Zentralabitur Deutsch NRW 2015, Gk – 2. Thema

Grundkurs Deutsch, 2. Thema:

  1. a) Die Szene I 5 aus Schillers „Kabale und Liebe“ analysieren, dabei auf Gesprächsverlauf, die Sprache und die Handlungsabsichten der Figuren eingehen. b) Die Funktion der Szene im Drama deuten.
  2. a) In einem Safranski-Zitat wird Sekretär Wurm als Verkörperung des Bösen bezeichnet, der Menschen zu lenken verstehe, weil er das Unfreie in den Personen kenne und wisse, wie diese funktionieren. Diese Sicht im Hinblick auf Wurms Umgang mit dem Präsidenten und mit Luise prüfen, b) abschließend dazu Stellung nehmen.

Kommentar:

Die 1. Aufgabe ist eine Standardaufgabe; da das Drama im Unterricht behandelt ist, könnte sie von vielen Schülern bereits bearbeitet worden sein, ein Unding – vgl. etwa https://norberto42.wordpress.com/2012/03/06/schiller-kabale-und-liebe-analyse-wichtiger-szenen/. Rein vom Schreibumfang her würde die 1. Aufgabe für drei Stunden reichen, wenn man sie ordentlich bearbeitet; ich kenne die Lösungserwartung nicht – sie kann nur auf eine Paraphrase hinauslaufen (42 von 72 Punkten: knapp 60%, also 105 Minuten von 3 Stunden). – Die Handlungsabsichten der Figuren, das ist ein psychologisches Konstrukt, welches selber nicht greifbar ist; greifbar sind die sprachlichen Handlungen der Figuren – diesen Begriff kennen die Aufgabenkonstrukteure aber nicht, obwohl es ihn seit 60 Jahren in der Forschung gibt (vermutlich kennen sie dagegen das Hildebrandslied). Ohne den Begriff des sprachlichen Handelns kann man heute keine adäquate Textanalyse betreiben.

Weil das Drama bereits bekannt ist, muss etwas Weiterführendes her: die 2. Aufgabe (wobei das Weiterführende nicht in der These selbst, sondern bloß in der Formulierung Safranskis liegt). Diese ist leicht zu bearbeiten (dass Safranski recht hat, könnte man an III 1 und III 6 zeigen). Die Leistung der Schüler besteht darin, sich an diese Szenen zu erinnern und ein paar Belege für Safranskis These zu finden. Wozu man abschließend noch einmal Stellung nehmen soll, ist mir schleierhaft – es ist bereits alles gesagt und mehr als genug zu schreiben.

Dass eine möglicherweise im Unterricht bereits untersuchte Szene Thema einer Abiturklausur ist, verdankt sich vermutlich dem Slogan von Frau Kraft, kein Kind zurückzulassen – in der gymnasialen Version: „Jeder soll Abitur machen!“ – warum auch nicht? In der übernächsten Legislaturperiode wird dann vermutlich beschlossen, jeder sollte promovieren: NRW könnte Musterdissertationen anbieten, bei denen man nur noch Namen und Geburtsdatum eintragen sowie die Formel unterschrieben muss, man habe die Unterschrift eigenhändig angefertigt; Analphabeten dürfen mit x x x unterschreiben.

P.S.

In der Lösungserwartung zur abschließenden Stellungnahme sind die Aspekte, mit denen Safranskis Sicht relativiert werden kann, gesucht (= an den Haaren herbeigezogen): Dass Wurm etwa eine bestimmte dramaturgische Funktion hat oder dass es im Hause Miller moralisch streng zugeht, spricht doch nicht gegen Safranksis Sicht!

Streng genommen müsste man bei Safranskis Sicht drei Aspekte unterscheiden:

  • dass Wurm das böse Prinzip verkörpert (darüber könnte man eine Doktorarbeit schreiben),
  • dass er andere Menschen instrumentell zu benutzen weiß,
  • dass diese Fähigkeit auf der Kenntnis des Unfreien in den Personen beruht.

Das ergäbe dann eine differenzierte Diskussion; wenn man jedoch wie die Lösungserwartung Safranskis Sicht pauschal als Einheit begreift, kann man sie kaum ablehnen. Man hat für die Lösungserwartung lediglich nach dem Schema pro/contra (vergeblich, aber „mit Erfolg“) relativierende Aspekte gesucht.

