Christian Pfeifers Unbedarftheit

Christian Pfeifer hat 2007 eine Studie über den Zusammenhang von Medienkonsum und schulischen Leistungen veröffentlicht, die den bekannten Zusammenhang bestätigt: Je höher der Medienkonsum, desto schlechter die Leistungen in der Schule. Christian Pfeifers Studie steht hier: http://www.kfn.de/versions/kfn/assets/pisaverlierer.pdf

Hier ein Auszug, der die Schwäche der ganzen Untersucherei zeigt – ich werde unten unterm Strich darauf eingehen:

8. Was ist zu tun?
Auf der Grundlage der hier dargestellten KFN-Untersuchungen zur Wirkung von Fernsehen und Computerspielen auf Schulleistungen zeichnet sich für die vier PISA-Verlierergruppen ein klarer Befund ab. Im Vergleich zu ihrer jeweiligen Gegengruppe sind sie durchweg bereits in der Kindheit durch eine sehr viel höhere Ausstattung mit Mediengeräten belastet sowie in Folge davon mit sehr viel längeren Medienzeiten und eine weit intensiveren Nutzung von entwicklungsbeeinträchtigenden Medieninhalten. Übereinstimmend zeigen die Ergebnisse der beiden KFN-Schülerbefragungen 2005, der Berliner Panel-Untersuchung und des gedächtnispsychologischen Experiments, dass die deutlich schwächeren Schulleistungen der PISA-Verlierer auch mit ihrem jeweiligen Mediennutzungsmuster zu erklären sind. Die These, wonach die Schulnoten (und PISA-Leistungen) umso schlechter ausfallen, je mehr Zeit die Kinder und Jugendlichen mit Medienkonsum verbringen und je gewaltintensiver dessen Inhalt ist, hat sich klar bestätigt. Die Leidtragenden dieser seit Anfang der 90er Jahre zu beobachtenden Entwicklung sind in erster Linie die Jungen, die Kinder und Jugendlichen aus Norddeutschland, die jungen Migranten und die sozial schwachen Schülerinnen und Schüler aus Elternhäusern mit niedrigem Bildungsniveau.
Welche Folgerungen leiten sich aus der dargestellten Analyse ab?

8.1 Gezielte Aufklärung über die Entstehung und Wirkung extensiven Medienkonsums von Kindern und Jugendlichen
(…) Zu wünschen wäre ferner, dass bereits die Eltern von Grundschulkindern von ihrer Schule sowie über die Medien eine klare Botschaft vermittelt bekommen: Bildschirmgeräte gehören nicht ins Kinderzimmer.

8.2 Effektive Gestaltung des Jugendmedienschutzes
(…)

8.3 Die Nachmittage der PISA-Verlierer durch Ganztagsschulen retten
Die PISA-Verlierer verbringen ihre Nachmittage in hohem Maß mit Medienkonsum, der stark von entwicklungsbeeinträchtigenden Inhalten geprägt ist. Appelle an die Eltern dieser Kinder und Jugendlichen versprechen nur begrenzt Erfolg. Eine nachhaltige Verbesserung der Situation wird nur über die flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen zu erreichen sein, die nachmittags primär einem Motto verpflichtet sind: Lust auf Leben wecken durch Sport, Musik, kulturelles und soziales Lernen sowie weiterer Inhalte, die geeignet sind, den Schülerinnen und Schülern auch an Abenden und Wochenenden attraktive Alternativen zum stundenlangen Medienkonsum zu bieten. (…)

8.4 Mehr Forschung zur Computerspielsucht sowie zur praktischen Erprobung von Therapie- und Präventionskonzepten
Nach wie vor gibt es in Deutschland beträchtliche Forschungsdefizite zur Wirkung extensiven Medienkonsums. Dies gilt insbesondere für die Altersgruppe der 2- bis 8-Jährigen sowie für Erwachsene. Besonders dringlich erscheint allerdings, dass wir zum Thema der Computerspielsucht bisher nur über erste Einschätzungen zum Ausmaß des Problems bei Jugendlichen verfügen. Wir wissen zu wenig über die Genese suchtartigen Spielens, über Verlaufsformen und Auswirkungen sowie über die Wege, die aus der Sucht herausführen. (…)

