Schülerlexikon – Lernhelfer

Das alte Schülerlexikon Deutsch hat seinen Geist aufgegeben und ist in die Reihe Duden-Lernhelfer integriert worden: https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/ (Übersicht: alle Fächer). Für Deutsch gibt es zwei Ausgaben, in denen die Artikel systematisch geordnet sind (am besten probiert man es einfach mal aus):

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch (Sek I)

https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/deutsch-abitur (Sek II)

Ulla Hahn: Angeschaut, didaktische Erwägungen

Schönen guten Tag, Herr Tholen,

ich störe Ihren „Ruhestand“ nur ungern.
Aber zu einem Gedicht von Ulla Hahn „Angeschaut“:

Du hast mich angeschaut jetzt
hab ich plötzlich zwei Augen mindestens
einen Mund die schönste Nase
mitten im Gesicht.

Du hast mich angefaßt jetzt
wächst mir Engelsfell wo
du mich beschwertest.

Du hast mich geküßt jetzt
fliegen mir die gebratenen
Tauben Rebhühner und Kapaunen
nur so ausm Maul ach
und du tatest dich gütlich.

Du hast mich vergessen jetzt
steh ich da
frag ich was
fang ich allein
mit all dem Plunder an?

habe ich eine Frage.
Haben Sie eine Ahnung, was ein „Engelsfell“ (V. 6) ist ? Ich jedenfalls
habe das Wort trotz längerer Suche nicht gefunden.

Sie sind meine letzte Rettung !

freundlich grüßend, N.N.

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Lieber Herr N.N.,
es handelt sich zweifellos um eine (neue) Metapher, auch einen Neologismus; zu verstehen ist das Wort in der Analogie zum schönsten Mund und den gebratenen Tauben (Schlaraffenland, Märchen): Alles sind neue Attribute des Ichs, die aus dem Anblick durch den Engel entstanden sind.
Der Ort, wo der Engel auf dem Ich „gesessen“ (beschwertest) oder was auch immer getan hat, ist zum Engelsfell geworden, zur Engelshaut, zu einer ganz besonderen Haut.
Leuchtet das ein?

Viele Grüße, Norbert Tholen

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Schönen guten Abend, Herr Tholen,

vielen Dank für Ihre instruktive Antwort.
Es hat mich etwas (sehr) beruhigt, dass Sie als „Wörterbuchprofi“ auch keine Belegstelle für das Wort „Engelsfell“ gefunden haben.
Auf die Idee mit „gesessen“ bin ich nicht gekommen.
Ich dachte schon an:
„wo / du mich beschwertest“ (Z. 7)
Schwert = Penis (vgl. E. Bornemann: Sex im Volksmund)

Insgesamt finde ich das Gedicht überdeterminiert und sehr anspielungsreich (u.a.  Schlaraffenland, dann „ach“ (-> Goethe, Schiller, Kleist) und auch zu dem „merkwürdigen“ Präteritum im zwölften Vers (s. Anhang) habe ich keine richtige Idee.

Was halten Sie von der Idee meiner jungen KollegInnen, über dieses Gedicht in den Grundkursen der EF (wir müssen an der Schule, an der ich arbeite in den Parallelkursen dieselbe Klausur schreiben lassen) die Lyrikklausur schreiben zu lassen? ich bin etwas ratlos…

einen schönen Abend wünscht Ihnen

N.N.

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Lieber Herr N.N.,

das Präteritum macht mir keine Sorgen, es ist gleich/ähnlich dem Perfekt vorher; der Witz ist vielmehr, dass der verdammte Engel sich selber gütlich tat = die schönen Sachen aufgegessen hat.
Frage ist, ob die schönen Sachen noch immer aus dem Mund fliegen – dann könnte das Ich sie essen; von den anderen Sachen (= Plunder): schönste Nase usw., hat es jedenfalls nichts.
Fazit: Von einem Engel angeschaut werden bringt einem auch nichts.

