Textbegriff, Textlinguistik – Gedichte als Texte verstehen

Text
1. Definition
Ein Text ist eine komplex strukturierte, thematisch wie konzeptuell zusammenhängende sprachliche Einheit,
mit der ein Sprecher eine sprachliche Handlung mit erkennbarem kommunikativem Sinn vollzieht.
(A. Linke/M. Nussbaumer/P.R. Portmann: Studienbuch Linguistik. 5. Aufl. 2004, S. 275)
Ingrid Schröder („Textlinguistik“) benennt dazu folgende textkonstitutive Elemente:
1. die Kommunikationssituation (mit Sprecher / Hörer; die Situation; der Handlungsbereich, in dem der Text eingesetzt wird; das Medium der Verbreitung);
2. die Textfunktion;
3. das Thema, die Themenstruktur und die thematische Entfaltung
4. die Kohärenz und die Kohäsion des Textes (sowie die Mittel, die herzustellen)
[die Kohärenz berührt sich mit dem Thema: der Zusammenhang in der Tiefe des Textes, und mit der Textfunktion].
2. Definition
Kommunikation erfolgt „in Äußerungen verschiedenster Größe, die in die Situation und den Kontext eingebettet und über die Satzgrenze hinaus verbunden sind. Wir nennen solche Äußerungen Texte.“
(Harro Gross: Einführung in die Linguistik, München 1998, S. 131)
Die Bezeichnung „Äußerung“ ist für uns hilfreich, weil sie nach dem sprachlichen Handeln des Sprechers fragen lässt und eine Strukturierung der Äußerung auch auf der Ebene des sprachlichen Handelns nahelegt.

Gedichte als Texte
Wenn man prüft, inwiefern man ein Gedicht in dem Sinn als Text verstehen kann, ergibt sich Folgendes:
1. Da Gedichte fiktionale Texte sind, gibt es bei ihnen keinen Handlungsbereich, eine Textfunktion nur mit Einschränkungen [Funktion für den Leser / Hörer].
2. Die Einbettung in einen Kontext ist problematisch – Kontexte werden vom Leser über die Äußerung hinaus hergestellt (die literarische Epoche, die Entstehungszeit, das Leben des Autors, der Gedichttypus).
3. Umso wichtiger ist es, die Äußerung, ihre Struktur und ihr Thema genau zu erfassen.
4. Ein Gedicht ist ein Text, das ein Klanggebilde ist: Die Äußerung wird auch durch gegebene Elemente des Klangs sowie durch den Rhythmus bestimmt; diese müssen zur gesamten Äußerung in Beziehung gesetzt und im Hören bzw. lauten Sprechen „verwirklicht“ werden.
Es gibt keine zwingende und narrensichere Methode, das Thema (die Kohärenz) sicher zu erfassen: „Keine Satzfolge ist davor geschützt, als Text verstanden zu werden.“ (A. Linke u.a.: Studienbuch Linguistik, 2004, S. 277) Umso sorgfältiger muss man die fiktive Kommunikationssituation, das sprachliche Handeln und die thematische Entfaltung und Strukturierung zu bestimmen suchen. Mit dieser Aufgabe befassen wir uns jetzt.

Wodurch wird der Zusammenhang (Kohäsion) auf der Oberfläche des Textes hergestellt?
1. Rein formal durch
– Prowörter, die auf andere Elemente verweisen (Pronomen; Proadverbien, z.B. dort, jetzt; Pronominaladverbien, z.B. womit, wobei);
– durch Konjunktionen;
– durch rückwärts oder vorwärts weisend Ausdrücke (daher, dies / folgende).
2. Die Kohäsion wird durch Übereinstimmung verschiedener Elemente in bestimmten semantischen Merkmalen hergestellt – dazu unten mehr.
3. Die pragmatische Fundierung entfällt bei fiktionalen Texten weithin.

Isotopie ist die Hauptform, wie ein Bedeutungszusammenhang zwischen  den Gliedern eines Textes hergestellt werden kann:
1. Bedeutungsgleichheit von Wendungen (bei wörtlicher Wiederholung);
2. Bedeutungsähnlichkeit (Synonymie: Auto / Wagen);
3. Über- und Unterordnung (Weide / Gehölz / Pflanze);
4. Nebenordnung unter einen Oberbegriff (Apfel, Birne, Pflaume / Obst);
5. Bedeutungsgegensatz (Antonymie: weltlich / heilig);
6. Umschreibung (Paraphrase: Sonnentau / fleischfressende Pflanze)
7. die bereits genannten Prowörter;
8. syntaktische Ellipsen (Prädikat fehlt, das aus dem oder einem vorigen Satz wird als gültig vorausgesetzt).
Im „Studienbuch Linguistik“ wird behauptet, dass die Idee der Isotopie in didaktischer Hinsicht einen guten Zugang zu literarischen Texten eröffnet, weil man so Texte bewusster betrachte; in linguistisch-wissenschaftlicher Hinsicht sei das Konzept problematisch, weil nicht hinreichend scharf.

