Zentralabitur Deutsch NRW 2015, Gk – 1. Thema

Grundkurs Deutsch, 1. Thema:

  1. Das Gedicht „Der Winter“ von A. Lichtenstein analysieren.
  2. a) Eichendorffs Gedicht „Winternacht“ analysieren; b) die beiden Gedichte im Hinblick auf die Gestaltung des Wintermotivs vergleichen; c) sie in Beziehung zu ihrem literaturgeschichtlichen Hintergrund setzen.

Kommentar:

Beide Gedichte sind weithin bekannt, den Gedichtvergleich gibt es bereits im Internet. Die Gestaltung des Wintermotivs ist gegensätzlich: bei Lichtenstein eine harte, tödliche Stadt-Natur-Landschaft, bei Eichendorff die trotz winterlicher Verlassenheit in Ahnungen des Wipfelrauschens erlebte Geborgenheit. Die Hintergründe sind Expressionismus/Romantik, deren Merkmale aus dem Unterricht bekannt sind.

Es wäre fair gewesen, zu Lichtenstein das Jahr 1912 als Entstehungsjahr anzugeben (statt 1962 als Jahr der vorliegenden Ausgabe). Rein schreibtechnisch kann man die zwei Gedichtanalysen plus Vergleich usw. kaum in drei Stunden bewältigen – das muss bei der Lösungserwartung berücksichtigt werden; allerdings sind beide Gedichte nicht schwer zu verstehen.

http://www.zeno.org/Literatur/M/Lichtenstein,+Alfred/Gedichte/Die+D%C3%A4mmerung/Der+Winter Lichtenstein: Der Winter (1912)

http://www.versalia.de/archiv/Lichtenstein/Der_Winter.2659.html (dito)

http://de.wikisource.org/wiki/Winternacht_%28Joseph_von_Eichendorff%29 Eichendorff: Winternacht

http://userpage.fu-berlin.de/mziesmer/media/material/Verschneit%20liegt%20rings%20die%20ganze%20Welt%20-%20Praxis%20Deutsch.pdf (dito, mit U-Entwurf)

http://www.digitale-schule-bayern.de/dsdaten/8/675.pdf (ähnlich)

http://9c-lvd.de.tl/Schule/thema-1-Epochenbezogene-Gedichtsanalyse,-Romantik.htm (dito, Schüleranalyse)

https://www.youtube.com/watch?v=SVskJcN7LqQ Vortrag: Fritz Stavenhagen

http://www.e-hausaufgaben.de/Hausaufgaben/D2490-Gedichtvergleich-Lichtenstein-Expressionismus-Eichendorff-Romantik.php Gedichtvergleich

http://www.abipur.de/referate/stat/653839546.html (dito)

Die Lösungserwartung zeigt, wie schwer man sich manchmal damit tut, 72 Punkte (wie bei den anderen Themen) zu verteilen – da kann man für eine einzige Beobachtung unter drei verschiedenen Aspekten Punkte bekommen…

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Lyrisches Ich und realer Autor

Eichendorffs Gedicht „Der frohe Wandersmann“ ist 1817 entstanden. Die 2. und die 3. Strophe dieses bekannten Gedichts bzw. Liedes lauten:

„Die Trägen, die zu Hause liegen,

Erquicket nicht das Morgenrot,

Sie wissen nur von Kinderwiegen,

Von Sorgen, Last und Not um Brot.

 

Die Bächlein von den Bergen springen,

Die Lerchen schwirren hoch vor Lust,

Was sollt ich nicht mit ihnen singen

Aus voller Kehl und frischer Brust?“

Hier haben wir den schönen Fall vor uns, dass das lyrische Ich klar eine bestimmte Lebensführung verächtlich abtut („Die Trägen …“), wogegen es seine eigene rechte Lebensweise preist („Was sollt ich nicht mit ihnen singen …?“). Wir haben zweitens die Möglichkeit, diese ideale Lebensweise des lyrischen Ichs mit der realen Lebensweise des Autors Joseph von Eichendorff zu vergleichen: 1815 hat er geheiratet, im gleichen Jahr wurde sein Sohn Hermann Joseph geboren; 1816 trat er in den preußischen Staatsdienst, und zwar als Referendar in Breslau. 1817 wurde seine Tochter Therese geboren, 1821 die Tochter Agnes. 1821 wurde er Schulrat in Danzig, 1824 Oberpräsidialrat zu Königsberg und 1831 Regierungsrat im Berliner Kulturministerium. Das ist ganz und gar nicht das Leben eines frohen Wandersmanns, sondern eines der vom lyrischen Ich geschmähten „Trägen“.

Nun geht es hier nicht um eine Beurteilung von Eichendorffs Lebensführung, sondern um eine literaturwissenschaftliche Einsicht: Das lyrische Ich in Eichendorffs Gedicht „Der frohe Wandersmann“ hat nichts, aber auch gar nichts mit dem realen Leben des Autors Eichendorff zu tun. Es ist nicht möglich, durch Rückgriff auf dessen Leben die Lebensweise des lyrischen Ichs zu „erklären“, wie es bei Schülern beliebt ist und leider sogar von Lehrern vorexerziert wird. Das ist ein methodische Einsicht, die grundsätzlich gilt. In Einzelfällen mag es Parallelen zwischen lyrischem und biografischem Ich geben, und ganz unbedarfte Menschen schreien und schreiben ihre seelischen Qualen ungefiltert hinaus in die Welt – aber unsere methodische Einsicht kann das nicht umstoßen: Der Rückgriff auf die Biografie des Autors ist keine generell gültige Methode zur „Erklärung“ von Gedichten oder Kunstwerken.

