Kinder erziehen oder verziehen

Sebastian Brand: Von Kinderverziehern (Das Narrenschiff, 16. Jh.)

Wer Kindern Unart übersieht,

Sie strafend nicht zum Beßern zieht,

Habe sich das Leid, das ihm geschieht.

[Bild: Zwei Kinder, die mit Würfeln und Karten gespielt haben, bedrohen sich mit Messern und Schwertern; ein Narr sitzt mit verbundenen Augen daneben.]

Der ist in Narrheit ganz ein Blinder,

Der nicht in Acht hat, daß man seine Kinder

In Ehr und Züchten unterweist,

Vielmehr sich immer nur befleißt,

Daß sie irre gehen ohne Strafe

Wie ohne Hirten gehen die Schafe;

Ihnen alle Unart übersieht

Und ohne Warnung sie verzieht

Als wären sie nicht in den Jahren

Noch, gute Räthe zu bewahren

Und zu behalten Straf und Lehre.

O großer Thor, merk auf und höre:

(…) Philipp durchsuchte Griechenland

Bis er dem Sohn den Meister fand.

Dem größten König in der Welt

Ward Aristoteles gesellt,

Der selbst des Plato Schüler war,

Den Socrates lehrte manches Jahr.

Aber die Väter unsrer Zeit

Verblendet Geiz, das ist ein Leid:

Nur solchen Meister wählen sie,

Der zum Narren ihren Sohn verzieh

Und schick ihn wieder dann nach Haus

Thörichter, als er kam hinaus.

Kein Wunder freilich liegt darin,

Wenn Narren närrische Kinder ziehn.

(…) Ein löblich Ding mag Adel sein,

Doch ist es fremd, mit Nichten dein:

Es kommt von deinen Eltern her;

Ein köstlich Ding auch Reichthum wär,

Brächt ihn nicht leicht das Glück zu Fall,

Das auf und ab tanzt wie ein Ball.

Hübsch ist die weltliche Ehre zwar,

Doch unbeständig, wanderbar;

Leibliche Schönheit hält man werth,

Wiewohl sie kaum bis morgen währt;

So ist uns auch Gesundheit lieb,

Stiehlt sie sich fort, gleich wie ein Dieb;

Auch Stärke währt nicht bis zum Grab,

Durch Krankheit, Alter nimmt sie ab;

Deshalb ist nichts uns unabwendig,

Nur weise Lehre bleibt beständig.

Als Gorgias frug, ob selig wär

Zu preisen Persiens mächtger Herr,

Sprach Socrates, ich weiß noch nicht

Ob er Tugend hat und Unterricht.

Denn er meinte, daß Gewalt und Ehre

Nichts werth sei ohne Tugendlehre.

(https://archive.org/details/sebastianbrands00brangoog/page/n45)