Bildung / Ungleichheit / Gerechtigkeit

Ein amerikanisches Projekt frühkindlicher Förderung: https://de.wikipedia.org/wiki/High/Scope_Perry_Preschool_Project

„Wenn man benachteiligte Kinder sehr früh fördert, sind die ökonomischen Effekte enorm; wenn man sie erst im Jugendalter unterstützt, sind die Effekte minimal. Manchmal erzielen solche Programme sogar negative Renditen!“ (James Heckman, Nobelpreisträger)
Und Heckmans Erklärung des Erfolgs ist diese: „Die Kinder aus der Vorschulgruppe waren motivierter und hatten mehr Selbstdisziplin. Das – und nicht der IQ – erklärt ihre späteren Erfolge.“

Das alles sollte man bedenken, wenn man Gerechtigkeitslücken in der Bildung sieht und deswegen eine gemeinsame Erziehung der Kinder auch über Klasse 4 hinaus fordert: „Gut gemeint“ ist nicht immer auch „gut gemacht“!

Christian Pfeifers Unbedarftheit

Christian Pfeifer hat 2007 eine Studie über den Zusammenhang von Medienkonsum und schulischen Leistungen veröffentlicht, die den bekannten Zusammenhang bestätigt: Je höher der Medienkonsum, desto schlechter die Leistungen in der Schule. Christian Pfeifers Studie steht hier: http://www.kfn.de/versions/kfn/assets/pisaverlierer.pdf

Hier ein Auszug, der die Schwäche der ganzen Untersucherei zeigt – ich werde unten unterm Strich darauf eingehen:

8. Was ist zu tun?
Auf der Grundlage der hier dargestellten KFN-Untersuchungen zur Wirkung von Fernsehen und Computerspielen auf Schulleistungen zeichnet sich für die vier PISA-Verlierergruppen ein klarer Befund ab. Im Vergleich zu ihrer jeweiligen Gegengruppe sind sie durchweg bereits in der Kindheit durch eine sehr viel höhere Ausstattung mit Mediengeräten belastet sowie in Folge davon mit sehr viel längeren Medienzeiten und eine weit intensiveren Nutzung von entwicklungsbeeinträchtigenden Medieninhalten. Übereinstimmend zeigen die Ergebnisse der beiden KFN-Schülerbefragungen 2005, der Berliner Panel-Untersuchung und des gedächtnispsychologischen Experiments, dass die deutlich schwächeren Schulleistungen der PISA-Verlierer auch mit ihrem jeweiligen Mediennutzungsmuster zu erklären sind. Die These, wonach die Schulnoten (und PISA-Leistungen) umso schlechter ausfallen, je mehr Zeit die Kinder und Jugendlichen mit Medienkonsum verbringen und je gewaltintensiver dessen Inhalt ist, hat sich klar bestätigt. Die Leidtragenden dieser seit Anfang der 90er Jahre zu beobachtenden Entwicklung sind in erster Linie die Jungen, die Kinder und Jugendlichen aus Norddeutschland, die jungen Migranten und die sozial schwachen Schülerinnen und Schüler aus Elternhäusern mit niedrigem Bildungsniveau.
Welche Folgerungen leiten sich aus der dargestellten Analyse ab?

8.1 Gezielte Aufklärung über die Entstehung und Wirkung extensiven Medienkonsums von Kindern und Jugendlichen
(…) Zu wünschen wäre ferner, dass bereits die Eltern von Grundschulkindern von ihrer Schule sowie über die Medien eine klare Botschaft vermittelt bekommen: Bildschirmgeräte gehören nicht ins Kinderzimmer.

8.2 Effektive Gestaltung des Jugendmedienschutzes
(…)

8.3 Die Nachmittage der PISA-Verlierer durch Ganztagsschulen retten
Die PISA-Verlierer verbringen ihre Nachmittage in hohem Maß mit Medienkonsum, der stark von entwicklungsbeeinträchtigenden Inhalten geprägt ist. Appelle an die Eltern dieser Kinder und Jugendlichen versprechen nur begrenzt Erfolg. Eine nachhaltige Verbesserung der Situation wird nur über die flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen zu erreichen sein, die nachmittags primär einem Motto verpflichtet sind: Lust auf Leben wecken durch Sport, Musik, kulturelles und soziales Lernen sowie weiterer Inhalte, die geeignet sind, den Schülerinnen und Schülern auch an Abenden und Wochenenden attraktive Alternativen zum stundenlangen Medienkonsum zu bieten. (…)

8.4 Mehr Forschung zur Computerspielsucht sowie zur praktischen Erprobung von Therapie- und Präventionskonzepten
Nach wie vor gibt es in Deutschland beträchtliche Forschungsdefizite zur Wirkung extensiven Medienkonsums. Dies gilt insbesondere für die Altersgruppe der 2- bis 8-Jährigen sowie für Erwachsene. Besonders dringlich erscheint allerdings, dass wir zum Thema der Computerspielsucht bisher nur über erste Einschätzungen zum Ausmaß des Problems bei Jugendlichen verfügen. Wir wissen zu wenig über die Genese suchtartigen Spielens, über Verlaufsformen und Auswirkungen sowie über die Wege, die aus der Sucht herausführen. (…)

——————————————————————————

DIE ERGEBNISSE der Studie zeigen, wie schwach diese ist und wie hilflos Pfeifer vor dem Phänomen steht:

1. Die Korrelation „hoher Konsum – geringe Leistungen“ wird kausal ausgelegt. Das ist problematisch, weil monokausal: Medienkonsum ist kein Urdatum, sondern hat seinerseits Gründe! Und die Schulerfolge anderer Schüler sind nicht in einem geringeren Medienkonsum begründet, sondern gehen nur damit einher. Hier sieht man Pfeifers Hilflosigkeit: Man muss den vermittelnden Begriff des sozialen Status (bitte nachschlagen!) oder Habitus einschalten, wenn man die Zusammenhänge begreifen will.

