Zentralabitur Deutsch NRW 2011 – Lk

1. Wahlaufgabe: Precht/Koeppen

a) Aufgabenstellung: „Analysieren Sie den Textauszug … im Hinblick auf die darin enthaltenen Vorstellungen …“ Eine solch mickrige Aufgabenstellung darf nicht „Analysieren“ des Precht-Textes genannt werden. Was gehört zum Analysieren laut Operatorendefinition? „Zusammenhang Textstruktur und Textintention, strukturbildende semantische, syntaktische Elemente unter Berücksichtigung der sprachlichen Funktion, Wirkung; Erfassen der pragmatischen Struktur des Textes unter besonderer Berücksichtigung der Argumentationsweise – Reflektierte Schlussfolgerungen ziehen aus dem Zusammenspiel von Struktur, Intention und Wirkung im Rahmen des historischen und aktuellen Verstehenshorizontes“ Gefordert war dagegen (laut Lösungserwartung) eine thematisch vorstrukturierte inhaltliche Zusammenfassung des Textes: eine Aufgabe für Neuntklässler.

Hinzu kamen 30 Zeilen Koeppen-Text mit der Aufgabenstellung: „Beschreiben Sie in Bezug auf den vorliegenden Romanauszug und aufgrund Ihrer Kenntnis von Koeppens Roman …  das Paar … sowie ihre Beziehung. Prüfen Sie, inwieweit … Berücksichtigen Sie dabei auch den jeweiligen Zeithintergrund.“ Das ist also im Wesentlichen Reproduktion des Textes bzw. des im Unterricht Erarbeiteten; das ist dann ein Vergleich der bisherigen Ergebnisse der beiden Teilaufgaben; wozu oder wobei man den jeweiligen Zeithintergrund („wessen?“ würde ich jedem Schüler im Aufsatz an den Rand schreiben) beschreiben soll, wird nicht ganz klar – vermutlich soll man ein bisschen zur Nachkriegszeit und zur Gegenwart schreiben, halt die schönen Klischees aufgreifen, die Precht reichlich liefert.

Bei der „Materialgrundlage“ ist eine kleine Falle aufgestellt: Koeppens „Tauben im Gras“ wird nach der 1. Auflage bei Suhrkamp (1980) zitiert; das ist sicher die st-Ausgabe. Ich besitze noch die BS-Ausgabe von 1974, und in der steht als Erscheinungstermin (bzw. Copyright) 1951. Schlafmützige Schüler könnten aus der Angabe schließen, Koeppens Roman sei 1980 erschienen.

b) Richard David Precht: Liebe. Ein unordentliches Gefühl, 2009, als Materialgrundlage: Etwas derart Banales und Halbrichtiges über die Vorstellungen romantischer Liebe habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Dass „selbst unsere Großeltern“ die Vorstellung romantischer Liebe nicht kannten [das wäre die Generation der um 1910/20 Geborenen – Precht, „Autor erfolgreicher populärwissenschaftlicher Bücher zu philosophischen Themen“ (Wikipedia), ist Jahrgang 1964], ist ein großer Unfug. Was der in der Liebessehnsucht sich zeigende Anspruch auf Glück mit Autos, Zügen, Flugzeugen, Internet und Mobiltelefon zu tun hat (außer dass im „populärwissenschaftlichen“ Buch eine Zeile gefüllt wird), weiß vermutlich selbst der Autor nicht. Und zum Schluss steht eine große Weisheit: „Die Beurteilungen dieser neuen Form von Liebesbeziehung gehen stark auseinander.“ (Man lese als eine qualifizierte Äußerung zum Thema dieses ZEIT-Interview!)

Schon Heine („Jammertal“) hat die Vorstellungen romantischer Liebe parodiert. Auch Hans Christian Andersen hat wenig später im Märchen vom Liebespaar die Illusion der romantischen Liebe desillusioniert – alles bereits im tiefsten 19. Jahrhundert; ich habe 2009 Links zum Thema zusammengetragen: http://also.kulando.de/post/2009/01/20/romantische-liebe-links. Die Beurteilungen von Prechts Buch gehen vermutlich auch weit auseinander – man könnte Prechts Trivial-Philosophie in einem guten Kurs zur Erörterung anbieten; mit Materialgrundlagen solcher Qualität arbeiten zu müssen, damit sollte man Schüler verschonen. Für die ganze Precht-Aufgabe gab es 24 Punkte – mehr war sie wirklich nicht wert; dabei gab es diesmal erstaunlicherweise für den „Schluss“ des Prechtteils keine Punkte, während es für die Einleitung der Koeppen-Aufgabe 9 Punkte gab: eine Disproportion.