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DIE ERGEBNISSE der Studie zeigen, wie schwach diese ist und wie hilflos Pfeifer vor dem Phänomen steht:

1. Die Korrelation „hoher Konsum – geringe Leistungen“ wird kausal ausgelegt. Das ist problematisch, weil monokausal: Medienkonsum ist kein Urdatum, sondern hat seinerseits Gründe! Und die Schulerfolge anderer Schüler sind nicht in einem geringeren Medienkonsum begründet, sondern gehen nur damit einher. Hier sieht man Pfeifers Hilflosigkeit: Man muss den vermittelnden Begriff des sozialen Status (bitte nachschlagen!) oder Habitus einschalten, wenn man die Zusammenhänge begreifen will.

2. Es wäre zu wünschen, schreibt Pfeifer, dass den Eltern der Schüler vermittelt würde…
Da liegt das Problem: Aufgrund des sozialen Habitus kann man das diesen Eltern nicht vermitteln!

3. Durch ein neues Gesetz erreicht man überhaupt nichts,
und dass den Schulmüden durch mehr Schule die Lust aufs Lernen käme, kann sich nur jemand im Elfenbeinturm ausdenken!
Wir sind damit wieder beim Standardheilmittel aller sozialen Probleme der Gegenwart gelandet: mehr Schule, Ganztagsschule… – statt dass man darüber nachdenkt, wie die Schule besser werden könnte.

4. Letztlich bleibt Herrn Pfeifer nur eine Forderung: mehr Forschung! Also noch mehr Studien!
Wer soll diese Studien durchführen? Welch eine Frage – Herr Pfeifer natürlich!

Fazit: Wenn man ehrlich ist, läuft die ganze Studie darauf hinaus, den Eltern die Kinder wegzunehmen [denn das heißt „nachmittags Schule“ in Wahrheit!], was bekanntlich oft das Beste für die Kinder wäre. (Es gibt Lehrer, die sagen, manchen Kindern wäre nur zu helfen, wenn man deren Eltern totschlüge.)
Die in der Schule versagenden Kinder brauchen nicht mehr Schule, sondern andere Eltern – und zwar am besten rückwirkend, und weil das nicht gut geht: eine andere Schule! Wer das nicht ausspricht, belügt sich selber oder ist naiv und kennt nicht die Zusammenhänge, die im Begriff des sozialen Status erfasst werden.

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In einem Beitrag über die „Generation XXL“ (SZ vom 13. Februar 2008) schrieb Kristina Läsker, dass Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus häufiger als solche aus wohlhabenderen Familien übergewichtig sind: Dort waren 28 % der Kinder zu dick, hier nur 15 %. Dazu wurde dann Thilo Bode, der Leiter von Foodwatch, zitiert: „Der Kauf von gesunder Nahrung ist ein Einkommensproblem.“

Hier finden wir einen Denkfehler, der seit Jahrhunderten als solcher bekannt ist: Es besteht ein Zusammenhang zwischen Einkommenshöhe und Ernährungsweise; aber das muss kein kausaler Zusammenhang sein! Der hier bestehende „und“- ist kein „weil“-Zusammenhang: Die Armen essen nicht Burger, weil sie wenig Geld haben. Sie sind aber auch nicht arm, weil sie Burger essen – es besteht eine Korrelation, aber kein kausaler Zusammenhang, Herr Bode!
Die Kenntnis und das Verständnis des Begriffs sozialer Status wirkt wahre Wunder, wenn man Zusammenhänge von Bildung, Einkommen und Lebensstil begreifen will. Man kann sich jederzeit im Internet über „sozialer Status“ informieren; google hat dazu weit mehr als 100.000 Einträge. Elementare Informationen bietet der Artikel http://www.karteikarte.com/card/1250938/sozialer-status-und-statuskriterien-begriff-und-arten, umfassendere gibt es unter den Links