2. Es wäre zu wünschen, schreibt Pfeifer, dass den Eltern der Schüler vermittelt würde…
Da liegt das Problem: Aufgrund des sozialen Habitus kann man das diesen Eltern nicht vermitteln!

3. Durch ein neues Gesetz erreicht man überhaupt nichts,
und dass den Schulmüden durch mehr Schule die Lust aufs Lernen käme, kann sich nur jemand im Elfenbeinturm ausdenken!
Wir sind damit wieder beim Standardheilmittel aller sozialen Probleme der Gegenwart gelandet: mehr Schule, Ganztagsschule… – statt dass man darüber nachdenkt, wie die Schule besser werden könnte.

4. Letztlich bleibt Herrn Pfeifer nur eine Forderung: mehr Forschung! Also noch mehr Studien!
Wer soll diese Studien durchführen? Welch eine Frage – Herr Pfeifer natürlich!

Fazit: Wenn man ehrlich ist, läuft die ganze Studie darauf hinaus, den Eltern die Kinder wegzunehmen [denn das heißt „nachmittags Schule“ in Wahrheit!], was bekanntlich oft das Beste für die Kinder wäre. (Es gibt Lehrer, die sagen, manchen Kindern wäre nur zu helfen, wenn man deren Eltern totschlüge.)
Die in der Schule versagenden Kinder brauchen nicht mehr Schule, sondern andere Eltern – und zwar am besten rückwirkend, und weil das nicht gut geht: eine andere Schule! Wer das nicht ausspricht, belügt sich selber oder ist naiv und kennt nicht die Zusammenhänge, die im Begriff des sozialen Status erfasst werden.

—————————————————————–

In einem Beitrag über die „Generation XXL“ (SZ vom 13. Februar 2008) schrieb Kristina Läsker, dass Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus häufiger als solche aus wohlhabenderen Familien übergewichtig sind: Dort waren 28 % der Kinder zu dick, hier nur 15 %. Dazu wurde dann Thilo Bode, der Leiter von Foodwatch, zitiert: „Der Kauf von gesunder Nahrung ist ein Einkommensproblem.“

Hier finden wir einen Denkfehler, der seit Jahrhunderten als solcher bekannt ist: Es besteht ein Zusammenhang zwischen Einkommenshöhe und Ernährungsweise; aber das muss kein kausaler Zusammenhang sein! Der hier bestehende „und“- ist kein „weil“-Zusammenhang: Die Armen essen nicht Burger, weil sie wenig Geld haben. Sie sind aber auch nicht arm, weil sie Burger essen – es besteht eine Korrelation, aber kein kausaler Zusammenhang, Herr Bode!
Die Kenntnis und das Verständnis des Begriffs sozialer Status wirkt wahre Wunder, wenn man Zusammenhänge von Bildung, Einkommen und Lebensstil begreifen will. Man kann sich jederzeit im Internet über „sozialer Status“ informieren; google hat dazu weit mehr als 100.000 Einträge. Elementare Informationen bietet der Artikel http://www.karteikarte.com/card/1250938/sozialer-status-und-statuskriterien-begriff-und-arten, umfassendere gibt es unter den Links

http://www.philso.uni-augsburg.de/lehrstuehle/soziologie/sozio1/medienverzeichnis/Bosancic_WS_07_08/SU_Einf.pdf

http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138439/soziale-schichtung?p=all
https://www.ernaehrungs-umschau.de/fileadmin/Ernaehrungs-Umschau/pdfs/pdf_2010/02_10/EU02_2010_084_089.qxd.pdf (Sozialer Status und Ernährungsqualität)

manipulieren – indoktrinieren

Im von mir sonst geschätzten Wörterbuch DWDS fand ich Liebesgrüße aus der DDR:

manipulieren
1. (abwertend) die öffentliche Meinung unter der Herrschaft der imperial. Bourgeoisie so lenken, daß das Bewußtsein der Menschen mit der herrschenden Ideologie gleichgeschaltet wird: die Meinungsbildung, Leitbilder m.; d. Bewußtsein, Sprache m.; die Mode, Politik m.; jmdn. m.: die Bevölkerung, werktätigen Massen m.
2. etw. durch Machenschaften zu seinen Gunsten lenken: eine Rechnung m.;
3. an, mit etw. m. an, mit etw. hantieren

Beim zweiten Nachsehen entdecke ich, dass der Artikel noch aus dem WDG der DDR stammt: Das Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (WDG) wurde in Berlin an der Deutschen Akademie der Wissenschaften (ab Oktober 1972: Akademie der Wissenschaften der DDR) zwischen 1952 und 1977 erarbeitet. Das WDG umfasst über 4.500 Seiten und enthält 60.000 bzw. unter Hinzunahme der Komposita 90.000 Stichwörter.

