Leistungskurs Deutsch – Zentralabitur NRW 2016

  1. Aufgabe:

a) Zu Kafka: Der Prozeß

Analyse eines Auszugs aus „Der Prozeß“ (Kapitel: Advokat – Fabrikant – Maler)); dazu den bisherigen Handlungsgang kurz darstellen; untersuchen, wie der Aspekt der möglichen Schuld Josef K.s thematisiert wird.

b) Diskutieren, ob bzw. inwiefern Josef K. schuldig ist; die eigene Position begründen und dabei einen bekannten Deutungsansatz berücksichtigen.

Der einzige originelle Aufgabenteil ist die Analyse von 64 Zeilen Text; der Rest ist i.W. Reproduktion des Unterrichts – das liegt unter dem Niveau eines Leistungskurses, meine ich.

Zur Lösungserwartung

An der Lösungserwartung ist nur interessant, welche Deutungsansätze es offiziell gibt: soziologisch, autobiographisch bzw. psychologisch, existenzphilosophisch, theologisch, diskursanalytisch.

Dass „detailgenaue Sprache zur Charakterisierung der (welcher?) Atmosphäre“ beitrage, ist ein sprachliches Versatzstück.

Mir fällt für den ersten Teil auf, wie oft sich die Lösungserwartungen unter verschiedenen Aspekten wiederholen („Fokussierung des Bewusstseinshorizontes“): Das hat man zu „schien“ längst unter personalem Erzählen verbucht – aber irgendwie muss man auf 42 Punkte kommen!

Ich bin derzeit nicht so firm im „Prozeß“, dass ich zur Lösungserwartung insgesamt begründet etwas sagen könnte.

  1. Aufgabe: Gedichtanalyse und -vergleich

a) Eichendorff: Der Einsiedler

Die Analyse gibt es bei norberto42, sie wurde vom Klausurtag bis heute 960mal aufgerufen.

b) Paul Boldt: In der Welt

Das ist ein kleines und unbedeutendes Gedicht, das kein Mensch liest – deshalb scheint es fürs Abitur geeignet zu sein.

Die beiden Gedicht umfassen zusammen 26 Verse; das ist für einen Leistungskurs wieder etwas dürftig: Die Tendenz zu guten Abiturnoten (und steigender Anzahl von Studienabbrechern) muss ja irgendwo begründet sein.

Zur Lösungserwartung:

a) Eine Reihe kleiner Unschärfen gibt es:

  • Thema ist eher Sinnerwartung als -erfahrung;
  • Strophe: Wirkungsmacht der Nacht, der stillen Nacht (nicht der Natur); vgl. den stillen Wald (V. 18);
  • bei der 3. Str. fehlt die (ewige) Ruhe; das typische Eichendorff’sche Morgenrot wird unter 5) vermerkt;
  • unter 5): „Bilder aus dem Umfeld von Meer und Hafen“ ist unscharf, richtig wäre Seefahrt-Hafen;
  • unter 6) Deutung wird i.W. bereits Gesagtes wiederholt;
  • unscharf ist dort „Sehnsucht nach Geborgenheit aufgrund des Glaubens“: Aufgrund des Glaubens gibt es nicht Sehnsucht, sondern Erwartung; der Glaube selbst stützt sich auch auf die frühere Erfahrung von Geborgenheit in der stillen Nacht (V. 10-12; das ist oben zur 2. Str. auch vermerkt!). Das Weihnachtslied „Stille Nacht“ wurde übrigens 1818 erstmals aufgeführt! (https://de.wikipedia.org/wiki/Stille_Nacht,_heilige_Nacht)

b) Was ist Bewegung der Wälder zum Himmel? Die wird hier einfach als gegeben unterstellt.

Die variierende Verwendung des Wortes „Ich“ zur Unterstreichung fehlender Kohärenz: quasigrammatische Spinnerei!

Im Titel finde ich keine ironische Kommentierung.

Ich finde bei Boldt (zu 7) auch keine Suche nach Transzendenz – hier liegt m.E. ein typischer Schülerfehler vor: Man sucht beim Vergleichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede und erfindet dann welche, wo keine sind.

Ansonsten wird unter 6) und 7) (und 8) mal wieder alles zum dritten Mal durch Mühle gedreht und klein gemahlen.

  1. Aufgabe: Analyse eines Sachtextes mit weiterführendem Schreibauftrag

a) Analyse von 47 Zeilen aus Korff: Geist der Goethezeit, Bd. 1, S. 205 ff.

Gefordert wird eine thematische Erarbeitung des Textes, die Untersuchung der Argumentationsstruktur und der sprachlichen Gestaltung.

Es ist erfreulich, dass auf Korffs Buch zurückgegriffen wird; das habe ich bei der Faust-Deutung früher selber getan (allerdings nicht in Klausuren, weil Korff ziemlich weitschweifig schreibt).

Die Anführungszeichen in Anm. 1 bei „Französische Revolution“ sind ein Z-Fehler; dass die Zitate aus dem Stück für Schüler erläutert werden (Anm. 6 und 7), ist ein Witz – man traut den Schülern des Lk offensichtlich nicht zu, das Stück zu kennen!

b) Ein Satz des Textes als Zitat: „Die Strenge einer dogmatischen Moral wird hier zur eigentlichen Quelle auch der politischen Knechtschaft.“ Dieser Satz soll im Hinblick auf Luises Situation geprüft werden, abschließend sollen die Schüler zu seiner Plausibilität Stellung nehmen.

Diese Aufgabenstellung ist Quark, weil

  • die Metapher „eigentliche Quelle der politischen Knechtschaft“ erstens unscharf ist und durch den Auftritt von Soldaten und Polizisten direkt widerlegt wird
  • und zweitens mit dem Attribut „eigentlich“ auch andere Quellen akzeptiert werden, gegen welche tiefsinnig die eigentliche (und deshalb verborgene, also nicht erweisbare) Quelle abgegrenzt wird.
  • Drittens ist der Satz unsinnig, weil die politische Knechtschaft nicht nur Luise, sondern alle Bürger betrifft, über deren dogmatische Moral wir nichts wissen.
  • Viertens ist die abschließende Stellungnahme nichts anderes als die Zusammenfassung des bisher bereits Geschriebenen
  • und fünftens ist die sprachliche Gestaltung bei einem derart zerstückelten Text (alle Anspielungen auf „Emilia Galotti“ wurden getilgt) zu untersuchen ein Unding.

Zur Lösungserwartung:

Wie berechtigt meine Kritik an der Kiki-Aufgabenstellung ist, zeigen die 16 Punkte, die für die inhaltliche Reproduktion dieses einfachen Textes verteilt werden.

Dass bei der Argumentation „Schlussfolgerungen“ (woraus?) gezogen würden, ist Quatsch.

Die ganze Aufgabe ist bestenfalls eine Grundkurs-Aufgabe und ist Beleg für die Kraft’sche Devise „Kein Kind zurücklassen“: Wer schon die Zulassung zum Abitur bekommt, soll auch den zugehörigen Berechtigungsschein fürs Studieren bekommen, wenn er nur ein bisschen schwätzen kann. Man muss sich schon ziemlich dämlich anstellen, wenn man in NRW durchs Abitur fallen will, zumindest wenn man den Lk Deutsch gebucht hat.

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