http://www.philso.uni-augsburg.de/lehrstuehle/soziologie/sozio1/medienverzeichnis/Bosancic_WS_07_08/SU_Einf.pdf

http://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/138439/soziale-schichtung?p=all
https://www.ernaehrungs-umschau.de/fileadmin/Ernaehrungs-Umschau/pdfs/pdf_2010/02_10/EU02_2010_084_089.qxd.pdf (Sozialer Status und Ernährungsqualität)

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Eignungstest für Lehrer

Wie ein Blick in die Presse zeigt, gibt es bereits Eignungstests für den Lehrerberuf, und zwar gleich mehrfach:

http://www.welt.de/wissenschaft/article9157394/Haetten-Sie-das-Zeug-zum-Muster-Lehrer.html (BW)

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article108634759/Gute-Lehrer-duerfen-kein-Zufall-sein.html

http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/lehrer-test-casting-im-klassenraum-a-838190.html (Passau)

http://www.sueddeutsche.de/bayern/eignungstest-fuer-angehende-lehrer-paedagogen-parcours-in-passau-1.1796363

http://diepresse.com/home/bildung/universitaet/3863392/Aufnahmetest-fur-Lehrer_Durchfallen-ist-unmoglich (Österreich)

http://www.hr-online.de/website/radio/hr1/index.jsp?rubrik=67249&key=standard_document_52109259

http://www.sueddeutsche.de/bildung/lehramtsstudium-aussuchen-statt-ausbrennen-1.2467149

Und das sagen die Leute dazu:

http://www.sueddeutsche.de/bildung/ihr-forum-brauchen-wir-eignungstests-fuer-lehrer-1.2469186

Die Vielzahl der Bemühungen an verschiedenen Orten und in mehreren Ländern zeigt, dass es offensichtlich nötig ist, dass angehende Lehrer sich prüfen und beraten lassen, ob sie für den Beruf geeignet sind – die Realität zeigt ja, dass viele als Lehrer eingestellte Mitmenschen eben nicht für den Beruf taugen. Zu ihrem Nutzen und zu dem ihrer Schüler hätte man besser vorher genauer auf ihre Eignung geschaut.

Ich würde gerne den Gedanken ausweiten und fragen, ob man nicht auch die künftigen Schulleiter und die betroffenen Minister und Staatssekretäre auf ihre Eignung prüfen sollte bzw. müsste – bisher werden politisch relevante Ämter ja nach anderen Kriterien als dem der Eignung vergeben, z.B. nach Beziehungen (neudeutsch Vernetzung), nach dem Regionalproporz, früher dem Konfessionsproporz, in Parteien nach dem Flügelproporz…

Praktische Hilfen (Test, Beratung) bieten

https://www.zlb.uni-freiburg.de/derlehrerberuf (mit vielen Links)

http://www.km.bayern.de/lehrer/lehrerausbildung/eignungstests.html

http://www.bw-cct.de/selbsttest.php

http://www.cct-germany.de/

http://bildungswissenschaften.uni-saarland.de/personal/jacobs/diagnostik/tests/free/beil.htm

http://www.vbe.de/angebote/potsdamer-lehrerstudie/fit-fuer-den-lehrerberuf.html

http://www.uni-marburg.de/fb21/studium/studiengaenge/la-egl/studium/studienanforderungen/testzumlehrerberuf

http://www.studienwahltest.de/62,1,1003,lehraemter.html u.a.

Das passende Suchwort ist „Eignungstest für den Lehrerberuf“.