Bezeichnenderweise fehlt im DWDS ein Artikel indoktrinieren! (Man wollte sich in der DDR wohl nicht selbst entlarven!)

————————————–

P. S. In den gängigen Wörterbüchern (Duden, Wahrig, Bünten) steht auch indoktrinieren; das Wort fehlt allerdings häufiger in ausgesprochen etymologischen Wörterbüchern.

Interessant ist auch der Eintrag unter Zensur im DWDS:
2. /ohne Pl./ von herrschenden reaktionären Klassen zur Aufrechterhaltung ihrer Macht angewandte amtliche Kontrolle,Überprüfung von Druck-, Bühnenwerken vor ihrer Veröffentlichung, Aufführung und von Briefen: d. Einführung, Verhängung, Abschaffung, Aufhebung der Z.; eine Z. ausüben, streng, tolerant handhaben; die Briefe der Gefangenen unterlagen einer scharfen, strengen Z.

In dem Zusammenhang darf ich daran erinnern, dass in der DDR Christa Wolfs Essay „Lesen und Schreiben“ mehrere Jahre nicht veröffentlicht werden durfte [klarer Fall: da gab es eine herrschende reaktionäre Klasse, die in Wandlitz wohnte!]; dass ihre Poetik-Vorlesungen in der DDR nur zensiert, also mit diversen … erschienen sind; dass Biermann 1976 „ausgebürgert“ wurde; dass Erich Loest einen eindrucksvollen Bericht „Der vierte Zensor“ geschrieben hat… Ja, ja, Zensur und Indoktrination, das gehört schon zusammen, auch wenn man das böse Wort verschweigt.
Auch das „Etymologische[s] Wörterbuch des Deutschen“, 1989 von einem Autorenkollektiv unter Leitung von Wolfgang Pfeifer im Akademie-Verlag (und später bei dtv) veröffentlicht, kennt Manipulation als etwas, was „in kapitalistischen Staaten“ vorkommt: vornehmlich eine durch Missbrauch wissenschaftlicher Erkenntnisse die Wahrheit verschleiernde Steuerung des Bewußtseins großer Teile des Volkes im Sinne der herrschenden Ideologie, bes. ‚Lenkung der öffentlichen Meinung durch Massenmedien‘.

Man hört hier wie beim DWDS die realsozialistische Sprachregelung, aber nicht den realen Sprachgebrauch im Deutschen.

————————————–

P. P. S. Jetzt dämmert mir noch was: Die Deutsche Akademie der Wissenschaften hat das alte Wörterbuch herausgegeben; es wird heute von BBAW (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften) betreut, und da hat mir ein Mitarbeiter wegen meiner kritischen Bemerkung dazu, dass in der guten alten DDR der Artikel „indoktrinieren“ fehlte, doch glatt mit der Einschaltung der Rechtsabteilung der BBAW gedroht…

Das Deutsch der Geschlechter

von Niklas Luhmann

Das Problem hat schon manche Glosse auf sich gezogen, aber es ist zu ernst, als dass man es den Linguisten überlassen könnte. Die Sprache bevorzugt, haben Frauen entdeckt, auf hintergründige Weise den Mann. Das sollte, wird dann gefordert, sprachpolitisch korrigiert werden. Und wie immer bei Politik ist die Bürokratie das Instrument, mit dem das Desiderat zur Ausführung – und zum Entgleisen gebracht werden kann.
Auf rein sprachlicher Ebene sieht die Sache zunächst recht einfach aus. Das Deutsch gehört mit einigen anderen, aber keineswegs allen Sprachen zu denjenigen, die eine Geschlechtszuweisung an Hauptwörter erzwingen. Sie erfolgt automatisch und bedarf keiner Spezifikation. Diese Automatik führt jedoch zu Ungerechtigkeiten, gerade in der Behandlung der Geschlechter. Bedürfte es der Spezifikation, könnte man sie vollziehen – oder auch weglassen. Man könnte nicht nur geschlechtsneutral (sächlich), man könnte ohne jeden Bezug auf das Geschlecht formulieren. Wenn das nicht möglich ist, muss man sich mit Korrekturen der Automatik, mit Gegenspezifikationen behelfen, wenn man besondere Aufmerksamkeit erzeugen will, und damit sind wir beim Problem.
Ein Sonderfall ist besonders illustrativ: der Mensch (homme, hombre, uomo usw., alles männlich). Das lässt unklar, ob, wenn vom Menschen die Rede ist, Frauen mit gemeint oder, meinen die Frauen, heimlich ausgeschlossen sind. Und noch schlimmer: wenn Worte wie homme zugleich Mann bedeuten. Im lateinischen Mittelalter konnte man Frauen noch als mas (oder masculus) occasionatus (oder imperfectus) bezeichnen – ein unvollständiger Mann, nun ja! Im Französischen wurde dann homme manqué daraus.

Wer beschreibt wen?
Wie immer im Sprachlichen kann man sich mit anderen Formulierungen aushelfen. Die Auffassung, dass die Sprache Weltsichten determiniere (die sogenannte Whorf-Sapir-Hypothese), wird heute kaum noch ernst genommen. Warum dann die Aufregung?

