Rainer Erlinger: Lizenz zum Töten – Analyse eines Sachtextes (Beispiel)

Erlinger:Lizenz zum Töten

Erlinger:Lizenz zum Töten

[Bevor man die Analyse zu schreiben beginnt, sollte man bemerkt haben, 1. dass das Thema wie meistens in Zeitungsartikeln im Untertitel steht, 2. was das Bild vom Dammbruch in Holland leistet (Absatz 1 und 11) und 3. dass eine Opposition den Gedankengang bestimmt: Der Streit in Deutschland geht ums Prinzip (4), Rainer Erlinger geht es jedoch um die Realität (9).] Die Zahlen sind die Nummern der Absätze.

Erlinger fragt in seinem Aufsatz aus der SZ vom 17. April 2001, was das (damals) neue niederländische Gesetz für Deutschland bedeutet; er sieht darin eine Rechtssicherheit gegeben, die in Deutschland fehle. Dabei zeigt er, was der Streit um Prinzipien und Begriffe leistet: Es werde zwar eine Gewissensentscheidung ermöglicht (5 ff.), die aber für das tägliche Zusammenleben nicht ausreiche und durch Rechtssicherheit ergänzt werden müsse (9 ff.).
Der Autor berichtet zunächst, dass das neue niederländische Gesetz in Deutschland als Bedrohung („Dammbruch“) empfunden (1) und deshalb zunächst fast einhellig abgelehnt wird (2). In (3) erklärt Erlinger, was an diesem Gesetz wirklich neu ist: Es bestätige nur eine Praxis, die in NL schon bestehe, als rechtens.
Absatz (4) ist ein zentraler Absatz: Erlinger erklärt juristisch, was das neue Gesetz besagt: Trotz des prinzipiellen Verbots der Tötung auf Verlangen bleibt diese „unter bestimmten Voraussetzungen straffrei“; dann bewertet er diese Bestimmung als „nur scheinbar“ neu, weil nur „nur bei entsprechend angepassten Definitionen“ aktive Sterbehilfe in Deutschland verboten bleibe. Diese Behauptung begründet er in (5) – (8).
Dem normalen Sprachgebrauch („aktive – passive Sterbehilfe“, an der Unterscheidung „Tun – Unterlassen“ orientiert, 5) stellt er die juristisch eigenwillige, weil der katholischen Theologie entnommene (8) Unterscheidung von „vorsätzlicher – unbeabsichter, aber in Kauf genommener Tötung“ (6 f.) entgegen; Erlinger berichtet, dass nur die beabsichtige Tötung strafbar ist, aber nicht die bei Leidensminderung als Nebenwirkung in Kauf genommene Tötung.
Danach beschreibt Erlinger die deutsche Rechtslage (9) und ihre Folgen (10 ff.), um so dafür zu plädieren, durch ein Gesetz auch in Deutschland Rechtssicherheit zu schaffen (14 – 16). Der klaren Rechtslage stellt er zunächst die nicht voraussehbare „Rechtsauffassung des zuständigen Gerichts“ (9) gegenüber und zeigt, was diese unklare Rechtssituation für Betroffene bedeuten kann: jahrelange Prozesse wegen vorsätzlicher Tötung (10). Erlinger bewertet dann die eingangs erwähnte Angst vor dem Dammbruch als realitätsfremd, weil es den Damm gar nicht gebe, und die Auffassung der Richters Klaus Kutzner von der in seltenen Ausnahmesituationen möglichen gezielten Tötung (11) als realitätsfremd (12 f.).
In (14) – (16) wägt Erlinger ab, was angesichts eines Problems zu tun sei, das keiner lösen wolle; er selber plädiert dafür, bei aller rechtlichen Problematik nicht dem Einzelnen „das Risiko der Rechtsfindung“ (14) aufzubürden, trotz der deutschen Geschichte auch dem handelnden Individuum gerecht zu werden (15) und für Rechtssicherheit zu sorgen (16), da es ohne diese auch keine Gerechtigkeit gebe – ohne dass man deswegen das niederländische Gesetz einfach übernehmen müsse.

(11) bis (14) als Argument formuliert:
P1 Die Notwendigkeit, in Extremsituationen einen unheilbar Kranken Menschen straffrei zu töten, wird von kompetenten Juristen als Sonderfall gedacht.
P2 In Wahrheit stehen Ärzte dagegen oft in diesen vermeintlichen Ausnahmesituationen. (13)
Z zu P2: Es ist ihnen nicht zuzumuten, ständig in diesem rechtsfreien Raum zu entscheiden.
F Daher sollte der Gesetzgeber durch ein neues Gesetz hier Rechtssicherheit für die Ärzte und Angehörigen schaffen. (vgl. 10)

Zur Technik der Analyse: Ich habe Passagen, in denen ich größere Zusammenhänge dargestellt habe, fett und kursiv geschrieben, damit ihr sie leichter als solche erkennt. Sie gehören natürlich normal geschrieben in den normalen Text.