Schließlich sind die Indikatoren zu nennen:
1. die Artikelformen (unbestimmter / bestimmter Artikel: Der bestimmte Artikel zeigt an, dass über diesen „Gegenstand“ bereits gesprochen worden ist oder dass er in der Situation als bekannt vorausgesetzt wird; so kann in fiktionalen Texten die Situation erst erzeugt werden.);
2. Tempora und Modi des Verbs – sie zeigen, wie der Sprecher Teile seiner Äußerung verstanden wissen will [ein großes Gebiet, auf das hier nur hingewiesen werden kann];
3. Varianten der Wortstellung im Satz, wodurch anzeigt wird, was als „das Neue“ (Rhema) eines Satzes zu verstehen ist;
4. die Intonation – sie muss im gedruckten Gedicht vom Leser hergestellt werden.

Vertextungstypen (Studienbuch Textlinguistik: „Vernetzungsmuster“, S. 269 ff.) und Konnektoren
Neben den durch Konjunktionen hergestellten bekannten Verbindungen (kausal, konditional, auch temporal usw.) sind zu nennen:
1. Spezifizierung: Fortschreiten vom Allgemeinen zum Besonderen;
2. Verallgemeinerung: Fortschreiten vom Besonderen zum allgemeinen;
3. Steigerung (Klimax).

[Ingrid Schröder (Uni Hamburg, WS 2006/07) nennt noch verschiedene Arten der thematischen Entfaltung:
* deskriptiv: Teilthemen werden dargestellt und geordnet;
* narrativ: Es wird ein ungewöhnliches Ereignis erzählt, mit Auflösung, möglicherweise mit Bewertung und „Moral“;
* explikativ: Es wird etwas erklärt;
* argumentativ: Es werden Argumente vorgetragen.]

Was hier noch nicht berücksichtigt ist, sind Möglichkeiten der Strukturierung eines Themas. „Studienbuch Linguistik“ erwähnt Hauptthema / Subthemen mit Nebenthemen;
ich schlage vor, diese Strukturierung unter dem Stichwort „Aufbau“, welcher eng an das sprachliche Handeln angebunden wird, zu erfassen. Dazu habe ich in diesem Blog einen Aufsatz geschrieben.

Das einzige sonst auftauchende Problem, das sich beim Gedicht nicht stellt, ist die Frage der Textabgrenzung: Das erste Wort und das letzte Wort sind die Grenzen; die Überschrift stammt vom Dichter (manchmal auch aus der Tradition, z.B. bei Goethe: Willkommen und Abschied, so der Titel 1810; „Willkomm“ hieß es 1789, die erste Fassung 1775 war ohne Titel, also ohne Überschrift).
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Das die Situation umgreifende gemeinsame Wissen
ist für jede Kommunikation erforderlich; bei fiktiven Gesprächspartnern muss man es mühsam ermitteln. Man kann hier darauf hinweisen, dass es die Kenntnis von frames (Situationen: was gehört zu einem normalen Bauernhof) und scripts (Handlungsabläufe: was man tut im Bad tut, ehe man zu Bett geht) gibt; dieses Wissen muss man auch beim Sprecher und Hörer voraussetzen – und dann darauf achten, wo vielleicht das normale Wissen unterlaufen oder gestört wird.
http://phil.muny.cz/data/NJII_275/Text%20und%20Satz.doc http://www.lingue.uniba.it/dag/pagine/personale/sasse/sasse_lingua02_unit11.doc
http://www.slm.uni-hamburg.de/ifg1/Personal/Schroeder/Seminarmaterial/WS-06-07/Sem_II/II_Textlinguistik.pdf
Aufsätze von mir:
https://norberto68.wordpress.com/2011/02/14/bestimmtes-unbestimmtheit-text/
https://norberto68.wordpress.com/2011/01/12/text-koharenz-thema/
Am 20. Okt. 2012 geprüfte Links:
http://www-user.uni-bremen.de/~schoenke/tlgl/tlgl.html (Glossar: ausführlich, E. Schoenke)
http://www.glottopedia.de/index.php/Textlinguistik
http://www.teachsam.de/deutsch/d_lingu/txtlin/txtlin_0.htm (Übersicht, „alles“ bietend, daher verwirrend)
http://www.uni-potsdam.de/u/slavistik/vc/rlmprcht/textling/skripte/skr_00.htm (Skripte, 2000)
http://www.huberoliver.de/archive/seminar03/papers.html (Proseminar 2003, papers)
http://hispanoteca.eu/Lexikon%20der%20Linguistik/t/TEXT%20%20%20Deutsche%20Zitate.htm (gute Übersicht, nach Brinker)
http://www.fask.uni-mainz.de/inst/iaspk/Linguistik/Textlinguistik/Textualitaet.html http://santana.uni-muenster.de/Linguistik/user/steiner/semindex/semindex.html (Semantik und Pragmatik – gut!)
http://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.html (ausführlich)
http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/3163/pdf/Strukturelle_Semantik.pdf (Analyse, vorgeführt an einem Gedicht Benns: Orphische Zellen)

