Bildungspolitik im Fernsehen

Heute Abend (14. Juni 2017) gegen 23 Uhr im WDR eine Sendung über PISA und die Folgen:

Einerseits angeblich wahnsinniger Leistungsdruck, burn out von Schülern usw., es zähle nur die Statistik und nicht das Kind –

anderseits die Klage, die Leistungsansprüche seien gesunken (z. B. Grundwortschatz nach Klasse 4), die Schulleitungen (und Ministerien) übten Druck auf Lehrer aus, gute Noten zu geben (dabei sind die Eltern vergessen, die nach meiner Erfahrung den größten Druck ausüben) …

diesen offenkundigen Widerspruch bemerken die Autoren der Sendung anscheinend nicht. Oder könnte es sein, dass zwar durchaus Druck (von Seiten der Eltern!) besteht, ihr Kind müsse unbedingt aufs Gymnasium, unbedingt die Eins oder Zwei bekommen (und Druck der Ministerien, bessere Noten im internationalen Vergleich zu erzielen), und dass gleichzeitig die Ansprüche an die Leistungen für Note 1 oder 2 sinken? Dass sich also die Wünsche der Politiker und die Wünsche der Eltern bei den guten Noten treffen, ohne dass für eine gute Schule mit guten Leistungen gesorgt würde? Oder ist das Ganze bloß TV-Geschwätz, weil man für einen Film Probleme braucht und „im Wesentlichen alles normal“ keine Sendung ergibt?

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Leistungen von Schülern: messen oder beurteilen?