Wenn diese Einsicht grundsätzlich gilt, muss man alle Versuche, die aufgezeigte Differenz zu überspielen oder zu „überbrücken“, als Ausflüchte ansehen, die sie sind: „Dieses ‚Wandern’ ist doch auch ein Symbol. Der leichte Wanderschritt, das Lied, die unbürgerliche Gelöstheit: in ihnen klingt die Freiheit der Kinder Gottes wider, jener in die Ferne hinausschauenden ‚Jugendlichen’.“ (Paul Stöcklein, rm 84, 1963, S. 58). Das ist schön und gut, was Paul Stöcklein geschrieben hat, stimmt ja auch – kann aber nicht die methodische Einsicht erschüttern, dass das lyrische Ich eines Gedichts grundsätzlich nicht das biografische Ich des Dichters ist und nicht von jenem her „erklärt“ werden kann. Amen

Daraus ergibt sich naturgemäß als zweite Einsicht, dass ein vom Ich angesprochenes „Du“ nicht der Leser ist, sondern eben der Gesprächspartner des Ich (manchmal auch das Ich selbst, wenn es sich im inneren Monolog so anspricht). Auch hier mag es Grenzfälle geben, wo ein Dichter bekehren oder agitieren möchte – aber grundsätzlich ist jedes Du ein Gesprächspartner des Ichs, und weder der Dichter noch der Leser kommen im Text vor. – Wie man die komplexen Verhältnisse zwischen Dichter, Werk und Leser aufhellen kann, ist eine andere Frage, die vor allem in der Erzähltheorie intensiv diskutiert wird; aber daraum brauchen wir uns jetzt nicht zu kümmern.

Parodieren, Parodie schreiben (mit Beispielen)

Man parodiert etwas, wenn einem bestimmte Inhalte in ihren spezifischen Ausformungen zum Hals heraus hängen. So wird durch den frommen, aber genervten Kirchenbesucher „Großer Gott, wir loben dich…“ umgeformt in „Großer Gott von Lobberich…“ [für Ortsunkundige: Lobberich ist ein Dorf am Niederrhein]. Oder in unserer Familie haben wir ein Weihnachtslied umgeformt (weil ich das fromme Gedudel nicht mehr hören konnte):
„Die redlichen Hirten stehn kniend davor,
hoch oben pupst jubelnd der Engelein Chor.“
Das geht auch bei Schlagern prima: „Der Junge mit dem Hund von Monika…“, „Es hängt ein Büstenhalter an der Wand…“ (Parodie von „Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand“) bzw. „Es hängt ein Autoreifen an der Wand“.
So haben Eichendorff und Herwegh schon Goethes „Nachtgesang“ parodiert, so kann man Benn und Bloch wegen ihrer sprachlichen Besonderheiten leicht parodieren. Brecht hat mit „Großer Dankchoral“ das Te Deum parodiert, die ganze „Hauspostille“ ist ein Parodie kirchlicher Formen und Riten.
Vor gut zehn Jahren stand in der ZEIT eine Parodie der Warnungen vor Drogensucht, in der berichtet wurde, wie eine Frau nach Waschmitteln süchtig wurde, und vor dieser Waschmittel-Sucht gewarnt wurde.

Weil es so schön ist, ein Beispiel, das ich in der Schule gelernt habe:

„Ich bin klein,
mein Herz ist rein,
ich schlaf allein –
muss das sein?“
(von Christina, die so ihre Oma aus Ratheim zitierte)

Idee: im Deutsch- oder Literaturunterricht Parodien schreiben

Beispiele einer Parodie der wikipedia:

http://www.stupidedia.org/stupi/Hauptseite

http://de.uncyclopedia.org/wiki/Hauptseite

http://kamelopedia.mormo.org/index.php/Kamelopedia:Hauptseite

(vgl. http://www.netzeitung.de/internet/917817.html)

Ich würde übrigens eine Parodie als Sonderform der Satire betrachten, wobei die Kritik durch die Nachahmung bestimmter Merkmale der Form der kritisierten Vorlage (meist mit einer Trivialisierung oder „Verblödung“ des Inhalts verbunden) geübt wird.

Fortsetzung 2013 (weitere Beispiele, Theorie der Parodie):

http://www.fernuni-hagen.de/EUROL/termini/welcome.html?page=/EUROL/termini/6231.htm

Kästner: Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn? (-> Goethe: Mignon)

Kästner: Der Handstand auf der Loreley (-> Heine: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten)

http://www.erlangerliste.de/parodie/lenore.html (große Sammlung)

http://de.wikisource.org/wiki/Parodien (Sammlung von Beispielen)

http://www.litipedia.de/artikel/parodie (Definition)

http://www.erlangerliste.de/vorlesung/parodieII2.html (Theorie)

(vgl. auch http://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Parodie)