2. Wahlaufgabe: Büchner/von Matt

a) Aufgabenstellung: „Stellen Sie kurz den Inhalt … dar … und untersuchen Sie, wie Büchner die Figur der Marie in den drei Szenen gestaltet. Erläutern Sie abschließend den Stellenwert dieser Szenen für den Handlungsverlauf des Theaterstücks.“ Das ist eine normale Aufgabenstellung, die nur einen guten Unterricht voraussetzt, auf dessen Ergebnisse man zurückgreifen kann. Problematisch ist vielleicht die Bezeichnung „das Theaterstück“ – das gibt es ja bekanntlich nicht; es gibt nur Vorschläge, welche Szenen (aus vier Handschriften) in welcher Reihenfolge man als Theaterstück ansehen sollte. Aber mit solchen Feinheiten können wir uns im Abitur nicht herumschlagen, da soll es ja lediglich wissenschaftspropädeutisch zugehen, nicht wissenschaftlich!

b) von Matt: Referat und Aufgabenstellung: Hier ist bereits das Referat der Auffassung von Matts (5 Zeilen) misslungen. Von Matt hat zuvor Mörickes Ballade „Der Schatten“ als Beispiel patriarchalischen Verfügens über den Leib der Frau kritisiert (S. 162-166) und in diesem Zusammenhang auch das Recht der Frau, „sich von ihrem Standpunkt aus zur Sache zu äußern“ (S. 166), erwähnt. Damit meint er ganz klar den römischen Rechtsgrundsatz „audiatur et altera pars“, den wir heute den Grundsatz des rechtlichen Gehörs nennen. Von einem solchen Grundsatz kann im „Woyzeck“ keine Rede sein, da Marie weder vor Gericht steht noch von Woyzeck ausdrücklich zur Rechenschaft gezogen wird; auch Woyzecks Prozess wird im Drama nicht dargestellt. Damit die Aufgabensteller aber etwas aus von Matt herauspressen können, müssen sie den Rechtsgrundsatz umdeuten: „Marie eine Chance auf Rechtfertigung geben und ihr eine Stimme verleihen.“ Und mit dieser hinzu erfundenen zweiten Bedeutung können sie dann arbeiten (lassen).

Auch wenn Marie in von Matts Sicht als individuelles Wesen vorgestellt wird, ist das unklar. Von Matt schreibt, sie gewinne bei Büchner „eine Tiefe, die sie herausrückt aus allen Rollen und sozialen Schemata, zu einem Einzelwesen macht, das nicht mehr definierbar ist aus seiner Funktion im patriarchalen Gerüst“ (S. 167 – im Gegenzug zur Frau in Mörickes Gedicht). Vielleicht sieht Woyzeck seine Marie durchaus als eine Art Besitz: „Herr Hauptmann, ich bin ein armer Teufel, – und hab sonst nichts auf der Welt“. Aber Woyzecks Sicht muss nicht mit der identisch sein, welche die Zuschauer auf Marie gewinnen. – Losgelöst vom Bezug auf die patriarchalische Weltordnung gewinnt der Begriff „individuelles Wesen“ jedoch eine andere Bedeutung, als er im Text von Matts hat.

Bei der 2. Teilaufgabe ist also mächtig gemauschelt worden, weil man den Schülern den originalen von Matt nicht zumuten wollte, weil 1 Seite von Matt wirklich nicht ohne Beschreibung des Kontextes zu verstehen ist – zu dieser Form der redlichen Texterläuterung können sich Abituraufgabenfabrikanten in NRW aber nicht hinreißen lassen, während sie jedoch an einer „Textgrundlage“ festhalten wollen. Das Ergebnis ist ein ziemlich fauler Kompromiss, dessen Fäulnis üble Gerüche verbreitet; oder ist das wieder bloß wissenschaftspropädeutisch noch hinnehmbar, aber wissenschaftlich nicht sauber? Wie sagt doch Frau Kraft vermutlich in Anlehnung an Frau Merkel: Sie habe im KM keine Wissenschaftler angestellt.

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Lehrerheft zu Büchner: Dantons Tod, Woyzeck

Am 1. Juli habe ich die Belegexemplare meines neuen Lehrerheftes zu Büchner (Dantons Tod, Woyzeck) bekommen. Das steht drin:

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Georg Büchner (allgemein)

A Georg Büchners Leben

B Die politische Lage zur Zeit Büchners

C Büchners Werke

– Der Hessische Landbote

– Dantons Tod

– Lenz

– Leonce und Lena

– Woyzeck

D Büchner in der Literaturgeschichte

E Materialien zu beiden Unterrichtseinheiten

– Brief an die Braut (Anfang 1834: Fatalismusbrief)

– Brief an die Familie (28. Juli 1835)

– Auszug aus „Lenz“ (zur Literaturtheorie)

– Auszug aus „Lenz“ (Themen: Ruhe, Wahnsinn)

– Auszug aus „Leonce und Lena“ (III 3: Automatenrede)

