Heringer – Öhlschläger – Strecker – Wimmer: Einführung in die Praktische Semantik (1977)

Im Folgenden möchte ich die Gedanken des Buches knapp zusammenfassen, damit man sieht, welche Fragen bedacht, welche Begriffe geklärt werden müssten.

1. Grundlagen menschlicher Kommunikation (S. 9-23)

Vorab wird der Begriff des Zeichens (materiale Seite / Seite des Gemeinten) eingeführt: Zeichen kann man nur nach Regeln verwenden, weil sonst „das Gemeinte“ nicht gesichert ist. Die Regeln, nach denen Sprachzeichen verwendet werden, werden durch gemeinsame Praxis begründet und gesichert.

Kommunizieren heißt: sich verständigen. Der technische Kommunikationsbegriff (Informationen zwischen Systemen austauschen bzw. übertragen) ist nicht geeignet, menschliche Kommunikation richtig zu erfassen.

Bedingungen menschlichen Kommunizierens sind folgende:

(1) Es sind mindestens zwei Partner beteiligt.

(2) Einer „handelt“, erzeugt also absichtlich Zeichen (Sprechakt).

(3) Er verwendet dabei Symbole: Ausdrücke einer Sprache.

(4) Der andere versteht den einen; dafür müssen beide die Situation zumindest sehr ähnlich einschätzen, aber B muss die Äußerung nicht genau so verstehen, wie A sie gemeint hat.

2. Gebrauchsweisen sprachlicher Ausdrücke (S. 24-39, von R. Wimmer)

Wimmer diskutiert die Probleme anhand eines Beispiels: Regierungserklärung Brandts 1975 im Bundestag, wo der sich dagegen verwahrt, die Terroristen als Linke zu bezeichnen. Es geht also um die „richtige“ Bedeutung der Bezeichnung „Linke“. Brandt führt vor, dass man den Sprachgebrauch reflektieren und gegebenenfalls rechtfertigen kann. Die Zwischenrufe der CDU zeigen, dass es nicht den einen Beurteilungsmaßstab gibt, der allen Sprechern und Hörern gleichermaßen zur Verfügung stände. – Solche Reflexionen kommen zustande, wenn es Missverständnisse o. Ä. gibt.

Wimmer untersucht dann die Einträge zu „Linke“ in fünf Wörterbüchern. Die Verfasser stützen sich letztlich auf ihre eigene Sprachkompetenz, orientieren sich ingesamt jedoch an der Sitzordnung im französischen Parlament der Restaurationszeit.

Es gibt vier Formen von Worterklärung (wie ein Sprecher bestimmte Ausdrücke gemäß den erlernten Regeln verwendet): Angabe von Oberbegriff und spezifischer Eigenart; Beispielsätze und exemplarische Beschreibung von Verwendungssituationen; Angabe eines ähnlichen Ausdrucks (Synonym); mit dem Finger in einer Situation auf etwas zeigen.

3. Sprachliche Normen (S. 40-59, von R. Wimmer)

Am Beispiel eines Aufrufs, beschränkte Kleinschreibung nicht zu praktizieren und die lateinischen Antiqua nicht zu verwenden, werden die Eigenheiten sprachlicher Normen diskutiert. Unter den sieben Fragen (bis hin zur siebten, ob man sich gegen Normen wehren kann) fehlen zwei wichtige: welchen Sinn Normen haben und ob bzw. wie man sie plausibel begründen kann – das Kapitel atmet den Geist der 70-er Jahre.

R. Wimmer sieht Normen als eine Unterklasse von Regeln an und definiert sie so: Sie schreiben etwas ausdrücklich vor; sie tendieren dazu, ihren Geltungsbereich auszuweiten; sie zielen auf Übereinstimmung verschiedener Regeln ab. Regeln gelten als Muster, die sozialem Handeln zugrunde liegen. Normen zielen auf historische Festschreibung oder gelenkte Veränderung von primären Regeln ab.

Am Beispiel von Sprachregelungen aus dem 3. Reich kann Wimmer zeigen, welche Interessen hinter solchen Normierungen stehen. Ein schönes Beispiel eines Normierungsversuchs ist ein Kommentar aus der DDR zur Frage, was Dissidenten sind. Zum Schluss empfiehlt er, den Nutzen von Normen gegen die von ihnen gesetzten Zwänge abzuwägen.

4. Sprachspiele und ihre Geschichte (S. 60-85, von H. J. Heringer)

Heringer führt am Beispiel vieler Polo-Varianten vor, was ein (Polo-)Spiel ist, und zeigt, dass Varianten in verschiedenen Lebensformen wurzeln können, sodass es nicht leicht ist, sie miteinander zu vergleichen. Er überträgt dann den Begriff Spiel auf die Sprache, um daraus entsprechende Leitfragen für das Verständnis von Sprachhandlungen zu gewinnen: Welche, wer, wie, unter welchen Bedingungen, womit tut … und welche Ergebnisse haben die Sprachhandlungen?

Das Sprachspiel „vorwerfen“ konstruiert er so: „A wirft B vor, dass X (immer ein dass-Satz), indem A äußert S.“ Danach untersucht er, wie „vorwerfen“ im Mittelhochdeutschen gebraucht worden ist (wie es zuging und wie man sich verteidigen konnte), und welche Platzhalter es dafür gab („strafen“ und „rüegen“).

Abschließend untersucht er unser „beweisen“ (ein Akt nach Behaupten und Bestreiten) und vergleicht damit das mittelalterliche „bewisen“; er zeigt, wie die Unterschiede in der Fundierung des Handelns in der jeweiligen Lebensform begründet sind, verweigert eine Bewertung unterschiedlicher Lebensformen und fragt, ob wir fremde Lebensformen überhaupt verstehen können.