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Text – Kohärenz – Thema

Die Frage nach Thema und Themenentfaltung in einem Text, damit die nach Aufbau und Struktur eines Textes wird heute in der Textlinguistik bzw. Textsemantik behandelt. Links zu Einführungen in die Textlinguistik findet man unten; als Einführung in die Probleme der Textstruktur diene http://www.glottopedia.org/index.php/Textstruktur. Es dürfte klar sein, dass man den Aufbau eines Gedichtes nicht erfasst, wenn man bloß die Strophen (und Verse) zählt, obwohl das oft in den Lösungserwartungen bei zentralen Prüfungen zu finden ist (und so die Inkompetenz der Prüfer bezeugt).

Vor einigen Jahren habe ich einen Artikel geschrieben, den ich hier als bekannt voraussetze: https://norberto68.wordpress.com/2011/02/13/textbegriff-textlinguistik-gedichte-als-texte-verstehen/, vgl. auch diesen älteren Artikel über den Aufbau von Gedichten.

Auf der Basis dieser drei Artikel sollte man das lesen, was im Folgenden vorgestellt wird:

1. Eine Übersicht gibt folgender Auszug aus dem Artikel „Textanalyse“ in der Glottopedia: „Im Mittelpunkt von Textanalysen steht häufig das Textthema, allerdings bei unterschiedlichem Themaverständnis.
So geht Daneš in seinem bereits 1970 vorgestellten Analysemodell von der Thema-Rhema-Gliederung aus und bezieht den Themabegriff auf Satzthemen (Daneš 1978 (1970)). Deren Abfolge in benachbarten Sätzen und die Relationen zwischen ihnen in Satzsequenzen klassifiziert Daneš als Typen der thematischen Progression.
Nach Brinker signalisiert der Text als Ganzes eine erkennbare kommunikative Funktion (Brinker 1992 (1985): 17), der das Hauptthema eines Textes am stärksten entspreche, von dem sich die Nebenthemen ableiten lassen (52). Unter thematischer Entfaltung versteht Brinker die gedankliche Ausführung des Themas, die durch kommunikative und situative Faktoren gesteuert wird (56). Bei der Analyse des Themas ist nach Brinker eine Orientierung an der Wiederaufnahmestruktur (als grammatischer Trägerstruktur thematischer Zusammenhänge) möglich (40 f, 52).
Für Lötscher ist der Text eine Handlung zur Beseitigung eines Defizits (Lötscher 1987: 81 f, 125) und das Thema eines Textes ein defizitäres Objekt, dessen Mangel durch die Themenbehandlung behoben werde (83 f). Der Mangel z. B. eines argumentativen Textes bestehe in der nicht vorhandenen Akzeptanz einer Proposition (83 f). Bei Analysen der Themenstruktur beschreibt Lötscher verschiedene Möglichkeiten der Themenverknüpfung (149 ff).
Nach Klein und von Stutterheim kann ein Text als Antwort auf eine (explizite oder implizite) Frage, die Quaestio des Textes verstanden werden, die dessen globale und lokale Struktur bestimme (Klein & von Stutterheim 1992: 69 ff). Der Textaufbau unterliege globalen Beschränkungen, die aus der komplexen Gesamtvorstellung resultieren (69) und sich auf den Inhalt beziehen, aber auch die Möglichkeiten bei der Wahl sprachlicher Mittel verringern (79).
Greimas (1971 (1966)) und Rastier (1974 (1972)) schlagen für Textanalysen die Beschreibung von Textisotopien und Isotopierelationen im Text vor. Weinrich (1978) erklärt Textpartituren, indem er die Verben eines Textes unter grammatischen Aspekten untersucht.
Kintsch und van Dijk untersuchen in ihrer Propositionsanalyse Texte als Gefüge von Propositionen, zwischen denen bestimmte Relationen bestehen. Sie nehmen auch Makropropositionen an, die die Hauptaussagen der Texte repräsentieren (Kintsch & van Dijk 1978: 372). Über die Erweiterung der Propositionsanalyse um ein Situationsmodell entwickeln van Dijk und Kintsch ein Strategiemodell, nach dem sich das Textverstehen aus der Interaktion der Textverwender mit den Texten ergibt (van Dijk & Kintsch 1983: 362). Ziel komplexer Textverstehensstrategien ist die Konstruktion einer Textbasis (11).“

