlichen und gedanklichen Klarheit und Präzision entbehren und keine eindeutige inhaltliche Aussage enthalten. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass FOCUS und SPIEGEL gravierende Unterschiede aufweisen bei der sprachlichen und gestalterischen Themenbearbeitung und der Ausrichtung auf bestimmte Zielgruppen. Diese Differenzen resultieren aus einem unterschiedlichen journalistischen Selbstanspruch – das Wichtigste in Kürze und „News to use“ im FOCUS, demokratische Kontrollfunktion im SPIEGEL. Gleichwohl lässt sich aber übereinstimmend die bedenkliche Tendenz der Leserlenkung erkennen, Authentizität und Wahrhaftigkeit in der Wiedergabe von Informationen vor den Anforderungen an eine angenehm lesbare, spannende Darstellung zurückzustellen.“ Na, ja.

6. Fazit: Die Begriffe sind unklar, sie umfassen die beiden (oder drei?) Aspekte der Lenkung der Aufmerksamkeit und des Verstehens wie auch der Beeinflussung des Lesers (wird diese nicht unter dem illokulitonären Aspekt des Sprechens erfasst?). „Leserlenkung“ gehört also in die Rhetorik im weiten Sinne.

 

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