Gerold Becker ist tot, die Todesanzeige bloß peinlich

„Die Feinde, sie bedrohen dich,

Das mehrt von Tag zu Tage sich;

Wie dir doch gar nicht graut!“

Das seh’ ich alles unbewegt,

Sie zerren an der Schlangenhaut,

Die längst ich abgelegt.

Und ist die nächste reif genung,

Abstreif’ ich die sogleich,

Und wandle neubelebt und jung

Im frischen Götterreich.“

Goethe

Das ist der Sinnspruch im Kopf der Todesanzeige von Gerold Becker (12. April 1936 – 7. Juli 2010), die mehrere Angehörige seiner Familie, Susanne Brock und Hartmut von Hentig als Hinterbliebene aufgegeben haben und die heute, am 10. Juli 2010, in der SZ zu lesen ist (S. 20).

Der Sinnspruch ist an Peinlichkeit nicht zu überbieten. Spiegel-Online berichtet ebenfalls heute unter dem Titel „Aufarbeitung an der Odenwaldschule“ über den Tod Beckers und die damit verbundene Problematik:

„Irgendwer hat in den siebziger Jahren das Schild auf der hügeligen, malerischen Zufahrtsstraße nach Ober-Hambach zur Odenwaldschule verhunzt. „Hodenwaldschwule“ stand da beinahe ein ganzes Jahr lang.

Das war nicht wirklich lustig, aber auch nicht wirklich beängstigend. Wer würde wegen eines hinzugefügten H gleich den Verdacht schöpfen, dass an der Schule Ungeheuerliches vor sich geht?

Dann war da der Holzphallus. Schüler rammten ihn 1975 in die Wiese vor Gerold Beckers Büro auf dem Schulgelände. Er ließ ihn umgehend entfernen.

Dann waren da die Schüler, die „Der Be-ecker, der Be-ecker, der findet kleine Jungs le-ecker“ sangen.

Dann war da der Lehrer, der Karneval 1972 zum Anlass nahm, um in einer Büttenrede von „Heldenleben mit Kindertotenliedern“ zu schwadronieren. Eine Anspielung auf das Geschehene oder Vermutete als Gag. Der Mann wurde danach wochenlang von den Kollegen rund um den schwer belasteten Musiklehrer Wolfgang Held gemieden.

Wenn man heute, knapp vier Jahrzehnte später, von all den scheinbaren Scherzen hört, wirken sie nicht mehr komisch. […]

Becker ist jetzt gestorben, Held schon 2006.

Was bleibt, ist die Wahrheit der Opfer. Sie äußert sich an diesem Freitagabend in Sätzen wie: „Ich bin so erzogen worden, mit einem Erwachsenen ins Bett zu gehen, das war ganz normal.“

Und: „Ich bin täglich von Becker angegangen worden. Als 13-Jähriger bin ich nachts davon aufgewacht, dass mich Becker am Schwanz lutscht.“

Anwesend waren auch jene Opfer, die schon vor zwölf Jahren versucht haben, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Sie wandten sich damals erst an die Schule, schließlich an die Presse, aber sie bekamen kaum Unterstützung. Sie waren es, die im vergangenen Jahr die Debatte noch einmal anstießen. „Wir haben längst eine dreistellige Opferzahl erreicht, und jeder weiß es“, sagte an diesem Freitag einer von ihnen. Nur sind viele Betroffene so geschädigt, dass sie sich nicht an die eigens beauftragten Juristinnen wenden können.“ (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,705715,00.html)

Was soll man angesichts dessen zum schamlosen Spruch vom Helden, der sich seinen Feinden durch Häutung und den Flug ins Götterreich entzieht, sagen? Aber Becker wird sich nicht häuten – er wird in der Urne beigesetzt, und seine Asche kommt wie die Asche aller in die Erde. Die Frage nach Schuld, Verantwortung und Vergebung kann man nicht mit einem Goethe-Spruch erledigen.

* Die Diskussion ist auf meinem alten Blog http://norberto42.kulando.de/post/2010/07/10/georg-becker-ist-tot-die-todesanzeige-ist-blo-peinlich fortgeführt worden.

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