2. Aus dem Seminar Textlinguistik (Dr. Oliver Huber, LMU München SoSe 2003) haben E. V. und T. S. Folgendes referiert:

I. Thematische Entfaltung
„[…] die gedankliche Ausführung des Themas […]“ (Brinker 2001, 61) Grundformen thematischer Entfaltung:

1.    Die deskriptive Themenentfaltung –    ein Thema wird in seinen Komponenten dargestellt und in Raum und Zeit geordnet → die
wichtigsten thematischen Kategorien sind Spezifizierung und Situierung –    verschiedene Ausprägungen:
ein einmaliger Vorgang, ein historisches Ereignis wird bezeichnet (zeitlicher Ablauf) . Vergangenheitstempora, Temporal- und Lokalbestimmungen
ein als regelhaft dargestellter Vorgang wird bezeichnet . Handlungsverben, absoluter Infinitiv, Artikellosigkeit
ein Lebewesen oder ein Gegenstand wird bezeichnet . durchgehende Wiederaufnahmestruktur
–    Textsorten: informative Texte (Nachricht, Bericht, Lexikonartikel, wiss. Abhandlung…), instruktive Texte (Gebrauchsanweisungen, Bedienungsanleitungen, Kochrezepte…), normative Texte (Gesetz, Vertrag, Vereinbarung, Testament…)

2.    Die explikative Themenentfaltung –    H-O-Schema (Modell der wiss. Erklärung von C. G. Hempel & P. Oppenheim):
. „[…] erklärt der Wissenschaftler einen Sachverhalt („Explanandum“ genannt, d.h. das zu Erklärende) dadurch, dass er ihn aus bestimmten anderen Sachverhalten, die man zusammen als das „Explanans“ (d.h. das Erklärende) bezeichnet, logisch ableitet.“ (Brinker 2001, 70)
. das Schema ist in konkreten Fällen oft nur implizit und unvollständig realisiert –    in explikativen Texten: Konjunktionen, Adverbien und Präpositionen
–    Textsorten: Texte, die eine Erweiterung des Wissens bezwecken (Lehrbuch, populärwiss. und wiss. Text)

3.    Die argumentative Themenentfaltung [nach dem Argumentationsmodell Toulmins]:
* sechs relationale logisch-semantisch definierte Kategorien:
These/Konklusion; Datum/Argument; Schlussregel; Stützung der Schlussregel; Modaloperator; Ausnahmebedingung
* dazu wären zwei Kategorien hinzuzufügen: Einbettung (typisch für Kommentare, ordnet die These in einen bestimmten Kontext ein) und Wertbasis (die Argumentation beruht darauf)

(http://www.huberoliver.de/archive/seminar03/papers/Textsemantik.pdf)

3. In ihrer Einführung in die Textlinguistik schreibt Ingrid Schröder:

5. Das Thema
Als Thema eines Textes kann die komprimierteste Fassung des Textes angesehen werden. In einem    Text    werden    zentrale    Textgegenstände    immer    wieder    aufgenommen (Schlüsselbegriffe). Dadurch kann das Thema erschlossen werden. Jeder Text hat ein Hauptthema, aus dem wiederum Nebenthemen ableitbar sind.
Das Thema kann auf verschiedene Weise ausgeführt werden. Man kann etwas beschreiben (ein Bild, einen Gegenstand), man kann etwas erzählen (ein Erlebnis, eine Begebenheit), man kann etwas erklären (einen Vorgang, die Funktion einer Maschine), man kann Argumente vorbringen. Die Ausführung des Themas wird als thematische Entfaltung bezeichnet. (a) deskriptive Themenentfaltung: Ein Thema wird in seinen Komponenten (Teilthemen) dargestellt und in Raum und Zeit eingeordnet. Die wichtigsten thematischen Kategorien sind also Spezifizierung (Aufgliederung) und Situierung (Einordnung). (b) narrative Themenentfaltung: Ein Thema wird durch ein abgeschlossenes singuläres Ereignis repräsentiert. Zentrale thematische Kategorien sind „Komplikation“ (Darstellung eines [ungewöhnlichen] Ereignisses), „Resolution“ (Auflösung der Komplikation), „Evaluation“ (Bewertung des Ereignisses), „Orientierung“ (Angaben zu Ort, Zeit, Personen), „Koda“ (Moral, Lehre). (c) explikative Themenentfaltung: Ein Sachverhalt (Explanandum) wird aus einem bestimmten anderen Sachverhalt (Explanans) logisch abgeleitet. Das Explanans besteht aus Anfangs-/ Randbedingungen und allgemeinen Gesetzmäßigkeiten. Eine explikative Themenentfaltung liegt immer vor, wenn die Einteilung in Explanandum (das, was erklärt werden soll) und Explanans (das, was erklärend ist) erkennbar/rekonstruierbar ist. (d) argumentative Themenentfaltung: Der Emittent begründet eine Behauptung/These (Konklusion), die das Textthema repräsentiert, durch Argumente. Die Begründung wird durch eine allgemeine hypothetische Aussage gerechtfertigt (wenn die Daten x, y, z gegeben sind, dann ist anzunehmen, daß die Konklusion wahr ist). Die Begründung wird durch Aussagen gestützt. Ausnahmebedingungen für die Begründung werden angegeben.

