Sachlich sein, Sachlichkeit – ihre Bedeutung

Das Adjektiv „sachlich“ (s) soll um 1820 aufgekommen sein, anfänglich noch in der Schreibweise „sächlich“; das Nomen „Sachlichkeit“ (S) ist 1828 erstmals belegt. Die Wörter hatten es schwer, ihren Weg in die Wörterbücher zu finden; im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm fehlt S.

Was bedeutet s? Die erste Erläuterung gibt es in Heinsius: Vollständiges Wörterbuch der Deutschen Sprache, Bd. III, 1830: „Sächlich, eine Sache angehend, betreffend, auch in dem Wesen einer Sache gegründet etc.“ Die besten Umschreibungen habe ich bei Wehrle-Eggers (Deutscher Wortschatz, 1961) und in Dudens Deutschem Universalwörterbuch (2011/2014) gefunden. Wehrle-Eggers nennen mehrere Sinnbereiche, in denen s gebraucht wird: a) Beim Denkvorgang können Schlussverfahren streng, sachlich, genau sein. b) In der Verstandesklarheit kann jemand nüchtern, sachlich, geradlinig denken. c) Im Gefühlsleben geht es um die Unerschütterlichkeit, da ist einer unbeteiligt, sachlich, nüchtern. d) Dann wird im Gefühlsleben auch noch die Einfachheit angenommen, wenn jemand einfach, schlicht, sachlich empfindet – diesen Punkt d halte ich für weniger gelungen. In Dudens Universalwörterbuch steht für s: 1. nur von der Sache, nicht von Gefühlen oder Vorurteilen bestimmt; nur auf die Sache, auf den infrage stehenden Sachzusammenhang bezogen; objektiv. 2. in der Sache begründet; von der Sache her. 3. ohne Verzierungen oder Schnörkel; durch Zweckgebundenheit gekennzeichnet. Diese 3. Bedeutung gehört in einen anderen Zusammenhang als die beiden ersten, welche menschliches Denken, Sprechen und Handeln charakterisieren; die 3. Bedeutung taucht häufig in der Bezeichnung der Stilrichtung „Neue Sachlichkeit“ auf, welche etwa ab 1925 in Kunst, Design und Architektur sich ausbreitete.

Warum soll ein Lehrer sachlich bleiben, warum sollen Schüler zur Sachlichkeit erzogen werden? S ist nach Max Scheler „die den Menschen vom Tier unterscheidende Fähigkeit, das Gegenständlichsein (Objektcharakter) von Gegenständen als solches zu erfassen, ohne die aus der Instinktgebundenheit der Tiere resultierende Einschränkung der Gegebenheitsweise von Welt“ (Metzler Lexikon Philosophie). Sachlichkeit ist demnach eine Stufe menschlicher Freiheit, die den – wenn man so will – triebhaften Egoismus überschreitet. Sie ermöglicht die freie wissenschaftliche Diskussion, das freie politische Gespräch der Bürger, in der Schule den freien Blick auf die Welt und in die Texte, das freie Gespräch zwischen Lehrenden und Lernenden.

Im Wiki Lexikon zur Gestalttheoretischen Psychotherapie wird Sachlichkeit der Ichhaftigkeit gegenübergestellt: https://www.oeagp.at/dokuwiki/doku.php?id=ichhaftigkeit_sachlichkeit.

Im Kompetenzatlas der FH Wien wird erläutert, wieso Sachlichkeit in Konflikt- und Stresssituationen wichtig ist: https://kompetenzatlas.fh-wien.ac.at/?page_id=634.

Ich selber habe vor Jahren ein kleines Loblied der Sachlichkeit gesungen: https://norberto68.wordpress.com/2011/05/29/sachlichkeit/.

Julia Breithausen hat in einem komplexen Rückgriff auf Heidegger und Adorno zu zeigen versucht, dass S pädagogisch bedeutsam ist, wobei von der Pädagogik her Theodor Ballauf als Hauptzeuge benannt ist: https://www.pedocs.de/volltexte/2017/14657/pdf/ZfPaed_2014_2_Breithausen_Bildung_und_Sachlichkeit.pdf.

Die Verpflichtung des Rechtsanwalts zur Sachlichkeit ist für uns jetzt nicht wichtig: https://www.rak-muenchen.de/rechtsanwaelte/berufsrecht/sachlichkeit-falschunterrichtung.html.

Zwei Plädoyers gegen Sachlichkeit habe ich gefunden; dabei merkt man, dass es beiden Autoren darum geht, dass man andere für seine eigenen Ziele einfängt: https://www.businessvillage.de/Etwas-weniger-Sachlichkeit-bitte/mag-1506.html und https://www.sozusagen.at/sachlichkeit-gibt-es-nicht/.