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Figurenrede im Drama / Szenenanalyse

1. Eine Figur hat einen Charakter und eine zunächst unbekannte Vorgeschichte, hat Verpflichtungen, hat Pläne. Dieses „Innere“ ist nicht sichtbar, wenn es sich auch äußert (bzw. geäußert wird); das Bild einer Figur wird schrittweise aufgebaut. Sie kann ihr Inneres bewusst zeigen oder verheimlichen, kann sich dabei aber auch selber täuschen. Sie hat außerdem nur ein begrenztes Wissen von dem, was alles geschehen ist und „gegenwärtig“ geschieht, was andere planen – gerade Letzteres weiß der Zuschauer oft besser.
2. In einer Szene trifft sie, außer bei Monologen (wo sie auf sich selber trifft), auf eine oder mehrere andere Figuren, die sich in einer (im weiten Sinn) bestimmten Lage befinden. Wenn eine wichtige Figur ab- oder auftritt, beginnt eine neue Szene, ebenso bei einem Ortswechsel. [Eine Szene ist also eine Einheit, ein Gespräch in einer Abfolge von Gesprächen.] Die Figuren stehen in einem mehr oder weniger klar bestimmten Verhältnis zueinander; sie sind oft in unterschiedlicher Verfassung. Indem Figuren aufeinander treffen, zeigt und ändert sich ihr Verhältnis.
3. Die Figuren handeln, indem sie miteinander sprechen:
– Wer hat das Gespräch herbeigeführt? In welcher Absicht?
– In welcher Situation befinden sich die Figuren gerade?
– Was besprechen sie insgesamt? (Welches Thema? Welche Themen?)
– In welcher Art sprechen sie miteinander? (Anrede, Tonfall, Sprachebene, Stil usw.)
– Wer bestimmt Thema und Gesprächsverlauf (insgesamt bzw. in Abschnitten)? Welche Gesprächsanteile haben die Figuren jeweils?
– Was tun sie im Verlauf des Gesprächs (drohen, bitten, anordnen, berichten, klagen usw.)? [Beachte, wie mit einer Äußerung auf eine vorhergehende Äußerung oder Handlung reagiert wird! Kennst du den Unterschied zwischen Sach- und Beziehungsaspekt? Und den Begriff des Sprechaktes bzw. des sprachlichen Handelns?]
– Hören sie einander zu? Versteht einer den anderen? (Warum nicht?)
– Wer erreicht sein Ziel? (Hierzu sind die Unterscheidungen wichtig: sein Ziel kurzfristig – langfristig, scheinbar – wirklich erreichen.)
4. Das Gespräch hat ein Ergebnis: Änderung des Verhältnisses der Figuren, der gegenseitigen Einschätzung, ihrer Pläne und Vorhaben. (Wie sehen die Figuren selbst die Ereignisse bzw. das Ergebnis – wie der Zuschauer? Gibt es hier Differenzen in Sicht und Wissen?)
5. Das Gespräch (die Szene) steht in einem größeren Zusammenhang: Welche Stellung hat die Szene im Drama: Welche vorhergehenden Ereignisse, Themen, Konflikte werden aufgenommen, fortgeführt, abgeschlossen? Welche kommenden Ereignisse oder Konflikte werden vorbereitet oder angedeutet? (Das weiß man erst am Ende des Dramas!)
Die Analyse aller Szenen und die Untersuchung ihres Zusammenhangs wäre dann die vollständige Dramenanalyse.
(Vgl. auch meine Aufsätze über Figurenkonstellation und dramatisches Geschehen, über Kommunikationsmodelle, über Intonation und Satzmelodie sowie über Dramentypologie und Gesprächsarten!)

Die Sicht des Autors kommt in den Regieanweisungen zur Geltung, und zwar zu Beginn einer Szene wie auch in den Anweisungen zwischendurch, wie die Figuren zu sprechen und sich zu bewegen haben. Schiller hat davon intensiv Gebrauch gemacht: wie unterschiedlich der alte Attinghausen und Rudenz sich kleiden; wie Luise in Ohnmacht fällt; wie ein Mondregenbogen sich zeigt, wie zum Bundesschwur am Rütli die Sonne aufgeht; wie Ferdinand aufspringt oder in Melancholie versinkt…

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* Was du bei der Analyse leisten musst:
Du musst einen Rahmen deiner Erklärung geben, indem du Situation und Handlungsziel der agierenden Figuren darstellst; du musst dann in diesem Rahmen das Gespräch als ganzes, seinen Verlauf und die einzelnen Sprechakte erklären; du musst schließlich die Bedeutung dieses Gesprächs für den Fortgang der Handlung zeigen.

(Es geht also darum, die Reden aus einer Situation zu verstehen; jede Äußerung als Folge einer anderen und als Anlass einer folgenden Äußerung zu begreifen; den Gang des Gesprächs insgesamt zu begreifen und zu erkennen, was dabei herauskommt.)