Abschied von der 6a im Sommer 2007

Im Sommer 2007 habe ich schweren Herzens von der 6a Abschied genommen, weil ich pensioniert wurde. Da studioD bei http://www.bloghof.net, wo ich den Kontakt mit den Schülern zu pflegen versucht habe, anscheinend in den letzten Zügen liegt, möchte ich meinen beiden Abschieds-Posts hier aufbewahren:

Montag, 18. Juni 2007

Abschied

Meine Lieben, der Abschied von euch fällt mir schwer, weil wir uns gemocht haben; das ist nicht selbstverständlich, weil ich als Lehrer ja auch (oft strenge) Noten erteilen musste bzw. erteilt habe. Was mir an euch gefallen hat, war unter anderem die Offenheit, mit der ihr eure Lösungen, Fragen und Einwände vorgebracht habt; dafür, aber auch für eure Liebenswürdigkeit und euren Charme möchte ich mich bei euch bedanken. Meine guten Wünsche für eure weitere Schullaufbahn und für die Schritte zum Erwachsenwerden begleiten euch! Auch wenn ihr euch natürlich in den nächsten Monaten und Jahren verändert, bleibt ihr in meiner Erinnerung die nicht nur vergangene, sondern vollendete 6a: Ihr seid die 6a gewesen (Perfekt – was hieß das noch?).

Was auch immer ihr von meinem Nachfolger erwarten könnt, er ist sicher anders als ich, und das ist sein gutes Recht. Gebt ihm die Chance, euer Lehrer zu werden bzw. zu sein! In der Schule stehen wir ja in einem Arbeitsverhältnis auf Zeit – wenn man Glück hat, wird daraus mehr als ein Arbeitsverhältnis, auch wenn es immer ein solches bleiben muss; das heißt, eigentlich sollte es von Seiten des Lehrers auch von Wohlwollen und Sorge um den einzelnen bestimmt sein… Aber lassen wir die pädagogische Theorie auf Seite: Seid einfach fair zu meinem Nachfolger!

Mittwoch, 20. Juni 2007

Immer, wenn’s am schönsten ist,

muss man Abschied nehmen…

und manchmal zeigt sich das Schönste erst dadurch ganz, dass man Abschied nimmt; ich habe das Buch, das ihr mir gemacht habt, gestern Abend in Ruhe gelesen – sehr viel Persönliches habe ich darin gefunden, vieles, das mich berührt, viele gute Beobachtungen von euch. Katharina und Christian haben einen meiner Sprüche zitiert: “Ich kann es nicht ändern.” Daran merke ich, dass ich älter geworden bin; vor 30 Jahren hat dieser Spruch noch nicht zu meinem Repertoire gehört – damals hieß es vor allem: “Präziser, bitte!”

Auch ich muss fair gegenüber meiner Nachfolgerin sein, das heißt, ich muss mich aus eurem Deutschunterricht raushalten; es heißt aber nicht, dass ihr nicht im kulando-blog nachschauen dürftet, was master Tholen zu einer Frage zu sagen wusste. Ihr wisst, dass das Internet viele Möglichkeiten bietet, Fragen zu beantworten, wenn man sie richtig stellt; in dem Sinn solltet ihr im kulando-blog in der Kategorie “Methodisches” gelegentlich den Artikel “Im Internet suchen” durcharbeiten, dort könnt ihr eine Menge lernen. In der Kategorie “Methodisches” könnt ihr, wenn ihr (schulisch) älter werdet, ohnehin viele Anregungen finden; doch auch hier gilt, dass eine gute Schule sich dadurch auszeichnet, dass sie die Schüler letztlich vom Lehrer unabhängig macht.

Vielen Dank also für das liebe Buch und alles Gute für euch auf dem Weg, der durchs FMG hindurch in die weite Welt führt!