Ich fange mit einer simplen These an: Leistungen von Schülern kann man nicht messen, sondern nur beurteilen; messen kann man allenfalls sportliche Leistungen!
Auch sportliche Leistungen werden aber nicht nur gemessen, sondern auch beurteilt. Das kann man am Fußballspiel wunderbar zeigen: Der Idee nach werden die Leistungen der Mannschaften gemessen, indem man zählt, wie viele Tore jede Mannschaft erzielt hat; nach diesem Ergebnis hat dann die Mannschaft, welche die meisten Tore erzielt hat, gewonnen.
Nun gewinnt nicht immer die bessere Mannschaft, manchmal gewinnt man glücklich oder sogar unverdient. Aber das ist noch das kleinere Problem, weil man ja sagen kann: Wer die meisten Tore erzielt, hat eben besser, weil erfolgreicher gespielt. Das richtige Problem besteht darin, unumstößlich festzustellen, was als „ein Tor erzielen“ gilt. Dafür hat man einen Schiedsrichter, den wir als neutral voraussetzen. An zwei Stellen gibt es jetzt aber Probleme, die nicht aus den unklaren Regeln kommen, sondern aus der unklaren Wirklichkeit: Hat der Torschütze im Abseits gestanden? Hat der Ball die Torlinie vollständig überquert? Man behilft sich hier mit der Regel, dass diese beiden Fragen durch „Tatsachenentscheidungen“ des Schiedsrichters beantwortet werden.
Nun ist „Tatsachenentscheidung“ natürlich ein hölzernes Eisen: Tatsachen kann man nur feststellen, nicht über sie entscheiden. Entschieden wird bloß die Streitfrage, ob eine bestimmte Tatsache festzustellen war – sie wird so entscheiden, dass festgelegt wird, dass der Schiedsrichter entscheidet, ob sie festzustellen war. Das ist aber eine Frage des Urteils, da die Entscheidung immer nachträglich gefällt und nichts im Moment des Geschehens gemessen wird [auch wenn Kameraauffnahmen den Eindruck erwecken, alle könnten quasi nachträglich die vergangene Situation genau beurteilen – gemessen wird da auch nicht: Eine Messung würde jedes Spiel kaputt machen!].
Durch diese Vorüberlegung auf den Unterschied von „messen / beurteilen“ eingestimmt, wage ich erneut die These: Schülerleistungen werden nicht gemessen (auch wenn fortwährend von „Leistungsmessung“ gesprochen wird), sondern beurteilt.
Nehmen wir das simpelste aller Beispiele, die fehlerfreie Mathe-Arbeit (fehlerfrei ist deshalb wichtig, weil bei jedem Fehler wieder beurteilt werden muss, wie schwer er wiegt, d.h. wie viele „Punkte“ abgezogen werden dürfen/sollen). Diese Arbeit muss im Unterricht vorbereitet worden sein – das ist bei einer fehlerfreien aber nicht relevant, sie ist ja fehlerfrei; sie muss aber auch den Anforderungen der Richtlinien entsprechen, denn „fehlerfrei“ ist nicht „sehr gut“, wenn in Kl. 8 nur Leistungen von Klasse 6 abgefragt werden! Auch das ist aber wieder zu relativieren; denn die Lerngeschichte der Klasse kann ja so verlaufen sein (aus welchen Gründen auch immer), dass diese ein halbes oder sogar ganzes Jahr „zurück“ ist – dann wird man in diesem Fall urteilen, dass in dieser Klasse auch Leistungen „sehr gut“ sind, die dem niedrigeren Niveau entsprechen.
Im Fach Deutsch ließe sich das am simplen Fall der Rechtschreibüberprüfung („Diktat“) ebenfalls zeigen: a) Wie ist das Diktat vorbereitet worden? b) Welche Fehler zählen als Fehler? c) Wieso zählt 1 Z = 1/2 R? d) Wo setze ich die Grenze zur 2 (von der 1 aus) und die Grenze zur 5 (von der 4 aus)? Ich habe zum Beispiel bei meinen 150- bis 180-Wörter-Diktaten gesagt: 1 R ist 1-, ist also die Grenze. Wie ich die Diktate vorbereitet habe, kann man in der Kategorie „Übungsdiktate“ nachlesen. Ich kann also möglicherweise alle Fehler in einem Diktat erfassen und zählen; aber damit ist nicht gesagt, dass die Note nicht durch viele Urteile mitbestimmt ist.
Fassen wir zusammen: Leistungen von Schülern werden nicht gemessen, sondern beurteilt. Ich bin hier auf die Problematik der Lösungserwartung (im 1. Zentralabitur NRW hätte ich bei strenger Auslegung der Erwartungskriterien keine 1 geschafft, weil kein Mensch ahnen konnte, was die Erwartungshorizont-Erfinder sich alles haben einfallen lassen) und Faktoren, die das Urteil beeinflussen können, noch nicht eingegangen. Ich bin auch nicht auf die Problematik der Operatoren eingegangen – das habe ich an anderer Stelle getan. Schülerleistungen werden also beurteilt; zu urteilen lernt man aber nur, indem man urteilt und seine Urteile mit anderen bespricht bzw. reflektiert. Es ist jedenfalls naiv, mit Herrn Bergner (Kommentar zum Czerny-Artikel) zu jammern, dass Leistungen, bitte schön!, zu messen seien.
Soll man also Lebenschancen von Schulnoten abhängig machen, die nicht gemessene, sondern beurteilte Leistungen spiegeln? Bitte nur in Grenzen, auch wenn man sich in Grenzen auf die Urteile anderer verlassen muss – am besten schaut man sich selber die Schüler an, die man ausbilden oder weiterbilden oder einstellen will, und bildet sich ein eigenes – na, was? Urteil!
Aber soll man wirklich diesen kurzfristig gewonnenen eigenen Eindruck höher als das Urteil der Lehrer schätzen, die doch den Schüler oft jahrelang gesehen haben? Auch das ist wieder eine Frage – des Urteils.

Lesenswerter Aufsatz: http://www.bruehlmeier.info/, dort unter „Pädagogik“ zwei Aufsätze!

Nachtrag: Links zum Problem der Notengebung (Leistungsmessung):
Weidenmann: Das Dilemma der schulischen Leistungsbewertung
http://www.zeit.de/2006/27/Titel-Schulnoten-27 (mit mehreren Links)
http://www.zeit.de/2006/29/Noten-29 (Brügelmanns Antwort)
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23078/1.html
http://www.sozialistischegruppe.de/hefte/2005/Noten.html
http://wiki.zum.de/Bewertung_von_Sch%C3%BClerleistungen
http://impulsmittelschule.ch/themata/noten/2001/leistungsbeurteilung.htm
http://www.ph-heidelberg.de/wp/konrad/download/leistungsmessung.pdf
http://www.uni-konstanz.de/ag-moral/evaluation/k_eva_theorie.htm