Zum Thema
Verständlich wird dies, wenn man die Angelegenheit in der Sichtweise der Kybernetik zweiter Ordnung betrachtet, also als Problem des Beobachtens von Beobachtungen und des Beschreibens von Beschreibungen. Die Frauen haben, das ist der Punkt, herausgefunden, dass sie in der bisherigen Geschichte von Männern beschrieben worden sind. Durch umfangreiche historische und vor allem literaturgeschichtliche Untersuchungen ist das inzwischen hinreichend dokumentiert. Aber erst wenn man überhaupt fragt „Wer beschreibt wen?“ und erst wenn man diese Frage mit Hilfe der Unterscheidung von Mann und Frau konkretisiert, ergibt sich unser Problem, ergibt sich die neue Empfindlichkeit in Bezug auf Sprachpolitik.

Die Bedeutungsebene
Im Anschluss an Linguistik und Kybernetik kann schließlich auch die Soziologie etwas dazu sagen. Ihre Analysen können zeigen, dass es kein Zufall ist, wenn sich in der modernen Gesellschaft Bedeutungen nur noch auf der Ebene des Beobachtens von Beobachtungen und des Beschreibens von Beschreibungen festsetzen können. Die moderne Gesellschaft hat alle natürlichen Vorrechte, alle privilegierten Positionen für richtige Beschreibungen der Welt aufgelöst. Entsprechend florieren Ideologien und Ideologiekritik, konstruktivistische Erkenntnistheorien, historischer und kultureller Relativismus; und die zusammenfassende Formel dafür ist eben, dass Stabilität nur gewonnen werden kann, wenn und soweit sie sich auf dieser Ebene des durchschauenden Beschreibens von Beschreibungen halten lässt.
Kein Wunder also, dass schließlich auch die Frauen (sei es von Männern, sei es von Frauen) beschrieben werden müssen als Wesen, die beobachten, wie sie beobachtet, und dann beschreiben, wie sie beschrieben werden. Und wenn es zutrifft, dass die Frauenbeschreibungen historisch vorwiegend von Männern angefertigt worden sind, lässt sich geradezu erwarten, dass diese Affektion mit Kybernetik zweiter Ordnung zuerst bei Frauen – beobachtet werden kann.

Die Frauen können nichts dafür
Geradezu zwanghaft erscheint dann auch die Epidemie sprachpolitischer Empfindlichkeiten. Sie ist, wie die neue, sozusagen postgrammatikalische Aufmerksamkeit für Sprache überhaupt, eine Konsequenz der Strukturen moderner Gesellschaft. Die Frauen können nichts dafür. Sie selbst sind das Opfer. Man muss ihnen helfen.
Frauen neigen nämlich zur Übertreibung, wie man in einer alten Tradition männlicher Beschreibungen sagen könnte. Wenn sie fromm sind, sind sie zu fromm. Wenn sie grausam sind, sind sie zu grausam. Wenn sie in Geschäften hart und rigide führen, gehen sie auch darin zu weit. Und wenn sie Sprachpolitik treiben, dann ohne hinreichende Rücksicht auf Sprache.
Fast muss man befürchten, dass sie demnächst die Unsinnin auf die Gipfelin treiben. Aber auch, wenn man derartige Vorahnungen beiseitelässt, gibt es genügend Missgriffe zu kritisieren. Am deutlichsten erscheint das Problem aus Gründen, die nur eine statistische Analyse klären könnte, an Worten, die mit Mi anfangen. „Ministerin“ ist zum Beispiel ein solcher Fehlgriff. Es handelt sich um ein lateinisches Wort, und Ministra steht als gut etablierte Fassung zur Verfügung. Aber auch „Mitgliederinnen“ (was man es zuweilen in Anreden wie „liebe Mitglieder und Mitgliederinnen“ schon hören kann) ist unerträglich. Was wäre der Singular? Und überhaupt: Mitglied ist, wie übrigens das Glied auch, sächlich. Es besteht also gar kein Anlass, eine Überschätzung des Männlichen abzuwehren. Wenn es dann doch geschieht, müssten die Männer schließlich verlangen, als Mitgliederer angesprochen zu werden.
[„Postgrammatikalische Aufmerksamkeit“: Ein bislang unveröffentlichter Text aus dem Nachlass des 1998 verstorbenen Bielefelder Soziologen Niklas Luhmann zur Logik politischer Korrektheit und ihrer sprachlichen Gleichstellungsversuche.]
FAZ 30.09.09

Poesie in der Volksmusik

Ein scharfes Schwert, das hat es früher gegeben, zu Zeiten der Ritter. Von Leuten, die heute noch Samurai spielen, abgesehen ist „scharfes Schwert“ Metapher geworden:
(1) Die Behörde brauche „ein scharfes Schwert, um für mehr Wettbewerb bei der Stromerzeugung zu sorgen“, sagte Rhiel.
(2) Logik ist ein scharfes Schwert.
(3) Er machte meinen Mund zu einem scharfen Schwert,
er verbarg mich im Schatten seiner Hand.
er machte mich zum spitzen Pfeil
und steckte mich in seinen Köcher.

(Jes 49,2 der Gottesknecht, über sich)

Das sollte man wissen, wenn man im Rahmen der „Volksmusik“ Roger Whittacker hört:
Abschied ist ein scharfes Schwert,
das oft so tief ins Herz dir fährt.
Du bist getroffen und kannst dich nicht wehren,
Worte sind sinnlos du willst sie nicht hören,
weißt, einmal geht auch die schönste Zeit vorbei.
Oh, Stunden der Liebe du hast sie besessen.
Stunden so zärtlich du musst sie vergessen
denn das Leben geht ja weiter
und jemand, der dich liebt, wartet schon auf dich.“

Das ist die erste Strophe eines Liedes, welches von den treuen Fans des Sängers als dessen größter Hit gewählt wurde. Ohne die zugehörige Musik zu würdigen, wende ich mich dem Text zu, der einem Stück Poesie gleicht: Es reimt sich fast alles mehr oder weniger rein (Schwert / fährt; wehren / hören usw.); der Vers weist vier Hebungen ohne regelmäßige Füllung auf: Volksliedstrophe.
Dass der Abschied „ein scharfes Schwert“ ist, diese Metapher muss den Leuten wohl eingehen; diese Metapher ist ein weiches Ding, das tief ins Gemüt euch ging. Von der Musik abgesehen – wieso?

Zunächst wird „der Abschied“ zu einer eigenständigen Größe gemacht; es sind damit nicht mehr zwei Leute gemeint, die handeln, sondern Abschied ist ein Vorgang, den (nur) „du“ erlebst, erleidest, der dir ins Herz dir fährt. Du fällst als handelndes Subjekt aus, weshalb Worte sinnlos sind; der Partner ist unwichtig, deshalb brauchst du nichts zu sagen.
Die Metaphysik ist schlicht: „das Leben geht ja weiter“, und jemand, der dich liebt, wartet schon auf dich – also ist der Abschied letztlich nicht schlimm. Der große Kontrast vom scharfen verletzenden Schwert und dem Trost in der neuen Liebe ist nur Rhetorik: Kontrastverschärfung, eingebettet in die tröstenden Worte „das Leben geht ja weiter“. Deshalb fällt es auch nicht schwer, erlebte Stunden der Liebe zu vergessen; und wenn es schwer fällt, dann „muss“ man es eben – Gottfried Benn grüßt aus der Ferne, das Schicksal winkt: „Du musst.“
Das ist also Volkspoesie 2000; entsprechend hochklassig ist die poetische Formulierung:
„Oh, Stunden der Liebe, du hast sie besessen.
Stunden so zärtlich, du musst sie vergessen“.
Um des Reimes willen muss man die Stunden, die man vergessen soll, „besessen“ haben: Stunden der Liebe besitzen, ein Grausamkeit gegen Gefühl und Sprache, eben Volkspoesie. Hätte man die Stunden der Liebe genossen, müsste man verdrossen sein; aber da ja leicht die neue Liebe lacht, so bis morgens um halb acht, muss man die alte vergessen, weshalb man ihre Stunden um des Reimes willen besessen hat. Man könnte sie noch essen, ermessen, vermessen; man könnte sie auch „in Hamburg und Stessen“ erlebt haben – aber wer kennt schon Stessen [Ortsteil von Jüchen, eine bessere Honschaft]?

Noch ein Stück Volkspoesie aus dem Netz:

Die Liebe

Die Liebe ist ein scharfes Schwert,
oftmals die Messer sich dann wetzen.
Mit Gefühlen kann man leicht
einen Menschen dann verletzen,

Die Liebe ist ein Glücksgefühl,
wie wild lodern doch die Flammen,
egal ob in guten oder schlechten Tagen,
wahre Liebe hält Menschen doch zusammen.

Die Liebe ist eine stolze Burg
sie will im Sturm erobert werden,
und ist ein Ritter charmant genug
wird die Liebe sich nicht lange wehren,

Die Liebe ist ein schöner Traum
überall Frohsinn und Lieder,
sei nicht traurig wenn sie vorbei ist,
die Liebe kommt immer wieder!!!“

(Autor unbekannt)

Das „dann“ im 2. Vers ist völlig sinnlos, weil keine Situation vorgegeben ist!
Ob Liebe nun die Menschen zusammenhält oder vorbeigeht,
ob gewetzte Messer verletzen oder überall Frohsinn herrscht,
das macht nichts, wenn sich alles tüchtig optimistisch lebensbejahend reimt:
„Reim dich, oder ich fress dich!“

Nichts und Nichtschen – Semantik von Neologismen

Im rumänischen Märchen „Das Beutelchen mit den zwei Dreiern“ (Willi Fehse: Heitere Märchen aus aller Welt, 1968, S. 45 ff.) kommtentiert der Erzähler, wie es der bösen Alten zum Schluss erging: „Von jetzt an konnte sie gebratetene Nichtschen und goldene Warteinweilchen statt der Eier essen.“ (S. 52)

Zuerst habe ich das erste Nomen als Nicht-schen gelesen und gedacht: „Na, da ist aber ein Rechtschreibfehler.“ Nach dem leichter zu verstehenden Neologismus „Warteinweilchen“ sowie dem Verb „essen“ (statt der Eier, zudem im Kontext der Bestrafung einer bösen Frau) wurde mir klar, dass sie Nichts-chen zu essen bekam, also kleine Brocken vom Nichts. Das reine Wort „Nichtschen“ ist unverständlich; der Kontext lässt es nicht nur verstehen, sondern regt auch zu seiner Bildung an – wer käme schon auf die Idee, das Wort „nichts“ mit dem Dimintuiv-Suffix –chen zu versehen, wenn er nicht gerade Philosoph ist und zuschaut, wie das Nichts nichtet? Aber wenn es das Nichts und die kleinen Nichtschen gibt, warum sollte das Nichts dann nicht auch nichten?
„Warteinweilchen“ ist als Analogie zum St. Nimmerleinstag (Sankt Nimmerleinstag) leichter zu verstehen – hier wird aus dem Adverb „niemals“ oder „nimmermehr“ die Heilige Nimmerlein herausgesponnen; auffällig ist, dass der vertröstende Satz (Zeitbestimmung) „Wart ein Weilchen“ hier dinglich als Lebensmittel, also als Essgegenstand gebraucht wird. Der St. Nimmerleinstag ist schon ziemlich alt, da er noch mit „Sankt“ gebildet wird, also aus der Zeit stammt, wo die Tage nach dem jeweiligen Heiligenfest benannt wurden; davon sind bei uns nur der Martins- und der Nikolaustag übrig geblieben.

Im Süddeutschen gibt es auch auch eine St. Kümmernis, vgl. http://www.sagen.at/doku/hda/kuemmernis.html – aber damit wollen wir uns jetzt nicht auch noch befassen.

Was nun das Nichts und seine Derivate betrifft, hält man sich am besten an Goethes Faust:
Da seht ihr, dass Ihr tiefsinnig fasst,
Was in des Menschen Hirn nicht passt;
Für was drein geht und nicht drein geht,
Ein prächtig Wort zu Diensten steht.
(V. 1950 ff.)
Der ganze Kontext des Zitats ist lehrreich.

Missbrauch der Literatur

oder Das Todeszucken der Philosophiedidaktik

Dieses Zucken konnte ich in dem Heft „Leselust“ der Zeitschrift „Ethik & Unterricht“ (1/2008)beobachten. Ich gehe von Hans-Peter Mahnkes Aufsatz „Denk mal! – Kulturelle Prägung durch Denkmäler“ aus (S. 30 f.). Dieser Aufsatz legt es dem Lehrer nahe, von Heinrich Böll: Wanderer, kommst du nach Spa… (veröffentlicht 1950) auszugehen, also den Text vorzulesen (ab Kl. 9). „Der Aspekt der Geschichte, dem hier nachgegangen werden soll, ist die Prägung von Menschen durch die ‚künstlerische Gestaltung’ der Schule mit Kulturdenkmälern oder – etwas allgemeiner – durch den Schulbau als Denkmal.“ (S. 30).
Mahnke empfiehlt, die Sprache auf die von Böll ( – falsch, vom Erzähler!) immer wieder genannten Ausstattungsstücke zu bringen und dann zu fragen, ob die eigene Schule ähnlich ausgestattet ist. Diese Betrachtung läuft der Erzählung Bölls einfach zuwider; Mahnke missbraucht einen Text und vergewaltigt das, was man Bölls Intention nennen könnte. Ich beziehe ich in meiner kurzen Begründung auf eine Ausgabe von Bölls Erzählungen (dtv 437, 1967 = 1974, S. 35-43) unter dem Titel „Wanderer, kommst du nach Spa…“.

Der Erzähler kommt als schwer Verwundeter in seine eigene Schule, die als Lazarett in einer brennenden Stadt eingerichtet ist. Zur Einrichtung dieses humanistischen Gymnasiums zählen (summarisch gesprochen) Werke der Kunstgeschichte, der deutschen Heldenverehrung und des arischen Rasseglaubens; aber alle diese „Werke“ lassen den Erzähler kalt; er erkennt sie nur mit den Augen, nicht mit dem Gefühl (S. 37). „Mein Herz sagte mir nichts.“ (S. 40) „Mir kam das alles so kalt und gleichgültig vor. Als hätten sie mich durch das Museum einer Totenstadt getragen, durch eine Welt, die mir ebenso gleichgültig wie fremd war…“ (S. 41; der Erzähler erwähnt sogar Flüche und Hass angesichts der dumpfgetönten Wände, S. 40) Das Herz meldet sich erstmals zu Wort, als der Erzähler den in seiner eigenen Handschrift geschriebenen Spruch erkennt (damals geschrieben, „in diesem verzweifelten Leben, das erst drei Monate zurücklag“, S. 42): „Wanderer, kommst du nach Spa…“
Um zur Richtung etwas zu sagen, in die der Blick des Lesers gelenkt wird, möchte ich erstens auf den Schluss der Erzählung hinweisen: Auf dem OP erkennt der Verwundete in dem helfenden Feuerwehrmann den alten Birgeler, den früheren Hausmeister, bei dem man hatte Milch trinken und auch verbotenerweise eine Zigarette rauchen können (S. 41). Und der letzte Satz lautet dann: „‚Milch’, sagte ich leise…“ (S. 43) Milch (statt des von Birgeler gereichten Wassers, S. 38) und Birgelers Menschlichkeit, das ist das einzige, woran der Verwundete noch hängt. Die Einrichtung der Schule gehört ins tote Museum.
Den zweiten Hinweis auf die Blickrichtung gibt die Tatsache, dass der berühmte Spruch vom Sinn des tapferen, todesbreiten Kämpfens nicht zu Ende geschrieben worden ist. Diese Tatsache wird auch dadurch bedeutsam, dass der Ich-Erzähler vom „Krieg in den Bilderbüchern“ und von einem künftigen Kriegerdenkmal spricht, auf dem auch sein Name stehen würde (S. 39 f.); und im Schulkalender stände hinter seinem Namen: „zog von der Schule ins Feld und fiel für…“. Und dann der Satz: „Aber ich wußte noch nicht wofür (…)“ (S.40). Das Kriegerdenkmal, das er in seiner Schule wieder gesehen hat (S. 36), war ein Konfektionskriegerdenkmal, nichts Auffallendes; „sie bekamen sie aus irgendeiner Zentrale“ (S. 40).
Also nicht das Bildungssystem hat „aus irgendeiner Zentrale“ die Schüler „auch mithilfe einer Schulausstattung“ in den Tod geführt, wie Mahnke sagt (S. 30); aus der Zentrale kamen die Kriegerdenkmäler, und die Bildung war verstaubter Kram des humanistischen Gymnasiums – „ich glaube nicht, dass sie diese Kerle in den anderen Schulen auf den Fluren an die Wand stellen“ (S. 38). Wie man aus Bölls Erzählung etwas über die Prägung von Menschen durch die Gestaltung der Schule herausfinden will, ist angesichts des Textes rätselhaft; pointiert wird aber das humanistische Gymnasium angegriffen.