– Georg Büchner: Probevorlesung „Über Schädelnerven“

– Ursula März: Pilger, Pfarrer, Promis. Poetik des Authentischen

2. Unterrichtseinheit „Dantons Tod“

A Didaktische Überlegungen

– Verständnis des Dramas – Aspekte

– Ziele des Unterrichts

– Überlegungen zum Gang des Unterrichts

– Analytische und produktive Arbeitsformen

– Einsatz des Films

B Untersuchungen zum Text

– Danton und seine Freunde: ihr Porträt in I 1

– Exposition: Akteure und Themen (I 1 und I 2)

– Politische Rhetorik Robespierres in I 3

– Robespierre (I 6 – Analyse im Überblick)

– Der Gang des Geschehens

– Der Kampf der Revolutionäre – Aspekte

– Analyse II 7

– Danton im Angesicht des Todes (im Wesentlichen ab III)

– Marion, Lucile, Julie – drei Frauengestalten

– Die Lieder in „Dantons Tod“, exemplarisch untersucht

– Figurenkonstellation und Figuren

C Materialien

– Lektürekontrolle 1. Akt

– Offene Form des Dramas

– Anleitung zur Szenenanalyse

– Das revolutionäre Geschehen (historischer Hintergrund)

– Vorlagen der Lieder in „Dantons Tod“

– Hans Mayer: Thermidorstimmung

– Max Weber: Politik als Beruf (Auszug)

D Klausuren (mit Lösungserwartung)

– Vergleichende Analyse zweier fiktionaler Texte

– Analyse eines Sachtextes mit weiterführendem Schreibauftrag

3. Unterrichtseinheit „Woyzeck“

A Didaktische Überlegungen

– Zum Verständnis des Dramas – Aspekte

– Ziele des Unterrichts

– Zum Verlauf des Unterrichts

– Arbeitsformen, Arbeitsergebnisse, Arbeitsvorschläge

– Woyzeck-Inszenierungen in Schulen

– Der Film „Woyzeck“ von Werner Herzog

– Weitere Hilfsmittel

B Erläuterungen zum Text

C Untersuchungen zum Text

– Der Doctor und Woyzeck: Subjekt und Objekt (8. – 10.)

– Woyzeck und der Hauptmann (5. und 9.)

– Die 3. Szene – Aspekte einer Szene

– Funktion der Lieder – exemplarisch untersucht

– Vergleich der 4. Szene mit Faust I, „Abend“

– Der Gang des Geschehens

– Marie zwischen zwei Männern: Woyzeck und Tambourmajor

– Woyzecks Sprachlosigkeit

– Arbeit mit dem Wörterbuch – methodische Übungen

– Was der Narr sagt – methodische Übungen

– Sprachliche Handlungen bestimmen – methodische Übungen

– „Woyzeck“ als offenes Drama – verschiedene Arten von Szenen

– Büchners Literaturtheorie

– Woyzeck – Figur und Figurenkonstellation

– Todessignale

D Materialien

– Lektürekontrolle 1. – 18. Szene

– Die wunderliche Gasterei (zu Blutwurst-Leberwurst, 17.)

– Goethe: Faust I, Szene „Abend“ (zum Vergleich mit 4.)

– Reinhard Lindenhahn: Dialog-Theorie

– Fragen zu einer Inszenierung des Stücks – beantwortet von Christian Stückl

– Marius von Mayenburg im Gespräch über Thomas Ostermeiers „Woyzeck“-Inszenierung

– Der Himmel über Marzahn (Rezension von Ostermeiers Inszenierung)

– Wir sind wir (Rezension von Volker Löschs Inszenierung)

– Werner Morlang: Wer und wer? – Mensch ist Mensch (Beispiel produktiven Arbeitens)

E Klausuren (mit Lösungserwartung)

– Analyse eines fiktionalen Textes mit weiterführendem Schreibauftrag

– Vergleich zweier fiktionaler Texte mit weiterführendem Schreibauftrag

4. Sonstige Hilfsmittel

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Eine kleine Nachbemerkung: Fast alle, die sich mit Büchner beschäftigen, erheben ihn in den Himmel der absoluten Genialität. Nun war er sicher ein hoch begabter Mann, ein entschlossen Handelnder – aber der frühe Tod verleitet einen dazu, etwas als Lebenswerk zu betrachten, was doch erst in freilich sehr beachtlichen Bruchstücken und auch noch unausgegoren vorhanden war. – Zum Vergleich denke man sich den nicht weniger begabten Goethe mit 23 Jahren, also etwa Ende 1772 gestorben: Einige der großen Hymnen wären uns geblieben, aber nicht einmal „Die Leiden des jungen Werthers“! Was hätten wir von einem Büchner erwarten dürfen, der 60, 70 Jahre alt geworden wäre!?