Rot-grüne Schulpolitik NRW

Was tut eine Landesregierung oder eine Bezirksregierung, wenn an einer Schule Lehrer fehlen? Sie rechnet den Bedarf aus und genehmigt die Einstellung neuer Lehrer – sollte man meinen. Ganz anders die Praxis an einer Gesamtschule in Mönchengladbach: Dort fehlen rund 8,7 Lehrer (resp. es sind 8,7 Stellen offen – fehlen können allenfalls 8 oder 9 neuen Lehrer).

Diese Zahl 8,7 wird nun seit neuestem mit dem Faktor 0,43 multipiliziert, ergibt gut 3,7; diese krumme Zahl wird dann abgerundet zu 3: Drei neue Lehrer darf diese Gesamtschule einstellen (auch nur die billigeren Sek I-Lehrer, obwohl Sek II-Lehrer fehlen – über solche Scherze am Rande kann man nur noch milde lächeln). Das ist die große Bildungsreform, für die Rot-Grün in Düsseldorf angetreten ist, ein Politikwechsel erster Güte. Herzlichen Glückwunsch, NRW!

Womit haben wir das verdient?

Lehrer werden in Deutschland kaum respektiert

Unter dieser Überschrift referiert der SPIEGEL die Ergebnisse einer internationalen Umfrage, nach der die Lehrer in Deutschland nicht gut abschneiden: http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/weltweite-umfrage-deutsche-lehrer-werden-kaum-respektiert-a-925826.html

Versehentlich hatte ich diesen kleinen Artikel gelöscht, ihn und die Quelle auch über google (cache) nicht wieder gefunden [teoma war, was die Quellensuche angeht, eindeutig besser als google], dann aber in der SPIEGEL-Suche den Bezugsartikel erneut entdeckt. Zugleich habe ich einige andere Berichte und ein Interview über die gleiche Umfrage gefunden:

http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/umfrage-lehrer-in-deutschland-geniessen-wenig-ansehen/8881060.html

http://www.20min.ch/schweiz/news/story/26270270 (Interview Urs Moser, kritisch zur Umfrage)

http://www.fnp.de/nachrichten/politik/Umfrage-Ansehen-der-Lehrer-in-Deutschland-schlecht;art160,647151

http://www.welt.de/politik/deutschland/article120587133/Lausiges-Zeugnis-fuer-die-deutschen-Lehrer.html

http://www.20min.ch/schweiz/news/story/16649016

http://www.suedostschweiz.ch/politik/vertrauen-schweizer-schulsystem-sehr-hoch

http://www.bbc.co.uk/news/education-24381946

http://www.theguardian.com/teacher-network/teacher-blog/2013/oct/03/teacher-respect-status-global-survey

http://manilastandardtoday.com/2013/10/04/thanks-teach/

Abschied von der 6a im Sommer 2007

Im Sommer 2007 habe ich schweren Herzens von der 6a Abschied genommen, weil ich pensioniert wurde. Da studioD bei http://www.bloghof.net, wo ich den Kontakt mit den Schülern zu pflegen versucht habe, anscheinend in den letzten Zügen liegt, möchte ich meinen beiden Abschieds-Posts hier aufbewahren:

Montag, 18. Juni 2007

Abschied

Meine Lieben, der Abschied von euch fällt mir schwer, weil wir uns gemocht haben; das ist nicht selbstverständlich, weil ich als Lehrer ja auch (oft strenge) Noten erteilen musste bzw. erteilt habe. Was mir an euch gefallen hat, war unter anderem die Offenheit, mit der ihr eure Lösungen, Fragen und Einwände vorgebracht habt; dafür, aber auch für eure Liebenswürdigkeit und euren Charme möchte ich mich bei euch bedanken. Meine guten Wünsche für eure weitere Schullaufbahn und für die Schritte zum Erwachsenwerden begleiten euch! Auch wenn ihr euch natürlich in den nächsten Monaten und Jahren verändert, bleibt ihr in meiner Erinnerung die nicht nur vergangene, sondern vollendete 6a: Ihr seid die 6a gewesen (Perfekt – was hieß das noch?).