6. Textkohärenz/-kohäsion
Die Einheit des Textes, die durch inhaltliche und formale Gestaltung gewährleistet wird, können wir als Kohärenz bzw. Kohäsion des Textes bezeichnen. Kohärenz und Kohäsion bezeichnen    Verknüpfungen    auf    unterschiedlichen    Ebenen    des    Textes.    Die Oberflächenstruktur besteht in den Bestandteilen eines Textes, die unmittelbar sichtbar oder hörbar sind. Finden wir hier in ausreichendem Maße sprachliche Mittel grammatischer oder semantischer Art, die einen Textzusammenhang herstellen, so sprechen wir von der Kohäsion des Textes. Die Tiefenstruktur eines Textes umschließt die konzeptuelle Basis des Textes. Die Verknüpfung erfolgt hier nicht über konkrete sprachliche Mittel, sondern über Konzepte, die sowohl unser allgemeines Wissen über Texte als auch unser außersprachliches Weltwissen einschließen. Der Zusammenhalt eines Textes, der in der Tiefenstruktur angelegt ist, wird als Kohärenz bezeichnet. Ein Text kann daher auch definiert werden als eine kohärente Folge von sprachlichen Einheiten, wobei kohäsive Mittel die materielle Verbindung zwischen einzelnen sprachlichen Elementen herstellen. Als kohäsive Mittel sind vor allem Verweise und Wiederaufnahmen (Anaphern, Substititutionen, Wiederholung von lexikalischen Elementen) zu nennen. Wir können zwei Kohärenzkonzepte unterscheiden: einmal globale Zusammenhänge, wenn sich alle Textteile auf ein gemeinsames Thema beziehen lassen, und auf der anderen Seite lokale Zusammenhänge, die gegeben sind, wenn aufeinanderfolgende Teile verknüpft sind (Thema-Rhema- Konzept, Isotopie-Konzept, thematische Entfaltung).

(http://www.slm.uni-hamburg.de/ifg1/Personal/Schroeder/Seminarmaterial/WS-06-07/Sem_II/II_Textlinguistik.pdf)

4. In der Folie „Textlinguistik“ (Gross01) findet man Folgendes:

… die Thema-Rhema-Gliederung im Text. DANEŠ hat versucht, die TRG auf den Textrahmen auszudehnen und verschiedene Typen der Verkettung und Hierarchie von Themen und Rhemen nachzuweisen. Er unterscheidet dabei 5 Haupttypen:
1) Die einfache lineare Progression besteht darin, daß das Rhema des vorangehenden Satzes zum Thema des folgenden wird usw.
Beispiel (Märchenanfang):
* R1    Es war einmal ein König, =12 -~ R2    der hatte einen großen Wald.
=13 -~ R3 Darin lief Wild aller Art herum.
2) Die Progression mit einem durchlaufenden Thema leitet von ein und demselben Thema nacheinander mehrere Rhemen ab. Beispiel (Biographie):
~ R1    Einstein wurde 1879 geboren.
=T~R2    Er erhielt 1921 den Nobelpreis. 4‘
= T~ -~ R3    Er emigrierte 1933 in die USA.
3) Die Progression mit von einem Hyperthema abgeleiteten Themen erscheint ähnlich, nur sind die Themen nicht identisch, sondern stellen verschiedene Aspekte eben des Hyperthemas dar. Beispiel (Lexikonartikel):
(HT) (Geographie der Schweiz) Die Schweiz liegt in Mitteleuropa.
-~ R2 Ihre Fläche beträgt 41300 qkm. 13 4 R3 Die Einwohnerzahl ist 6,3 Mb.
4) Das Entwickeln eines gespaltenen Themas aus einem Rhema. Diese Progression stellt eine Variante zum Typ 1 dar. Beispiel (medizinischer Fachtext): ~    R1 (= Rj + Rj~) Es gibt verschiedene Virenarten. 4,
= T~ -* R~ 1    P-Viren sterben in trockener Luft.
=    T~ R~ G-Viren dagegen passen sich an.
5) Die Progression mit einem thematischen Sprung hat DANEŠ nur angedeutet. Sie ist äußerst häufig und könnte als “Text-Ellipse“ bezeichnet werden, da sozusagen das Zwischenstück einer linearen Progression ausgelassen wird.
Beispiel (Alltagssprache): Ii ~ R1    Gestern war eine Hochzeit.
— — — —    «Hochzeit (impliziert Braut)) 12 4 R2 Das Brautkleid war aus purer Seide.

Bemerkungen: Die klare Trennung von Typ 2 (durchlaufendes Thema) und Typ 3 (von einem Hyperthema abgeleitetes Thema) scheint problematisch. Man kann nämlich einerseits jedes durchlaufende Thema auch als Hyperthema verstehen bzw. andererseits Texte mit einem Hyperthema oft so umformen, daß ein durchlaufendes Thema entsteht, z.B. den obigen Beispieltext über die Geographie der Schweiz:
Die Schweiz liegt in Mitteleuropa
4‘ Sie ist 42300 qkm groß.    I~
4,
Sie hat 6,3 Millionen Einwohner.
T~    -~ ~
Ii ~
Auch Typ 4 (gespaltenes Thema) weist auf Typ 3 (von einem Hyperthema abgeleitetes Thema), denn das Rhema des ersten Satzes wird nachträglich zum Hyperthema der gespaltenen Themen in den Folgesätzen. (Übrigens tritt auch sehr häufig ein konkret gespaltenes Rhema auf.) Schließlich ist auch Typ 5 (Progression mit thematischem Sprung) eindeutig eine Variante zur linearen Progression.
Somit lassen sich eigentlich nur 2 Haupttypen festmachen, nämlich die lineare und die durchlaufende Progression.
lineare Progression <- thematischer Sprung
durchlaufende Progression <-  gespaltenes Thema  /  Thema aus Hyperthema
Themen-Kategorien: Um die Identifizierung von Themen zu erleichtern, hat BENEŠ vorgeschlagen, dabei folgende 4 Kategorien zu unterscheiden: 1) Elemente mit Bezug auf ein Hyperthema (HIE, siehe Typ 3), 2) Topikpartner in Nachbarsätzen (TP, direkte Wiederaufnahme), 3) der Ertrag aus dem vorhergehenden Satz (ERT, Kommentierung), 4) Situativa (SIT, zusätzliche Raum- und Zeit-Angaben).
Beispieltext (aus einem Geschichtslehrbuch): Im Jahre 501 v.u.Z. (SIT) teilte Kleisthenes (HIE) Attika (HTE) in zehn Phylen. Zu jeder Phyle (TP) gehörten Angehörige aller Vermögensgruppen. In keiner Phyle (TP) waren die Aristokraten (HIE) in der Überzahl. Dadurch (ERT) war ihre Macht sehr eingeschränkt. Als Hyperthema wäre etwa „Athen um 500 v.u.Z.“ anzusetzen.

(http://www2.pfmb.uni-mb.si/old/programi/nem/Germanistik_files/virtual/petric/pdf/textlinguistik/Textlinguistik_Folien/Textlinguistik%20Gross01%20Folie.pdf)

5. In der „Grammatik der deutschen Sprache“, Bd. 1 (Gisela Zifonum u.a., 1997) wird Themafortführung von Themenentwicklung unterschieden (S. 535 ff.). Wenn ein einziges konstantes Thema vorliegt, wird von Themafortführung gesprochen. Bei der Themenentwicklung wird unterschieden: das Splitting, die Subsumtion, die Komposition, die Assoziation und die Reihung von Themen. Beispiele:

Splitting: zwei Frauen, die eine …, die andere …; die Eltern, der Vater …, die Mutter …

Subsumtion: Selma und Luise, die beiden …

Komposition (ein Thema wird durch Behandlung von Subthemen, die es konstituieren, bearbeitet): Frankreich: seine Geschichte, seine Literatur, seine Wirtschaft …

Assoziation: Claudia, ihre Handtasche, ihr Kinobesuch …

Reihung: Es wechseln Themen, die jeweils eigens thematisiert werden. (Wie etwas thematisiert wird, ist S. 513 ff. dargestellt.)

6. In Eva Schoenkes TEXTLINGUISTIK – Glossar (http://www-user.uni-bremen.de/~schoenke/tlgl/tlgl.html) sollte man den Hauptbegriff „Textsemantik“ anklicken und sich von dort aus weiterleiten lassen. Eva Schoenke unterscheidet zwischen thematischer Entfaltung und thematischer Progression:

Thematische Entfaltung: gedankliche und sprachliche Entwicklung eines Themas in einem kohärenten Text mit einer spezifischen Funktion in der Kommunikation
Das Textthema kann nach Brinker in unterschiedlicher Weise entfaltet werden (Brinker 1992: 56 ff).
„Da die Themenentfaltung wesentlich durch kommunikative und situative Faktoren (wie Kommunikationsintention und Kommunikationszweck, Art der Partnerbeziehung, der Partnereinschätzung usw.) gesteuert wird, sind grundsätzlich verschiedene Möglichkeiten der Entfaltung eines Themas gegeben.“ (56)
Brinker erklärt die Themenentfaltung als „Verknüpfung bzw. Kombination relationaler, logisch-semantisch definierter Kategorien [. . .], welche die internen Beziehungen der in den einzelnen Textteilen (Überschrift, Abschnitten, Sätzen usw.) ausgedrückten Teilinhalte bzw. Teilthemen zum thematischen Kern des Textes (dem Textthema) angeben (z. B. Spezifizierung, Begründung usw.)“. (56)
Als „Grundformen thematischer Entfaltung“ (59) nennt Brinker
– die deskriptive Themenentfaltung in informativen, z. T. auch in instruktiven und normativen Texten (Darstellung des Themas in Raum und Zeit; Spezifizierung (Aufgliederung) und Situierung (Einordnung) als wichtigste thematische Kategorien) (59 ff),
– die explikative Themenentfaltung in Erklärungstexten (Erklärung eines Sachverhalts durch logische Ableitungen von Anfangs- oder Randbedingungen und von allgemeinen Gesetzmäßigkeiten) (64 ff),
– die argumentative Themenentfaltung besonders in appellativenTexten (mit Thesen und Argumenten als notwendigen und explizit formulierten Grundlagen und (häufig nur implizit vorhandenen) Schlussregeln und Stützen/Belegen) (68 ff).
– Brinker weist darauf hin, dass in der narrativen Themenentfaltung das Thema „durch ein abgeschlossenes, singuläres Ereignis repräsentiert“ wird (64). Als zentrale thematische Kategorien für die narrative Themenentfaltung nennt Brinker
„Komplikation“,
„Resolution“ (Auflösung der Komplikation) und
„Evaluation“ (64).

Thematische Progression: durch die Beziehungen zwischen Satzthemen bedingter thematischer Textaufbau; Entwicklung von Satzthema-Sequenzen zu textuellen thematischen Zusammenhängen
Der textlinguistische Erklärungsansatz der thematischen Progression geht auf die Thema-Rhema-Gliederung als Modell der Satzgliederung zurück. Diese beruht auf der Annahme einer binären Informationsstruktur des Satzes, nach der beide Teile aufeinander bezogen sind.
Thema und Rhema haben in einem Satz komplementäre Mitteilungsfunktion: das Thema enthält das, über das etwas ausgesagt werden soll, es ist die Ausgangsbasis für die neue Information bzw. für das, was spezifiziert werden soll; zumindest ist das durch das Thema Ausgesagte unter den Sprachverwendern unstrittig (Eroms 1986: 13), es stellt den Bezug zum geteilten Wissen her. Das Thema ist fast immer kontextabhängig (abhängig vom sprachlichen Kontext oder auch vom situativen Kontext oder vom Kontext des geteilten Wissens); daher fungieren die Themen von Satzsequenzen auch textkonstituierend (z. B. durch Wiederaufnahme oder durch Einführung eines neuen Themas).
Das Rhema enthält die neue Aussage, die eigentliche Mitteilung, nach Brinker die im Text neue bzw. vorher nicht erwähnte und nicht aus dem Text ableitbare Information (Brinker 1992: 45).