5. Bedingungen und Annahmen (S. 86-105, von H. J. Heringer)

Am Beispiel von Plakaten des Bundestagswahlkampfs 1976 und der Parole „Freiheit oder Sozialismus“ (1976) analysiert Heringer Bedingungen dafür, dass Kommunikation gelingt. Neben den allgemeinen Bedingungen (die Sprache verstehen usw.) gibt es für den Einzelfall spezifische Bedingungen, die sozusagen implizit mit den Argumenten der Plakate gegeben sind (dass CDU wählt, wer den Sozialismus kennt, usw.). Die Abgrenzung zwischen Bedingungen und Annahmen bleibt unscharf.

Es zeigt sich jedoch, dass dieses Implizite meist weniger aus Fakten als aus Annahmen besteht: A nimmt an, dass für B Freiheit mehr wert ist als Sozialismus, dass sie eine Alternative darstellen oder dass Sozialismus mit der SPD verbunden wird. Wenn der kommunikative Akt gelingt, muss er aber noch nicht zum (Wahl)Erfolg führen.

Am Beispiel ironischer Äußerungen zeigt Heringer, dass die Annahmen der Partner wechselseitig vielfach verschachtelt sein können: A nimmt an, dass B annimmt, dass A annimmt…

Als letzte Bedingung nennt Heringer das gemeinsame Wissen, und zwar das Wissen voneinander, welches man nur in gemeinsamer Kommunikationsgeschichte erwerben kann; dass dieses Wissen falsch oder lückenhaft sein kann, zeigt sich, wenn Missverständnisse auftauchen. Daraus ergeben sich drei Forderungen: Reflektiere, was dein Partner glauben könnte! Sei offen dafür, dass er etwas anderes glaubt als du selbst! Sei bereit, deinen eigenen Glauben in Frage zu stellen!

6. Referieren (S. 106-125, von R. Wimmer)

Am Beispiel von „Der Herr der Ringe“ zeigt Wimmer, wie der Erzähler eine Welt aufbaut, wobei unklar bleibt, ob es sich um eine „fiktive“ handelt. Immer wird mit den gleichen sprachlichen Mitteln auf Gegenstände einer Welt Bezug genommen: Eigennamen; deiktische Ausdrücke; Kennzeichnungen. Deiktische Ausdrücke stellen Beziehungen des Gesagten zur Sprechsituation her (Personen, Ort, Zeit). Kennzeichnungen sind Phrasen aus Substantiv plus Attribut.

Kennzeichnungen können referenzorientiert (Akzent auf dem Prädikat des Satzes) und prädikationsorientiert (Akzent auf Nomen und Attribut) gebraucht werden. Eigennamen können in Grenzen situationsunabhängig verwendet werden; das deiktische System hat sein Zentrum in der Person des Sprechers; Kennzeichnungen nehmen eine Zwischenstellung ein. Die Vorstellung eines kommunikationsunabhängigen raum-zeitlichen Koordinatensystems ist verbreitet, aber nicht Vorbedingung für die Strukturierung eines kommunikationsrelevanten Bezugssystems.

Referieren ist etwas, was der Sprecher (nicht die Ausdrücke) tut; er tut es aber nur nebenher, es ist in anderen Akten enthalten. – Zum Schluss behauptet Wimmer, dass es keine extra-kommunikative Handhabe für die referentielle Bestimmung eines Gegenstandes gibt und dass die Realität einer Welt daran hängt, welche Bedeutung sie für jemanden in seiner eigenen Kommunikation hat.

7. Fragen und Antworten (S. 126-145, von G. Öhlschläger)

Am Beispiel einer Interviewfrage von 1955 führt Öhlschläger in die Problematik von Fragen und Antworten ein: „Finden Sie, dass in einem Betrieb alle Arbeiter in der Gewerkschaft sein sollten [, oder muss man es jedem einzelnen überlassen, ob er in der Gewerkschaft sein will oder nicht]?“ Das waren zwei verschiedene Frageformen (im gleichen Interview) mit sehr unterschiedlichen Antworten, v.a. mit erheblicher Verringerung der Zahl der Unentschiedenen – diese Differenz gibt Anlass, die wechselseitigen Bedingungen und Annahmen von A und B, die Form der Fragestellung und die Auswahl einzelner Wörter zu reflektieren.

Als Bedingungen des Fragens werden genannt: A weiß X nicht. / A will X wissen. / A nimmt an, dass es eine Antwort auf seine Frage gibt. / A nimmt an, dass B die Antwort kennen kann. / A will X durch B’s Antwort auf seine Frage erfahren. Öhlschläger unterscheidet bei den denkbaren Antworten die Antworten im engeren Sinn von anderen Reaktionen (Nicht-Antworten); gelungen ist die Frage, wenn sie verstanden wird, erfolgreich ist sie, wenn sie beantwortet wird. Das Äußern von Fragesätzen muss nicht in jedem Fall eine Fragehandlung sein; anderseits müssen nicht alle Fragen mit Hilfe von Fragesätzen gestellt werden. In manchen Situationen trifft auch die Bedingung „A weiß X nicht.“ nicht zu.

Öhlschläger unterscheidet direkte und indirekte Antworten und zeigt, dass die erweiterte Fragestellung (s.o.) hier falsch ist, weil sie keine wirkliche Alternative formuliert. Er weist darauf hin, dass es wichtig ist, ob eine Alternative formuliert worden ist oder nicht. Die Kategorie „Unentschieden“ umfasst verschiedenartige Reaktionen; sie lädt dazu ein, die wechselseitigen Annahmen und Erwartungen zu überprüfen. Öhlschläger nennt als Typen die Entscheidungs-, die Ergänzungs- und die Alternativfrage. Sozialwissenschaftler bevorzugen geschlossene vor offenen Fragen.

Auch wenn das Interview eine spezielle Fragesituation darstellt, könne man die Ergebnisse auf andere Fragesituationen übertragen.