Was auch immer ihr von meinem Nachfolger erwarten könnt, er ist sicher anders als ich, und das ist sein gutes Recht. Gebt ihm die Chance, euer Lehrer zu werden bzw. zu sein! In der Schule stehen wir ja in einem Arbeitsverhältnis auf Zeit – wenn man Glück hat, wird daraus mehr als ein Arbeitsverhältnis, auch wenn es immer ein solches bleiben muss; das heißt, eigentlich sollte es von Seiten des Lehrers auch von Wohlwollen und Sorge um den einzelnen bestimmt sein… Aber lassen wir die pädagogische Theorie auf Seite: Seid einfach fair zu meinem Nachfolger!

Mittwoch, 20. Juni 2007

Immer, wenn’s am schönsten ist,

muss man Abschied nehmen…

und manchmal zeigt sich das Schönste erst dadurch ganz, dass man Abschied nimmt; ich habe das Buch, das ihr mir gemacht habt, gestern Abend in Ruhe gelesen – sehr viel Persönliches habe ich darin gefunden, vieles, das mich berührt, viele gute Beobachtungen von euch. Katharina und Christian haben einen meiner Sprüche zitiert: „Ich kann es nicht ändern.“ Daran merke ich, dass ich älter geworden bin; vor 30 Jahren hat dieser Spruch noch nicht zu meinem Repertoire gehört – damals hieß es vor allem: „Präziser, bitte!“

Auch ich muss fair gegenüber meiner Nachfolgerin sein, das heißt, ich muss mich aus eurem Deutschunterricht raushalten; es heißt aber nicht, dass ihr nicht im kulando-blog nachschauen dürftet, was master Tholen zu einer Frage zu sagen wusste. Ihr wisst, dass das Internet viele Möglichkeiten bietet, Fragen zu beantworten, wenn man sie richtig stellt; in dem Sinn solltet ihr im kulando-blog in der Kategorie „Methodisches“ gelegentlich den Artikel „Im Internet suchen“ durcharbeiten, dort könnt ihr eine Menge lernen. In der Kategorie „Methodisches“ könnt ihr, wenn ihr (schulisch) älter werdet, ohnehin viele Anregungen finden; doch auch hier gilt, dass eine gute Schule sich dadurch auszeichnet, dass sie die Schüler letztlich vom Lehrer unabhängig macht.

Vielen Dank also für das liebe Buch und alles Gute für euch auf dem Weg, der durchs FMG hindurch in die weite Welt führt!

Euer master Tholen

Verlogene rot-grüne Bildungsideologie („Bildungspolitik“)

„Kin Kind zurücklassen!“ (Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin NRW)

„Inklusion!“ (Sylvia Löhrmann, Bildungsministerin NRW)

Die Wahrheit ist: Pro fehlender Lehrkraft dürfen NRW-Schulen derzeit 0,7 neue Lehrkäfte einstellen. Fehlen also 10, dürfen sie 7 neue Stellen ausschreiben. Und die restlichen 3? Ja, da muss man sich halt behelfen. Was tun die Schulen? Na, die nehmen dafür, falls überhaupt vorhanden, die zwei Stellen, die sie für Migrantenförderung bekommen haben; dafür entfällt dann die Migrantenförderung – aber wir lassen kein Kind zurück!

Dass die Inklusion entsprechend stümperhaft betrieben wird, weil normale Lehrer dafür nicht ausgebildet sind (und an der Ausbildung ohnehin gespart wird: Zeit verkürzt, dafür bedarfsdeckender Unterricht – und die Junglehrer gleich mit voller Stundenzahl verheizt!), macht auch nichts: Hauptsache, wir betreiben offiziell „Inklusion“, wobei wir ganz toll aussehen resp. von uns reden können (und auf andere herabschauen dürfen).

