Zentralabitur Deutsch NRW 2013 – Gk, 3. Thema

Analyse eines Sachtextes mit weiterführendem Schreibauftrag

1. Einen Auszug aus Rudi Keller: Ist die deutsche Sprache vom Verfall bedroht?, analysieren; dabei berücksichtigen, „mit welchen Argumenten, Beispielen und weiteren Formen der Leserlenkung der Autor seine Position vertritt“.

2. a) Erläutern, in welchen gesellschaftlichen Kontexten und aus welchen Gründen sich Sprache verändert; b) sprachpflegerische Argumente darstellen; c) zu Kellers Position begründend Stellung nehmen.

A) Der Text ist zwar relativ lang, aber leicht verständlich. Die Aufgabenstellung operiert mit dem Begriff „Leserlenkung“ (= Rezeptionssteuerung?), für den man bei google bloß Beispiele findet, der also sachlich unscharf ist. Die Aufgabenstellung setzt voraus, dass Argumente und Beispiele bereits Teil der Leserlenkung sind – es bleiben also eigentlich nur rhetorische Aspekte als „weitere Formen“ der Leserlenkung übrig.

Bei der 2. Teilaufgabe ist unklar, wie viele Kontexte/Gründe man anführen muss, um die volle Punktzahl zu bekommen. Es liegt wieder eine ‚und-Aufgabe’ vor: Die gesellschaftlichen Kontexte sind sachlich von den Gründen nicht zu unterscheiden. – Was „Kellers Position“ ist, ist unklar: Ist das seine allgemeine These (Z. 1 f.) oder seine Erklärung des neuen Pronomens „sone“?

B) Lösungserwartung: Die Ausgangsthese steht, kursiv gesetzt, sicher in Z. 1 f.; Z. 5 f. ist nur deren Anwendung.

Der argumentative Aufbau des Textes wird recht locker beschrieben; was der harte Kern (Metapher!) ist, weiß niemand. – Die Formen der Leserlenkung sind vage ermittelt, was bei einem so unklaren Begriff auch nicht verwundert. Die reflektierte Schlussfolgerung bekommt diesmal 5 Punkte, weil die noch übrig waren – die Willkür bei der Bewertung des Schlusses („Deutung“ oder „reflektierte Schlussfolgerung“) ist beachtlich.

Die Stellungnahme läuft entweder auf Schwätzen hinaus oder überfordert die Schüler: Dem Linguisten Keller sind sie hoffnungslos unterlegen, also können sie nur die in 2.b) aufgezählten Argumente irgendwie gegen Kellers Ausgangsthese abwägen.

Ein exzellenter Schüler fände heraus, dass „Sprachverfall“ ein wertender Begriff, „Sprachwandel“ aber ein deskriptiver Begriff ist – Kellers „Position“ (was auch immer sie sein mag) ist mit einer Wertung überhaupt nicht zu treffen, da er sich auf eine Diskussion über Bewertung des Sprachwandels nicht einlässt. Die Aufgabensteller haben das aber nicht bemerkt und schicken die Schüler deshalb in eine Quasselbude: „Nun argumentiert mal schön!“ Es zählt alles, ob man dafür oder dagegen ist oder „klug“ abwägt – begriffliche Schärfe wird im NRW-Abitur nicht eingefordert.

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