8. Handlungsfolgen und Kohärenz von Kommunikationen (S. 146-166, von H. J. Heringer)

Die vielen sprachlichen Einzelhandlungen gibt es in Zusammenhängen. Heringer demonstriert das am Beispiel einer Bundestagsdebatte: Bestimmte Handlungen brauchen Vorläufer und rufen regelhaft Nachfolger hervor (Handlungssequenz), z.B. vorwerfen – bestreiten – beweisen, verteilt auf A – B – A. „Verstehen von Satzfolgen und ihre Projektion auf Sequenzmuster gehen zusammen.“

Im Rahmen der Kohärenz gibt es mehrere Möglichkeiten einer Reaktion: Auf einen Vorwurf kann man durch Bestreiten oder durch einen Angriff auf die implizierte Norm reagieren. Je nach Reaktion kann A dann seinerseits reagieren. So kann B nach einem Vorwurf diesen bestreiten, die Norm angreifen, sich entlasten oder sich entschuldigen, worauf A jeweils wiederum reagieren kann; die vielfältigen Möglichkeiten kann man in einem Baumdiagramm festhalten. Als unspezifische Reaktion bezeichnet Heringer solche, mit denen B nicht auf den Vorwurf eingeht, z.B. durch eine Verständnisfrage, durch Bezweifeln des Rechts von A, so zu handeln, usw.

Welche Handlung vorliegt, ist wesentlich durch den Zusammenhang bestimmt, in dem sie steht. Wenn es zwei Möglichkeiten zu antworten gibt, muss B wählen, kann aber die verworfene Möglichkeit später evtl. nachholen. Einzelne Handlungsweisen sind aber mit anderen unverträglich; man kann sich nicht entschuldigen und dann den Vorwurf bestreiten.

Konkrete Äußerungen, die eine Handlung bedeuten, sind oft nur vor einem Hintergrundwissen verständlich, das beiden gemeinsam sein muss. Kohärent sind also nicht Satzfolgen, sondern „bestimmte Verständnisse oder Verständnismöglichkeiten von Texten“. Das heißt, dass Kohärenz „immer auf dem eigenen Verständnis beruht“. Brüche oder Lücken in der Kohärenz kann ein Sprecher durch sog. Kohärenzmacher überbrücken (z.B. „Da fällt mir ein…“).

9. Kommunikationsprinzipien und der Aufbau von Kommunikation (S. 167-181, von B. Strecker)

Strecker leitet seine Überlegungen mit einem vertrackten jiddischen Witz über einen Lügner ein. – Wenn ein Kind die Sprache erlernt, gibt es noch keine Lüge, sondern nur die Einführung in die Regeln des Sprechens. Erst wenn das Kind zwischen wahr und falsch unterscheiden kann, kann es lernen, das Gegenteil von dem zu behaupten, was es für wahr hält. An der Forderung, nicht zu lügen, hängen das Lügen, das Behaupten, Bestreiten usw. Neben dem Lügen gibt es das Verheimlichen.

Es folgen Überlegungen zum fundamentalsten Prinzip: „Sei kooperativ!“ Es sichert, dass Kommunikation zustande kommt und kohärent bleibt. Was B sagt bzw. tut, muss für A einen Unterschied ausmachen. Weitere Prinzipien (bzw. Ausgestaltungen des fundamentalen) sind: Sei relevant! Sei informativ! Sei aufrichtig! Sprich klar! Sie konstituieren die Möglichkeit von Kommunikation und sind allgemein bekannt, wie viele Sprichwörter zeigen. Die entsprechenden Maximen für den Hörer lauten: Nimm an, dass der Sprecher kooperativ ist! (usw.) Wir alle wissen, dass diese Prinzipien nicht immer beachtet werden, dass sie nur in Grenzen verletzt werden dürfen – man kann sich aber auf ihre Verletzung einstellen (z.B. auf das irrelevante Schwätzen von Politikern).

Verletzungen dieser Prinzipien können zu weiteren Handlungen genutzt werden, also nicht bloß Kommunikation be- oder verhindern (z.B. den anderen schonen; sich vor Zensur schützen, usw.). Es hier geht um den reflektierten Gebrauch dessen, dass jemand etwas anderes tun will, als was er offensichtlich tut. Strecker führt das an fünf einfachen Beispielen vor.

Bruno Strecker war übrigens bis 2011 Leiter des Projekts Grammis, s. http://hypermedia.ids-mannheim.de/pls/public/sysgram.ansicht (wunderbare kostenlose Grammatik usw.).

10. Erfolgsorientiertes Kommunizieren (S. 182-212, von B. Strecker)

Als Grundlage nimmt Strecker das Gedächtnisprotokoll eines „Einstellungsgepsrächs“, das Lehramtskandidaten zu Zeiten des Radikalenerlasses über sich ergehen lassen mussten. Ein solches Einstellungsgespräch ist ein (Sprach)Spiel: die Realisierung von Handlungsmöglichkeiten, die wir uns durch Spielregeln in einen systematischen Zusammenhang gebracht denken. Welche Situation liegt vor? Wann gewinnt man beim Kommunizieren? Geht es dabei fair zu?

Die Analyse des konkreten Gesprächs können wir uns hier sparen. Der Regierungsdirekor hat das Sagen, das muss man wissen; die Frage ist, ob man ihn belügen darf, ob man sich zu seinen Überzeugungen bekennen soll und wie offensiv man auftreten soll.

Für ein normales Gespräch nennt Strecker strategische Leitlinien: Sei bemüht, für aufrichtig zu gelten! Unterstelle dem Partner nur beste Absichten! Sage nie, dass er Unrecht hat! Baue ihm Brücken für einen möglichen Rückzug! Gib ihm die Chance, sein Können zu zeigen! Vermeide Spott! usw. Das sind Maximen des Kooperierens. Wenn es um das Gespräch mit einem Konkurrenten geht, sehen die Maximen anders aus: Zeige, dass du überlegen bist! Schiebe dem Partner die Beweislast zu! Zeige Initiative! Behaupte nie mehr als notwendig! Verunsichere den Partner durch Zweifel! Diskreditiere die Quellen des anderen! usw.

Die Maximen eines auf Konkurrenz beruhenden Gesprächs sind moralisch oft fragwürdig. Man muss immer die besondere Situation berücksichtigen, um die besten Maximen zu finden, die den größten Erfolg versprechen.

11. Folgerungen (S. 213-233, von B. Strecker)

Die Gedanken des Kapitels beruhen darauf, dass wir vieles nicht sehen, sondern aufgrund von dessen Spuren erschließen, dass wir das Unzugängliche im Zugänglichen aufspüren. Strecker untersucht das Urteil des Gerichts im Prozess gegen Vera Brühne hinsichtlich des Tatzeitpunktes.

Dabei geht er davon aus, dass wir aufgrund semantischer Beziehungen Schlüsse ziehen: Wer zu einem bestimmten Zeitpunkt tot ist, kann nicht telefonieren, usw. Er unterscheidet nun zwischen möglichen, plausiblen und zwingend notwendigen Schlüssen bzw. Zusammenhängen und bezweifelt in einer akribischen Untersuchung, dass der Indizienbeweis des Gerichts für den Tatzeitpunkt zwingend ist.

Zum Schluss spricht er über die Bedeutung von Zweifeln: Dass wir nicht jeden Zweifel ernstnehmen, bezeugt, dass wir vernünftig sind; aber was vernünftig ist, ist nicht zwingend festzulegen. Ein Gericht trifft mit seinem Urteil „auch Entscheidungen über die semantischen Verhältnisse in unserer Sprache“ (oder bezeugt es, welche Verhältnisse es für gegeben hält?).

12. Unverträglichkeit (S. 234-250, von H. J. Heringer)

Am Beispiel eines Gesprächs mit einem Geisteskranken zeigt Heringer, dass diese Kommunikation offenbar nicht gelingt. Er berichtet, dass Geisteskranke als unzugänglich gelten, dass ihre Äußerungen unverständlich und nicht kohärent seien. Er unterstellt jedoch, dass sie nach einer anderen Regel statt regellos sprechen könnten. Die Rekonstruktion der Aussagen Peters unter Annahme anderer Regeln gelingt Heringer aber nicht.

Er führt dann den Begriff der Unverträglichkeit ein: Zwei Aussagen sind unverträglich, wenn nicht beide zugleich wahr, aber beide falsch sein können (anders bei Widerspruch). [Hier gibt es bei Heringer einen Widerspruch in der Definition der Unverträglichkeit, was die Möglichkeit betrifft, dass beide Sätze falsch sein können, S. 244 und 245. Es wird mir auch nicht klar, welchen Nutzen dieser Begriff hat, erst recht nicht im Zusammenhang mit dem Geisteskranken.]

13. Argumentieren (S. 251-274, von G. Öhlschläger)

Grundlage ist eine Pro-und-Contra-Diskussion von 1975 zur Frage, ob das Rauchen am Arbeitsplatz verboten werden soll. Öhlschläger erläutert kurz die Struktur der TV-Sendung und behandelt dann die Frage, was ein Argument ist. Damit ein Argument vorliegt, muss eine Folgerungsbeziehung zwischen zwei Sätzen bestehen, wodurch der zweite als Schluss gerechtfertigt wird.

Öhlschläger unterscheidet begründen, schließen und argumentieren. Er führt den Begriff der Präsupposition oder Schlusspräsupposition ein, die als allgemeinerer Satz den Übergang vom Argument zur Konklusion rechtfertigt.

Von Argumentationsketten spricht er, wenn eine Argumentation im Argument oder in der Präsupposition noch einmal verstärkt wird, was durch eine weitere (allgemeinere) Präsupposition oder durch eine Argumentation erfolgen kann.

Öhlschläger unterscheidet den Sprechakt Argumentationshandlung von der konkreten Argumentation und vermeidet den Begriff der Prämissen, weil dieser Begriff nicht zwischen Argument und Präsupposition unterscheidet.

Vor allem die grafischen Darstellungen sind klar, während es für den Leser nicht einfach ist zu folgen, wenn der Autor bloß mit Zahlen für die 70 Beispielsätze operiert.

14. Das Warum-Spiel (S. 275-295, von H. J. Heringer)

Die Satzfolge „S1 weil S2“ gilt auch für die Handlungen des Erklärens und Begründens. Heringer sagt, dass man Ereignisse erklärt und Handlungen begründet (also verständlich macht, dass einer so handelt).

Er stellt dann das Warum-Spiel vor, in dem man jede Antwort durch ein „warum“ hinterfragt, wobei es die Möglichkeit gibt, durch „stimmt nicht“ die Kette zu unterbrechen bzw. durch „stimmt“ wieder anzuknüpfen. Er verteidigt ausdrücklich die Verwendung dieses Spiels als Erkenntnismittel zur handlungstheoretischen Klärung der Grundlagen – das waren die goldenen 70-er Jahre. Das Spiel konnte erst mit Kinder der 3. Grundschulklasse gespielt werden; einige Verläufe werden dokumentiert.

Heringer zeigt, dass gelegentlich warum/wieso und weil/damit verwechselt wurde. Er weist auf die Asymmetriebedingung hin: Wenn „S1 weil S2“ gilt, kann nicht „S2 weil S1“ gelten – das führte zum double bind. Heringer berichtet, dass die Kinder selten den „stimmt nicht“-Einwand benutzt haben.

Er begründet die Bedeutung des Warum-Spiels für die Kinder damit, dass sie so lernten, die Regeln hinter Begründungszusammenhängen zu hinterfragen (die 70-er, ich erinnere mich an Hans Glinz in Aachen). Als Lernziele des Einsatzes solcher Spiele nennt er: Begründungen geben und verstehen; Begründungen bestreiten oder bezweifeln; stereotype Begründungen erkennen; die Assymmetrie von „weil“ beherzigen und Schleifen vermeiden.

15. Unbestimmtheit und Mehrdeutigkeit (S. 296-308, von H. J. Heringer)

Heringer führt anhand vieler Beispiele und Bilder darin ein, wie wir mit Unbestimmtheit umgehen (und daraus lernen sollen, dass u.U. etwas anderes gemeint sein kann, als wir verstehen). Unbestimmtheit ergebe sich daraus, dass ein Symbol eine Geschichte hat; Willkürlichkeit ergebe sich daraus, dass kein Symbol naturgegeben ist. Er unterscheidet Offenheit, Neutralität und Mehrdeutigkeit.

Dem Kontext stellt er dessen Fehlen (Nullkontext) gegenüber und behauptet, dass jeder seinen Grundkontext sozusagen mit sich herumträgt.

Wie es sich gehört, endet das Kapitel offen: mit einem Märchen vom Zauberschloss, dass sich zum Schluss in Luft auflöste und verschwand.

————————————————————————————————————————————————————— Hier endet das Referat!

Es gibt im Netz viele gute Einführungen in die Semantik (o.ä.), die man unter verschiedenen Stichworten aufrufen und mittels derer man die insgesamt eher einfache Einführung vom Heringer & Co. von 1977 vertiefen kann:

Einführung Semantik

http://www.uni-koeln.de/ew-fak/Deutsch/materialien/mbm/ss2003/ps_sw_pp/ps_sw_07_semantik.pdf (Mini-Einführung)

http://www.fb10.uni-bremen.de/khwagner/semantik/begleitmaterial.aspx

http://www.fb10.uni-bremen.de/khwagner/semantik/pdf/Felder.pdf

http://ling.uni-konstanz.de/pages/allgemein/study/pauseSemantik/pauseSem02skript.pdf

http://web.uni-frankfurt.de/fb10/zimmermann/WS00.01.pdf

http://wwwhomes.uni-bielefeld.de/mkracht/html/semantik.pdf (mathemat.)

http://www.uni-leipzig.de/~doelling/veranstaltungen/formsem1.pdf (Grundannahmen)

http://www.uni-koeln.de/phil-fak/idsl/dozenten/lohnstein/semantik/gs_semantik.htm

http://homepage.mac.com/farwer/nkl0506/Folien_attachments/V2-NJ_LJ.pdf (intuitionist. Logik)

http://www.germsem.uni-kiel.de/hundt/material/2007-sose/VL7_SEMAN.ppt (nur Folien)

http://www.bubenhofer.com/korpuslinguistik/kurs/index.php?id=uebersicht.html (Grundlagen und Werkzeuge)

http://www.coli.uni-saarland.de/~saurer/lehre/einfsem/EinfSem-Skript.pdf

http://www.keydana.de/download.php (dort u.a. 12 slides Einführung in die Semantik)

spezieller: Einführung Satzsemantik

http://www.germanistik.uni-wuerzburg.de/fileadmin/05010400/Studium/Seminar_2/Skript_Kapitel2.pdf (Einführung)

http://web.uni-frankfurt.de/fb10/zimmermann/HandoutLviv.pdf

http://www.linguistik.hu-berlin.de/institut/professuren/sprachwissenschaft/lehre/archiv/ws2005/gk_ss/Semantik_01_Einfuehrung.pdf

http://www.sfs.uni-tuebingen.de/~astechow/Lehre/Semantikeinfuehrung/Masterdokument/Kap1_11.pdf

http://www.sfs.uni-tuebingen.de/~astechow/Aufsaetze/SchritteI.pdf

http://www.sfs.uni-tuebingen.de/~astechow/Aufsaetze/SchritteII.pdf

http://www.sfs.uni-tuebingen.de/~astechow/Aufsaetze/SchritteIII.pdf

allgemeiner: Einführung in die Linguistik

http://fak1-alt.kgw.tu-berlin.de/call/linguistiktutorien/index.html

http://www.neurolabor.de/script.htm

http://www.fask.uni-mainz.de/inst/iaspk/Linguistik/Welcome.html

http://ling.uni-konstanz.de/pages/allgemein/introling.html

http://www.cis.uni-muenchen.de/people/schuster/cl1/skript.pdf

http://www.fb10.uni-bremen.de/khwagner/Grundkurs1/

http://www.neurolabor.de/script4-Planung/script-mainframe.htm

http://www.rainerrauch.com/Download/Linguistik.pdf (Methoden!)

Ein weiteres Stichwort wäre Einführung Sprachwissenschaft.

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Aphorismen zu einem Gespräch (Interview) verbinden