Ohne Vorbereitung kann man das Gedicht Schülern nicht vorsetzen – zumindest „die Begegnung mit dem Engel“ müsste durch andere Gedichte vorbereitet werden, sonst verstehen die Kinder nur Bahnhof. Das Gedicht steht ja ironisch in einer langen Tradition religiösen und nachreligiösen Sprechens, die Tradition muss also in einigen Wegmarken erforscht werden. – Unter den Stichworten „Engel Gedicht“ finden Sie in der Suchmaschine genügend Engelsgedichte.

Viele Grüße, Norbert Tholen

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Lieber Herr Tholen,

vielen Dank für Ihre sehr schnelle Antwort!
Da sind wir schon zwei.
Leider wird das mir (und den Schülern) nicht helfen. Sie werden über das Gedicht schreiben lassen (Gründe zählen nichts mehr).

nochmals vielen Dank für Ihre Unterstützung

N.N.

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P.S.

Vielleicht sollte man vom jeweils ersten Vers der vier Strophen (also vom Aufbau) ausgehen, dann erschließt sich das Gedicht als ein anklagender Rückblick, Zeugnis einer gescheiterten Liebe.

http://www.lyrikschadchen.de/html/hahn.html (besser als die folgende, aber immer noch nicht wirklich gut: Auch hier ist die kommunikative Situation nur intuitiv-unsauber erfasst: Nicht „Sie haben sich geküsst“, sondern „Du hast mich geküsst“!)

http://www.diesterweg.cidsnet.de/conpresso/_data/Interpretation_Ulla_Hahn__Angeschaut.doc (schwerer methodischer Fehler: Das Perfekt wird nicht wahrgenommen; Esma hat nicht verstanden, dass es sich um den Rückblick auf eine gescheiterte Liebe [kommunikative Situation: Wer spricht zu wem worüber in welcher Situation?] handelt, deshalb ist auch das „jetzt“ nicht verstanden – eine schülerhafte, also bloß am Inhalt orientierte Analyse, eher eine Paraphrase!)

http://www.e-hausaufgaben.de/Thema-99089-Du-hast-mich-angeschaut.php

In Meck-pomm stand das Gedicht im Jahr 2000 im D-Grundkurs zur Wahl (Gedichtvergleich).


Falls Sie meinem Vorschlag folgen, würde mich interessieren, welche Gedichte Sie gewählt haben und wie die Klausur ausgefallen ist.
N.T.

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Schönen guten Tag, Herr Tholen,

ich hätte mich eher an Sie wenden sollen, denn auf Ihre Idee (mit den Engelgedichten) war ich vorher nicht gekommen.
Jetzt ist es zu spät – es gibt keine Stunde mehr vor der Klausur… und meine Interventionsversuche waren – wie gesagt – erfolglos

freundlich grüßend

N.N.

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Nachbesinnung

Bei der Lösung von Schachproblemen habe ich die Erfahrung gemacht, dass man gelegentlich scheitert, weil man die falsche Fragestellung an die Stellung heranträgt, etwa „Wie kann ich matt setzen?“, wenn es richtig wäre zu fragen „Wie kriege ich den Freibauern durch?“ (oder umgekehrt). Dabei sind alle Figuren deutlich zu sehen – aber es kommt auf ihr Zusammenspiel an, das man verstehen muss, um die richtige Frage (nach der optimalen Variation der Figurenstellung) zu finden.

So ähnlich ist es mir mit der Frage nach dem Engelsfell, die zudem mit einem großen Lob verbunden war, ergangen: Ich habe zu stark auf das Engelsfell und die anderen Attribute des Ichs gestarrt, statt gemäß meiner elementarsten Einsicht den Aufbau des Textes zu beachten (Eingangsverse der vier Strophen: Du hast mich angeschaut, Du hast mich angefaßt, Du hast mich geküßt, Du hast mich vergessen). Dann hätte man auf den ersten Blick gesehen, dass „Engel“ hier das gängige Kosewort (abgeblasste Metapher) für eine verehrte Frau ist, dann hätte ich mir den Exkurs in die nachreligiöse Dichtung erspart.

Was ich weiter unterschätzt habe, ist das Grundwort „-fell“, was man normalerweise nur Tieren zuspricht, nicht Engeln. Dieses abwertende Grundwort „Fell“ gehört in die Serie ironischer Zuschreibungen „zwei Augen mindestens […] die schönste Nase mitten im Gesicht [wo dennn sonst!?]“ usw. „Engelsfell“ ist also Indiz dafür, dass die anfängliche Begeisterung des Mannes („mein Engel“) verflogen ist, dass die zärtlich berührte Haut dem Berührer jetzt nur noch „Fell“ ist (nach Auffassung der berührten Sprecherin). Im Wort „Engelsfell“ sind also zwei Zeiten bzw. zwei unterschiedliche Sichtweisen des einst liebenden Mannes und der jetzt enttäuschten Frau verbunden oder vermengt – ziemlich kompliziert, nicht wahr? Aber wir brauchen nicht Ulla Hahn zu fragen, was das Wort bedeutet; das kriegen wir selber heraus, wenn’s auch ein wenig gedauert hat.

P.S. Vgl. jetzt https://norberto42.wordpress.com/2016/01/13/ulla-hahn-angeschaut-analyse/

Sprachbilder – Metaphorik: Links

Bildhafte Sprache, bildhaft sprechen, sprachliche Bilder, Sprachbilder; Metapher, Metaphorik
Wenn man im Internet unter diesen Stichwörtern der Frage der Bildhaftigkeit nachgeht, stößt man auf folgende brauchbare Links:
http://www.uni-essen.de/buenting/04Bildhafte%20Sprache.html – das ist ein Manuskript einer gut verständlichen Vorlesung Professor Büntings (Man wird nicht direkt hingeleitet, sondern muss unter „Praktische Stilistik“ suchen!)
https://www.uni-due.de/buenting/ – das ist die Übersicht über alle Vorlesungen Büntings
http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/interpretation/index_3.htm (vereinfachter Aufsatz über Bildlichkeit, mit Beispielen)
https://de.wikipedia.org/wiki/Metapher (Artikel „Metapher“)
http://www.gib.uni-tuebingen.de/netzwerk/glossar/index.php?title=Uneigentliche_Bilder („uneigentliche Bilder“)
http://www-user.uni-bremen.de/~schoenke/metagloss/mgl.html (Glossar zur Metapherntheorie)
http://www.rhetorik-seminar-online.com/metaphern-beispiele-metaphern-datenbank/ (sehr umfangreiche Sammlung Matthias Pöhms, der offenbar auch Seminare für Manager o.ä. durchführt)
https://de.wikipedia.org/wiki/Bildhafte_Figur (vollständige Liste, erfordert Eigenarbeit!)
http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-5681/05Theorie.pdf (Metapherntheorie)
http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/rt/printerFriendly/621/1345 (Metapherntheorie)
http://www.fachdidaktik-einecke.de/9a_meth-sprachreflexion/metaphern_sprachbilder.htm (pure Erklärung der Bild-Konstitution)
http://ubt.opus.hbz-nrw.de/volltexte/2010/598/pdf/Schieder_13102006.pdf (Diss: Metaphern zur Staatlichkeit)
http://metaphorik.de/ (Zeitschrift, viele Artikel!)
https://www.uni-siegen.de/uni/publikationen/extrakte/ausgaben/200906/pdf/extrakte_nr6.pdf (Metaphern: Welterschließung)
http://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/Sprachbild (Sammlung von Sprachbildern)
http://www.online-marketing-txt.de/html/bildhaft.html (hier sieht man, wozu Bildlichkeit gut ist: selber texten)
http://www.bruehlmeier.info/sprachlicher_vortrag.htm (wozu Bildlichkeit gut ist: Vortrag des Lehrers)
http://www.metaphorik.de/sites/www.metaphorik.de/files/article/gansen-metaphern-ratgeberliteratur.pdf (Metaphern in Ratgeber-Literatur)

Sozialwissenschaft:
http://www.hs-zigr.de/~schmitt/ghwgmeta/grabovsk.htm (Metaphernanalyse nach Lakoff und Johnson)
http://www.qualitative-research.net/fqs/beirat/schmitt-1-d.htm (Fragmente eines kommentierten Lexikons der Alltagspsychologie)
http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-03/2-03schmitt-d.htm (Methode und Subjektivität in der Systematischen Metaphernanalyse

Im Blog also42 gibt es eine Kategorie „Bilderwelt“, u.a. mit Analysen zu einzelnen Metaphern: https://also42.wordpress.com/category/bilderwelt/

08/2015

Rätsel für Vertretungsstunden

In Kl. 5 und 6 habe ich in unvorhergesehenen Vertretungsstunden gern die folgenden gereimten Rätsel gestellt: Ich habe die Rätsel vorgelesen (nacheinander, mit Nummer, mehrmals langsam – insgesamt ca. 35 Minuten); die Kinder brauchten nur die Nummer und das Lösungswort zu notieren. Anschließend wurden die Lösungen vorgetragen und diskutiert – diskutiert deshalb, weil einige Rätsel evtl. mehrere Lösungen zulassen (so Nr. 6, wo ich als Lösung den Spiegel sehe, während die Schüler heute natürlich auf digitale Kameras kommen – die müsste man explizit ausschließen). – Wenn jemand eine Lösung nicht findet, bin ich gern bereit, sie mitzuteilen; die Rätselaufgaben wurden von den Kindern gut angenommen. Das Rätselblatt war in einer Klarsichtfolie in meiner Tasche, immer griffbereit.

Hier nun die Rätsel: Rätsel

Amerikanische Euphemismen

Ein Euphemismus ist eine Wendung, die etwas beschönigt; es gibt viele Gründe, etwas zu beschönigen – von Höflichkeit bis zum Zynismus.

Die Amerikaner sind erfinderisch, wenn es um ihre Macht geht:
Wenn sie irgendwo in der Welt einen Terrorverdächtigen fangen und entführen, ist das eine rendition (Überstellung);
brutale Verhörmethoden, bis hin zur Folter, nennen sie „verbesserte Vernehmungsmethoden„;
ein Hungerstreik in Guatanamo ist bloß ein freiwilliges Fasten, denken [noch genauer: sagen] zumindest die amerikanischen Offiziellen;
werden Häftlinge zwangsweise ernährt, so gedeiht ihnen eine innere Ernährung an;
das freiwillige Fasten beginnt übrigens erst, wenn ein Häftling neun Mahlzeiten in Folge verweigert.

Verteidigung der Rhetorik / vom Sinn rhetorischer Analyse

Der amerikanische Politikwissenschaftler Bryan Garsten hat 2006 das Buch „Saving Persuasion: A Defense of Rhetoric and Judgement“ geschrieben: Der Anwendung von Rhetorik eignet eine gewisse Künstlichkeit und auch die Tendenz, dass der Sprecher sich „über“ die Hörer stellt (Ungleichheit); dem versuchen die Amerikaner entgegenzuwirken, indem sie ohne Konzept sprechen: Der Redner spricht angeblich aus der Seele und will so die Seele des Hörers erreichen, er will „echt“ wirken.
Vermutlich ist es so, dass im gekonnten Sprechen die Person des Redners mehr als das Programm zählt. Garsten verteidigt auch eine zuspitzende Rhetorik, weil der Politiker es mit Menschen zu tun habe, die eben auch von Leidenschaften bestimmt seien und deren Vernunft an Gefühle gebunden sei. Der ideale Diskurs, wie er von Habermas postuliert wird, erreiche die realen Menschen nicht, auch wenn eine programmatisch geführte Debatte ihre Vorzüge gegenüber den Lebens- und Religionsbekenntnissen amerikanischer Politiker habe.

Hans Blumenberg, der große Metaphernforscher, hat eine „Anthropologische Annäherung an die Aktualität der Rhetorik“ geschrieben; der Hauptsatz der Rhetorik sei das Prinzip des unzureichenden Grundes; dieses gelte für ein Wesen, dem Wesentliches mangelt. Es gehe aber nicht um einen Verzicht auf Begründung, sondern um eine Beratung, die auf einen faktischen Konsens abzielt, der nicht Konsens aufgrund theoretischer Normen ist.
Ich würde ergänzen: Der zweite Hauptsatz der Rhetorik ist das Gebot, die Aufmerksamkeit schnell ermüdender Wesen zu gewinnen, die in einer bunten Welt voller Reize und Appelle leben und zu ihrem Schutz gern „abschalten“. Erst die beiden Grundsätze zusammen lassenverstehen, warum die Werbefachleute die Rhetorik entdeckt haben, warum in der Wirtschaft die Leute rhetorisch geschult werden.

Rhetorik in der Literatur und im Alltag: „Rhetorik“ kann nicht (nur) heißen, eine Liste sogenannter rhetorischer Figuren anzulegen und abzuarbeiten – auch wenn es de facto im Unterricht oft darauf hinausläuft. Rhetorisch versiert sprechen heißt
– gut sprechen (plausibel),
– schön sprechen (angenehm, interessant),
– als erstrebte Konsequenz der beiden Sprechweisen: möglichst wirksam sprechen.
Rhetorische Analyse müsste darauf hinauslaufen zu zeigen,
1. wie Interesse geweckt und erhalten wird;
2. wie Plausibilität (jenseits reiner Sachargumente) erzeugt wird;
3. wie dadurch vermutlich der Rede Erfolg beschieden ist, indem die Hörer zum erwünschten Handeln bewegt, jedenfalls zumindest nicht gelangweilt oder vergrätzt werden (also nicht „abschalten“).
Eine rhetorische Analyse, die im formalen Nachweis von Techniken und Figuren beharrt, kommt nicht ans Ziel.

Das schöne Sprechen findet man auch in Fabeln und Märchen, wo Wortspiele ihr Recht haben. Das ist so im Märchen von „Prinzessin Langnas“, wo „auf der Nase herumtanzen“ und „mit langer Nase abziehen“ an das Zaubermittel der Nasenverlängerung gebunden sind; oder in der Fabel „Der Rinderhirt“, wo dem Zeus zuerst ein Böckchen versprochen wird, wenn der Hirt den Dieb gewahr werde, und dann ein Stier, wenn er dem Dieb entgehe – als nämlich ein Löwe als Dieb entdeckt worden ist.

Vgl. auch die Unterrichtsreihe http://www.lehrer-online.de/rhetorik-im-netz.php?sid=99101943847219472943820342034770!

Bildung / Ungleichheit / Gerechtigkeit

Ein amerikanisches Projekt frühkindlicher Förderung: https://de.wikipedia.org/wiki/High/Scope_Perry_Preschool_Project

„Wenn man benachteiligte Kinder sehr früh fördert, sind die ökonomischen Effekte enorm; wenn man sie erst im Jugendalter unterstützt, sind die Effekte minimal. Manchmal erzielen solche Programme sogar negative Renditen!“ (James Heckman, Nobelpreisträger)
Und Heckmans Erklärung des Erfolgs ist diese: „Die Kinder aus der Vorschulgruppe waren motivierter und hatten mehr Selbstdisziplin. Das – und nicht der IQ – erklärt ihre späteren Erfolge.“

Das alles sollte man bedenken, wenn man Gerechtigkeitslücken in der Bildung sieht und deswegen eine gemeinsame Erziehung der Kinder auch über Klasse 4 hinaus fordert: „Gut gemeint“ ist nicht immer auch „gut gemacht“!

Christian Pfeifers Unbedarftheit

Christian Pfeifer hat 2007 eine Studie über den Zusammenhang von Medienkonsum und schulischen Leistungen veröffentlicht, die den bekannten Zusammenhang bestätigt: Je höher der Medienkonsum, desto schlechter die Leistungen in der Schule. Christian Pfeifers Studie steht hier: http://www.kfn.de/versions/kfn/assets/pisaverlierer.pdf

Hier ein Auszug, der die Schwäche der ganzen Untersucherei zeigt – ich werde unten unterm Strich darauf eingehen:

8. Was ist zu tun?
Auf der Grundlage der hier dargestellten KFN-Untersuchungen zur Wirkung von Fernsehen und Computerspielen auf Schulleistungen zeichnet sich für die vier PISA-Verlierergruppen ein klarer Befund ab. Im Vergleich zu ihrer jeweiligen Gegengruppe sind sie durchweg bereits in der Kindheit durch eine sehr viel höhere Ausstattung mit Mediengeräten belastet sowie in Folge davon mit sehr viel längeren Medienzeiten und eine weit intensiveren Nutzung von entwicklungsbeeinträchtigenden Medieninhalten. Übereinstimmend zeigen die Ergebnisse der beiden KFN-Schülerbefragungen 2005, der Berliner Panel-Untersuchung und des gedächtnispsychologischen Experiments, dass die deutlich schwächeren Schulleistungen der PISA-Verlierer auch mit ihrem jeweiligen Mediennutzungsmuster zu erklären sind. Die These, wonach die Schulnoten (und PISA-Leistungen) umso schlechter ausfallen, je mehr Zeit die Kinder und Jugendlichen mit Medienkonsum verbringen und je gewaltintensiver dessen Inhalt ist, hat sich klar bestätigt. Die Leidtragenden dieser seit Anfang der 90er Jahre zu beobachtenden Entwicklung sind in erster Linie die Jungen, die Kinder und Jugendlichen aus Norddeutschland, die jungen Migranten und die sozial schwachen Schülerinnen und Schüler aus Elternhäusern mit niedrigem Bildungsniveau.
Welche Folgerungen leiten sich aus der dargestellten Analyse ab?

8.1 Gezielte Aufklärung über die Entstehung und Wirkung extensiven Medienkonsums von Kindern und Jugendlichen
(…) Zu wünschen wäre ferner, dass bereits die Eltern von Grundschulkindern von ihrer Schule sowie über die Medien eine klare Botschaft vermittelt bekommen: Bildschirmgeräte gehören nicht ins Kinderzimmer.

8.2 Effektive Gestaltung des Jugendmedienschutzes
(…)

8.3 Die Nachmittage der PISA-Verlierer durch Ganztagsschulen retten
Die PISA-Verlierer verbringen ihre Nachmittage in hohem Maß mit Medienkonsum, der stark von entwicklungsbeeinträchtigenden Inhalten geprägt ist. Appelle an die Eltern dieser Kinder und Jugendlichen versprechen nur begrenzt Erfolg. Eine nachhaltige Verbesserung der Situation wird nur über die flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen zu erreichen sein, die nachmittags primär einem Motto verpflichtet sind: Lust auf Leben wecken durch Sport, Musik, kulturelles und soziales Lernen sowie weiterer Inhalte, die geeignet sind, den Schülerinnen und Schülern auch an Abenden und Wochenenden attraktive Alternativen zum stundenlangen Medienkonsum zu bieten. (…)

8.4 Mehr Forschung zur Computerspielsucht sowie zur praktischen Erprobung von Therapie- und Präventionskonzepten
Nach wie vor gibt es in Deutschland beträchtliche Forschungsdefizite zur Wirkung extensiven Medienkonsums. Dies gilt insbesondere für die Altersgruppe der 2- bis 8-Jährigen sowie für Erwachsene. Besonders dringlich erscheint allerdings, dass wir zum Thema der Computerspielsucht bisher nur über erste Einschätzungen zum Ausmaß des Problems bei Jugendlichen verfügen. Wir wissen zu wenig über die Genese suchtartigen Spielens, über Verlaufsformen und Auswirkungen sowie über die Wege, die aus der Sucht herausführen. (…)

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DIE ERGEBNISSE der Studie zeigen, wie schwach diese ist und wie hilflos Pfeifer vor dem Phänomen steht:

1. Die Korrelation „hoher Konsum – geringe Leistungen“ wird kausal ausgelegt. Das ist problematisch, weil monokausal: Medienkonsum ist kein Urdatum, sondern hat seinerseits Gründe! Und die Schulerfolge anderer Schüler sind nicht in einem geringeren Medienkonsum begründet, sondern gehen nur damit einher. Hier sieht man Pfeifers Hilflosigkeit: Man muss den vermittelnden Begriff des sozialen Status (bitte nachschlagen!) oder Habitus einschalten, wenn man die Zusammenhänge begreifen will.

2. Es wäre zu wünschen, schreibt Pfeifer, dass den Eltern der Schüler vermittelt würde…
Da liegt das Problem: Aufgrund des sozialen Habitus kann man das diesen Eltern nicht vermitteln!

3. Durch ein neues Gesetz erreicht man überhaupt nichts,
und dass den Schulmüden durch mehr Schule die Lust aufs Lernen käme, kann sich nur jemand im Elfenbeinturm ausdenken!
Wir sind damit wieder beim Standardheilmittel aller sozialen Probleme der Gegenwart gelandet: mehr Schule, Ganztagsschule… – statt dass man darüber nachdenkt, wie die Schule besser werden könnte.

4. Letztlich bleibt Herrn Pfeifer nur eine Forderung: mehr Forschung! Also noch mehr Studien!
Wer soll diese Studien durchführen? Welch eine Frage – Herr Pfeifer natürlich!

Fazit: Wenn man ehrlich ist, läuft die ganze Studie darauf hinaus, den Eltern die Kinder wegzunehmen [denn das heißt „nachmittags Schule“ in Wahrheit!], was bekanntlich oft das Beste für die Kinder wäre. (Es gibt Lehrer, die sagen, manchen Kindern wäre nur zu helfen, wenn man deren Eltern totschlüge.)
Die in der Schule versagenden Kinder brauchen nicht mehr Schule, sondern andere Eltern – und zwar am besten rückwirkend, und weil das nicht gut geht: eine andere Schule! Wer das nicht ausspricht, belügt sich selber oder ist naiv und kennt nicht die Zusammenhänge, die im Begriff des sozialen Status erfasst werden.

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In einem Beitrag über die „Generation XXL“ (SZ vom 13. Februar 2008) schrieb Kristina Läsker, dass Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus häufiger als solche aus wohlhabenderen Familien übergewichtig sind: Dort waren 28 % der Kinder zu dick, hier nur 15 %. Dazu wurde dann Thilo Bode, der Leiter von Foodwatch, zitiert: „Der Kauf von gesunder Nahrung ist ein Einkommensproblem.“

Hier finden wir einen Denkfehler, der seit Jahrhunderten als solcher bekannt ist: Es besteht ein Zusammenhang zwischen Einkommenshöhe und Ernährungsweise; aber das muss kein kausaler Zusammenhang sein! Der hier bestehende „und“- ist kein „weil“-Zusammenhang: Die Armen essen nicht Burger, weil sie wenig Geld haben. Sie sind aber auch nicht arm, weil sie Burger essen – es besteht eine Korrelation, aber kein kausaler Zusammenhang, Herr Bode!
Die Kenntnis und das Verständnis des Begriffs sozialer Status wirkt wahre Wunder, wenn man Zusammenhänge von Bildung, Einkommen und Lebensstil begreifen will. Man kann sich jederzeit im Internet über „sozialer Status“ informieren; google hat dazu weit mehr als 100.000 Einträge. Elementare Informationen bietet der Artikel http://www.karteikarte.com/card/1250938/sozialer-status-und-statuskriterien-begriff-und-arten, umfassendere gibt es unter den Links

http://www.philso.uni-augsburg.de/lehrstuehle/soziologie/sozio1/medienverzeichnis/Bosancic_WS_07_08/SU_Einf.pdf

http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138439/soziale-schichtung?p=all
https://www.ernaehrungs-umschau.de/fileadmin/Ernaehrungs-Umschau/pdfs/pdf_2010/02_10/EU02_2010_084_089.qxd.pdf (Sozialer Status und Ernährungsqualität)

manipulieren – indoktrinieren

Im von mir sonst geschätzten Wörterbuch DWDS fand ich Liebesgrüße aus der DDR:

manipulieren
1. (abwertend) die öffentliche Meinung unter der Herrschaft der imperial. Bourgeoisie so lenken, daß das Bewußtsein der Menschen mit der herrschenden Ideologie gleichgeschaltet wird: die Meinungsbildung, Leitbilder m.; d. Bewußtsein, Sprache m.; die Mode, Politik m.; jmdn. m.: die Bevölkerung, werktätigen Massen m.
2. etw. durch Machenschaften zu seinen Gunsten lenken: eine Rechnung m.;
3. an, mit etw. m. an, mit etw. hantieren

Beim zweiten Nachsehen entdecke ich, dass der Artikel noch aus dem WDG der DDR stammt: Das Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (WDG) wurde in Berlin an der Deutschen Akademie der Wissenschaften (ab Oktober 1972: Akademie der Wissenschaften der DDR) zwischen 1952 und 1977 erarbeitet. Das WDG umfasst über 4.500 Seiten und enthält 60.000 bzw. unter Hinzunahme der Komposita 90.000 Stichwörter.

Bezeichnenderweise fehlt im DWDS ein Artikel indoktrinieren! (Man wollte sich in der DDR wohl nicht selbst entlarven!)

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P. S. In den gängigen Wörterbüchern (Duden, Wahrig, Bünten) steht auch indoktrinieren; das Wort fehlt allerdings häufiger in ausgesprochen etymologischen Wörterbüchern.

Interessant ist auch der Eintrag unter Zensur im DWDS:
2. /ohne Pl./ von herrschenden reaktionären Klassen zur Aufrechterhaltung ihrer Macht angewandte amtliche Kontrolle,Überprüfung von Druck-, Bühnenwerken vor ihrer Veröffentlichung, Aufführung und von Briefen: d. Einführung, Verhängung, Abschaffung, Aufhebung der Z.; eine Z. ausüben, streng, tolerant handhaben; die Briefe der Gefangenen unterlagen einer scharfen, strengen Z.

In dem Zusammenhang darf ich daran erinnern, dass in der DDR Christa Wolfs Essay „Lesen und Schreiben“ mehrere Jahre nicht veröffentlicht werden durfte [klarer Fall: da gab es eine herrschende reaktionäre Klasse, die in Wandlitz wohnte!]; dass ihre Poetik-Vorlesungen in der DDR nur zensiert, also mit diversen … erschienen sind; dass Biermann 1976 „ausgebürgert“ wurde; dass Erich Loest einen eindrucksvollen Bericht „Der vierte Zensor“ geschrieben hat… Ja, ja, Zensur und Indoktrination, das gehört schon zusammen, auch wenn man das böse Wort verschweigt.
Auch das „Etymologische[s] Wörterbuch des Deutschen“, 1989 von einem Autorenkollektiv unter Leitung von Wolfgang Pfeifer im Akademie-Verlag (und später bei dtv) veröffentlicht, kennt Manipulation als etwas, was „in kapitalistischen Staaten“ vorkommt: vornehmlich eine durch Missbrauch wissenschaftlicher Erkenntnisse die Wahrheit verschleiernde Steuerung des Bewußtseins großer Teile des Volkes im Sinne der herrschenden Ideologie, bes. ‚Lenkung der öffentlichen Meinung durch Massenmedien‘.

Man hört hier wie beim DWDS die realsozialistische Sprachregelung, aber nicht den realen Sprachgebrauch im Deutschen.

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P. P. S. Jetzt dämmert mir noch was: Die Deutsche Akademie der Wissenschaften hat das alte Wörterbuch herausgegeben; es wird heute von BBAW (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften) betreut, und da hat mir ein Mitarbeiter wegen meiner kritischen Bemerkung dazu, dass in der guten alten DDR der Artikel „indoktrinieren“ fehlte, doch glatt mit der Einschaltung der Rechtsabteilung der BBAW gedroht…