Die Thema-Rhema-Gliederung des Satzes wird oft durch die Wortstellung signalisiert; das Thema steht in vielen Sprachen grundsätzlich, in anderen häufig am Anfang des Satzes. Nach Beneš wird die Thema-Rhema-Gliederung als „Organisation und Hierarchie der semantischen Einheiten entsprechend ihrem Mitteilungswert“ aufgefasst (Beneš 1973: 44).
Unter der Bezeichnung Funktionale Satzperspektive (FSP) ist das Modell der Thema-Rhema-Gliederung besonders in der Prager Schule als Prinzip der kommunikativ-semantischen Gliederung des Satzes weiterentwickelt worden (vgl. Firbas 1964, 1971, 1984).
Daneš überträgt Untersuchungen zur Thema-Rhema-Gliederung bzw. zur Funktionalen Satzperspektive von der Satzebene auf die Ebene des Textes und erklärt den Textaufbau über unterschiedliche Typen der thematischen Progression (Daneš 1978 (1970): 189 ff).
Haupttypen der thematischen Progression sind danach:
* einfache lineare Progression (elementarster Typ):
das Rhema der ersten Aussage wird Thema der zweiten Aussage, das Rhema der zweiten Aussage wird Thema der dritten usw.
(Beispiel: Herr M. hat drei Söhne.  S i e  wohnen in Bonn.  D i e s e  S t a d t  . . . );
* Progression mit durchlaufendem Thema:
bei einer Reihenfolge von Aussagen hat jede das gleiche Thema mit je einem neuen Rhema.
(Beispiel:  S e i n  ä l t e s t e r  S o h n  heißt Uwe.  E r  ist 27 Jahre alt.  I h m  geht es gut.  U w e  ist  . . . );
* Progression mit Themen, die von einem Hyperthema abgeleitet sind
(Beispiel:  D i e  B u n d e s r e p u b l i k  liegt in Mitteleuropa.  D i e  B e v ö l k e r u n g s z a h l  beträgt  . . .  D i e  B o d e n f l ä c h e  . . .  D i e  W i r t s c h a f t  d e r  B u n d e s r e p u b l i k  . . . );
* Progression eines gespaltenen Rhemas, bei dem das Rhema in mehrere Themen zerlegt wird
(Beispiel: In B. gibt es zwei Universitäten.  D i e  e i n e  liegt im Zentrum der Stadt;  d i e  a n d e r e  . . . );
* thematischer Sprung.
Durch Feststellen dieser und weiterer Typen der thematischen Progression (vgl. Beneš 1973) wird der Textaufbau formal-syntaktisch und gleichzeitig semantisch-inhaltlich analysiert.

7. Auswertung, Bemerkungen, Fortführung

Mit Eva Schoenke sollte man die thematische Progression von der thematischen Entfaltung unterscheiden. Bei der Entfaltung geht es darum, wie das Thema sprachlich behandelt wird; bei der Progression geht es darum, was zusammenhängend (= Thema) geäußert wird. Das Wie ist an elementaren sprachlichen Handlungen orientiert und berührt den Aspekt der Textfunktion und indirekt auch den der Textsorte. In der Duden-Grammatik (8. Aufl., 2009) hat der Begriff der Vertextungsstrategie den früher (6. Aufl.) gebrauchten Begriff der Textfunktion ersetzt; als Vertextungsstrategien werden genannt: beschreiben, erzählen, erklären, argumentieren, anweisen (S. 1147 ff.). Das Thema „Text“ ist dort recht ausführlich behandelt (S. 1057 ff.).

Wenn Brinker vier Arten der thematischen Entfaltung nennt (deskriptiv, explikativ, argumentativ, narrativ), scheint mir das zu eng zu sein; außerdem meine ich, dass „argumentativ“ eine Unterfunktion in verschiedenen Weisen thematischer Entfaltung sein kann. Ich habe einmal versucht, acht verschiedene Grundformen sprachlichen Handelns in Sachtexten zu unterscheiden: mitteilen, berichten, erzählen, beschreiben, erklären, bewerten, fordern (auffordern, bitten, werben), vorschlagen und argumentieren (erörtern). Demgemäß würde ich auch acht Weisen thematischer Entfaltung annehmen (in der Dudensprache: Vertextungsstrategien).

Man sieht, dass die Diskussion gerade erst richtig angefangen hat und dass selbst über die kategorialen Begriffe noch keine Einigkeit besteht. Zur Textlinguistik siehe die Links

http://www.uni-bielefeld.de/lili/personen/gnottbusch/doc/Textlinguistik_01.pdf bis

http://www.uni-bielefeld.de/lili/personen/gnottbusch/doc/Textlinguistik_12.pdf

http://www.uni-potsdam.de/u/slavistik/vc/rlmprcht/textling/skripte/skr_00.htm (Sammlung von Skripten, mit http://www.uni-potsdam.de/u/slavistik/vc/rlmprcht/textling/einf/einf_tl_00_ss00.htm)

http://www-user.uni-bremen.de/~schoenke/tl-info/tldt.html (Übersicht, Stand 2000, ähnlich http://www.glottopedia.org/index.php/Textlinguistik)

http://www.univie.ac.at/ling-plattform/liwi/index.php?title=Mitschrift:Einf%C3%BChrung_in_die_Textlinguistik_VO_(Gruber)_Mitschrift,

zur Textstruktur

http://pubman.mpdl.mpg.de/pubman/item/escidoc:68471:4/component/escidoc:68472/090_1992_Textstruktur_und_referentielle_Bewegung.pdf