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Ich möchte auf eine Form der Analyse hinweisen, die mit der Zeitknappheit bei Klausuren rechnet; in dieser Kurzform wird auf die Einzelanalysen verzichtet – man begnügt sich damit, das Gespräch als Geschehen in seinen Phasen oder Abschnitten zu beschreiben. Ich verweise auf die Beispiele der Szenen IV 9 von „Don Carlos“ oder auf Teile von II 7 in „Dantons Tod“, beide unter „Dramen“ in http://norberto42.wordpress.com.
Eine solche grobe Analyse stellt eine große Hilfe für das Verstehen dar, weil sie es verhindert, dass der Blick sich in den Einzelheiten verliert und die Schüler dann sich damit begnügen, den „Inhalt“ des Gesprächs zu wiederholen, zusammenzufassen oder zu paraphrasieren, ohne das Geschehen zu verstehen!
Ein solche Analyse kann auch dazu dienen, mit der Zeitknappheit in Klausuren pragmatisch umzugehen: Entweder verzichtet man auf die Detailanalyse und begnügt sich mit einer Analyse auf der Ebene der Gesprächsabschnitte bzw. –phasen; oder man setzt diese Übersichts-Analyse in Einzelanalysen fort, soweit die Zeit reicht. [Beispiel: In einer von einem Kollegen gestellten zweistündigen Klausur sollten die Schüler „Don Carlos“ IV 9 analysieren und dann noch einen Brief Elisabeths an die Modekar schreiben, mit einer Darstellung des Ergebnisses aus ihrer Sicht – eine objektive Überforderung!] 02/08

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Neue Links (29. Mai 007):

Gesprächsanalyse:
http://www-user.uni-bremen.de/~schoenke/tlgl/glgl.html
http://rechercheportal.de/dc/gespraechsanalyse.php
http://www.uni-oldenburg.de/

Figurenrede im Drama:
http://www.netschool.de/deu/atec/intrpr3.htm (komplex)
http://www.li-go.de/definitionsansicht/drama/
http://de.scribd.com/doc/18171065/Analyse-von-dramatischen-Texten

Drama allgemein:
http://www.uni-bamberg.de/fileadmin/uni/fakultaeten/split_professuren/ndl/ES_NdL_I_2010_Online-Materialien_Dramentheorie_und_-analyse.pdf
http://www.thomasgransow.de/Grundbegriffe/
http://www.schuelerlexikon.de („Literaturgattungen: Dramatik“, speziell u.a. http://www.schuelerlexikon.de/SID/bf715687d772b6d544ef117679deae5e/lexika/literatur/cont/cont0000/cont0031/full.htm#Handlungsschema)
Man kann auch unter den Begriffen „Szenenanalyse“ und „Kommunikation“ im Internet Hilfsmittel suchen, vgl. den Link „Linktipps zu unterrichtlichen Verfahrensweisen“ bei http://www.lehrer-online.de/dyn/9.asp?path=/don-carlos!

Didaktik des Dramas:
http://www.didaktikdeutsch.uni-bayreuth.de/PDF-resources/Wuehrl_SS10_Gemeinsames_Handout__Didaktik_Epik__Drama__024.pdf (letztes Drittel!)
http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_gat/d_drama/drama_dlitun.htm
http://www.ph-ludwigsburg.de/fileadmin/subsites/2b-dtsc-t-01/user_files/gans/drama/dramatik01.htm (für Schüler!)
http://wiki.zum.de/Dramendidaktik (nur Stichworte)

Literaturdidaktik (allgemein):
http://www.fachdidaktik-einecke.de/4_Literaturdidaktik/sem_hauptseite_literaturdidaktik.htm
www.erzwiss.uni-hamburg.de/ Internetseminar/Vorles_Literatur.doc (Übersicht)
http://books.google.com/books?hl=de&id=EvJ1hrfoTcUC&dq=literaturdidaktik (Buch: Rezeptionsästhetische Lit-didkatik)
http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/germ5/service/skripte/sose1997-probleme.html (Lernarregement Drama: PH Ludwigsburg – gut (Probleme der Literaturdidaktik)

Was Szenen – und Dramenanalyse heißt, also wie man so etwas wirklich macht, kannst du an meinen Analysen sehen:
Brecht: Herr Puntila und sein Knecht Matti
Brecht: Leben des Galilei
Büchner: Dantons Tod
Goethe: Faust I
Ibsen: Ein Volksfeind
Lessing: Emilia Galotti
Lessing: Nathan der Weise
Schiller: Don Carlos
Schiller: Kabale und Liebe
Schiller: Wilhelm Tell
Du findest die Analysen bei google unter: http://norberto42.wordpress.com