Vor allem die grünen Ideen driften mir zur Zeit zu stark ins Ideologische, und die SPD-„Gleichheit“ wird in NRW weithin auf Kosten des Niveaus erreicht. Dass wir in der Welt wirtschaftlich gut dastehen, verdanken wir jedoch dem Können von sehr gut ausgebildeten Facharbeitern (jawohl: Facharbeitern, ohne Abitur) und entsprechenden Akademikern [also nicht: Akademikern an sich, sondern sehr guten Akademikern!].

Sitzenbleiben abschaffen?

Eine der großen Reformideen ist derzeit, das Sitzenbleiben abzuschaffen. „Kein Kind zurücklassen!“ heißt das in Düsseldorf (Kraft, Löhrmann). Nun lese ich heute in der SZ (Kathrin Schwarze-Reiter: Neues Klassenbewusstsein, 11. März 2013, S. 13), dass es in Berlin das Jül gibt (jahrgangsübergreifendes Lernen), dass innerhalb dieses Jül keiner sitzenbleibt, dass es aber „Verweiler“ gibt: „Mit dem ‚Verweilen’ soll lernschwachen oder zu verspielten Kindern die Chance gegeben werden, ein Jahr länger in der Grundschule zu bleiben, ohne dass dies als Sitzenbleiben gewertet wird.“ Toll, das hatte ich nicht gewusst! Dazu möchte ich Folgendes sagen:

1. Hier haben wir die weithin gängige Schönfärberei der Reformer: Das Sitzenbleiben bleibt erhalten, heißt bloß nicht mehr Sitzenbleiben, sondern „Verweilen“.

2. Ein Irrtum der reformerischen Schönfärber besteht darin zu meinen, schulische Probleme eines Kindes seien durch mehr Lehrer zu lösen (für Jül werden zwei, besser drei pro Klasse gefordert – da meinen die Kultusminister jedoch, das sei zu teuer). Es wird nicht gefragt, woher denn die Probleme stammen, ob sie also „im Kind“ zu lokalisieren sind.

2.1 Es wäre ja auch denkbar, dass sie in der Lehrperson oder in der Beziehung Lehrperson-Kind zu lokalisieren sind; was wäre dann zu tun?

2.2 Häufig ist es so, dass sie im häuslichen Umfeld der Kinder begründet sind – was wäre dann zu tun?

3. Wenn man also ernsthaft fragt, woher die Lernprobleme stammen, muss man sagen, dass Sitzenbleiben nichts nützt (weil es eine Maßnahme ohne Problemdiagnose ist: Es kann zufällig nützen, wenn der bisherige Lehrer oder die Klase als Umfeld das Problem war!), dass es aber auch nichts nützt, das Sitzenbleiben abzuschaffen (weil es eine Nicht-Maßnahme ohne Problemdiagnose ist).

4. Die Problemdiagnose müsste in jedem Fall individuell geleistet werden – aber wer kann und wer soll sie leisten? Die normalen Lehrer können es nicht; sie können bestenfalls Lerntipps geben; sie identifizieren damit (ohne Diagnose) schulische Probleme als Lernprobleme.

5. Die Frage ist, ob oder wann man etwas Wichtiges verpasst, wenn man versetzt wird, ohne den „Stoff“ eines Schuljahrs in einem oder mehreren Fächern ausreichend zu beherrschen. Über diese Frage müsste intensiv und ehrlich diskutiert werden, wenn man schon die individuelle Diagnose eines schulischen Versagens (plus Problemlösung) nicht wirklich leisten kann. Bei dieser Diskussion muss auch berücksichtigt werden, dass ohnehin viele Schüler mit großen Kenntnislücken versetzt werden, weil der Unterricht miserabel oder lasch war, obwohl die Noten „stimmen“.

6. Die reformerische Schönfärberei, ohne Problemdiagnose Sitzenbleiben durch Verweilen zu ersetzen, nützt jedenfalls nichts.