Ein solch rätselhafter Umgang mit Texten wird von den Herausgebern im Editorial (S. 1) ausdrücklich verteidigt; sie berufen sich auf einen Essay Pierre Bayards, welcher behauptet, dass Leser sich selten für die Geschichten anderer interessieren, dass man sich im Grunde immer nur selbst lesen könne und deshalb beim Lesen nur auf die noch unfertigen eigenen Geschichten stoße. Dagegen habe ich als Deutschlehrer versucht, die Schüler wie hier (oben) auf Textsignale hinzuweisen, die den Leser in eine Richtung weisen, wo man nicht nur das eigene Ego sieht; in die Richtung, die der Erzähler vorgibt – wobei freilich noch nicht bestimmt ist, was man dort sieht. Wieso man mit dem von den Herausgebern verteidigten blinden Lesen sich fremde Erzählungen zu eigen macht (statt sie zu missbrauchen), verstehe ich sowieso nicht.
Das Zweite, was deutliche Kritik verdient, ist die Tatsache, dass ein so unerleuchtetes Lesen – Hauptsache: kreativ! (S. 1) – dem Unterricht im Fach Praktische Philosophie dienen soll. Wenn Praktische Philosophie nicht mehr leistet, dann lasst uns das Fach in Gottes Namen, vielmehr um der Ehrlichkeit willen abschaffen! Dann betreiben vermutlich Religionslehre, Pädagogik, Philosophie und Deutsch allesamt nur das Gleiche: in irgendwelchen Texten herumstochern, anhand irgendwelcher Texte labern und schwatzen, um dort das angeblich Eigene der Schüler herauszufinden. Einen Dreck findet ihr heraus – ihr schlagt die Zeit tot; und dafür braucht man keine vier Fächer, dafür genügt ein einziges.
Vielleicht könnte man zumindest im Fach Deutsch versuchen, die Schüler richtig lesen zu lehren? Also auch auf Signale zu achten, die dem eigenen Verstehen rätselhaft sind? Und die Sprache der rätselhaften Signale entziffern zu lernen? Und dafür nicht schon Musils Fliegenpapier in Kl. 7 zu verbrennen, wie Herr Schöffel vorschlägt (S. 22 f.)?

Die Leute sind übrigens durchaus an Geschichten interessiert, die nicht ihre eigenen sind – es müssen nur die richtigen Geschichten sein: http://logos.kulando.de/post/2008/03/12/das_leben_der_margaret_b_jones

weismachen

Das Wort „weismachen“ bedeutete ursprünglich: jemanden belehren, also ihn weise machen; weismachen geschah mit dem Mund, es war ein Mundwerk.
Nun hat das Volk gemerkt, dass die hochgelehrten Herren (Damen hatten damals nichts zu sagen, jedenfalls nicht öffentlich) mit ihren klugen Worten oft nichts sagen, ja, die Leute sogar nur an der Nase herumführen wollen. Auch wenn es sehr klug klingt, kann man mit dem Mundwerk leeres Stroh dreschen, ohne dass dabei Körner oder sonst Genießbares herauskäme. Dadurch änderte sich der Klang des Wortes, es gewann seine heutige Bedeutung.
Diesen Vorgang nennt man Bedeutungswandel; in unserem Fall hat sich eine normale Bedeutung in eine negative gewandelt (pejorative Bedeutung). Bedeutungswandel kann in vielfacher Form erfolgen; aber jetzt interessiert uns nur dieser eine Fall: Man verkaufe das Volk nicht für dumm!

Damoklesschwert

Damokles, ein Höfling, war am Hofe des Tyrannen Dionysius eingeladen. Dort bestaunte er das wunderbare Fest, genoss das köstliche Abendessen und beneidete die Adeligen um ihre Macht.
„Wie gut du es hast“, wandte sich Damokles an seinen Gastgeber. „Und wie ich dich um dieses reiche Leben beneide.“
„Wenn du magst, kannst du dieses Leben gerne einen Tag lang ausprobieren“, schlug Dionysius vor. „Dann kannst du viel besser beurteilen, wie ich lebe.“
Damokles war begeistert von dieser Idee. So führte man ihn an den Hof des Palastes. Er wurde in Parfum gebadet, anschließend durfte er sich auf einem goldenen Stuhl niederlassen, der mit Edelsteinen eingefasst war. Dann servierte man ihm die köstlichsten Speisen.
Doch plötzlich wurde Damokles unruhig. Er starrte zur Decke und sah, dass direkt über ihm ein scharfes Schwert hing. Es war an einem dünnen Pferdehaar an der Decke aufgehängt und drohte, jeden Moment auf ihn hernieder zu stürzen.
Von diesem Augenblick an hatte Damokles keinen Appetit mehr. Er war unruhig, fürchtete um sein Leben und konnte keine Sekunde an diesem Platz mehr genießen.
„Wie hat dir deine Rolle in meiner Haut gefallen?“, wollte der Tyrann am nächsten Tag wissen. „Hast du gesehen, welches Schicksal mich umgibt?“ „Ja“, flüsterte der Höfling. Dann beeilte er sich fortzukommen.
Denn wer in ständiger Angst lebt, kann sich über das das kleinste Vergnügen nicht freuen.
http://www.labbe.de/mellvil/index_nd.asp?themaid=12&titelid=10 (minimal bearbeitet)

Die Geschichte trägt Züge einer Fabel, wie nicht nur die (schlecht passende) „Moral“ am Schluss zeigt.
Sie ist eine der Geschichten zur Beruhigung des Volkes: Damokles repräsentiert alle kleinen Leute, welche die Adeligen um ihre Macht, ihren Reichtum, ihre Vorrechte beneiden. Ihm wird in einer Lektion am eigenen Leib vorgeführt, wie des Dionysius Reichtum und Position gefährdet ist: Dem Tyrannen droht täglich ein Attentat, ein Aufstand, der Verlust von Reichtum und Leben. Er sieht ein, dass in der Haut des Dionysius zu leben eine Qual ist und dass er mit seinem eigenen Leben zufrieden sein kann; denn Damokles‘ Leben ist in seiner Art besser als das des Dionysius.

Was lernen wir aus dieser Geschichte? Wie leicht man den Armen klarmachen kann, dass Armsein für die Armen genau das Richtige ist, wie ja auch der spanische König in Peter Bichsels Geschichte „Amerika gibt es nicht“ meinte.
Erster Vorschlag, um dem reichen Dionysius zu helfen: Er verzichtet auf seine hervorgehobene Stellung und wird Einsiedler oder etwas Ähnliches: Methode des Buddha.
Zweiter Vorschlag: Er nimmt von seinem Reichtum nur so viel mit, wie er unbedingt für die beiden nächsten Jahre zum Leben braucht, erlernt ein Handwerk und lebt dann von seiner Hände Arbeit; die Diktatur wandelt er durch kluge Maßnahmen in eine Demokratie um: Kombination der Methode des Schwaben in Hebels Erzählung „Kannitverstan“ und der Beendigung der Diktatur in Spanien, Südafrika usw. – mit vielen Problemen verbunden!
Dritter Vorschlag: Er fährt nach Mexiko. Nairobi oder Kalkutta und lebt dort einen Tag in den Slums; er verdient seinen Unterhalt, indem er auf den Müllkippen nach brauchbaren Resten in den Abfällen der Reichen sucht. Dann fragt man man den Dionysius, wie ihm das Leben als Armer gefällt: Methode der Simone Weil (+ 1943, Selbstmord), des Charles de Foucauld (+ 1958, ermordet)

Was lernen wir aus meinen drei Vorschlägen? Womit man zufrieden sein kann, ist eine Frage der Perspektive. Ich möchte niemanden zur Unzufriedenheit reizen; aber man sollte sich auch nicht mit erbaulichen Geschichten zur Zufriedenheit verführen lassen, wenn einem die Lebensmittel fehlen.

Was habe ich gelernt? Dass vom „Damoklesschwert“ heute nicht in dieser engen Bedeutung gesprochen wird.
* „Doch Vorsicht: Das Schwert des Damokles schwebt über deinem Kopf – das heißt, dass die Glückssträhne bald zu Ende sein kann. (…) Man kann sich also nie sicher sein, dass alles gut weiterläuft – und spricht deshalb auch heute noch vom Damoklesschwert, dass über den Köpfen der Menschen schwebt.“ (geolino)
* Die Redensart geht auf eine Erzählung Ciceros zurück: Einst rühmte Damokles, ein Höfling des Tyrannen von Syrakus (Dionys der Ältere 405-367), seinen König als den glücklichsten aller Sterblichen. Dieser wollte ihm eine Lehre über das wirklich gefahrvolle Leben eines Mächtigen erteilen und bot ihm das vermeintliche Glück an. (…) Daher wurde das „Damoklesschwert“ sprichwörtlich für die im Glück stets drohende Gefahr! (blueprints)