Euer master Tholen

Gottfried Keller über Erziehung

Reflexion des grünen Heinrich:

“Diese beiden Vermögen bilden ja das Geheimniß aller Erziehung: unverwischte lebendige Jugendlichkeit und Kindlichkeit, welche allein die Jugend kennt und durchdringt, und die sichere Ueberlegenheit der Person in allen Fällen. Eines kann oft das Andere zur Nothdurft ersetzen, wo aber beide fehlen, da ist die Jugend eine verschlossene Muschel in der Hand des Lehrers, die er nur durch Zertrümmerung öffnen kann. Beide Eigenschaften gehen aber nur aus Einem und demselben letzten Grunde hervor: aus unbedingter Ehrlichkeit, Reinheit und Unbefangenheit des Bewußtseins.” (Keller: Der grüne Heinrich, 1. Fassung, Kap. 2.05)

Stern – Neubauer: Intelligenz – statt einer Besprechung

Elsbeth Stern – Aljoscha Neubauer: Intelligenz. Große Unterschiede und ihre Folgen, 2013

Heute stand in der SZ eine große Besprechung des neuen Buches von Elsbeth Stern und Aljoscha Neubauer, die aber leider online nicht greifbar ist. Ich halte das Buch für bemerkenswert und habe deshalb gesucht, was man dazu finden kann:

Die Autoren haben den Ertrag ihres Buches in zehn Thesen zusammengefasst und diese erläutert (http://www.zeit.de/2013/13/Elsbeth-Stern-Aljoscha-Neubauer-Intelligenz). Ich präsentiere hier die Thesen und bitte, die Erläuterungen selbst nachzulesen: Ein Klick genügt.

Erstens: Wir müssen den besonders intelligenten Nachwuchs fördern, denn wir brauchen ihn.

Zweitens: Intelligenz ist messbar.

Drittens: Intelligenz ist wichtig, andere Fähigkeiten werden überschätzt.

Viertens: Das Zusammenwirken von Genen und Umwelt macht den Unterschied.

Fünftens: Die Bedeutung der Frühförderung wird gleichzeitig überschätzt und unterschätzt.

Sechstens: Die Schule macht den Unterschied.

Siebtens: Die Unterrichtsqualität entscheidet, nicht die schulischen Rahmenbedingungen.

Achtens: Schlaue Kinder brauchen gute Lehrer.

Neuntens: Die Universität braucht die Intelligentesten.

Zehntens: Wir brauchen mehr Intelligenztests.

http://www.rezensions-seite.de/rezensionen/kulturwissenschaft/elsbeth-stern-aljoscha-neubauer-intelligenz/ (kurze Besprechung)

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/2127747/ (Vorstellung in dradio, kritisch)

http://www.educ.ethz.ch/pro/litll/psychologie_heute_2013 (Rezension)

http://www.der-zauberberg.eu/sachbuch/223-intelligenz.html (kritische Rezension)

http://cdvolko.blogspot.de/2013/03/kommentar-zu-wir-brauchen-die-schlauen.html (Kritik der zehn Thesen)

http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/elsbeth-stern-nur-ein-fuenftel-der-schueler-soll-aufs-gymnasium-a-898282.html (Interview mit Elsbeth Stern)

http://www.salzburg.com/nachrichten/gesundheit/wellness/sn/artikel/mehr-als-die-halbe-intelligenz-ist-vererbt-58504/ (Gespräch mit E. Stern, 2013)

http://www.br.de/fernsehen/br-alpha/sendungen/alpha-forum/elsbeth-stern-sendung100.html (Gespräch mit E. Stern, 2011  – sehr ausführlich!)

http://www.psychologiederschule.de/Episode-32-Intelligenz-Unterschiede-in-der-Hardware_Gene_Gehirn_Schulerfolg.php (Film zum Thema)

http://www.educ.ethz.ch/pro/litll (Literatur zum Thema: Links)

Sammlungen und Listen von Lexika

Wortfeld untersuchen, z.B. “fahren”

In der Schule (Grundschule, Sek I) ist es eine beliebte Aufgabe, Wortschatzübungen zu machen und dafür einzelne Wortfelder abzutasten. Dann suchen die Leute im Internet unter “Wortfeld ….” (z.B. Wortfeld “fahren“, oder Wortfeld “sagen“), mit mehr oder weniger Erfolg (bei den gängigen Verben mit Erfolg, denke ich).

Die einfache Lösung funktioniert aber anders: Das geht man in ein richtiges Wörterbuch, vorzüglich “Wortschatz Uni Leipzig”, und gibt dort fahren ein. Dann schaut man in die beiden Rubriken

– Relationen zu anderen Wörtern,

Dornseiff-Bedeutungsgruppen,

dann hat man das Wortfeld einigermaßen solide aufgelistet. Man kann natürlich nicht alle Bedeutungsgruppen brauchen und in den Bedeutungsgruppen nicht alle Verben, aber man gewinnt den Überblick über ein großes Feld, wo man auswählen kann.

Ergebnisse für unser Beispiel:

Relationen zu anderen Wörtern:

Dornseiff-Bedeutungsgruppen: