“Zigeunerin” – die Suchfunktion bei zeno.org

Dieser Tage las ich Bechsteins Märchen „Star und Badewännlein“ (in: Deutsches Märchenbuch, 1857). Darin erweist sich zum Schluss, dass eine Zigeunerin [darf man heute nicht mehr sagen, aber so steht es im Text] die Königstochter als kleines Kind gestohlen hatte; sie wird (zu Recht, denkt der biedere Märchenleser) vom Bruder der Geraubten getötet, indem er ihr sein Schwert durch die Ohren stößt; der Star singt zum Schluss:

„Der Zigeunerin tun die Ohren so weh,

Sie wird keine Kinder stehlen mehr!“

Als ich das las, fragte ich mich: Welches Bild gibt die Zigeunerin in der deutschen Literatur ab, und wie ist es zu diesem Bild gekommen? Die zweite Frage ist vermutlich schwer zu beantworten, die erste heute nicht mehr. Bei zeno.org gibt es eine Suchfunktion, da kann man „Nur in Literatur“ anklicken und sich zeigen lassen, in welchen Zusammenhängen (Texten) das Wort „Zigeunerin“ in der dort gespeicherten deutschen Literatur auftaucht. Ich drucke hier nur drei Beispiele ab:

 

Ludwig Ausbacher: Wie die sieben Schwaben von einer Zigeunerin sich wahrsagen lassen (aus: Ein Volksbüchlein, 1878/79)

Die sieben Schwaben hatten aber auf dem Wege dahin noch viele Abenteuer zu bestehen, woran sicher die Zigeunerin schuld war, die alte Hex’. Die saß nämlich außerhalb Kriegshaber an einer Staude am Weg, und kochte ein wunderliches Zeug durch einander. – Knöpfle sind’s einmal nicht, sagte der Knöpfleschwab, als er in den Kessel hinein guckte; und der Blitzschwab meinte gar, er sehe auf der schwarzbraunen Brüh statt Pfeffer und Schmalz, Mausdreck und Krötenaugen schwimmen, so daß es ihm fast den Magen im Leibe umkehrte. Der Spiegelschwab aber ging auf die Zigeunerin zu, und sagte: Alte Trampel! du mußt mir wahrsagen. Die besah ihm die Hand, und sagte:

Wer Weiberjoch auf sich muß tragen,

Hat wol von großer Noth zu sagen.

Die Blitzhex redet wahr, sagte der Spiegelschwab, und schob den Gelbfüßler hin. Dem lugte sie auch in die Hand, und sagte:

Einem, der ist übermannt,

Dem ist das Fliehen keine Schand’.

Die stichelt auf meine Stiefele, dachte er, und sie weiß, daß ich laufen kann. Da die beiden Gesellen mit der Wahrsagerin zufrieden zu sein schienen, so folgten auch die andern. Und zum Seehasen sagte sie:

Ein Ding man leget manchem vor,

Wenn man es thät, der wär ein Thor.

Zum Knöpfleschwaben sagte sie:

Was man erspart an seinem Mund,

Das frißt die Katze oder Hund.

Zum Nestelschwaben sagte sie:

Den Esel kennt man an den Ohren,

An der Red’ Weise und Thoren.

Zum Allgäuer sagte sie:

Der Wagen wird nicht wohl geführt,

Wenn Ochsen ungleich angeschirrt.

Bygost! sagte der Allgäuer, das hab’ ich selber schon oft erfahren, wenn ich hab’ Mist ausgeführt. Die Hex’ sieht einem, wägerle! durch das Herz. Der Blitzschwab aber, der tiefer in den Hafen geguckt, wollte mit der Heidin nichts zu schaffen haben, sondern stieß ihr vielmehr den Kessel um und ins Feuer, so daß dieses mit Prasseln auseinander gefahren und ausgeloschen ist. Die Zigeunerin aber, voller Zorn, rief ihm mit schätternder Stimme nach:

Jungfrau Lieb’ ist fahrend Hab’,

Heut »Herzliebster«, morgen »Schabab«.

Und so konnten denn die sieben Schwaben ihrem Schicksal nicht entgehen.

 

Ferdinand von Saar: Die Zigeunerin (1888)

 

Drängende Hast in wilder Geberde,

Gabe heischend mit thierischem Laut,

Steht sie vor mir, wie entwachsen der Erde,

Daß es in tiefster Seele mir graut.

 

Aus dem Antlitz mit grellem Funkeln

Schauen die Augen voll Gier und Trutz,

Um die Glieder, die schlanken, dunkeln,

Hängt es in Lumpen, starrend von Schmutz.

 

Doch so gewahr’ ich strotzende Brüste,

Feingeformt wie die schmale Hand,

Und durch die Hülle, die lose, wüste,

Dämmert der Hüfte schwellender Rand. –

 

Daß er zuletzt noch mit dir versöhne,

Brauner Unhold, verfehmtes Weib,

Weisest du achtlos in seiner Schöne

Sieghaften Zaubers den Menschenleib!

 

Hermann von Lingg: Die Zigeunerin (1905)

 

Sechzehn Jahr alt ist die kleine

Sittah, die Zigeunerin.

Wild wie sie tanzt keine, keine

Schwingt wie sie das Tamburin.

 

Kauernd an der alten Mauer

Vor des Mohrenkönigs Tor

Fand ich sie im Fieberschauer,

Und ich hob sie sanft empor.

 

Fliehe, sprach sie, geh vorüber,

Tödlich ist mein Fieberhauch!

Kind, erwidert’ ich, am Fieber,

Ach, am schlimmsten leid’ ich auch:

 

Liebe heißt es, dies verzehrend

Heiße Fieber; doch gesund

Küsse, mir nicht länger wehrend,

Küsse mich dein roter Mund. –

 

Die gleiche Suchfunktion bietet http://gutenberg.spiegel.de/; dort muss man nur darauf achten, dass man nicht beim SPIEGEL sucht, sondern die untere Suchfunktion von gutenberg.de erwischt; in den genannten Texten ist das gesuchte Wort dann gelb markiert. Die Suche bei gutenberg.spiegel.de bringt aber mehr Arbeit als die bei zeno.org, weil bei gutenberg.de auch zahlreiche ausländische Titel gespeichert sind und in die Suche einbezogen werden; wer sich also speziell für deutsche Literatur interessiert, muss die Ergebnisse dort stärker filtern – wer sich jedoch auch für ausländische Literatur (in deutscher Übersetzung!) interessiert, ist bei gutenberg.de besser aufgehoben. Aber auch bei zeno.org werden ausländische Werke der Weltliteratur präsentiert – filtern muss man je nach Suchauftrag also immer. Um auf die Zigeunerin zurückzukommen: Vielleicht ist die Frage nach dem Bild der Zigeunerin in der deutschen Literatur zu eng gestellt, vielleicht muss man die europäische Literatur beachten, wenn man ein vollständiges Bild erhalten will? Aber in Schule und Hochschule haben auch eingeengte Fragestellungen ihr Recht – man muss dann nur wissen, dass die Frage eng gestellt ist. Was praktisch nicht klappt, ist der Versuch, etwa die Verwendung des Wortes “Zigeunerin” bei Goethe zu untersuchen: a) Man weiß nicht, ob der ganze Goethe zum Suchen bereitgestellt wird; b) es gibt viele Nieten, bei denen irgendwie die Wörter “Goethe” und “Zigeunerin” zusammen vorkommen, ohne dass Goethe der Autor wäre.

Ich habe einen Test vorgenommen: “intellektuelle Redlichkeit” bei Nietzsche erforschen. Das Ergebnis war bei zeno.org.philosophie: “Nietzsche +Redlichkeit” 8 Ergebnisse, alle nicht von Nietzsche; “intellektuelle Redlichkeit” 19 Ergebnisse, davon 2 von Nietzsche. Bei gutenberg.de: “Redlichkeit +Nietzsche” 106 Ergebniss; “intellektuelle Redlichkeit” 116 Ergebnisse, davon die meisten nicht von Nietzsche; “intellektuelle Redlichkeit +Nietzsche” 36 Ergebnisse, davon 14 von Nietzsche. Fazit: In diesem Fall war gutenberg.de weitaus ergiebiger als zeno.org.

Eine ähnliche Suchfunktion gibt es bei http://www.deutschestextarchiv.de/.

Mit diesen Suchfunktionen gibt es also einige Möglichkeiten, bestimmte Themen (Stichwörter) in der gemeinfreien deutschen Literatur bis ins frühe 20. Jahrhundert zu untersuchen – man braucht nur etwas Geschick und Sitzfleisch sowie die Fähigkeit, gefundene Belege systematisch zu ordnen.

Der Nominativ ist der Genitiv sein Tod – grammatische Kompetenz beim FOCUS

FOCUS ONLINE veröffentlichte am 17.09. um 14:59 h einen Artikel mit der Überschrift „Papst Franziskus: Petrus’ Nachfolger und Stellvertreter Jesus Christus auf Erden“.

„Petrus’“ [statt Petri] geht wegen des Apostrophs an, aber „Jesus Christus“ [statt: Jesu Christi] als Genitiv ist peinlich. Das habe ich dem FOCUS schriftlich mitgeteilt und dann gefragt: „Hat Ihr Redakteur nie am Religionsunterricht teilgenommen?“ Darauf bekam ich vom Leserservive des FOCUS die Antwort:

„Ihr Einwand scheint berechtigt, ‚Jesus Christus’ ist in diesem Fall jedoch grammatikalisch korrekt. Der Genitiv ‚Jesu Christi’ ist ein aus dem Lateinischen übernommener Genitiv. Im heutigen Zeitalter ist es aber durchaus berechtigt, den deutschen zweiten Fall zu benutzen – Religionsunterricht hin oder her.“

Darauf habe ich auf den Duden und Wahrig hingewiesen, die beide als Genitiv nur „Jesu Christi“ kennen (vgl. auch http://www.canoo.net/inflection/jesus:N:Person:M und http://www.canoo.net/inflection/christus:N:Person:M); darauf hat der Leserservice nicht mehr geantwortet.

Der Vorgang zeigt mehreres:

  1. Ich habe falsch gefragt; ich hätte nicht nach der Teilnahme am Religionsunterricht, sondern nach der Benutzung des Dudens und der Korrektur von Artikeln im FOCUS fragen müssen. („Jesu Christi“ hat übrigens bei google am 20.09. ungefähr 766.000 Ergebnisse – trotz FOCUS.)
  2. Beim FOCUS schämt man sich anscheinend, dümmliche Antworten im Leserservice mit dem Namen zu unterzeichnen; man belässt es bei „Leserservice“ als Unterschrift.
  3.  Die Berufung auf das heutige Zeitalter lässt drei Interpretationen zu:

He, du nix verstehen Deutsch? Dann musstu lesen der FOCUS, das helft dich.

Neuer Physiologus – eine Enzyklopädie

Zufällig bin ich heute beim Stichwort „Spiegelbild“ auf den Neuen Physilogus gestoßen. So stellt er sich selbst vor:

Enzyklopädie der Erfahrungen

Dieser Neue Physiologus
(nicht der erste, aber der neueste)
erklärt Mensch und Welt
sowie deren Beziehungen endlich (vorläufig) richtig.

Was in anderen Enzyklopädien
oft fehlt, ungenügend oder gar falsch bestimmt ist –
Sie finden es auf diesen Seiten
anschaulich erklärt, ausführlich beschrieben und sinnreich geordnet – vollkommen unparteiisch: […]

… aller Versuche, die Welt zu verstehen, –
wird mit dem gleichen Respekt gedacht.

In der Tradition des ehrwürdigen Pierre Bayle werden
mehrfache Verstehensversuche (“Definitionen”) neben-/nacheinander notiert,
anders als bei Bayle aber kommentarlos;
so soll der Anschein vermieden werden, hier solle der Skepsis Vorschub geleistet werden.

Wissen ist ein Prozeß, Enzyklopädien sind also immer vorläufig:
mit Korrekturen ist jederzeit zu rechnen.

Die Definitionen sind weitgehend an Erfahrung orientiert
(“eine gewisse zarte Empirie…”), ohne daß aber die Imagination,
die “feeische Führerin” (Poe), vernachlässigt würde. —

Und hier die Adresse, es lohnt sich, einmal hineinzuschauen: http://www.physiologus.de/phy-frm.htm

Prozente, Politik und Pannen: Betreuungsgeld-Studie falsch gerechnet

Eine peinliche Panne ist dem Forschungsverbund DJI/TU Dortmund (http://www.dji.de/index.php?id=20) unterlaufen: In der Betreuungsgeld-Studie, die vor drei Tagen veröffentlicht wurde, bzw. in deren Zusammenfassung haben die „Forscher“ zwei Prozentzahlen addiert, die man nicht addieren darf.

 

So fing es an:

„In der Studie nannten von jenen Eltern, die keine Berufsausbildung oder einen Hauptschulabschluss haben, 54 Prozent das Betreuungsgeld als Grund dafür, dass sie ihre Kleinkinder nicht in eine Kita schicken. Bei Familien mit mittlerer Reife reduziert sich dieser Anteil auf 14 Prozent, bei Akademikern auf 8 Prozent. Von den Familien mit Migrationshintergrund, die keine Betreuung für ihr Kleinkind wünschten, führten 25 Prozent das Betreuungsgeld als Begründung an. Bei deutschstämmigen Familien lag dieser Anteil nur bei 13 Prozent.“ (Hamburger Abendblatt: Studie: Betreuungsgeld setzt für Eltern falsche Anreize, 28.07.14, mit Quellenangabe dpa) so noch am 31.07. 10:00

Es gab zwar methodische Bedenken, die Stefan Sell geäußert hatte:

„Das Betreuungsgeld hält Migrantenfamilien davon ab, ihre Kinder in eine Kita zu schicken – zu diesem Schluss kommt eine Studie des Deutschen Jugendinstituts. Dabei seien die Daten nicht überprüfbar, kritisiert der Ökonom Stefan Sell.

Der Direktor des Instituts für Bildungs- und Sozialpolitik der Hochschule Koblenz (IBUS), Stefan Sell, hält die jüngst vom Deutschen Jugendinstitut veröffentlichten Studienergebnisse zum Betreuungsgeld für nicht nachvollziehbar.“ (Deutschlandradiokultur, Interview zum Betreuungsgeld, Beitrag vom 28.07.2014)

Aber alle Welt verkündete: 54%… SPD-Politiker sahen sich direkt in ihrer Kritik am Betreuungsgeld bestätigt… Das Ergebnis war ja auch ausgesprochen „prekär“: „In der Studie nannten von jenen Eltern, die keine Berufsausbildung oder nur einen Hauptschulabschluss haben, 54 Prozent das Betreuungsgeld als Grund dafür, dass sie ihre Kleinkinder nicht in eine Kita schicken. Bei Familien mit mittlerer Reife reduziert sich dieser Anteil auf 14 Prozent, bei Akademikern gar auf acht Prozent.“ (Focus, 29.07.2014, 07:33)

 

Dann meldete die SZ am 30. Juli 2014 (S. 5): „Fehler in der Betreuungsgeld-Studie“: 22,6% der Hauptschulabsolventen und 31,2 der Befragten ohne Schulabschluss hatten angegeben, wegen der 100 Euro ihr(e) Kind(er) nicht in die Kita schicken zu wollen; die beiden Zahlen hatten die Forscher addiert! (Man merkt, wie sich politischer Wille und mathematische Unfähigkeit miteinander verbinden.) Die SZ korrigierte ihren Bericht vom 28. Juli im Internet nachträglich:

„Wir haben den Text am 29. Juli 2014 in zwei Punkten korrigiert. In der ersten Version des Textes kam nicht deutlich heraus, dass die Uni Dortmund und das DJI ihre Elternbefragung bereits vor Einführung des Betreuungsgelds unternommen hatten. Außerdem fand sich darin eine falsche Zahl, die allerdings aus der Zusammenfassung der Studie durch das DJI und die Uni Dortmund übernommen worden und durch einen Rechenfehler zustande gekommen war. Nur knapp 27 Prozent – und nicht, wie zuerst dargelegt 54 Prozent – der Eltern ohne Berufsausbildung oder mit niedrigem Bildungsabschluss, haben demnach angegeben, wegen des Betreuungsgeldes auf staatliche Betreuung ihrer Kleinkinder verzichten zu wollen.“

 

So eine mathematische Panne lässt einen zweifeln, ob auch sonst die „statistischen Zahlen“ des Forschungsverbundes DJI/TUDO und ähnlich interessierter Institute wohl immer stimmen (ich erinnere an die 5,8mal größere Chance der Akademikerkinder, ein Gymnasium zu besuchen!). Ich möchte hier nicht für oder gegen das Betreuungsgeld sprechen, sondern nur zeigen, wie schwach manchmal (oder meistens?) die Zahlen sind, mit denen Politik gemacht wird. (13.00 Uhr)

 

P.S. http://www1.wdr.de/themen/infokompakt/nachrichten/nrwkompakt/nrwkompakt30438.html

http://www.freiewelt.net/betreuungsgeld-studie-als-polit-mediales-debakel-10038104/

http://www.presseportal.de/pm/59019/2796572/neues-deutschland-tu-dortmund-unbekannte-leiteten-studie-ueber-betreuungsgeld-an-die-oeffentlichkeit/rss

http://kleinewelt.xobor.de/blog-e24744-Falsche-Zahlen-und-unsinnige-Argumente-gegen-das-Betreuungsgeld.html

https://www.freitag.de/autoren/ulrike-baureithel/jenseits-der-graeben (Der FREITAG hat wie die meisten Blätter noch nichts gemerkt!)

http://ssl.br.de/nachrichten/ig-betreuungsgeld-bildung-100.html (So ist es richtig.) (15.35 h)

Neologismen – Sprachwandel

Als Neologismus bezeichnet man ein Wort, das es bisher so in einer Sprache nicht gegeben hat. Welche Neologismen es gibt und wie man das Auftauchen neuer Wörter erklärt, wird hier dokumentiert:

http://www.wortwarte.de/ (umfangreich, aktuell)

http://www.owid.de/docs/neo/wortartikel.jsp

http://www.sprachnudel.de/

http://www.kunst-worte.de/neologismen/

http://www.science-at-home.de/wiki/index.php/Liste_von_Neologismen

http://opus.kobv.de/ubp/volltexte/2009/3706/pdf/sprachwandel_S83_101.pdf (Theorie)

https://de.wikipedia.org/wiki/Neologismus (Theorie)

http://www.euralex.org/elx_proceedings/Euralex1996_2/029_Ulrich%20Busse%20-Neologismen.%20Der%20Versuch%20einer%20Begriffsbestimmung.pdf (Theorie)

http://193.6.132.75/lexikologie/handout11.pdf (Theorie)

https://www.gedichte.com/threads/56933-Neologismen-in-Lyrik-und-Prosa (Theorie)

http://ubm.opus.hbz-nrw.de/volltexte/2011/2726/pdf/doc.pdf (Diss)

Allgemeiner: s. Sprachwandel

http://www.christianlehmann.eu/ling/wandel/

http://www.christianlehmann.eu/ling/ling_theo/sprachwandel.php

http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/uploads/media/Sprachwandel.pdf (Rudi Keller)

http://wikis.zum.de/zum/Sprachwandel

http://www.fb10.uni-bremen.de/homepages/wildgen/pdf/sprachevolution_und_sprachwandel.pdf (W. Wildgen, im Kontext: Sprachevolution)

http://user.uni-frankfurt.de/~kentner/EinfLing/SprachwandelTut.pdf (T. Grimm, knapp)

http://ling.uni-konstanz.de/pages/allgemein/study/introling06/einf_hist.pdf (Butt/Eulitz/Wiemer: knapp)

http://fakten-uber.de/sprachwandel (sehr knapp)

http://www.linguistik-online.uni-kiel.de/sprachwandel/sprachwandel_I.htm (Uni Kiel: knapp, z.T. unübersichtlich)

Stierle: Geschichte als Exemplum – Referat

Karlheinz Stierle: Geschichte als Exemplum – Exemplum als Geschichte. Zur Pragmatik und Poetik narrativer Texte. In: Geschichte – Ereignis und Erzählung (Poetik und Hermeneutik V), München 1973, S. 347 ff.

Kurzreferat (im Indikativ, also in Stierles Perspektive)

I

Texte sind dem Verstehen zugänglich als Sprache und als Handlung; Bedeutung des Begriffs Sprachhandlung. Austin: act of saying und act by saying. Zur Semiotik und Pragmatik kommt eine Textpoetik hinzu: Freisetzung von Sprachhandlungen aus dem pragmatischen Kontext.

Es gibt verschiedene Arten von Erzählungen, denen jedoch das gleiche dreistufe narrative Schema (nach A. C. Danto) zugrunde liegt: Dem Subjekt X kommt zuerst das Prädikat F, am Ende das Prädikat G zu; dabei sind F und G Oppositionen. Zwischen ihnen vermittelt die Geschichte H im Zeitverlauf des Geschehens. Paradigmatische Oppositionen werden so syntagmatisch entfaltet; es gibt dabei elementare Oppositionen, deren Richtungssinn festgelegt ist (z. B. jung -> alt).

Erst durch Besetzung des narrativen Schemas auf verschiedenen Ebenen wird die Geschichte konstituiert.

II

Lessings „Abhandlungen über die Fabel“ zeigen, wie sich aus einem systematischen ein narrativer Text gewinnen lässt: durch Transformation des Allgemeinen ins Besondere. Indem die Geschichte dann als vergangene erscheint, kann sie als ganze erscheinen.

Das Allgemeine erscheint in der Fabel als Besonderes, im Exemplum im Besonderen. Das Geschehen gewinnt exemplarischen Charakter, weil Geschichte sich wiederholt und Belehrung ermöglicht. Seit Ende des 18. Jh. schwindet das Exemplum, weil Geschichte nicht mehr als magistra vitae erscheint.

III

Boccaccio hat das Exemplum problematisiert und in die Novelle umgewandelt: Das Exemplum wird zum Kasus, der nicht (mehr) zur Nachahmung aufruft, sondern zur Beurteilung. Die Novelle lädt zur Reflexion ein, zur unabschließbaren Suche nach Begriffen; an die Stelle des Typischen ist der Einzelfall getreten, der wegen seiner Einmaligkeit problematisch sein kann. Bei Boccaccio stehen die Novellen eines Tages allerdings noch in einem paradigmatischen Rahmen.

Die Hörer/Erzähler dieser Novellen sind mündig. Der reale Leser kann sich mit diesen Hörern identifizieren und so an der idealen Versöhnung von Natur und Vernunft teilhaben.

IV

Montaigne ist skeptisch, auch gegenüber seinen Beispielen, und gewinnt so einen Spielraum des Reflektierens. Die Relation von Exemplum und Sentenz wird bei ihm zum Verhältnis von problematisiertem Exemplum und problematisierter Sentenz (d.h. zur Reflexion). Die Unmöglichkeit von Exempla impliziert die Unmöglichkeit von Geschichten und damit auch der eigenen Lebensgeschichte; sie ermöglicht den Essay. Ihm entspricht die Widersprüchlichkeit der eigenen Existenz in verschiedenen Momenten des Lebens. Man kann nur der Vielfalt dieser Momente inne werden – sie zu bereuen ist nicht möglich, weil es keinen privilegierten Moment des Erkennens des Ganzen gibt.

Erst der moderne Roman hat sich die poetische Sprachhandlung „unmögliche Geschichte“ als Aufgabe gesetzt.

Deutsche Wörterbücher – Aufbau eines Artikels

Jeder von uns „weiß“ natürlich in seiner Sprechkompetenz, dass ein Wort nicht nur eine Bedeutung hat, sondern ein Bedeutungsspektrum abbildet; aber das theoretisch einzusehen ist gar nicht so einfach – einzusehen und daraus die Konsequenz zu ziehen, dass ein einsprachiges Wörterbuch der eigenen Muttersprache zu verwenden uns großen Nutzen bringen kann.

Was gehört in den Artikel eines einsprachigen deutschen Wörterbuchs? [Für Schüler muss hier erläutert werden, dass der Rechtschreibduden kein „richtiges“ Wörterbuch der deutschen Sprache ist, sondern bei der Rechtschreibung deutscher Wörter (mit Angaben zur Bedeutung mancher Wörter) hilft.] Statt in eine lexikografische Diskussion einzutreten, untersuche ich einfach, was in drei einbändigen Wörterbüchern der deutschen Sprache (Bünting 1996, Duden 1989, Wahrig 2006) zu finden ist. Dabei gilt, dass die folgende Übersicht nur einen Näherungswert besitzt (d.h. die Artikel der drei Wörterbücher sind nicht völlig gleich aufgebaut):

  • Stichwort
  • grammatische Angaben
  • Bedeutungen des Stichworts, geordnet
  • – Markierung des Wortschatzbereichs (Sprachschicht u.Ä.)
  • – Bedeutung/Bedeutungsvariante umschrieben (Definition)
  • – mit Beispiel der Verwendung (Beleg)
  • das Stichwort in Wendungen und Redensarten, geordnet
  • – Bedeutung umschrieben
  • – mit Beispiel der Verwendung
  • Angaben zur Wortgeschichte

Die Verwendung in Redewendungen und Redensarten wird nach verschiedenen Prinzipien geordnet; sie werden entweder den verschiedenen Bedeutungen zugeordnet (Duden), als Bedeutungsvariante aufgeführt (Bünting) oder nach grammatischen Kriterien geordnet (Wahrig).

Wie sich diese Angaben in den verschiedenen Wörterbüchern unterscheiden, zeige ich (stark verkürzt) am Beispiel der Bedeutungen des Stichworts „Haus“:

Büntings „Haus“:

1 Gebäude

2 a) sozialer Familienhintergrund

2 b) ein adeliges Geschlecht

3 Haus und Hof

4 Haus und Herd

5 mit der Tür ins Haus fallen

6 jemandem das Haus verbieten

7 das Haus hüten

8 jemandem das Haus einlaufen, einrennen

9 auf, in etwas zu Hause sein

10 Haus der offenen Tür

Dudens „Haus“:

1. a) Gebäude, das Menschen zum Wohnen dient

1. b) Gebäude, das zu einem bestimmten Zweck errichtet wurde

1. c) Wohnung, Heim, in dem man ständig lebt

2. a) Gesamtheit der Hausbewohner

2. b) Personen, die sich in einem bestimmten Haus (1 b) befinden

3. Dynastie, [Herrscher]geschlecht

4. Person, Mensch

5. a) Tierkreiszeichen in seiner Zuordnung zu einem Planeten

5. b) einer der zwölf feststehenden Abschnitte, in die der Tierkreis eingeteilt ist

(Die Redewendungen sind den jeweiligen Bedeutungsvarianten zugeordnet.)

Wahrigs „Haus“:

1 als Unterkunft oder Arbeitsstätte dienendes Gebäude mittlerer Größe

2.1 Heim

2.2 Insassen eines Gebäudes, Bewohner einer Wohnung

2.3 die wirtschaftliche Gestaltung, das gesellige Leben einer Familie

2.4 Fürstengeschlecht, Dynastie

3.1 Unternehmen, Firma

3.2 deren sämtliche Angestellten

4 Theater-, Konzertsaal, alle anwesenden Zuschauer, Zuhörer

5 Parlament, das Gebäude sowie die Parlamentsmitglieder

6 Gehäuse, Schale

7 jeder der 12 Teile der Himmelskugel

8 Mensch

(Die Redewendungen sind nach grammatischen Merkmalen geordnet.)

Die Wörter der Wortfamilie „Haus“ werden jeweils kurz in eigenen Artikeln erfasst.

 

Wie man sieht, unterscheiden sich die Wörterbücher nach Differenzierung der Bedeutung und Ordnung des Bedeutungsfeldes erheblich; deshalb schaut man am besten in verschiedene Wörterbücher, wenn man etwa bei der Gedichtinterpretation das Bedeutungsspektrum eines Wortes möglichst ganz erschließen will. Hier ein paar Belege dafür, dass ich selber mit dem Wörterbuch arbeite (in meiner Schulzeit wusste ich nicht einmal, dass es neben dem DUDEN Wörterbücher gibt, und im Studium habe ich nicht gelernt, mit ihnen zu arbeiten) und nicht nur didaktisch gut gemeinte Empfehlungen gebe:

https://norberto42.wordpress.com/2014/03/20/mosebach-das-blutbuchenfest-2014-besprechung/

https://norberto42.wordpress.com/2014/03/10/droste-hulshoff-das-spiegelbild-analyse/

https://norberto42.wordpress.com/2013/09/29/kastner-zeitgenossen-haufenweise-analyse-2/

https://norberto42.wordpress.com/2014/01/28/werfel-fremde-sind-wir-auf-der-erde-alle-analyse/

 

Man findet in manchen Wörterbüchern weitere Angaben:

  • Angaben zu Sachgebieten, in denen das Wort verwendet wird; dies kann auch durch Angabe von „Oberbegriffen“ oder der Dornseiff-Bedeutungsgruppen erfolgen
  • Analog werden manchmal, jedoch selten „Unterbegriffe“ genannt oder die Wörter der Wortfamilie aufgezählt
  • Angabe der Häufigkeit der Verwendung innerhalb der Gesamtheit der deutschen Wörter
  • Angabe der Wörter, mit denen zusammen das Wort häufig verwendet wird
  • Angabe der grammatischen Konstruktionen, in denen das Wort verwendet wird
  • Angaben zu Aussprache (umschrieben oder vorgesprochen)
  • Synonyme werden nur in speziellen Wörterbüchern aufgeführt

Wenn ein Artikel so viele Angaben enthält, können „Anfänger“ leicht verwirrt werden und die Übersicht verlieren.

 

Wer sich für die Theorie der Lexikografie interessiert, sei auf folgende Links verwiesen:

http://www.cl.uni-heidelberg.de/courses/archiv/ss06/lexsem/Broscheit.pdf Die Struktur von Wörterbüchern

http://www.cis.uni-muenchen.de/~uli/kurse/ws0708/hist_ocr/material/lexikographie_tei.pdf Neue Konzepte in der Lexikographie

http://www.univie.ac.at/iggerm/archive/files/VO_Scheuringer.pdf Lexikologie (der Oberbegriff zu Lexikografie)

http://www.helsinki.fi/~lenk/mikrostruktur.htm Aufbau von Wörterbuchartikeln

http://193.6.132.75/bauteile.pdf Theorie der einsprachigen Lexikographie: Bauteile und Strukturen von Wörterbüchern

http://wikis.zum.de/dsb/Deutsch/Lernpfad:_Materialgest%C3%BCtztes_Verfassen_eines_informierenden_Textes/Merkmale_eines_Lexikonartikels „Merkmale eines Lexikonartikels“

http://www.studiger.tu-dortmund.de/index.php?title=Internet-Lexikographie (Liste von Wörterbüchern)

https://de.wikipedia.org/wiki/Lexikografie (Artikel: Lexikografie)

——————————

Auf der Basis dieses Artikels habe ich einen kleinen Aufsatz verfasst: Online-Wörterbücher im Vergleich – Internetquellen beurteilen (in: Deutschunterricht 1/2015, S. 30 ff.). Bei einer ruhigen Prüfung ist das DWDS das beste deutsche online-Wörterbuch der Gegenwartssprache. Vgl. die Liste der Wörterbücher am rechten Rand!