Gespräch mit Jean de la Bruyère

Obwohl Sie schon lange tot sind, Herr de la Bruyère, sind Sie zu einem Gespräch mit mir bereit. Beginnen möchte ich mit einer Frage, die uns oft bewegt: Was ist der Grund, dass wir einen anderen Menschen lieben? [1]
„Solange die Liebe währt, lebt sie aus sich selbst, und oft entflammt sie gerade an dem, was sie eigentlich auslöschen müsste: an Launen, Kälte, Trennung und Eifersucht. Die Freundschaft dagegen braucht Nachhilfe; sie vergeht, wenn ihr sorgsame Pflege, Vertrauen und Gefälligkeit fehlen.“
Und wie beginnt dieses sonderbare Gefühl: Liebe?
„Anfang und Ende der Liebe fühlen wir an der Verlegenheit, die uns befällt, wenn wir mit dem geliebten Menschen allein sind.“
Zumindest für einen von Zweien ist es schrecklich, wenn die Liebe endet. Wie kann man diesen Verlust der Seligkeit überstehen? [2]
„Zu vermissen, was man liebt, ist noch ein Glück – verglichen mit dem Zwang, mit dem leben zu müssen, was man hasst.“
Sie scheinen in dieser Hinsicht böse Erfahrungen gemacht zu haben. Sind Sie ein Pessimist, was das Zusammenleben der Menschen betrifft?
„Die Menschen können einander selten leiden und sind kaum geneigt, sich gegenseitig zu loben – nichts gefällt ihnen und nichts stellt sie zufrieden; denn ihre eigenen Gedanken beschäftigen sie so sehr, dass für die Ideen anderer kein Raum mehr bleibt.“
Dann müsste man annehmen, dass die Menschen einen starken Selbstbezug und einen ausgeprägten Willen besitzen.
„Es gibt wirklich Menschen, von denen man sagen kann, dass der Tod weniger ihren letzten Willen offenbart, als dass er ihnen mit dem Leben die Unentschlossenheit und Unbeständigkeit nimmt.“
Eigene Gedanken der Menschen – gibt es die überhaupt? Sind die Leute eher dumm und dumpf?
„Verstand ist längst nicht so selten zu finden wie Leute, die ihr eigenes Talent zu nutzen wissen oder sich fremde Klugheit zunutze machen, um damit etwas Gescheites anzufangen.“
Und doch kommen viele Leute trotz ihres Verstandes nicht weiter, sagen Sie.
„Die meisten Menschen sind eher einer einzigen großen Anstrengung fähig, um ihre Pläne zu verwirklichen, als langer Ausdauer. Trägheit oder Unbeständigkeit bringen sie um die Früchte der verheißungsvollsten Anfänge. Oft lassen sie sich von anderen überflügeln, welche später angefangen haben und langsam, aber stetig vorgehen.“
Vielleicht wollen wir auch nur viel erleben und schätzen nicht das Glück, eine Aufgabe zu meistern? – Ich möchte noch einmal darauf zurückkommen, wie wir miteinander umgehen. Wenn man mit einem anderen ins Gespräch kommen will, mit dem Autor eines Buches oder einem quicklebendigen Zeitgenossen, worauf muss man dann achten, damit ein Gespräch zustande kommt?
„Die Kunst, gut zu unterhalten, besteht viel weniger darin, dass man selbst besonders geistreich ist, als dass man anderen dazu verhilft, es zu sein. Wer nach einer Unterredung mit uns zufrieden mit sich und seinen Talenten fortgeht, der ist auch von uns ganz eingenommen. Die Menschen lieben es nicht, andere zu bewundern; sie wollen selber gefallen.“
Geht es den Menschen also gar nicht nicht darum, die Wahrheit zu finden?
„In der Unterhaltung wird kühn drauflos geschwatzt, oft nur aus Eitelkeit oder zum Zeitvertreib, selten mit genügender Aufmerksamkeit. Man ist weit davon entfernt, gemeinsam die Wahrheit zu finden – man hat sich ja noch nicht einmal darauf geeinigt, welche man sucht!“
Ja, wozu unterhalten wir uns denn überhaupt mit anderen? Sollte man da nicht besser einfach schweigen?
„Wenn man bedenkt, wie langweilig, leer und kindisch die Unterhaltung gewöhnlich ist, so müsste man sich schämen, mitzureden oder zuzuhören, und man würde sich vielleicht ewiges Stillschweigen auferlegen, was aber im täglichen Leben noch schlimmer wäre als das dumme Gerede.“
Ganz konkret gefragt, was haben die Leute dann von einer so oberflächlichen Unterhaltung?
„Mit fünf oder sechs Fachausdrücken und weiter nichts gibt man sich für einen Kenner von Musik, Malerei, Baukunst und guter Tafel aus. Man bildet sich ein, beim Hören, Sehen und Speisen einen größeren Genuss zu haben als andere. Man möchte seinesgleichen imponieren und betrügt sich selbst.“
Imponiert uns die Anerkennung durch unsere Mitmenschen wirklich so stark, wie Sie hier andeuten, Herr de la Bruyère?
„Nicht in uns selbst suchen wir unser Glück, sondern in der Meinung unserer Mitmenschen, obgleich wir nur zu gut wissen, wie schmeichlerisch, unaufrichtig, ungerecht, neidisch, launenhaft und missgünstig sie sind. Unglaublich, aber wahr!“
Unser Glück erkennen und finden, dazu gibt es doch genügend Anregungen oder Anleitungen.
„Wer selbst ein Hohlkopf ist, dem nützt auch aller Reichtum an Geist nichts, den er anderswo finden könnte. Ein solcher Mensch hat keine eigenen Gedanken und ist auch nicht fähig, aus dem Wissen anderer Nutzen zu ziehen.“
Und wie äußert sich diese Dummheit?
„Unverbesserlich, wie die Leute sind, kritisieren sie den Vortrag des Predigers und das Buch des Philosophen, werden aber weder Christen noch vernünftige Leute.“
Und Sie meinen, selbst die gläubigen Christen wären da nicht zumindest subjektiv in einer besseren Lage, wenn ihnen Gottes Wort verkündet wird?
„In der Kirche scheint es gleichsam zwei Stände zu geben, die sie miteinander teilen müssen: einen, der rücksichtslos und ohne Umschweife die ganze Wahrheit verkündet, und den anderen, der sie eifrig anhört, den Vortrag genießt, lobt und bewundert, aber dadurch weder besser noch schlechter wird.“
Das verstehe ich in der Sache, ehrlich gesagt, nicht.
„Der Mensch ist als Lügner geboren. Die Wahrheit ist einfach und schlicht, er aber verlangt nach Aufputz und gleißendem Schein. Man braucht nur das Volk zu betrachten: Es entstellt, dichtet hinzu und übertreibt, weil es ungebildet und töricht ist.“
Die Wahrheit müsste doch aus sich selbst überzeugen, wenn man einem Philosophen wie Spinoza Glauben schenken kann.
„Vernunft und Gerechtigkeit können ohne äußeren Prunk weder überzeugen noch einschüchtern. Der Mensch ist zwar mit Geist begabt, doch müssen Auge und Ohr ihn leiten.“
Sind also alle Versuche, andere Menschen zu lehren, zu führen, anzuleiten überflüssig, weil schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt?
„Auch wenn es wahr wäre, was manche behaupten, dass die Erziehung dem Menschen weder einen anderen Charakter noch andere Anlagen gibt, dass sie an seinem innersten Wesen nichts ändert und nur die Oberfläche berührt: Auch dann würde ich doch nie müde zu behaupten, dass Erziehung nicht unnütz ist.“
Was könnte man denn trotz aller menschlicher Schwäche lernen?
„Es gibt eine Reihe gängiger Redensarten, die man bei Bedarf aus dem Vorrat entnimmt und die dazu dienen, sich gegenseitig Glück zu wünschen, wenn die Gelegenheit es erfordert. Obwohl sie oft ohne Herzlichkeit ausgesprochen und ohne Dankbarkeit angehört werden, darf man sie nicht fortlassen, weil sie wenigstens eine Andeutung der Freundschaft sind – des Besten, was die Welt zu bieten hat. Die Menschen scheinen ja übereingekommen zu sein, sich mit dem bloßen Schein zu begnügen, da sie in Wahrheit nicht aufeinander zählen können.“
Das ist herzlich wenig; was könnte man außerdem noch lernen?
„Es ist bäurische Art, mit saurer Miene zu schenken. Kraft und Selbstüberwindung erfordert nur der Entschluss zu geben. Was kostet es, ein Lächeln hinzuzufügen?“
Gaben auszutauschen ist wahrlich eine Art, menschlich miteinander umzugehen. Was soll man beim Schenken beachten?
„Lädt man Freunde zum Essen ein oder zu einem Fest, macht man ihnen Geschenke, und bei jedem anderen Vergnügen, das man ihnen bereitet, kann man entweder großen Aufwand treiben oder sich nach ihrem Geschmack richten. Das Letztere ist vorzuziehen.“
Vielleicht sind die Menschen also doch nicht so selbstbezogen, wenn sie einander Wünsche erfüllen?
„Das Einfachste und Nächstliegende ist ein abschlägiger Bescheid, und nur aus Berechnung erfüllt man eine Bitte.“
Ich muss nun wirklich die Frage stellen, die Kant lange nach Ihnen als die philosophische Grundfrage deklariert hat: Was ist der Mensch?
„Kinder sind trotzig, überheblich, jähzornig, neidisch, selbstsüchtig, faul, leichtsinnig, schüchtern, unmäßig, sind Lügner und Heuchler. Sie lachen und weinen leicht, Kleinigkeiten versetzen sie in maßlose Freude und bitteres Leid. Sie wollen nicht, dass man ihnen Böses antut, fügen es aber gerne anderen zu: Sie sind eben schon Menschen!“
Das erinnert mich an ein Gedicht von Wilhelm Busch, worin ein Vater seinem Sohn erklärt, wie brutal Affen miteinander umgehen, und der Sohn dann ganz unschuldig fragt: ‘Sind Affen denn auch Leute?‘ – Wie kann man sich vor solchen ‚Kindern‘ vorsehen?
„In der Verschlagenheit hat man einen großen Schritt vorwärts getan, wenn man sich den Anschein zu geben weiß, als sei man eben nicht der Klügste.“
Das alles ist ziemlich deprimierend – wozu mühe ich mich dann ein ganzes Leben lang ab – wozu bin ich auf Erden, um eine alte Katechismusfrage zu zitieren?
„Wer müsste nicht erkennen, wie überflüssig er selber trotz seltenster Talente und größter Verdienste ist, wenn er bedenkt, dass er sterbend eine Welt verlässt, die ihn nicht vermisst und wo sich so viele finden, die ihn ersetzen möchten?“
Ich befürchte, da haben Sie Recht, Herr de la Bruyère, auch wenn Ihre Einsicht schwer zu ertragen ist. Wir erfahren diese ‚Über-flüssigkeit‘ heute eher, wenn jemand aus dem Beruf ausscheidet, als bei seinem Tod; aber sie lässt sich nicht leugnen. Und was für andere gilt, warum sollte dies für uns selber nicht gelten? Vielen Dank für das Gespräch, Monsieur!

Die Fragen stellte Norbert Tholen am 31. Juli und 1. August 1999. Man könnte einige Fragen ein bisschen anders formulieren: [1] Was unterscheidet Freundschaft von Liebe? [2] Gibt es etwas Schlimmereres als den Verlust der Geliebten, des Geliebten?
Die Antworten stammen aus den Aphorismen des Herrn de la Bruyère (ausgewählt und übersetzt von G. von Schuckmann, Vandenhoeck & Ruprecht 1968), welcher in Meyers großem Taschenlexikon unter „La Bruyère, Jean de“ (1645 – 1696), zu finden ist.

Die Idee dieses Spiels, das ich mit Jeans Aphorismen gespielt habe, beruht
1. auf der Einsicht, dass man eine „theoretische“ (und damit kontextlos gebotene) Äußerung als Antwort auf eine Frage versteht, wie im ersten Beitrag nachzulesen ist;
2. auf der Annahme, dass die Äußerungen eines Menschen, die er in einem Buch zusammengestellt hat, auch (unter dem Stichwort „Autor“ miteinander zusammenhängen – welchen Zusammenhang man als „Gespräch“ herstellen kann.

Ich habe das Spiel in meinem Nietzsche-Buch („Kennen Sie Nietzsche?“ dtv 1997) exerziert. Schüler tun sich schwer, solche Zusammenhänge herzustellen, vielleicht aus deswegen, weil sie die Aphorismen nicht selber ausgesucht haben; man sollte diese vorher besprechen und dann den Schülern die Möglichkeit geben, etwa 3 von 20 auszulassen.

Zu der gerade beschriebenen Aufgabe hier eine Sammlung von Nietzsche-Aphorismen:

Aphorismen aus F. Nietzsche: Morgenröte (1881)
Aufgabenstellung: Verbinden Sie die Aphorismen zu einem Gespräch mit Nietzsche – Sie dürfen dabei drei Aphorismen auslassen (und natürlich die Reihenfolge der Aphorismen verändern – am besten ordnen zuerst Sie die Texte thematisch):

„Alle Dinge, die lange leben, werden allmählich so mit Vernunft
durchtränkt, daß ihre Abkunft aus der Unvernunft dadurch unwahrscheinlich wird. Klingt nicht fast jede genaue Geschichte einer Entstehung für das Gefühl paradox und frevelhaft? Widerspricht der gute Historiker im Grunde nicht fortwährend?“ (Nr. 1)

„Das große Ergebnis der bisherigen Menschen ist, daß wir nicht mehr beständige Furcht vor wilden Tieren, vor Barbaren, vor Göttern und vor unseren Träumen zu haben brauchen.“ (Nr. 5)

