Stierle: Geschichte als Exemplum – Referat

Karlheinz Stierle: Geschichte als Exemplum – Exemplum als Geschichte. Zur Pragmatik und Poetik narrativer Texte. In: Geschichte – Ereignis und Erzählung (Poetik und Hermeneutik V), München 1973, S. 347 ff.

Kurzreferat (im Indikativ, also in Stierles Perspektive)

I

Texte sind dem Verstehen zugänglich als Sprache und als Handlung; Bedeutung des Begriffs Sprachhandlung. Austin: act of saying und act by saying. Zur Semiotik und Pragmatik kommt eine Textpoetik hinzu: Freisetzung von Sprachhandlungen aus dem pragmatischen Kontext.

Es gibt verschiedene Arten von Erzählungen, denen jedoch das gleiche dreistufe narrative Schema (nach A. C. Danto) zugrunde liegt: Dem Subjekt X kommt zuerst das Prädikat F, am Ende das Prädikat G zu; dabei sind F und G Oppositionen. Zwischen ihnen vermittelt die Geschichte H im Zeitverlauf des Geschehens. Paradigmatische Oppositionen werden so syntagmatisch entfaltet; es gibt dabei elementare Oppositionen, deren Richtungssinn festgelegt ist (z. B. jung -> alt).

Erst durch Besetzung des narrativen Schemas auf verschiedenen Ebenen wird die Geschichte konstituiert.

II

Lessings „Abhandlungen über die Fabel“ zeigen, wie sich aus einem systematischen ein narrativer Text gewinnen lässt: durch Transformation des Allgemeinen ins Besondere. Indem die Geschichte dann als vergangene erscheint, kann sie als ganze erscheinen.

Das Allgemeine erscheint in der Fabel als Besonderes, im Exemplum im Besonderen. Das Geschehen gewinnt exemplarischen Charakter, weil Geschichte sich wiederholt und Belehrung ermöglicht. Seit Ende des 18. Jh. schwindet das Exemplum, weil Geschichte nicht mehr als magistra vitae erscheint.

III

Boccaccio hat das Exemplum problematisiert und in die Novelle umgewandelt: Das Exemplum wird zum Kasus, der nicht (mehr) zur Nachahmung aufruft, sondern zur Beurteilung. Die Novelle lädt zur Reflexion ein, zur unabschließbaren Suche nach Begriffen; an die Stelle des Typischen ist der Einzelfall getreten, der wegen seiner Einmaligkeit problematisch sein kann. Bei Boccaccio stehen die Novellen eines Tages allerdings noch in einem paradigmatischen Rahmen.

Die Hörer/Erzähler dieser Novellen sind mündig. Der reale Leser kann sich mit diesen Hörern identifizieren und so an der idealen Versöhnung von Natur und Vernunft teilhaben.

IV

Montaigne ist skeptisch, auch gegenüber seinen Beispielen, und gewinnt so einen Spielraum des Reflektierens. Die Relation von Exemplum und Sentenz wird bei ihm zum Verhältnis von problematisiertem Exemplum und problematisierter Sentenz (d.h. zur Reflexion). Die Unmöglichkeit von Exempla impliziert die Unmöglichkeit von Geschichten und damit auch der eigenen Lebensgeschichte; sie ermöglicht den Essay. Ihm entspricht die Widersprüchlichkeit der eigenen Existenz in verschiedenen Momenten des Lebens. Man kann nur der Vielfalt dieser Momente inne werden – sie zu bereuen ist nicht möglich, weil es keinen privilegierten Moment des Erkennens des Ganzen gibt.

Erst der moderne Roman hat sich die poetische Sprachhandlung „unmögliche Geschichte“ als Aufgabe gesetzt.

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Einen Essay schreiben – wie geht das?

Diese Überlegungen habe ich vor mehreren Jahren nach dem Versuch, im Fach Philosophie Essays schreiben zu lassen, angestellt.

Was muss man tun? Zuerst nachdenken und nachschlagen!
1. Wie denkt man nach?
Man sucht Fälle, Beispiele; man denkt sich Fälle aus; man prüft,
„was man so sagt“. Man spricht mit anderen Leuten (wie Celia).
Zweiter Schritt: Man verallgemeinert, sucht das Gleiche.
Dritter Schritt: Man differenziert, unterscheidet im Gleichen das bloß Ähnliche:
* politische Freiheit : Freiheit des Staatsbürgers, formuliert als Katalog der Grundrechte;
* wirtschaftliche Freiheit : Berufswahl und Geschäftsgründung;
* persönliche Freiheit : Stärke gegenüber Konformitätsdruck;
* metaphysische Freiheit : moralische Verantwortung;
* gibt es weitere Aspekte? bessere Einteilungen?
Viertens: Man vergisst nicht, was man bereits eingesehen hat, dass nämlich die Kinderdefinition („Ich kann tun, was ich will“) nur die Umschreibung der Wildbahn ist, pubertäre Allmachtsphantasie, und dass es Freiheit in der menschlichen Gemeinschaft nur in der Form des Rechts (in der Rechtsgemeinschaft) gibt.
2. Wo schlägt man nach?
Im Fachwörterbuch schlägt man nach, notfalls im Brockhaus oder im Internet. Beachte unser Beispiel „Herrschaft“: Es gibt Wörterbücher verschiedener Art!
Dann sortiert man das, was man aus der Literatur brauchen kann. Thema beachten!
Dann prüft man das, was man liest, und sucht es zu verstehen:
– Was denke ich mir dabei? Welche Beispiele gibt es dafür? S.o.!
– Welche anderen Wörter könnte man für die zentralen Begriffe einsetzen? Warum werden die anderen Begriffe nicht gebraucht?
– Welche Begriffe müsste man einsetzen, damit das Gegenteil gesagt würde? Welche Folgerungen wären daraus zu ziehen?
– Stimmt das alles auch? Passt es zu meinen Einsichten?
3. Den Gedankengang, den man dann entwickelt (Gliederung), muss man später erstens prüfen, zweitens überblicken, drittens überarbeiten, also noch dreimal lesen. Dann bemerkt man: „Diese Definition ist probeweise eingesetzt; später sehe ich, dass ich sie nicht halten kann.“ Das sage ich dann aber auch deutlich! Ich bin also der erste Analytiker meiner eigenen Überlegungen.
4. Das alles braucht Zeit; unter Zeitdruck schreibe ich zwar Wörter und Sätze, aber keinen philosophischen Essay. – Das Geheimnis des guten Essays besteht darin, dass oft an ihm gefeilt worden ist, sodass er ganz leicht wirkt, als wäre er einfach bloß heruntergeschrieben.

Als Beispiel eines philosophischen Essays möchte ich meinen Aufsatz „Wo bleibt die Zeit?“ vom 24. Mai 2006 nennen. Regeln und Anleitungen: http://von-wachter.de/lehre/anleitung.htm

Ein weiteres Beispiel wäre mein Aufsatz „Warum der Tod kein absolutes Skandalon ist“, ebenfalls gegliedert und schön mit Anmerkungen verziert: http://norberto42-4.blog.de/?tag=Tod