Aufgabe von Wörterbüchern: unklar

Es ist gar nicht so leicht, zwingend zu erklären, was die Aufgabe eines Wörterbuchs der deutschen Sprache ist: Soll ein Wörterbuch die „richtige“ oder die tatsächliche Schreibweise (und Bedeutung) von Wörtern dokumentieren?

Wenn man sich hierbei auf die tatsächliche Schreibweise festlegt, kommt man in Teufels Küche: Für jedes Wort gibt es viele Schreibweisen, die so stark voneinander abweichen, dass man oft kaum noch das gemeinte Wort erkennt; ich erinnere mich daran, dass am FMG ein Mädchen in der 5. Klasse einmal „vamudlech“ schrieb, womit sie „vermutlich“ meinte, was mir erst nach langem Nachdenken aufging.

Wenn man sich aber dafür entscheidet, ein Wörterbuch solle die richtige Schreibweise festlegen, stellt sich sogleich die Frage: Wer entscheidet denn, was die richtige Schreibweise ist? Im Streit um die letzte Rechtschreibreform und auch danach haben wir gesehen, dass letztlich oft nicht zu klären ist, was „richtig“ ist, und dass dann auch nicht klar ist, wer darüber entscheiden soll, was richtig ist: eine nationale Konferenz (Wer kommt da hinein? Nach welchen Maßstäben entscheidet sie?), eine internationale Konferenz der deutschsprachigen Länder? Ein schönes Beispiel dafür, wie penetrant und beinahe lächerlich der Versuch ist, aufgrund eigener Einsicht in die Sprachgeschichte gegen die tatsächlichen die „richtigen“ Schreibweisen durchsetzen zu wollen, ist „Kleines deutsches Wörterbuch für die Aussprache, Rechtschreibung, Biegung und Ableitung…“ von J. C. Adelung, in fünfter Auflage 1824 von Karl Benjamin Schade bearbeitet: https://archive.org/stream/bub_gb_5jgSAAAAIAAJ#page/n3/mode/2up; es genügt schon, die Artikel der ersten Seiten zu lesen, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie unsinnig das Bemühen ist, die eigene Einsicht zum einzigen Maßstab des Richtigen zu machen.

Letztlich wird sich ein Wörterbuch nach dem tatsächlichen Sprachgebrauch und der Schreibweise der halbwegs Kompetenten richten und die schlimmsten Auswüchse zu verhindern suchen – wobei wieder zu fragen ist, wer halbwegs kompetent ist und wann man von schlimmen Auswüchsen sprechen kann. Zu den halbwegs Kompetenten wird man die Schriftsteller und die großen Zeitungen zählen, aber über schlimme Auswüchse kann nur das eigene Sprachgefühl urteilen. So trägt man als jemand, der sich für halbwegs kompetent hält, durch seine Praxis des Sprechens und Schreibens dazu bei, dass die Sprache Deutsch bestehen bleibt.

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