„Überall, wo die Uralten ein Wort hinstellten, da glaubten sie eine Entdeckung gemacht zu haben. Wie anders stand es in Wahrheit! – sie hatten an ein Problem gerührt, und indem sie wähnten, es gelöst zu haben, hatten sie ein Hemmnis der Lösung geschaffen. – Jetzt muß man bei jeder Erkenntnis über steinharte verewigte Worte stolpern, und wird dabei eher ein Bein brechen als ein Wort.“ (Nr. 47)

„Die Kehrseite des christlichen Mitleidens am Leiden des Nächsten ist die tiefe Beargwöhnung aller Freude des Nächsten, seiner Freude an allem, was er will und kann.“ (Nr. 80)

„Ehemals suchte man zu beweisen, daß es keinen Gott gebe, – heute zeigt man, wie der Glaube, daß es einen Gott gebe, entstehen konnte und wodurch dieser Glaube seine Schwere und Wichtigkeit erhalten hat: dadurch wird ein Gegenbeweis, daß es keinen Gott gebe, überflüssig.“ (Nr. 95, 1. Teil)

„Wir ziehen immer noch die Folgerungen von Urteilen, die wir für falsch halten, von Lehren, an die wir nicht mehr glauben, – durch unsere Gefühle.“ (Nr. 99)

„‚Was ist das eigentlich, was ich tue? Und was will gerade ich damit?‘ – das ist die Frage der Wahrheit, welche bei unserer jetzigen Art von Bildung nicht gelehrt und folglich nicht gefragt wird, für sie gibt es keine Zeit.“ (Nr. 196, Anfang)

„Viele große innere Erfahrungen haben und auf und über ihnen mit einem geistigen Auge ruhen – das macht die Menschen der Kultur, welche ihrem Volk den Rang geben.“ (Nr. 198, 1. Teil)

„Versuchen wir den Spiegel an sich zu betrachten, so entdecken wir endlich nichts als Dinge auf ihm. Wollen wir die Dinge fassen, so kommen wir zuletzt wieder auf nichts als auf den Spiegel.
– Dies ist die allgemeinste Geschichte der Erkenntnis.“ (Nr. 242)

„Wir drücken unsere Gedanken immer mit den Worten aus, die uns zur Hand sind. Oder um meinen ganzen Verdacht auszudrücken: wir haben in jedem Momente eben nur den Gedanken, für welchen uns die Worte zur Hand sind, die ihn ungefähr auszudrücken vermögen.“
(Nr. 257)

„Einer war durch seinen ungeratenen und boshaften Sohn den ganzen Tag so gequält worden, daß er ihn abends erschlug und aufatmend zur übrigen Familie sagte: ‚So! nun können wir ruhig schlafen!‘ – Was wissen wir, wozu uns Umstände treiben könnten!“ (Nr. 336)

„Es ist eine gut bewiesene Sache, daß die Menschen aus dem Mutterleibe hervorgehen: trotzdem lassen erwachsene Kinder, die neben ihrer Mutter stehen, die Hypothese als sehr ungereimt erscheinen; sie hat den Augenschein gegen sich.“ (Nr. 340)

„Aus feuchten trüben Tagen, Einsamkeit, lieblosen Worten an uns wachsen Schlüsse auf wie Pilze: sie sind eines Morgens da, wir wissen nicht woher, und sehen sich grau und griesgrämig nach uns um. Wehe dem Denker, der nicht der Gärtner, sondern nur der Boden seiner Gewächse ist!“ (Nr. 382)

„Weil etwas für uns durchsichtig geworden ist, meinen wir, es könne uns nunmehr keinen Widerstand leisten, – und sind dann erstaunt, daß wir hindurchsehen und doch nicht hindurchkönnen! Es ist dies dieselbe Torheit und dasselbe Erstaunen, in welches die Fliege vor jedem Glasfenster gerät.“ (Nr. 444)

„Ein Buch wie dieses ist nicht zum Durchlesen und Vorlesen sondern zum Aufschlagen, namentlich im Spazierengehen und auf Reisen; man muß den Kopf hinein- und immer wieder hinausstecken können und nichts Gewohntes um sich finden.“ (Nr. 454)

„So wie man uns jetzt erzieht, bekommen wir zuerst eine zweite Natur: und wir haben sie, wenn die Welt uns reif, mündig, brauchbar nennt. Einige wenige sind Schlangen genug, um diese Haut eines Tages abzustoßen: dann, wenn unter ihrer Hülle ihre erste Natur reif geworden ist. Bei den meisten vertrocknet der Keim davon.“ (Nr. 455)

„In der Jugend nimmt man seine Lehrer und Wegweiser aus der Gegenwart und aus den Kreisen, auf welche wir gerade stoßen: wir haben die gedankenlose Zuversicht, daß die Gegenwart Lehrer haben müsse, die für uns mehr als für jeden anderen taugen, und daß wir sie finden müssen, ohne viel zu suchen. Für diese Kinderei muß man später hartes Lösegeld zahlen: man muß seine Lehrer an sich abbüßen. Dann geht man wohl nach den rechten Wegweisern suchen in der ganzen Welt herum, die Vorwelt eingerechnet, – aber es ist vielleicht zu spät. Und schlimmstenfalls entdecken wir, daß sie lebten, als wir jung waren, – und daß wir uns damals vergriffen.“ (Nr. 495)

„Bei allem, was ein Mensch sichtbar werden läßt, kann man fragen: was soll es verbergen? Wovon soll es den Blick ablenken? Welches Vorurteil soll es erregen? Und dann noch: bis wie weit geht die Feinheit dieser Verstellung?“ (Nr. 523)

„Wie gut klingen schlechte Musik und schlechte Gründe, wenn man auf einen Feind losmarschiert!“ (Nr. 557)

„Auch große Geister haben nur ihre fünf Finger breite Erfahrung – gleich daneben hört ihr Nachdenken auf: und es beginnt ihr unendlicher leerer Raum und ihre Dummheit.“ (Nr. 564)